Vom Brauchen und Gebrauchtwerden

von Maia
GeschichteAllgemein / P16
26.10.2008
06.08.2012
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Vom Brauchen und Gebrauchtwerden

Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum mit all seinen Charakteren, Gestalten und Orten gehört J.K. Rowling. Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld. (Und dieser Disclaimer sollte für die gesamte Geschichte genügen.)

Worum es geht: Laut Rowling heiratet Angelina George, irgendwann. Warum? Wie, um alles in der Welt, kommt es dazu? Was passiert mit Alicia? Wie ändern sich Angelinas Gefühle von einem Zwilling zum anderen? Und wie geht es denen, die es am meisten trifft, nach Freds Tod? Trifft sich die alte Quidditch-Clique noch, nachdem alles zerbrochen ist? Alles Fragen, die ich mir gestellt habe, und die in dieser Geschichte auf eine mögliche Art und Weise beantwortet werden.

Widmung: Für Sonja. Ein Teil deines Geburtstagsgeschenks, das unverschämt spät dran ist.




Teil Eins

i)

Eigentlich achtet Angelina immer darauf, wo sie gerade hinläuft. Sie rempelt niemanden an, schaut sorgfältig auf den Weg und weiß genau, wohin ihre Füße sie tragen werden. Früher hat sie im Kopf Quidditchmanöver durchlaufen lassen, Spielzüge und Schrittfolgen unterscheiden sich schließlich nicht so sehr voneinander. In Hogwarts hat sie sowieso aufpassen müssen, wo sie hintrat, da gab es Trickstufen und Fallen gegnerischer Spieler und Wände, die gar keine waren.
(Im Krieg hat Angelina erst recht gelernt, wie wichtig es ist, keinen falschen Schritt zu machen. Aber darüber will sie nicht nachdenken und was Angelina nicht will, das tut sie auch nicht.)
Eigentlich achtet Angelina immer darauf, wo sie gerade hinläuft. Und so trifft es sie unvorbereitet und die Überraschung reißt ein großes, kaltes Loch in ihren Magen, als sie beinahe gegen die Reklametafel eines Scherzartikelladens stößt. Grellbunte, explodierende Schriftzüge brennen in ihren Augen, oder zumindest redet sie sich das ein, um nicht darüber nachdenken zu müssen, wie leicht und schnell die Tränen noch immer kommen, obwohl drei Monate vergangen sind seit-
Angelina schluckt, atmet ein und aus und schüttelt sich die geflochtenen Haare aus dem Gesicht. Nicht auf offener Straße, befiehlt sie sich stumm, nicht mehr. Einfach weitergehen, komm, setz' einen Fuß vor den anderen, es ist nicht schwer, du hast es schon vorher getan, lockt sie eine Stimme in ihrem Kopf, doch der Befehl dringt nicht bis zu ihren Füßen durch und sie bewegt sich nicht. Sie steht nur da und starrt zum Schaufenster hinein.
„Immerhin blüht das Geschäft“, murmelt sie und ihre Stimme hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack auf ihrer Zunge. Angelina wünschte, sie könnte einen Knopf drücken und der Zynismus würde verschwinden, sie hat gesucht und gesucht und mittlerweile glaubt sie, sie hat die Bedienungsanleitung für sich selbst verlegt oder vielleicht hat Fred sie geklaut und mitgenommen, dorthin, wo Angelina ihm nicht folgen kann, obwohl sie doch sonst immer ihren Weg findet.
Ihre Füße beschließen, sie in den Laden zu tragen.
Innen stoßen Menschen aneinander, ihr lautes, fröhliches Stimmengeschwirr bringt die Luft zum Vibrieren und Angelina fühlt sich wie in einer fremden Welt. Sie weiß genau, warum der Scherzartikelladen so beliebt ist, warum George gerade vermutlich mehr Geld verdient als jemals wieder in seinem Leben – der Krieg ist seit drei Monaten vorüber und jeder hungert nach Zerstreuung. Nach albernen Streichen, über die man sorglos und unbeschwert lachen kann.
Hier können sich die Menschen ihre Fröhlichkeit zurückkaufen und manchmal kostet es sie nur ein paar Kupfersickel.
Angelina beneidet sie. Ihr bereitet es Schmerz und qualvoll schöne Erinnerungen, zwischen den Scherzartikeln spazierenzugehen.
Sie bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen den vollgestopften, chaotisch wie eh und je eingerichteten Regalen und weicht Kindern mit strahlenden Augen aus. Sie hört schmeichelndes „Muuuum, bitte, kann ich nicht...?“ und gespielt strenges „Frag' mal deinen Vater, was er dazu sagt“ und dann stolpert ihr Herz über ein „Vielen Dank für Ihren Einkauf und viel Spaß damit! Stellen Sie sicher, dass Ihr Herr Sohn seinen Lehrern Streiche spielt und nicht Ihnen...“.
