Escaflowne 2 - Back to Gaia

von julchen87
GeschichteAllgemein / P16
Hitomi Kanzaki Van Fanel
27.12.2008
03.04.2019
60
265857
7
Alle Kapitel
212 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Prolog


Schweißperlen rannen ihr von der Stirn, mit zitternder Hand griff sie nach dem Handtuch, das neben ihr auf der Bank lag, sie fuhr sich damit über Stirn und Nacken, dann seufzte sie lang und tief. Es war klar, dass das passierte, sie hatte das Training zu lange vernachlässigt, natürlich war sie jetzt so erschöpft. Als sie ihre Wasserflasche in die Hand nahm schimmerte darin der Schein der untergehenden Sonne. Sie hatte also wieder einmal einen Tag hinter sich gebracht, das war immerhin etwas. Die letzten Monate waren eine reine Tortur gewesen. Noch einmal seufzend fuhr sie sich über die müden, geschlossenen Augen.
„Es geht dir immer noch nicht gut Hitomi, oder?“ Yukari setzte sich vorsichtig neben sie auf die Bank.
„Es wird ….. besser.“ Hitomi sah sie von der Seite an. „Du bist noch nicht abgefahren? Amano wartet doch bestimmt auf dich, er ist sicher einsam so alleine in England.“ Sie versuchte ein Lächeln.
„Mag sein.“ Yukari lächelte nicht zurück. „Aber ich dachte, du brauchst mich dringender hier.“
„Es ist gut, du kannst gehen. Ich bin erwachsen ich komme schon damit klar.“ Hitomi entfernte das Haargummi aus ihren Haaren, lange braune Strähnen fielen ihr über die Schultern.
„Deine Eltern und dein Bruder sind tot, so einfach steckt man das nicht weg.“ Yukari knetete ihre Hände auf dem Schoß. „Ich meine der Unfall ist fast ein halbes Jahr her, aber ….“ Sie musste abbrechen, sie wusste nicht weiter. Wie konnte man jemanden in so einem Fall aufheitern.
Hitomi stand auf, ihre Beine fühlten sich noch immer zu schwach an um sie zu tragen. Sie hatte es übertrieben, das wusste sie. Sie hatte schon länger keine Leichtathletik mehr betrieben, erst standen die Semesterprüfungen an und dann war ihren Eltern dieser schreckliche Autounfall zugestoßen. Sie hatte laufen wollen, laufen bis sie irgendwo ankam, wo das alles nicht passiert war, oder aber, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach.
„Ich muss es doch irgendwann verarbeiten und du bist jetzt schon so lange hier, du bist gekommen als ich dich angerufen habe, ohne zu zögern oder zu fragen und ich bin dir sehr dankbar, aber du hast auch Dinge zu erledigen. Du hast gesagt, in England beginnen für dich bald auch die Prüfungen, du musst lernen, dich vorbereiten und dich um deinen Freund kümmern. Ich komme schon zurecht, ehrlich.“
Yukari stand auch auf. „Hitomi, ich kenne dich lange genug um zu wissen, dass du mich gerade anlügst. Ich fühle mich nicht wohl dabei dich hier alleine zu lassen.“
Hitomi strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Und wenn ich dich darum bitte. … Ich muss lernen alleine damit zurecht zu kommen, ohne deine oder die Hilfe von irgendwem sonst. Das muss ich auch in Zukunft und je früher ich damit anfange, desto besser.“
Yukari nickte schwach. „Ich verstehe. Aber was hast du jetzt vor? Was wirst du tun?“
„Ich werde wohl noch nicht weiter studieren, ich glaube, ich gönne mir erst mal eine Auszeit, vielleicht ein Semester, vielleicht zwei. Und was ich genau mache …. ich weiß es noch nicht, wir werden sehen.“ Hitomi sah ihre Freundin an und hoffte, dass sie dabei einen halbwegs gefassten Eindruck machte.
„Also gut, aber diese Woche werde ich noch bleiben, denk immer daran, du kannst mich jederzeit erreichen und du gehst jetzt gründlich duschen und zwar schön heiß, ich will nicht das du krank wirst und dann sorge ich dafür, dass du nach all der Anstrengung noch ein vernünftiges Abendessen bekommst, nicht den Tiefkühlkram, den du schon seit Wochen isst. Schon alleine um dich wieder fit zu bekommen.“ Yukari zwinkerte ihr aufmunternd zu und warf Hitomi das Handtuch entgegen.

