Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
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02.01.2009 1.387
 
Henry verbrachte viel Zeit damit, den Protagonisten seines neuen Buches zu entwerfen. Er hatte genaue Vorstellungen, wie er aussehen sollte. Groß, schwarze Haare, blaue Augen, ein umwerfendes Lächeln – um ehrlich zu sein, die Ähnlichkeit mit Mike Celluci war verblüffend. Nur die Haarfarbe hatte er verändert. Ein blonder Grieche wäre auch zu ungewöhnlich gewesen.
Bei der Skizze, die Henry vor sich liegen hatte, waren Gesicht und Statur gut gelungen, nur die Kleidung ließ zu wünschen übrig. Der Faltenwurf war eine Katastrophe.
Frustriert knüllte er das Papier zusammen und warf es in den Papierkorb. Über ein Dutzend Skizzen und bei allen war er mit der Kleidung unzufrieden.
Warum hatte er sich auf eine Geschichte eingelassen, die im antiken Griechenland spielen sollte?
Nur weil seine Göttersatire, die er für eine Convention gezeichnet hatte, bei den Fans so gut angekommen war, wollte sein Verleger ein ähnliches Ambiente haben.
Es sollten phantastische Abenteuer im antiken Griechenland sein – aber bitte ohne Homoerotik – mit einem starken, edlen Helden und schönen Frauen.
Seufzend warf Henry den Stift auf seinen Schreibtisch. Er konnte Fantasiegestalten und historische Kleidung der letzten 450 Jahre zeichnen, weil er die Kostümkunde miterlebt hatte und wusste, in welchen Falten die Kleider bei bestimmten Bewegungen fielen. Doch die antike griechische Mode war etwas ganz anderes. Gleichzeitig war es eine zeichnerische Herausforderung, der er schlecht widerstehen konnte. Henry nahm ein Buch vom Tisch und blätterte es durch. Es handelte von griechischen Statuen und Wandmalereien.
Versonnen betrachtete er die Figuren. Es waren perfekt geformte Männerkörper. Die meisten hatten verführerische Lippen und eine zarte Haut, unter der Henry das Blut fast schon hören konnte. Es war die verkörperte Versuchung im kalten Marmor.
Henry grinste, als er sich Vickis Kommentare zu diesen Bildern vorstellte. Besonders wenn sie von seinen Phantasien dazu erfuhr. Nett würde ihre Antwort bestimmt nicht sein. Genauso wenig wie sie bei der Auswahl des Films Rücksicht nehmen würde. Im Gegenteil, Vicki würde garantiert einen Vampirfilm auswählen, in dem es nur einen einzigen Bösewicht gab: den Vampir. Aber solange er neben ihr sitzen, ihren Duft inhalieren und ihr Herz schlagen hören konnte, würde er sich selbst schlechte Pornofilme ansehen. Es gab nichts Unästhetischeres und Henry war froh, dass Vicki noch nicht herausgefunden hatte, dass er Pornos einfach nur schrecklich fand.
Nur noch wenige Minuten, dann würde sie vor seiner Tür stehen.
„Henry Fitzroy?“
Überrascht blickte Henry auf. Vor ihm stand eine junge Frau. Sie hatte lange schwarze Haare und war zu dünn, als dass man sich von ihr hätte nähren können, ohne ihr Leben zu gefährden.
Woher kam sie? Und wieso hatte er ihren Herzschlag erst vernommen, als sie vor ihm stand? Die Straßengeräusche, die durch ein offenes Fenster hereinkamen konnten es nicht sein. Das hatte ihn noch nie abgelenkt. So zart, wie sie war, bezweifelte Henry, dass sie das Fenster genommen hatte, um sich Zutritt zu verschaffen, aber er war sich dessen nicht sicher.
Er rollte mit seinem Stuhl ein Stück zur Seite, damit er im Fall der Fälle schneller sein Schwert erreichen konnte.
„Vielleicht“, ging er auf ihre Frage ein und schenkte ihr sein verführerischstes Lächeln. „Es kommt darauf an, was Sie von Henry möchten.“
Gleichzeitig stand Henry auf und reckte sich – wohl wissend, dass diese Bewegung seine Muskeln gut zur Geltung brachten. Zudem konnte er so besser auf Angriffe jeglicher Art reagieren.
Die Frau und ihr unerklärliches Auftauchen hatten seinen Argwohn geweckt.
„Sie können sich ihre verführerischen Bewegungen sparen, Mr. Fitzroy. Ich bin kein Groupie, das ihr Autogramm und vielleicht mehr will“, stellte die Unbekannte fest.
„Was möchten Sie dann?“
„Ihren Tod!“
„Warum? Was habe ich getan?“ Henry blieb ruhig und lächelte sie an. Falls sie eine Vampirjägerin sein sollte und versuchte, ihn mit silbernen Kreuzen, Weihwasser und ähnlichen Hilfsmitteln zu bannen, würde sie eine herbe Enttäuschung erleben.
Sollte sie einen Pflock zücken, würde sie schnell herausfinden, wer der bessere Kämpfer war.
„Du hast meinen Gott beleidigt und verunglimpft. Dafür wirst du büßen.“
„Ich habe was…?“ Henry runzelte die Stirn. Sie spielte wahrscheinlich auf die Satire an. Aber dort hatte er nur den heutigen Glauben im Allgemeinen und überhaupt karikiert. Die Beleidigung eines Gottes hatte er in diesem Heft nicht gesehen. Schließlich hatte er auch seinen eigenen Gott gezeichnet.