Angelina schaut um die Ecke und erspäht einen roten Haarschopf. In ihrem Kopf wispert es Fred, Fred, Fred, aber ihr Verstand schüttelt seufzend den Kopf und erwidert behutsam Das ist George und du weißt es. Ja, sie weiß es, sie weiß es nur allzu genau. Man wird ja noch träumen dürfen, würde sie ihrem Verstand gerne trotzig erwidern, doch sie hat Angst vor dem, was danach kommen wird.
(Träumen darfst du. Nur denk' daran, wie furchtbar das Aufwachen sein wird. Du hast es ausprobiert. Du weißt, wie es ist. Wie oft willst du es noch ausprobieren, bevor du dir sicher bist, dass es nicht leichter werden wird?)
Sie tastet sich behutsam voran, weicht der munter plappernden Familie aus, die mit leuchtendem Blick zur Tür wandert, und schiebt sich zur Kasse, an der gerade niemand steht.
Angelina nimmt all ihren Mut zusammen (viel ist nicht gerade davon übrig und das Wenige versteckt sich gut), räuspert sich und sagt „Hallo, George“. Das dazugehörige Lächeln gefriert ihr auf den Mundwinkeln ein, als sie feststellt, dass George seinen professionellen Verkäufergesichtsausdruck verloren hat. Stattdessen schaut er sie irritiert an und seine Schultern versteifen sich unter dem blauen T-Shirt, das Angelina vage bekannt vorkommt.
„Was willst du hier?“, fragt er statt einer Begrüßung und der höfliche, gut gelaunte Tonfall, mit dem er seine Kunden automatisch bedient, ist einer Kälte gewichen, die Angelina zusammenzucken lässt. Sie steckt die Hände tief in ihre warmen Manteltaschen, zuckt die Achseln und erwidert ausweichend und hilflos zugleich „Ich weiß nicht. Ein bisschen mit dir reden, vielleicht.“ Ihre Hände ballen sich langsam zu angespannten Fäusten, sie lässt ihre Fingernägel scharf in die weiche Haut ihrer Handballen einschneiden, bis kleine, rote Halbmonde zurückbleiben und sie sachte darüberfahren kann.
Es tut gar nicht weh. Angelina macht es, ohne darüber nachzudenken, um sich abzulenken von der Nervosität, die doch nicht sein muss und die sie auch gar nicht verstehen kann, denn immerhin ist das vor ihr George, der in der zweiten Klasse Spinnen in ihren Zaubertrank geschüttet hat, wenn sie nicht hinsah.
„Ich möchte nicht mit dir reden“, entgegnet George knapp und dreht den Kopf zur Seite. Seine Haare stehen wild und kupferrot ab, wie eine Mähne, aber Angelina weiß, dass sie sich von seinem Löwengebrüll nicht abschrecken lassen darf. Nicht jetzt, wo ihre Füße sie bereits in den Laden getragen haben, ohne dass sie es wollte, ohne dass sie es hatte kommen sehen. „Ich wüsste auch gar nicht, worüber“, fügt George hinzu und Angelina schluckt bittere Enttäuschung und eisige Wut.
Sie will den Mund öffnen und ihm etwas entgegenschleudern, etwas über Freundschaft und gemeinsame Zeiten und Zusammenhalt, doch George schneidet ihr die ungesagten Worte ab. „Ich habe zu arbeiten“, teilt er ihr sachlich mit und nickt in Richtung seiner Kundschaft, die fröhlich durch die Gänge läuft, alles anschaut und anfasst und in riesige Einkaufskörbe legt.
Angelinas Wut verwandelt sich in Unsicherheit und steigt ihr zu Kopf. Dieser George ist ihr fremd und sie traut sich kaum, ihm ins Gesicht zu blicken. „Bitte“, macht sie, unternimmt einen letzten, verzweifelten Versuch, mit ihm ein Gespräch zu beginnen, aber ihre Stimme ist klein geworden und rau und verrät, dass Angelina schon selbst nicht mehr an ihren Erfolg glaubt.
Sie blinzelt und was sie sieht, gefällt ihr nicht. George hat sein Lausbubenlachen verloren, er hat nur einen schwachen Abglanz für seine Kunden behalten, denen er seinen Zorn und seine Trauer schließlich nicht ins Gesicht schreien kann, so wie er es mit Angelina wohl am liebsten tun würde.
„Bitte, George“, wiederholt sie und hebt nun doch ihre Augen, um sie auf seinem Gesicht ruhen zu lassen. Ihr Blick fleht ihn an, wegen der drei Monate, die bereits vergangen sind und weil es ihr kein Stück besser geht und ihm bestimmt auch nicht, oder? Und Angelina weiß einfach nicht, an wen sie sich sonst wenden könnte, denn George muss ihren Schmerz verstehen, wenn nicht er, wer dann?
Überhaupt – es ist immerhin George und in der Welt vor dem Krieg sind sie Freunde gewesen. Angelina erinnert sich genau.
„Wenn du nichts kaufen möchtest, würde ich dich bitten, die Theke wieder freizumachen“, erklärt George und hört sich eigentümlich fremd an. Seine blauen Sommerhimmelaugen sind klar und kalt und Angelina nickt eingeschüchtert, bevor sie sich umdreht und geht, durch die Winkelgasse rennt und darüber nachdenkt, wie Fred ihr mit seiner Stimme wie Schmirgelpapier Gänsehaut zaubern konnte.

