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Skeletons

GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Alphonse Elric Edward Elric
26.10.2008
24.04.2009
5
22.750
1
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.10.2008 6.447
 
Disclaimer: Edward, Alexander, Rosalie und all ihre kleinen Freunde gehören irgendwie mir... aber damit ist auch schon Schluss.

Authors Note: Okay! Hier sind wir bei Kapitel drei. XD Und für alle, die nur das hier lesen – ihr habt ein BONUS SMUT Kapitel verpasst. Ja, das ist richtig: Ein irgendwie sinnloser, mit NC-17-Etikett versehener Vierer zwischen Ed, Edward, Al und Alex vor dem Tor(via Traum).

Wenn ihr es in die Hände bekommen wollt, findet euch in der Elricest livejournal community ein(mit google sehr leicht zu finden) und scrollt dort ein bisschen runter. Es befindet sich unter der Abteilung „Letzte Einträge“ und es wurde von mir geschrieben: moonmaiden36. X3

Wenn ihr es nicht lesen wollt, ist das natürlich auch in Ordnung. Es wird im nächsten Kapitel nur VAGE erwähnt. Ihr habt nichts verpasst. Ich versprechs(außer dem SMUT, versteht sich).

Und wo wir grad dabei sind, viel Spaß mit Kapitel drei.



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Ich weiß wirklich nicht, wann es passiert ist.

Dass ich mich in Alex verliebt hab, meine ich. Es ist ja nicht gerade was, was oft passiert, auch nicht wenn man schwul ist. Zumindest nehm ich das an – ich hab die Bücherei nach Büchern und Filmen durchsucht, die sich um das Thema Homosexuelle-die-ihre-kleinen-Brüder-besinnungslos-ficken-wollen drehen; nichts kam bei raus. Und wir alle wissen doch, dass Schriftsteller und Drehbuchautoren es lieben, den schmutzigsten Kram zu schreiben, den sie sich ausdenken können.

Entweder ist das viel zu schmutzig, selbst für die, oder sie denken einfach nicht darüber nach.

Also hab ich wirklich nicht viele Fälle, die ich mit meinem vergleichen kann. Ich wünschte, ich könnte sagen, es war Liebe auf den ersten Blick – denn jeder weiß, dass so was nie gut geht und ich könnt es mir weg erklären. (Im Ernst. Guckt euch mal Cinderella ein paar Monate nach dem Ende an und ich versprech euch, die Dinge wären nicht ganz so rosig, wie todsicher gedacht hat, dass sie es wären). Aber nein, tatsächlich hab ich Alexander jahrelang gehasst. Wir sind uns im Alter zu nah; es ist schwer, jemandem dem großen Bruder vorzuspielen, der so viel schlauer ist als du. Wirklich – man könnte meinen, ich hätt einen Vorteil, weil ich größer bin und stärker, aber wenn dein Gegner Grips hat; nicht zu vergessen, dass er als das kränkliche kleine Scheißerchen, das er nun mal war, Mom und Dad auf seiner Seite hatte...

Nun, sagen wir einfach, dass Alex in den frühen Jahren einen Großteil unserer Kämpfe gewonnen hatte. Ich musste nur eine Faust heben, schon hustete er um Hilfe und ich war in der Auszeit. Gott, ich hätt ihn umbringen können. Und ich kann mich ganz deutlich erinnern, dass ich mir von den Kerzen auf meinem fünften Geburtstagskuchen gewünscht hat, dass Alex die Windpocken bekommt, damit ich Rache habe für all den Spaß, den er hatte, als er beobachtet hat, wie ich mich damit rumgequält hab.

Aber natürlich war er zufällig einer dieser glücklichen Bastarde, die die nie durchmachen mussten. War klar, was? Obwohl er um einiges häufiger ne Grippe durchmachen musste, als ich... Äquivalenter Austausch, denk ich mal.

Als Al sechs war, hingen wir uns eigentlich immer an der Kehle. Würgen, Raufen, Beißen, Schubsen, Treten... oh, doch, wir sind auch manchmal miteinander klar gekommen – wenn wir Opa besucht haben, wenn Mom und Dad im Raum waren, wenn Rosalie weinte oder wenn wir beide lange aufbleiben wollten. Aber zeig uns einen Keks? Schon waren wir auf dem Boden, bereit, uns umzubringen, nur um ihn zu haben.

... vielleicht hat es ja da angefangen. Meine kleine „Schwäche“ für Alex, das ist es. Während des ganzen Kämpfens.

Denn nach einer Weile fing er schlussendlich doch an, zurückzuschlagen. Tatsache ist, als er so vier war, hörte er endgültig auf, nach Mom und Dad zu schreien – er war bereit: Füße im sicheren Stand, die Fäuste oben. Und Gott, er ist so hübsch, wenn er wütend ist; das Gesicht rot, Lippen geschürzt, die silbrigen Augen glitzern wie Quecksilber. Er kann mir den Atem verschlagen. Und das übrigens auch wörtlich – er hat nen ziemlichen Schlag drauf. Und ich liebe es, mit ihm zu trainieren. Ich hab sogar festgestellt, dass ich immer mehr Respekt für ihn übrig hatte... dass er wirklich was einstecken konnte, aber er würde nie aufhören, es zu versuchen. Dass er nicht aufgab.

Im Endeffekt, so denke ich, ist er zum gleichen Schluss gekommen, wie ich. Er fing an, mir mehr zuzuhören. Gehorchte ab und an, wenn ich ihn freundlich gebeten habe, etwas zu tun.

Und ich stellte fest, dass sein Lächeln sogar noch schöner war, als sein verzogenes Gesicht.

Natürlich, jetzt kann ich ein Jahr damit verbringen, Dinge aufzuzählen, die ich an ihm liebe – sein Lachen, wie er rot wird, seine Intelligenz, seine Ehrlichkeit... wie er aussieht, wenn er schläft... all diese bescheuerten Sachen, über die sie in Filmen reden.

Aber anders als in Filmen...

