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Vampire

von Deira
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
Vampire
27.10.2008
19.08.2020
200
280.546
6
Alle Kapitel
451 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
27.10.2008 1.231
 
Es geht mit dem nächsten Kapitel weiter. Also viel Spaß beim Weiterlesen, auch wenn es mit einer traurigen Nachricht für eine Person endet.

Bittere Wahrheit


Ramon dachte nicht daran, sich an Valentinos Anweisungen zu halten. Natürlich hatte der andere Vampir seine Gründe für sein Verhalten und die Verbote, die er sich anmaßte auszusprechen. Aber er, Ramon, hatte genauso gute Gründe für sein Verhalten.

Waren seine Gründe denn weniger wert und weniger wichtig?

Schließlich trat er, wenn er Jagd auf die Diebe und das Gesindel der Stadt machte, stets als Mensch in Erscheinung.
Noch keines seiner „Opfer“ und auch kein Polizist, die ihn meist nur von hinten sahen, waren bislang auf den Gedanken gekommen, dass es sich bei ihm um einen Vampir handeln könne. Wahrscheinlich hielten sie ihn ebenfalls für einen Kriminellen, der die Konkurrenz ausschaltete.

Er war stets bemüht, keinerlei Hinweise zu hinterlassen, dass es sich bei ihm nicht um einen Menschen handelte. Auch Jaime verhielt sich, seines Wissens, so unauffällig wie möglich. Manchmal erzählte er Jaime von seinen „Jagderlebnissen“, bei denen es sich meist um Tiere und nur selten um Menschen handelte. Diese waren, nach Jaimes Aussagen, stets so betrunken, dass sie nicht mehr allzu viel von dem, was um sie herum geschah, mitbekamen und er gab sich Mühe, sie so wenig wie möglich zu verletzten.

Eines seiner Opfer hatte er in der Nähe eines Hundezwingers abgelegt und am nächsten Abend, als er der Frau in eine Kneipe folgte, erfahren, dass sie sicher war, von einem der Hunde gebissen worden zu sein.

Ramon fand diese Vorstellung nicht allzu lustig, lediglich Elena hatte gelacht, als Jaime davon erzählte.

Der Vampir hatte bereits einen jungen Mann im Auge, der gerade die Hand in die Tasche einer älteren Touristin steckte, die einen sehr müden Eindruck auf ihn machte.
Wahrscheinlich befand sie sich auf dem Heimweg ins Hotel und wollte dem Menschengewühl entkommen. Er lächelte grimmig. Der Taschendieb würde mit seiner Beute nicht allzu weit kommen, dafür würde er, Ramon, Sorge tragen.

Aber er kam nicht weit, denn mit einem Mal wurde er von hinten gepackt und in eine Seitengasse gezogen, in der sich außer ihm und seinem Angreifer niemand befand. Lediglich ein Fensterladen wurde geräuschvoll geschlossen, offenbar hatte der Hausbewohner keine Lust, sich den Streit zwischen zwei betrunkenen Touristen, für die er die beiden Männer wohl hielt, anzuschauen.

Ramon hatte mittlerweile erkannt, wer ihn da so unsanft hinter sich herzog. „Valentino, lass mich auf der Stelle los!“

Valentino sah den anderen Vampir vorwurfsvoll an. „Ganz sicher nicht. Du wirst jetzt mit nach Hause kommen. Und ich werde dich daran hindern, hier weiterhin den Helden zu spielen und uns alle in Gefahr zu bringen!“
„Das kannst du gar nicht!“, sagte Ramon aufgebracht, aber Valentino schüttelte kurz und bedauernd den Kopf, ehe er ausholte und seine Faust gegen die Schläfe seines Artgenossen schlug.

Ramon brach zusammen und Valentino hob ihn vorsichtig ein Stück hoch. „Tut mir leid, dass ich so weit gehen musste. Aber es muss sein.....“

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Die Tür zu Ramons Zimmer war verschlossen und das Fenster, das nur aus einem Spalt bestand, war zu schmal, um heraus zu steigen. Wütend versetzte er der Tür einen Tritt und rüttelte an der Klinke.
„Warum müssen die in diesen alten Häusern so massiv sein?“, dachte er und gab seinen Befreiungsversuch, zumindest vorübergehend, auf. Allmählich spürte er, dass er Hunger bekam, aber er hatte den Becher Blut, der in dem schmalen Fenster gestanden hatte, weg geschüttet. War er denn ein Haustier, das sich auf diese Weise füttern ließ?