ii)

Angelina sitzt auf Alicias Sofa, ein rotes Kissen im Arm, und weint. Sie hat es bis zum Tropfenden Kessel geschafft, eine Handvoll Flohpuder in den Kamin geworfen und sich selbst damit überrascht, dass sie den richtigen Ausgang gefunden hat. Alicia hat ihr verwirrt entgegengesehen und das hat genügt, um alles aus Angelina herausbrechen zu lassen.
Nun kauert sie im Wohnzimmer auf der Couch, hat die Beine an sich gezogen und fühlt sich unglücklich wie ein Kind, dem man den Sommer gestohlen hat. Ihre Freundin steht in der Küche und rührt Honig in heißen Kamillentee. Angelina kann feststellen, dass Alicias Finger zittern, der Löffel klirrt hell gegen den Tassenrand und enthüllt es.
Sie warten beide auf den Tag, an dem ein Stück Normalität in ihren Alltag zurückkehren wird, aber bisher warten sie vergeblich.
Alicia kommt mit ruhigen Schritten aus der Küche, schenkt Angelina ein aufmunterndes Lächeln, das warm auf sie tropft, und reicht ihr den Tee. „Danke“, wispert Angelina, als sie die Tasse in den Händen hält, und dann wackelt es kurz, als sich Alicia neben sie auf das Sofa setzt. Der Tee schwappt sachte und Angelina stellt ihn hastig auf dem kleinen Tisch ab, sie ist froh über die Gelegenheit, verbergen zu können, wie unruhig ihre eigenen Hände sind, und sie will nicht bei jedem ihrer Besuche kleine Pfützen auf Alicias Teppich hinterlassen.
Das Schwierigste hat Angelina schon hinter sich: das Erzählen. Das Nochmal-Erleben. Sie hat es mit leiser Stimme getan, ohne Wertung, denn es steht ihr nicht zu, George zu verurteilen. Er hat seine Trauer um sich aufgebaut wie eine Wand und Angelina weiß, dass es sein gutes Recht ist. Sie verhält sich nicht viel anders und Alicia respektiert es, wie sie alles respektiert.
(Tief in sich drin hat Angelina ein schlechtes, nagendes Gefühl, weil es Alicia vermutlich trifft, aus zweiter Hand zu erfahren, wie es George geht. Immerhin hat er sich von ihr ebenfalls abgewandt und es muss schlimmer sein als für Angelina. Aber gerade ist der Fred-Schmerz übermächtig und drängt alles in den Hintergrund.)
Angelina schließt die Augen, die schmerzen vom vielen Weinen und Nicht-Weinen. Sie neigt den Kopf und bettet ihn auf Alicias runder Schulter, die zwar weich und vertraut und tröstend ist, jedoch nicht stark und ersehnt wie Freds.
Es riecht nach Kamille und Schokolade und beinahe kann Angelina sich vorstellen, einen vollkommen normalen Nachmittag verbracht zu haben. Der Gedanke rettet sich nicht in die Realität hinüber und einen Moment lang gestattet sich Angelina, ihm wehmütig hinterherzusehen, ohne sich selbst sofort zu ermahnen, endlich ihre Traumwelt zu verlassen. Manchmal ist sie zu nachgiebig mit sich und manchmal zu streng. Das Mittelmaß ist schwer zu finden und so tut sie sich weh, statt die Wunden heilen zu lassen.