Nun, er ist mein Bruder. Und wenn Schriftsteller und Drehbuchautoren nicht über schwulen Inzest reden wollen, warum sollte er?

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Skeletons
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Fudo High war nicht die schlechteste Schule der Welt – da war Alexander sich sicher. Die Lehrer waren einigermaßen nett, die umgebenden Freiflächen waren hübsch und grün. Sie bekamen nicht übermäßig viele Hausaufgaben und es gab für jeden ein breites Angebot an außerschulischen Aktivitäten. Himmel, nicht einmal ihre Uniformen waren so schlimm: Faltenröcke für Mädchen, Bügelfaltenhosen für Jungen mit weißen Hemden und dazu passenden Krawatten mit Bügelfalte. Rosalie sah in ihrer Uniform aus wie eine Göttin; Edward wie ein Supermodel... für sich fand Alex, dass er selbst aussah wie ein Volltrottel, aber das war ohnehin egal. Von den drei Elric-Kindern war er am wenigsten beliebt. Man konnte nicht sagen, dass er gehasst wurde, nicht im geringsten; er hatte Dutzende von Freunden. Aber er war nicht im Ansatz so beliebt wie Rosie – die das nahezu komplette Erstsemester unter ihrem Kommando hatte – und Ed, der, obwohl er seine sexuellen Vorlieben mehr oder weniger über die schulische Lautsprecheranlage herausschrie, auch weiterhin von der kompletten weiblichen Schülerbelegschaft belagert wurde(zusätzlich dazu auch von einem guten Teil der männlichen Belegschaft).

Dennoch, Alexander hasste diesen Ort. Und nicht nur, wie er immer seinen Eltern erzählte, weil er langweilig war – was nicht einmal gelogen war, er fühlte absolut gar keine geistige Stimulation oder irgendetwas in der Art in diesem Höllenloch-

sondern, weil er es nicht ertrug, mit den Bewunderern seines Bruders umgehen zu müssen. Oder, scheiße, auch mit seinem Bruder im Allgemeinen.Oh, es war natürlich nicht ganz allein Edwards Schuld. Er war einfach von Natur aus charmant, es gab an der ganzen Schule keinen anderen Jungen, der an sein Aussehen heranreichte(außer vielleicht Todd Multare, doch jeder wusste, dass Lisa Nightingale ihre scharfen Bernsteinaugen immer auf ihm ruhen hatte und infolgedessen ließ man ihn in Ruhe – aus Angst vor Lisas berüchtigtem Zorn) und er hatte die enervierende Angewohnheit, zu jedem freundlich zu sein, ob nun Spinner oder Sternchen. Entsprechend kannte ihn jeder, liebte ihn jeder, wollte ihm jeder(so schien es jedenfalls) an die Wäsche. Und das war zum Kotzen.

So fand es jedenfalls Alex. Immerhin war er es, an den sich alle Fragen richteten. Welche Lieblingsfarbe hat er? Blau. Wo hängt er normalerweise so rum? Im Keller. Hat er am Samstag schon was vor? Keine Ahnung. Wird er im nächsten Stück mitspielen? Wahrscheinlich. Würd er mit mir ausgehen, wenn er hetero wäre? Woher zur Hölle soll ich das wissen?
Und so ging es. Tag um Tag, bis Alexander es nicht mehr aushielt; bis er jedes jammernde Mädchen ins Gesicht schlagen wollte. Dementsprechend verbrachte er sehr viel Zeit allein, im Versuch, sein Temperament im Zaum zu halten – und so verspeiste er sein Mittagessen allein auf einer kleinen, Gras bewachsenen Hügelkuppe ein, nahe dem Baseballfeld. Seiner Meinung nach halfen sie ihm, bei Verstand zu bleiben, diese Momente allein: seine Mitschüler beim Spielen beobachten, während er sein Mittagessen verspeiste oder ein Buch las. Immer das gleiche... Tag für Tag.

Ich hasse diese Schule, grübelte er düster, während er sehr geräuschvoll einen Apfel kaute. Seine Augen verengten sich leicht, als er einen kurz gewachsenen, sommersprossigen Jungen namens Gary dabei beobachtete, wie er einem Frisbee hinterherjagte. (Auch wenn er nicht wirklich auf Gary sauer war, eher auf seine kleine Schwester Anna, die das aktuellste Opfer von Edwards unwiderstehlichem Charme geworden war. Und nun litt sie unter dem unsterblichen Verlangen, „ihn mit einem Löffel auf zu essen“) Verdammt, Brüderchen, manchmal denk ich echt, du machst das nur, um mich zu ärgern. Alexander unterdrückte eben ein Gähnen, als sein Magen einen unangenehmen Salto schlug, und mit einer Grimasse schob er sein halb aufgegessenes Obst zurück in den Papierbeutel. Dann ließ er sich ergeben nach hinten ins Gras fallen.

„...“

Heute war der Himmel schön; ein helles Cerulean, abgesetzt mit wirbelnden Wolkenbergen. Ed war wohl irgendwo und zeichnete, wie er es an einem schönen Tag immer während der Mittagspause tat... und der Studierzeit... und jedem anderen Unterricht, vor dem er sich drücken konnte. Al versuchte, nicht darüber nach zu denken. Im Moment war sein Bruder definitiv zu oft Gast in seinem Kopf; und er hatte kein Recht, wegen Sachen auf ihn wütend zu sein, für die er nichts konnte. Was war er überhaupt, eifersüchtig? Nicht auf die Aufmerksamkeit – er hatte nie zu denen gehört, die sich wünschten, begehrt oder umkämpft zu sein. Und es war ja nicht so, als hätte er irgendein Recht, seinen älteren Bruder ganz für sich behalten zu willen. Davon ganz abgesehen, dass es nicht gerecht war, war es auch nicht wirklich... nun, normal.

Alex verzog das Gesicht, drückte die Augen gegen die helle Sonne. Irgendwie tat sein Kopf weh... Ich bin NICHT in Edward verschossen, sagte der Junge sich selbst, doch der Sinn hinter diesen Worten war schon lang abgestorben, ersetzt durch Erschöpfung. So müde... Das ist nur Großvaters bescheuertes Tagebuch, das spielt mir irgendeinen Streich.

