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Vampire

von Deira
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
Vampire
27.10.2008
19.08.2020
200
280.546
6
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
27.10.2008 1.473
 
Es geht mit einem neuen Kapitel weiter. Und dieses Mal muss Rita einen Tiefschlag einstecken. Also viel Spaß beim Weiterlesen.

Die Kündigung (Januar 1979)


Missmutig verließ Rita die Arztpraxis. Sie hatte eigentlich auf einer genaueren Untersuchung bestehen wollen, aber die Arzthelferin war nicht bereit gewesen, ihr einen früheren Termin zu geben.
„Sie müssen schon bis Ende Februar warten. Vorher haben wir nichts frei und wir gehen ab Ende Januar für eine Woche in den Urlaub, Frau Seller,“ hatte die junge Frau in einem schnippischen Tonfall, den Rita bei ihren Geschlechtsgenossinnen überhaupt nicht ausstehen konnte, gesagt.

„Blöde Kuh!“, dachte Rita und sie überlegte, ob sie zu einem anderen Arzt gehen sollte.

Noch immer war das heiß ersehnte Kind nicht unterwegs, aber zumindest hatte Tobias sich nicht mehr merkwürdig verhalten. Er war stets pünktlich nach Hause zurück gekehrt und hatte ihr von Zeit zu Zeit sogar einmal einen Strauß Blumen mitgebracht.

„Er interessiert sich wieder ein wenig mehr für mich. Es scheint ihm doch nicht so gleichgültig zu sein, wie es mir geht,“ dachte Rita mit einem schwachen Lächeln, denn Tobias aufmerksames Verhalten war nur ein schwacher Trost für sie.

Sie wandte sich ab, als eine hochschwangere junge Frau an ihr vorbeiging, um die Arztpraxis aufzusuchen.
„Die hatte mehr Glück als ich,“ dachte Rita und sie beschloss, eine Tasse Kaffee trinken zu gehen.

Sie hoffte, dass keiner ihrer Kollegen sie im Café erwischen würde, denn sie hatte angekündigt, zum Arzt zu gehen, auch wenn niemand den genauen Grund wusste.

Dass sie noch keinen Termin hatte und es keinerlei Möglichkeit gab, sie noch an diesem Tag außer der Reihe, wie die Arzthelferin es so schön nannte, dranzunehmen, ahnte in ihrem Büro niemand.

„Eigentlich müsste ich jetzt sofort zur Arbeit gehen, aber ich brauche jetzt erstmal ein paar Minuten für mich,“ dachte die junge Frau, als sie das Café betrat.

Sie setzte sich an den hintersten Tisch, um auch von draußen nicht entdeckt zu werden, sollte einer ihrer Kollegen wider Erwarten in der Innenstadt unterwegs sein.
Rita bestellte sich eine Tasse Kaffee und sie dachte bei sich, dass es vielleicht gar nicht die schlechteste Lösung war, tatsächlich zum Hausarzt zu gehen und sich krank schreiben zu lassen.

Sie hatte sich in der kühlen Januarluft des neuen Jahres eine starke Erkältung zugezogen, die ihr sehr zu schaffen machte, aber ihre Kollegen hatten ihr bereits unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie ein Fernbleiben von der Arbeit nicht gerne sahen.
„Die denken, ich wäre eine Simulantin. Nun, so ganz unrecht haben sie damit auch nicht. Ich kann mit der Erkältung durchaus noch arbeiten gehen und werde es ja auch. Aber es wäre schön, mal ein paar Tage zu Hause zu bleiben und zur Ruhe zu kommen,“ dachte sie und nippte an ihrem Kaffee.

Es gelang ihr, sich ein wenig zu beruhigen. Sie sagte sich, dass es auf einen Monat früher oder später doch gar nicht ankam.
„Was ist schon ein Monat? Dann gehe ich eben erst nächsten Monat zum Arzt. Vielleicht bin ich bis dahin ja sogar schon schwanger und weitere Untersuchungen sind unnötig. Manche Dinge regeln sich doch auch von selber,“ sagte sie sich wieder und wieder und schließlich glaubte sie sogar ein wenig an ihre eigenen Worte.
„Es wird schon werden. Und ich sollte ein wenig ruhiger werden.“

Sie lächelte schwach. „Wahrscheinlich mache ich dem armen Tobias das Leben auch schon ganz schön schwer. Dauernd liege ich ihm mit meinem Kinderwunsch in den Ohren. Es ist eigentlich ein Wunder, dass er nicht wirklich jeden Abend später nach Hause kommt. Nicht, weil, er irgendwelchen Hirngespinsten hinterher läuft, sondern weil er die Nase voll von mir hat und lieber in die Kneipe geht!“

Vielleicht sollte sie ihre Probleme künftig nur noch mit sich selber ausmachen und das Thema Kind in Tobias Gegenwart gar nicht mehr erwähnen? Es reichte doch, wenn sie sich selber Druck machte. Warum sollte sie ihm das ganze auch noch aufhalsen.

Sollte er doch ruhig denken, alles sei in Ordnung. Hatte sie nicht neulich noch in einer Frauenzeitschrift gelesen, dass für Männer alles, worauf man sie nicht unmittelbar mit der Nase stieß, überhaupt nicht wahrnahmen?
Wenn man ein Problem nicht anspricht existiert es für sie es nicht und sie blenden es aus,“ hatte die Überschrift des Artikels gelautet. Eigentlich gab sie nicht allzu viel auf solche Mitteilungen in Frauenblättern. Aber vielleicht war ja doch etwas dran.

