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Vampire

von Deira
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
Vampire
27.10.2008
19.08.2020
200
280.546
6
Alle Kapitel
451 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.05.2020 1.339
 

Hier folgt nun ein neues Kapitel. Elke wird mit einer ganz anderen Art von Horror konfrontiert


Besuch vom Jugendamt (Dezember, 1980)



Elke blickte die Frau, die vor ihrer Tür stand, überrascht an und war im ersten Moment davon überzeugt, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handeln konnte. „Jugendamt? Was möchten Sie denn bei uns?“

Die Dame lächelte sie bedauernd an und ihr schien die Sache auch unangenehm zu sein. „Wir wurden darüber informiert, dass Sie ihre Kinder, Sandra und Silke, vernachlässigen und häufig sich selber überlassen. Ich würde die beiden gerne einmal sehen und mich vergewissern, dass es ihnen gut geht!“

Elke hatte nichts zu verbergen und daher trat sie ein Stück zur Seite. „Bitte, kommen Sie doch rein, Frau…, wie war Ihr Name?“

„Heimann. Grete Heimann. Jugendamtsmitarbeiterin“, stellte sich die Frau, Elke schätzte sie auf Anfang vierzig, noch einmal vor.

Elke dachte bei sich, dass sie sich solche Mitarbeiter viel strenger und furchterregender vorgestellt hatte, aber Frau Heimann wirkte eigentlich recht freundlich. Sie trug ein grünes Sommerkleid und ihre langen blonden Locken fielen ihr zu einem Zopf zusammen gebunden über den Rücken.

Gemeinsam betraten sie das Wohnzimmer, wo die kleine, fast zweijährige Sandra, in ihrem Laufstall saß und Elke mit einem fröhlichen „Mama, Teddy,“ begrüßte und auf einen Stoffbären auf dem Sofa deutete.

Elke reichte ihrer Jüngsten den Teddybär und Frau Heimann schenkte dem Kind ein freundliches Lächeln.
„Hallo Sandra,“ sagte sie und das Mädchen strahlte sie an.

Sandra streckte der Frau ihren Teddy entgegen und sagte stolz: „Teddybär. Hab ich lieb!“

Frau Heimann lächelte. „Du sprichst ja schon sehr gut.“

Sie wandte sich wieder an Elke, als Schritte von der Treppe erklangen und die dreieinhalbjährige Silke, die bislang in ihrem Kinderzimmer gespielt hatte, ins Wohnzimmer lief.
Sie trug einen Pullover, auf dem die Maus und der Elefant aus „Die Sendung mit der Maus“ abgebildet waren und dazu eine karierte Stoffhose.

Silke reichte ihrer Mutter ein Blatt Papier.

„Mama, habe meinen Wunschzettel gemalt,“ sagte sie und ein Strahlen glitt über ihr Gesicht. „Ich will die Puppe mit dem Schaukelpferd.“
„Auch sie spricht gut für ihr Alter,“ stellte die Jugendamtsmitarbeiterin fest. „Also die Kinder machen einen guten Eindruck auf mich. Sie wirken weder verängstigt noch unterernährt oder schmutzig.“
Sie lachte, als sie Silkes bunte Finger sah. „Na gut, das Wunschzettelmalen hat wohl ein paar Spuren hinterlassen. Aber das ist kein Fall fürs Jugendamt. Darf ich mich noch ein wenig umsehen, um mich vom Zustand des Hauses zu überzeugen?“

Elke nickte seufzend. „Sehen Sie sich ruhig um. Ich bleibe so lange im Wohnzimmer und wir legen Sandras und Silkes Wunschzettel auf die Fensterbank. Fürs Christkind.“




Am Abend, die Kinder schliefen bereits, sprachen Elke und Gerd noch einmal über diesen Vorfall.
„Wie kommt das Jugendamt dazu, bei uns aufzutauchen? Wir sind doch keine Eltern, die ihre Kinder misshandeln oder vernachlässigen! Das ist ja wohl eine Frechheit“, sagte Gerd sichtlich erbost.

„Die Dame hatte ja auch nichts zu beanstanden. Sie hat sich sogar entschuldigt,“ versuchte Elke ihren Mann zu beruhigen, obwohl auch sie sich über den Besuch der Mitarbeiterin noch immer ärgerte.

Dabei erregte nicht die eigentlich recht freundliche Frau Heimann ihren Ärger. Sie hatte nur ihre Arbeit erledigt und war einem Hinweis nachgegangen. Die Frau hatte kurz erwähnt, dass sie bereits einige Dinge erlebt hatte, bei der ihr die Haare zu Berge gestanden hatten und dass der Besuch bei Elke und ihren Kindern eine angenehme Abwechslung war.

Nein, die Frau hatte nichts falsch gemacht. Sie war dem Hinweis nachgegangen und hatte sich vom Wohlergehen der Kinder überzeugt.

Elke war wütend über die Person, die sie und Gerd beim Jugendamt als schlechte Eltern denunziert hatte. Anders konnte sie es nicht nennen. War so was nicht sogar strafbar? Üble Nachrede?
Gerd sprach bereits davon, einen Anwalt einzuschalten und rechtlich gegen den Denunzianten vorzugehen.

