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Skeletons

GeschichteLiebesgeschichte / P18 Slash
Alphonse Elric Edward Elric
26.10.2008
24.04.2009
5
22.750
 
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12 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
26.10.2008 4.763
 
Disclaimer: Ha ha.
Author’s Note: Diese hier wurde durch die SÜSSESTE FMA-OVA inspiriert, die ich je gesehen habe. Ja, die ist sogar noch niedlicher als die mit den Chibis, wenn einer von euch weiß, worüber ich rede. Ich hab keine Ahnung, wo meine Freundin Su-chan die gefunden hat, außer, dass es auf youtube war, aber jetzt ist es nicht mehr da… na gut, ich will ja nicht spoilern, aber es geht vor allem um Edward Elrics hundertsten Geburtstag im Jahre 2005.
Nun ja, ich für meinen Teil glaube ja nicht, dass Ed hundert werden würde. Sorry. Ich will ja nicht unken, aber wenn wir bedenken, was er alles durchstehen hat müssen – Tordurchschreitung (HÄUFIG), ein- bis zweimal sterben, die Automail, die ganzen Kämpfe und schon die ZEIT in der er gelebt hat, lässt ihn mich auf fünfzig schätzen. Maximal. Trotzdem…
Der Film war so verdammt süß, ich musste das schreiben. Also viel Spaß! XD
Warnungen: Elricest, Spoiler, für die, die die Birthday-OVA nicht gesehen haben(allerdings keine Spoiler für die Serie). Oh und ich hab ein paar „eigene Charaktere“ hier drin, alle auf Basis von Eds Enkeln in der OVA(dreimal dürft ihr raten, wem die ähnlich sehen – aber die ersten zwei zählen nicht)
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Ich erinnere mich nur schwach an meinen Namensgeber. Er starb, als ich sieben war. Und wenn man so jung ist, woran soll man sich da erinnern? Großvater war nur noch ein weiterer Verwandter. Von seinem freimütigen Wesen und seinem freundlichen Lächeln einmal abgesehen war er wirklich ziemlich ruhig… besonders als es auf das Ende zuging. Und er wurde immer so schnell müde; spielen konnte er mit meinem Bruder, meiner Schwester und mir vielleicht eine halbe Stunde, dann brauchte er eine Pause. Heute find ich es Wahnsinn, dass er so fit war, wie er nun einmal war: 100 Jahre und er konnte immer noch fluchen wie ein alter Matrose. Aber mit fünf willst man eigentlich nur durch die Gegend toben und das mit jemanden, der genauso quirlig ist wie man selbst.
Meine deutlichsten Erinnerungen an ihn sind seine Gutenacht-Geschichten – er hat gern von einer Welt erzählt, die er sich ausgedacht hatte, er hat sie Amestris genannt. Alexander, Rosalie und ich liebten diese Geschichten, auch wenn sie ihn anscheinend immer traurig stimmten und er beim Erzählen sehr oft in die Ferne geschaut hat. Wir haben viele Sommertage draußen verbracht, taten so, als würden wir Gullydeckel transmutieren. Schon die bloße Vorstellung von Alchemie brachte uns zum Lachen und Großvater – inzwischen müde geworden – lachte mit uns.
Sonst habe ich ihn nur so glücklich gesehen, wenn er sein Fotoalbum angeschaut hat. Er mochte Bilder. Einmal hat er mir erzählt, sie würden ihm helfen, sich zu erinnern, wer er war.
Ich hab nur gegrinst, sechsjähriges Balg, das ich war.
… er hat mir viele solcher Sachen erzählt, eigentlich ganz simple Aussagen, die aber viel mehr waren, als man auf den ersten Blick dachte. Ich glaube, Alex und Rosalie waren deswegen neidisch; die beiden haben Großvater geliebt und er wirkte immer irgendwie deprimiert, wenn er sie angeschaut hat. Einmal, da war sie vier, fing Rosalie an, zu weinen, weil sie dachte, Großvater hätte sie nicht lieb. Großvater war richtig erschrocken und er nahm sofort alle beide, Rosie und Alex, beiseite, um ihnen ein paar Fotos zu zeigen. Ich hab keine Ahnung, was er ihnen gezeigt hat; aber Rosalie wurde wieder fröhlich.
Ich hab weiter ferngesehen, sie ignoriert, Balg, das ich war. Oder immer noch bin, das hängt vom Standpunkt des Einzelnen ab.