Yukari hatte nicht etwa selber gekocht, sie hatte sie eingeladen. Hitomi wusste warum. Yukari wohnte seit fast fünf Monaten, als sie sie angerufen hatte, bei ihren Eltern und die waren überglücklich ihre Tochter wiederzusehen und verwöhnten sie. Yukari wollte ihre angeschlagene Freundin diesem Familienidyll nicht außetzen. Sie war ihr sehr dankbar dafür.
Ihre Trainingstasche geschultert schlurfte sie zurück nach Hause, sie war zu Anfang des Studiums in eine eigenen Wohnung gezogen, nicht sehr weit weg von ihren Eltern. Sie stieg in die Straßenbahn und zeigte dem Schaffner eher beiläufig ihr Ticket. Genauso wie in Trance stieg sie wieder aus. Sie wusste, dass sie schon seit Wochen so herumlief, sie war teilnahmslos und nahm bewusst nicht richtig am Leben teil.
Als sie um die Ecke bog und auf ihre Wohnung zuging sah sie, dass der neue Laden in der Straße heute eröffnet hatte, sie hatte ihn schon von Anfang an wie einen Schlag ins Gesicht empfunden. Ein Esoterikladen, der noch dazu mit einer Seherin warb. Sie bemühte sich  nach Kräften nicht in die Auslage zu schauen. Das alles war vorbei, sie hatte das Sehen aufgegeben und sie hatte nach und nach ihre Fähigkeiten verloren, je länger sie von Gaja und Van getrennt gewesen war, desto weniger hatten ihre Gedanken ihn erreicht. Es waren jetzt fünf Jahre, es war viel geschehen bei ihr bisher, sie hatte ihren Abschluss an der Oberschule gemacht, der erste Freund, jetzt war sie schon das zweite Jahr an der Uni, na ja und die Sache mit ihren Eltern. Sie war jetzt zwanzig und seit fast drei Jahren hatte sie die Fähigkeit verloren Van zu spüren. Ihr kamen die Tränen und sie bemerkte, dass sie vor dem Schaufenster stehen geblieben war. Sie machte große Augen, als sie bemerkte, welche Karten des Tatortspiels als Fächer im Schaufenster ausgelegt waren. Der Drache, die Liebenden und der Imperator. Hitomi schüttelte den Kopf. Das war alles reiner Zufall, es funktionierte nicht mehr und würde es auch nie wieder tun.
Als sie die Wohnungstür öffnete schallte ihr eine Begrüßung entgegen. „Na mein Schatz, wie war das Laufen? Geht es dir besser? Ich hab gedacht ich versuch mal zu kochen, nur für dich, damit du was richtiges zwischen die Zähne bekommst. Ich hab Curry gemacht, ich hoffe, es ist nicht zu scharf.“
Hitomi starrte den hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann mit den tiefen braunen Augen an, der hinter einem dampfendem Kochtopf in ihrer Küche stand. Ihr Kater Fussel strich ihr langsam um die Beine, sie streichelte ihn nur fahrlässig, denn es war schon schwer genug ihrem Freund zu zuhören.
„Ich hoffe, du nimmst es mir ich übel, ich habe seit dem Unfall keinen Gebrauch mehr von meinem Wohnungsschlüssel gemacht, aber ich dachte ich überrasch dich mal, ich meine nicht, dass du nicht mehr trauern sollst, aber ein schönes Abendessen kannst du doch mit mir genießen.“
Hitomi starrte ihn nur weiter an, so vielem ungebremstem Redfluss war sie schon lange nicht mehr ausgesetzt gewesen, sie hatte die Hälfte nicht verstanden.
„Ich habe mit Yukari zu Abend gegessen, Sosuke. Sorry.“ Sie warf ihre Tasche in die Ecke und setzte sich auf einen der Barhocker.