Aber Frau Heimann hatte nicht gesagt, wer sie informiert hatte. Dies durfte sie aus Datenschutzgründen auch nicht und sie hatte auch gesagt, dass sie in vielen Fällen bereits froh gewesen war, dass sich aufmerksame Nachbarn oder Bekannte der Eltern gemeldet hatten.

So manchem Kind hatten sie dadurch helfen können.

„Lass es auf sich beruhen, Gerd. Es ist fraglich, ob das ganze überhaupt Aussicht auf Erfolg hätte. Ich würde denjenigen sowieso lieber selber zur Rede stellen und ihm oder ihr gehörig die Meinung sagen. Vielleicht war es ja dein Bruder? Der ist doch so ein Ekel.“

Gerd lachte kurz und bitter auf. „Da hast du recht. Aber der interessiert sich doch überhaupt nicht für uns oder seine Nichten. Der hat uns bislang nicht einmal besucht und ich lege auch keinen Wert darauf. Aber was ist mit deinem Vater?“

Elke zuckte kurz zusammen. Der Gedanke war ihr auch bereits gekommen. Aber auch, wenn er allen anderen, insbesondere ihrer Mutter gegenüber, ein ziemliches Ekelpaket war, musste sie ihm zugestehen, dass er seine beiden Enkelkinder mochte. Wahrscheinlich waren die beiden sogar die einzigen Menschen auf der Welt, zu denen er jemals nett gewesen war.

Sie traute es ihm nicht zu, dass er sie, ohne Grund und vor allem ohne Aussicht auf Erfolg beim Jugendamt anschwärzte, um die Kinder aus der Familie nehmen zu lassen. Schließlich würde er die beiden auch seltener oder gar nicht mehr sehen, wenn sie ins Heim kamen. Vor allem würde er dies aber den Enkelinnen nicht antun.

Die Familie schloss sie eigentlich aus. Aber wer kam dann in Frage? Die Nachbarn? Eigentlich hatte sie mit niemandem wirkliche Probleme, auch wenn es ein paar schwierigere Exemplare unter ihnen gab.

Aber wirklichen Streit hatten sie mit niemandem, außer diversen Vampiren. Aber dass Vampire sich ans Jugendamt wandten, statt sie auszusaugen hielt sie doch für reichlich unwahrscheinlich.

Die einzige menschliche Person, mit der sie Probleme hatte oder die offenbar ein Problem mit ihr hatte, war Rita, Tobias Frau. Ihr war der neidvolle und missgünstige Blick der anderen Frau auf ihre Kinder durchaus aufgefallen.

Anscheinend war Rita der Ansicht, dass Elke keine sonderlich gute Mutter war.

Eine entsprechende Bemerkung hatte sie gemacht, als Elke vor wenigen Tagen Tobias besuchte, um mit ihm über einen möglichen Vampirangriff auf dem örtlichen Friedhof, der sich zwischenzeitlich aber als Teenagerparty herausgestellt hatte, zu besprechen.

Rita hatte das Gespräch der beiden zum Glück nicht mitangehört, denn sie war bei Elkes Ankunft nicht anwesend, sondern im Supermarkt gewesen. Als sie, mit Einkaufstüten beladen, schließlich die Wohnung betrat und auf Elke traf, hatte sie der anderen Frau ein säuerliches Lächeln geschenkt.
„Na Elke, hast du keine Lust auf die Gesellschaft deiner süßen Mäuse? Lässt du sie mal wieder allein?“

Elke war zusammen gezuckt. Natürlich waren die Kinder nicht allein! Ihre Eltern waren bei ihnen und ihr sonst so griesgrämiger Vater saß wahrscheinlich auf dem Boden und baute mit Bauklötzen Türme, die Sandra und Silke mit Begeisterung umstießen, um dann mit dem Opa durch die Wohnung zu toben.

„Ich würde mich ja selber um meine Kinder kümmern,“ hatte Rita mit einem boshaften Unterton gesagt und Elke erinnerte sich jetzt mit Scham an ihre Antwort.
„Schaff dir erst einmal eigene Kinder an, dann reden wir weiter.“

Rita hatte sich ins Schlafzimmer zurück gezogen und die Tür lautstark hinter sich geschlossen, während Elke ihr bestürzt hinterher gesehen hatte.

Diese Bemerkung hatte nicht sein müssen und sie tat ihr bereits leid, kurz nachdem sie sie ausgesprochen hatte. Schließlich wusste sie von Ritas unerfülltem Kinderwunsch und wie sehr sie vor allem darunter litt, dass dies an ihr lag.

Sie hatte sich entschuldigen wollen, aber Tobias hatte sie davon abgehalten und gemeint, dass sich schließlich auch Rita nicht richtig verhalten hatte.

Hatte Rita ihr das Jugendamt auf den Hals gehetzt? Und wenn, würde sie dies auch zugeben? Am liebsten hätte sie die Frau ihres besten Freundes sofort angerufen und ihr die Meinung gesagt.

Aber leider befürchtete sie, dass dies zu Problemen mit Tobias, der immerhin Ritas Mann war, führen könnte. Sie konnte Rita nichts nachweisen und wahrscheinlich würde Tobias, trotz aller Streitigkeiten, eher auf der Seite seiner Frau stehen.

Aber sie schwor sich, dass sie sich so etwas nur dieses eine Mal gefallen lassen würde. Beim nächsten Mal würde ihre Reaktion heftiger ausfallen.
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