Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
12
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02.01.2009 1.758
 
Viel Schlaf hatte Mike nicht bekommen, zu lange war er bei Henry gewesen und er hatte zusammen mit Vicki versucht, eine halbwegs plausible Story für Kate zu basteln. Anschließend war er nach Hause gefahren und ins Bett gefallen.
Doch wirklich geschlafen hatte er nicht.
Immer wieder schreckte er aus Träumen hoch, in denen Henry versuchte, ihn zu beißen. Es war nicht mehr so bedrohlich wie seine früheren Albträume - er hatte Vickis leidenschaftliche Miene gesehen, als Henry sie gebissen hatte. Es beunruhigte ihn.
Viel zu früh stand Mike auf, packte einige Sachen, um im Fall der Fälle bei Henry auf der Couch schlafen zu können und fuhr dann zur Arbeit.
Zuerst hatte er Doktor Mohadevan die Blutproben zur Analyse gegeben, hatte dann über die beiden anderen Opfer recherchiert und die Geschichte für Kate überarbeitet.
Seine Pinnwand war auch gut bestückt. Rechts hingen die Bilder der Toten, in der Mitte die Skizze von der Harpyie. Links hatte er Henrys Namen hingeschrieben, darunter ‚Gottes Segen’ der Name des Comics, der ihm so viel Ärger eingebracht hatte.
Henry hatte ihm sogar ein Exemplar mitgegeben. Natürlich hatte er süffisant lächelnd gefragt, ob Mike eine Widmung haben wollte. Er hatte dankend abgelehnt.
Unter dem Bild des toten Autors, Peter Fritzmann, hatte Mike den Titel seines neuen Buches ‚Alte Götter – tote Götter’ geschrieben.
Es waren aber noch so viele Dinge unklar.
Wie sollte er die Todesursache als Mord verkaufen? Solange Doktor Mohadevan dieses Rätsel nicht gelöst hatte, würde niemand Anklage erheben können.
Falls man eine Harpyie überhaupt verklagen konnte. Mike hasste die Vorstellung, dass er eventuell Jäger, Richter und Henker zugleich über dieses Wesen sein musste.
Aber wer war er, dass er sich anmaßte, über ein so altes Wesen zu urteilen? Es jetzt schon zu verurteilen?
Er war einfach nicht für solche Sachen ausgebildet. Er war ein Cop, kein Richter, kein Henker. Und schon gar nicht wollte er seinen Kollegen Wissen vorenthalten.
Aber es ging nicht anders.

Als Kate den Raum betrat, schreckte Mike aus seinen Gedanken hoch. Sie stellte einen Kaffeebecher auf seinen Schreibtisch und begrüßte ihn lächelnd.
„Guten Morgen. Bist du schon lange da?“
„Lange genug, um mir einige Gedanken über unseren Fall zu machen.“
Damit hatte er alles gesagt, was Kate wissen musste. Mike nahm den Kaffee und trank einen Schluck.
Das warme Getränk tat gut.
Kate nahm sich einen Stuhl, setzte sich neben Mike und betrachtete die Pinnwand.
Nach einem Moment deutete sie auf die Skizze.
„Wer ist sie?“
„Vielleicht die Mörderin.“
Als Kate ihn fragend ansah, zuckte Mike mit den Schultern.
„Für mich war es ein erfolgreicher Abend. Vicki hat einen Klienten, Henry Fitzroy, der von dieser Frau bedroht wurde.“
„Sie sieht auf dem Bild sehr zierlich, fast schon dünn aus.“
„Stimmt und laut seiner Beschreibung knapp über eins-fünfzig groß. Aber er sagt, dass sie eine beängstigende Intensität hat. Sie ist wohl eine religiöse Fanatikerin und hat gedroht, ihn für seinen blasphemischen Comic umzubringen.“
„Deswegen nimmt er Vickis Dienste in Anspruch? Sie muss ihn sehr verängstigt haben.“
Henry war nach dem Vorfall geschwächt und verunsichert, aber Angst hatte er keine.
„Verängstigt ist der falsche Ausdruck“, korrigierte Mike Kate. „Eher besorgt. Und er möchte nicht, dass es irgendwie an die Öffentlichkeit gerät, dass er bedroht wird.“
„Künstler sind seltsame Wesen.“
„Amen.“
„Wie hat sie ihn bedroht, hat er das näher beschrieben?“
Mike war froh, dass er sich eine plausible Erklärung zu Recht gelegt hatte. So konnte er ohne zu zögern antworten.