Mom sagt, dass ich nicht nur Großvaters Aussehen geerbt habe, sondern auch seine ganze Art. Vielleicht ist das ja der Grund, dass er weniger Probleme damit hatte, mich zu bestrafen – und sobald niemand hinsah, allen Ärger mit einem Winken abzutun.
… Das ist die letzte Erinnerung, die ich an ihn habe: wie er mir zuwinkt. Als Rosalie, Alex und ich an seinem hundertsten Geburtstag gingen, als er zu seinem Tee und seinen Fotos zurückkehrte. Ich hab gestrahlt, zurückgewunken und ihm gesagt, ich würde ihn später sehen.
Seitdem sind zehn Jahre vergangen.

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Skeletons – Jeder hat seine Leichen im Keller

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Es war ein friedlicher Nachmittag in ihrem Bezirk – genau die Art, die er besonders schätzte. Die Vögel sangen; die Blumen blühten; Alchemy, seines kleines, graues Kätzchen lag auf seinem Schoß, schnurrte zufrieden… und die ganze Welt war im Großen und Ganzen in Ordnung. Alexander Elric genoss genau dieses Gefühl in genau diesem Moment, während er zum leuchtend blauen Himmel hoch lächelnd ein Glas Eistee schlürfte.
Ah, die kleinen Freuden des Alltags…
Schritte informierten ihn über die Anwesenheit einer anderen Person. Der Junge erstarrte kurz, als er hochschielte-
„Hey, Al!“, rief eine fröhliche Stimme in genau diesem Moment; eine Stimme so süß und dunkel wie Honig. Diese Stimme hätte er überall und jederzeit wieder erkannt; sie gehörte zu seinem älteren Bruder.
„Ed!“ Alex grinste und stellte sein Glas neben sich auf den Servierwagen, als sein älterer Bruder erschien – die Verkörperung unverschämt guten Aussehens in seinem weiten, orangenen Muskelshirt und den engen Jeans – und sein typisches, schiefes Lächeln zeigte. „Was machst du denn, ich dachte, du sollst Mom helfen, die Kisten und den ganzen Kram aufzuräumen.“
Als er daran erinnert wurde, wand sich Edward leicht; richtete sich dann wieder mit einem lässigen Achselzucken auf(als könnte er damit sein Zusammenzucken überspielen). „Ja, weißt du“, setzte der Blonde selbstzufrieden an, als er sich neben Alexander niederließ, „Ich bin fertig und jetzt-!“
EDWARD SIMON ELRIC, KOMM SOFORT ZURÜCK!”, hallte mit einem Mal der Schrei einer Frau – ihrer Mutter – von der Garage hinüber, so laut und gellend, dass sogar Alchemy alarmiert aufsprang und zur Tür flüchtete.
„…“ Alex seufzte und blickte wehmütig auf seinen jetzt verschütteten Tee. Er brauchte einen neuen… Und eine saubere Hose. “Was machst du jetzt, Brüderchen?“
Edward – der trotz seiner jetzt etwas gekrümmten Haltung seinen Bruder deutlich überragte(und das, obwohl Alex nur ein Jahr jünger war) – zuckte wie unter einem Schlag zusammen. „Was ich mache?“, wiederholte er mit einem eindeutig beleidigten Unterton. „Warum gibst du immer mir die Schuld?!“
„Weil der Schuldige sonst Mom wäre?“, gab der andere trocken zurück(dabei fummelte er ärgerlich an seinen Hosen, wo der Zucker eben zu trocknen begann). „Da fällt mir nur eins ein: Args.“
Edward war überhaupt nicht begeistert von dieser Abfuhr. „Willst du es denn nicht auch mal von meiner Seite betrachten, Al...?“, wimmerte er, die goldenen Augen vor Schmerz weit auf gerissen. Er senkte den Kopf; sein heller, flachsfarbener Pferdeschwanz glänzte in der Frühsommersonne. Alex fiel mit einem Schlag auf, wie die langen, seidigen Strähnen in Edwards bloßen, schweißüberzogenen Nacken klebten, als er noch ein paar Zentimeter näher kam. Er roch nach frischgemähten Gras und einem würzigen, namenlosen Rasierwasser...