Wo er gerade dabei war...

Er setzte sich wieder auf, sein Pferdeschwanz raschelte bei der Bewegung im Gras, er langte nach seiner schwarzen Schultasche. Wo hab ich es-? Ah. Da war es, in die vordere Tasche gestopft – unschuldig scheinend und auf eine gewisse Art und Weise wertvoll in dem warmen Frühherbstlicht.

Alexander zog das Buch mit einem zögerlichen Blick hin und her heraus und erlaubte ihm, offen in seinen Schoß zu fallen, blätterte auf die Seite, wo er zuletzt aufgehört hatte.


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Oktober 1921

Lieber Al,

Es tut mir Leid. Ich weiß, es ist Monate her, dass ich das letzte Mal geschrieben habe. Aber ehrlich, es gab absolut nichts zu erzählen. Ich verbringe meine ganze Zeit damit, nach dir zu suchen – in den Straßen, im Himmel, in meinen Träumen. Ich schweife ab, Alphonse; ich weiß, ich muss weiter nach vorn gehen, ich weiß, ich muss – aber es ist so schwer, morgens aufzuwachen. Lieber bliebe ich im Bett liegen, bis ich sterbe.

Oder bis zum Tod erfrieren. Der Herbst hier ist brutal.

Heidrich hat sein Bestes versucht, mich bei Verstand zu halten. Er hat es wirklich. Er treibt mich aus dem Bett, zwingt das Essen meinen Hals hinunter und er tritt mich den ganzen Weg die Straße runter zur Arbeit. Es muss ihn viel kosten, mit mir zu händeln. Tatsächlich glaube ich, dass der ganze Stress, den ich ihm mache, ihn jetzt einholt; er scheint mir eine Erkältung auszubrüten. Auf jeden Fall hustet er verdammt viel.

Ich werde ihm eine Suppe machen, wenn er nach Hause kommt. Ich hoffe, ich brenn nicht die Küche nieder.

Oh, da ist er schon.

Ich werde bald wieder schreiben, Al. Ich versprech es.

-Ed



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Ich frage mich, über wie viele Jahre diese Einträge gehen...?, überlegte Alex vage, das Kinn gemächlich auf der Hand gestützt. Er schniefte, schnüffelte, dann schüttelte er den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen. Sein Magen krümmte sich erneut merkwürdig. Erst dachte ich, sie gehen vielleicht über ein Jahr, aber Großvater hat ja nicht so viel geschrieben. Vielleicht ein Mal im Monat – wenn überhaupt. Auch wenn ich nicht glaube, dass er so viel zu sagen hatte, außer dass er Al vermisst. Der Brünette verzog leicht das Gesicht, kaute auf seiner Unterlippe. Ich frag mich, was ich in einen Brief schreiben würde, wenn Edward und ich je getrennt würden...? Er konnte sich nicht viel denken. Er wäre zu sehr damit beschäftigt, seinen Bruder wieder zu finden; nicht herumzusitzen und sich über ihr Schicksal zu beklagen. Und Alex konnte nur annehmen, dass sein Großvater genauso fühlte.

Zum Großteil.

Außer, dass ihr Großvater sich definitiv darin verbuddelte, seinen jüngeren Bruder zu vermissen.

Vielleicht war er ja wirklich in diesen – wie war sein Name? Alphonse? - verliebt?

Alexander errötete, als der Gedanke seinen Geist passierte und schüttelte seinen Kopf. „Kann er nicht gewesen sein“, murmelte er dumpf; seine Stimme war merkwürdig heiser, selbst in seinen eigenen Ohren. Er hustete. Was war heute überhaupt mit ihm los? „Ich meine, er hat ja eindeutig jemanden geheiratet... nicht wahr?“

... nicht wahr?

Auch wenn Alex sich – um seines Lebens willen – nicht erinnern konnte jemals jemanden auf Seiten der Familie seines Vaters Großmutter genannt zu haben. Langsam(und in einem Zustand leichter Verwirrung) blinzelnd ob dieser plötzlich klar gewordenen Tatsache, setzte sich der Junge auf. Hatten sie ÜBERHAUPT je eine Großmutter auf der Seite ihres Vater gehabt? Er hatte nie darüber nachgedacht. Sie waren damit aufgewachsen, Großmama Waltz von der Seite ihrer Mutter zu kennen; er hatte nie daran gedacht, dass sie eine andere brauchten(oder gar hatten).

Der Brünette war eben dabei, sich zur Suche nach seinem älteren Bruder zu erheben, um seine Meinung zu diesem Thema in Erfahrung zu bringen, als er aus dem Nirgendwo eine vertraute Stimme hörte, wie sie etwas summte, was ein Phil-Collins-Song zu sein schien. Es schien so, weil es einer war. Und es gab nur einen männlichen Teenager, der(ohne massive Mengen an Schnaps intus) ein Lied aus „Tarzan“ in aller Öffentlichkeit singen würde. “Why can’t they understand the way we feel? They just don’t trust what they can’t explain. I know we’re different but, deep inside us, we’re not that different at all.

Ed.

Alex brachte sich auf die Knie, kniff die Augen gegen die Sonne zusammen, wandte sich nach rechts-

Und dort, auf dem Hügel neben ihm, war Edward. Seine Krawatte war gelockert, die obersten beiden Knöpfe seines Hemdes geöffnet und sein Skizzenbuch lehnte offen gegen seine Knie, er war in einem Winkel verdreht, der vermuten ließ, dass er Alexander beobachtet hatte; eine Überlegung, die sich als wahr erwies, als er seinen glimmend-gelbbraunen Blick von seinen Zeichnungen hob. Sie hatten Schlieren auf seinem Gesicht hinterlassen.

Alex fühlte einen Hitzeanfall in sein Gesicht aufsteigen, trotz seiner inneren Anstrengungen, ihn aufzuhalten.

