Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Action / Kaltstart

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Kaltstart

von Billy Boy
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
30.11.2008
26.01.2009
7
8.829
 
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30.11.2008 1.809
 
Die erste Nacht hatte ich dann in der Werkstatt verbracht. Ich geb’ zu es war nicht gerade das Bequemste, aber immer noch besser als unter freiem Himmel. Am nächsten Morgen wurde ich von TJ geweckt. Er hatte mir was zu beißen mitgebracht und als ich mit Frühstücken fertig war, wollte er unbedingt mit mir reden, also  fragte ich ihn, was los sei.

Er ging mit mir in Richtung des hinteren Ausgangs der Werkstatt und erzählte mir von Daves kleinem Bruder, John. John ist 19 und ungefähr so wie ich mit 17 angefangen hatte. Er veranstaltet mit seinen Kumpels kleine Rennen, bei denen er meistens gewinnt, dabei fährt er nur einen alten Opel A-Corsa.

Der eigentliche Grund dafür, warum mir TJ von ihm erzählte, ist dass ich gegen John ein Rennen fahren soll. Er und die anderen wollen sehen, wie viel an den Geschichten aus Kalifornien dran ist. Ich fragte ihn, warum ich nicht gegen ihn oder Lui oder die anderen fahren kann. Er meinte nur, dass sie niemals ein Rennen gegeneinander fahren würden und sie nun herausfinden wollen, ob sie mir trauen konnten.

Mir war nur unerklärlich, warum ich da gegen John ein Rennen fahren sollte, ich meine er gehört doch eigentlich genau so dazu, oder? TJ meinte, dass John einer von ihnen ist, jedoch wird er bald seinen eigenen Weg gehen, sobald er dafür bereit ist. Als wir dann an der Hintertür angekommen waren, gingen wir nach draußen. Dort sah es ziemlich wüst aus: einige Schrottkarren und haufenweise alte Ersatzteil.

TJ brachte mich zu einem alten Wagen der dort mit herumstand, ein Ford Fiesta aus den 90er Jahren. „Is zwar nicht mehr viel dran und hat auch keine Geheimnisse, aber er springt an. Das ist das einzigste Fahrbare, was wir für dich im Angebot hätten.“ Sagt TJ. Ich sagte nur „Wenn das euer ernst ist, dann guck’n wir mal, was mir noch machen können…“ Also schoben wir den Überreste des Fiestas in die Werkstatt und überprüften die technischen Maßnahmen.

Lui war inzwischen auch schon gekommen, war aber mit dem Honda CRX beschäftigt. Ihre Begrüßung war nur: „Oh, du hast also deinen neue Frau schon kennen gelernt.“ Während TJ und ich an dem Fiesta schraubten, redeten wir noch ein bisschen über die anderen, auch über John. Dabei hatte ich erfahren, dass das Rennen gegen ihn schon am selben Nachmittag sei.

Das überraschte mich ehrlich gesagt und meine Hoffnungen auf einen guten Start in Miami waren wieder ein bisschen zurückgegangen. Also wollte ich noch mehr über John und vor allem sein Auto wissen. TJ erzählte mir ziemlich viel von ihm, zum Beispiel dass er ziemlich aufgedreht ist und eigentlich das ganze Gegenteil von seinem Bruder ist.

Auf sein Wagen war ich besonders gespannt. John meinte, dass er zwar aussieht wie ’ne alte Kiste, aber unter der Haube versteckten sich immerhin 120PS, und dass die Karre nicht wie ein LKW wiegt, war klar. Bis halb Vier hatten wir den Fiesta einigermaßen in Gang gebracht, aber ob er sie das ganze Rennen durchhalten würde, war keinen so richtig klar.

Trotz allen Bedenken sind TJ und ich zu einem Schrottplatz etwa zwei Meilen von der Garage entfernt gefahren. Als wir die Werkstatt verlassen hatten erinnerte mich das an meine Anfangszeit, als wir immer mit solchen Schrottkarten gefahren sind.  „Wir schicken dich nicht gleich beim ersten Mal auf die Straße, nicht dass du schon wieder im Knast sitzt.“ An dem Schrottplatz angekommen öffnete uns ein großer und ziemlich breiter Glatzkopf das Tor.