Und zu seinem eigenen Entsetzen wurde Alex rot und wandte sich schnell um. „Nein!“, sagte er schnell und wohl auch ein wenig ärgerlicher, als es notwendig war. Er schon die Schuld auf seine nasse Hose. Verdammt. Das klingt dermaßen falsch-! „Komm schon, Edward, Mom ruft dich – und du bringst dich nur in noch mehr Schwierigkeiten, wenn du sie ignorierst.“
„Oh...!“ Ed blies die Wangen auf(dies tat er ziemlich laut) und spielte die beleidigte Drama Queen, die er ja auch war.  “Schön!”, knurrte er awütend. “Aber erwarte nicht, dass ich das nächste mal für dich einspringe, wenn du... du...” Einen Moment lang grübelte er; ein breites, arrogantes Grinsen breitete sich langsam auf seinen entnervend sanften Zügen aus. Und als Ed sich – des besseren Effekts wegen – ein wenig weiter vorbeugte, ertappte Alex sich selbst, wie er in böser Vorahnung schluckte. “Das nächste Mal Zitronen aus dem Netz runerlädst.”
„-!“ Das Gesicht des Brünetten explodierte in Magentarot;  nervös spielte er mit seinen locker herunterfallenden Strähnen. Seine silbrig-nussbraunen Augen verhakten sich mit denen des Anderen, angefüllt von irritiertem Schreck. „Woher wusstest d- ich meine-!“ 'Oh Scheiße.'
Das war verdächtig.
Seufzend ließ der jüngere Teenager den Kopf hängen. Und wie auf Kommando grinste Edward siegesgewiss. Er kam bei Alexander immer durch, wenn er nur hartnäckig genug war. Oder mit genug schmutzigen Tricks spielte. Wie auch immer. „... Gut. Ich geh Mom helfen.“
„Danke!“, jubelte Ed, sprang auf die Füße und umarmte den Anderen schnell. Alex's ohnehin schon rosane Wangen feuerten, sein Körper versteifte sich in der flüchtigen Umarmung. „Ich schulde dir was, Bruderherz!“ Und mit einem Winken und einem Zwinkern war er innerhalb von einer Sekunde verschwunden.
Da begriff Alex, dass sein Bruder es schon wieder getan hatte.
„... Verdammt.“
Alex stöhnte, während er seine Füße Richtung Garage schleifte, verärgert darüber, dass er soeben reingelegt worden war.

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Edward und Alexander Elric waren vieles füreinander – Brüder, Zimmergenossen(im Haus gab es nur drei Schlafzimmer und sowohl Rosalie als auch ihre Eltern brauchten alle ihren eigenen Raum) relativ gute Schüler... sie waren auch extrem stur, scharfzüngig und auch nicht gerade dafür bekannt, allzu fair zu kämpfen.
Besonders nicht, wenn sie miteinander kämpften.
Aber vor allem anderen fühlten sie sich zutiefst verpflichtet, das Gesetz des Gleichwertigen Austausches zu beachten – so, wie ihr Vater es ihnen beigebracht hatte.
Als Alex also später am Abend Ed von der oberen Liege des Doppelstockbetts herunter kickte(und das im wahrsten Sinne des Wortes), damit er ihm half, die Kartons zu sortieren, die er aus der Garage zu räumen verdammt gewesen war, hatte der ältere Junge keine Wahl, als sich seinem Schicksal zu ergeben.
„Verdammt, Al!“, heulte der Blonde, als er halbnackt und im Schneidersitz auf dem Boden neben das unteren Bett hockte und sich grummelnd durch einen kleinen Schuhkarton wühlte. „Nach der ganzen Arbeit, die ich hatte, um mich vor diesem Job zu drücken, hast du mich direkt wieder dafür herangezogen?“
„Falsch“, witzelte Alexander munter, während er den Deckel einer Kühlbox abnahm. “Ich hab dich für einen anderen Job herangezogen. Mom wollte, dass du ihr beim Sortieren von den Kartons hilfst. Jetzt will sie, dass ich besagte Kartons durchgehe – und du wirst mir dabei helfen.“
Edward seufzte, und mit einer hochgezogenen Augenbraue zog er einen auffälligen Ohrring aus einem Meer Küchenpapier; schnell legte er ihn beiseite. „Und was soll das ganze?“
„Frühjahrsputz?“, antwortete Alex trocken und gedämpft durch Karton, als er in eine große Box tauchte(Beim Klang seiner Stimme sah Al's Bruder amüsiert von seiner Arbeit auf und beobachtete den Hintern seines Bruders, wie er hin und her schwenkte, als er sich immer weiter in die Untiefen vorgrub). „Ich weiß nicht. Ich glaub, sie hat mal einen Garagenverkauf erwähnt oder so was...“
Ed schnaubte. „Nicht das Aufräumen“, korrigierte er schnell und dabei klang er aufgebracht. „DAS.“ Er schwenkte einen weiteren Gegenstand – ein furchtbar schmutziges, türkises Strumpfband – in Als grobe Richtung; er schien hin- und hergerissen zwischen Gelächter und Ärger. Alex setzte sich weit genug auf, um den gezeigten Gegenstand zu erkennen und wurde knallrot, ehe er sich wieder wegdrehte. „Das alles! Dieser Müll! Was soll das? Warum haben wir das?