„Oh, hmm…“ Sosuke blickte etwas geknickt auf den Topf vor ihm nieder. „Dann werde ich das alles wohl allein essen müssen. Oder ich heb dir was auf, du kannst es sicher noch warm machen.“ Er lächelte sie an und machte sich daran Schüsseln zu suchen um das Curry aufzuteilen. Hotomi stützte sich mit einem Elleboden auf dem Tresen ab und legte ihr Kinn in ihre Hand um Sosuke zu beobachten. Er sah aus wie Van, das war ihr jetzt erst richtig aufgefallen und auch alle anderen mit denen sie zusammen gewesen war, ja jeder den sie getroffen hatte, hatte etwas von ihm gehabt. Was sie jetzt erst begriff war, dass sie nach einer Kopie suchte.
Sosuke stellte eine der Schüsseln zur Seite und setzte sich mit seiner Portion neben sie. „Und wie war es beim Laufen?“
Hitomi antwortete nicht, ihre neue Erkenntnis beschäftigte sie zu sehr.
Sosuke sah sie von der Seite an und zog besorgt die Augenbrauen zusammen. „Ich glaube, dass es ganz gut für dich ist, wenn du wieder was läufst, auf andere Gedanken kommst und so. Dann müssen wir uns noch was für die nächste Zeit überlegen. Ich hab gedacht, wir könnten mal weg fahren, vielleicht mal nicht nach Hokaido sondern richtig weit weg, wie wäre Europa? Wir könnten eine Rundreise machen und uns alles anschauen, wir fangen z.B. in Italien an, wie wäre Rom oder nein Frankreich, Paris die Stadt der Liebe und dann….“
Hitomi hörte nicht weiter zu. Sie hatte tatsächlich nur nach Kopieren Ausschau gehalten, sie hatte versucht Van zu ersetzen. Es war so, als würde man einen billigen Wein im Supermarkt kaufen, weil man sich den teuren europäischen nicht leisten konnte. Man wusste, dass er nie so gut schmecken würde wie das Original, aber es war immer noch besser, als keinen Wein zum Essen zu haben. Dann versuchte man sich einzureden, das er so schlecht gar nicht schmecke, aber das tat er, er sah nur so aus wie der andere und dann versaute er einem noch das Essen.
„Wie ein billiger Wein…“ murmelte Hitomi vor sich hin.
Sosuke wurde in seinem Redfluss unterbrochen. „Was?“
Hitomi sah ihn an. Er war ein netter Kerl, so wie der billige Wein ganz gut schmeckte, wenn man den teuren noch nicht probiert hatte. Wie sollte sie es ihm sagen? Er kümmerte sich so rührend um sie.
„Hitomi?“ Sosuke schien etwas zu ahnen, denn er ließ langsam seine Stäbchen sinken. „Was ist los mit dir?“
„Ich glaube du solltest gehen.“ War alles, was ihr einfiel.
„Willst du alleine sein? Ich gehe nicht gerne, aber wenn du es willst…“ Er machte Anstalten aufzustehen und seine Schüssel weg zu räumen. Hitomi legte ihre Hand auf die seine. Verdutzt setzte er sich wieder.
„Du solltest besser für immer gehen.“ Sofern es möglich war blickte er noch verwirrter. „Ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich habe jemanden in dir gesehen, den ich gerne in dir sehen wollte und …. Ich habe nicht dich gesehen, nicht den netten Kerl, der du bist. Das heißt“ Hitomi seufzte. „ich bin nicht mit dir zusammen, weil ich an dir interessiert wäre, sondern weil eine Stelle in meinem Herzen ausgefüllt werden musste. Das war grausam von mir, ich bin ein schlechter Mensch und ich kann leider nichts weiter tun, als mich zu entschuldigen.“ Hitomi sah ihn zweifelnd an. Natürlich hatte sie ihn verletzt. Es musste für ihn aus heiterem Himmel gekommen sein, aber sie fühlte sich nicht mehr in der Lage es anderes auszudrücken, als wie es war. Vielleicht würde er sie nie verstehen und vielleicht würde sie das selbst nicht können, aber das Verlangen Van wiederzusehen, dass sie bis jetzt immer begleitet hatte, war nach dem Tot ihrer Familie nur noch stärker geworden, sie konnte es nicht ertragen, dass Sosuke so nett zu ihr war, wo sie ihn doch nur ausnutzte. Fussel hatte sich auf der Fensterbank niedergelassen und putze sich in einer Hingabe, völlig ungerührt von dem, was gerade in der Küche geschah.
