Überall, nur nicht hier

GeschichteDrama / P18
Guy Irène Karman Loulou Moses
01.11.2008
05.01.2009
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01.11.2008 1.507
 
Obowhl es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, die direkte Fortsetzung zum ersten Oneshot. Dieses Mal auch in einem leichteren, nicht ganz so grausamem Ton

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Erleichterung


Ihm ist kalt.
Zitternd winkelt er die Beine an und zieht die nackten Füße eng an seinen Körper. Mit beiden Armen umschließt er die Knie und legt seinen Kopf über die winzige Lücke, die dort entstanden ist. Seine Nase passt genau hinein, in den Spalt zwischen seinen beiden Knien.
Niedergeschlagen schließt er die Augen und holt tief Luft. Der Ring, der um seine Kehle liegt, scheint mit jedem Augenblick enger zu werden und das Atmen zu erschweren. Er versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass er sich das bloß einbildet, doch ein kleiner Zweifel bleibt. Kann er überhaupt sicher sein? Hier?
Noch immer ist es ihm nicht gelungen, dieses Hier zu bestimmen, oder den Grund dafür, dass er in einem Käfig sitzt, eine robuste Mauer im Rücken und breite Gitterstäbe vor seinem Gesicht. Aber sein Gehirn will auch nicht so recht funktionieren. Jedes Mal, wenn er einen klaren Gedanken fassen will, scheint er ihm zu entgleiten. Es ist unheimlich anstrengend, nicht einfach aufzugeben und die Kontrolle zu verlieren.

„Hey, du bist da, oder?“

Überrascht öffnet er die Augen und hebt den Kopf. Die fremde Stimme ertönt hinter ihm, von der anderen Seite der robusten Mauer. Sie klingt anders als alle Stimmen, die er zuvor gehört hat.
Da waren die leisen Stimmen, die ihm Worte zugeflüstert haben. Das war in einer Zeit, in der seine Welt nur aus schwerelosem Gleiten bestand. Dann waren da die aufgeregten Stimmen, die begeistert miteinander tuschelten, während sie sich über ihn beugten und seltsame Gerätschaften und Werkzeuge durch sein Blickfeld wanderten. Und als letztes waren da die lauten Stimmen – eigentlich nur eine laute Stimme – die ihn anschrie, ihm einbläute zu kämpfen, zu kämpfen und wieder zu kämpfen.
Doch diese Stimme ist anders. Sie trägt Emotionen, die er nur schwerlich bestimmen kann. Was wird das wohl sein? Neugier… Ja, wer immer da auf der anderen Seite der Mauer sitzt, will etwas von ihm wissen. Kein Befehl… Er wird ihn nicht dazu zwingen zu antworten.

„Hm, kannst du mich hören?“

Erschrocken zuckt er zusammen. „Ähm, ja…“

„Gut. Und ich dachte schon, ich hätte mich geirrt.“
Er kann weitere Emotionen in dieser Stimme ausmachen. Angestrengt zerbricht er sich den Kopf darüber, was es wohl für welche sind. Er hat sie gelernt, die Worte, welche dazu benutzt werden, um unterschiedliche Gefühle zu beschreiben. Er hat auch die unterschiedlichen Gefühle gelernt. Es war eine lange Liste. Aber das, was er jetzt in der fremden Stimme hört, gehört zu den letzten Lektionen. Sie haben nicht mehr viel Mühe darauf verwendet. Sie haben sie zu den unwichtigen gezählt. Aber wenn er… Wenn er sich richtig erinnert, müsste es Erleichterung sein. Ist es Erleichterung?
„Hast du einen Namen?“

„Nummer Acht…“, antwortet er automatisch und die Stimme stößt einen Laut aus, den er problemlos zuordnen kann – Missbilligung. „Nein, ich meine einen richtigen Namen.“

Er schweigt. Er hat lange darüber nachgedacht und er weiß, dass es eigentlich üblich ist, sich einen richtigen Namen zu geben. Boris hat schließlich auch einen und Boris redet all seine Mitarbeiter mit unterschiedlichen Bezeichnungen an, nicht mit Nummern.
Doch ihm gegenüber hat er sich noch nie die Mühe gemacht, etwas anderes als Nummer Acht zu sagen. Keiner hat das – außer der Stimme auf der anderen Seite der Mauer.
Er erinnert sich an die Dinge, die er gelernt hat. Ein Wort ist ihm dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Als es um militärische Dienstgrade ging, haben sie auch über die Seefahrt gesprochen. Und da war es, dieses Wort. Es bezeichnet einen Auszubildenden und das ist er doch – ein Auszubildender. Er findet es passend.
Er weiß, dass es auch ein Name ist. Er tauchte in einer der Geschichten auf, von denen sie ihm erzählt haben, dass sie vielen Menschen wichtig sind, und die er deswegen kennen sollte. In dieser Geschichte hat der Name eine wichtige Person bezeichnet, jemanden, der anderen den richtigen Weg zeigt. Er bezweifelt, dass er selbst so wichtig ist, doch den Gedanken findet er schön.

„Ja, Moses.“

„Gut.“ Die Stimme hat einen Klang, der in Moses bisher immer nur tiefste Abscheu hervorgerufen hat – Zufriedenheit. Sie waren immer zufrieden, wenn sich Ergebnisse eingestellt haben, die ihnen gefielen. Ihre Zufriedenheit war meist mit seinen Schmerzen verbunden gewesen. Es ist ein komisches Gefühl, jetzt Zufriedenheit in der anderen Stimme zu hören. „Ich bin Karman.“

Karman… Er fragt sich, ob hinter diesem Namen auch eine Geschichte steckt, doch fragen will er nicht. Er weiß nicht einmal, warum. Was ist das Gefühl in seinem Inneren, das ihn davon abhält?