„Das gehört nicht wirklich uns“, brummte der Brünette und er klang immer noch sauer. (Ed, der entschieden hatte, dass er sich lieber mit dem Strumpfband amüsierte, benutzte es als Schleuder und schlug Alex ins Gesicht. Alex verzog das Gesicht und warf zur Antwort einen staubigen Globus auf seinen Bruder.) “Ich glaub, es gehörte Großvater.”
Ed runzelte die Stirn. „Wirklich?“, murmelte er ein wenig neugierig, während er den Globus zwischen seinen Fingern drehte. „Welchem?“
„Dem toten – Großvater Elric.“
„Oh.“ Der Ältere gähnte gemächlich; die goldenen Augen halb geschlossen in müdem Interesse. „Würe erklären, warum es so viel ist. Aber warum haben wir es überhaupt noch. Warum hat Mom es nicht einfach weggeschmissen, als er den Löffel abgegeben hat?“
„Ed!“, rief Alexander aus, angewidert vom lockeren Tonfall seines Bruders. Er setzte sich wieder auf und klopfte den Staub von seinem T-shirt und seinen Hosen, während er ihn düster ansah. „Zeig wenigsten ein bisschen Takt, ja? Natürlich würde Mom nicht einfach alles wegwerfen – ich bin mir sicher, dass Dad sein Zeug durchsehen wollte. Großvater Elric war immerhin sein Vater.“
„Nun, er hat sich sicher Zeit dafür genommen – wenn er es überhaupt gemacht hat“, gähnte Edward. „Und sollte das der Fall sein, warum  wurden WIR dafür rangezogen?“
„Keine Ahnung“, brummte Al, immer noch sauer. Er ging wieder dazu über, den Inhalt der Kühlbox untersuchen, wobei vergilbtes Zeitungspapier um ihn herum zerfiel wie Konfetti. „Vielleicht hat Mom mir die Box aus Versehen gegeben order vielleicht will die das Zeug da drin verkaufen oder vielleicht hat Dad es nie geschafft, da- da...“
Er stockte plötzlich, seine Stimme zitterte ein Mal, dann erstarb sie.
Stille.
Edward, der immer noch mit dem alten, braunen Globus spielte, schaute auf, irritiert durch die plötzliche Ruhe. „Al?“, versuchte er es und setzt sich auf. Warum war er so blass? „Alex?“ Auf den Knien lehnte der Teenager sich vor und stieß seinen kleinen Bruder in die Seite. „He, Alexander. Was ist los?“
Ein Schlucken; das Geräusch hallte seltsam wider in dem kleinen, orange-braun gestrichenen Schlafzimmer. Dann, während er seinen Bruder mit den merkwürdigsten Blicken bedachte, zog Alex etwas aus der Box, das wie ein verblasster Papierfetzen aussah. “Da...”, würgte er mit einer deutlichen Panik in der Stimme. “Da- das sind wir.”
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So war es. Besser gesagt, das war, wie es schien.
„W... was zur Hölle...?“ Edward starrte und nahm dann das Foto mit langen, zitternden Fingern auf. Das dünne Papier zitterte in seinen Händen; verblasste Farben schimmerten schwach im späten Sonnenlicht, das sich durch das Fenster ergoss. „Das können nicht wir sein – dieses Foto muss mehr als neunzig Jahre alt sein!“
Die Schätzung war gut. Den verblassten Sepiatönen nach zu urteilen, dem Graustich, die Kleidung, die die abgebildeten Jungen trugen und die aussahen wie aus dem frühen zwanzigten Jahrhundert... das Bild war eindeutig antik. Und das machte die lächelnden Gesichter, die zu ihnen hinauf schauten, nur noch unheimlicher.
Alex, immer noch verständlicherweise überrascht, ließ das Kartondurchsehen sein und setzte sich neben seinen Bruder. „D... denkst du...“, flüsterte er, berührte eine Ecke des kleinen Fotos. Es hatte ungefähr die Größe einer Baseballkarte. „Denkst du, das könnte Großvater sein?“
Die Frage hing einen zögerlichen Moment lang in der Luft. Alexander fuhr schnell fort.
