Blutdurst

von aislingde
GeschichteAbenteuer / P12
Coreen Fennel Dr. Rajani Mohadevan Henry Fitzroy Kate Lam Mike Celluci Vicki Nelson
02.01.2009
07.03.2009
12
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02.01.2009 2.856
 
Mike hatte sehr wohl mitbekommen, wie schlecht es Henry ging. Er war ja nicht blind und hatte gesehen, wie viel Blut er verloren hatte. Deswegen hatte er auch seinen Mund gehalten, als Henry von Kate getrunken hatte. Er war froh gewesen, dass der Vampir nicht sein Blut genommen und anschließend mit seinen Erinnerungen gespielt hatte.
Er wusste noch nicht, was er davon halten sollte, dass Kates Gedächtnis verändert worden war. Auf der einen Seite war er froh, dass sie einige Fragen nicht stellen würde, weil sie sich nicht mehr erinnern konnte. Doch auf der anderen Seite hielt er es für keine gute Idee in den  Erinnerungen eines ermittelnden Beamten herumzupfuschen. Darüber würde er mit Henry reden müssen – später, wenn es ihm besser ging.
Zügig fuhr Mike zu Henry. Er parkte in der Tiefgarage und blickte anschließend den Vampir auffordernd an. Und erschrak.
Henry war noch bleicher als sonst und ein dünner Schweißfilm überzog sein Gesicht. Auch wenn er nicht vor Schmerzen stöhnte, sein Gesichtsausdruck sagte Mike genug.
Er stieg aus und öffnete die Beifahrertür, um Henry zu helfen. Er sah besorgt auf den Vampir hinab.
„Lass mich helfen“, bot Mike an und hielt ihm die Hand hin. Henry nickte nur und stand mit seiner Hilfe langsam auf. Dabei rutschte der Mantel zur Seite und Mike sah das frische Blut auf dem Verband, sagte aber nichts.
Vorsichtig stützte er Henry und Schritt für Schritt ging es zum Fahrstuhl.
Während sie auf den Aufzug warteten, lehnte Henry sich an die Wand. Sein Gesicht hatte einen gräulichen Farbton. Besorgt musterte Mike ihn, sagte aber nichts.
Der Fahrstuhl war leer und ohne von jemand gesehen zu werden, bugsierte er Henry in seine Wohnung. Dabei schaffte er es, den Überwachungskameras im Flur den Eindruck zu vermitteln, dass Henry betrunken war.
Es dauerte viel zu lange, bis er den Vampir ins Bett geschafft hatte.
Mike zog seinen Mantel aus und holte sich aus der Küche etwas zu trinken. Dann ging er ins Badezimmer und suchte in dem Medizinschrank nach Instrumenten und Verbandsmaterial. Da Vicki ihn angeschafft hatte, fand er alles, was er brauchte. Sogar Nadel und Faden.
So ausgerüstet betrat er kurz darauf das Schlafzimmer.
Henry lag genau so da, wie er ihn verlassen hatte, seine Augen starrten an die Decke und er schien viel Energie darauf zu verwenden, keine Schmerzlaute von sich zu geben.
„Ich muss die Kugel rausholen, bevor es anfängt zu heilen, das nötige Werkzeug habe ich schon gefunden.“
„Eigentlich müsste sie schon halb verheilt sein. Sie ist nicht wirklich schwer und ich habe frisches Blut bekommen. Ich verstehe es nicht.“
„Die Kugel ist aus Silber. Vielleicht liegt es daran.“ Mike biss sich auf die Lippe. Es war seine Schuld, dass Henry jetzt hier lag. Er hatte abgedrückt, obwohl das Ziel sich bewegte. Hatte ignoriert, dass sowohl Harpyien als auch Vampire sich zu schnell für das menschliche Auge bewegten.
„Nein, das ist es nicht. Man hat schon öfter mit Silber Jagd auf mich gemacht. Die Wunden neigen normalerweise dazu, sich seltener zu entzünden und verheilen auch gut. Dass ich nach einem einzigen Treffer so geschwächt bin, ist nicht normal.“
„Vielleicht liegt es daran, dass du dich noch nicht von der Berührung der Harpyie erholt hast. Erst gestern hast du von drei Menschen getrunken, bevor du satt warst. Wie viel trinkst du sonst?“
Mike atmete tief durch. Mit einem Vampir über seine Trinkgewohnheiten zu sprechen, lag noch vor ‚Zieldialog mit Crowley’ in seiner Top ten der Konversationen, die er unbedingt vermeiden wollte.
