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Secrets - Geheimnisse

von sammura
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Draco Malfoy Harry Potter Severus Snape
24.09.2008
03.11.2009
62
462.489
356
Alle Kapitel
1.654 Reviews
Dieses Kapitel
75 Reviews
 
 
24.09.2008 4.624
 
Geheimnisse von Vorabiza

Pairing: Harry Potter/Draco Malfoy
Rating: ab 18
Genre: Romanze, Drama, Abenteuer
Warnungen: Slash, Sexueller Inhalt, Gewalt, Tod
Kapitelanzahl: 62  
Verzichtserklärung: Die Charaktere sind Eigentum von J.K. Rowling.
Original: http://www.thesilversnitch.net/tss1/viewstory.php?sid=13756
Übersetzung: autorisiert, dank Hilfe von Silvereyes 15.10.2008

A/N: Dies ist eine recht freie Übersetzung aus dem Englischen.

Zusammenfassung: Draco taucht zu Beginn der Sommerferien nach dem sechsten Schuljahr unerwartet im Ligusterweg auf und hat eine Überraschung für Harry. Das ist der Startschuss für einen Sommer voller Geheimnisse und unerwarteter Bündnisse.  

Viel Spaß beim Lesen.
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Kapitel 1/62

Harry saß am Fenster und starrte hinaus. Während der letzten zwei Wochen war dies zu einer Gewohnheit geworden. Sein Schlaf war flüchtig und wenn er schlief, wurde er oft von Alpträumen geplagt. Sein Geist wollte einfach keine Ruhe finden.

Es war erst Mitte Juni und er sollte noch in Hogwarts sein. Stattdessen war er bereits seit zwei Wochen wieder bei den Dursleys und verbrachte die für seinen Blutschutz notwendige Zeit dort. Währenddessen tat er nichts anderes als nachzudenken. Es gab zu viele Fragen und zu wenige Antworten. Permanent ging er jede Information, die er hatte durch und hoffte in allem einen Sinn zu erkennen. Sonderlich viel Erfolg hatte er damit nicht und es war über alle Maßen frustrierend.

Er starrte in die dunkle Nacht und erstarrte plötzlich. Gebannt blickte er auf die Schatten am Ende der Straße. Sekunden später war er sich sicher, was er gesehen hatte. Jemand war gerade in den Ligusterweg appariert. Den Blick darauf gerichtet, versuchte er auszumachen, ob es Freund oder Feind war. Das war schwierig, weil, wer auch immer es war, sich eng in die Schatten drückte.

Derjenige war vielleicht gut durch die Schatten geschützt, aber Harry erkannte schnell, dass dieser Jemand nicht übervorsichtig war. Er wirkte in großer Eile. Augenblicke später, wurde dieser von den schwachen Lichtern der Häusern beleuchtet, während er sich näher schlich, um die Hausnummern zu lesen.

Schockiert versteifte sich Harry, als er den Umhang als den eines Todessers erkannte. Von dem Wenigen, was er gesehen hatte, hätte er alles verwettet. Denn es gab nur einen Menschen, den sie suchen könnten, ihn. Als dieser Jemand sich von den Lichtern entfernte erhaschte Harry einen Schimmer platinblonden Haares. Das konnte nur einer sein.

Nach einer Millisekunde von Unentschlossenheit, war Harry schon aus seinem Zimmer und die Treppe unten. Leise öffnete er die Haustüre, weit genug, dass er hindurch schlüpfen konnte.

„Potter?“

„Malfoy,“ keifte Harry. „Was machst du hier?“ Er spie die Worte schon aus, bevor seine Augen die Person richtig erkannten, die er von seinem Fenster aus beobachtet hatte. Schnell erfasste er Malfoy in den Schatten am Ende des Anwesens.

„Potter? Oh, Merlin sei Dank,“ murmelte Malfoy.

Harry runzelte die Stirn, verstand nicht, warum Malfoy dankbar war ihn zu sehen. „Wie hast du mich gefunden?“, wollte er wissen.

„Jeder kann dich finden, aber das ist jetzt nicht wichtig,“ schnappte Malfoy. „Ich brauche deine Hilfe.“

„Du brauchst meine Hilfe?“, fragte Harry ungläubig. „Du bist mein Feind, Malfoy!“

„Das weiß ich,“ schnauzte Malfoy. „Aber du musst sie nehmen.“

Er ging aus den Schatten, so dass Harry ihn besser sehen konnte, und Harrys Augen weiteten sich. Unbewusst wurde er von seinen persönlichen Schrecken überrollt. Alles was Harry sah, war jemand in Todesserkleidung, der etwas Kleines hielt, eingeschlagen in einem Umhang und es bewegte sich. Es war fast das Gleiche, was damals Harry auf dem Friedhof erlebt hatte. Auf einmal wirkte Malfoy viel gefährlicher und Harry wich von ihm zurück.