„Ich meine, das ist eine Kiste mit seinem Zeug, nicht wahr? Und er hat Bilder geliebt. Und Mom sagt immer, dass du aussiehst wie er...“
Edward antwortete einen Moment lang nicht, er war vollkommen von dem Bild gefangen. Es war wie verhext, merkwürdig... zögernd strich er mit dem Finger über das Gesicht seines Doppelgängers, wie im Versuch, an das breite Grinsen anzurühren.
Der junge Mann auf dem Bild strahlte weiterhin; das Kinn hochgereckt sah er fröhlich zu dem größeren Jungen auf, dessen Hand auf seiner Schulter lag.
„Ich schätze, das macht Sinn“, gab er schließlich in einem Räuspern zu. Er legte das Foto beiseite, als hätte er sich daran verbrannt und drehte sich weg, spielte mit den langen Strähnen seines zusammengebundenes Haares. „Aber wenn das stimmt, wer ist das da bei ihm?“ Er zeigte vage auf den zweiten Mann, der auf erschreckende Art aussah, wie Alex.
Der angesprochene Brünette konnte nur mit den Achseln zu zucken, um nicht seinen Doppelgänger anschauen zu müssen. Sein Lächeln war so strahlend, so hübsch; es tat weh, es anzusehen. Wem galt es? Woher kannten diese beiden Männer sich?
„Denkst du, in der Box ist noch mehr?“, fragte Alex leise, drehte das Bild um, drückte die Gesichter in den Teppich. Es war zu viel... „Etwas über...“
Edward schnaubte und stand flink auf. „Wen juckt's?“, brummte er, wohl ein bisschen lauter, als unbedingt notwendig. „Es ist egal. Grovater kannte also jemanden, der dir ein bisschen ähnlich sah. So oder so hat es keinen Einfluss auf uns.“ Er machte eine Pause, wirkte ein wenig unsicher, was er noch sagen oder tun sollte, ehe er sich endlich entschied, zur Tür zu staksen. „Ich hab Hunger“, verkündete er dann. „Haben wir noch kalte Pizza?“
„Seh ich aus wie der Kühlschrank?“, brummte Alexander verärgert und winkte in Richtung seines Bruders ab. Er befasste sich jetzt mit dem verstreuten Packpapier, knüllte die Blätter zu einem einzigen, großen Ball zusammen. „Geh und schau selber nach.“
„Werd ich auch.“
Und das tat er. Und ließ Alex allein.
„...“
Die Stille tat weh.
Seufzend fuhr der Jüngere damit fort, das Schlafzimmer aufzuräumen und warf dabei in seiner Suche nach mehr Müll einige einzelne Socken in eine Ecke. Die ganze Zeit über lag das Foto neben seinem unteren Bett, es war nicht fähig, vergessen zu werden und ignoriert werden wollte es auch nicht. So abgelenkt er auch war, Alexander konnte nicht verhindern, dass seine Augen zu der hellen Rückseite des Fotos wanderten, dass sein Geist auf Wanderschaft ging, als er versuchte, die versteckte Botschaft zu entschlüsseln. Es war, als wollten die beiden jungen Männer ihm etwas sagen... etwas Wichtiges.
Wer war er? Der Junge, der aussah, wie er? Der Junge, der ihren Großvater mit solcher Selbstverständlichkeit berührte und mit einer solchen Hingabe? Der Junge, den Großvater mit so viel Zuneigung und Sorge ansah?
Wer?
Noch bevor er wusste, was er tat, fühlte Alex, wie seine Füße ihn wieder zur Kühlbox trugen. Seine Arme schossen wie aus eigenem Willen vor und waren bald bis zu den Schultern in alten Zeitungen vergraben: grabend, suchend, nach etwas tastend, das er gerade nicht sehen konnte.
Er fand es; die rechte Hand klammerte sich um etwas Hartes und Dickes. Kalt. Rau. Er zog es ohne zweiten Gedanken hinaus.
„Ein Buch?“
Alexander blinzelte baff, während er auf den Hintern fiel und die Beine überschlug, auf dem Schoß seinen Fund. Es war ein Buch – ganz offensichtlich der Form und Größe nach zu schließen; schokoladenbraunes Leder umschloss einen Stapel gilbenden Pergaments – aber nicht die Art, die er bei seinem Großvater gesehen hatte. Edward senior war für seinen wissenschaftlichen Geschmack bekannt gewesen; er war nie jemand gewesen, der mit einem modernen Roman herumlungerte. Oder überhaupt etwas anderem, das auch nur einen Hauch von Fiktion oder Einbildung enthalten hatte. Das machte es so merkwürdig, dass dieses Buch sich in seinem Besitz befunden hatte; ein Buch, das – von ein paar komplizierten lateinischen Worten auf dem Deckel abgesehen – voller Selbstbewusstsein eine Art Haken zeigte und ein reich verziertes, drachenartiges Zeichen.