„Ich brauche keine Almosen!“, rief Ramon. „Lasst mich endlich hier raus! Was nimmst du dir eigentlich heraus, Valentino?“

Aber der eingesperrte Vampir erhielt keine Antwort und nach einem weiteren Tritt gegen die Tür, auf den ebenfalls keinerlei Reaktion davon aus, ging er davon aus, dass seine Artgenossen wahrscheinlich das Haus verlassen hatten.

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Ramon war nicht der einzige, der in dieser Nacht wie ein eingesperrtes Tier in seinem Zimmer auf und ab ging.

Im fernen Deutschland fand Rita keinen Schlaf. Am nächsten Tag würde sie, gemeinsam mit Tobias, zum Arzt gehen, um ihre Untersuchungsergebnisse zu erhalten. Sie und auch Tobias hatten sich einigen Tests unterzogen, um endlich den Grund heraus zu finden, warum sie auch nach so langer Zeit noch immer nicht schwanger geworden war.

Sie war sich sicher, dass es an ihr lag, hoffte aber gleichzeitig darauf, dass sie Tobias die Schuld für den unerfüllten Kinderwunsch geben konnte.

„Sollte es wirklich an ihm liegen, dann....“, dachte sie, aber sie brachte ihre Überlegungen nicht wirklich zu Ende, obwohl ihr Entschluss im Grunde bereits fest stand. Sie liebte Tobias und am liebsten hätte sie mit ihm eine Familie gegründet.
Aber sollte er derjenige sein, der für die Nichterfüllung ihres größten Wunsches verantwortlich war, dann bestand zumindest noch die Möglichkeit, dass sie dennoch eines Tages Mutter werden würde, selbst wenn Tobias nicht der andere Elternteil war, mit dem sie das Kind in die Welt setzte.

Sie sandte ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel. „Bitte, lass es an ihm liegen.“

Gleichzeitig tat ihr der Gedanke, sich möglicherweise von ihrem Mann zu trennen, sehr weh. Eigentlich wollte sie dies nicht, aber war es nicht legitim, dass sie zumindest mit dem Gedanken spielte?
„Hoffentlich....denkt er nicht so ähnlich über mich, falls es an mir liegt,“ dachte Rita traurig und sie ging zum Schrank, um sich ein Glas Wein einzuschenken.

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Am späten Vormittag saßen Rita und Tobias im Büro von Herrn Prof. Dr. Müller und Rita war der Ansicht, dass dies ein durchschnittlicher Name für einen durchschnittlich wirkenden Menschen war.

Nachdem Prof. Dr. Müller das Paar begrüßt hatte begann er, mit der Patientenakte herum zu spielen. Er klappte sie auf und zu und es steigerte Ritas Nervosität, dabei zuzusehen.

„Es tut mir sehr leid,“ sagte der Arzt nun zu allem Unglück. „Ich hätte Ihnen gerne eine bessere Nachricht mit auf den Weg gegeben, aber ich fürchte, Sie werden auf ein leibliches Kind verzichten müssen, Frau Seller!“

Rita schluckte schwer, während Tobias ihre Hand nahm und sie vorsichtig drückte. Sie bemerkte es kaum, während der Arzt sich an Tobias wandte.
„Bei Ihnen ist alles in Ordnung, Herr Seller! Es liegt...an Ihrer Frau. Vielleicht sollten Sie über eine Adoption nachdenken...oder ein Pflegekind aufnehmen....“

Die Worte plätscherten an Rita vorbei und sie hörte nicht einmal mehr wirklich zu, als der Arzt ihr genau erklärte, aus welchen Gründen sie keine Kinder bekommen konnte. Auch mit einer Operation, zu der sie bereit gewesen wäre, konnte ihr nicht geholfen werden.

Eine Stunde später standen Rita und Tobias vor der Arztpraxis und sie lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. Geisteswabwesend strich er über ihr Haar.
„Wir werden es uns anders schön machen....“, sagte er nach einer Weile, aber davon wollte sie nichts hören.
„Ist dir das so gleichgültig? Kannst du nicht wenigstens einmal sagen, dass du auch traurig bist?“, fragte sie ungehalten, schüttelte dann aber den Kopf.
„Warum solltest du auch? Du bist schließlich nicht derjenige, der niemals Kinder haben wird!“

Tobias zuckte zusammen, als er ihre Worte hörte. „Glaubst du denn, ich würde jetzt zu der nächsten Frau laufen und mit einer anderen eine Familie gründen? Was denkst du denn von mir? Stell dir doch mal vor,  es wäre umgekehrt! Das würdest du doch auch nicht machen, wenn es an mir liegen würde!“

Rita antwortete nicht, sie dachte an das, was ihr in der vergangenen Nacht durch den Kopf gegangen war......
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