„Sinngemäß hat sie ihm gesagt, dass ihr Gott ihn zum Skelett abmagern lassen würde, egal wie viel er essen würde. Und dass er daran sterben würde, sollte er ihren Gott nicht aus vollem Herzen um Verzeihung bitten.“
„Die Beschreibung trifft auf unsere Opfer zu.“
„Eben.“ Mike nickte zustimmend. „Von ihm habe ich den Comic, von Fritzman das Buch, fehlt nur noch ein Artikel, den Keeper geschrieben hat und dann haben wir das Motiv.“
„Danke, Mike.“
Er lächelte Kate an.
„Dafür ist es zu früh, noch haben wir nicht die geringste Idee, wie die beiden Männer umgebracht worden sind. Und Fitzroy arbeitet nur begrenzt mit.“
Kate nahm den Comic von Mikes Schreibtisch und blätterte ihn durch.
„Er ist wirklich ein Künstler. Hast du die Fahndungslisten schon mit der Skizze abgeglichen?“
„Noch nicht. Etwas Arbeit musste ich doch dir übrig lassen.“
„Ja, du Held. Was hältst du von Arbeitsteilung? Du kümmerst dich um die mysteriöse Unbekannte und ich recherchiere, womit Keeper sie verärgert hat.“
„Einverstanden.“
Kate rollte zu ihrem Schreibtisch und Mike machte sich an die Arbeit. Mit einem schlechten Gewissen, weil er seiner Partnerin wichtige Informationen vorenthielt.

Am Abend war Mike mit seinen Recherchen nicht einen Schritt weiter gekommen.
Er hatte sich einen Kaffee geholt und wartete auf Kates Rückkehr, bevor er Feierabend machen konnte.
Sie war zur Redaktion der ‚People everyday’ gefahren, wo sie ins Archiv durfte und Zugriff auf alle veröffentlichten und unveröffentlichten Artikel von Michal Keeper hatte.
Mike hoffte, dass wenigstens sie erfolgreich war, ansonsten wäre es ein ziemlich vergeudeter Tag gewesen.
Als sein Handy klingelte, blickte er auf das Display, bevor er dran ging.
„Hallo, Vicki! Wie war dein Tag?“
‚Ruhig. Henry schläft wie ein Toter und ich habe mich durch seine Bücher gearbeitet.’
„Warst du wenigstens erfolgreich?’
Er konnte ihr frustriertes Stöhnen hören, laut und deutlich, als ob sie neben ihm stehen würde. ‚Nicht wirklich. Harpyien sind eigentlich unsterblich, aber es ist eine getötet worden. Das ist positiv. Nur wissen wir nicht, wie es geschah. Verdammt, das ist über 2000 Jahre her und es gibt keine vernünftigen Aufzeichnungen darüber.’ Am anderen Ende der Leitung war es still. Mike war sich sicher, dass Vicki die Brille ablegte und ihre Nasenwurzel massierte. Dann fuhr sie fort. ‚Coreen recherchiert jetzt, ob es in den letzten Jahrhunderten ähnliche Vorfälle wie hier gegeben hat, aber angesichts diverser Hungersnöte bezweifele ich, dass sie irgendetwas finden wird. Und wie läuft es bei dir?’
„Genau so mies. Ich habe mich heute auf Europa – mit besonderem Augenmerk auf Griechenland – konzentriert. Aber ich habe nichts gefunden. Kate ist auf der Suche nach dem Motiv für den Mord an unserem zweiten Opfer und Dr. Mohadevan hat mir die vorläufigen Ergebnisse der Blutanalyse für morgen Nachmittag versprochen. Ein ganz normaler Tag also.“
Das war genau das, was Mike an seiner Arbeit manchmal hasste: Das Gefühl, nicht einen Zentimeter weiter zu kommen.
‚Kommst du nachher zu Henry und bringst mir etwas zu essen mit?’
Vickis Stimme hatte diesen leidenden Unterton, den Mike zu gut kannte, um noch darauf reinzufallen. Solange sie ihm dabei nicht in die Augen sah, schaffte er es, nicht schwach zu werden.
„Und wer soll das bezahlen? Du weißt, wie schlecht ein Cop verdient. Ich kaufe gerne einige Lebensmittel ein und dann können wir kochen.“
Es war viel zu lange her, dass Mike für Vicki gekocht hatte. Dabei entstand eine romantische Stimmung, gegen die selbst ein blutsaugender Vampir wahrscheinlich nicht viel machen konnte.
Bei dem Gedanken grinste Mike. Henry würde ihn bestimmt hassen, wenn er etwas mit viel Knoblauch zubereiten würde.
‚Henry hat zwar eine Küche, aber mehr als Kaffeepulver, Zucker, Salz und einige Töpfe habe ich da bisher noch nicht gefunden.’
