Vampire

von Deira
GeschichteAbenteuer / P18
Vampire
27.10.2008
19.08.2020
200
280.546
6
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01.08.2020 1.233
 
Und es geht, an diesem heißen Tag Anfang August, mit dem nächsten Kapitel weiter. Wie verlockend wäre da ein Bad im Meer von Mallorca, seufz. Aber auch den Vampiren steht nicht der Sinn nach Baden…


Verheerende Begegnung, Teil II (Mallorca, Mai 1981)


Jaime hatte einen Unterschlupf gefunden. Es handelte sich um einen Schuppen, ein Stückchen außerhalb von Cala Millor. Dieser Schuppen gehörte zu einem kleinen Hostal, das aber jetzt, Anfang Mai, noch nicht geöffnet war. Einsam und verlassen lag es da und Jaime hatte bereits daran gedacht, dass er es im Haus wahrscheinlich wesentlich bequemer haben würde als im Schuppen. Aber er ging davon aus, dass das Hostal seine Pforte bald für Feriengäste öffnen würde und wahrscheinlich würde vorher eine Putzkolonne anrücken, um sauber zu machen. Diese Arbeiten würden wahrscheinlich im Haus beginnen und da erschien ihm der Schuppen als der sicherere Unterschlupf.

Jaime streckte sein verletztes Bein aus und versuchte es ein bisschen zu entlasten. Glücklicherweise hatte er im Schuppen einen Werkzeugkasten gefunden. Neben einem Hammer, mehreren Nägeln, einer Schere und einer kleinen Säge befand sich auch ein Messer unter den Werkzeugen.

Er schluckte, aber er brauchte das Messer, um die Kugel aus seinem Bein zu entfernen. Er hatte so etwas natürlich noch nie gemacht und auch nicht viel Ahnung von solchen Dingen. Er war schließlich Kellner und kein Arzt gewesen, als er noch zur Welt der Menschen gehörte. Er zögerte, ehe er da Messer an seinem Oberschenkel ansetzte, aber dieses Holzgeschoss konnte schließlich nicht in seinem Bein bleiben. Dazu waren die Schmerzen, die es verursachte, einfach zu groß.

Eine einfache Wunde, die durch ein Messer verursacht wurde, um die Kugel zu entfernen würde recht bald verheilt sein und war in seinem Fall das kleinere Übel auch wenn er über das, was er nun tun musste, alles andere als glücklich war.

„Jetzt reiß dich zusammen. Du hast eben drei Menschen getötet und jetzt bist du feige….“, sagte er zu sich selber und trotz der Tatsache dass seine Schmerzen im Bein ihn ablenkte wurde ihm bewusst, dass er darum ein schlechtes Gewissen hatte.

Aber sie hatten ihn angegriffen. Vielleicht hätte es eine andere Möglichkeit gegeben. Aber er hatte sich doch auch selber schützen müssen. Hätte er sich umbringen lassen sollen? War es nicht irgendwie so etwas wie Notwehr gewesen?

Dennoch hatte er gegen die wichtigste Regel, die in der kleinen Vampirgruppe, zu der er vor kurzem noch gehört hatte, verstoßen. Menschen wurden nicht angegriffen und verletzt und schon gar nicht getötet. Sein erster Fehler war es gewesen, als er das Blut dieses Mädchens von der Hand leckte und sich dabei ausgerechnet von Vampirjägern beobachten ließ.

Aber jetzt galt es ein Problem nach dem anderen zu lösen. Zuerst musste er nun irgendwie diese Kugel aus seinen Bein heraus bekommen, dann konnte er sich um seine anderen Schwierigkeiten kümmern.



Natürlich waren Ramon, Christian und Florian beunruhigt, als Jaime nicht nach Hause zurück kehrte. Zuerst wunderten sie sich nur darüber, auch wenn ein solches Verhalten sehr ungewöhnlich war. Wäre er ein Mensch gewesen, dann hätte Florian gedacht, dass er möglicherweise ein nettes Mädchen kennen gelernt und die Nacht mit ihr verbracht hätte. Möglicherweise saßen sie jetzt beim Frühstück.
Aber Jaime war nun einmal ein Vampir und er musste sich bis zum Tage an einen abgedunkelten Ort zurück gezogen haben. Daher war die Verwunderung bald der Sorge gewichen. Steckte Jaime irgendwo in Schwierigkeiten? Etwas einfaches wie eine Reifenpanne hätte ihn wahrscheinlich nicht daran gehindert, noch rechtzeitig nach Hause zurück zu kehren. Es sei denn, er hatte sich zu spät auf den Heimweg gemacht und war, nach einer Reifenpanne, von der Sonne überrascht worden.