Ed wiederum grinste breit, als er winkte. „Hey, Al!“, rief er unschuldig, wie umrahmt von Sonnenschein und Seifenblasen. „Ich bin schon fast fertig, willst du sehen?“

„Uhm...“ Alexander zögerte, immer noch irgendwie überrascht(und ein wenig verärgert darüber, dass er so unachtsam erwischt worden war. Was machte Edward eigentlich hier?), ehe er sich achselzuckend auf die Füße brachte.(Er ignorierte die Art und Weise, auf die sich die Welt so merkwürdig drehte, als er dies tat.) „Ich... ich denk schon.“

Was der Grund war, dass er sich nur wenige Minuten später lässig gegen Edward Rücken gelehnt wiederfand, die Arme locker um seinen Nacken gelegt, das Kinn auf seiner Schulter; er beobachtete seinen Bruder, wie die letzten paar Graphitlinien an Ort und Stelle brachte. Al nahm schweigend von seiner Technik Notiz, die Wimpern träge gesenkt in der Hitze der Mittagssonne. Trotz seines fortwährenden, vehementen Darauf-Bestehens, dass er seinen Bruder NICHT auf „diese Art“ liebte, konnte Alex nicht leugnen, dass er es mochte, ihm nahe zu sein, wenn sich die Gelegenheit bot. Er war so schön warm... und fest. Alswürde er immer da sein, nach würzigem Rasierwasser riechend und schwach nach Zigarettenrauch.

„Bruder...?“, nuschelte er undeutlich, mehr und mehr fühlte er sich auf eine Art und Weise müde, die ihn schon nervte. Ich frag mich, warum? Wahrscheinlich von all diesen öden Unterrichtsstunden... oder von der Sonne... oder den vielen Stunden letzte Nacht, die er damit verbracht hatte, Großvaters Tagebuch zu lesen.„Ja, Al?“, fragte Ed leise, wobei er sich mehr darauf konzentrierte, die letzten Details seiner Skizze zu vollenden. Als er sprach, vibrierte seine Stimme in Alexanders Brust; in ihrem Volumen und den Sprachhöhen sehr tief gestaltet... Alex beobachtete still sein konzentriertes Gesicht, bewunderte, wie die Sonne darauf schimmerte – wie sein Bruder auf seiner Zungenspitze knabberte, während er arbeitete.

Er verfärbte sich wieder, doch es war unauffällig, als er sein Gesicht verbarg.

„Hatten wir eine Großmutter Elric?“

„...“ Edward schwieg für einen Moment, milde überrascht bedachte er seinen jüngeren Bruder mit einem irritiertem Blick, ehe er mit seiner Arbeit fortfuhr. „... ich schätze, einmal hatten wir die“, antwortete er ohne irgendein Zeichen, dass ihn der Gedanke irgendwie weitere interessierte. „Dad muss mit Großvater blutsverwandt gewesen sein – sie sehen sich zu ähnlich, als dass er adoptiert wäre oder so was. Ich denk mal, sie ist gestorben, bevor wir geboren wurden.“

Alexander schmollte ein wenig, starrte geradeaus über das Basketballfeld. „.. aber ich dachte, du hättest gesagt, dass Großvater seinen Bruder geliebt hätte. Du schienst dir da sehr sicher.“

Ed versteifte sich leicht, schaute ein wenig verblüfft. Und auch ziemlich verlegen. „Nun, ich... kann er ja immer noch. Vielleicht hat er ja nur der Fassade wegen geheiratet. Aber mal ehrlich, Al, warum fragst du mich das?“

„Warum singst du You'll be in my heart während der Mittagspause?“, konterte Alex, obwohl dies nicht das geringste mit irgendetwas zu tun hatte. Aber in seinem Kopf ergab diese Übertragung durchaus Sinn. Er schniefte noch ein wenig mehr. Warum fühlte er sich nur so komisch?

„Weil mir danach war“, erklärte Edward schlicht, wobei er von einem Ohr zum anderen grinste. Und damit hob er seinen Block ein Stück höher, als wäre er ein Blumenbouquet zu einem Date. „Gefällt es dir?“, fragte er vergnügt, wobei er Als Reaktion beobachtete.

„...“ Dösig streckte Alex sich und grabschte eine Ecke des Papiers mit einer Hand, die sich mit einem Mal viel zu schwer anfühlte. Dann sah er es sich an.

Er sah es sich wirklich an.

„Wow...“, murmelte er, seine silbrigen Augen leuchteten ein wenig auf, als er sich selbst wieder erkannte. „Das ist wirklich gut, Brüderchen...“ Das war es wirklich. Weich und skizzenhaft, wie um einen einzelnen Moment noch rechtzeitig einzufangen, so war die Zeichnung von Alexander, der seine Nase im Tagebuch vergraben hatte – die Haare flatterten im Wind, während das lange Gras um ihn herum raschelte. Es war schon beinahe, als bewegte es sich wirklich... „Auch, wenn ich nicht weiß, warum du mich gezeichnet hast... statt die anderen hier. Die geben viel interessantere Modelle ab.“

Edward quittierte diesen vage genuschelten Kommentar mit einer gerunzelten Augenbraue. „Das ist Ansichtssache“, flötete er dann leichthin – obwohl seine Wangen ein wenig rosaner schienen, als normalerweise. „Ich persönlich halte dich für ein unbeschreiblich interessantes Modell. Du bist die ganze Zeit so... expressiv! Du siehst nie genau gleich aus. Das ist total faszi- Al?“

Edward richtete sich abrupt auf, seine Augen weiteten sich, als sie sich auf das unerwartet schweißnasse Gesicht seines Bruders richteten. „Al?“, wiederholte er noch eindringlicher, als der Jüngere seinen Kopf müde immer weiter sinken ließ. „Al, du bist so blass- bist du in Ordnung?“

„Mmmm... fühl mich nicht... wirklich gut“, brummte Alex leise, während er langsam nach hinten sank... „rry...“

„Alex-? ALEXANDER!“


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November, 1921

Lieber Al,

in letzter Zeit bin ich viel gereist. Zum Großteil Nachforschungen für Heidrich, aber auch für mich. Möglichkeiten, das Tor ohne Alchemie zu öffnen. Es ist irgendwie wie die Wie die Suche nach dem Stein der Weisen, weil jeder sagt, es sei unmöglich. Das Tor zu durchschreiten, meine ich.