„Du bist verwirrt, deine Eltern sind tot, denk nach, was du sagst.“ Sosuke war doch aufgestanden.
„Nein,“ Hitomi tat das gleiche. „ich meine es ernst.“
Eine lange Pause entstand. Sie blickten sich an und Sosuke versuchte eine Regung bei seiner Freundin zu erkennen, die ihm bewies, dass sie nur vorrübergehend verrückt geworden war. Hitomi war die erste, die den Blick senken musste. Ihre Stimme was rau als sie wieder sprach. „Geh bitte, ich tue dir Unrecht.“
Sosuke verzog die Lippen zu einem Strich und ging wortlos. Als sie die Tür zuschlagen hörte sank sie auf die Knie und kämpfte ohne Erfolg gegen die Tränen an.
Ihre roten Augen brannten, als sie sich mit einem Becher Eis auf ihr Bett setzte. Warum konnten ihre Gedanken ihn nicht mehr erreichen. Sie hatte mehrere Stunden versucht Van zu spüren, aber es ging nicht, seit drei Jahren funktionierte es nicht, es war kein Wunder, dass es jetzt auch nicht klappte. Aber warum? Gerade jetzt, wo sie ihn so brauchte!? Hitomi nahm einen großen Löffel Eis, daraufhin musste sie heftig husten, es war zu kalt. Keuchend sank sie in die Kissen. Es lag sicher an ihr, sie hatte ein eigenes Leben begonnen, mit viel Arbeit und anderen Männern. Sie hatte Freunde gehabt und sie alle waren nicht Van gewesen. Hatte sie ihn nicht in irgend einer Art und Weise betrogen? Oder…. Hitomi schreckte auf. Er hatte vielleicht eine Frau, jemanden den er liebte, oder auch nicht, vielleicht war sie auch einfach seine Frau. Er war ein König und Könige brauchten Königinnen um Nachwuchs zu zeugen, so war es doch. Die Linie erhalten oder so. Sie drückte ihre Stirn an die kalte Wand neben ihrem Bett und hämmerte mit den Fäusten darauf ein. Das lief alles falsch, es war so nicht geplant, so sollte es nicht sein!
Irgendwann in der Nacht war sie eingeschlafen, zu Mittag war sie wieder aufgewacht, fühlte sich aber nicht danach geschlafen zu haben. Nur ein Gedanke hatte sie beschäftigt: Wie konnte sie zurück nach Gaja gelangen? Sie hatte fünf Jahre lang nicht daran gedacht zurückzukehren, es wäre nur schön gewesen mit Van sprechen zu können, aber jetzt brannte das Verlangen in ihr ihr Leben auf der Erde hinter sich zu lassen. Sie musste etwas tun, was auch immer man in so einem Fall tat, sie konnte nicht zum Reisebüro rennen und eine Reise zu einem fremden Planeten buchen in einer Säule aus Licht. Sie musste recherchieren, mehr herausfinden, es musste Anhaltspunkte geben, sie musste in den neunen Laden gehen und neue Karten und Kristalle kaufen, ja vor allem viele Kristalle, es musste einen geben, der ähnliche Wirkung entfalten konnte wie ihr Anhänger, den Van leider jetzt hatte, das würde ihre Chancen erhöhen. Dann musste sie sehen, ob ihre Großmutter etwas aufgeschrieben hatte, über ihren Besuch auf Gaja und zu ihrer alten Schule musste sie gehen, dort auf der Laufbahn hatte alles angefangen, oder aber zum Tempel. Hauptsache, sie tat etwas und konnte sich auch etwas ablenken.

„Und sie ist schon zwei Tage so?“ Yukari linste um die Ecke in Hitomis Zimmer.