Immerhin war Christian und Florian doch kurz nach ihrem Einzug etwas ähnliches passiert. Auch sie hatten die Zeit vergessen und hatten es gerade noch rechtzeitig nach Hause geschafft. Auch da war es sehr knapp gewesen, auch wenn zumindest Florian die Sonne nichts ausmachte.

„Ich mache mich auf die Suche nach Jaime, während ihr schlaft. Vielleicht finde ich ja wenigstens unser Auto“, sagte er zu den anderen und machte sich auf den Weg ins Dorf, um vorn dort aus den Linienbus nach Cala Millor zu besteigen, der zu seinem Glück wenigstens hin und wieder fuhr.

Florian schlenderte wie ein gewöhnlicher Tourist an der Strandpromenade entlang. Einige Urlauber lagen am Strand und ein paar Kinder bauen eine Sandburg. Zwei kleine Mädchen hockten im Sand und spielten mit einem Sandeimer.
Und ein anderes Kind hatte sich an einer Strandbude ein Schokoladeneis geholt. Aber die Urlauber interessierten Florian nicht sonderlich, denn Jaime würde er kaum zwischen ihnen finden. Etwas anderes erregte seine Aufmerksamkeit.

Es waren mehr Polizisten als gewöhnlich an der Strandpromenade unterwegs und aus den Gesprächen einiger Touristen und eines Ladenbesitzer, der einem Kunden eine Luftmatratze verkaufen wollte, während Florian in der Nähe stand und ein paar Schwimmflossen begutachtete, erfuhr er, dass es in der Nacht zuvor drei Tote gegeben hatte. Genaueres wusste niemand, aber die drei Männer waren keines natürlichen Todes gestorben.

Florian dachte sich seinen Teil und er wurde mit einem Mal wütend. Hatte Jaime etwas damit zu tun? Er hielt dies für sehr wahrscheinlich. Irgend einen Grund hatte der andere Vampir wahrscheinlich für sein Verhalten gehabt. Aber welchen? Und rechtfertigte sein Grund es, dass seine Artgenossen unter Umständen ihr Zuhause aufgeben mussten?

Vielleicht würde Florian von Jaime in Cala Millor keine Spur mehr finden. Möglicherweise hatte dieser es vorgezogen, das Weite zu suchen, um dem Ärger mit seinen Mitbewohnern zu entgehen.

Stattdessen hielt er Ausschau nach dem Auto des Vermieters, das Jaime schließlich irgendwo geparkt haben musste, sollte er sich noch in Cala Millor befinden. Der Bus, mit dem Florian in den Urlaubsort gefahren war fuhr dieselbe Strecke, die Jaime höchstwahrscheinlich für die Fahrt nach Hause genommen hatte, wenn er sich denn auf den Heimweg gemacht hatte. Aber nirgendwo am Straßenrand hatte der Wagen gestanden.

Daher ging Florian davon aus, dass er das Auto wahrscheinlich in dem Urlaubsort finden würde. Wahrscheinlich würde Jaime in der Nähe des Strandes oder der Bars und Lokale fündig werden. Und so war es schließlich auch.
Der Wagen war in einer Seitenstraße, die zum Strand führte geparkt und erleichtert öffnete Florian ihn mit dem Ersatzschlüssel, den er glücklicherweise mitgenommen hatte.

Zumindest das Auto hatte er nun gefunden. Auf Jaime traf dies leider nicht zu und er fragte sich nun mit einem gewissen Anflug von Sorge, ob dem anderen vielleicht etwas zugestoßen war und ob er nicht nur aufgrund des Vorfalls mit den drei Männern nicht zurück gekehrt war.

War es Notwehr gewesen? Hatte Jaime sich in Gefahr befunden? Auch wenn er ein wenig leichtsinnig war, traute Florian ihm eigentlich nicht zu, aus bloßem Spaß Menschen anzufallen und zu töten und die Leichen dann so offen liegen zu lassen.

Sollte Jaime etwas damit zu tun haben, war es richtig, sich zuerst einmal Jaimes Version der Geschichte anzuhören. Schließlich hatte sogar Christian, der sicherlich der friedlichste Vampir unter dem nächtlichen Sternenhimmel war, einmal einen Menschen getötet und es war nicht aus Mordlust geschehen. Und hatte er selbst nicht auch seinen Chef, den Bäckermeister, angefallen, nachdem dieser ihm eine Ohrfeige gegeben hatte?

Er konnte sich, im Gegensatz zu Christian, nicht einmal mit einer Notsituation herausreden. Er würde jetzt mit dem Wagen nach Hause fahren und mit den anderen sprechen. Vielleicht gab es ja auch eine ganz andere Erklärung, die nichts mit den Toten zu tun hatte und Jaime würde spätestens am Abend zurück kehren.

Aber Florian glaubte nicht wirklich daran.
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