Aber um ihm zu helfen, musste er wohl da durch.
Der Anflug eines Lächelns erschien auf Henrys Gesicht. Er ahnte wohl, wie unangenehm Mike das Gespräch war.
„Ich gehe meist nur jede zweite oder dritte Nacht essen. Meistens nehme ich auch nur eine kleine Menge, damit die Spender es nicht merken, dass sie überhaupt Blut verloren haben. Zufrieden?“
„Nein“, Mike schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es weiter gehen soll, wenn ich die Kugel raus habe. Denn dabei wirst du noch mehr Blut verlieren.“
„Du kannst die Kugel entfernen, aber dann brauche ich noch diese Nacht frisches Blut“, war Henrys ruhige Antwort. Dabei blickte er Mike mit einer Intensität an, die ihn schaudern und wegsehen ließ. „Ich habe im Telefon einige Nummern gespeichert, brauche aber jemand, der die Tür aufmacht. Denn bis ich es vom Bett zur Tür geschafft habe, setzt die Dämmerung ein.“
„Warum kannst du nicht wie jeder Fernsehvampir Blut im Kühlschrank lagern, sondern musst jedes Mal frische Nahrung zu dir nehmen?“ Mike schüttelte den Kopf, dann versuchte er, zu lächeln. Es wurde aber nur eine Grimasse. „Ich werde es machen. Aber erst muss die Kugel raus.“

Niemals hätte Mike so eine Operation bei einem Menschen vorgenommen. Dafür gab es Ärzte, die so etwas viel besser konnten. Bei Henry war es anders, schließlich war er schon tot. Mike fühlte sich verantwortlich für die Verletzung und wollte, dass es dem Vampir besser ging.
Doch schon das Entfernen des Verbandes war für Henry eine schmerzhafte Angelegenheit, da der Mull an der Wunde festgeklebt war.
Mit viel warmem Wasser und Geduld schaffte Mike es, den Verband abzumachen. Als er die Wunde sah, schluckte er. Die Wundränder waren ausgefranst und es quoll Blut hervor. Nicht viel, aber genug, um sich Sorgen zu machen. Und dann sah er, in welchem Winkel die Kugel eingeschlagen war.
„Ich versteh nicht viel von Anatomie, Henry, befürchte aber, dass innere Organe verletzt worden sind. Es tut mir leid, da muss ein Fachmann ran, ich kann das nicht. Hast du jemand, der helfen kann?“
Henry schüttelte den Kopf
„Dr. Mohadevan könnte bestimmt helfen. Als Pathologin ist sie sozusagen für dich zuständig, Vampir.“
Der Witz war sehr flach, deswegen erwartete Mike keine Reaktion, sondern tupfte die Verletzung mit etwas Jod ab, um sie zu reinigen. Als er sie verbinden wollte, fühlte er Henrys Hand auf seinem Arm.
Er blickte den Vampir an und zuckte zurück. Nicht nur, dass seine Augen dunkel und die Fangzähne zu sehen waren. Henry sah ihn so gierig an, dass Mike auf Abstand gehen wollte – nicht nur aus dem Raum, am liebsten würde er aus der Stadt fliehen. Starrköpfig wie er war, blieb er sitzen.
„Du hast Angst?“
Mike schluckte, dann nickte er.
„Geh, wenn du noch länger bleibst, kann ich für nichts garantieren.“
Henry nahm seine Hand weg.
Mike stand auf. Langsam und vorsichtig, wollte den Vampir nicht durch eine hektische Bewegung reizen.
Als er das Schlafzimmer verlassen wollte, blickte er noch einmal zurück.
Henry lag im Bett und sah mehr tot als lebendig aus. Mike bezweifelte, dass er noch die Kraft hatte, sich Essen zu organisieren. So konnte er ihn nicht liegen lassen. Schließlich war es seine Kugel, die im Körper des Vampirs steckte.
Mike kratzte sich am Nacken, dann traf er eine Entscheidung.
