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Es hätte alles anders sein können

GeschichteAllgemein / P12 Slash
14.12.2008
14.12.2008
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Chronologie: Findet kurz nach dem Ende des achten Bands statt. Anscheinend konnte ich mich nicht damit abfinden, dass Laura Joh Rowland den Faden in ihrem eigenen Roman verloren hat, dafür aber Hoshina in den späteren Bänden zum Inbegriff des primitiven Bösen hochstilisiert. In diesem Fall habe ich mal angenommen, dass beide von ihr genannten Trennungsgründe zutreffen.

Krachend wurden Blätter, Notizen. Dokumente, Schreibutensilien und ein Tuschestein in einem Schwung vom Tisch gefegt. Das Maß der Verwüstung war klein – zusätzlich zu allem, was noch frustrierend und zornerregend war, fand er nicht mal ein Ventil für seine Unversöhnlichkeit.
Verdammte Sentimentalität!
Mit den Ohren voll rauschendem Blut marschierte Sogoru Hoshina erbost in seiner Schreibstube auf und ab. Sein sonst glattes Gesicht war zu einer Maske mahlender Wut erstarrt, und der Polizeikommandeur brauchte mehrere Minuten energischen Herumlaufens, bis er überhaupt in der Lage war, seine zusammengepressten Kiefer voneinander zu lösen und tief durchzuatmen. Draußen erstreckte sich die ruhige, frühwinterliche Nacht. Erst jetzt begann er zu frieren.
Hoshina beäugte das Chaos auf seinem privaten Schreibtisch mit grimmiger Genugtuung. Selbst, wenn er wollte – er konnte keinen erbärmlichen, liebeskranken Brief schreiben. Der Tuschestein war gesplittert. Es ging immer besser, das Leben. Er schlief mehr und konnte seine alte Überheblichkeit wiederbeleben.
Das besänftigte ihn allerdings nicht, wenn er gerade ein aufreibendes Bankett hinter sich hatte. Und zwar von gleich drei Seiten aufreibend. Hoshina war am Ende seiner Beherrschung.
Es war weniger demütigend als erwartet gewesen, wieder in den Dienst von Fürst Matsudaira einzutreten. Zwar beobachtete der Fürst ihn mit distanzierter Argwohn, doch den Polizeikommandeur als Verbündeten und Spannungssender hatte er nicht abgelehnt. Nicht zuletzt wegen des Vertrauensbruchs hatte er nicht versucht, das sexuelle Verhältnis zu Hoshina wieder aufzubauen. Womöglich empfand er Ekel gegenüber dem Ex-Geliebten seines größten Feindes. Hoshina zog es vor, darüber nicht nachzudenken. Sein Ehrgeiz war für den Moment befriedigt, und er war beschäftigt genug damit, seine Machtstellung zu halten.
Dennoch hatte es ihn erschöpft, die Gegenwart von Matsudaira zu ertragen. Sie hatten wenig geredet, und Matsudairas Gedanken hatten sich vermutlich viel eher um den vergangenen, aber nicht vergessenen Tod seines Neffens gedreht. Hoshina verfluchte sich für sein subtiles Unbehagen, das dem ein oder anderen nicht entgangen sein konnte. Egal, ob Matsudaira und er nun nur noch Herr und Gefolgsmann waren – er hatte begonnen, in älteren, mächtigeren Männern Arima Nagisa zu sehen. Und es war ihm völlig egal, ob nicht jeder dieser Männer korrupt und pädophil war – er hasste sie. Alle.
Bis auf einen.
Kammerherr Yanagisawa war der mächtigste Mann Japans, und auch er war älter als Hoshina. Und in ihm sah er trotz aller Bemühungen nicht die Gestalt seiner Alpträume. Hoshina hegte einen schwelenden Hass auf ihn, doch er war nie Gegenstand von Alpträumen oder unterbewussten Ängsten. Er war... da, in all seiner glorreichen Großartigkeit, die jeden in seiner Nähe unbedeutend und primitiv erscheinen ließ.
Ein Mal hatten sich ihre Blicke getroffen. Yanagisawa war absoluter Herr der Lage, ein Sinnbild der Ruhe und... Reue? Die Erinnerung an seine ausgestreckten Hände, den flehenden Unterton, das erstmalige Eingeständnis eines Fehlers hatte Hoshina den Brustkorb zusammengepresst, und er hatte den Kopf sofort gesenkt und mühevoll durchgeatmet, um seine Panik in den Griff zu bekommen. Panik. Er bekam Panik, wenn er seinem ehemaligen Geliebten in die Augen sah, ohne dass einer von ihnen die Chance hatte, Überlegenheit zu demonstrieren oder scharfe, ätzende Worte abzufeuern.
Welch unbeschreibliche Ironie.
Hoshina war sicher, dass sie bitterer Hass verband, und sobald ihnen ihre faszinierenden Waffen der Politik und boshaften Sprache genommen waren, degenerierte die Situation zur lächerlichen Karikatur einer Theatervorführung. Zweifellos hatte Matsudaira sich den Sieg nicht nehmen lassen, Yanagisawas Reaktionen darauf zu beobachten, dass er sich mit dem Polizeikommandeur auch nicht hätte aussöhnen können, wenn er dazu bereit wäre. Was er wohl nicht war.