„Bleib weg, Malfoy!“, rief Harry, so bedrohlich wie er vermocht.

„Senk deine Stimme,“ flüsterte Malfoy.

Harry schluckte schwer. Mag schon sein, dass sie inmitten einer Muggelsiedlung waren, mitten in der Nacht, aber er war weit davon entfernt sich deswegen Gedanken zu machen.

„Was ist das?“, fragte Harry und verfluchte sich selbst, dafür, dass in seiner Stimme Angst widerhallte.

„Das ist ein Baby, Potter,“ erwiderte Malfoy. „Du hast dem Dunklen Lord gegenüber gestanden. Ich hätte nie erwartet, dass du vor einem hilflosen Baby Angst hättest.“

„Beweise es,“ wisperte Harry, und starrte auf die Wulst in der Robe.

Malfoy runzelte seine Stirn tiefer, erfüllte ihm aber den Wunsch und schlug die Roben beiseite, um das Baby, welches er hielt, zu zeigen.

Harry atmete schwer aus und schloss kurz seine Augen bevor er sie wieder öffnete. „Was für ein Spiel ist das, Malfoy? Warum hast du ein Baby? Und warum bist du hier?“, fügte er noch hinzu.

Malfoy kehrte selbst wieder in die Realität zurück und blickte sich ängstlich um. „Ich habe keine Zeit dir alles zu erklären,“ sagte er gehetzt. „Ich brauche dich, damit du sie nimmst und sie beschützt. Mit ziemlicher Sicherheit haben sie inzwischen den Rest ihrer Familie umgebracht. Ich habe es geschafft sie dort raus zu bringen, aber sie werden es merken, wenn ich nicht bald zurückkehre.“

Schließlich bemerkte Harry, dass Malfoy viel nervöser war, als er ihn je gesehen hatte. Der ruhige, gefasste Slytherin, den Harry kannte schien vor seinen Augen zu verschwinden.

„Hier, nimm sie, Potter,“ sagte Malfoy. Seine Stimme klang eher ängstlich, als fordernd. „Ich komme nicht an den Schilden vorbei.“

„Was stimmt nicht mit ihr?“, fragte Harry argwöhnisch.

Malfoy blickte auf das kleine Mädchen in seinen Armen. „Ich musste einen Stillezauber über sie legen, damit sie nicht jeden aufscheucht. Ansonsten ist sie in Ordnung, denke ich. Jedenfalls hoffe ich es,“ fügte er sanft hinzu.

Harry schüttelte seinen Kopf, und versuchte herauszufinden, ob er tatsächlich eingeschlafen war und das nur ein merkwürdiger Traum war. Misstrauisch beobachtete er die Bewegungen, wie Malfoy seinen Zauberstab zog. Dabei hielt er seinen eigenen auf den Jungen gerichtet, der sich so befremdlich verhielt.

Malfoy sprach einfach den Zauber aus, der den Stillezauber aufhob, bevor er seinen Stab schnell zurück in seine Tasche steckte und versuchte das schreiende Baby zu beruhigen. Die Schreie waren laut in der Stille der Nacht. „Potter, hilf mir,“ sagte er flehend.

„Ich weiß nicht, wie man auf ein Baby aufpasst,“ sagte Harry nervös.

„Ich auch nicht, aber du musst sie nehmen,“ bettelte Malfoy. „Ich habe keinen anderen Platz, wohin ich sie hinbringen könnte. Potter, ich muss gehen.“

Trotz der wachsenden Erkenntnis, wie unrealistisch das alles wirkte, ging Harry zur Grenze des Anwesens und nahm das weinende Baby aus Malfoys Armen.

Malfoy sah ihn erleichtert an. „Ich versuche morgen früh wieder zu kommen. Dann sollte es sicher sein. Erzähle niemanden davon oder sie werden sie töten.“

Danach disapparierte er mit einem sanften „pop“. Harry starrte ungläubig auf die Stelle, wo Malfoy kurz vorher noch stand. Was verdammt noch mal war gerade passiert?

Ein lauter Schrei unterbrach seine Gedanken und Harry eilte zurück ins Haus, mit einem Baby in seinen Armen.