„Hey Ho Big D“. „Na TJ, alles klar?“ hieß es zur Begrüßung. Big D war der Besitzer von dem Schrottplatz. Ich weiß bis heute nicht wie er richtig heißt, aber TJ und die anderen Jungs hatten ein ziemlich gutes Verhältnis zu ihm. Sein Schrottplatz sah aus wie jeder kleine Schrottplatz in den Staaten: Überall standen alte Karren und bergeweise Ersatzteile übereinander gekracht und der Einzigste, der in diesem Chaos klar kam, war einzig und allein Big D, aber ich hatte mir von TJ sagen lassen, dass er hier so ziemlich alles hat und er weiß genau wo was liegt.

Die Anderen bis auf Lui, die aber auch nur kurz später nachkam, waren schon da und hatten es sich in einer Ecke mit Big D bequem gemacht. Ein paar Meter entfernt von ihnen stand ein weißer A-Corsa und ein relativ kleiner Typ, der sich lässig an den Corsa gelehnt hatte. Das konnte nur John sein, genau so wie ich ihn mir nach der Beschreibung von TJ vorgestellt hatte.

Ich ging mit TJ zu den anderen und begrüßte sie erstmal. „Ey John, jetz komm endlich mal her!“ schrie Dave zu ihm. „Also Mad, das ist John, mein kleiner Bruder. Wir wollen heute mal sehen, was du so auf dem Kasten hast. Die Regeln sind im Prinzip ganz einfach: wer zuerst die Ziellinie überquert, gewinnt. Der ganze Spaß geht dort drüben los“ Dave zeigte auf den Wagen von John, davor befand sich ein auf den Boden gelegtes Absperrband.

„Ihr fahrt dann erstmal gerade aus, dort hinten hinter dem Stapel, wo drei Karren übereinander gestapelt sind fahrt ihr rechts. Danach geht es direkt auf eine rot-gelbe Tonne zu, die wir hingestellt haben. Hinter ihr kehrt ihr um und fahrt wieder in die entgegen gesetzter Richtung. Etwa 200 Meter weiter folgen Serpentinen aus Autostapeln, dort hindurch und danach folgt eine lange Linkskurve und ihr seid wieder hier.

Wer zuerst das zweite Mal die Markierung überfährt, gewinnt. Noch Fragen?“ Von John kam ein einfaches „Geht klar Brüderlein!“. Mir nickte Dave nur zu und zwinkerte dabei, als wäre ihm schon da klar gewesen, dass ich das Rennen gewinne, obwohl ich eigentlich mit diesem Fahrzeug nicht den Hauch einer Chance hatte.

John, Lui und ich gingen in Richtung unserer Wagen, während die anderen es sich wieder bequem machten. Sie fragten alle Dave was er denkt, wer wohl gewinnt. Ich hörte nicht was er sagte, da ich mich auf das Rennen konzentrierte. Als John und ich in unseren Autos saßen starte er seinen Motor zu erst und musste erstmal seine Stärke beweisen, indem er sein Motor richtig hochdrehen ließ.

Es klang wirklich nicht schlecht im vergleich zu meinen, da ich beim rumdrehen des Zündschlüssels schon Angst bekommen hatte, das er nicht angeht, aber es funktionierte glücklicherweise doch. Lui stellte sich in die Mitte von uns und gab das Startsignal. John legte erst einmal einen kräftigen Burnout hin, während ich zu tun hatte, dass ich überhaupt von der Stelle kam.

Auf der ersten geraden war er natürlich erstmal ein gutes Stück vor mir, aber als es auf die Kurven zuging, hatte er auch seine Schwierigkeiten, denn der Boden war aus Kies und Staub und vom driften hatte er anscheinend noch nichts gehört. Aber ich hatte keine Zeit mich über sein Gefahre aufzuregen, denn anstatt in den Kurven Rückstand wett zu machen, flog ich fast aus der Bahn, denn die Reifen hatten anscheinend noch nie Profil und ein Fahrwerk gab es bei dem Auto anscheinend auch  nicht.

