Im Schatten Volterras

von Lyrah
GeschichteRomanze / P18
25.10.2008
17.05.2010
19
128057
5
Dieses Kapitel
85 Reviews
 
 
 
Kurzbeschreibung:
Gegen ihren Willen verwandelt, lebt Bella seit achtzig Jahren als Gefangene in Volterra. Was geschieht aber, wenn die Volturi das Bündnis des Cullen- und Denali-clans vernichten wollen? Wird Edward kämpfen können wenn er Bella, die er für tot hielt, in den Reihen seiner Feinde entdeckt? Oder ist dies das Ende der freien Vampire und der Beginn der absoluten Herrschaft der Volturi?
Zitat: „Bella, kommst du mit mir speisen?“, fragte er mit funkelnden Augen.
Ich erstarrte augenblicklich und mein Magen verkrampfte sich.
Die Blutmahlzeiten waren eines der wenigen Dinge, vor denen ich mich bisher gedrückt hatte...



Hi, dies ist meine zweite FF zur Bis(s)-Reihe. Der Prolog ist ziemlich traurig und melancholisch, aber ich kann euch versprechen, dass die nächsten Kapitel lustiger und actionreicher werden.
Und Bella ist natürlich nicht tot. (Wie man schon anhand der Kurzbeschreibung sieht…)
Diese FF beginnt in „Bis(s) zur Mittagsstunde“, allerdings NACH der Rettungsaktion in Volterra. Einige Dinge sind nicht ganz den Büchern entsprechend, allerdings nur Nebensächlichkeiten. Ein paar Vampirgaben und solchen Kram.
AU und so IC wie nur möglich.

Ohne meine wunderbare Beta Dibbii wäre diese Geschichte nicht nur voll mit Fehlern, sondern auch um die eine oder andere wunderschöne Szene ärmer. Tausend Dank, meine Kommakönigin. I owe you big time!

Ein riesengrosses Dankeschön für den wunderschönen Banner geht an dubdug! (reggae-absinthe)

Disclaimer: Alles gehört Stephenie Meyer... ich leihe mir bloss mal eben ihre netten Vampire aus.

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Prolog (Jahr 2084)

EPOV(Edward)

Es regnete, als wir nach Forks zurückkehrten. Nach so langer Zeit in Alaska, wo es immer bloß schneite, kam mir der Regen ganz unwirklich vor. Und die Tatsache, dass das kleine Städtchen auf der olympischen Halbinsel sich kaum verändert hatte, verstärkte diesen Eindruck noch. Beinahe kam es mir vor, als ob die letzten Jahrzehnte nie existiert hätten und noch immer alles beim Alten war.

Wenn in diesem Moment Bella um die Ecke gekommen wäre, strahlend und junge achtzehn Jahre alt, dann hätte mich das nicht einmal besonders gewundert. Alles hier erinnerte mich so stark an sie – ich konnte sie beinahe fühlen. Mein Zustand war einer Trance ähnlich, als ich den Wagen in die Ausfahrt des Highways lenkte. Entgegen meiner Gewohnheit fuhr ich im Schneckentempo… ich wollte den Moment so lange wie möglich herauszögern.

‚Es sieht immer noch aus wie früher’, dachte Alice, die neben mir auf dem Beifahrersitz saß. Genauso wie ich war sie sehr still und neben dem leisen Brummen des Motors war nur das eintönige Geräusch des Regens zu hören. Mein altes, gebrochenes Herz schmerzte schlimmer als es die letzten Jahrzehnte je getan hatte. Man könnte ja meinen, dass fünfundsiebzig Jahre genug wären, um eine verlorene Liebe zu verarbeiten… doch so war es nicht. Ein Jahrtausend würde nicht ausreichen, um die Spuren, die Bella in meinem Inneren hinterlassen hatte, verschwinden zu lassen. Und ich wusste, dass auch die Ewigkeit nicht genug wäre. Denn ich wollte es nicht anders.

Von welchem Idioten auch immer der Spruch „Die Zeit heilt alle Wunden“ stammte… derjenige hatte definitiv keine Ahnung gehabt. Das einzige, was meine Wunden vielleicht noch heilen konnte, war der Tod. Das Vergessen. Und damit verbunden möglicherweise die Auslöschung meiner Existenz, aber das war mir herzlich egal. Wenn meine Seele nicht verschwand, würde ich bestenfalls in der Hölle landen – was ich verdient hatte – und dort würde ich sowieso nicht finden, wonach ich mich sehnte. Denn Bella würde in den Himmel kommen. Sie war früher schon ein Engel auf Erden gewesen.