„Sehr gesprächig bist du nicht, oder?“

„Hm…“

Moses zuckt zusammen, als seltsame glucksende Geräusche auf der anderen Seite der Mauer ertönen. So etwas hat er noch nie zuvor gehört. Erschrocken springt er auf und presst die Hände gegen die Mauer.
„Karman? Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?“

„Ja, ich hatte eben nur einen Anfall unerwarteter Emotionen.“

Moses weiß nicht, was er aus dieser Aussage schließen soll. Ratlos bleibt er stehen, löst seine Finger jedoch von der kalten Wand. „Was machen wir hier, Karman?“

„Kämpfen“, kommt es postwendend zurück und Moses schüttelt traurig den Kopf. „Nein“, korrigiert er sich selbst und ändert seine Fragestellung. „Warum machen wir das?“

„Das müsstest du doch selber wissen. Weil sie es so wollen.“

Entmutigt wendet Moses sich ab und lehnt den Rücken gegen die kalte Wand. Die Kälte schießt durch seinen Körper, doch er blendet sie aus. Langsam lässt er sich zu Boden gleiten und zieht die Beine wieder an den Körper. Traurig lässt er den Blick durch seine kleine Zelle schweifen und wundert sich, warum die Gitterstäbe vor seinen Augen zu verschwimmen beginnen. Erstaunt hebt er die Hand und wischt einen feuchten Tropfen einer unbekannten Flüssigkeit von seiner Wange.
Unwillkürlich verspürt er das Bedürfnis, den Jungen zu sehen, der zu der fremden Stimme gehört, seine Hand zu nehmen und festzustellen, ob sie genauso kalt ist wie seine eigene. Vielleicht ist sie ja auch warm. Vielleicht ist das auch ganz egal.

„Karman, wir sind nicht allein, oder?“ Seine Worte sind nicht mehr als ein Flüstern. Warum klingt seine Stimme mit einem Mal so, als hätte jemand einen öligen Film darüber gelegt? Doch Karman versteht ihn trotzdem.

„Nein, Moses“, verspricht er mit ruhiger Stimme. „Wir sind nicht allein.“




Mit einem Keuchen schlägt Moses die Augen auf. Schmerz jagt durch seinen gesamten Körper und er versucht augenblicklich, sich aufzusetzen. Lederne Schnallen halten ihn davon ab und mit einem erstickten Laut fällt er zurück auf den Tisch, an dem er festgekettet ist.
Erinnerungen kehren zurück, spitze schmerzbringende Metallbolzen, die unter ihm hervorschießen. Panisch zerrt er an den Fesseln. Nicht wieder! Das will er nicht wieder spüren! Er erträgt sie nicht, diese Schmerzen!

„Moses… Moses, beruhig dich! Das ist ein normaler Tisch...“

Die Worte dringen kaum zu ihm durch. Es ist die Stimme, die er erkennt. Sein Kopf ruckt nach links und seine aufgerissenen Augen entdecken Karmans Gesicht, sehen die aufmerksamen grünen Augen hinter den Brillengläsern. Genauso habe ich ihn mir vorgestellt. Der Gedanke, der ihm bei ihrer allerersten Begegnung gekommen ist, kehrt zurück und entfaltet seine beruhigende Wirkung. Vorsichtig bemüht Moses sich darum, seine geballten Fäuste zu entkrampfen.

„Ich habe von deiner Stimme geträumt…“

Wieder ist seine Stimme belegt und wieder ertönen die glucksenden Laute, die Karmans freudloses Lachen darstellen. „Sag doch so was nicht. Jetzt hab ich wirklich Schiss davor, dass sie mir diese Drogen auch spritzen.“

Während der Schmerz in kleinen Wellen durch seinen Körper pulsiert, blickt er Karman an und sieht die Reste getrockneten Blutes an seiner Stirn. Die eigentliche Wunde ist längst verheilt, doch trotzdem ahnt Moses, was vorgefallen sein muss, was Karman für ihn getan hat.
Traurig schließt er die Augen und stellt fest, dass die Nachwirkung der Drogen seinen Selbstheilungsprozess verlangsamt. Trotzdem hat er schon längst nicht mehr die Kraft, etwas gegen seine Fesseln auszurichten. Er kann nur hier liegen und abwarten. Darauf warten, dass sie zurückkehren und weitermachen, wo sie aufgehört haben. Er will es sich nicht vorstellen. Er will nicht daran denken.

„Jetzt schlaf nicht ein.“ Karmans Stimme klingt alarmiert. „Ich habe hier lange genug allein rumgelegen.“

Unwillkürlich fühlt Moses sich zurückversetzt und an seine Fragen erinnert, all seine antwortlosen Fragen. Es sind neue dazugekommen. Täglich scheinen es mehr zu werden. Wieso ist es schlimmer, das hier alleine zu ertragen? Was ist geschehen, dass Karman dazu in der Lage gewesen ist, so viel zu opfern? Warum rückt die Tatsache, dass Karman jetzt hier ist, ein Gefühl in den Vordergrund, von dem sie gesagt haben, dass es unwichtig sei? Gibt es überhaupt eine Antwort auf diese Fragen?

Moses öffnet die Augen und sieht das Gefühl in Karmans Blick widergespiegelt.
Erleichterung.

„Wir sind ja gar nicht allein“, flüstert er leise.

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Tjaja, habe ich jemals eine so lange Rückblende geschrieben? Ich weiß es nicht.

Über Meinungsbekundungen würde ich mich wieder freuen - vor allem über Kritik, da ich so unverschämt war, dieses Stück zu veröffentlichen ohne vorher die Dienste meiner wunderbaren Betaleserin in Anspruch zu nehmen.
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