Al konnte es kaum glauben, es war ihm unmöglich, seine Augenbrauen von seinem Pony fern zu halten, alser über das schwere Buch strich. „Ist das...“, murmelte er zu sich selbst, unfähig, seine Überraschung aus der Stimme herauszuhalten. „Ist das ein Tagebuch...?“
So sah es ganz sicher aus – jedenfalls mehr als nach einem Buch über Chemie. Aber es gab nur einen Weg, das herauszufinden...
Mit einem tiefen Atemzug brach Alex das Siegel; ließ die Seiten mit einer wahren Explosion von Staub aufblättern.
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November 1921
Lieber Al,
Als erstes lass mich sagen, dass ich selbst nicht glaube, dass ich das hier tue. Und ich weiß, wärst du hier, würdest du mich anschauen, als hätte ich den Verstand verloren. Aber gibt mir die Chance, mich zu verteidigen – das war nicht meine Idee. Es war Heidrichs. Er war's, der vorgeschlagen hat, dass ich Tagebuch schreiben soll(seine Worte, nicht meine), um – ich zitiere - „deine Gedanken über diese neue Welt aufzuzeichnen, dann kannst deinem Bruder alles erzählen, wenn du ihn findest.“ Meine Antwort war irgendwas Unflätiges, ich geb's ha zu, aber es war wohl ungefähr: „Ich schreibe keine Tagebücher.“ Und er hat daraufhin seine Aufforderung untermauert hatten, indem er das Wort „Tagebuch“ in „Beobachtungsprotokoll“ geändert hat.
Ich hab ihm gesagt, er soll abhauen.
Naja, anscheinend hat er trotzdem gewonnen, denn – hier bin ich und ich schreibe. Auch, wenn das kein Tagebuch ist – genauswenig wie ein Protokoll. Denn auch wenn es das ist, was er vorgeschlagen hat, es ist nicht das, was er gedacht hat. Oder was ich gedacht habe.
Ich glaube, er hat's einfach nur satt, mich dumpf herumhocken und grübeln zu sehen. Und ich glaube, ich kann ihm das nicht einmal vorwerfen. Seit meinem unfeierlichen Erscheinen in dieser bescheuerten Welt sind zwei Monate vergangen und seitdem ist alles nur noch schlimmer geworden. Ich habe Arbeit, ich habe einen Mitbewohner, aber ich hab keinen Lebenswillen. (An dieser Stelle würdest du mich melodramatisch nennen, nicht war, Al?)
Ich vermiss dich, kleiner Bruder. Ich kann nicht aufhören, an unser Zuhause zu denken, an unsere Freunde, an die Alchemie. Ich kann nicht aufhören, mir Sorgen um dich zu machen. Bist du in Ordnung? Funktioniert dein neuer Körper so, wie er soll? Ist der Plan vom Oberst aufgegangen? Ich muss es wissen – aber es gibt keinen Weg, es herauszufinden.
Heidrich ist mir eine große Hilfe. Er hört mir zu und nennt mich nicht durchgedreht. Er bringt mich zurück, wenn ich in der Bar mal wieder zu viel getrunken habe. (Das passiert zu oft, ich weiß.) Und er war es, der mir dieses Tagebuch gegeben hat. Er macht sich Sorgen um mich und das, wo ich so eine Last bin. Und ich hab keine Ahnung, wie ich ihm seine Freundlichkeit je vergelten soll.
Ich weiß, der Gleichwertige Austausch wird mich wieder einholen und in den Arsch beißen. Die einzige Frage ist wann.
Aber jetzt kann ich nichts tun, als hier herum zu sitzen. Um diese Jahreszeit ist es kalt in München(da bin ich gerade, in einem Land, das „Deutschland“ genannt wird), deshalb sind alle Fenster geschlossen und verriegelt. Wir haben keine Feuerstelle oder genug Kerzen, also ist es dunkel – und kalt. Heidrich ist neben mir, er macht das Abendessen und ich schreibe am Küchentisch. Er hat versucht, heimlich über meine Schulter hinweg zu lesen, als ich angefangen habe zu schreiben(er möchte mehr über dich wissen, Al, aber ich erzähle nichts), deshalb schreibe ich das alles auf Englisch. Er kann Englisch nicht lesen und er mag es auch nicht. Er sagt, es ist ihm zu kompliziert. Aber ich mag diese Sprache; sie ist nah mit der verwandt, die wir zu Hause sprechen. Deutsch ist für mich schwieriger. Aber ich gewöhne mich daran.