„Wirklich fair ist das nicht,“ dachte sie, als sie aufblickte und all ihre Gedanken an ihre Familienplanung und Beziehungsprobleme mit einem Mal verdrängt wurden. Sie blickte in das Gesicht einer Arbeitskollegin, mit der sie sich noch nie sonderlich verstanden hatte.

„Agnes...,“ murmelte Rita, während die Kollegin das Café verließ. Ausgerechnet die größte Klatschtante des Büros hatte sie erwischen müssen.

„Verdammt noch mal, die hat heute frei. Im Gegensatz zu mir hat sie ja frei bekommen,“ fluchte Rita. „Und wahrscheinlich war sie hier einkaufen. Bestimmt wird sie jetzt zur nächsten Telefonzelle laufen und meinen Boss anrufen!“

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Als Tobias an diesem Abend nach Hause zurück kehrte wartete eine unangenehme Überraschung auf ihn.
Seine Frau saß weinend im Wohnzimmer und sie putzte sich gerade die Nase. Ein Teil von ihm spürte Mitleid mit Rita. Sie sah so unglücklich aus. Aber ein anderer Teil von ihm empfand, wie er sich eingestehen musste, Ablehnung.

Weinte sie wieder, weil sei nicht schwanger war? Allmählich wurde ihm dieses Thema zu viel. Ihm tat es, vor allem wegen Rita, ja auch leid, dass es bislang noch nicht mit einer Schwangerschaft geklappt hatte, aber er hatte das Gefühl, als gäbe es kaum noch ein anderes Gesprächsthema zwischen ihnen.

„Rita, was ist denn los?“, fragte er trotzdem so behutsam wie möglich. „Wolltest du nicht zum Arzt?“

Mit einem Mal ging ihm der Sinn seiner Worte auf. Rita hatte ihm am Vorabend angekündigt, zum Arzt zu gehen und sich nochmals gründlich untersuchen zu lassen. Er hatte ihre Worte eher am Rande registriert.
Hatte sie sich untersuchen lassen und am Ende erfahren, dass es ein ernsthaftes Problem gab? War sie am Ende sogar krank?

„Ich...war nicht beim Arzt. Hab nur einen Termin ausgemacht...und bin dann Kaffee trinken gegangen. Da hat mich eine Kollegin, die fiese Agnes, gesehen.....“, schluchzte Rita und sie schmiegte sich in Tobias Arme. „Und die hat dann meinen Chef angerufen....“

„Hat es darum Ärger gegeben?“, erkundigte sich Tobias. „War er sehr böse auf dich? Aber du bist danach doch noch ins Büro gegangen, oder? Du hast doch nicht wirklich blau gemacht oder so...“

„Ich hätte sofort ins Büro kommen müssen. Er hat mich rausgeworfen....er meint, ich sei schon seit Monaten so unmotiviert und würde so viele Fehler machen. Er habe den Eindruck, ich sei mit meinem Gedanken ganz woanders,“ brach es aus Rita heraus. „Das stimmt ja auch. Ich hab wirklich andere Dinge im Kopf als diesen Mistjob! Und ich hab auch Fehler gemacht, er hat mich schon öfter drauf angesprochen.“

„Und jetzt hat er einen Grund, um dich zu kündigen? Das lassen wir uns aber nicht gefallen. Da gibt es doch bestimmt Fristen und Gesetze, an die er sich halten muss. Kann er dich überhaupt so leicht kündigen?“, wütete Tobias. „Wir gehen morgen zum Anwalt und dann....“

Rita winkte traurig ab. „Nein, das machen wir nicht. Soll er mich doch rauswerfen. Ich bin da sowieso nicht mehr gerne hingegangen. Nur die Art, wie es jetzt gelaufen ist war schlimm. Und er hat mich so nieder gemacht und mich als unfähig bezeichnet...aber da will ich gar nicht mehr hin! Er hat gesagt, er kündigt mir zum Ende des Monats und so lange soll ich meinen Resturlaub abfeiern. Er meinte, ich solle froh sein, dass ich noch für diesen Monat Gehalt kriege....“

Tobias schüttelte den Kopf. „Du willst das wirklich so hinnehmen? Aber...was willst du denn sonst machen? Hausfrau werden, so wie Elkes Schwägerin Uschi?“

Rita zuckte die Achseln. „Wenn ich ein Kind bekommen hätte wäre ich auch zuhause geblieben. Und bei unseren Müttern war das noch ganz normal! Und es gibt einige verheiratete Frauen ohne Kinder, die zu Hause sind. Du hast doch Arbeit! Und so wenig verdienst du auch nicht.“

„Aber....,“ widersprach Tobias, jedoch Rita unterbrach ihn. „Ich sag ja nicht, dass es für immer ist. Ich werde mir was Neues suchen. Vielleicht dieses Mal nur halbtags....“

Tobias konnte verstehen, dass Rita nicht mehr in ihren ungeliebten Betrieb zurück wollte. Wahrscheinlich würde man ihr dort das Leben zur Hölle machen, sollte ein Anwalt es durchsetzen, dass ihre Kündigung zurück genommen würde. Trotzdem widerstrebte es ihm, klein beizugeben.

Das wäre so, als würde er einem Vampir gestatten, ihn bis auf den letzten Tropfen auszusaugen, weil er keine Lust mehr zum Kämpfen hätte. Vampire, die er bereits seit langem nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte....

„Ob das richtig ist?“, fragte er sich ratlos. „Hoffentlich findet sie bald eine neue Stelle....sonst wird sie hier drinnen noch wahnsinnig! Und sie wird mich wahnsinnig machen!“
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