Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
12
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02.01.2009 3.157
 
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass die Leafs es dieses Jahr in die Play Offs schaffen, Vicki! Ihre Mannschaft ist so schlecht, wie noch nie zuvor.“
„Du wirst es sehen, sie werden sich so gerade eben retten. Außerdem sind beim nächsten Spiel wieder alle Stammspieler dabei. Überlege doch, wie hoch ihr Krankenstand in den letzten Monaten war. Sie werden die nächsten Spiele gewinnen und dabei sein.“
Mike hatte den Verdacht, dass Vicki diesen Standpunkt nur einnahm, um widersprechen zu können. Sonst interessierte sie sich auch nur mäßig für Eishockey.
„Träum weiter, Vicki!“
Die Maple Leafs gehörten zu den erfolgreichsten Mannschaften im nordamerikanischen Eishockey, aber in der aktuellen Saison sah es nicht gut aus.
Mike trat aus dem Fahrstuhl. Sie hatten schon während der Fahrt über die Saison diskutiert und festgestellt, dass man sich darüber herrlich streiten konnte.
„Wollen wir wetten?“ Mike spürte Vickis herausfordernden Blick.
„Der Verlierer lädt den Gewinner pikfein zum Essen ein“, schlug Mike prompt vor. Selbst wenn er verlieren würde, konnte er dadurch Zeit mit Vicki verbringen – für ihn war das immer ein Gewinn.
„Einverstanden.“
Vicki blieb vor Henrys Appartement stehen und hielt Mike die Hand hin. Er schlug nur zu gerne ein.
Ein lautes Geräusch aus der Wohnung ließ Mike aufhorchen. Es klang, als ob ein schwerer Gegenstand umgefallen war. Er horchte, doch es war alles ruhig.
Er sah fragend zu Vicki, die inzwischen das bessere Gehör hatte. Doch sie zuckte mit den Schultern und hob die Hand, um anzuklopfen.
Bevor ihre Knöchel das Holz berührten, hörte Mike ein lautes Klirren – als ob Glas splittern würde.
„Hatte Henry geplant, die Wohnung für heute Abend neu zu dekorieren?“ Mike schaffte es, dies ohne einen spöttischen Unterton zu fragen.
„Im Gegensatz zu dir hat er genug Kraft, um Möbel zu verrücken, ohne alles kaputt zu machen.“
„Es ist fast fünf Jahre her, dass mir das passiert ist. Musst du es immer wieder aufwärmen?“
„Ja, weil der Schrank auf meinen Lieblingsspiegel fiel, als er dir aus der Hand glitt.“
Ein weiteres Geräusch aus der Wohnung hielt Mike davon ab, einen bissigen Kommentar drauf zu geben. Stattdessen fuhr seine Hand zum Holster und er zückte seine Dienstwaffe – inzwischen ein fester Begleiter, wenn er Vicki besuchte. Bei ihr wusste man nie, was als nächstes passieren würde.
Vicki nickte und Mike trat die Tür ein.
Im ersten Moment wusste er nicht, wie er die Situation einschätzen sollte.
Eine hübsche, junge Frau stand mit dem Rücken zum Schreibtisch und wurde von Henry – im Vampirmodus und mit einem Schwert bewaffnet – bedroht.
Hatte sie etwas dagegen, von Henry vernascht zu werden und versuchte, sich zu wehren?
Aber wieso hatte Henry sein Schwert gezückt?
Er war wesentlich stärker als jeder Mensch und brauchte keine Waffe, um an sein Abendessen zu kommen, dafür reichte doch sonst ein Lächeln.
Unsicher schwenkte Mike seine Waffe hin und her.
„Hände hoch, Polizei!“
Henry blickte zu ihm und die Frau nützte den Moment, um an Henry vorbei zum Fenster zu laufen.
Mike traute im ersten Moment seinen Augen nicht, als sich das lange, schwarze Haar in Federn verwandelte. Als sie sich aus dem Fenster stürzte, war er sich sicher, dass sie keine Arme, sondern Flügel ausgebreitet hatte.
