Meine Schuld

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
29.12.2008
12.12.2016
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Ich möchte diese Geschichte meiner Betaleserin  "Mimikry" widmen. Vielen, vielen , herzlichen Dank !


~*~



-Meine Schuld




„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“

Tröstlich schallte das Gloria in die Stille der Heiligen Nacht.

Die Menschen von Schwarzkollm verließen die Kirche nach der letzten mitternächtlichen Andacht. Kinder mit roten Wangen, Männer mit dicken Wollmützen und Frauen, die das feine Tuch ihrer Sonntagstracht tiefer in die Stirn zogen. Im weichen Licht ihrer Laternen traten sie den Heimweg zu ihren Höfen an, wo sie von den Alten und Gebrechlichen bereits erwartet wurden. Schnee fiel in dichten Flocken, und das Fell der Rösser und Ochsen, welche vor die Schlitten gespannt waren, dampfte. Manch einer gedachte den Einsamen und Verzweifelten, den Wegelagerern und den Bettlern. Obwohl der Krieg ihnen viel genommen hatte und sie selbst nur das Nötigste hatten, gaben sie bereitwillig. Niemand in Schwarzkollm sollte hungern, niemand sollte frieren in der heiligsten aller Nächte.

„... und Friede bei den Menschen seiner Gnade ...“

~*~


Feine Eiskristalle hatten sich auf den niedrigen Dachbalken gebildet. Wenn das blasse Licht des Mondes darauf fiel, funkelten sie wie reine Diamanten. Gedankenverloren strich er mit den Fingern darüber und ließ sie in seine Handfläche rieseln. Langsam schmolzen sie zu Wasser. Eines Tages, wenn all das vorbei war, würde er sie festhalten mit beiden Händen. Dann würde er reich sein. Reicher als der Kurfürst und der König zusammen. Er würde seinen zerlumpten Müllerkittel gegen die feinsten Gewänder eintauschen, von goldenen Tellern speisen, und die Schönsten der Schönen würden sich um ihn scharen. Irgendwann, wenn das Los auf ihn fiel. So dachte er.

Es war dasselbe. Jahr für Jahr. Winter für Winter. Und doch konnte er diesmal keinen Trost finden. Er blinzelte in die Dunkelheit. Es war so kalt, dass er den Atem der anderen Mühlknappen sehen konnte. Das Feuer im Ofen unter der Schlafkammer musste wohl ausgegangen sein. Die Wimpern seiner Augen waren von Eis verklebt. Auch über seinen Wangen hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, die wie verzweigte Arme gefrorener Flüsse bis zu seinem Hals reichte.

Draußen ächzte das Mühlrad. Es hörte sich an, als würde es sich in Bewegung setzen. Doch das Geräusch erstarb so schnell, wie der Wind aufgehört hatte, um die Mühle zu heulen.

Er selbst spürte keine Kälte, schon lange nicht mehr. Es waren geheimnisvolle Zeichen und geflüsterte Worte, die ihn seinen eigenen dampfenden Atem mit Belustigung verfolgen ließen. Da mochte er fauchende Stürme und klirrende Kälte schicken, der Winter konnte ihm nichts anhaben.

Langsam richtete er sich von seinem Lager auf. Er ließ die Füße über den Rand der Pritsche baumeln und horchte. Nichts. Nicht einmal ein Käuzchen. Nur das gleichmäßige Atmen der anderen. Sie schliefen alle tief und fest. Das harte Tagwerk und die nagende Furcht dessen, was kommen musste, hatte sie ermüden lassen.
Ganz leise murmelte er etwas in seine wie zum Gebet gefalteten Hände, und plötzlich flackerte eine kleine Flamme auf. Er setzte sie auf eine Kerze, die neben seinem Lager am Boden stand. Für einen Moment sah er zu Tonda hinüber. Seine Pritsche war nicht weit weg von ihm, in einer anderen Ecke der Kammer.
Der Sommer war nur noch eine vage, weit entfernte Erinnerung. Manchmal schien es ihm, als wäre es nicht einmal seine eigene. Dennoch  begann sein Herz ein wenig schneller zu klopfen, wenn er daran dachte. An das Kitzeln von Grashalmen an seiner Nase, an das Summen des Windes in den Kornfeldern und an Worte, deren Bedeutung er vergessen hatte. Aber an den Klang würde er sich immer erinnern. An die Wärme und die unendliche Freude.