„Ich vermisse ihn“, murmelt Angelina und beißt sich auf zerschundene Lippen. Ihre Augen brennen von Tränen, die nicht mehr kommen wollen, und dann streicheln Alicias Hände warm und sanft und beinahe mütterlich über Angelinas Haar und ihre Wangen, bis sie sich fühlt wie ein kleines Kind, behütet und geliebt. Einen winzigen, kostbaren Augenblick lang ist die Vorstellung, dass alles wieder gut werden wird, wiederbeatmet.
Dann explodieren in ihrem Kopf tausend Erinnerungen und Angelina zittert und schluchzt und ringt nach Atem. Das schlechte Gefühl nagt sich nach oben und teilt ihr mit, dass Alicia doch auch mit ihrem eigenen Schmerz zu kämpfen hat und Angelina ihr den ihrigen noch mit dazu auflädt. Aber dann wiederum ist Alicia einfach für sie da gewesen, als sie sie gebraucht hat, sie hat nie gefragt und sich nie beschwert und nun weiß Angelina gar nicht mehr, was sie tun sollte, gäbe es Alicia nicht.
Damals, als -
Damals hat Alicia stumm ihre Arme ausgebreitet und Angelina hat sich hineingeflüchtet. Sie hat sich fallen lassen in Alicias Wärme und hat sich gebadet in ihrem weichen Blick. Seitdem schafft sie es kaum noch hinaus und es gibt nichts, was sie zieht. Manchmal glaubt sie, dass mit Fred alles Helle dieser Welt gestorben ist und Angelina will nicht im Dunkeln sein, also rettet sie sich in Alicias Dämmerlicht.
„Ich weiß“, antwortet Alicia behutsam, ihr Atem streichelt Angelinas Wange wie eine Liebkosung und beinahe erliegt sie der Versuchung, sich vorzustellen, es wäre Fred, der es sich neben ihr auf dem Sofa gemütlich gemacht hat. Angelina klammert sich an der harten Realität fest und ihr Verstand gewinnt. Sie bleibt in der Wirklichkeit, um sich weiteren Kummer zu ersparen.
„Wir vermissen ihn alle“, fährt Alicia leise fort und drückt einen Kuss auf Angelinas Haar. Ihre Arme schließen sich fest um ihre Freundin und dann schleicht sich der verwirrende Gedanke in Angelinas Kopf, wer sich eigentlich an wen klammert. Es macht keinen wirklichen Unterschied, solange sie sich aneinander festhalten können, denkt sie.
Angelina ringt sich ein mühsames Lächeln ab und greift nach ihrer Teetasse, um am dampfenden Kamillentee zu nippen. Langsame, ablenkende Bewegungen, Beschäftigungen, bei denen sie nicht nachdenken muss. Das ist es, was sie braucht.
Der Tee schmeckt süß, nach Winter und warmen Betten, nach leuchtenden Haaren im Schnee und nach Freds Lachen, das er in ihren Nacken pustet.
Angelina blinzelt angestrengt und fragt sich, wann sie jemals wieder aufhören wird zu weinen.

