Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
12
26.286
1
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.01.2009 2.176
 
Das Schloss war ausgetauscht, als Mike an Henrys Tür klopfte.
Kurz darauf machte ihm Vicki auf, nahm ihm die Tüte aus der Hand und ließ ihn rein.
Kopfschüttelnd folgte Mike ihr.
Die Jalousien waren herunter gefahren und im Schein der Deckenbeleuchtung konnte Mike die dunklen Ringe unter ihren Augen sehen. Sie hatte wohl weder in der Nacht, noch während des Tages geschlafen – was ihre schlechte Laune erklärte.
Mike setzte sich zu ihr auf die Couch und in einvernehmlichem Schweigen fielen sie über das Essen her.
Als die letzte Packung geleert war, lehnte Vicki sich mit einem wohligen Seufzer zurück.
„Besser jetzt?“
„Viel besser. Coreen konnte mir nur etwas zum Frühstück bringen. Seitdem habe ich nichts mehr gegessen. Jetzt noch einige Stunden Schlaf und ich bin wie neu geboren.“
Mike grinste. Das war die Vorlage, die er brauchte.
„Ein wenig fasten schadet deiner Figur überhaupt nicht. AUA!“
Vicki hatte Mike in die Seite gezwickt.
„Das hattest du verdient. Im Gegensatz zu gewissen reiferen Herren habe ich seit drei Jahren kein Gramm zugenommen.“
Abwehrend hob Mike die Hände.
„Ist ja schon gut. Ich glaube dir, schließlich habe ich auch nicht zugenommen. Wann wird unsere Sleeping Beauty wach werden?“
Vicki zog ihr Handy aus der Hosentasche.
„In drei Minuten ist Sonnenuntergang. Er wird dann in etwa zehn Minuten wach sein. Was hast du geplant?“
„Außer dich abzulösen und wahrscheinlich die Nacht auf dieser Couch zu verbringen, bis du mich morgen Früh ablöst, damit ich zur Arbeit kann, gar nichts. Doch!“ Mike hielt den Ordner hoch. „Das ist wahrscheinlich das Motiv der Harpyie für den Mord an Keeper. Ich werde es nachher durchlesen. Vielleicht finde ich ja irgendetwas was darauf hinweist, unter welchem Pseudonym die Harpyie lebt, aber irgendwie bezweifele ich es. Was sind deine Pläne?“
„Duschen und schlafen. Für morgen bring ich mir einige Unterlagen zu meinem anderen Fall mit, damit ich daran weiter arbeiten kann.“
„Eine fremdgehende Ehefrau oder ein verschollener Ehemann?“
Vicki grinste.
„Nein, Coreen hat es heute geschafft, einen neuen Kunden zu gewinnen. Deswegen konnte sie auch nicht vorbeikommen. Barbossa Ltd. ist ein mittelständisches Unternehmen, das für große Firmen Elektronikbauteile entwickelt. Der bisherige Prokurist hat 200.000 vom Konto abgeräumt, hat einige Entwicklungsberichte mitgehen lassen und ist spurlos verschwunden. Wenn wir ihn finden, gibt es 20.000!“
Mike pfiff durch die Zähne.
„Wird schon nach ihm gefahndet?“
Vicki schüttelte den Kopf.
„Man will das wohl unter den Teppich kehren, damit die Kundschaft nicht verunsichert wird. Aber wenn du seinen Hintergrund checken könntest…“
Vicki stand auf, ging in die Küche und holte etwas zu trinken. Sie schenkte auch Mike ein.
„Ich würde gerne, Vicki…“ Mike sah sie gequält an.
„Crowley?“
Er nickte, doch dann hatte er eine Idee. „Kennst du noch Dick vom Raubdezernat?“
„Groß, schlaksig, mit Brille?“
„Genau. Er schuldet mir noch etwas und ich kann dich an ihn weiter vermitteln. Er ist außerhalb von Crowleys Einflussbereich und wird dir bestimmt gerne helfen.“
„Danke, Mike. Das ist genau das, was ich brauche. Besser als jede Bezahlung.“
Vicki stand auf und räumte die leeren Schachteln weg. Dabei konnte Mike sie beobachten.
