Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
12
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02.01.2009 1.858
 
Zwei Stunden später stand Mike vor der Tür von Vickis Büro.
Er war erst noch nach Hause gefahren, hatte geduscht und sich rasiert, bevor er bei Vickis Lieblingschinesen vorbeifuhr und das Essen abgeholt hatte.
Mike klopfte an und auf Coreens „Herein“ betrat er das Büro.
Coreen sah nicht ganz so ungewöhnlich aus wie sonst. Ihre Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten und sie trug eine schwarze Bluse. Selbst ihre Schminke war in einem akzeptablen Rahmen. Überrascht zog Mike eine Augenbraue hoch.
Coreen zuckte mit den Schultern. „Vicki bekam heute wichtigen Kundenbesuch und hatte mich darum gebeten, also sag nichts.“
Ihr mörderischer Blick in Kombination mit den Zöpfen war wirklich niedlich. Mike schaffte  es kaum, nicht zu grinsen.
„Meine Lippen sind versiegelt. Gibt es einen neuen mysteriösen Fall?“
Unauffällig versuchte Mike, von Coreen zu erfahren, wie Vickis Stimmung war. Das hing immer von ihren Fällen ab.
„Nein, leider nicht. In Toronto scheint die Eifersucht zu grassieren. Das war diesen Monat schon der dritte Ehemann, der seine Frau über einen langen Zeitraum überwachen ließ. Sehr finanzstark und genau so konservativ.“ Coreen sah an sich hinab. „Er hat diese Sachen als ‚ungewöhnliche Arbeitskleidung’ bezeichnet. Lass uns über etwas Erfreulicheres reden. Du bist auf der Suche nach einem Massenmörder?“
„Heute habe ich nur einen einfachen Mord geklärt. Stell dir vor, die Tat wurde aus Eifersucht begangen. Keine Dämonen, keine Monster, kein Incubus.“
„Gratuliere, dann willst du bestimmt mit Vicki feiern. Sie wird sich über ein wenig Abwechslung freuen. Sie ist mit ihren Fällen unterfordert. Dafür muss ich die ganze Recherche am Computer machen.“
Sie langweilt sich und ist schlecht gelaunt, übersetzte Mike.
Als Coreen ihre Aufmerksamkeit dem Computer zuwandte, ging Mike weiter und klopfte bei Vicki an. Er betrat den Raum, ohne auf ein ‚Herein’ zu warten.
Sie blickte hoch und ihr anfänglich genervter Gesichtsausdruck wurde zu einem strahlenden Lächeln, als sie ihn erkannte.
„Mike, du bist meine Rettung.“
Vicki stand auf, kam zu ihm und begrüßte ihn mit einer Umarmung.
Immer wenn Mike ihr Parfüm roch, hatte er das Gefühl, nach Hause zu kommen. Er wunderte sich aber nicht, dass Vicki sich mehr für den Inhalt der Tüte interessierte, als für den Körperkontakt. Nur nach dem Sex war sie eine Frau zum Kuscheln. Sonst hatte sie den Charme eines Igels.
Als Vicki ihm die Tüte aus der Hand nahm, schüttelte Mike nur den Kopf, folgte ihr aber zur Couch.
„Darf ich fragen, wovor ich dich gerade rette?“
„Vorm Verhungern und der unendlichen Langeweile. Der letzte Auftrag war nicht nur langweilig, das grenzte fast schon an seelische Grausamkeit.“
Mike zog sein Jackett aus – in der Innentasche steckte die noch sehr dünne Akte – dann ließ er sich neben Vicki auf die Couch fallen.
„Was denn?“
„Stell dir vor, der Typ glaubt, dass seine Frau ihn mit ihrem Fitnesstrainer betrügt und verlangte, dass ich sie im Fitnessstudio überwachen sollte. Ich dachte, dass das kein Problem ist und ging in das Studio, um mich für ein Probetraining anzumelden.“
Währenddessen packte Vicki die Tüte aus und stellte die Schachteln mit den verschiedenen Gerichten auf den Tisch.
„Wo ist das Problem? Du bist doch sportlich.“
Vicki nahm sich eine Schachtel, öffnete sie, inhalierte den Duft und grinste zufrieden. Dann nahm sie sich ihre Stäbchen, und langte zu. Genüsslich verzehrte sie den ersten Bissen, bevor sie weiterredete.
„Das ist ein Sportstudio nur für Frauen und der Mann unterrichtet Yoga.“
„Oh.“
Auch Mike öffnete eine Schachtel, inhalierte den Duft und blickte hinein. Es war Huhn.
„Du sagst es. Ich habe nicht nur häufiger trainiert und die seltsamsten Verrenkungen machen müssen, nein, ich war anschließend auch noch in der Damenumkleide und musste mir anhören, was die Frauen sich zu erzählen hatten. Wie kann man nur so einfältig sein!“
Mike grinste. Das war seine Vicki.
