Ein bisschen wie Sterben

von Maia
GeschichteAllgemein / P18 Slash
02.01.2009
10.03.2013
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83
Dieses Kapitel
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Disclaimer: Alles, was auch aus dem Harry-Potter-Universum bekannt vorkommt, gehört J.K. Rowling. Die Idee und Umsetzung gehören mir. Geld verdiene ich hiermit keines.

Anmerkung: Eine Idee, die mir während meiner ersten Zeit an der Uni kam und die mich nicht wieder losgelassen hat. Die Geschichte ist noch längst nicht fertig und ausgereift, aber ich wollte auch einfach mal sehen, wie sie ankommt und ob überhaupt Interesse daran besteht. Und achso: wir befinden uns weit in der Zukunft, so ca. 2013/2014. Der Epilog spielt bisher keine Rolle. Viel Spaß beim Lesen!


Ein bisschen wie Sterben


Vorbemerkungen

„Guten Morgen“, sagst du und schaust in die Runde, Füße scharren über den Boden, Blätter rascheln und jede Menge neugieriger Gesichter blicken dir erwartungsvoll entgegen. Vielleicht dreißig, vielleicht siebzig – du warst noch nie gut im Schätzen und mit Zahlen kannst du nur umgehen, wenn sie etwas mit Geschichte zu tun haben.
Du lächelst – weil man das so macht, weil es die Nervosität vertreibt (deine und ihre) und weil du dich danach fühlst. Du beginnst Vorlesungen gerne mit einem Lächeln. Im Laufe der neunzig Minuten wird es dir sowieso vergehen, dazu nimmst du dein Thema zu ernst und dafür nehmen die Studenten es zu ernst.
Du ordnest deine Notizen, nicht, weil du es tun musst, du bist bestens vorbereitet, wie immer, doch du willst deinem Publikum die Chance geben, dir seine vollkommene Aufmerksamkeit zu schenken. Der Anfang eines Semester verläuft fast immer gleich. Du weißt, dass deine Studenten Zeit brauchen, um dich betrachten zu können. Um erste Urteile auszutauschen, nach zehn Sekunden. Du kennst das. Du warst auch mal Student.
„Herzlich willkommen zur Vorlesung Zeitgenössische Geschichte“, beginnst du deine Einleitung, als Ruhe einkehrt im Saal. „In dieser Vorlesung werden wir uns hauptsächlich mit der Zeit dessen befassen, was in die Geschichtsschreibung eingegangen ist als der Zweite Dunkle Krieg. Ich gehe davon aus, dass Sie bereits über einige Grundkenntnisse in diesem Bereich verfügen oder zumindest ein starkes Interesse an dem Thema haben – sonst würde ich Ihnen empfehlen, die Parallelveranstaltung meines Kollegen Professor Bufton zu besuchen.“
Du kannst beobachten, wie erste, erschrockene Blicke ausgetauscht werden. Das bist du gewöhnt. Du hast deine Einstiegsrede perfektioniert, sie ist informativ, provokant, brillant – und meistens macht sie deinen Studenten Angst.
„Als Sie sich für diese Vorlesung entschieden und eingeschrieben haben, wurde Ihnen allen per Eulenpost die Literaturliste zugesandt“, fährst du gelassen fort und tust so, als würdest du nicht bemerken, wie leichte Panik ausbricht. Du hast etliche Jahrgänge von Studenten erlebt und bisher war nicht einer dabei, der in der ersten Vorlesung bei der Erwähnung der Literaturliste nicht in Panik ausgebrochen war.
Du hebst kurz deine Hände, deutest an, dass es keinen Grund gibt, nervös zu werden. „Bitte, meine Damen und Herren, das soll auf keinen Fall heißen, dass ich erwarte, dass Sie sich die notwendige Literatur bis heute besorgt und sie darüber hinaus auch gelesen haben“, erklärst du und ein paar Lacher ertönen. Gut. Du hast die Situation im Griff.