Also kam er mir schon wieder entgegen, als ich in Richtung der rot-gelben Tonne fuhr. Das hieß, ich musste zu dem Zeitpunkt schon alles riskieren, um überhaupt noch ein Stück ranzukommen. Also vertraute ich auf die Handbremse. Ich fuhr mir Vollgas auf die Tonne zu, lenkte leicht links ein und zog mit voller Wucht die Handbremse.

Bis auf dass der Arsch zu weit herum kam schaffte ich die 180-Grad-Kurve relativ problemfrei, hätte ich nicht gedacht. Als ich um die Kurve rum war, verschwand John in den Serpentinen, aber auch die schien er nicht gerade perfekt genommen zu haben. Also hieß es nur noch Gas, Gas, Gas. Ohne zu bremsen fuhr ich dann auf die Autostapel zu und hoffte, dass ich mit driften genau so gut durchkommen wie um die Tonne.

Nach dem ersten Stapel rechts, dann gleich wieder links und wieder rechts. Ich weiß nicht wie, aber die Karre war perfekt zum driften. An John war ich wieder etwas herangekommen. Er war zwar schon in der letzten langen Kurve, aber er schien das Rennen nicht mehr allzu ernst zu nehmen. Anstatt sich auf das Rennen zu konzentrieren, feierte er lieber sich selbst und wollte von den anderen bejubelt werden.

Vor dem Ziel konnte ich ihn trotzdem nicht überholen. Doch als er dann vor der ersten Kurve in den Rückspiegel schaute, konnte ich die Nervosität in seinen Augen spüren. Aber um ihn noch zu überholen musste er Fehler machen und ich war mir sicher, dass er welche machen wird. Nach der ersten Rechtskurve konnte er noch geradeso vor mir bleiben und auf der geraden wieder ein Stück Vorsprung rausholen, aber um die Tonne brachte ihn der Vorsprung nichts mehr.

Er hatte viel zu spät gebremst und kam nur sehr langsam um die Kurve und ich nutzte meine Chance und driftete innen an ihm vorbei und lag vorn. Nur kam ausgerechnet jetzt die lange Gerade. John schaffte es mich wieder zu überholen und konnte vor mir in die Serpentinen. Er kam wieder nur sehr schlecht um die Kurven, jedoch konnte ich ihn nicht überholen, weil es zu eng war, aber dafür konnte ich auf die kurze Gerade besser beschleunigen, da er noch halb im schleudern war.

Als es dann in die lange Linkskurve ging, verlor er fast komplett die Kontrolle und hatte es schwer, nicht in die Schrottberge an der Seit zu krachen. Ich gab noch mal richtig Gas und konnte innen an ihm vorbei driften und kam Zentimeter vor ihm ins Ziel. Ich sah nur wir alle sich freuten und klatschten, außer Dave und Brian. Dave blieb cool wie immer und grinste nur ein wenig und Brians Mine änderte sich nicht annähernd.

Als wir ausstiegen kamen Lui und TJ auf mich zugerannt. Lui umarmte mich gleich „Das war super“ und TJ war ebenso begeistert „Voll geil, Alter!“. John war ein bisschen eingeschnappt das er verloren hatte: „Ich hab mich wohl eher selbst geschlagen.“. Dave und Brian kamen dann auch zu uns rüber. Auf dem Weg besprachen sie etwas miteinander, ich hatte keine Ahnung was es hätte gewesen sein können.

Brian sagte gar nichts und Dave ging zu seinem Bruder: „Du musst noch viel lernen Kleiner. Das schnellste Auto bringt keinem Fahrer etwas, wenn er nicht in der Lage ist, sich bis in die letzte Sekunde zu hundert Prozent auf das Rennen zu konzentrieren. Und du solltest anfangen, auch mal unter anderen Gegebenheiten zu fahren, wenn du dein Leben lang nur auf Asphalt fährst, wirst du es nicht sehr weit bringen.“

John versuchte nicht einmal ansatzweise mit seinem Bruder zu diskutieren, da er genau wusste, dass er Recht hat und er schien auch sehr großen Respekt gegenüber ihm zu haben. Dave drehte sich zu mir und sagte nur „Gut gemacht“ Danach machten sich wieder alle auf nach Hause. Lui, TJ und ich fuhren wieder in die Werkstatt und die anderen ließen sich erst einmal nicht mehr blicken.
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