„Hat es denn was gebracht?“
„Ja, ich habe nach einigen Tagen von dem Trainer geschwärmt und man hat mir mitgeteilt, dass ich mir keine Hoffnungen machen sollte. Er ist schwul und in festen Händen. Ich habe noch ein wenig recherchiert und konnte den Tratsch nur bestätigen. Mein Mandant war gar nicht glücklich, er sucht wohl einen Grund, seine Frau loszuwerden.“
„Aber er hat gezahlt?“
„Seine Anzahlung, die Abschlussrechnung habe ich ihm heute überreicht und ihm nicht gerade wenig Schmerzensgeld in Rechnung gestellt. Was ist mit dir? Arbeitest du an einem Fall?“
„Nicht wirklich. Vielleicht doch. Ich habe jedenfalls heute endlich mal wieder einen Fall lösen können.“
„Gratuliere. Du bist einer der besten Detektive, die das Morddezernat hat.“
„Jetzt da du nicht mehr da bist, bin ich der beste – wenn ich nur nicht so vertrackte Fälle hätte, die als ungelöst zu den Akten gelegt werden müssen. Meine Statistik ist echt mies geworden. Und jetzt kommt auch noch Kate an…“
„Was will sie?“
Vicki senkte ihre Stäbchen und sah Mike an. Er wusste, dass er ihre Neugierde geweckt hatte.
„Kate hat mich gefragt, ob ich nicht für ihren aktuellen Fall als ihr Partner einspringen möchte.“
„Du hast zugesagt?“
Mike zwang sich dazu, sich auf sein Essen zu konzentrieren und Vicki nicht anzusehen. Er konnte sich die kleine Falte auf der Stirn zu gut vorstellen, dass er sie nicht auch noch in Realität zu sehen brauchte. Vicki war auf Kate eifersüchtig, würde es aber nie zugeben.
„Noch nicht. Wie schon gesagt, ist meine Statistik hundsmiserabel und mit dem Fall würde sie wohl noch schlechter werden. Andererseits meint Kate, dass ich der einzige sei, um diese Mordserie zu beenden, selbst wenn wir niemals einen Täter ermitteln können. Das ist für sie alles, was zählt. Und wenn ich nicht zusage, wird Crowley mich wahrscheinlich dazu zwingen.“
„Hat Kate Recht?“
Mike sah hoch. Vicki zog ihre Brille ab und sah ihn fragend an.
Er lächelte und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Wir sind uns noch nicht einmal sicher, ob es wirklich Morde sind.“
„Warum?“
Während Mike seine erste Portion noch nicht auf hatte, schob Vicki ihre Schachtel zur Seite und nahm sich die nächste.
„Hast du schon einmal Mordopfer gesehen, die innerhalb von 48 Stunden zig Kilo Gewicht verlieren und deren offizielle Todesursache ‚Verhungern’ ist, obwohl Magen und Darm gefüllt waren?“
Vicki verzog angesichts dieser Schilderung nicht eine Miene und aß unbekümmert weiter.
„Sehr exotisch“, stellte sie fest. „Und du bist jetzt bei mir, damit ich nachprüfe, ob es ein Wesen gibt, das so mordet? Mmhh, die Krabben sind gut. Auch welche?“
Vicki hielt ihm die Packung hin.
„Sicher doch.“
Mike angelte sich mit seinen Stäbchen eine Krabbe und probierte.
„Es hat sich wirklich gelohnt, einen Umweg zu fahren. Das ist immer noch der beste Chinese von Toronto.“
„Wie komme ich zu der Ehre, dass du solche Strecken fährst? Willst du mich bestechen, damit ich mir die Akte anschaue?“
„Ich hatte die Idee mit dem Essen, bevor mich Kate ansprach. Ursprünglich hatte ich vor, mit dir zusammen zu essen und dich ins Kino einzuladen. Es gibt einen aufgeklärten Fall zu feiern. Bestechung war nicht geplant.“
„Mike Celluci, der mich einlädt? Du bist doch sonst so sparsam und lässt alles auf meine Spesenabrechnung laufen. Ich fühle mich wirklich geehrt. Im Moment kann ich jeden Cent brauchen.“
„Wer hat da gerade von einem fetten Auftrag geredet?“
„Stimmt, aber der Auftraggeber muss erst noch zahlen. Und bei zwei weiteren Klienten warte ich auch noch aufs Geld. Bei einem ist die Frau dahinter gekommen, dass er sie hat beschatten lassen und jetzt lebt er in Scheidung. Und der andere ist spurlos verschwunden, ohne meine Rechnung zu zahlen.“
„Hattest du nicht eben etwas von Anzahlungen erwähnt?“
Nachdenklich sah Mike zu seiner Expartnerin. Die setzte ihre Brille wieder auf und seufzte.