Mit einem leisen Quietschen hielt der Wagen am Rande des Friedhofs von Forks. Während ich langsam ausstieg, fühlte ich mich plötzlich sehr, sehr müde. Wie ein alter Mann, der mit schlurfenden Schritten auf sein Todesbett zuging.

Denn das war es in Wahrheit für mich: Die letzte Etappe meines langen, langen Lebens.
Zuerst siebzehn Jahre als Mensch… nur noch eine verschwommene Erinnerung.
Danach achtundachtzig schöne Jahre mit meiner stets größer werdenden Familie.
Dann, als Höhepunkt meines Daseins, ein einziges, unbeschreibliches Jahr voll von strahlendem Glück, voll von traumhafter Liebe, ein einziges Jahr, in dem mein Leben einen Sinn ergeben hatte… ein Jahr, das mehr wert war, als alle anderen zusammen.
Und dann die letzten achtundsiebzig Jahre, geprägt von Schmerz und Sehnsucht. Leere.
Es war an der Zeit, einen Schlussstrich zu setzen.

Während ich schweigend neben meiner Schwester die langen Grabreihen abschritt, wuchs meine Anspannung ins Unermessliche. Auf der einen Seite fürchtete ich mich davor, Bellas Grab zu entdecken. Damit würde ihr Tod, der bisher nur schemenhaft in meinen Befürchtungen existiert hatte, mit einem Mal zur grauenhaften Wirklichkeit. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese Endgültigkeit ertragen könnte – das Wissen, dass ich für immer unwiderruflich von ihr getrennt wäre.

Auf der anderen Seite war da die kleine, unwahrscheinliche Möglichkeit, dass sie noch am Leben war. Und das würde mich in ein Dilemma stürzen. Ich hatte es bereits tausende von Malen durchgerechnet… heute wäre sie sechsundneunzig Jahre alt. Ich versuchte, es zu unterdrücken, aber meine Gedanken, Wünsche und Hoffnungen kreisten wie verrückt um diese kleine Möglichkeit. Lebte sie vielleicht noch in Forks oder in der Nähe – ich könnte es problemlos herausfinden – und würde ich sie ein letztes Mal wiedersehen können? Ein letztes Mal ihren Duft einatmen, der sich garantiert nicht verändert hätte…?
Ein allerletztes Mal in ihr Gesicht schauen, alt und runzlig, aber dennoch vertraut, davon war ich überzeugt… kein Gesicht kannte ich so gut wie ihres.
Einen letzten Blick in ihre Augen werfen. Ihre großen, schokoladenbraunen Augen…

Der Regen tropfte auf meine Haare, schaffte es jedoch nicht, sie richtig zu durchnässen – sie blieben so verstrubbelt wie eh und je. Meine Kleider hingen feucht an mir herunter, doch ich beachtete sie nicht. Langsam und bedächtig trat ich vor jedes einzelne Grab und betete unablässig darum, nicht ihren Namen zu erkennen wenn ich eine weitere Inschrift las.

Die Zeit schlich dahin und es war schon über eine halbe Stunde vergangen, als mich ein kleines „Oh“ von Alice aus meiner Trance aufweckte. Ich unterdrückte es, ihre Gedanken zu lesen, sondern ging langsam zu ihr. Bei jedem Schritt gab der schlammige Untergrund meine Füße nur widerwillig frei und ich ertappte mich bei dem Wunsch, der Boden möge mich aufsaugen und für immer an Ort und Stelle behalten. Damit ich nicht sehen musste, was Alice jetzt sah.

Als ich neben ihr stand, kostete es mich alle verbliebene Willenskraft, den Blick zu heben und ihn auf den schlichten, grauen Grabstein vor mir zu richten. Zu meiner Beschämung durchflutete mich sofort eine unbeschreibliche Erleichterung. Es war nicht Bellas Grab. Aber fast.