Mike lief zum Fenster und sah hinaus. Auf dem Boden unter ihm lag kein zerschmetterter Körper. Er hatte es auch gar nicht erwartet.
„Vicki, bleib weg von mir, fass mich nicht an, sonst kann ich mich nicht mehr beherrschen und falle über dich her!“
Mike drehte sich um und sah, dass Henry sein Schwert erhoben hatte und damit verhindern wollte, dass Vicki sich näherte. Nur hatte er ihren Dickkopf nicht einkalkuliert.
„Was ist passiert?“, wollte sie wissen.
„Ich weiß es nicht genau. Sie hat mich berührt und seitdem werde ich vor Hunger fast wahnsinnig, außerdem fühle ich mich so schwach, als hätte ich mehrere Tage nichts zu mir genommen. Dabei war ich vorhin weg.“
Henry sah Vicki so begehrlich an, dass Mike eine Gänsehaut bekam. Die dunklen Augen und die spitzen Zähne waren sein persönlicher Albtraum.
„Du brauchst Blut“, stellte Vicki fest und knöpfte den Ärmel ihrer Bluse auf. „Ich habe welches abzugeben.“
„Nein.“ Nicht eine Sekunde senkte Henry das Schwert. „Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist, ich kann nicht riskieren, dass ich beim Trinken die Kontrolle verliere und dich töte.“
Mike blieb am Fenster stehen und beobachtete die Szene. Sich jetzt einzumischen würde wahrscheinlich Henrys Selbstkontrolle zerstören und er würde über Vicki herfallen.
„Von wem willst du trinken? Du brauchst das Blut.“
„Im Keller gibt es genug Ratten.“
„Gut, ich helfe dir, sie zu fangen.“
Vicki drehte sich um, und ging zur Haustür. Henry senkte sein Schwert und folgte ihr. Doch nach zwei unsicheren Schritten brach er zusammen.
„Henry!“ Vicki wirbelte herum, kaum dass sein Körper den Boden berührte. Sie kniete sich zu ihm und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Sie schob den Ärmel ihrer Bluse hoch und hielt Henry ihr Handgelenk hin.
Abgestoßen und fasziniert zugleich sah Mike zu. Er konnte sich zu gut daran erinnern, wie Henry sich in seinen Hals verbissen und sein Blut getrunken hatte. Es war ein traumatisches Erlebnis gewesen, das hin und wieder in seinen Albträumen auftauchte.
„Vicki, nein.“
Henry wollte nicht von ihr trinken, versuchte sogar, ihre Hand weg zu schieben. Doch Vicki gab nicht auf.
„Du bist zu schwach, um dich auf den Beinen zu halten. Trink endlich, damit es dir besser geht.“
Sie hielt Henry erneut das Handgelenk hin. Dieses Mal wehrte er sie nicht ab und biss zu.
Mike konnte seinen Blick nicht abwenden. Es war nichts Ekliges an der Art, wie Henry von Vicki trank. Im Gegenteil, es war ästhetisch und erotisch. Vickis Gesichtsausdruck war hingebungsvoll, leidenschaftlich. Es hatte nichts mit dem zu tun, was Mike damals erlebt hatte.
Dann löste Henry die Zähne aus ihrem Fleisch und liebkoste mit seiner Zunge die Bissstelle.
„Es ist genug. Mehr kann ich nicht von dir nehmen, ohne deine Gesundheit zu riskieren.“
„Geht es dir jetzt besser?“
Die Vampirmaske verschwand und Henry lächelte zu Vicki hoch.
„Etwas. Ich fühle mich nicht mehr ganz so schwach. Lass mich aufstehen, dann kann ich mehr sagen.“
Henry versuchte aufzustehen. Mit Vickis Hilfe gelang es ihm auch. Als sie ihn weiter stützen wollte, wehrte er ab.
„Lass, es ist schon besser.“
Während Henry ganz langsam und vorsichtig zur Couch ging, drehte Vicki sich zu Mike.