Zum Großteil, weil die meisten von ihnen noch nie von Alchemie gehört haben, noch weniger vom Tor.

Ich weiß nicht, wie ich das ausblenden soll. Aber ich weiß, dass ich nicht einfach aufgeben kann. Ich bin sicher, wo auch immer du bist genauso auf der Suche. Nicht wahr?

Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Noch nicht.

-Ed



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„Verdammt, Al! Du hast mir solche Angst eingejagt!“

Alex sandte einen schuldbewussten Blick zur Wand, versuchte, die wütenden Augen seines Bruders zu vermeiden. „Tut mir Leid...“, murmelte er zum gefühlten hundertsten Male. Auch, wenn es wohl eher das tausendste Mal war. „Ich will... ich wollte dir keine Sorgen machen...“

Edward, der es irgendwie fertigbrachte, sogar dann noch verdammt heiß auszusehen, wenn er in Jogginghosen und einem alten T-shirt herumlief, blickte eisig zu seinem Bruder hinab, während er einen kühlen Waschlappen in eine Schüssel auf Alex Nachttisch auswrang. Dann, mit einem leisen Seufzen, legte er den Stoff sachte auf der feuchten Stirn des Brünetten ab, setzte sich vorsichtig auf den Bettrand. „... Ich weiß, du hast das nicht absichtlich gemacht“, brummte der ältere Junge schließlich, wobei er mit einer losen Strähne von Als Haaren spielte. „Aber verdammt, Al; du bist wie tot umgefallen! Warum bist du zur Schule gegangen, wenn es dir so scheiße ging?“

„Hab ich nicht-! Nich heute Morgen jedenfalls“, beharrte Alexander mit einem leichten Schnüffeln. Er zog seine Decken fester um sich herum und versuchte, dieses ekelhafte Gefühl zu ignorieren, das jeder Kranke kannte: dieses Gefühl, das einen irgendwo zwischen Frieren und Schwitzen hängen lässt. „Ich war nur... direkt vor der Mittagspause... und auf einmal...“

„...“ Edward antwortete für einen Moment nicht, zu sehr war er damit beschäftigt, eine bronzene Locke immer und immer wieder um seinen Finger zu wickeln. Dann grinste er. „Nun... immerhin war das keine Reaktion auf meine Kunst. Ich meine, was ich sagen wollte – das wäre die übelste Kritik, die ich je bekommen hätte, wenn es das wäre.“

Sollte das... etwa witzig sein...?

„Warum sollte deine Kunst mich krank machen?“, keuchte Alex zögerlich, nicht ganz sicher, ob er den Witz so ganz mitschnitt. Oder er stand ganz generell auf dem Schlauch; was an Edward lag, der in einer Minute noch wie ein Mörder drauf war und in der nächsten alles fröhlich beiseite lachte. „Ich hab es dir doch schon vorher gesagt, es ist wirklich gut...“

Der Blonde lächelte merkwürdig traurig. „Aber du schienst das Motiv nicht allzu sehr zu mögen.“ Er hielt inne, kicherte ein wenig über Alexanders verwirrtes Gesicht. „... mache ich dich auch krank, Al?“, fragte er dann schwach, unfähig, seine Stimme ohne Zittern zu halten.

Und Alex war überrascht, zu sehen, wie sich im Auge seines Bruders eine einzelne, kristallklare Träne ansammelte.

Er schluckte.

„... warum?“

Edward blinzelte ausdruckslos zu ihm hinunter und versuchte schnell, sein Gesicht wieder sauber zu rubbeln. Doch Alex hatte es gesehen. „Warum würdest du mich krank machen, Brüderchen?“

... der Blonde gab keine Antwort. Stattdessen fuhr er sachte durch Alexanders Haare, die Lippen zu einem lieben Lächeln nach oben gehoben. „Kümmer dich nicht darum“, forderte er sanft. „Schlaf ein wenig. Der Arzt sagt, das hier begründet sich zum Teil auch in Erschöpfung und Stress. Keine Ahnung, was du in letzter Zeit so dringend gemacht hast, aber du brauchst dringend eine Pause davon.“

„Ah...!“ Alex hustete leicht enttäuscht, als Ed Anstalten machte, zu gehen. Was sollte das denn-? „Warte, Bruder-!“

Edward hielt inne, sah über die Schulter zu Al. Alexander zeigte einfach nur von sich weg, während er langsam nacheinander drei unterschiedliche Grüntöne annahm.

„Kannst du mir den Eimer reichen? Ich glaub ich k-!“

Also reichte Edward ihm den Eimer.

Gerade noch rechtzeitig.


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Dezember, 1921

Lieber Al,

hier gibt es einen Feiertag, von dem ich noch nie zuvor gehört habe. Sie nennen es Weihnachten. Heidrich feiert es und er zeigt mir, wie. Da steckt allerdings eine Menge Religion dahinter – weiß nicht, ob ich das so mag. Da wurde wohl am 25. Dezember ein Kind namens Jesus von einer Jungfrau geboren(obwohl das absolut unmöglich ist) und wuchs zum Messias heran oder so was. Also feiern die Christen in aller Welt(Christen, abgeleitet von seinem Namen Jesus Christus, denk ich mal) den Tag seiner Geburt, indem sie einen Baum umbringen und ihn mit Lichtern dekorieren und sich gegenseitig Geschenke geben und Unmengen komischer Lieder singen. Es ist komisch.

Aber weißt du, was das Komischste an der ganzen Sache ist, Al?

Ich glaub, es gefällt mir sogar.

Ich war auch überrascht. Aber es ist... es ist schwer, es nicht zu mögen, bei all dieser Wärme, die die Stadt umgibt – eine Wärme, die nicht einmal von der beißenden Kälte ausgemerzt werden kann. Beinahe die ganze Zeit schneit es und ist dunkel, aber alles scheint heller. Die Leute sind freundlicher zu Fremden, die Tannen, die sie fällen, schimmern so schön durch die Nacht, die Lieder sind irgendwie nostalgisch... und jeder lächelt. Als wäre diese Welt wirklich ein schöner Ort.