Ich hoffe, dir geht es gut, Al. Ich vermisse dich – ich vermiss dich wie wahnsinnig. Aber ich muss zugeben, mir geht es ein bisschen besser, nachdem ich das geschrieben habe. Vielleicht hatte Heidrich ja recht.
Ich werde später wieder schreiben.
Ed.
X

Alexander starrte auf die saubere, kursive Schrift, ohne zu blinzeln, träge fragte er sich, ob sein Herz wohl je wieder anfangen würde, zu schlagen. Als er das erste Mal 'Lieber Al' gelesen hatte, hatte es sich einen Moment lang angefühlt, als wäre dieser Brief dazu bestimmt gewesen, die Zeit zu überbrücken; seinen Weg zu ihm zu finden. Aber nein... Großvater hatte einen kleinen Bruder?
Und was hatte es mit diesen anderen Welten auf sich? Ein neuer Körper? Ein Oberst? Alchemie? Das klang schon beinahe wie Großvaters Gutenachtgeschichten...
Die ja wohl kaum wahr sein konnten, natürlich nicht.
... oder?
„Hey, Al-“ (Alex machte beinahe einen Satz über eine Meile, er  presste die Hand aufs Herz, als sein älterer Bruder seine plötzliche Anwesenheit kundtat) „Ich hab uns Piz-“
Der Blonde verstummte beim Anblick des runden Gesichtes seines Bruders. Während er verwirrt den Kopf hin und her bewegte, stellte der ältere Junge die Teller auf einem sehr unordentlichen Nachttisch ab und ließ sich neben den anderen auf den Boden fallen. „Was ist lo- he, wo hast du denn has gefunden?“ Er zeigte auf das Buch, seine Stimme verlangte unmissverständlich nach Antwort; seine goldenen Augen waren aufgerissen und blickten unschuldig-verwirrt drein. „In der Kühlbox?“
„Ein altes Brieftagebuch“, antwortete Alexander vorsichtig und legte das Buch auf den Boden zwischen sie – auf das Foto. „Briefe, die Großvater an seinen kleinen Bruder geschrieben hat.“
Edward schien überrascht. „Kleiner Bruder?“, wiederholte er baff. „Ich wusste nicht, dass Großvater einen Bruder hatte.“
„Nun ja...“ Alex räusperte sich leise und fuhr mit dem Zeigefinger ein unbestimmtes Muster auf dem Knie nach. „Vielleicht hatte er auch keinen.“
„Hä?“ Eine Pause, ein verzogenes Gesicht. „Was meinst du damit?“
Al zuckte die Achseln, er blickte merkwürdig ängstlich. „Im ersten Brief redet er die ganze Zeit über solche Sachen wie andere Welten und Alchemie... wie die Gutenachtgeschichten, die er uns immer erzählt hat. Vielleicht war er ja... also... du weißt schon...“
„Verrückt?“, vollendete Ed trocken. Sein Bruder nickte und fühlte sich ganz offensichtlich ziemlich durch den Wind – und ein wenig schuldig. „Hm. Kann sein, denk ich. Aber...“ Der Blonde stockte einen Moment, sah aus dem Fenster. Die Dämmerung war gekommen und gegangen; nun schien hell der Mond. „Aber hat Großvater dir nicht früher von seinem Bruder erzählt? Und dir Bilder gezeigt?“
„... was?!
Edward winkte die Überraschung des Jüngeren ab. „Naja, denk mal an das eine Mal, als du... ich weiß nicht, fünf warst? Er hat dir und Rosie ein paar Bilder gezeigt, als wir ihn besucht haben. Ich hab sie nich geseh'n, aber ich erinnere mich, dass du ganz schön gefesselt davon warst. Waren sie von diesem Jungen?“ Er wedelte mit einem Finger in Richtung des Fotos, das unter dem Tagebuch lag. „Vielleicht ist ja er Geoßvaters Bruder. Das würde jedenfalls erklären, warum er sie euch gezeigt hat – du und Rosalie, ihr habt geweint, dass er euch nicht lieben würde, weil er immer so traurig geschaut hat, wenn er euch sah. Er muss die Ähnlichkeit zwischen euch gesehen haben. Vielleicht hast du ihn ja an seinen Bruder erinnert.