„Schaffst du es, rechtzeitig aufzuhören, Fitzroy?“ Henrys ungläubiger Blick war Gold wert. „Ich erinnere mich noch zu gut daran, dass Vicki dich das letzte Mal davon abgehalten hat, mich komplett auszusaugen. Ich will nicht sterben.“
Mike blieb im Eingang stehen, wartete auf Henrys Reaktion. Noch konnte er gehen.
„Ich habe viel Blut verloren, aber noch all meine Sinne zusammen, sonst wäre ich schon längst über dich hergefallen. Ja, ich höre auf, bevor der Blutverlust kritisch wird.“
„Gut.“

Ungläubig sah Henry, wie Mike näher kam. Zögernd, als ob er seiner eigenen Entscheidung nicht trauen würde. Dabei schnellte sein Herzschlag rapide in die Höhe und Henry konnte das hektische Pumpen seines Herzens hören. Dazu roch er auch die Angst, die Mike aus jeder Pore verströmte.
Trotzdem kam er näher.
„Warum machst du das?“, wollte Henry wissen.
Mike setzte sich zu Henry auf das Bett.
„Ich habe dich verwundet, also bin ich für deinen Zustand verantwortlich. So wie du im Moment aussiehst, bist du zu schwach, um auch nur einen Telefonhörer abzunehmen.“
„Du unterschätzt mich.“ Gleichzeitig hob Henry seinen Arm und berührte Mike vorsichtig an der Hüfte. Über dem Hemd an einer wirklich unverfänglichen Stelle. Trotzdem zuckte der Cop bei der Berührung zusammen, blieb aber sitzen und ergriff nicht die Flucht.
„Vielleicht.“ Mike zuckte mit den Schultern. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich im Moment der Stärkere bin.“
Henry wusste, wozu er in der Lage war, wenn die Blutgier ihn einmal übermannte, hielt es aber nicht für sinnvoll, Mike darüber aufzuklären.
„Nicht für lange“, antwortete er stattdessen.
„Gib es zu, du bist ohne frisches Blut hilflos, Fitzroy.“
Henry wusste im ersten Augenblick nicht, worauf Mike hinaus wollte. Innerlich bereitete er sich darauf vor, sein Leben zu verteidigen, ließ sich aber nichts anmerken.
Stattdessen lächelte er, achtete aber darauf, dass seine Fangzähne verdeckt blieben. „Du bist zurückgekehrt, um das zu ändern. Solange du neben mir sitzt, passiert aber nichts. Gib mir bitte deine Hand.“
Erstaunlicher Weise folgte Mike seiner Bitte und Henry sah sich gezwungen, alle Theorien, die er in den letzten Sekunden aufgestellt hat, wieder zu verwerfen.
Henry erinnerte sich daran, dass Mike im Gegensatz zu vielen anderen Menschen ein Ehrenmann war und er Hilflose nicht trat, sondern ihnen aufhalf. Fast schon ein Ritter in der schillernden Rüstung.
Henry wünschte sich, dass er Mikes Loyalität für sich gewinnen könnte.
Jetzt da er sich sicher war, dass er das Blut bekommen würde, ließ die Gier nach. Sie machte einer altbekannten Vorfreude Platz. Er brauchte nichts zu überstürzen.
Zärtlich berührte er Mikes Finger. Kratzte mit seinen Nägeln sachte über die empfindliche Haut am Handgelenk.
„Mach schon. Beiß zu und ich habe es hinter mir.“
Er sah Mike in die Augen und sah Angst und Panik. Nichts von der Vorfreude, die all die anderen Partner hatten. Henry mahnte sich zur Geduld. So wollte er Mike nicht.
„Es geht noch nicht“, versuchte er, Zeit zu gewinnen. „Dein Herzschlag ist zu schnell und deine Adern sind geweitet. Du musst ruhiger werden, vorher ist der Stress für dich zu groß und ich will dich nicht gefährden.“
Das war maßlos übertrieben, aber Mike nahm es ihm ab, schloss die Augen und atmete langsam ein und aus.
„Bei unserer Vergangenheit habe ich einige Probleme, still sitzen zu bleiben.“
„Das kann ich gut verstehen.“ Henry versuchte, Mike zu beruhigen. „Entspann dich. Die Schmerzen, die ich dir damals zugefügt habe, waren mehr oder weniger ein Unfall.“
Mike öffnete die Augen und blickte Henry an.