Ihre Bewegungen waren konzentriert und energiegeladen. Kein Wunder, so viel Sport, wie sie machte.
Obwohl sie ihre Brille abgesetzt hatte, kannte sie sich in Henrys Wohnung so gut aus, dass sie nirgendwo anstieß.
„Ist etwas Besonderes? Habe ich gekleckert?“
Mike schüttelte den Kopf. „Nein, ich war nur in Gedanken.“
„Waren sie anständig?“ Vicki lächelte ihn spitzbübisch an. Grinsend schüttelte Mike erneut den Kopf.
„Egal, was ich jetzt sage, du wirst es gegen mich verwenden.“
„Stimmt“, ertönte eine Stimme aus dem Schlafzimmer. Mike zuckte zusammen und blickte Henry erschrocken an. Er hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war.
„Unsere ‚Sleeping Beauty’ ist schon wach.“
Henrys Blick war sehr düster. Er hatte eine sehr bedrohliche Ausstrahlung, obwohl er nur mit einer Jeans bekleidet war.
„Ich bin mit einem wahninnigen Hunger aufgewacht und habe überhaupt keine Geduld für irgendwelche Spielchen. Ich zieh mich an und gehe auf die Jagd. Egal, ob ich Begleitung habe oder nicht. Lasst mich in Ruhe, bis ich gegessen habe. Das ist für alle gesünder.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, verschwand Henry im Badezimmer.
„Ist er nach dem Aufstehen immer so unausstehlich?“ Fragend blickte Mike zu Vicki.
Sie zuckte mit den Schultern.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin in den seltensten Fällen da, wenn er aufwacht. Besser, du ziehst dir deine Jacke jetzt an, damit es keine Verzögerungen gibt, wenn er los will.“
„Ich soll ihn wirklich begleiten? Im Normalfall haben wir schon unsere Probleme, doch wenn er in dieser Stimmung ist…“ Mike verstummte.
„Du wolltest mich ablösen. Oder erinnerst du dich nicht mehr daran? Ich brauche jetzt eine Dusche und einige Stunden Schlaf, vorher bin ich nicht in der Lage, Henry zu überwachen.“
Vicki hielt Mike seine Jacke hin. Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, dann stand er auf und nahm Vicki das Kleidungsstück ab.
„Sei nett zu ihm und er ist nicht halb so unausstehlich, wie du immer glaubst.“
Mike zuckte nur mit den Achseln. Er konnte einfach nicht verstehen, wieso Vicki dem Vampir vorbehaltlos vertraute. „Das haben wir schon oft genug diskutiert, ich kann einfach nichts gegen meine Instinkte machen, die mir schon oft genug das Leben gerettet haben.“
Gleichzeitig zog er sich seine Jacke an.

Henry war egal, was Mike und Vicki von ihm dachten. Das einzige was er spürte, war der nagende, übermächtige Hunger. Die Versuchung, sich von einem der Beiden zu nähren, war groß. Vicki würde es erlauben, aber er hatte schon am Vortag so viel Blut von ihr genommen, dass es nicht in Frage kam.
Und von Mike konnte er kein Blut nehmen. Henry wusste von der Narbe und dem Trauma, das er dem Cop zugefügt hatte, zudem hatte er Mikes Angst riechen können, als er in der letzten Nacht von Vicki getrunken hatte.
So beeilte er sich mit der Dusche und nahm die Kleidung vom Vortag. Er rannte fast schon durchs Wohnzimmer, um seine Wohnung zu verlassen und jagen zu gehen.
Überrascht stellte Henry fest, dass Mike ihm folgte, zog es aber vor, nichts zu sagen.
Im Aufzug blickte er starr auf die Tür, obwohl er Mikes Herzschlag laut und deutlich hören konnte und das Blut unter seiner Haut zu leuchten schien.
Henry wusste, dass es nur der Hunger war, der Mike so verführerisch erscheinen ließ.
Es war keine gute Idee, von dem Cop zu trinken – seine Rache würde fürchterlich sein.