Charlie Swan


1955-2007



Alice begann leise und tränenlos zu schluchzen, wobei sie sich die Hand vor den Mund presste. Ich wollte ihr gerade einen Arm um die Schulter legen, als mir aufging, was Charlies Sterbedatum wirklich zu bedeuten hatte. Er war noch im selben Jahr gestorben, als ich Bella verlassen hatte. Direkt nach Volterra. Mir entwich ein gepresstes Stöhnen und ich verbarg das Gesicht in den Händen. Was hatte ich ihr angetan? Ich hatte sie vollkommen alleine gelassen! Innerhalb von wenigen Monaten hatte sie zuerst mich, uns alle, und dann ihren Vater verloren.
Schuldgefühle gruben sich in meine Seele und ich fühlte, wie sie mich von Innen auffraßen. Bald würde wohl nichts mehr von mir übrig sein.

„Ch-Charlie…“, brachte Alice schluchzend hervor. Ihr Körper versteifte sich. Dann warf sie abrupt den Kopf in den Nacken und stieß sie einen hohen, schrillen Schrei aus. Meine Ohren klingelten und die Fensterscheiben unseres Autos, das in einigen hundert Meter Entfernung geparkt war, zerbarsten in einem Schauer aus Glassplittern.
„Bella… oh nein, Bella… die arme Bella!“, brachte sie zwischen abgehackten Schluchzern hervor.

Ich ließ meine Hände sinken und blickte zu meiner Schwester. Sie hatte sich die Arme um die Brust geschlungen und wippte mit dem Oberkörper langsam vor und zurück. Die Augen waren fest zusammengekniffen.
‚Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn…’, zählte sie in Gedanken und hatte seltsamerweise ein Bild von Jasper vor Augen. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, während sich meine Eingeweide verkrampften. Ich sollte nicht in ihre Gedanken sehen… warum nicht?

Langsam, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, wanderte mein Blick zurück zu Charlies Grab, wo er einen Moment lang hängen blieb, um dann weiter nach rechts zu schweifen. Direkt daneben war ein weiterer Grabstein. Er war klein und unscheinbar und aus weißem Marmor, der im Zwielicht düster leuchtete.


Im Gedenken an


Isabella Marie Swan


1988-2007


Die sich freiwillig in Gottes Obhut begab

und nun friedlich unter den Wellen ruht.



Wie in Zeitlupe gaben meine Knie nach und ich sank in den Schlamm, den Blick unverwandt auf die kleine Inschrift gerichtet. Unter dem grausamen Ansturm der Gefühle wurde mein Körper taub und ich verlor jegliche Empfindung. Glasklar erkannte ich die Wahrheit.

Bella war mit neunzehn Jahren gestorben.

Sie hatte kein Glück gefunden. Und kein Leben gehabt.

Stattdessen hatte sie sich das Leben genommen.

Ich hatte die letzten acht Jahrzehnte im Glauben an eine Lüge verbracht. Der einzige Grund meiner Existenz war schon lange tot.
Sie zu verlassen war der grausamste Fehler meines Daseins gewesen und Bella hatte dafür bezahlen müssen. Alles, absolut alles, war einzig und allein meine Schuld. Ich hatte alles, einfach alles falsch gemacht.

Der Selbsthass stieg in mir auf wie giftige Galle, und ich glaubte, erbrechen zu müssen. Ich wollte mir selbst das tote Herz zwischen den Rippen herausreißen, ich wollte meinen eigenen Scheiterhaufen bauen, meinen Körper aufschlitzen und mir alle Gliedmassen einzeln abtrennen. Ich wollte eigenhändig das Feuer anzünden, das mich in Asche verwandeln würde!
Doch ich tat nichts davon. Der Regen löschte jeden Gedanken an Feuer, meine Wut verrauchte und kurz darauf blieb nur ein Gefühl der Schwäche zurück. Hohl, leer, kraftlos sank ich nach vorne, und als mein Oberkörper am Boden aufschlug, blieb meine Stirn direkt an den weißen Marmor gepresst liegen. Ich war so angefüllt mit Schmerz und Trauer, dass ich glaubte, platzen zu müssen.

Meine Augen begannen zu brennen und dann lief mir plötzlich eine klare Flüssigkeit über die Wangen und in mein verklebtes Haar. Es waren keine Tränen, sondern Vampirgift, das auf seltsame Weise den Weg in meine Augen gefunden hatte.

Aber es fühlte sich so an, als würde ich weinen.

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