„Junge! Was soll das?“, bellte Vernon und stampfte die Treppen hinunter, gerade als Harry zurück ins Haus kam.

„Ich weiß es nicht,“ schnappte Harry. Er war nicht in der Stimmung sich mit seinen Verwandten auseinander zu setzen. Er hörte einen knarrenden Laut, blickte auf und sah Petunia und Dudley ihn verwundert anblicken.

„Du weißt nicht?“, fragte Vernon gefährlich. Seine Augen waren auf das Baby gerichtet. „Erzähl mir nicht, dass jemand von deinen Freaks noch einen vor unserer Türe abgelegt haben. Wir werden kein weiteres aufnehmen.“

„Keine Sorge. Ich selbst würde das nicht zulassen, auch wenn du dazu bereit wärst,“ brüllte Harry wütend und brachte das Baby dazu noch lauter zu schreien.

„Stell das Ding ab!“, rief Vernon zornig.

„Ich weiß nicht wie!“, sagte Harry hilflos.

Harry hielt das Baby an seine Schulter gedrückt und wiegte sie sanft. Das hatte er früher einmal bei anderen gesehen, das soll doch helfen, damit sich Babys beruhigen. Zumindest war es ein Versuch.

Er stand weiter da und hörte seinen Onkel ihn schelten und das Baby schreien. Er sah wie Tante Petunia in die Küche verschwand und wünschte sich, dass er auch einfach so verschwinden könnte. In seinen Gedanken wirbelten Fragen herum und er war nicht in der Lage das Geschehene zu erfassen.

Er war ebenfalls schockiert, als seine Tante mit einem Fläschchen für Babys erschien und ihren Mann und ihren Sohn zurück zu Bett scheuchte. Sie gingen nicht freiwillig, aber sie wies sie darauf hin, dass wenn sie es ruhig haben wollten, würde sie etwas dafür tun müssen. Sie nahm das Baby Harry nicht ab, eigentlich blickte sie sie mit Widerwillen an, zeigte Harry jedoch, wie man sie richtig hielt und fütterte.

Harry entspannte sich leicht auf dem Stuhl, als im Haus wieder gesegnete Stille herrschte. Die einzigen Geräusche waren die schlürfenden Trinkgeräusche des Babys.

„Woher kommt sie?“

Harry blickte zu seiner Tante, die steif auf der Couch saß. „Ich glaube sie ist ein weiteres Opfer dieses Krieges,“ konstatierte er grimmig, und beantwortete damit nicht genau ihre Frage.

Sie presste ihre Lippen fest aufeinander. „Dieser Krieg herrscht unter deinesgleichen, oder?“, fragte sie. „Die ganzen Katastrophen und Morde. Das haben deinesgleichen gemacht.“

„Ja,“ stimmte Harry zu. Er wollte nicht ins Detail gehen, dass Voldemort und dessen Anhänger nicht seinesgleichen sind. Er wusste was sie meinte. „Wie auch immer, Voldemort würde sich freuen auch euch umbringen, wenn man ihm die Chance dazu lässt.“

„Du kannst helfen, das zu beenden?“, fragte sie zögerlich.

Über ihre Neugier wunderte sich Harry, antwortete ihr aber ehrlich. „Ich bin der Einzige, der das alles beenden kann,“ sagte er lahm.

Sie zuckte und sah ihn mit entsetzter Überraschung an. „Du bist nur ein Junge!“, rief sie aus.

Er schnaubte. „War ich denn jemals nur ein Junge?“, entgegnet er bitter. „Speziell für Voldemort ist das sowieso kein Grund,“ sagte er.

„Wo ist dein Direktor?,“ fragte Petunia beinahe schon hoffnungsvoll.

„Tot,“ antwortete er schlicht.

Sie starrte ihn ungläubig an. „Gibt es Hoffnung?“

Schließlich erkannte Harry, dass seine Tante Angst hatte. Die Frau war durch die Geschehnisse zutiefst verängstigt und im Gegensatz zu vielen Muggel, hatte sie eine dunkle Ahnung was wirklich in ihre Welt einbrach. Immer hatte sie versucht jegliches Wissen oder Erkenntnisse über die Welt der Zauberer zu vermeiden, aber sie wusste, dass sie existiert. Sie wusste, dass ihre Schwester und deren Ehemann von einem schwarzen Zauberer getötet worden waren. Sie verstand genug über die Umstände der Ereignisse von Harrys Ankunft in ihrem Heim vor beinahe siebzehn Jahren, um jetzt Angst zu haben.