Sosuke nickte. „Seit sie mich hinaus geschmissen hat.“
„Hmm“ Yukari rieb sich die Stirn. „Sie hatte es nicht einfach, ich meine bei allem was in letzter Zeit passiert ist.“
„Yukari hast du sie dir richtig angesehen? Ich habe sie so vorgefunden, als ich meine Sachen abholen wollte. Sie scheint das schon seit zwei Tagen zu machen. Sie faselt ständig etwas von Gaja und einem Van, aber sie wollte mir nicht erklären, was sie meint.“ Sosuke machte eine Pause. „Yukari, wer ist Van?“
Yukari hörte auf um die Ecke zu sehen, richtete sich auf und sah Sosuke an. „Ein Freund nehme ich an.“
Sosuke sah sie skeptisch an. „Wegen ihm vergräbt sie sich in Büchern und wird langsam wirr im Kopf?  Was versucht sie herauszufinden?“
„Ich weiß es nicht sicher, aber ich kann es mir denken.“ Yukari sah zu Boden.
„Dann raus mit der Sprache! Sonst muss ich mir wohl ernsthaft sorgen um sie machen.“
Traurig schüttelte Yukari den Kopf. „Ich denke nicht, dass ich es dir sagen sollte.“
Sosuke stöhnte. „Was ist hier nur los bis vor kurzem war noch alles in Ordnung, ich habe nicht mal eine Begründung bekommen, warum sie mich verlassen will. Meinst du nicht, dass steht mir zu? Zuerst dachte ich, es wäre so was wie ein verspäteter Schock, aber schau dir das an!“ Er sah noch einmal um die Ecke.
„Geh nur und lass mich mit ihr reden.“ Yukari schob Sosuke vorsichtig, aber bestimmt zur Wohnungstür. Er ließ es mit sich machen und ging, es musste ihm alles zu grotesk erscheinen.
Yukari ging langsam wieder zurück in Hitomis Zimmer. Als sie es betrat musste sie darauf achten nicht über die Bücherstapel zu fallen. Auf dem gesamten Bett waren mit Hinweisen versehene Ausrucke ausgebreitet zwischen den Blättern hatte Fussel, Hitomis fetter, rot getigerter Kater, es sich bequem gemacht und neben der gebeugt am Schreibtisch sitzenden Hitomi summte ihr Laptop. Auf dem kleinen Tischen lagen Tarotkarten und eine Reihe von Kristallen. Yukaris Vermutungen schienen sich zu bestätigen. Sie griff nach einem der Bücher, Hitomi drehte sich zu ihr um.
„Atlantis- Mythos oder Wirklichkeit“, laß Yukari laut. Sie hob ein zweites Buch an. „Und griechische Mythologie – Die Göttin Gaja? Meinst du du tust das richtige?“
„Wie meinst du das?“ Hitomi schlug das Buch, das neben ihr auf dem Schreibtisch lag zu.
„Du willst zurück, auf diesen kriegerischen Planeten und zu diesem Kerl.“ Yukari legte beide Bücher wieder auf den Tisch.
„Na ja.“ Hitomi wich Yukaris Blick aus.
„Hitomi, ist das nicht etwas kurzfristig gedacht? Ich meine, was tust du da? Woher willst du wissen, wie es jetzt dort ist und das er keine Freundin hat.“
„Es geht mir glaube ich gar nicht mehr so sehr um ihn.“ Hitomi blickte aus dem Fenster.
„Wie bitte? Ich dachte immer, er wäre das wichtigste dort gewesen?“ Yukari begann in dem Buch über Atlantis vor sich zu blättern.
„Das dachte ich auch und er ist nicht unwichtig,“ Hitomi sah sie nicht wieder an. „aber im Moment denke ich nur daran, dass ich dort neu beginnen kann, dort ist das alles irgendwie nicht geschehen, dort bin ich nicht alleine.“
Yukari fühlte sich wie ins Mark getroffen. „Was soll das heißen?“ Schwungvoll stand sie auf. „Ich bin schon seit fünf Monaten ohne Pause für dich da und selbst der Kerl, den du grausam abgeschoben hast macht sich Sorgen um dich.“ Sie war immer lauter geworden und gestikulierte wild. „Ist das etwa nichts!“
„So habe ich das wirklich nicht gemeint.“ Hitomi sah ihre Freundin jetzt an. Tränen begannen in ihren Augen zu schimmern. „Ich bin euch sehr dankbar, ich weiß, dass du immer für mich da bist, aber du hast dein eigenes tolles Leben und ich habe rückblickend das Gefühl, dass ich keines mehr habe.“
„Das sagst du nur, weil du im Moment noch verletzlich bist, warte noch eine Weile und alles sieht anders aus.“ Yukari setzte sich wieder, dass hier war eine ernste Sache.