Damit dämpfte Vicki sehr erfolgreich Mikes hochfliegende Pläne.
„Wer bezahlt jetzt deine und Coreens Arbeitszeit?“ Mike versuchte das Thema zu wechseln. „Und was ist mit deinen anderen Aufträgen? Du brauchst doch das Geld.“
‚Henry hat bisher von mir noch nicht einen Cent für seine Unterstützung bekommen, da kann ich von ihm auch nichts verlangen, wenn er meine Hilfe braucht. Coreen recherchiert nebenbei auch noch an meinem aktuellen Fall, so dass ich nicht ganz ohne Einkommen dastehe. Außerdem war heute Morgen ein fetter Scheck in der Post. Zufrieden?’
Mike wusste nicht, ob Vickis letzter Kommentar der Wahrheit entsprach. Am Telefon konnte sie wesentlich besser lügen, als wenn sie ihm gegenüber stand.
„Du musst zufrieden sein, Vicki. Ich mache mir nur Sorgen.“
‚Du weißt, was ich davon halte, wenn du den Gluckenmodus einschaltest?’
„Gar nichts, ich weiß.“ Mike seufzte. „Wenn wir es schaffen, die Mordserie mit deiner Hilfe zu lösen, dann werde ich bei Crowley eine Provision für dich durchsetzen.“
‚Die zehn Dollar, die sie mir mit einem eiskalten Lächeln zugestehen wird, sind es nicht wert, dass du deswegen die nächsten Wochen die übelsten Fälle zugeteilt bekommst. Danke, ich achte das Angebot, aber lass es besser.’
Vicki schätzte die Situation richtig ein.
„Chinesisch oder Italienisch?“ Mikes schlechtes Gewissen ob ihrer finanziellen Situation ließ ihn das Angebot machen.
‚Italienisch nur, wenn du kochst. Fahr keinen Umweg, um beim Lieblingschinesen zu halten, sondern besorg einfach nur was Essbares. Ich habe Hunger.’
Ohne sich zu verabschieden, legte Vicki auf.
Mike starrte einen Moment ins Nichts, fragte sich, warum er diese unmögliche Frau immer noch liebte und legte anschließend das Handy auf den Schreibtisch.
Ein Räuspern ließ ihn hochblicken. Kate stand neben seinem Schreibtisch und hielt einen Ordner in der Hand. Wie lange sie schon da stand, wusste Mike nicht.
„Wie ich sehe, war wenigstens dein Tag erfolgreich.“
Kate lächelte, doch es war gezwungen.
In Gedanken ging Mike sein Gespräch mit Vicki durch. Er hatte nichts gesagt, was auf einen mysteriösen Hintergrund in der Mordserie schließen ließ. Also ging es nur darum, dass Vicki bei dem Fall überhaupt mit an Bord war. Das konnte Mike ignorieren.
Kate setzte den Ordner auf Mikes Schreibtisch ab.
„Nachdem ich mich durchs halbe Archiv gewühlt habe, wurde ich fündig. Er hat vor einem halben Jahr eine halben Roman mit dem Titel ‚Religion gestern, heute, morgen’ geschrieben. Das ist als Mehrteiler veröffentlicht worden und ich habe sowohl seine ursprüngliche, als auch die spätere veröffentlichte Version gelesen.“
„Und?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Die veröffentlichte Version ist ziemlich reißerisch aufgemacht und ein wenig feindlich gegenüber kleinen Religionsgemeinschaften geschrieben, aber da steht nichts, was ich als Rechtfertigung sehen könnte, jemanden umzubringen. Aber Fanatiker…“
„… sehen das anders“, beendete Mike ihren Satz und schüttelte den Kopf. „Den Satz habe ich schon mal gehört. Kann ich mir das zu Hause in Ruhe durchlesen?“
„Von mir aus gerne.“
Kate lehnte sich an Mikes Schreibtisch und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Was liegt jetzt an?“
„Wir machen Feierabend. Henry wurde von Vicki observiert und alles war ruhig. Aus der Pathologie kriegen wir vor morgen keine Ergebnisse und wenn ich heute noch ein einziges Mal ein Fahndungsbild mit unserer Zeichnung vergleichen muss, dann schrei ich. Ich habe mir bestimmt über tausend Bilder angesehen und bin nicht fündig geworden. Morgen knöpfen wir uns noch die russischen Fahndungslisten und einige Modelagenturen vor, aber wenn wir da nichts finden, dann sind wir damit“, Mike deutete auf das Bild der Harpyie, „in einer Sackgasse gelandet und wir müssen uns was anderes einfallen lassen.“
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