Leise stand er auf. Der Saum seines weißen Nachtgewandes fiel ihm mit einem Flüstern über die Knie. Er hob die Kerze auf und tat einen vorsichtigen Schritt. Dann noch einen; er schwankte ein wenig. Sein Kopf fühlte sich schwer an, und ihm wurde übel. Scharf atmete er ein. Da knarrten die Bodenbalken unter ihm. Er zuckte zusammen. Panisch streifte sein Blick über seine schlafenden Mitgesellen. Über Michal, Hanzo, Kito, Juro ... Keiner rührte sich. Auch Krabat, der nun seit fast einem Jahr bei ihnen war, lag wie tot auf seinem Lager.

Einige Stunden zuvor hätte der Junge beinahe ein paar Ohrfeigen einstecken müssen. Dafür, dass er den Tisch beim Abendessen mit Tannenzweigen schmücken wollte. Selbst der sonst so lustige Andrusch wäre ihm beinahe an die Gurgel gegangen. Ein kurzes, bitteres Lachen zwang sich seine Kehle hinauf. Noch wusste dieser Krabat nicht, worauf er sich eingelassen hatte. Noch nicht.

Mit zitternder Hand zog er einen Bannkreis um sich, dann er ging auf Tonda zu.

Der älteste der zwölf Gesellen schlief mit dem Rücken zu ihm auf seiner Pritsche. Das dünne Laken war verworren um seinen Körper gewunden; er schwitzte, und das Band, welches sonst seine Haare zusammenhielt, hatte sich gelöst.

Auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob er wirklich hier sein sollte. Vor ein paar Tagen hatte er gesehen, wie Tonda Krabat das Messer gegeben hatte. Die Klinge war in der Hand des Jungen so blank gewesen, dass sich die Sonne darin spiegelte.

Plötzlich murmelte Tonda etwas im Schlaf und wälzte sich auf die andere Seite.

Er hielt den Atem an. Es war still, so still, nur die Flamme seiner Kerze flackerte wie die aufgeregten Schläge seines Herzens.

Dann öffnete Tonda die Augen. Es dauerte einen Moment, bis er ganz zu sich kam. „Lyschko?“, murmelte er schlaftrunken.

~*~


Lyschko strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und blickte stumm auf den älteren Burschen. Seine blassen blauen  Augen glänzten glasig im Schein des Lichtes.

Tonda sah sich kurz in der Kammer um, dann streckte er die Hand aus.

Zögerlich kam Lyschko heran. Er setzte sich an den Rand der Pritsche, stützte die Arme auf die Knie und legte die Stirn in seine Hände. „Du hast mich gerufen“, sagte er schließlich mit heiserer Stimme.

Tonda schwieg.

„Seit Tagen rufst du mich im Traum“, sprach Lyschko weiter, „so wie damals. Aber jetzt ist er auch dabei. Er thront über dir als riesiger Schatten und ... du schreist ... nach mir.“ Die letzten Worte wurden von einem Schluchzen erschüttert.

Zärtlich legte Tonda die Hand auf Lyschkos bebende Schulter.

Doch Lyschko wischte sie fort und fuhr herum. Er umrahmte Tondas Kinn mit der rechten Hand. „Ich habe das Messer gesehen!“, zischte er so aufgebracht, dass sich seine Stimme fast überschlug. „Bevor du es Krabat gegeben hast. Die Klinge war dunkel, wie von Ruß geschwärzt - Es ist soweit!“

Ihre Gesichter waren sich so nahe, dass Tonda den scharfen Geruch wahrnehmen konnte, der von Lyschko ausging. Er rümpfte die Nase. „Du hast getrunken“, flüsterte er.

Für einen Moment starrte Lyschko in Tondas  Gesicht. Er sah unendlich müde aus. Nicht nur des harten Tagwerks wegen ,das  wusste Lyschko. Dennoch leuchteten seine Augen  vor Mitgefühl.

