Weihnachtsshopping

von Shirocco
GeschichteRomanze / P6
Claudia Brown / Jenny Lewis Nick Cutter
06.12.2008
06.12.2008
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Wieso tat sie sich das hier eigentlich an? Diese Frage stellte Jenny sich schon, seit sie losgefahren war. Sie wohnte schließlich allein, wozu also brauchte sie so etwas Kitschiges und Unnützes wie Weihnachtsdekoration? Was tat man nicht alles, wenn der Psychologe meinte, dass es richtig und wichtig wäre... Denn genau das war der Grund, weshalb sie an diesem klirrend kalten fünften Dezember durch London lief, um Räuchermännchen, Nussknacker und Lametta zu kaufen. Und bis jetzt hatte sie nur wenige Dinge gefunden, die ihr weder zu sentimental noch zu teuer waren. Gerade mal eine kleine Tüte hatte sie in der Hand, in der sich ein paar Räucherkerzen befanden.
Nachdem ihr Verlobter vor zwei Monaten gegangen war, hatte Jenny kurzentschlossen alles, was ihm gehört hatte, weggeworfen, was auch die komplette Sammlung an Weihnachtsdeko mit eingeschlossen hatte. Noch so ein grandioser Tipp des Psychologen, der gemeint hatte, sie müsse sich von allem trennen, was ihrem Ex gehört hatte. Na ja, die schlechteste Idee war es ja nicht gewesen, so hatte sie wenigstens Platz für etwas Neues. Aber ausgerechnet am Freitag vor dem zweiten Advent zu gehen, war vermutlich wirklich nicht ideal. Diese Menschenmassen! Ständig wurde sie angerempelt und sie hatte das Gefühl, dass selbst das Starten eines Düsenjets direkt neben ihr leiser wäre als dieses vorweihnachtliche Geschnatter und Gegacker.
„Entschuldigung, Miss.“
Schon wieder so ein Drängler; aber wenigstens hatte er sich entschuldigt. Halt; diese Stimme, das war doch...
„Jenny!“
„Cutter!“, meinte sie nicht minder überrascht, „Was machen Sie denn hier?“
„Einkaufen. Na ja, ich versuche es zumindest, aber bei den Massen...“
Die beiden standen inmitten einer Fußgängerzone, die dieser Bezeichnung alle Ehre machte. Dadurch, dass sie in keine Richtung mit dem Strom flossen, stießen noch mehr Menschen gegen sie. Als eine Frau Jenny ihre Einkaufstasche- natürlich aus Versehen- mit voller Wucht in den Rücken rammte, hatten die beiden genug und sie drängten sich durch die Masse zu einem kleinen Café. Dort bestellten sie jeder einen schwarzen Kaffee, um sich etwas aufzuwärmen.
„Und, Sie sind auch beim Deko kaufen?“, fragte Nick mit Blick auf Jenny’s Tüte.
„Ich versuche es. Aber das beste Datum ist heute wahrscheinlich nicht für einen gemütlichen Einkaufsbummel. Sie scheinen aber noch nicht viel gefunden zu haben.“
Im Gegensatz zu ihr hatte Nick noch gar nichts gekauft, er trug nicht mal eine kleine Tüte.
„Tja, ich bin halt wählerisch.“, meinte er schmunzelnd.
„Sie müssen ja auch nicht Ihre komplette Wohnung neu dekorieren.“
„Sagen Sie bloß, Ihr Verlobter hat sogar die Weihnachtskartons aus dem Keller mitgenommen!“, entgegnete Nick gespielt entrüstet.
„Nicht ganz...“, erwiderte sie und erröte leicht, „Ich... habe sie weggeworfen. Ein Rat meines Psychologen.“
Nick lachte.
Und dann hat er Ihnen geraten, neue Deko zu kaufen, stimmt’s?“, fragte er verschmitzt. Völlig untypisch für sie errötete Jenny noch mehr. Was war nur los mit ihr? War ihr Gehirn eingefroren oder warum fiel ihr nicht wie sonst auch eine schlagfertige Antwort ein?