Seine Tante war durch die vor kurzem geschehenen Ereignisse anscheinend so stark verängstigt, dass sie es riskierte mit ihm über die Zaubererwelt zu sprechen. Harry schüttelte den Kopf, und stellte seine geistige Unversehrtheit ernsthaft in Frage. Malfoy ließ ein Baby vor seiner Haustüre zurück und Tante Petunia erkannte die Existenz der Zaubererwelt an. Er wusste, dass einiges in der Welt schief lief, aber diese beiden Entdeckungen trafen ihn schwerer als die neuesten Morde.

Sein Blick traf wieder den seiner Tante. „Ich glaube es gibt Hoffnung,“ antwortete er schließlich. Er blickte auf das Baby hinab, welches in seinen Armen fast einschlief. „Es muss Hoffnung geben,“ wisperte er.

„Woher kommt sie,“ fragte Tante Petunia wieder.

Harry blickte auf und bemerkte, dass sie ebenfalls das Baby ansah. Er seufzte schwer. „Ich glaube, dass ihre ganze Familie heute Nacht umgebracht wurde. Ich weiß nicht viel. Eigentlich weiß ich überhaupt nichts. Derjenige, der sie zu mir gebracht hatte wird morgen früh wieder kommen, um es zu erklären.“

Tante Petunia schürzte ihre Lippen und Harry war sich sicher, dass sie deswegen diskutieren würde. Sie wollte keine weiteren Freaks in ihrem Haus. Trotzdem blieb sie ruhig.

„Ich weiß nicht, um was es hier geht, aber wenn derjenige wieder kommt, ist es wichtig, dass ich mit ihm reden kann,“ sagte Harry.

Sie schloss ihre Augen, während sich ihr Gesicht in eine Grimasse verzog. „Ich denke Dudley und ich werden morgen Vormittag einige Besorgungen machen. Ich bezweifle, dass wir vor Mittag wieder da sein werden.“

Harry nickte zustimmend und verstand was sie ihm damit sagen wollte. Onkel Vernon würde auf der Arbeit sein und sie würde sicherstellen, dass sie und Dudley nicht in der Nähe wären, wenn Harrys ‚Gast’ eintrifft. Es mag ihr nicht gefallen, aber anscheinend akzeptierte sie es soweit, dass sie es weder ihrem Mann noch ihrem Sohn sagen wird.

Beide erschraken, als vom Fenster klopfende Laute ertönten. Mit Baby auf seinem Schoß oder nicht, Harrys Zauberstab war gezogen und war beinahe zeitgleich auf das Fenster gerichtet. Er kam sich wie ein Idiot vor, als er erkannte, dass es nur eine Eule war. Er blickte zu seiner Tante, und erschrak wegen ihrem beängstigten Ausdruck und fragte sich, ob es eher wegen dem Geräusch oder seiner Reaktion war.

Betreten stand er auf und überreichte ihr das Baby, welches sie wortlos entgegen nahm. Er ging weiter um die Eule herein zu lassen und fragte sich, ob sie vielleicht von Malfoy kam. Die Eule flog wieder zurück, sobald Harry die Nachricht von ihrem Bein band, und runzelte die Stirn wegen dem schnellen Abgang.

Seine Augen weiteten sich, als er das Sigel des Ministeriums erkannte. „Oh, scheiße,“ fluchte er leise und beeilte sich das Siegel zu brechen. Malfoy hatte einen Gegenzauber zum Stillezauber ausgesprochen und jetzt würde Harry die Strafe deswegen erhalten. Seine Augen wurden größer als er den Inhalt des Briefes las.

„Harry?“, fragte Petunia ihn zögerlich.

Harry blinzelte sie an, und fragte sich, ob er sie über den Inhalt des Briefes in Bilde setzen sollte. Vor den Ereignissen der letzten Stunde hätte er gesagt, dass sie die Neuigkeiten hassen würde, aber jetzt... jetzt würde sie wenigstens etwas beruhigt werden.

„Ähm, derjenige, der hier war hat ein wenig gezaubert,“ gestand er und beobachtete die Reaktionen seiner Tante aufmerksam. Sie sog tief die Luft ein hielt sie an, während sie auf die schlechte Nachricht wartete.