„Ich erwarte lediglich“, hebst du deine Stimme wieder an, „dass Sie sich auf die jeweiligen Sitzungen vorbereiten. Der Literaturliste ist ein Vorlesungsplan beigefügt, welchem Sie entnehmen können, wann ich auf welches Buch oder welchen Text zu sprechen kommen werde. Bitte lesen Sie die entsprechenden Stellen sorgfältig, denn ansonsten wird es Ihnen kaum möglich sein, meinen Ausführungen zu folgen. Und dann gibt es für Sie keinen Grund, überhaupt zur Vorlesung zu erscheinen.“
Im Saal herrscht Schweigen. Du blickst in weiße, junge Gesichter, die dir entgegenstarren und deren Träger sich fragen, ob das sozusagen ein verfrühter Rauswurf war für all diejenigen, die es mal nicht schaffen werden, sich vorzubereiten.
„Darf ich kurz um Ihre Mitarbeit bitten?“, lächelst du nun freundlich und wartest gar nicht die Reaktionen ab, „Einfaches Aufzeigen genügt. Wer von Ihnen erwartet, dass wir uns in dieser Vorlesung mit Harry Potter beschäftigen werden?“
Alle Hände gehen nach oben. Du siehst auf einen Wald von Armen und nickst.
„Danke. Wer von Ihnen erwartet, dass wir uns mit dem Dunklen Lord befassen werden?“
Der Wald bleibt. Du nickst erneut.
„Danke. Wer von Ihnen erwartet, etwas über Albus Dumbledore zu hören?“
Nichts regt sich. Du nickst. Ein amüsiertes Lächeln zerrt an deinen Lippen, doch du kontrollierst sie beherrscht.
„Danke. Wer von Ihnen erwartet, dass wir uns mit Todessern beschäftigen?“
Ein paar Bäume wanken, vermutlich, weil die Arme schwer werden, aber sie bleiben alle oben und du nickst wieder.
„Danke. Wer von Ihnen erwartet, etwas über die Familie Black zu hören? Über die Unterdrückung von Hauselfen? Über alberne Schülerstreiche, die schicksalsentscheidend wurden? Über Freundschaften, die Leben retteten und über Freundschaften, die Leben kosteten?“
Einige Bäume fallen. Du siehst verwirrte Gesichter, hörst zischendes Getuschel und nickst.
„Wer von Ihnen erwartet, etwas über Liebe und Hass zu erfahren? Über Schuld und Sühne und Stolz und Demut? Über Menschen, die für andere ihr Leben riskieren, und über Menschen, die für andere sterben? Wer von Ihnen erwartet, an der Geschichte zu nagen und zu kratzen und der Wahrheit immer näher zu kommen?“
Du kannst ihnen anmerken, dass sie nicht mehr wissen, auf welche deiner Fragen sie ihre Hände beziehen sollen, also gehen einige nach oben und andere nach unten. Du nickst. Und nickst.
„Wer von Ihnen ist denn bereit für die Wahrheit?“, erkundigst du dich, „Die Wahrheit ist eine Raubkatze, die in ihrem Käfig hin- und hertigert, die faucht und brüllt und nicht will, dass man sie berührt. Und genau das werden wir tun. Wenn Sie Angst vor Raubkatzen haben, sind Sie hier falsch. Wenn Sie Angst davor haben, die hübsche Unterteilung in Gut und Böse zu verlieren, dann bitte ich Sie, jetzt zu gehen. Ich bespreche Grauzonen.“
Sie starren dich an und lutschen an ihren Federkielen und du denkst, was für Kinder sie noch sind und wer sie eigentlich zu dir geschickt hat, um Geschichte zu studieren, eine Geschichte, die blutiger und grausamer und facettenreicher ist, als sich diese Kinder überhaupt vorstellen können. Trotzdem nickst du ihnen zu und schenkst ihnen ein Lächeln.
„Keine Sorge“, sagst du, „Wir werden die Raubkatze gemeinsam bändigen.“
Du räusperst dich und schaust in deine Notizen.
„Irgendwelche Fragen soweit?“

