Überall, nur nicht hier

GeschichteDrama / P18
Guy Irène Karman Loulou Moses
01.11.2008
05.01.2009
2
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01.11.2008 1.530
 
Disclaimer: Die Charaktere habe ich mir für diese Geschichte nur ausgeliehen. Zu verdanken haben wir sie anderen.

Im Folgenden gibt es einige unbeschönigte Szenen, nichts für fröhliche Sommertage und schon gar nichts für kleine Kinder.
Das Rating sei also bitte ernst genommen und vor Blut, Gewalt und Ungerechtigkeit an dieser Stelle gewarnt.

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Überall, nur nicht hier...



“Let’s go.”
“But where to? Moses, where are we going?“
“Anywhere but here…”
 



Schmerzgrenze  

Das Piepen ist monoton. Kurze Signale, in regelmäßigen Abständen, auf dem Monitor werden sie von einem blinkenden Lämpchen und einem immer wieder aufleuchtenden Symbol begleitet. Er weiß es ohne hinzuschauen. Er hat es schon so oft gesehen.
Also hält Moses die Augen geschlossen und wartet. Er merkt, dass das Beruhigungsmittel an Wirkung verloren hat. Er bemerkt, dass seine Kräfte zurückkehren, dass er stärker wird. Es macht ihm Angst.
Trotzdem bemüht er sich, ruhig zu bleiben, nicht zu verkrampfen und zu ignorieren, dass seine Hand- und Fußgelenke mit kalten Schnallen an den Tisch gefesselt sind. Er versucht den breiten Eisenring zu ignorieren, der über seinem Bauch liegt und ihn an die harte Platte in seinem Rücken drückt. Doch so ganz will es ihm nicht gelingen.
Es ist nie zuvor so gewesen. In diesen Räumen haben sie ihn immer unter starke Beruhigungsmittel gesetzt, er war nie dazu in der Lage, klar zu denken. Die Fesseln an seinen Handgelenken waren reine Fassade. Sie hätten sie nicht gebraucht, um ihn ruhig zu halten. Er hätte sich ohnehin nicht rühren können.
Doch jetzt ist es anders. Jetzt spürt er seine Kräfte zurückkehren. Bald werden es nur noch die Fesseln sein, die ihn zurückhalten.
Dieser Umstand macht ihm Angst, denn sie machen keine Fehler. Sie werden etwas damit beabsichtigen. Und Moses hat Angst davor zu erfahren, was es ist.

Er hat Durst, fürchterlichen Durst… Er kann die Geräusche in seiner Kehle hören, bei jedem Atemzug ein trockenes heiseres Röcheln. Was soll das? Seit wann lassen sie ihn verdursten? Das passt nicht zu ihnen. Das passt ganz und gar nicht!
Karman kann ihre Stimmen hören. Sie stehen auf der anderen Seite der Tür – sicherlich kein Zufall – und unterhalten sich. Er hört Nummern, die von Moses, seine eigene, er versteht.
Ihre Worte treffen ihn unvorbereitet. Einen Moment lang ist er perplex, restlos geschockt. Dann gewinnt Wut die Oberhand, rasende Wut. Röchelnd und mit staubtrockener Kehle ringt er nach Atem. Er wird ihnen nicht geben, was sie wollen!  
Die Tür wird geöffnet, Waffen richten sich auf ihn, er wird niemals schnell genug sein. Trotzdem… Karman springt, Schmerz explodiert, er schreit. Dann wird es finster.