„Dann ist es immer so, wie ich es beobachtet habe? Voller Lust?“
Henrys Hand glitt unter Mikes Hemd und er fühlte die warme Haut des Rückens unter seinen Fingern. Seine Berührungen waren langsam, fast schon träge.
„Fast immer“, gab er zu. „Es ist so am einfachsten, willige Spender zu bekommen und ich glaube, dass es deswegen nicht nur ein Nehmen ist, sondern ich ihnen auch noch etwas für ihr Blut gebe.“
„Sexuelle Befriedigung?“ Mikes Augenbraue wanderte ein Stück nach oben. „Dann solltest du als Callboy arbeiten, da würdest du schnell reich werden.“
„Das habe ich schon versucht, aber es hat nicht funktioniert, vielleicht weil ich zu wählerisch war?“
Die Erinnerung ließ Henry lächeln.
„Erzähl!“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Es war 1919, nach dem ersten Weltkrieg und ich brauchte dringend Geld, um mir eine neue Wohnung leisten zu können. Die Männer und Frauen, die bereit waren, Geld für Sex zu zahlen, entsprachen nicht meinem Geschmack. Deswegen habe ich es gelassen.“
„Die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage würdest du ein Vermögen machen.“
„Vielleicht. Aber ich bevorzuge es, selbst zu entscheiden, wem ich meine Gunst schenke.“
Henry richtete sich auf, beugte sich über Mikes Hand und hauchte Küsse auf die Fingerspitzen. Gleichzeitig glitt seine Hand vom Rücken auf den Bauch. Auch hier fühlte er nur glatte Haut, unter der Muskel spielten. Ein durchtrainierter Körper, der für Henry sehr verlockend war.
Seine Finger wanderten tiefer, suchten die Gürtelschnalle und fanden sie. Doch er fühlte, wie sich Mikes Körper versteifte und er blickte hoch.
Mikes Ausdruck hatte sich verändert. Doch statt zu entspannen war er noch angespannter. Er hatte die Zähne zusammengepresst und wirkte wie ein in die Enge getriebenes Tier.
Sofort legte Henry den Rückwärtsgang ein und seine Hand glitt zurück auf den Rücken.
„Nicht so, Fitzroy. Nimm mein Blut und lass es gut sein. Ich will nicht so bezahlt werden.“
„Wie du meinst.“
Henry hatte es bei Mike nicht als Bezahlung sondern als Vergnügen angesehen, aber der Cop sah nicht diskussionsbereit aus. Wollte er ihn nicht abschrecken, musste er schweigen – vorerst.
Erneut küsste er Mikes Fingerspitzen, dann fuhren seine Nägel über das Handgelenk und ertasteten die beste Stelle.
Um Mike von dem Biss abzulenken, ging die Hand auf seinem Rücken wieder auf Wanderschaft, er vermied es aber irgendwelche empfindlichen Stellen zu berühren. Nach wenigen Augenblicken spürte er, wie Mike sich ein wenig entspannte und in diesem Augenblick durchbrachen seine Fangzähne die Haut.
„Oh!“
Ganz ohne körperliche Reaktionen kam Mike nicht davon. Henry ignorierte die Veränderung seines Geruchs und konzentrierte sich aufs Trinken. Er brauchte noch nicht einmal eine Minute, so viel Blut von Mike zu nehmen, wie dieser ohne Schaden geben konnte. Danach zog er seine Fangzähne aus dem Fleisch, leckte mehrfach über die Wunde und blickte zu Mike hoch.
Der hatte die Augen geschlossen und ein verwunderter Ausdruck lag auf seinem – von einer feinen Röte überzogenen – Gesicht.
Henry spürte, wie das frische Blut durch seine Adern rann und ihm neue Kraft gab.
„Danke.“
Die Augenlider zuckten, dann öffnete Mike die Augen. Er wirkte jetzt nachdenklich, fast schon ein wenig melancholisch. Er massierte sich die Nasenwurzel, dann blickte er auf die Bisswunde.
„Geht es dir besser?“
Henry nickte. „Ja, es hat geholfen. Morgen Nacht wird die Wunde wahrscheinlich verheilt sein, auch wenn die Kugel noch drin steckt. Früher oder später muss sie raus, aber vorerst geht es. Wie wird es mit deinem Fall weitergehen?“
Mike zog eine Grimasse, die wohl ein Grinsen sein sollte und betrachtet erneut sein Handgelenk. Viel war nicht mehr zu sehen. Nur ein wenig Schorf an zwei Punkten.
