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Waldelfin

von Anthea
GeschichteDrama / P6 / Gen
14.11.2008
14.11.2008
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Sie kniet auf dem weichen Waldboden, hat sich auf ihre Fersen zurückgesetzt. Um sie herum herrscht Stille, als hätte der Wald den Atem angehalten. Der Sturm peitscht dunkle Wolken über den Himmel, fast wie ein Abbild ihrer Gefühle. Nur selten dringt ein silberner Strahl durch die Wolken, durch das Blätterdach, streift ihr Haar, legt eine silberne Strähne in das lavendelfarbene Meer. Ihr Antlitz ist von einem Vorhang ihres weichen, hüftlangen Haares verdeckt. Könnte man es sehen, erstarrte der Betrachter vor Entsetzen; ihre Wangen sind eingefallen, ihre Augen blicklos und leer. Tiefe Furchen hat die Trauer in ihr immerjunges Gesicht gegraben. Sie hält ihre Hände in ihrem Schoß gefaltet, doch so fest ineinander verkrampft, daß ihre Knöchel weiß hervortreten. Von Zeit zu Zeit lösen sich ihre Finger aus der gegenseitigen Umklammerung, damit eine Hand sich vorbewegen kann, aber immer wieder auf halbem Weg in der Bewegung erstarrt. Sie kann ihn nicht mehr berühren, jetzt da alles Leben aus ihm gewichen ist, da sein Licht in die Nebel eingegangen ist.
Zitternd sinkt ihre Hand wieder herab, nur um sich wieder in ihren Schoß zu legen. Nach wenigen Atemzügen hält sie die Finger wieder verschränkt. Ihre Augen sind fest geschlossen, lassen keine Eindrücke in ihren Geist, aber auch keine Regung nach außen dringen. Längst hat sie keine Tränen mehr, die sie vergießen könnte. Nur ihre Wangen glühen heiß und fiebrig. Seit vielen Stunden hat sie ihre Stellung nicht mehr verändert, alle Glieder schmerzen. Sie aber heißt den Schmerz willkommen, hat jetzt die geistige Qual ihren körperlichen Bruder zur Gesellschaft. Nach unendlich vielen Augenblicken, in denen sie nichts wahrnimmt außer ihren Schmerz - nicht den Wind, nicht die aufgehende Sonne, nicht das Erwachen des Waldes - erhebt sie sich langsam und zitternd. Vorsichtig bewegt sie ihre schmerzenden Beine, nimmt es hin, verschwendet keinen Gedanken daran.
All ihr Fühlen und Denken ist von einer Tatsache beherrscht: „Er ist tot.“ Er, dessen Blume sie war. Sie hatte mit ihm ihre Träume geteilt und er die seinen mit ihr. Nun war ihr Herz zerrissen. Sie würde es für immer verschließen, die Bruchstücke aufbewahren, die Erinnerung an ihn, den Schmerz.
Mit fahrigen Bewegungen schichtet sie langsam einen Scheiterhaufen auf - er wollte es so. Mühsam lassen sich ihre schmerzenden Arme zu der Arbeit bewegen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht bettet sie seinen leblosen Körper, die Hülle dessen, was er einst war, auf das harte Holz. Nicht einmal ein „Nurd’dhao...“ will über ihre Lippen kommen. Sie muß nicht mit einer leeren Hülle sprechen, damit er weiß was sie empfindet. Das wußte er immer, er brauchte sie nur anzusehen. Mit gesenktem Blick weicht sie einige Schritte zurück. In einer plötzlichen Bewegung läßt sie ihren rechten Arm hochschnellen. Mit vor Trauer und Schmerz verzerrter Stimme erklingt der Befehl, der den Feuerball von ihren Fingern auf den Weg schickt. Dieser trifft den Scheiterhaufen nur wenige Herzschläge später.
Knisternd beginnt das trockene Holz und schließlich auch der Körper darauf zu brennen. Sie wendet den Blick nicht ab, als die Haut beginnt Blasen zu werfen, und sich von den Knochen löst. Schweigend, ohne eine Regung beobachtet sie, bis alles auf ein kleines glimmendes Häufchen niedergebrannt ist.
Ihr ruhiges Äußeres läßt durch nichts den Sturm erkennen, der in ihrem Inneren tobt, als sie Erde über die Glut schüttet. Am liebsten wäre sie mit ihm verbrannt, aber das hätte Verrat bedeutet, Verrat an dem Versprechen zu ihm, Verrat an ihm. So ist sie nun dazu verdammt zu leben, allein, mit ihrem Schmerz. Ihr Antlitz wird eine reglose Maske bleiben, ihr Herz sich nie mehr öffnen. Schließelich wendet sie sich ab, verschwindet in das Dunkel der neu angebrochenen Nacht.
 
 
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