Er hört wie ein Riegel zurückgeschoben wird, wie sich ein Schlüssel im Schloss dreht. Moses schlägt die Augen auf. Es dauert einen Moment, bis sie sich an das helle Licht im Raum gewöhnt haben, doch bis die Tür entsichert und geöffnet ist, kann er seine Umgebung deutlich erkennen.
Reglos bleibt er liegen und folgt ihren Bewegungen mit den Augen. Karman… Sie haben Karman hergebracht. Bewusstlos hängt er zwischen ihnen und Moses verfolgt schweigend, wie sie ihn mit den Lederschnallen an die Wand fesseln. Schlaff hängt er dort, als sie ihn loslassen und auf Moses zutreten. Einer von ihnen hält eine Spritze in der Hand.
Moses’ Blick wandert von der Spritze zu Karman und wieder zurück. Er versteht nicht, was sie beabsichtigen.
Dann senkt sich die Nadel in seine Armbeuge und die Männer treten zurück. Wortlos verlassen sie den Raum und nichts geschieht. Kein Mittel, das ihn wieder an den Rand der Bewusstlosigkeit treibt, kein…
Ihm entfährt ein Keuchen und er reißt entsetzt die Augen auf, als das Mittel seine Wirkung zeigt, sein Blut zu pulsieren beginnt, seine Wahrnehmung sich verschärft, es in seinem Kopf zu dröhnen beginnt. Sein gesamter Körper ist in Alarmbereitschaft versetzt und ihm ist heiß, so furchtbar heiß. Sein Atem beschleunigt sich und er kann seinen rasenden Herzschlag hören. Was passiert? Was….?
Dann hört er es. „Moses…“

Sie haben ihn nur kurz außer Gefecht gesetzt. Karman spürt, dass es noch nicht lange her sein kann, als er zu sich kommt. Am Rande nimmt er die Fesseln wahr, die sie um seine Handgelenke geschnallt haben. Lachhaft – das ist ihnen allen bewusst, allen außer Moses…
Karman hört das Keuchen, das nur von ihm stammen kann, und hebt den Kopf. Er sieht die schweren Eisenringe und die Art des Geräts, auf dem Moses festgeschnallt ist. Übelkeit breitet sich in seinem Magen aus, als er Moses’ Namen flüstert.
Keuchend wendet Moses den Blick und sieht ihn an – aus weit aufgerissenen Augen, in denen sich die blanke Angst spiegelt. Hat er es verstanden? Sieht er Karman deshalb so an als wäre er der Teufel höchstpersönlich?
Nein, da ist Panik in Moses’ Augen – die verwirrte Panik vor dem Unbekannten.
„Ich werde ihnen nicht geben, was sie wollen“, flüstert Karman heiser. „Keine Angst.“  

Ruckartig wendet er den Kopf und sieht Karman an. Nur einen Moment lang, einen winzigen, unendlich beschleunigten Herzschlag lang sehen sie sich an, doch dieser Moment reicht aus, um das Wesentliche zu erkennen. Die eingefallenen Wangen, den unsteten Blick, die bereits sehnsuchtsvoll gefletschten Fangzähne.
Moses’ Kehle schnürt sich zu.
Dann spürt er die Bewegung unter sich, unter dem dünnen Tuch, das zwischen ihm und der kalten Tischplatte liegt. Von Beginn an war sie uneben, doch jetzt….
Scharfer Schmerz jagt durch seinen Oberschenkel. Moses schreit auf.
Panisch hebt er den Kopf und sieht den dünnen spitzen Metallpfosten, der sich von unten durch sein rechtes Bein gebohrt hat. Was tun sie? Warum?
Ein zweiter Pfosten schießt durch seinen linken Oberschenkel, ein dritter durch sein rechtes Handgelenk, ein vierter durch seine linke Schulter. Der Schmerz raubt ihm beinahe die durch Drogen geschärften Sinne. Moses schreit.
Blut schießt aus den Wunden, sammelt sich im dünnen Tuch, läuft auf den Boden und jetzt – jetzt – versteht Moses.