iii)

George hat die Beine angezogen und sich in eine dicke, flauschige Decke gewickelt. Draußen ist es nass und kalt und der Oktoberwind reißt wild an den Bäumen. Er fegt pfeifend um den Fuchsbau, schmiegt sich in Fensteröffnungen und presst sich an Nischen, so laut, dass George nicht hört, wie seine Mutter die Treppe herunterkommt, zu ihm ins Wohnzimmer hinein.
Seine Sinne sind vernebelt von Feuerwhiskey und bunten Farben, sein Kopf surrt von einem langen, stressigen Tag im Laden und versucht noch immer, sein unrühmliches Zusammentreffen mit Angelina zu vergessen, mehr oder weniger erfolgreich. Es hat ihn verfolgt, seit dem Morgen.
„George“, hört er plötzlich die leise Stimme seiner Mutter und schaut auf. Ihre Augen sind schwer und schattenumwölbt und zum ersten Mal fällt George auf, dass sie alt aussieht. An ihr haftet eine Müdigkeit, die sie nicht mit ihren Kleidern abstreifen kann, wenn sie zu Bett geht. George weiß all das und irgendwo, ganz hinten in seinem Verstand, weiß er auch, dass er sich anders verhalten sollte als er es tut, aber er tut es trotzdem nicht.
„George“, wiederholt sie sanft, „Möchtest du nicht heute einmal früher schlafen gehen? Du hast morgen immerhin wieder einen anstrengenden Tag vor dir.“
Ihr Vorschlag mag mütterlich-besorgt wirken für jeden anderen Zuhörer, doch George weiß es besser. Er hat längst durchschaut, dass seine Mutter ihn nur weglocken will von seinen Photoalben, von seinen glitzernden
Bildern, die er sich jeden Abend anschaut, und das wird er mit sich nicht machen lassen.
Sein wütender Blick trifft sie überrascht, wie George triumphierend feststellt. Manchmal tut es seltsam gut, Andere zu verletzen. Nicht, weil es seine eigenen Wunden heilen lässt, sondern weil es ihnen welche reißt, und warum sollte es irgendwem besser gehen als George?
„Lass mich“, knurrt er unwillig und macht eine rasche Bewegung in ihre Richtung, die er nicht zu Ende führt, denn beinahe gleitet ihm das dicke Photoalbum von den Knien und er kann es gerade noch mit der linken Hand retten, bevor es zu Boden fällt.
„Lass mich. Ich will hier sitzen und mir Photographien anschauen, oder ist das etwa nicht erlaubt?“ Seine Stimme hat sich von selbst erhoben und am Ende schreit er, ohne dass es ihm bewusst war. Aber es tut gut, das Schreien, es löst sich dunkel aus seiner Kehle und fühlt sich richtig an. Er sieht seine Mutter aus funkelnden Augen an und bemerkt, trotz all seinem Zorn, wie sie zusammenzuckt.
Sie beobachtet ihn traurig und verletzt und George denkt plötzlich, hilflos, dass seine Mutter Angst vor ihm hat. Nicht, dass er es ihr verübeln könnte, er hat ja selbst Angst vor sich, vor dem, was er sagt, vor dem, was er tut, und er kann es nicht kontrollieren, nichts.
Naürlich tut es ihm Leid, natürlich kann er kaum fassen, wie er sie gerade behandelt hat, doch er weiß keinen Ausweg und sich zu entschuldigen hat er längst verlernt. George schlägt sich die Hände vor's Gesicht, aber die Tränen laufen trotzdem heiß über seine Wangen und kämpfen sich ihren Weg an seinen Fingern vorbei.
George keucht erstickt nach Atem, seine Schultern beben und er hasst sich selbst mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt. Er ist ein Monster, denkt er dumpf, er tut allen weh, die ihn lieben und die er liebt. Sie haben ihm nichts Böses getan, versuchen nur, ihm zu helfen und umhüllen ihn mit ihrem Mitleid, von dem er sich manchmal erdrückt fühlt.