„Willst du nicht deine Waffe wegstecken und dich zu uns setzen? Henry ist keine Gefahr. Wichtig ist, dass wir herausfinden, was passiert ist.“
Mike starrte auf seine Hände. Tatsächlich, in der Rechten hielt er noch seine Waffe. Er steckte sie weg und setzte sich zu Henry auf die Couch. So weit weg wie möglich, dass Vicki sich bequem zwischen sie setzten konnte. Als sie fürsorglich einen Arm über Henrys Schulter legte, hielt Mike es nicht mehr aus.
„Seit wann hast du Probleme mit deinem Abendessen, Fitzroy? Wollte es nicht so, wie du wolltest?“
Es tat gut, so bösartig zu sticheln.
„Ich pflege auswärtig zu speisen, wenn ich mit Vicki verabredet bin. Dabei fällt mir ein, dass ich dich nicht mit eingeladen habe.“
„Er hatte mir versprochen, sein Machogehabe zu unterdrücken, wenn er dafür mit uns Buffy schauen kann. Ich hatte die Hoffnung, dass ihr zwei euch wie Erwachsene benehmen könnt, und nicht mit euren Schwänzen denkt.“
Das war drastisch. Mike verzog das Gesicht, sah aber nicht ein, klein bei zu geben.
„Ich sagte nichts, als wir hier rein stürmten und Henry eine Frau bedroht hatte. Ich war still, als er von dir getrunken hat. Entschuldige bitte, dass ich dann wissen will, was wirklich passiert ist.“
„Das hättest du mich auch netter fragen können.“
Für diesen samtweichen Kommentar hätte Mike Henry töten können. So schwach wie der Bastard im Moment war, hätte er vielleicht sogar eine Chance.
Aber ein falsches Wort und Vicki würde zwei Wochen nicht mit ihm reden.
Mike stand auf und lief unruhig auf und ab – wohl wissend, dass er sowohl von Vicki als auch von Henry beobachtet wurde.
Er blickte den Vampir an und bemerkte, dass er wirklich extrem schlecht aussah. Als ob er aufgrund einer schweren Krankheit viel Gewicht verloren hätte. Da machte es bei Mike ‚Klick’.
„Warum wollte sie dich töten?“
„Glaubst du mir wirklich, dass ich nicht ihr Blut wollte?“ Henry sah ihn zweifelnd an
„Ja, das tue ich. Und bevor ich mein letztes Fünkchen Geduld verliere, solltest du antworten, Fitzroy.“
Henry lächelte. Es war besser als der leidende Ausdruck.
„Der Grund ist nur für sie ersichtlich. Sie wollte mich töten, weil sie glaubt, dass ich ihren Gott verunglimpft habe.“
„Hast du es?“
„Nein.“ Henry schüttelte den Kopf. „Ich mache mich über keinen Glauben lustig. Es ist nur so, dass ich ein anderes Verständnis für gelebten Glauben habe, als die Menschen heute. Und darüber habe ich etwas ziemlich bissiges gezeichnet. Dass ich dabei Gott und die Götter überzogen dargestellt habe, gehört dazu. Aber Fanatiker sehen das leider anders.“
Mike steckte die Hände in seine Hosentasche. Er war ungeduldig und es störte ihn, dass Henry zu ausführlich antwortete.
„Hat sie dir gesagt, um welchen Gott es ging?“
„Ja, um Zeus.“ Als Henry zu weiteren Erläuterungen ansetzen wollte, hob Mike abwehrend die Hände.
„Das reicht, mehr wollte ich gar nicht wissen.“
Er zückte sein Handy und wählte die Nummer von Vickis Büro. Natürlich sprang der Anrufbeantworter an. Es dauerte ewig, bis der Piepton ertönte.
„Coreen, ich bin’s, Mike. Da du dich nicht gemeldet hast, hast du wohl noch nichts gefunden. Ich habe da etwas, dass deine Suche einschränken könnte. Die Todesfälle haben wahrscheinlich etwas mit einem rachsüchtigen Gott namens Zeus zu tun. Keine Ahnung, aus welchem Götterhimmel er stammt. Und das Wesen, das für ihn mordet, ist eine Frau, die sich in einen Vogel verwandeln kann. Melde dich, wenn du was gefunden hast.“

„Wer soll sich in einen Vogel verwandelt haben?“ Vickis Stimme war zweifelnd. Mike wollte eine ungeduldige Antwort geben, als ihm einfiel, dass es für Vickis schlechte Augen zu dunkel gewesen war, um mehr als einen laufenden Schatten zu erkennen.