Moses schreit und Karmans Verstand droht auszusetzen. Er sieht die Metallpfeiler, sieht das Blut. Er sieht die weit aufgerissenen Augen, hört die schmerzerfüllten Schreie. Automatisch mischen sich seine eigenen darunter.
Wild beginnt er an den Fesseln zu reißen – an den lächerlichen Lederschnallen. Sie sind stärker als er dachte, vergeblich rüttelt er daran, während Moses ein gequältes gurgelndes Geräusch von sich gibt.
Karmans Blick schießt in die Höhe, er sieht den breiten Pfeiler, der aus Moses’ Bauch hervorragt, sieht das Blut daran. Blut… So viel Blut, frisches Blut, Moses’ Blut.
Karman sieht rot. Mit schrillen Schreien beginnt er die Transformation. In seinen Ohren rasselt es beinahe so sehr wie in seiner trockenen Kehle. Seine Gliedmaßen schwellen an, seine Arme reißen die Verankerungen der Fesseln aus den Wänden.

Schmerz. Schmerz dominiert. Wieso ist hier nichts als Schmerz?
Moses will schreien, will weinen, doch nur gurgelnde Laute entringen sich seiner Kehler. Er kann nicht atmen. Schmerz in seiner rechten Schulter. Er kann nicht mehr. Er hält das nicht aus!
Es kracht und scheppert. Ein Schatten fällt über ihn. Moses würgt und blickt in Karmans verzerrtes entstelltes Gesicht.
Nein!

Er will es! Das Blut! Er will es jetzt, er will es alles, bis auf den letzten Tropfen!
Mit einem Laut, der irgendwo zwischen Knurren und Fauchen liegt, beugt Karman sich über Moses.
Ich werde ihnen nicht geben, was sie wollen. Keine Angst.
Moses’ Miene ist eine Maske erstarrten Entsetzens.
Ich werde es euch nicht geben! Nein! Nein, das werde ich nicht!  
Seine Klauen krallen sich um die Eisenringe an Moses’ Handgelenken. Keuchend beginnt er daran zu ziehen. Blut, er riecht das Blut. Sein Kopf senkt sich. Er ist ganz nah. Er kann es…
Mit einem wütenden Aufschrei springt er zurück und reißt die Eisenringe aus ihrer Verankerung.
Ich werde es nicht tun! Ich werde es nicht trinken!  

Karman über ihm, fassungsloses Entsetzen, Angst. Karman wieder fort. Schmerz, so viel Schmerz.
Ein Reißen an seinen Beinen, der Schmerz jagt durch die Wunden an seinen Oberschenkeln. Er kann das nicht, er kann das nicht mehr…
Das grelle Licht des Raumes verschwindet, es dreht sich. Moses sieht nur noch rot. Ein Ruck an seinem Magen lässt ihn nach nicht vorhandener Luft schnappen.
Klauen, er spürt Klauen unter seinem Körper und dann nichts.

Er reißt den Eisenring fort und schiebt die Hände unter Moses’ Körper. Ohne sich Zeit zu zögern zu geben, hebt er ihn empor, zieht ihn von den Metallpfeilern. Mit einem Sprung entfernt er sich vom Tisch, lässt Moses auf den Boden fallen und stolpert zurück. Der Blick in Moses’ Augen ist leer, er regt sich nicht mehr. Blut breitet sich unter ihm aus und Karman weicht zurück. Er dreht sich um, doch er sieht es wieder. Blut, hier ist alles voller Blut.
Ich werde es nicht trinken!
Doch er kann nicht fort, er sieht es, er will es, er braucht es! Mit einem Aufschrei wirbelt er herum und schlägt den Kopf gegen die Wand. Seine Klauen verwandeln sich zurück. Er riecht das Blut. Nein! Nein! Erneut schlägt er den Kopf gegen die Wand, wieder und wieder. Seine Sicht verschwimmt, er taumelt. Mit einem erstickten Laut bricht er zusammen.


Notiz: Objekt 4 zeigt nicht die erwartete Reaktion. Der Überlebensinstinkt ist nicht stark genug ausgeprägt, um den Herdeninstinkt auszuschalten. Objekt 4 hat das Blut eines Artgenossen trotz 36-stündigen Entzugs nicht getrunken.
Objekt 4 und 8 zur Wiederherstellung transferiert.
 


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Meinungsbekundungen und Kritik wären wunderbar und werden dankbar zur Kenntnis genommen.
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