„Ja.“, meinte sie deshalb einfach nur und fügte nach kurzer Pause noch hinzu: „Ich glaube fast, er arbeitet eigentlich für Harrod’s.“
Na geht doch, langsam schien sie wieder aufzutauen. Sie tranken beide ihren Kaffe aus und Jenny machte sich fertig zu gehen.
„Na dann, ich muss wieder los.“
„Warten Sie, Jenny. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie begleite?“
Verdutzt sah sie Nick an. Er wollte mit ihr Weihnachtseinkäufe machen?
„Nein, überhaupt nicht.“, antwortete sie, noch ehe sie sich wirklich entschieden hatte. Sie bezahlten ihre Kaffees getrennt und machten sich dann auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit schwammen sie wieder im Strom mit. Auf einmal nahm Jenny Nick’s Hand und er sah sie verwundert an.
„Nicht, dass ich Sie in der Masse verliere.“
Sie wusste auch nicht, woher dieser spontane Entschluss kam, doch es fühlte sich gut an, mit ihm Hand in Hand durch die winterlichen Straßen zu schlendern.
Sie blieben an fast jedem Schaufenster stehen, sahen sich unzählige Nussknacker, Räuchermännchen und Kerzenpyramiden aus Holz an, befanden sie als zu kitschig oder völlig überteuert und gingen weiter. Währenddessen erzählten sie sich gegenseitig von ihren schönsten und lustigsten Weihnachtsfesten und den unpassendsten Geschenken. Jenny zum Beispiel hatte, als sie 12 gewesen war, eine Barbiepuppe geschenkt bekommen, obwohl sie sich ein ferngesteuertes Auto gewünscht hatte. Und Nick hatte einmal alle Knallbonbons - ein typischer Spaß zu Weihnachten in Großbritannien- geklaut und sie alle in seinem Zimmer zusammen mit seinen besten Freunden geöffnet.
So liefen die beiden erzählend und lachend durch die Straßen, bogen langsam ab von den hell erleuchteten Einkaufsmeilen und waren schließlich in einer kleinen Gasse angekommen, in der sie von einem matten Licht förmlich angezogen wurden. Sie gingen darauf zu, es war ein kleiner, unscheinbar wirkender Laden, doch das Schaufenster war einfach einmalig. Während die anderen Shops einen mit ihren grellen Lichterketten blendeten, strahlte dieses Geschäft mit seinen vielen kleinen Kerzen ein angenehm warmes Licht aus. Die Glocke an der Tür klingelte leise, als sie eintraten. Auch im Laden herrschte ein magisches Zwielicht. Er war vollgestellt mit allerlei Regalen und geradezu ging es in einen pechschwarzen Gang hinein, der, so vermutete Jenny, ins Lagerhaus führen musste.
„Guten Abend.“, ertönte plötzlich eine rauchige Stimme aus der Dunkelheit. Dann löste sich eine kleine Gestalt aus den Schatten und vor den beiden stand ein uralt aussehender Mann.
„Guten Abend.“, grüßten Nick und Jenny fast gleichzeitig. Sie sahen sich an und lächelten leicht.
„Haben Sie schon jemals etwas wahrhaft Weihnachtliches gesehen?“, fragte der Mann unvermittelt.
„Ähm...“, meinten beide verdutzt.