Hitomi schüttelte bestimmt den Kopf. „Yukri, was habe ich den hier jemals tolles getan? Habe ich hier je etwas erreicht? Oder erlebt? Aber auf Gaja war alles neu und besonders und auch wenn es durchaus nicht immer angenehm war, ich vermisse es. Da mir jetzt auch hier alles genommen wurde, finde ich, das ist eine logische Konsequenz. Und schließlich habe ich auf Gaia gelernt, dass man sein Schicksal nur dadurch ändert, dass man es anpackt, dass man sich nicht treiben lässt, und das habe ich hier schon wieder falsch gemacht, ich habe mich treiben lassen.“
Yukari sah sie schief an. „Sag mal, hörst du dir selbst zu, wenn du redest?“
Hitomi verzog ihre Mundwinkel missbilligend.
„Schon gut schon gut.“ Yukari hob abwehrend die Hände. „Hätte ich nicht mit eigenen Augen gesehen, wie du in dieser Säule aus Licht abgehoben bist, würde ich dich wirklich für verrückt erklären.“
„Na wenigstens das.“ Hitomi wandte sich wieder dem Buch zu in dem sie bis gerade gelesen hatte.
„Und ich sage trotzdem du musst bedenken, dass vielleicht nicht mehr alles so ist wie es mal war?“  Yukari begann ihrerseits wieder in dem Buch vor ihr zu blättern.
„Wie meinst du das?“ Hitomi drehte sich wieder zu ihrer Freundin um.
„Nun ja, Van ist sicher auch älter geworden, vielleicht hat er Frau und Kinder, vielleicht ist dort auch jemand gestorben, den du kanntest, oder aber die haben wieder Krieg geführt und alles ist zerstört. Würde dich das nicht noch schlimmer treffen? Und dann bist du da, gefangen, und kannst nicht zurück.“ Yukari fuchtelte vor Hitomis Nase mit dem Buch herum.
„Sei nicht so schwarzmalerisch!“  Hitomi nahm ihr der Buch aus der Hand.
„Ich bin nur realistisch.“ Yukari verzog den Mund. „Aber ich kann dich wohl nicht mehr davon abhalten. Wenn du überhaupt etwas herausfindest.“ Sie machte eine Geste, die den gesamten Krempel in Hitomis Zimmer umfasste.
Als Yukari gegangen war ließ sich Hitomi zwischen den Blättern auf ihrem Bett nieder. Was Fussel, der von seinem Platz verscheucht wurde mit einem Empörten Blick quittierte, bevor er mit einem eleganten Satz vom Bett sprang. Yukari hatte recht, die Suche schien wirklich aussichtslos. Sie hatte nur herausfinden können, das Gaja in der griechichen Mythologie die Erde in Gestallt einer Göttin war und, dass  sich daraus die Gaia-Hypothese ableitet, die die Erde und die gesamte Biosphäre als lebenden Organismus bezeichnete. Aber das Gaja, dass sie suchte, war anders als all das, was sie bis jetzt herausfinden konnte. Niemand sonst war je auf Gaja gewesen. Hitomi hielt inne. Das stimmte nicht, ihre Großmutter war dort gewesen, ohne das der Grund dafür ein Krieg gewesen war und Dornkirks seltsames Spiel mit dem Schicksal, hatte damals auch noch nicht richtig begonnen. Sie hielt wieder inne. Er war auch von der Erde gekommen, damit hatte sie schon drei Beispiele. Es musste weitere Menschen geben, die von Gaja wussten, die dort gewesen waren, sie musste sie finden, das war ihre einzige Möglichkeit.

Sie war erschlagen. Sie hatte mehrere Stunden in der Bibliothek der Uni zugebracht, Bücher und vor allem Zeitungsartikel nach Hinweisen durchsucht. Dabei hatte sie ihre wenigen Energiequellen fast vollständig verbraucht, aber sie war glücklich. Sie hatte einen Vorfall vom 20.08.1963 gefunden, in der Zeitung wurde an diesem Tag berichtet, dass eine 32 jährige Frau verwirrt durch die Straßen gelaufen war und von einem anderen Planeten und Lichtsäulen geredet hatte. Der Vorfall hatte sich in Hokkaido ereignet, sie konnte nur hoffen, dass die Dame noch immer dort wohnte oder noch lebte, immerhin musste sie heute 77 sein.