Ich hab Heidrich ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Aus ein paar Metallresten, die Hohenheim aufgehoben hat, um meine Ersatzarme und -beine zu machen. Es ist eine kleine Rakete. Oder soll es wenigstens sein; irgendwie ist das schwer zu sagen, weil die Flügel irgendwie schief und verbogen sind. Aber ich glaube, es sieht genug danach aus. Ich hoffe, es gefällt ihm.

Ich frage mich, was dir gefallen würde, Al? Ich werde etwas Besonderes für dich besorgen, glaube ich und es aufheben. Dann geb ich es dir, wenn wir uns wiedersehen. Oder vielleicht lass ich dich bis zum nächsten Weihnachten warten. Ich glaube, du wirst diesen Feiertag mögen, sobald du die Gelegenheit bekommst, ihn mitzumachen; vielleicht sogar noch mehr, als ich ihn mag. Ich kann mir denken, du würdest all die merkwürdigen Lieder und das Essen lieben... du würdest die Lichter am Baum bewundern. Und du würdest das Wohlwollen in dich aufsaugen, das die Leute sich gegenseitig auf der Straße zeigen. Wirklich, ich glaube, du wurdest für Weihnachten geschaffen.

Und ich freue mich schon darauf, in Zukunft hunderte von Weihnachten mit dir zu teilen, also warte auf mich, okay?

-Ed



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Es war keine ungewöhnliche Szene – trotz ihres Status als jüngstes Kind und Daddys kleines Mädchen war Rosalie Elric bei weitem die Person, die mit dem offensten Geist und dem offensten Mundwerk in derFamilie ausgestattet war. Sehr zum Ärger ihres Vaters, wenn es zu gewissen Themen kam...

Edward, mitten in einer schnellen Bleistiftskizze und im Lehnsessel und Alex, der in eine Decke gewickelt auf der Couch in der Ecke hockte, beobachteten milde amüsiert, wie der Abspann von Numb3rs von einem heftigen Streit unterbrochen wurde. Mal wieder.

Oder besser gesagt, wie gehabt.

„Rosie“, grollte ihr Vater hinter seiner Zeitung hervor – sein kurzer, goldener Bart bebte - „Ich weiß nicht, wie ich dir das noch begreiflich machen soll. Es gibt einen GRUND, warum die Leute des Öfteren Vorurteile gegen Schwule und solche haben. Nämlich, weil es FALSCH ist.“

„Wie kannst du das sagen!“, schnarrte Rosalie, während sie mit den Augen regelrecht Dolche abschoss. „Wie? Wenn du ganz genau weißt, dass es um das Glück anderer Leute geht?“

„Es tut mir Leid, Rosie, aber es ist einfach nur widerwärtig“, spuckte Mr. Elric aus und raschelte mit der Zeitung, im Versuch, den Zorn in seiner Stimme zu übertünchen. Edward fur stumm mit dem Radiergummi über sein Papier. „Es ist unnatürlich.“

„Sagt wer? DU? Was macht es so unnatürlich? Ne Menge Tiere sind schwul – du siehst es doch in den Zoos. Scheiße, du siehst es in den Hinterhöfen! Du hattest doch Hunde, oder?“, schnaufte sie, und überkreuzte Arme und Beine. Ihre Mutter, die eben mit einem Korb voller Wäsche ins Wohnzimmer getreten war, warf einen Blick auf diese Pose und ging dann sofort rückwärts wieder heraus.

„Rosie, das ist eine Lüge; wie wären wir dann in der Lage uns fortzupfl-“, begann ihr Vater zu seufzen-

„NICHT JEDER IST VERDAMMT NOCH MAL SCHWUL, DAD. Und warum zur Hölle sollte es dich interessieren, was andere Leute machen? Fühlst du dich mit deiner eigenen Sexualität nicht wohl? Sie gehen nicht auf dich los. Sie sagen dir nicht, dass DU schwul sein sollst. Und es ist ja nicht so, dass sie es sich AUSGESUCHT haben, schwul zu sein! Wer würde das denn, bei all der Scheiße, durch die Leute wie du sie durchjagen?“„...“ Ed rollte sich ein wenig fester um sein Skizzenbuch zusammen, die Stirn wie in Konzentration gerunzelt. Alexander wagte keinen Blick auf ihn.

„Achte auf deine Sprache, junge Dame“, schnappte Mr. Elric, wobei er seine Zeitung in ein ordentliches Quadrat faltete. Dann, mit einem tiefen Atemzug, nahm er seine Brille ab, um sie zu putzen. Oder wenigstens seine Hände zu beschäftigen. „Und es tut mir Leid. Es ist einfach unnatürlich. Wenn Gott-“

Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass Männer miteinander rummachen, hätte er ihnen keine erogenen Zonen in den Arsch gesetzt!“, konterte Rosie ohne auch nur einen Moment zu zögern. Ihr Vater wurde feuerrot.

Verdammt, genauso Ed und Alex.

Rosalie Catharine-!“, plapperte der Mann, während seine Wangen von sehr aggressiven Flecken übersät wurden. „Wann hat dieser Wahnsinn nur ein Ende!“

„An dem Tag, an dem du endlich einsiehst, dass nicht jeder die Welt so sieht wie du“, grollte sie, die runden Augen verengten sich vor Abscheu. Ihr Vater schnaubte und setzte sich bedacht die Brille wieder auf die Nase.

„Das kommt von dem Mädchen, das der Meinung ist, Charlie und Don sollten was miteinander anfangen“, stieß er hervor und wedelte vage Richtung Mattscheibe. Rosie hob eine fragende Augenbraue.

„Ja und?“

„JA UND?“, würgte Mr. Elric. „Ja und sie sind Brüder! Das ist – das ist, als ob Edward und Alexander was miteinander anfingen! Würde dich das nicht erschrecken?“

Rosalie sagte nichts. Doch ihr hinterhältiges Lächeln sprach Bände.

