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Tränen der Erinnerung

von Fwele
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
Cornelia Hale Hay Lin Irma Lair Taranee Cook Will Vandom
12.09.2008
12.09.2008
1
1.823
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12.09.2008 1.823
 
Ein kleiner Oneshot,  basierend auf einem meiner Träume… Viel Spaß! (nicht gebetat, hoffe, es gefällt trotzdem)


Tränen der Erinnerung




Hay-Lins schlanke Finger spielten mit einem ihrer Haargummis, während Tränen über ihr Gesicht rollten. Sie saß im Hauptquartier der Witch, der ehemaligen Wächterinnen von Kandrakar. Sie hatten den Raum ihren Nachfolgerinnen überlassen, Marie, Adara, Georgia, Isabel und Ciah-Tei. Letztere war ihre eigene Erbin, ihre Großcousine. Als sie sich kennen gelernt hatten, war es ihnen wie ein wunderschöner Traum vorgekommen, als sie wieder einmal Magie verspürten, so nah bei sich. Sie selbst hatten, als sie achtzehn geworden waren, ihr Wächterinnendasein aufgegeben, um Familien gründen und normal leben zu können und sie hatten es, wie Hay-Lin sich eingestand, nie bereut. Doch all das zählte jetzt nicht mehr.
Neben Hay-Lin saß Irma, die Knie an den Körper gezogen und das Gesicht in den Händen verborgen. Sie bewegte sich keinen Millimeter, zuckte nicht einmal. Taranee saß ihr gegenüber in einem Ohrensessel von so widerlichem Grün, dass es selbst Hay-Lin die Sprache verschlagen hatte, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Taranee starrte an die Wand, als gäbe es etwas Besonderes zu sehen, als stände dort, wie sie ihrer unendlichen Trauer Abhilfe geben könnte. Einzig Cornelia behielt ein wenig die Fassung, auf ihren Knien saß die kleine Sarah Vandom und plapperte munter daher, doch Hay-Lin sah in Cornelias Augen, dass ihre Gedanken überall waren, nur nicht bei den Worten der Kleinen.
Sie alle waren doch glücklich gewesen, als das Orakel sie noch einmal gerufen hatte, oder nicht? Als es ihnen eröffnet hatte, dass er ihre Kräfte reaktivieren würde, damit sie ihren Nachfolgerinnen bei einer Mission halfen, die zu schwer für die noch nicht eingespielte Gruppe war, hatten sie doch mit einem Blick entschieden, den Auftrag anzunehmen, oder? Wer hätte ahnen können, dass das Ganze so… so ausgehen würde? Alles war gut verlaufen, sie waren zusammen auf dem Planeten Mior gelandet, einem übergrünen, florierenden Planeten voller fremdartiger Säugetiere und einer abtrünnigen Hexe aus dem Turm der Nebel,  um eben die es ging. Einfangen und nach Kandrakar bringen, das war die Devise. Ganz einfach, hatten sie gedacht.
Ganz einfach.
Sie hatten zuerst den Jüngeren den Vortritt gelassen, damit sie sich profilieren konnten, damit sie ihre Grenzen testen konnten im Kampf gegen eine überstarke Hexe. Doch, wie zu erwarten, unterlagen die Kleinen der Hexe und Hay-Lin und die anderen Witch griffen ein.
Es war der Moment, in dem alles schief ging.
Sie hatten ihre Lichtstrahlen losgeschickt, um die Hexe zu betäuben. Alle kamen an, bis auf einen. Wills Lichtstrahl, bestehend aus reiner kosmischer Energie, machte aus einem Grund, der Hay-Lin nicht einleuchtete, eine Kurve und traf auf das Herz von Kandrakar, das vor Marie erschienen war, ohne das sie etwas dazu getan hatte.
Das Orakel hatte ihnen hinterher erklärt, dass das, was geschehen war, auch ‚Energierückschlag’ genannt wurde. Aber es war ihnen im Grunde egal. Es zählte nur das Resultat.
Der Lichtstrahl wurde vom Herzen reflektiert und traf ihren Erzeuger, Will. Hay-Lin vergrub das Gesicht in den Händen.
Will war tot.