Aber was Hoshina erst mit dem ohnmächtigen Zorn erfüllt hatte, der ihm jetzt die Kehle zuschnürte und seinen eigenen Herzschlag in seinem Kopf dröhnen ließ, war die Anwesenheit von Yoritomo, Yanagisawas Sohn.
Ein halbes Kind, grenzenlos dumm und bemitleidenswert blind und formbar. Natürlich war Yoritomo eine perfekte Marionette mit seiner eleganten Schönheit und dem bedingungslosen Gehorsam. Und er machte das Ringen um die Gunst des Shogun zweifelsohne zu einem nervenzehrenden Kraftakt, aus dem Yanagisawa als Sieger hervorzugehen drohte.
Was Hoshina viel mehr quälte, war die enorme äußere Ähnlichkeit zu seinem Vater. Hoshina fühlte sich nicht zu ihm hingezogen, nicht im geringsten, doch es war ihm gänzlich unmöglich, in Yoritomos Gegenwart eine unterschwellig feindselige Bemerkung oder Beleidigung fallen zu lassen – es ging nicht. Es hätte alles anders sein können.
Sobald Yoritomo den Mund aufmachte, stach der Unterschied für jemanden wie Hoshina klar hervor. Solange er es nicht tat, kam Hoshina nicht davon los, dass auch Yanagisawa der Geliebte des Shoguns gewesen war. Was nicht nur Grund, sondern ein ganzer Antrieb für rasende Eifersucht gewesen war.
Allmählich ließ das Tosen in seinen Ohren nach. Mit einem zittrigen Atemzug lehnte der Polizeikommandeur von Edo sich gegen die Tür zu seinen Privatgemächern. Er konnte sich nicht recht dazu bringen, schlafen zu gehen, obwohl er morgen mehr als genug Beschäftigungen haben würde. Wenn seine Spitzel das richtig überbracht hatten, hatte sôsakan Sano es mal wieder vollbracht, mit einem brisanten Mordfall beauftragt zu werden, und Hoshina wollte, wenn er diesen schon nicht vor seinem Rivalen lösen konnte, ihm wenigstens Steine in den Weg legen.
Es erfüllte ihn mit nichts. Es gab niemanden mehr, der seinen Hass teilte, mit dem er über Politik, Kunst, Musik oder Theater reden konnte, der den Sinn für Humor hatte, der Hoshina gefiel, der einen scharfen Verstand hatte und nicht langweilig wurde.
Es gab niemanden mehr, der ihn liebte.
Sein Blick irrte zurück zu dem verwüsteten Schreibtisch. Er hatte einen Reservetuschestein.
Mit einem Ruck riss er die Tür auf, an die er sich zuvor gelehnt hatte, und knallte sie geräuschvoll zu. Wie tief wollte er eigentlich noch sinken, er, der keine Schuld trug?! Privates Glück hielt nie lange, nicht mal Sanos tat das. Ein schwacher Trost, zugegeben.
Mit einem resignierten Schnauben zog Hoshina seinen gefütterten Seidenumhang aus und warf ihn achtlos auf den Boden. Nicht zum ersten Mal gestattete er sich flüchtig, sich nach der Villa am Fluss zu sehnen. Er war nie jemandem so nahe gewesen, so ungeteilt, so offen gewesen. Das war kein Dauerzustand, selbstverständlich, und das durfte es auch nicht. Alles wunderbar arrangiert.
"Und wenn ich auch mein Leben lang ein Ränkeschmied gewesen bin – niemals würde ich den Mann täuschen, dem all meine Zuneigung gilt und der mich um meinetwegen mochte. Ich will Euch meine Liebe beweisen."
Hoshina lächelte kurz und freudlos. Was für leidenschaftliche Worte. Kaum zu glauben, dass er sie mal ernst gemeint hatte. Bis morgen würde er seine Sentimentalität wieder los sein, bis dahin würde er es aushalten.
Er hätte gern noch ein Bad genommen, doch dafür musste wohl oder übel morgen noch Zeit sein. Hoshina ließ sein Haar offen und war dankbar, dass er es nicht mit Öl eingerieben hatte wie sonst – wie zynisch, er hatte einfach keinen Grund gesehen, Enthusiasmus in dieses Bankett zu investieren – und streifte seine Schlafrobe über. Das Kohlebecken in seinem Zimmer verbreitete einlullende Wärme, und er fühlte sich fast befreit. Musste der Restalkohol sein.
Kein nächtlichen Ausflüge. Keine geflüsterten Gespräche. Keine süßlichen, halblauten Worte. Nicht mal der Geruch von Pfeifentabak, der Hoshina immer gestört hatte. Leider konnte man dem mächtigsten Mann Japans nicht verbieten, in seinen eigenen Gemächern zu rauchen.
Entfernt hörte er noch ein paar Stimmen und Schritte. In Matsudairas Residenz war es zu Hoshinas Leidwesen nie ganz still, und es schlief auch nie jeder.
Er hatte genug davon, Vergleiche zu ziehen.
Ein kühler Windhauch strich durch das Zimmer und brachte ein wenig von Miyako zurück. Auf der Schwelle zum Schlaf glaubte der Polizeikommandeur sich für einen traumverschleierten Moment in seiner Heimatsstadt, die Polizeistuben der yoriki und die Burg Niyô. Er vermisste nicht die kaiserliche Hauptstadt direkt. Er vermisste lediglich die große Distanz zu Yanagisawa.
Es hätte alles anders sein können.

(Man kann es da belassen. Man kann auch einen Krimi daraus machen.)
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