Und für die Brüder war es das Stichwort, schleunigst zu verschwinden.

„Ich glaube, ich geh ins Bett“, keuchte Alex hastig, sein Kopf war ein bisschen leichter, als er eigentlich sollte. Es war seiner Gesundheit wirklich nicht zuträglich, hier unten zu sein, inmitten all dieser rasenden Ideen und Streitereien... er war verwirrter denn je. Und all diese Aufregung neigte dazu, ihm das das Gefühl zu geben, er müsse gleich kotzen. Ja, was er jetzt wirklich brauchte, war ein bisschen Zeit allein.

Doch das schien schwierig zu werden: Edward war gleichzeitig mit ihm aufgestanden, das Skizzenbuch unter den Arm geklemmt und er mied beharrlich den starren Blick seines Vaters. Nicht, dass Alex ihm übel nehmen konnte, dass er sich so schnell wie nur irgend möglich verkrümeln wollte. Jeder, der irgendwie bei Verstand war, hätte das gewollt. (Außer Rosie. Aber die war auch schon wahnsinnig zur Welt gekommen, das wusste jeder.)

Trotzdem, mit Edward zusammen zu sein, während er dermaßen benebelt war, war das Letzte, was Alexander gebrauchen konnte.

„Ich helf dir“, murmelte Ed unhörbar, griff sachte nach Als Arm und führte ihn Richtung Flur. Alex schluckte, war kurz davor, die Hilfe abzulehnen – doch am Ende entschied er sich, die anzunehmen. Protest wäre zu viel Arbeit gewesen... und wenn Edward eine Ausrede brauchte, um da raus zu kommen, Alexander war mehr als glücklich, um als solche herzuhalten.

Der Korridor war kalt und dunkel verglichen mit dem Wohnzimmer; ihm mangelte es an den hellen Lichtern, der warmen Einrichtung, den ausgetretenen Teppichen. Doch im Kontrast dazu war es hier wunderbar ruhig auf seine schattige Art und Weise und das war alles, was sie jetzt wollten – wobei sie vergeblich versuchten, die fortgesetzten Schreigeräusche auszublenden.

Ihre Schritte hallten auf dem hölzernen Fußboden wider.

Alex versuchte, sich ein Lächeln abzuringen. „Rosie ist eindeutig... ähm... sehr direkt, wenn es um ihre Meinung geht.“(die meisten Leute würden das wohl als die Untertreibung des Jahres bezeichnen.)

Edward gab keine Antwort. Er schaffte nicht einmal ein Lächeln. Sein Gesicht war steinhart.

„Denkst du, sie trichtert ihm jemals ein bisschen Vernunft ein?“, versuchte Alexander es erneut schwach; es machte ihn wahnsinnig, wie kraftlos und brüchig seine Stimme klang. Ich hasse Kranksein.

Doch falls Edward die Frage hörte, ignorierte er sie. Stattdessen fragte er – in einer Stimme, so steif wie sein Gesicht - „Hältst du mich für einen Feigling?“

... das war unerwartet.

„Hä?“

„Hältst du mich für einen Feigling?“, wiederholte Edward, während er die Schlafzimmertür öffnete und Alex hineinhalf. Mondlicht floss in hellen Schattierungen von Saphir und Indigo durch das Fenster. Die Strahlen erhellten die Wände, ergossen sich über ihre persönlichen Schätze, erleuchtete ihre Gesichter als ob immer noch die Sonne schien. „Weil ich Dad nicht sage, dass ich schwul bin.“

Alexander fühlte, wie sich sein Mund nach oben zu einem dünnen, schiefen Grinsen verzog. „Nein, Ich halte dich für nicht suizidgefährdet.“

Ed schnaufte und half Alex, sich auf seinem Bett niederzulassen. Doch statt sich hinzulegen beobachtete der Jüngere seinen Bruder, wie er die Tür schloss, den Deckenventilator einschaltete und das Fenster öffnete – ehe er sich umdrehte und sich heftig durch seine Sockenschublade wühlte. Das Gesicht des Brünetten verfinsterte sich, während er die kleine Vorstellung beobachtete; es war ein vertrautes Bild.

„Du hast mir erzählt, du hättest aufgehört“, meinte er angespannt, als Edward eine Zigarette aus einer einsamen, verkrümpelten Schachtel zog und sie mit einem losen Streichholz anzündete. Ed zuckte die Achseln, endlich beruhigt, als er sich auf dem Fenstersims niederließ, die Arme um seine Knie gelegt.

„Hab ich“, verkündete er dann mit einem Blick zu Al vom Fenster aus. Seine Augen waren so voller Leben, glühend wie Kohlen; warum sonst sollte Alex Gesicht sich anfühlen, als stünde es in Flammen? (Das muss das Fieber sein... Um dem entgegenzuwirken, schob er zwei Tabletten Nyquil ein.) „Die sind nur für stressige Momente.“„Und was ist heute so stressig?“, fragte Al hustend und wickelte sich schützend in seine Steppdecke. Der kühle Wind, der durch das Fenster kam, verursachte ihm Kopfschmerzen... er hatte keine Ahnung, wie Edward das aushielt, mit nichts am Leib als einer offenen Jeans.

„Nun, ich-“ Doch dann erstarrte er, setzte sich schnell auf- und fluchte, als er Alexanders Zittern bemerkte. „Oh, cheiße-! Tut mir so Leid, Al! Ich hab nicht nachgedacht...!“ Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, stampfte er die Zigarette auf dem Rücken eines Schulbuches aus, warf sie heraus und schloss wieder das Fenster. Der Ventilator war nur eine Sekunde später ausgeschaltet und dann war da Ed – wie er vor seinem bebendem jüngeren Bruder kniete.

„Das tut mir so Leid“, wiederholte er, wobei er wirklich danach klang. „Ich hab echt nicht nachgedacht... dir ist nicht zu kalt, oder?“ Alex schüttelte den Kopf, doch sein Körper wollte nicht aufhören, zu zittern. Edwards Augen hellten sich in Sorge auf. Eine vorsichtige Hand hob sich, um die langen, das Gesicht sachte umrahmenden Strähnen fort zu streichen.