„Das Ministerium kann hier Zauber aufspüren und wie du ja weißt, ist es mir normalerweise nicht erlaubt überhaupt zu zaubern,“ erklärte er. „Dieser Brief allerdings ist meine Erlaubnis, auch wenn ich technisch noch bis zu meinem Geburtstag in eineinhalb Monaten nicht volljährig bin.“ Bitter ergänzte er die Erinnerung an seinen Geburtstag hinzu. Ehrlich gesagt war er sich nicht sicher, ob seine Tante sich wirklich daran erinnern könnte. Es gab ihm eine gewisse Befriedigung, als seine Tante schließlich die angehaltene Luft ausatmete, während sie seinen Zauberstab, welcher gerade in seiner hinteren Hosentasche steckte, ansah.

„Ist es dir erlaubt, wegen diesem Krieg?“, fragte sie und ließ den Stab nicht aus den Augen. Er zog den Stab aus seiner Tasche und ihre Augen folgten seiner Bewegung.

Harry blickte von seinem Stab zu dem Brief in seiner linken Hand. „Jaah,“ antwortete er schließlich. „Ich habe eine Sondererlaubnis vom Minister persönlich. ‚Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände‘. Ich wette, das ist nur deswegen der Fall, weil es nicht gut für das Ministerium aussehen würde, mich jetzt deswegen zu belangen,“ fügte er hinzu und hatte dabei einen schalen Geschmack im Mund. Er war froh, dass er jetzt Magie einsetzen konnte, aber er mochte nicht die Tatsache, dass Scrimgeour es ihm nur deswegen zugestand, weil er der Auserwählte war.

Petunia sagte nichts und Harry konnte die unterschiedlichen Gefühlsregungen in ihrem Gesicht sehen. Er fand, dass er richtig lag – sie war wegen dieser Neuigkeit sowohl ärgerlich als auch erleichtert.

Er blickte sie verlegen an und änderte das Thema. „Tante Petunia? Äh, was soll ich mit ihr jetzt machen?“, fragte er und deutete auf das Baby in ihren Armen.

Seine Tante gab ihm um zwei Uhr Morgen widerwillig einen Crash-Kurs in den Grundlagen der Babypflege. Sie half Harry ein improvisiertes Bett aus seiner Schrankschublade zu basteln und zeigte ihm wie man eine Flasche vorbereitete. Sie zeigte ihm auch wie man eine Windel wechselt. Als er sie fragte, warum sie einige Babyutensilien im Haus hatte, funkelte sie ihn an, schürzte ihre Lippen wie immer, gab aber dann schließlich zu, dass einer der Nachbarsfrauen ein junges Kind hätte. Sie hätte diese Sonderausstattung im Haus griffbereit, für den Fall, dass die Dame regelmäßig zum Tee käme.

Harry dachte, dass er nicht überrascht hätte sein dürfen. Seine Tante zog es vor als perfekte Hausdame dazustehen, d. h. Gästen in jeder Situation auszuhelfen. Die Frau hatte auch die Angewohnheit auf alles und jedes Vorstellbare vorbereitet zu sein.

Schließlich schlief das Baby tief und Tante Petunia ging in ihr eigenes Zimmer und ließ Harry mit seinen Gedanken alleine.

Nachdem er sich wieder vor dem Fenster nieder gelassen hatte, starrte er wieder auf die leere Straße. War Malfoy wirklich aufgetaucht und hatte ihm ein Baby in die Arme gedrückt, nur wenige Stunden vorher? Ein schneller Blick über seine Schulter zu dem schlafenden Kind und er hatte seine Antwort, aber es war immer noch unfassbar.

Harry hatte keine Ahnung was er tun sollte. Er war hinausgegangen, bereit gegen Malfoy zu kämpfen, aber nicht darauf vorbereitet, vom anderen Jungen um Hilfe angefleht zu werden. Malfoy war der Feind. Er hatte diese Todesser in Hogwarts eingelassen. Er hatte versucht Dumbledore zu töten. Harrys Gedanken drehten sich wieder im Kreis.

Er war das alles schon ungezählte Male, seitdem er bei den Dursleys festsaß, durchgegangen. Malfoy hatte versucht Dumbledore zu töten. Er hatte es nicht gekonnt. Am Ende hatte er sich anders besonnen und Harry hatte gesehen, wie sich Malfoys Zauberstab gesenkt hatte.

Ohne wirklich etwas zu sehen, starrte er in die Nacht hinaus. Harry ließ nochmals diese grausamen Minuten vor seinem inneren Auge ablaufen. Dumbledore versuchte Malfoy dazu zu bringen die Seiten zu tauschen. Er bot Malfoy und seiner Familie eine Zufluchtsmöglichkeit und Malfoy sah aus, als ob er sich umentscheiden wollte.