„Als unsere mysteriöse Unbekannte zum Fenster hinaussprang, verwandelte sie sich. Was meinst du, warum ich nicht runter gerannt bin, um die Leiche zu sichern? Dort liegt niemand und kein unschuldiger Bürger muss vor einem unappetitlichen Anblick geschützt werden.“
„Vielleicht aus Sorge um Henry, oder um nicht schon wieder in einen seltsamen Fall hinein gezogen zu werden?“
„Ich stecke schon viel tiefer drin, als mir lieb ist.“
Mike steckte sein Telefon weg. Er hatte keine andere Wahl, als den Fall zu übernehmen. Egal, was für Probleme er mit Kate bekommen würde.
Vicki war mit ihren Überlegungen schon viel weiter.
„Du glaubst also, dass diese Frau auch die beiden anderen ermordet hat?“
Mike nickte.
„Welche anderen?“, wollte Henry wissen. Kurz und bündig klärte Mike ihn über Kates Fall auf.

„Bei dir ist sie gescheitert, weil sie nicht damit gerechnet hat, dass der Comiczeichner Henry Fitzroy gleichzeitig auch ein Vampir ist.“ Damit hatte Mike alles gesagt.
„Ich bevorzuge es, Künstler genannt zu werden.“
Dieses Mal ließ Mike sich nicht auf ein Wortgefecht ein. Er war abgelenkt. Er beobachtete Vicki, die durch den Raum wanderte und sich alles ganz genau ansah: den umgekippten Fernseher und den beschädigten Vitrinenschrank. Jetzt stand sie vor dem Schreibtisch. Dort hockte sie sich hin.
„Ist das ihr Blut?“
Mike ging zu ihr. Tatsächlich, dort war eine kleine rote Pfütze.
„Henry, kannst du dazu was sagen?“
„Als sie mich am Knöchel berührt hat, habe ich in ihre Hand gestochen, um sie los zu werden. Der Geruch nach ihrem Blut hat mich fast wahnsinnig gemacht. Beinahe hätte ich versucht von ihr zu trinken und dann wäre ich in ihre Falle getappt.“
Unwillkürlich blickte Mike auf das Fußgelenk, die schwarze Jeans bedeckte es nicht ganz und Henry trug weder Schuhe noch Socken.
Vielleicht wurde Körperkontakt benötigt, um die Opfer verhungern zu lassen?
„Passiert nicht alle Tage, dass aus dem Jäger ein Gejagter wird.“
Henry zog eine Grimasse, sagte aber nichts, was Mike als Punkt für sich wertete.
Vicki sah sie nur kopfschüttelnd an, dann widmete sie sich ihrer Arbeit.
Aus ihrer Handtasche holte sie einen Kunststoffbeutel und einen Schaber, schnell und sauber beförderte sie einen großen Teil des Blutes in den Beutel, dann verschloss sie ihn und drückte ihn Mike in die Finger.
„Kann Dr. Mohadevan das auf irgendwelche exotischen Bestandteile untersuchen?“
„Sie wird sich mit Begeisterung darauf stürzen. Wenn einer anhand einer Blutprobe herausfindet, wie dieses Wesen es schafft, Menschen innerhalb kürzester Zeit verhungern zu lassen, dann sie.“ Mike drehte sich zu Henry „Kannst du ein Portrait von der Frau zeichnen? Dann kann ich morgen überprüfen, ob sie auf einer Fahndungsliste steht. Gibt es sonst noch irgendwelche Auffälligkeiten? Eine Narbe, Sprachfehler, irgendetwas?“
„Eine Zeichnung ist kein Problem. Ich bin ein Künstler, kein Strichmännchenmaler, wie du immer behauptest. Ihr Gesicht hat sich in meine Erinnerungen eingebrannt, das werde ich so leicht nicht vergessen. Narben hatte sie keine, nur eine ziemlich üble Verletzung an der linken Hand. Und so, wie sie die Bücher mit unverwundeten Hand nach mir geworfen hat, ist sie Linkshänderin.“ Henry zuckte mit den Schultern. „Ihre Aussprache war klar. Zu klar für einen Muttersprachler. Aber zu geschliffen, um sie einer bestimmten Region zuzuordnen.“
Mike nickte, das war mehr, als er gehofft hatte.