„Noch nie? Dann folgen Sie mir doch bitte.“
Damit ging er voraus und den beiden blieb nichts Anderes übrig, als ihm zu folgen. Sie schienen immer tiefer in die Dunkelheit hineinzugehen, konnten aber trotzdem die groben Umrisse ihrer Umgebung erkennen. Auf einmal blieb der alte Mann stehen und trat einen Schritt zur Seite. Vor ihnen strahlte plötzlich ein schummeriges Licht, sie hörten ein leises Klingeln und neugierig traten die beiden näher. Sie sahen eine Art Kerzenpyramide, allerdings nicht so eine aus Holz und mit Figuren in der Mitte; nein diese hier war völlig anders. Sie hatte zwar auch Flügel, die durch die Kerzenwärme angetrieben wurden, aber sie war komplett aus Metall. In der Mitte ragte eine silbern glänzende Stange nach oben, auf die vier Flügel gesteckt waren. An ihnen waren vier Engel im Kreis angebracht, die sich, wenn die Kerzen entzündet waren, mithilfe der aufsteigenden Wärme drehten. Jeder der Engel hielt einen kleinen metallenen Zauberstab in Richtung der Kerzen und diese Stäbe schlugen sanft gegen vier Glocken, die kurz unterhalb der Engel fest angebracht waren. Diese ganze Konstruktion war auf eine Silberplatte geschweißt und sah wirklich weihnachtlich aus, das fand sogar Jenny.
Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte dieses sanfte Geräusch ewig anhalten können, doch da blies der Mann die Kerzen vorsichtig aus und wieder standen sie in seltsamem Dämmerlicht. Sie gingen zurück durch Gänge, die den kleinen Laden unendlich groß erscheinen ließen, bis sie schließlich wieder im Verkaufsraum angelangt waren.
„Schön, nicht wahr?“, fragte der Mann mit seiner rauchigen Stimme.
„Ja, das ist es wirklich. Was kostet es?“
Jenny wollte dieses kleine Glockenspiel haben, das war genau das, was sie gesucht hatte.
„Es ist nicht zu verkaufen. Ich wollte Ihnen nur etwas wahrhaft Weihnachtliches zeigen.“
„Aber, ich würde Ihnen alles zahlen.“
„Es freut mich, dass Sie meine kleinen Engel mögen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Und fröhliche Weihnachten.“
Und damit standen die beiden auch schon wieder auf der Straße.
„Was war das denn gerade?, fragte Jenny verdutzt.
„Ich weiß auch nicht so ganz...“, gab Nick zu, „Na kommen Sie, wir gehen. Vielleicht finden wir ja ein Café, das noch geöffnet hat.“
„Das ist eine gute Idee. Aber bitte eins in der Nähe, ich friere schon wieder.“
Nick schmunzelte und schon eine Straße weiter fanden sie ein kleines Restaurant, das noch geöffnet hatte. Sie suchten sich einen Platz und bestellten beide einen kleinen Imbiss, bei Nick war es ein Salatteller und bei Jenny ein Toast Hawaii. Dazu tranken sie einen lieblichen Rotwein. Sie unterhielten sich wenig, doch obwohl sie schwiegen, war es eine angenehme Atmosphäre.
Plötzlich hörte Jenny eine Uhr schlagen und sah, dass es bereits Abend um elf war.
„Oh, ich muss dann mal los. Der Tag mit Ihnen war wirklich schön.“
„Danke, das fand ich auch.“
Sie bezahlten, dann half er ihr in die Jacke, gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange und sie verabschiedeten sich voneinander. Jenny blieb noch ein Stück stehen, um Nick hinterher zu sehen, dann steckte sie ihre Hände in ihre Manteltaschen und fühlte plötzlich einen seltsamen Gegenstand.
Sie holte ihn heraus und war erstaunt, eine kleine Schachtel in den Händen zu halten. Sie war nicht beschriftet und so öffnete Jenny sie. Was sie sah, veranlasste sie zu einem immer größer werdenden Lächeln. Es war das Windspiel aus dem Laden, auseinander gebaut, da es sonst zu groß für die Schachtel gewesen wäre.

So ging sie nach Hause, öffnete die Schachtel und wollte die Einzelteile herausnehmen, da fiel ein Zettel heraus. Sie nahm ihn hoch und las: „Danke für den schönen Tag. Nick“
Jenny baute das Windspiel auf, zündete die kleinen weißen Kerzen an, setzte sich in ihren Sessel und lauschte verträumt dem leisen Klingeln der Engel.

würde mich echt über Kommentare freuen.
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