Was hatte das alles zu bedeuten?

Er konnte sich nicht vorstellen, dass Dumbledore das gesagt hatte, um sein eigenes Leben zu retten. Dies brachte Harrys Gedanken zurück zu Snape. Harry spannte sich an, aber er fühlte keinen extremen Zorn in sich aufwallen.

Nachdem er erst einmal von Hogwarts weg war, hatte er die Möglichkeit gehabt sich zu beruhigen und vernünftig nachzudenken. Als er genau das tat, erkannte er, dass Dumbledore einfach nicht der Typ war um sein Leben zu betteln. Harry versuchte sich selbst in eine Situation wie diese hineinzuversetzen, was ihm nicht sonderlich schwer fiel. Er erinnerte sich an den Friedhof und er erinnerte sich an die Geschehnisse im Ministerium. Er selbst hatte beide Male nicht um sein Leben gefleht. Er war sich sicher, dass er sterben würde, insbesondere auf dem Friedhof, trotzdem hatte er sich geweigert nachzugeben.

Harry konnte einfach nicht verstehen, warum Dumbledore um sein Leben flehte. Das passte nicht. Er wusste, dass Dumbledore ein starker und mächtiger Zauberer war. Der alte Mann war in seinem Glauben gefestigt und hätte niemals aufgegeben. Trotzdem hatte Harry ihn aufgeben gesehen. Oder doch nicht?

Harry presste seine Fingerspitzen gegen seine Schläfen und versuchte den Druck in seinem pochenden Kopf zu lindern.

Dumbledore war einfach keiner, der aufgab und eine Niederlage eingestand. Das nur zu denken war unehrenhaft. Also, was bedeutete das? Harry erinnerte sich, wie Dumbledore Snape anflehte. Er erinnerte sich, wie Dumbledore mit Malfoy sprach.

Was hat das alles zu bedeuten?

Diese Frage wiederholte sich immer und immer wieder in Harrys Kopf. Er zwang seine Gedanken zurück zu Malfoy. Diese waren schwierig genug, ohne dass Snape mit von der Partie war.

Das letzte Mal, als er Malfoy gesehen hatte, war, als der Junge von Hogwarts weglief. Ausgehend von der Todesserkluft, die er vorhin trug, war er wohl direkt zurück zu Voldemort gerannt. Harry wollte wissen, ob es freiwillig geschehen war oder nicht. Dumbledores Gespräch mit Malfoy hatte Zweifel in ihm geweckt.

Harry seufzte. Es gab zu viele Zweifel und zu viele Fragen, und immer noch keine Antworten. Er drehte sich, um das Baby anzusehen. Und das warf noch mehr Fragen auf.

****

Harry setzte sich vor das Wohnzimmerfenster, von wo aus er nach Malfoy Ausschau halten konnte. Das war irgendwie entsetzlich merkwürdig und falsch, ungeachtet dessen tat er es trotzdem.

Die ganze Nacht und der ganze Morgen fühlten sich ausgesprochen surreal an. Solange er es verhindern konnte legte er keinen großen Wert auf Konfrontationen mit Onkel Vernon und war froh, dass er es schaffte in seinem Zimmer zu bleiben, bis er Onkel Vernon aus dem Haus gehen hörte. Vorerst war er dankbar, dass es Montag war.

Er fand, dass er sich ärgerlicher fühlen sollte, aber eigentlich war er eher gefühllos. Für das Fehlen jeglicher Gefühle waren wohl sowohl seine Tante als auch Malfoys komisches Verhalten verantwortlich.

Als Harry auf der Treppe erschien, überreichte ihm Tante Petunia eine Babydecke und einige saubere Babyklamotten. Ebenso informierte sie ihn leise, dass sie ihm einige weitere Babyutensilien mitbringen würde, wenn sie zurückkäme. Danach rief sie nach Dudley und die Beiden gingen.

Kurz nachdem sie gegangen waren traf Harry ein richtiger Schock, nicht nur dass ihr Verhalten einen Schock auslöste. Er ging, um das Baby anzuziehen und stellte fest, dass die Decke seine eigene sein musste.

Die weiche, flauschige Decke war rot mit goldenen Schnatzen gemustert. Tante Petunia hätte so etwas nicht haben können. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, was die kleinen beflügelten Bälle darstellten. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass die Decke in Gryffindorfarbe war. Sie muss sie gewaschen haben, weil sie nach frischer Wäsche aus dem Trockner roch.