Dann klingelte sein Telefon, er holte es aus der Hosentasche, blickte aufs Display und nahm den Ruf an. „Coreen, das ging ja schnell.“
‚Bei deinen Informationen war die Suche fast zu einfach.’ Ihre Begeisterung war unüberhörbar. ‚Zeus ist in der griechischen Mythologie der Göttervater, also der Herrscher über alle anderen Götter. Harpyien werden ursprünglich als schöne Frauen mit langem, schwarzem Haar und Vogelflügel beschrieben, später jedoch nur als hässliche Dämonen. Sie sollen schnell wie der Wind und unverwundbar sein. Trotzdem wurde eine der Harpyien, Podarg, von Herakles getötet. Eine der bekanntesten Sagen erzählt, dass die Harpyien den blinden König Phineus töten sollten, indem sie ihm das Essen aus dem Mund raubten. Erstaunlicherweise ließen sie ihm immer genug übrig, dass er nicht verhungerte. Daraufhin wurden die Harpyien vertrieben und Podarg wurde dabei von einem Pfeil getötet. Mehr habe ich leider nicht. Ich könnte dir zwar noch sagen, wie die Harpyien mit den restlichen Göttern verwandt sind, aber das hilft uns hier nicht weiter. Ich werde aber morgen in die Bibliothek gehen und weiter recherchieren. War die Frau wirklich so schön, wie sie beschrieben wird?’
Coreen sprach so schnell, dass Mike gar keine Zeit hatte ihr zu folgen und als sie fertig war, brauchte er einen Moment, um seine Gedanken zu sammeln. „Sie war schön, aber auch viel zu dünn.“
‚Dann bin ich ja beruhigt. Schönen Abend noch.’ Dann hatte sie aufgelegt.
Kopfschüttelnd steckte Mike das Telefon weg.
„Und?“, drängelte Vicki.
„Coreen meint, dass es eine Harpyie aus der griechischen Mythologie sein könnte und wird morgen weiter recherchieren.“
Henry stand auf und ging zu seinem Bücherregal. Ohne zu zögern zog er ein Buch heraus und reichte es Vicki.
„Hier, das könnte bei der Recherche helfen.“
Er ging weiter zum Schreibtisch, nahm ein Blatt und fing an zu zeichnen.
Mike stellte sich hinter ihn und schaute ihm zu. Innerhalb kürzester Zeit entstand das Portrait einer Frau. Um schön zu sein, war sie viel zu dünn. Aber es war ein Gesicht, das man nicht vergaß. Sie hatte eine gewaltige Ausstrahlung.
„Sie sieht aus wie eins dieses Topmodels.“
„Hmmm“, stimmte Henry zu, während er mit einigen Schraffierungen das Bild vervollkommnete. „Das könnte sein. Ich scanne die Skizze ein und frag in meinem Bekanntenkreis, ob sie jemand kennt.“
„Hast du außer Werwölfen auch noch andere Bekannte?“
„Du wirst es nicht glauben, aber als erfolgreicher Künstler, bin ich in der Gesellschaft nicht vollkommen unbekannt. Und im Gegensatz zu einem unterbezahlten Cop kann ich mir sogar anständige Kleidung leisten, damit ich nicht auffalle, wenn man mich einlädt.“
„Henry! Mike! Hört endlich auf! Ihr wollt beide, dass wir die Harpyie zur Strecke bringen, also benehmt euch.“
Mike sah Vicki an. Sie hatte sich vor dem Schreibtisch aufgebaut, die Arme vor der Brust verkreuzt und sah ihn vorwurfsvoll an. Früher wäre er zu ihr gegangen und hätte sie geküsst, so aber zuckte er nur mit den Schultern. Fall hin oder her, er hatte nicht vor, vor diesem königlichen Bastard auch nur einen Zentimeter nachzugeben.