Er will es nicht, ihr verdammtes Mitleid, er erträgt es nicht mehr und weil er nicht weiß, was er sonst tun soll, schreit er sie eben an und verletzt sie und tut ihnen weh, weil er es leichter findet, mit dem Schmerz in ihrem Blick umzugehen als mit dem Mitleid.
Der dicke Teppichboden schluckt die näherkommenden Schritte seiner Mutter, George spürt ihren warmen Körper nahe neben sich und nimmt endlich die Hände von seinem Gesicht. „Geh“, faucht er rau, er starrt seine Mutter böse an und schlägt die Hand beiseite, mit der sie ihm sanft durch die Haare fahren will, „Geh einfach. Geh schlafen und kümmere dich um deinen eigenen Kram.“
Seine Mutter tut ihm den Gefallen, so wie sie in den letzten drei Monaten immer alles getan hat, was er verlangt hat, ganz gleich, wie verletzend er war. Und so nickt sie stumm, ihre Augen sind riesengroß und dunkelbraun und voller Sorge, als sie sich langsam von ihm wegdreht. Ihre Finger zittern, aber sie versucht nicht noch einmal, ihn anzufassen und George fühlt sich für einen kurzen Moment stark und wichtig.
Er beobachtet, wie seine Mutter das Wohnzimmer durchquert, er sieht ihren Rücken beben, als sie ihre alte Strickjacke enger um sich zieht, und dann verschwindet sie aus seinem Blickfeld, als sie mit bedächtigen Schritten die Treppe nach oben steigt, um das zu tun, was er ihr entgegengeschrien hat: schlafen zu gehen, weil sie ihm ja doch nicht helfen kann.
George bleibt zurück und das Triumphgefühl verschwindet. Übrig ist nur der Schmerz, der übermächtige Schmerz, der in seinem Kopf dumpf dröhnt und sich nicht recht mit dem Feuerwhiskeynebel vertragen will. George starrt blind durch den Raum, sein Blick sucht alles ab, bis er wieder nach unten fällt, auf das Album voller Farben und glücklicher Erinnerungen.
Er begutachtet die aufgeschlagene Seite und sieht sich selbst mit Fred auf den Zaubererbildern, an ihrem fünften Geburtstag. Sie haben identische, schokoladenverschmierte Gesichter, sie strahlen und ihr Grinsen reicht von einem sommerbesprossten Ohr zum anderen. Dann strecken sie dem Betrachter die Zungen heraus, während ihre Mutter danebensteht, die mehligen Hände in die Seiten gestemmt, Schokoladenflecken auf der Schürze, und sie schimpft, oder zumindest versucht sie es, denn ihr Lachen verrät sie.
Das Bild verschwimmt zu einem großen Fleck, als George die Augen zusammenkneift, aber es nützt nichts, das Gesicht seiner Mutter schwimmt ganz oben, es tanzt hinter seinen geschlossenen Lidern und George hasst sich einmal mehr, denn er hat seine Mutter angeschrieen und sie hat nichts getan, außer versucht ihm zu helfen mit seiner Trauer und seinem Schmerz.
Er will sich entschuldigen, aber er weiß nicht mehr, wie man so etwas macht, er hat es vergessen, wie so vieles andere auch. George will schlafen und nie wieder aufwachen.
Behutsam schließt er das Photoalbum, beugt sich nach vorne und stellt es zwischen die anderen auf dem Tisch, bevor er sich zurücklehnt und seinen Kopf auf das weiche, abgenutzte Polster des Sofas legt. Er hat Freds Lachen im Ohr, gefolgt von einer seidenweichen, glockenhellen Stimme, die sagt Du bist ein Spinner und verrückt obendrein, aber ich liebe dich, George Weasley und dann schläft er ein und das Letzte, was er sieht, sind Alicias funkelnde Augen.
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