Harry starrte sie lange an. Er war sich nicht sicher, wie lange er da saß, verloren in seinen Gedanken über seine Mutter und seinen Vater. Er wusste was das bedeutete. Sicherlich war er zu den Dursleys in dieser Decke eingewickelt gebracht worden. Er befühlte den Stoff der Kleidung. Es war ein einfacher blauer Strampler, welchen er angehabt haben musste, als seine Eltern umgebracht worden waren.

Er blickte auf den Flur, wo er Tante Petunia zuletzt gesehen hatte. Sie muss das alles die ganze Zeit über aufbewahrt haben. Er konnte sich nicht vorstellen, warum, und es war schwierig das zu glauben, dass sie es tatsächlich getan haben musste, aber er war trotzdem dankbar. Obwohl sie trotzdem nie nett zu ihm gewesen war, erkannte er, dass sie etwas für ihn empfinden musste. Oder für ihre Schwester.

Das Baby fing wieder an zu weinen und riss Harry aus seinen Gedanken.

„Wie macht man das?“, murmelte er, obwohl er wusste, dass er keine Antwort erhalten würde.

Abwechselnd grollende und beruhigende Geräusche von sich gebend, schaffte er es so lange herumzufummeln, bis er das Baby frisch gewickelt und umgezogen hatte. Er nahm nicht an, dass es ihr etwas ausmachen würde, dass sie wieder einen Pyjama anhatte, obwohl es nicht Nacht war. Aber das war alles, was er für sie hatte.

Er machte ihr ein Fläschchen fertig und setzte sich vor das Fenster, um sie zu füttern, während er nach Malfoy Ausschau hielt. Er konnte immer noch nicht glauben, dass er nach Malfoy Ausschau hielt und blickte stattdessen auf das Baby. Er hatte keine Vorstellung, woher sie kam oder welchen Namen sie hatte. Dass sie ihre Familie verloren hatte, soviel hatte er dann doch begriffen.

Dies allein schmerzte ihn in seiner Brust. Der Schmerz wurde durch den blauen Strampler an ihr nur verstärkt.

Er sah ihr beim Trinken zu, während er ihr das Fläschchen hielt und stellte fest, dass sie ziemlich hübsch war. Er schenkte ihr ein halbes Lächeln, während er das kurze schwarze Haar ansah, welches von ihrem Kopf abstand. Er fragte sich, ob sein Haar auch so ausgesehen hatte, als er in ihrem Alter war. Sie war nicht sehr alt, aber sie wirkte auch nicht richtig klein. Harry hatte wirklich keine Ahnung, mit seinen begrenzten Erfahrungen mit Babys.

Sie starrte ihn aus ihren großen grauen Augen an. Ihre Züge waren allesamt süß und... rund, fand Harry. Sie wirkte so zerbrechlich und Harry konnte nicht sich nicht vorstellen, wie es dazu kam, dass er es war, der sie hielt. Sie müsste wirklich zu jemandem gebracht werden, der sich richtig um sie kümmern kann.

Er wusste immer noch nicht, woher sie herkam. Er seufzte und stellte das Fläschchen weg, als sie fertig war und hob sie vorsichtig an seine Schulter für ein Bäuerchen, so wie es seine Tante ihm gezeigt hatte.

Er wandte seinen Blick wieder dem Fenster zu und blinzelte erstaunt, als er feststellte, dass Malfoy ihn von dem Seitenweg aus intensiv beobachtete. Er blinzelte wieder, überrascht, dass Malfoy in grauer Hose und grünem Hemd gekleidet war. Harry verdrehte die Augen. Sogar unter Muggeln war Malfoy wie ein Slytherin gekleidet.

Außerdem stand er dort im vollen Tageslicht. Harry fühlte, wie seine Kopfschmerzen wieder an die Oberfläche aufstiegen. Sollte er nicht versuchen Malfoy zu töten und ihn nicht zu einem Tee einladen?

Wenn er seine Augen schloss, sah er wieder Malfoys zitternde Hand und wie die Spitze seines Zauberstabes sich senkte. Er konnte Dumbledore hören, der Malfoy erklärte, dass sie ihn schützen würden, wenn er auf die richtige Seite wechseln würde.

Er öffnete seine Augen wieder und starrte zurück auf den Slytherin. Er würde ihn hereinbitten. Er runzelte die Stirn. Er fragte sich, ob er Malfoy überhaupt hereinlassen könnte. Er hatte doch gesagt, dass er die Schutzschilde nicht überschreiten konnte.