Mit einem Keuchen ließ er von ihm ab und sank zu Boden. Er fiel auf die Knie, das Gesicht hinter den Haaren verborgen. Mit der Faust schlug er auf die morschen Balken am Boden, dass es den feinen Mehlstaub aufwirbelte. „Warum musst du mich so quälen?“, zischte er.
„Wenn du gehst ,dann.....“ Er fand keine Worte.

Weil es keine gab. Keine, die den Schmerz hätte beschreiben können, der in Lyschko brannte. Keine, die das Geheimnis der Mühle für irgendjemanden begreifbar oder erträglich gemacht hätten.

„Ich bin es leid, hier zu sein“, schluchzte er. „So leid ...“

„Alles im Leben hat seinen Preis Lyschko." , antwortet Tonda  gefasst. " Wir wollten es so.“

„Wie oft willst du diesen Satz noch wiederholen?“, fauchte Lyschko. „Bis du ihn selber glaubst?  Wie kannst du so ruhig schlafen, wenn du weißt, dass die Grube am Wüsten Plan deine eigene ist?!“ Er rang mit den Händen.

Tonda streichelte zärtlich über Lyschkos Rücken. Sein Nachtgewand war feucht von kaltem Schweiß und klebte an seinem Körper. Dann strich er die  blonden Locken aus Lyschkos Nacken und hauchte seine Lippen darüber.

„Du kannst dir nicht vorstellen, dass es etwas gibt, wofür es sich zu sterben lohnt?“, flüsterte er in sein Ohr. „Etwas, das dich für dein Leben entschädigt."

Lyschko schüttelte den Kopf. Er wollte nicht hören was Tonda sagte.

„Nicht Magie, nicht Macht“, sprach Tonda weiter. „Du.“ Er hob Lyschkos Kinn, so dass er ihn ansehen musste. „Es warst immer du. Und es ist gut so wie es ist."

"Nein , nein...", Lyschko fing an leise zu schluchzen. "Das kann nicht dein Ernst sein."
"Wir verschwinden von hier , komm." , er  versuchte Tonda am Arm in die Höhe zu ziehen.

Aber Tonda rührte sich nicht.

"Bitte Tonda, lass es uns versuchen! Nur noch einmal. Ich bin stark u-und schlau,- wir finden einen Weg.Irgendwie! Nur bitte, ich flehe dich an...ich will nicht ohne dich sein."

Tonda lächelte traurig. dann erhob er sich von seinem Lager und zog Lyschko wieder zurück in seine Arme. Lyschko schluchzte in Tondas Nachtgewand während er sanft seinen Rücken entlang strich.

"Ich bewundere deinen Mut. ", flüsterte  Tonda schließlich.
"Aber ich hatte eine Wahl. Wir beide hatten sie, damals am Johannistag. Wir haben mehr Gnade erfahren dürfen  als manch armer Tor vor uns.  Aber wir haben uns entschieden. Für uns und gegen das Joch. Wir sind soviel stärker als der Meister soviel mutiger.  Ich habe Angst, Lyschko, mehr als du denkst.  Aber keine Angst dauert in mir so lange wie diese Freude.“

Der Wind stimmte ein neuerliches Heulen an, als Tondas  Finger sich in Lyschkos Haaren verfingen. Er lächelte und schloss die Auge. Dann küsste er Lyschko zart und vorsichtig. So wie beim allerersten Mal.

Der Sand in ihrem Stundenglas war beinahe aufgebraucht.  Und jeder Atemzug, jede Geste , selbst der Geruch seiner Haare war soviel schwerer , soviel bedeutungsvoller als alles was vorher war. Es gab keine Zukunft und keine Zweifel mehr. Aber es gab das Hier und Jetzt und es gab seine Haut und seine Lippen und seine Stimme und das Schlagen seines Herzens.
Das wie Donner in der Zeit verhallte...

Als er die Augen wieder öffnete, hatte Lyschko eine Klinge an seine Kehle gesetzt. Sie war blank in seiner Hand, und das Licht der Kerze spiegelte sich in ihr.
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