oOo

Sie hatten keine Fragen, außer den üblichen. Wann wird Klausur geschrieben, wie ist sie aufgebaut, wann haben Sie Sprechstunde, werden wir Exkursionen machen – der normale Kram. Du bist erleichtert, dass sie es dir so einfach gemacht haben, es hätten auch welche dabei sein können, die deinen ganzen Vorlesungsplan durcheinander werfen wollten, doch nein, du hattest Glück.
(Vermutlich sogar so viel, dass noch niemand den Plan genau studiert hat und deshalb keine Beschwerden kamen. Du kennst das ja von unzähligen Jahren.)
In deinem Büro angekommen, schließt du seufzend die Tür hinter dir und lässt dich auf deinem Stuhl nieder – schwarz, weich, drehbar, beste Muggelqualität mit Zauberei verfeinert. Genau das, was du nach einem langen Tag an der Uni brauchst. Ruhe, Entspannung, intellektuelle Wachkitzelei, Briefwechsel und eine Tasse heißer, dunkler, bittersüßer Schokolade.
Heute gibt es nur Briefwechsel und zu erledigende Vorbereitungen. Weder Ruhe noch Entspannung, nur Texte in mühsamen Handschriften und Eulen mit klackernden Schnäbeln.
Trotzdem würdest du dein Leben nicht eintauschen wollen.
Du blätterst rasch durch diverse Bögen Pergamente, überfliegst Schreiben von Kollegen, Studenten höherer Semester und legst sie allesamt beiseite, um dich durch deine Ordner voller Sekundärliteratur zu wühlen. Auch wenn du Literaturliste und Vorlesungsplan bereits vor Wochen erstellt hast, beschleichen dich während der ersten Tage, an denen du wieder unterrichtest, immer Zweifel, ob es die richtigen waren, ob du nicht doch etwas falsch gemacht hast, ob du nicht lieber-
Du schüttelst den Kopf. Nein. Du hättest nicht lieber. Du hast die Texte und Erinnerungen und Interviews und Mitschnitte ausgesucht, die am besten passen. Fertig.
Beinahe zärtlich streichst du mit einer Hand eine Ecke aus dem knickrigen Papier vor dir. Optisch macht es keinen Unterschied, aber du fühlst dich besser. Die Texte haben es verdient, mit Respekt behandelt zu werden, findest du. Sie sind wichtige Zeitzeugen und du hast schon viel Energie darauf verschwendet, deinen Studenten eine solche Haltung näherzubringen.
Sie sehen immer nur das Papier. Die schwarz gedruckten Buchstaben, die sich verbinden zu Wörtern und Sätzen. Du kennst ihre verwirrten Blicke nach der Lektüre; sie sind jedes Jahr die gleichen und jedes Jahr stirbt in dir das bisschen Hoffnung, einmal Studenten zu begegnen, die von Anfang an wissen, worauf du hinauswillst. Die sich nicht sperren gegen die Entblätterung halbfalscher Wahrheiten, auch wenn sie ihnen von Kindesbeinen an gelehrt wurden.
Du denkst an ein Mädchen mit traurigem, blauem Blick, an einen Jungen mit kaltem, schönem Lächeln, an eine Bande voller Rothaariger, an verrückte Freundschaften und verirrte Feindschaften, an Liebe und Hass und alles, was dazwischen liegt.
Du denkst an eine Frau mit irrem Lachen, an einen Mann mit stolzem Kinn, an Jugendliche, die die Welt erobern wollten, an einen Jungen mit einer Narbe auf der Stirn, an Männer, die Helden waren und an Männer, die Helden wurden. Du denkst an Leben und Sterben und an die schmale Grenze, die sie trennt. Zwei Worte. Mehr nicht.
Du stellst deinen Ordner zurück in den Schrank, sammelst lose Unterlagen ein und machst dich auf den Weg nach Hause, wo heiße Schokolade warten wird.
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