Irgendwie fühlte er sich sicherer, während er immer noch das Baby hielt. Harry hielt sie auf dem einen Arm und seinen Stab in der anderen Hand, als er nach draußen ging, um seiner Nemesis entgegen zu treten.

„Geht’s ihr gut?“, fragte Malfoy sofort.

„Es scheint ihr gut zu gehen,“ sagte Harry vage.

Harry wunderte sich, als er sah, wie Malfoy einen Seufzer der Erleichterung von sich gab, bevor die kalte Maske wieder an ihrem Platz saß.

„Willst du mich nicht hereinbitten, Potter?“, schnarrte Malfoy.

Harrys Stirnrunzeln wandelte sich in einen ärgerlichen Ausdruck. „Hast du keine Angst, dass drinnen Leute auf dich warten, die dich gefangen nehmen wollen?“, schoss er zurück.

Misstrauisch blickte Malfoy zum Haus. „Könnte sein,“ gab er kalt zu.

Harry war sich immer noch unsicher, warum er Niemanden gerufen hatte, der Malfoy fangen könnte. Er hatte daran gedacht, aber sich dann dagegen entschieden. Er hob seine Braue, als er überrascht feststellte, dass Malfoy diese Möglichkeit in Betracht gezogen hatte.

„Willst du denn verhaftet werden?“, fragte Harry ungläubig.

„Nein,“ schnappte Malfoy sofort zurück. „Aber ich hoffe, dass deine verdammte gryffindorsche Neugier dich davon abgehalten hat irgend jemandem von meinem gestrigen Erscheinen zu berichten. Jedenfalls, noch nicht.“

Harry stellte mit Unbehagen fest, dass Malfoy genau richtig lag. Er wollte Antworten und die wären ihm wahrscheinlich verwehrt, wenn er Malfoy sofort ausliefern würde.

Malfoy schnarrte und interpretierte Harrys Schweigen als Bestätigung seiner Theorie. „Bitte mich herein, Potter, und ich werde es dir erklären.“

„Besser du hast verdammt gute Antworten, Malfoy,“ grummelte Harry.

„Ich werde nichts hier draußen erklären,“ schnappte Malfoy zurück.

Harry ließ seinen Blick über die Nachbarschaft wandern und seine Augen blieben die Straße hinunter an dem Haus von Mrs. Figg hängen. Er glaubte nicht, dass ihn jemand den ganzen Tag über akribisch beobachteten würde, aber garantieren könnte er es nicht. Es war wahrscheinlich keine besonders gute Idee lange draußen zu stehen.

„Wie krieg ich dich durch die Schilde?“, fragte er.

„Hast du überhaupt von etwas eine Ahnung, Potter?“, grinste Malfoy.

„Ich habe noch nie zuvor Todesser eingeladen,“ schoss Harry zurück.

Malfoys Augen blickten gleich auf seinen Unterarm. Die langen Ärmel seines Hemdes bei dem warmen Wetter waren ein wenig übertrieben. Er war ungewöhnlich ruhig und wirkte gedämpft, als er ruhig anfing Harry zu erklären, wie er ihn durch die Schilde bringen könnte.

Harry zögerte, bevor er den endgültigen Schritt wagte. „Woher weiß ich, dass du mich oder meine Verwandten nicht verletzten wirst, sobald ich dich herein lasse?“

„Kannst du nicht wissen,“ sagte Malfoy lahm und sein Blick war wieder auf das Baby gerichtet.

Harry runzelte die Stirn. Er verstand nicht warum er die endgültigen Worte aussprach, die es Malfoy erlauben würden das Anwesen zu betreten.

Malfoy sah ihn überrascht an und Harry stellte fest, dass Malfoy nicht wirklich damit gerechnet hatte, dass es ihm erlaubt sein würde. Malfoy erlangte seine Fassung schnell wieder. „Du bist zu vertrauensselig, Potter,“ schnarrte er und ging den Weg zur Vordertüre hinunter.

Harry wunderte sich mehr als er ihm hinter her starrte. Er traute Malfoy nicht, aber irgendwas ging vor. Harry verließ sich absolut auf seine Instinkte, und seine Instinkte sagten ihm, dass er Malfoy aushorchen musste.

Er schüttelte seinen Kopf und folgte Malfoy zum Haus, und hoffte, dass er nicht einen riesigen Fehler machte.
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