„Einen Teil schon. Ich wäre blöd, wenn ich das nicht machen würde. Trotzdem betragen meine aktuellen Außenstände mehr, als ich mir leisten kann.“
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein finanzielles Problem hast, Vicki?“ Mike sah sie vorwurfsvoll an. „Ich helfe dir doch gerne.“
„Mike, ich leih mir kein Geld von meiner Mutter und schon gar nicht von meinen Freunden. Das funktioniert nicht.“ Vicki zögerte, angelte sich aufwendig eine Krabbe aus ihrer Packung und aß sie. „Ich hatte ein Gespräch mit meinem Steuerberater. Er hat mir empfohlen auch Geld zu verlangen, wenn ich für die Polizei oder für Freunde arbeite. Besonders wenn ich finanzstarke Auftraggeber habe. Egal wie langweilig das auch sein mag.“
„Du hast im Moment viele Aufträge?“
Vicki nickte unglücklich.
„Todlangweilige Aufträge, um es treffender auszudrücken. Bitte sei mir nicht böse, Mike, aber ich muss Miete zahlen, Coreen will ihr Geld pünktlich haben und bei der Bank muss ich auch noch einen Kredit abstottern. Ich kann dir einen Freundschaftspreis machen, aber mehr geht nicht.“
Mike nickte. Er konnte Vicki verstehen. Wie oft hatte sie schon für ihn ermittelt, ohne einen Cent zu bekommen. Sie war seine Hauptinformantin geworden. Dabei war sie keine Polizisten mehr, die pünktlich einmal im Monat ihr Geld bekam.
„Selbst mit einem Freundschaftsrabatt kann ich mir deine Dienste nicht wirklich leisten. Aber was würde es mich kosten, wenn Coreen in der Sache recherchiert, während wir ins Kino gehen? Sie kennt doch alle gängigen Dämonen und Ungeheuer.“
Vicki zuckte mit den Schultern.
„Das kann ich dir nicht sagen, denn sie hat in einer halben Stunde Feierabend. Da sie es liebt, mystische Sachen zu recherchieren, wirst du wahrscheinlich mit einer Einladung zum Essen davon kommen. Aber das Kino muss ich leider absagen.“
„Fitzroy?“
Mike fühlte, wie seine Eifersucht hochkam. Was hatte der Bastard eines englischen Königs, was er nicht hatte? Er war nur ein Vampir und verbrachte die Hälfte seines Lebens damit, sich vor der Sonne zu verstecken.
„Du hast es erfasst. Er hat mich zum DVD-Abend eingeladen und ich darf wählen, was wir schauen.“
Ihr Lächeln war hinterhältig.
„Lass mich raten: er mag keine Actionfilme und du hast ‚Die Hard’ besorgt? Darf ich mich dazugesellen?“
Ein Abend mit einem brummelnden Vampir würde lustig werden – und angenehmer als eine Wohnung, die ganz dringend eine Putzaktion brauchte.
„Schlimmer, ich habe vor, Buffy mitzunehmen. Die Vampirserie.“
Mike lächelte. Wieso nur hatte er so etwas geahnt?
„Eigentlich sollte ich dankbar sein, dass du auch noch Henry hast. So kann ich dich viel besser ertragen, weil du deine Liebenswürdigkeiten auf uns beide verteilst.“
„Ich weiß. Ich bin zu anstrengend für einen einzigen Mann.“
Ihr selbstgefälliger Ton gefiel Mike gar nicht. Er hielt sich aber zurück und stocherte in seinem Essen.
„Ich nehm dich mit, vorausgesetzt, du bist brav und ärgerst Henry nicht.“
„Würde ich doch nie tun. Er fängt immer an und ich wehre mich nur.“
Vicki schnaubte.
„Wenn du ihn auch nur aus der Ferne siehst, plusterst du dich auf wie ein Gockel und überlässt das Denken dem Testosteron, nein, du denkst dann gar nicht mehr.“
„Gar nicht wahr!“
„Wohl wahr!“
„Nein!“
„Gut.“ Aber Vicki lenkte nicht ein, wie Mike erhofft hatte. „Du bist schlimmer.“
Sie legte die Essstäbchen zur Seite, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und sah Mike herausfordernd an.
Mike wusste, wann es besser war aufzugeben.
„Gut, vielleicht hast du nicht ganz Unrecht. Ich würde trotzdem den Abend gerne mit dir verbringen. Auch wenn Henry dabei ist.“
Es war besser als allein zu sein.
„Dafür, dass du mich zum Essen eingeladen hast, nehme ich dich mit. Aber wenn du Henry auch nur seltsam ansiehst, gehst du.“
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