Henry brauchte nur an die Iluminación del sol zu denken und sein Verlangen, von Mike zu trinken, schwand.
Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür und Henry lief zu seinem BMW.
„Hey! Geht das auch ein wenig langsamer? Ich möchte wenigstens eine Chance haben, dir zu folgen.“ Mike hörte sich sehr genervt an.
Henry wurde bewusst, dass er sich wirklich schneller bewegt hatte, als es einem Menschen möglich war. Er sagte aber nichts, sondern stieg ein und startete den Motor.
Als Mike eingestiegen war, rangierte Henry zügig aus dem Parkdeck und fuhr mit quietschenden Reifen los.
Dass Mike sich hektisch anschnallte, entlockte Henry ein Lächeln.
Es war eigentlich nicht seine Art, die Straßenverkehrsordnung zu missachten, aber der Hunger machte ihn ungeduldig.
So nutzte er all seine Vampirsinne, um so schnell wie möglich zum nächstgelegenen Club zu fahren. Als er Mikes Angst roch, entspannte Henry sich ein wenig. Menschenblut schmeckte ihm nicht, wenn es mit den falschen Hormonen gewürzt wurde.
Keine zehn Minuten später parkte Henry seinen Wagen in einer kleinen Seitenstraße. Der Club war nur wenige Schritte entfernt. Er stellt den Motor ab und blickte Mike zum ersten Mal bewusst an.
Der saß vollkommen verkrampft in seinem Sitz, hatte die Augen geschlossen und seine Finger in das Polster gekrallt.
„Du kannst die Augen wieder aufmachen, wir sind da. Brauchst du einen Notarzt oder kannst du mich begleiten?“
Mike schlug die Augen auf. Henry konnte keine Angst in ihnen lesen, nur unendliche Erleichterung.
„Das war ein Höllenritt. Ich hätte nie gedacht, dass wir heil ankommen würden. Als du dem Laster die Vorfahrt genommen hast, da dachte ich, dass alles vorbei wäre. Das waren keine zehn Zentimeter.“
„Fünf“, berichtigte Henry ihn. „Du solltest nie vergessen, dass ich ganz andere Reaktionszeiten habe. Du warst keine Sekunde in Gefahr.“
„Daran habe ich auch nie gezweifelt, ich wusste nur nicht, ob der Wagen auch so schnell reagiert.“
„Ich fahre ihn lange genug, um zu wissen, was ich ihm zumuten kann. Komm.“
Ohne auf einen Kommentar zu warten, stieg Henry aus und ging zum Haupteingang des Clubs. Er war nicht seine erste Wahl, zu laut und zu dreckig, aber hier würde er nicht nur eine warme Mahlzeit bekommen. Diesen Hunger wollte er nicht in seinem normalen Jagdgebiet ausleben.
Als der Türsteher ängstlich zurück wich, wurde Henry bewusst, dass seine Maske verrutscht war und der Mann den Jäger in ihm gesehen hatte.
Henry atmete einmal konzentriert ein und aus, dann lächelte er den Mann an und betrat den Club, ohne Eintritt zahlen zu müssen.
„Hey, Mann! Das sind zehn Dollar Eintritt, du kannst nicht einfach so rein marschieren.“
Henry wirbelte herum und sah, dass Mike angehalten worden war.
„Er gehört zu mir!“ Henry zeigt seine Zähne und seine Augen verdunkelten sich.
„Is ja gut, Mann!“ Abwehrend hob der Türsteher seine Hände. Dann winkte er Mike durch.

Ohne sich weiter um seinen Aufpasser zu kümmern, betrat Henry den Club und sondierte die Lage.
Es war noch früh und es war noch nicht voll genug, dass er sich unbeobachtet unter die Menschenmenge mischen konnte. Er würde vorsichtig sein müssen, aber dafür rochen gleich mehrere Besucher verführerisch.
Henry näherte sich dem ersten potentiellen Opfer, einer jungen Frau, die an der Wand stand und auf die Tanzfläche starrte.
„Hallo!“ Henry lächelte sie an. Die Frau blickte zurück, geriet in den Bann seiner Augen und wurde zur willenlosen Puppe.