Er hatte schon oft feststellen müssen, dass Fanatiker das anders sahen.
„Zeus fordert Rache für deine Tat.“
„Meinen Sie nicht, dass Sie ein wenig übertreiben? Zeus wird seit 2000 Jahren nicht mehr angebetet.“
„Ich bete ihn an“, wurde Henry von einer eisigen Stimme korrigiert. „Solange es mich gibt, wird es auch Zeus geben. Wenn er entscheidet, dass er beleidigt und verunglimpft wurde, steht es mir nicht zu, sein Urteil in Frage zu stellen.“
„Geh! Verlass auf der Stelle meine Wohnung.“ Henry setzte seine Vampirstimme ein, doch die Frau reagierte nicht. Sie schien immun gegen seine Kraft zu sein. Sie schüttelte den Kopf und ihre Haare verhüllten einen Augenblick ihr Gesicht. Es lenkte sie nicht ab. Im Gegenteil, Diesen Moment nutzte sie zum Angriff.
Henry hatte es erwartet. Er glitt zur Seite und griff nach seinem Schwert.
Doch sie war schnell. Viel schneller als jeder normale Mensch. Statt gegen den Schreibtisch zu stoßen, hechtete sie über ihn hinweg, hinter Henry her. Es gelang ihr, sein Fußgelenk zu umfassen, als er gerade das Schwert aus der Halterung zog.
Urplötzlich verspürte Henry einen rasenden Hunger und sein Gesicht verwandelte sich.
Er fühlte, wie er schwächer wurde, wie sie ihm durch die Berührung alle Energie entzog.
Henry mobilisierte seine Reserven, um auf ihre Hand einzustechen. Er traf, hörte ihren wimmernden Schmerzensschrei und fühlte, wie sich ihr Griff lockerte. Henry riss sich los und hechtete über die Couch, um von ihr weg zu kommen. Dabei schätzte er seine Kraft falsch ein und prallte gegen den Fernseher, der mit lautem Getöse zu Boden ging. Beinahe hätte Henry auch sein Gleichgewicht verloren, aber er schaffte es, stehen zu bleiben. Als er sich wieder sicher auf seinen Beinen fühlte, nahm er eine Verteidigungshaltung ein.
Noch einmal sollte es der Frau nicht gelingen, ihn anzugreifen.
Der Hunger machte Henry fast rasend. Besonders da ihre Hand immer noch blutete und der Geruch in seine Nase stieg. Doch er schaffte es, sich zu kontrollieren und sie nicht anzugreifen - eine weitere Berührung von ihr, würde sein Untergang sein.
„Wer bist du?“ Ohne mehr über sie zu erfahren, würde er sie nicht besiegen können.
„Dein Tod. Und was bist du, dass du es geschafft hast, meine Berührung zu überleben?“
Sie schien darüber sehr verwundert. Henry fragte sich, wie viele Menschen sie schon so umgebracht hatte, dass sie so selbstsicher gewesen war. Gleichzeitig kam sie näher
„Ich bin bereits tot. Du kommst zu spät, um mich zu töten. Komm her, greif mich an, dann werden wir herausfinden, wer wessen Tod ist.“
Ihre Vorwärtsbewegung wurde langsamer, unsicherer.
Henry lächelte sie an, zeigte seine Vampirzähne und täuschte mehr Kraft vor, als er eigentlich noch hatte.
Er sprang auf die Couch und ging von der Verteidigungshaltung in eine Angriffsstellung über. Sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken zu seinem Arbeitstisch stand.
Ihre tastende Hand fand ein Buch, das sie nach Henry warf. Er brauchte noch nicht einmal auszuweichen, denn sie hatte so schlecht gezielt, dass es nur die Vitrine traf. Laut klirrend brach das Glas.
„Du hast gerade mein Eigentum beschädigt“, stellte Henry lakonisch fest. Dann verwendete er seine Vampirstimme.
„Hör auf und geh. Du hast keinen Grund, mich anzugreifen.“
„Du hast Zeus verunglimpft und er fordert Rache.“
Wieder reagierte sie nicht auf Henrys Versuch, sie zu beeinflussen, die Stimme hatte definitiv keine Wirkung auf sie.
Henry sprang von der Couch, die Frau griff hinter sich und nahm einen Ordner, um ihn nach ihm zu werfen. Dabei stieß sie die Schreibtischlampe um.
Auch der Ordner traf sein Ziel nicht und landete auf dem Boden, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten.
Sie roch verführerisch nach frischem, lebendigem Blut und ihr Herzschlag war angesichts ihrer fast schon ausweglosen Situation erstaunlich ruhig, doch Henry hatte Fanatiker noch nie verstanden.
Als er merkte, dass er sein Schwert gesenkt hatte und sich ihr näherte, war es beinahe zu spät. Fast war er in ihre Reichweite geraten. Sie hatte schon ihre unverletzte Hand ausgestreckt und ihre Finger waren nur Millimeter von seiner Wange entfernt, als Henry ein Stück zurück glitt und sein Schwert hob.
Nur ein Schlag und dieses Wesen war Geschichte.
Doch bevor er zuschlagen konnte, gab es einen Knall und seine Wohnungstür sprang auf.
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