Vicki schüttelte den Kopf, zog ihre Brille ab und rieb sich die Augen. Dann blickte sie hoch. „Ich hatte einen anstrengenden Tag, einen Klienten, der wie ein Kleinkind schmollte. Warum könnt ihr nicht einmal versuchen, friedlich zusammen zu arbeiten?“
„Weil er immer anfängt“, verteidigte sich Mike.
„Ich reagiere nur auf seine Sticheleien“, rechtfertigte sich Henry.
„Bitte, wie ihr wollt.“ Vicki setzte die Brille wieder auf, ging zur Couch und setzte sich hin. „Henry, weiß diese Harpyie, was du bist?“
„Noch nicht, aber mit etwas Recherche wird sie es herausfinden.“
„Das habe ich befürchtet. Wenn sie wirklich fanatisch ist, wird sie an dir dran bleiben und immer wieder versuchen, dich umzubringen. Solang, bis sie es geschafft hat. Wenn sie intelligent ist, wird sie es bei Tageslicht versuchen. Dann bist du hilflos.“
Mike konnte bei Vickis Überlegungen nur zustimmend nicken.
„Meine Wohnung ist sicher, Vicki.“
„Und wieso stand sie eben vor dir?“
„Weil ich das Fenster offen gelassen hatte. Tagsüber wird es zu sein.“
„Das reicht nicht, Henry. Wir wissen zwar jetzt, dass sie eine Harpyie ist, aber bisher kann keiner von uns sagen, was für Kräfte sie wirklich hat. Wir gehen es folgendermaßen an: Mike, du ermittelst morgen, ob du anhand von Henrys Zeichnung etwas über sie herausfinden kannst. Henry, du wirst ab sofort keinen Schritt mehr alleine machen. Zusammen mit Coreen werde ich deinen Schlaf bewachen.“
„Und was machst du, wenn die Harpyie auftaucht?“ Mike mochte es nicht, wenn Vicki den gefährlichsten Part übernahm.
“Sie mit dem Schwert auf Abstand halten. Da es tagsüber ist, werden meine Augen kein Problem sein.“
„Wie weit ist deine Sicht inzwischen eingeschränkt? Der Tunnelblick macht einen Kampf nicht leichter. Du kannst sie nicht sehen, wenn sie dich von der Seite angreift.“
„Ich kann sie hören und mit all meinen anderen Sinnen besser orten, als du es dir vorstellen kannst. Dass muss reichen. Oder hast du eine andere, bessere Idee?“
„Leider nicht“, musste Mike bedauernd zugeben.
„Ihr bestimmt über mein Leben, meint ihr nicht, dass das meine Entscheidung sein sollte?“
Belustigt sah Mike zu Vicki, bevor er antwortete. „Nein, da du gleichzeitig auch unser Lockvogel für die Harpyie bist, hast du nicht zu entscheiden, eure Hochwohlgeborenheit. Erst wenn wir sie außer Gefecht gesetzt haben, kannst du wieder machen, was du willst. Glaube mir, Vicki und ich haben viel Erfahrung, unsere Zeugen zu schützen.“
Seufzend warf Henry den Stift zur Seite und rollte mit dem Stuhl zurück. „Erwarte aber nicht, dass ich dich um Erlaubnis frage, wenn ich hungrig bin und etwas essen muss.“
Mike schluckte. Warum musste der Bastard auch noch zu ihm hochschauen und so süffisant grinsen? Er schien ganz genau zu wissen, was Mike gefühlt hatte, als er von Vicki getrunken hatte. Aber so einfach sollte Henry keinen Punkt für sich verbuchen.
„Solange du zulässt, dass einer von uns dich beobachten kann, ist das kein Problem.“
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