Eigentlich bevorzugte Henry kooperative, unbeeinflusste Menschen, doch der Hunger musste schnell gestillt werden. Er nahm ihre Hand, strich mit seinen Fingern zärtlich über ihren Puls und fühlte ihn stark und zuverlässig. Dann führte er ihre Hand zu seinem Mund, küsste ihre Fingerspitzen und inhalierte ihren Duft. Nichts wies auf eine Krankheit oder Drogengenuss hin. Dann erst versenkte er seine Zähne in ihr Handgelenk.
Das Blut war köstlich: frisch, rein und süß.
Henry schaffte es, von ihr abzulassen, bevor er mehr Blut nahm, als sie geben konnte, ohne Schaden zu nehmen. Seine Zunge fuhr spielerisch über die Wunde. Er schmeckte den letzten Tropfen, dann setzte die Heilung ein.
Er blickte hoch und sah sie an. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen waren geschlossen und sie atmete heftig.
„Wir haben uns nur ein wenig unterhalten, mehr ist zu deiner Enttäuschung nicht passiert.“ Henry beute sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Sie blinzelte ihn an. Dann setzte die falsche Erinnerung an, und sie sah ihn sehnsuchtsvoll an. Doch Henry schüttelte verneinend den Kopf und ging weiter.
Satt war er noch lange nicht, aber er konnte wieder klarer denken.
Er blickte sich um und machte seinen nächsten Snack aus.
Ein Mann mittleren Alters mit einer sportlichen Figur stand an der Bar und starrte trübsinnig in sein Bierglas.
Henry ging näher und lehnte sich von hinten an ihm. Dieser zuckte zusammen.
„Ganz ruhig. Ich werde dir nicht wehtun.“ Henry setzte seine Stimme ein, um ihn gefügig zu machen. Gleichzeitig glitt eine Hand unter das Hemd und berührte den warmen Körper. Er streichelte die Haut, er öffnete den Knopf der Jeanshose und stimulierte ihn, bis der Atem schneller, unkontrollierter wurde.
Erst jetzt beugte Henry sich vor, inhalierte den Duft des Mannes und biss ihn in den Nacken. Er schmeckte die Erregung des anderen, fühlte, wie es auch ihn erregte, gab diesem Drang aber nicht nach. Doch er merkte, wie sein Partner von einer heftigen Welle erfasst wurde.
Als er seine Zähne zurück zog, wusste Henry, dass der Mann sich nur an den Orgasmus und an nichts anderes erinnern würde.
Eigentlich hätte Henry nach der zweiten Mahlzeit gesättigt sein müssen. Doch so war es nicht. Sein Körper verlangte nach mehr Blut und nach Befriedigung.
Erneut beobachtete er die Menschen. Er sah Mike in unmittelbarer Nähe stehen. Sein Gesichtsausdruck war verschlossen, doch sein Geruch verriet Henry, dass er alles mit angesehen hatte.
Henry ignorierte seinen Duft und suchte weiter. Auf der Tanzfläche wurde er fündig.

Fasziniert beobachtete Mike Henrys Jagd. Wie er die Menschen innerhalb weniger Augenblicke gefügig machte und dann von ihnen trank.
Fast schon ungläubig registrierte er das Verhalten der Opfer. Genau wie Vicki schienen sie keinen Schmerz zu empfinden. Im Gegenteil, sie schienen eine sexuelle Befriedigung aus diesem Akt zu ziehen.
Als Henry sich dem dritten Opfer zuwandte, war Mike ein wenig überrascht, dass er die Frau nicht direkt auf der Tanzfläche vernaschte, sondern sich Zeit ließ, mit ihr zu tanzen und sie zärtlich zu berühren. Als die junge Frau auf den Hinterausgang deutete und Henry mehr oder weniger abschleppte, folgte Mike ihnen seufzend.
Die Show, die er zu sehen bekommen würde, würde ihn mit einer zu engen Hose zurück lassen und daran erinnern, dass er schon zu lange Single war.
Aber wollte er Henry überwachen, so musste er ihm folgen.
Review schreiben