„Ich werde nachher ganz normal arbeiten gehen und weiter nach einem Täter fahnden. Dr. Mohadevan wartet nur auf ein Zeichen von mir und wird uns im Laufe des Tages mit einem vorläufigen Obduktionsbericht beglücken. Ich habe mit ihr abgesprochen, dass sie die Auszehrung einer natürlichen Ursache zuschreiben wird. Also ein seltener Virus oder Bakterien. Keine Ahnung, was sie sich aus den Fingern saugen wird. Ich weiß nur eins“, Mikes Grinsen war ein wenig hinterhältig. „Crowley wird toben und eine weitere Untersuchung anordnen, die aber nichts bringen wird. Kate und ich werden noch ein wenig weiter recherchieren, ob der Verursacher nicht aus irgendeinem Labor kommt, doch nach einigen Tagen gibt es einen anderen Mord und wir werden abgezogen. Crowley wird dafür sorgen, dass ganz schnell Gras über diesen Fall wächst und irgendwann wird die Akte mit dem Vermerk ‚vermutlich natürliche Todesursache’ geschlossen. Alles ist also bestens.“
Abwesend rieb Mike über das Handgelenk.
Da war noch mehr. Henry wusste nicht, ob Mike bereit war, ausgerechnet mit ihm darüber zu sprechen, aber er wollte es versuchen.
„Aber nicht bei dir“, war sein vorsichtiger Kommentar.
Mike zuckte mit den Schultern.
„Es ist nichts. Ich habe heute nur einen Vogel getötet. Kate hat Blut und ihre Erinnerung verloren und ich frage mich, ob ich nicht doch Jäger, Richter und Henker in einem war.“
Innerlich seufzte Henry auf. Mike machte sich zu viele Gedanken, war zu ehrenhaft und zu wenig egoistisch.
„Sie hat versucht, nicht nur mich, sondern auch Petri zu ermorden. Sonst hätte sie sich niemals vor dem Studio aufgehalten. Nicht zu vergessen, dass du mir mit den Schüssen das Leben gerettet hast. So ungern ich es auch zugebe, aber dafür stehe ich in deiner Schuld.“
„Wow, ich habe etwas bei seiner Hochwohlgeborenheit gut.“ Mike hatte auf einmal wieder den sarkastischen Unterton, der in den letzten Tagen verloren gegangen war. „Ich bin der Meinung, dass wir quitt sind. Ich habe dir damals die Iluminación del sol verpasst und dich an Mendoza ausgeliefert. Du kannst mir also nichts mehr vorwerfen.“ Mike stand auf. „Ich hab genug für heute und fahre nach Hause, um noch einige Stunden Schlaf zu bekommen. Du kommst klar?“
„Ja, das werde ich. Du musst daran denken, viel zu trinken.“
Die Antwort war selbst für Henry ein unartikuliertes Grunzen.
Henry beobachtete, wie Mike fast schon fluchtartig das Schlafzimmer verließ und hörte kurz darauf die Wohnungstür leise ins Schloss fallen.
Der Vampir stand langsam und vorsichtig auf und ging ins Bad. Dort betrachtete er sich im Spiegel. Die Wunde hatte Schorf gebildet und fing darunter an, zu verheilen.
Er lächelte sein Spiegelbild an. Mike mochte sich einreden, dass sie quitt waren, aber er war anderer Meinung. Er hatte gesehen, wie viele Ängste der Cop überwunden hatte, um ihm sein Blut zu geben, das hatte seinen Respekt gewonnen.
So wie Henry Vicki kannte, würde er früher oder später die Gelegenheit bekommen, seine Schuld zu begleichen. Sie schaffte es, Mike immer in ihre Fälle einzubinden und da war Ärger vorprogrammiert.
Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich an seinen Schreibtisch. Diese Haltung verursachte erstaunlicher Weise nur wenige Schmerzen und er würde es bis zur Morgendämmerung aushalten.
Schließlich hatte er einen Comic zu zeichnen und musste einen Abgabetermin einhalten.
Die aktuellen Ereignisse hatten dafür gesorgt, dass er die Handlung fertig im Kopf hatte. Jetzt musste er es nur noch schaffen, die griechische Mode stimmig zu zeichnen.
Seufzend machte er sich an die Arbeit.

Ende
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