'Mein Gesicht ist doch sicher viel wärmer, als es sollte...', dachte Alex benebelt, verlegen. Die Hand seines Bruder fühlte sich viel zu kühl an gegen seine erhitzte Haut... wie Eis. 'Besser, er fasst mich nicht an, ich könnte ihn nicht verbrennen...' Der unlogische Gedanke machte in seinem wirren Geist durchaus Sinn; er hob eine Hand um die des anderen weg zu schieben – doch es endete damit, dass er sie stattdessen fest hielt; zog sie hinunter, um die Finger mit seinen eigenen zu verschränken.

„!“

Ed versteifte sich vor Schreck, als Alex plötzlich nach vorn sank, sein Kopf sank gegen die Schulter seines Bruders. „Al...?“

„Du, Bruderherz“, brummelte Alex, er klang unglücklich und merkwürdig, sogar in seinen eigenen Ohren. Und sein Mund war wie mit Watte ausgestopft... „Wenn Großvater schwul war, warum ist sein Kind so homophob drauf...?“

Edward schluckte schwer, er versuchte, nicht daran zu denken, wie sich der warme Körper gegen seinen eigenen drückte. „Weiß ich nicht“, flüsterte er dann, gab ein schwaches Zusammenzucken von sich, als sich Alexanders Finger um seine eigenen festigten. „Aber dich muss das doch nicht kümmern, oder?“, fuhr er gleichmäßig fort, strich einige Strähnen aus Als schweißnassem Nacken. „Ich meine, du bist hete.“

„Mmmm... weißnich“, blubberte Alexander in einem großen Gähnen. Seine freie Hand klammerte sich um die losen Haarsträhnen seines Bruders. „Vielleicht bin ich auch schwul... manchmal glaub ich, dass ich es bin...“ Er schloss die Augen, grinste ein wenig, wie betrunken. „He, Bruderherz... dein Herz geht echt ziemlich schnell...“

„Wirklich?“, krähte Ed im Versuch, ruhig zu klingen – doch wirklich, er war im Moment einfach nur mehr als dankbar, dass Alex nur seine obere Körperhälfte betatschte. 'Er steht unter Medikamenten, Edward. Mach bloß keine Dummheiten-!'

„Ja...“, murmelte Alex mit einem leichten Seufzen. „Aber... meines auch...“

Und damit schlief er dann auch ein.


X



Dezember, 1921

Lieber Al,

Heute ist Sylvester – es sind ziemlich viele Feiertage im Dezemer. Es gibt aber keine Geschenke oder tote Bäume oder irgendwelche Lieder. Heidrich sagt, Sylvester ist eher ein privater Feiertag; um darauf zu blicken, was einem im letzten Jahr passiert ist und um zu entscheiden, was man in Zukunft will. Ich hab ihm gesagt, dass das Letzte, was ich bräuchte, wäre, noch mehr auf meine Vergangenheit zu blicken. Er hat nur gelacht und gemeint, dass, wenndas der Fall wäre, ich mich auf den Zukunfts-Aspekt an diesem Tag konzentrieren sollte. Ich meinte, dass ich damit auch schon täglich besessen bin; das konnte er nicht leugnen. Aber trotzdem meinte er ich solle es wenigstens mit diesem Feiertag versuchen und ausprobieren, ob ich am Ende nicht doch Gefallen dran fände.

Also bin ich hier und versuch.

...Zum Großteil versuche ich eigentlich, NICHT über das letzte Jahr nachzudenken. Denn wirklich, wie könnt ich je wirklich begreifen, was passiert ist? Die erste Hälfte des Jahres war ich mit dir zusammen – dann wurdest du mir weggenommen und ich wurde durch das Tor gestoßen. Diesen Preis war ich(und bin es immer noch) bereit zu zahlen, um dich am Leben zu wissen, aber...

Und dann war da die zweite Jahreshälfte: in der ich versucht habe, mich in eine Welt einzufügen, in die ich ganz eindeutig nicht hinein gehöre, mit Leuten, die ich nicht kenne, die nie von meinem Zuhause oder meinem Job gehört haben.

Eine Welt ohne dich.

Und das bringt mich zu meinem überhaupt nicht vorhersehbaren Vorsatz: Dich wieder zu bekommen. (Wetten, das hast du nicht kommen sehnen, Al? Ha ha.)

... Heidrich sagt auch, dieser Tag ist dazu da, den Menschen zu sagen, wie man fühlt. Dafür gibt es noch andere, ähnliche Feiertage, doch im Sinne der „Verbindung von Vergangenheit und Zukunft“, wie er es so hübsch ausdrückt, glaub ich, dass ich mich auch genauso gut an diese Tradition halten kann.

Ich liebe dich, Al. Und ich habe vor, dir das auf Millionen von Arten zu sagen, wenn ich dich erst wieder finde.

Ich denke, das könnte man als meinen zweiten Vorsatz betrachten.

Dir ein frohes neues Jahr, Alphonse.

-Ed



XXX



Ihr hasst mich jetzt sicher alle, nicht wahr? Tut mir Leid... aber kommt schon, ihr wollt doch nicht mit ansehen, wie Edward sich über seinen betäubten kleinen Bruder hermacht?

... okay, gut, was ist, wenn ich nicht mit ansehen will, wie Edward sich über seinen betäubten kleinen Bruder hermacht? (Oh, und ja, Nyquil hat wirklich solche Nebenwirkungen... oder zumindest bei mir. o.O)

So oder so, ich hoffe, es hat euch gefallen! Ich versuch so bald wie möglich wieder upzudaten. X3

(PS. Einige von haben nach meiner Fansite gefragt – der Link, den ich am Ende hat nicht funktioniert? Wenn das stimmt, versucht es bitte mit dem Link, den ich in meiner Bio gepostet habe, okay? Danke, dass es euch so interessiert! XD (umärmel))
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