„...“
Alexander schwieg verblüfft – starrte einfach seinen Bruder an. Edward, der mit einem plötzlichen Aufwallen von Verlegenheit feststellte, dass er soeben seinen Großvater verteidigt hatte(und so ganz nebenbei etwas erklärt, das die meisten Leute als sicheren Beweis für Wahnsinn betrachten würden) nahm einen hellen Magentaton an. „Nur eine Idee“, blubberte er, während er mit dem Teppich spielte.
Al hustete. „Ähm... ja, also ich kann nicht wirklich... das ist... jetzt komm schon, ich war vier! Ich kann mich nicht daran erinnern!“ Seine Stirn runzelte sich gedankenvoll; er rieb die Faust daran und er sah zwiegespalten aus. „Aber ich glaube... aber eigentlich ist es egal...“
„Warum machst du deswegen überhaupt so einen Aufstand?“, fragte Edward gelassen, im Versuch, etwas von seinem 'männlichen Stolz' zu retten. „Es sind nur ein altes Foto und ein noch älteres Tagebuch. Warum schmeißen wir das nicht weg?“
Das provozierte jedoch eine sehr deutliche Antwort.
„Nein“, erwiderte Alex ohne auch nur einen Moment zu zögern. „Nein, ich will es lesen.“
Ed – der trotz allem nicht wirklich überrascht war(sein Bruder war eine Art Historien-Fanatiker) – hob eine Augenbraue. „Warum?“
Es war eine simple Frage, mehr als simpel. Aber dennoch antwortete Alex eine ganze Weile... stattdessen starrte er auf die kurvig-kursive Schrift auf der Seite vor seiner Nase. „Ich will nur...“ Auf der Unterlippe kauend schickte Alexander seinem Bruder einen verzweifelten Blick. „Ich hab nur das Gefühl da ist etwas, das wir über ihn wissen sollten. Als wäre da eine allerletzte Gutenachtgeschichte, die er uns nie erzählt hat, obwohl er es wollte.
„... hast du etwa schon wieder Zahnpasta verschluckt?“
„Ed!“
„Hey!“, rief Edward aus, hob verteidigend die Hände und lächelte leicht, duckte sich hinter dem Kissen. „Ich mach nur Witze! Mach was du willst; mich geht’s nichts an. Und außerdem, wenn Großvater wirklich irre war, gibt das vielleicht ne gute Idee für nen Roman oder so was.“
Typisch Ed. Nie ernst. Jedoch, als Alex die Seite umblätterte, um den nächsten Eintrag zu lesen, rührte sein Bruder sich nicht von der Stelle. Stattdessen hing er an seiner Schulter – ganz offensichtlich wollte auch er weiter lesen.
Unglücklicherweise schien es, als würde dieser Eintrag ein bisschen mehr Arbeit erfordern, um ihn zu lesen: das Pergament war überflutet mit Tintenflecken und verschmiert mit irgendeiner Flüssigkeit. Selbst die Schrift an sich war merkwürdig missglückt, lief ineinander, als wäre da eine Art unsichtbarer Verkehrsunfall auf dem Papier passiert...
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Dezember 1921
Al – ich halt das nicht aus. Ich kannnichichkannnichichkannnichich willdich sehen, jetztund ich will nich warten. Wobist du? Wo kannst du nur sein? Wartestduimmer noch hinterdemtor auf mich? Ich will jetztbeidir sein. Ich will dichjetzt seh'n. Ichwill dichjetzt.
Ich vermissdich, Brüderchen. Ichvermissdeine Wärmeunddein Lächenundalles an dir.Ich will dichbei mirwill dichberühren-“
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Alexander schlug das Buch mit einem lauten SCHNAPP zu. Seine Augen waren weit aufgerissen; die Wangen kirschrot. Edward wiederum schien merkwürdig angetan.
„Ich... ähm... ich glaub, er war betrunken“, fiepte Alex in schlichtem Schrecken.
„Betrunken?”, wiederholte Ed lachend; sein Lächeln verzog sich in ein amüsiertes Grinsen. „Al – ich glaub, er war schwul.”

XXX


Oh, wie recht du doch hast, Edward Jr. XD
Naja, egal. Hoffentlich werd ich das hier bald updaten – immerhin habe ich hübsche(und nicht ganz so hübsche) Pläne für beide Ausgaben der Elric-Brüder. ;)
Ich hoffe, es hat euch gefallen!
PS: Ich war mir nicht sicher, in welchem Jahr Edward auf unserer Seite des Tores aufgetaucht ist; aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es in den frühen 1920igern war... und dann hat er drei Jahre ohne Al verbracht? Richtig? Glaube ich...?
Hilfe...? (stellt euch hier einen Schweißtropfen vor)
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