Die Fahrt war lang gewesen, aber sie hatte es beinahe geschafft. Vorsichtshalber schaltete sie das Licht ein. Sie hatte sich ein Auto geliehen um flexibel bei der Suche zu sein. Vorher hatte sie ihre Wohnung zur Miete ins Internet gesetzt, Yukari sollte sich darum kümmern. Unter Tränen hatte sie Fussel ins Tierheim gebracht und angegeben, sie könne ihn nicht behalten, weil sie umzöge und die neuen Vermieter keine Haustiere erlaubten. Sie hatte also alles auf eine Karte gesetzt und das führte dazu, dass sie nun auf dem Weg auf dieser einsamen Landstraße das Gefühl bekam, unter einem enormen Erfolgsdruck zu stehen.
Als sie in Kushiro angekommen war, laut ihrer Recherche der letzte Aufenthaltsort der alten Dame, war sie bereits völlig erschöpft. Ihre Kraft war in letzter Zeit viel zu schnell aufgebraucht. Sie musste sich einen Ort suchen, an dem sie sich ausruhen und übernachten konnte.
Das Hotel in dem sie später eincheckte war eine Absteige, aber es gab wenigstens ein Bett. Nur beim Licht das flimmernden Fernsehers legte sie sich darauf und versuchte ihre Gedanken zu ordnen, sie musste sich überlegen, wo sie morgen mit der Suche begann. Darüber musste sie eingeschlafen sein, denn sie erwachte mitten in der Nacht zu dem grellen, eintönigen Geräusch, dass das nicht weniger grelle Testbild begleitete, das der Fernseher nun zeigte. Hitomi krabbelte auf ihn zu und seufzte erleichtert, als das Gerät, nach Betätigung des Schalters, verstummte. Mühsam schwang sie die Beine aus dem Bett und ging ins Bad, die Neonleuchte an der Decke summte und  brauchte einige Sekunden bis sie flackernd anging. Sie kniff die Augen zusammen und tastete sich zum Wachbecken vor. Sie wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser und griff nach dem Handtuch neben dem Becken. Es war klamm und roch muffig, aber sie trocknete sich trotzdem damit ab. Sie stützte sich mit beiden Händen auf dem Wachbecken ab und sah sich im Spiegel, dem die untere linke Ecke fehlte, an. Missmutig verzog sie den Mund, ihr gefiel nicht, was sie sah. Sie hatte abgenommen, dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab und ihr Blick hatte etwas starres. Sie seufzte und sah hinunter auf das Waschbecken in dem das Wasser immer noch langsam und glucksend ablief. Sie war sicher nicht mehr das Mädchen in das Van sich verliebt hatte. Sie hatte sich in jeder Hinsicht verändert, sie war verbissen und verstockt geworden. Plötzlich mochte sie sich selbst nicht mehr, sie war rücksichtslos gewesen, zu Yukari und auch zu Sosuke. Ihre Knie wurden weich und ihr kamen die Tränen. Würde sie so vor Van treten würde er sie verabscheuen und verscheuchen. Sie würde es selbst tun. Ihre Knie gaben nach und sie sank vor dem Waschbecken zu Boden. Aber was sollte sie tun? Sie konnte nirgendwo anders hin. Sie wollte nirgendwo anders sein. „Hol mich zurück Van. Hohl mich zurück!“, jammerte sie und rollte sich zusammen.

An einem ganz anderen Ort, weit weg von dort wo Hitomi die Nacht alleine und sich quälend auf dem Boden eines Hotelbadezimmers verbrachte, konnte ein junger Mann keinen Schlaf finden, da er meinte eine Verbindung wieder gefunden zu haben, die er seit Jahren schmerzlich vermisst hatte. Er wälzte sich voll Unruhe hin und her, bis vor seinem Fenster der Mond der Illusionen der Sonne und dem Tag Platz machte.
Review schreiben