„Wann kommt Mama?“ Sarah hüpfte auf Cornelias Knien herum. Taranee beugte sich zu dem kleinen Mädchen mit den wuscheligen rotblonden Haaren herab. „Wir gehen gleich zu ihr, Socke“, sagte sie sanft.
Sie nannten Sarah Socke. Hay-Lin musste, obwohl es den Gefühlen jeder Faser ihres Körpers widersprach, schmunzeln. Den Namen hatten sie gefunden, als sie sich vor einer Woche hier das erste Mal gesehen hatten. Fast vier Jahre lang hatten sie sich da nicht gesehen, jeder von ihnen hatte schon Familie. Irma hatte ihre Kinder bei ihrem Mann gelassen, doch Will konnte Sarah nirgends unterbringen. Sie hatte ihnen erklärt, dass es ihr sowieso lieber war, wenn sie in ihrer Nähe war.
Will war wie immer etwas zu spät gekommen, und das erste, was sie von ihrer Freundin gesehen hatten, war ihre kleine Tochter gewesen, die die schwere Tür aufstemmte und laut und mit strahlendem Gesicht rief: „Ich kann Socke anziehen!“
Den ganzen Tag hatte die Kleine ihre Socken an- und ausgezogen, daher der Spitzname.
Hay-Lin seufzte. Sie hatten versucht, Sarah zu erklären, dass ihre Mama niemals wiederkommen würde, doch sie hatte es nicht verstanden. Ihre Mama würde wiederkommen, erklärte sie standfest und weigerte sich, etwas anderes zur Kenntnis zu nehmen.
Gleich würden sie zu Wills Beerdigung gehen. Es war unfassbar schwierig gewesen, Wills Körper aus der anderen Welt auf die Erde zu bringen und eine glaubhafte Todesursache zu finden, doch das Orakel hatte ihnen geholfen. Sie hatte eine kleine Strecke einer abgelegenen Landstraße abgeschirmt und hatten Will auf die Straße gelegt, nachdem ein für alle sichtbares Auto über diese gefahren war. Natürlich saß in dem Auto keiner. Will würde offiziell als Geisterfahrer-Opfer gelten.
Es klopfte leise an die Tür. Georgia trat ein, grüßte leise und setzte sich zu Cornelia. Sie hatten sich selbst zu den ‚Elementepaten’ erklärt. Wer konnte schon besser erklären als sie? Wohl kaum das Orakel.
„Die anderen kommen gleich“, flüsterte Georgia in den Raum. Sie hatte Angst, die anderen aus ihrer Trauer aufzuschrecken, und sie fühlte sich so offensichtlich unwohl, dass Hay-Lin sich ein Lächeln abrang. Georgia erwiderte es schüchtern und blickte dann zu Boden. Sie war völlig anders als Cornelia, schüchtern, ruhig und vernünftig, eher so, wie es Taranee bei ihnen gewesen war. Irma saß immer noch unbewegt neben ihr, sie zeigte keinerlei Regung.
Die Tür öffnete sich erneut und der Rest der Gruppe trat ein. Die Witch hatten sich darauf geeinigt, Weiß zu tragen. Sie wussten, dass Will die Farbe schwarz nicht gemocht hatte.
„Gehen wir jetzt?“ Sarah wurde ungeduldig. Taranee sah Hay-Lin an, dann nickte sie. Das kleine Mädchen kam zu Hay-Lin gelaufen und streckte ihr die Hand hin, die Hay-Lin gerne nahm. Auf ihre andere Seite stellte sich Ciah-Tei, die ihrer Großcousine wahnsinnig ähnlich sah. Isabel stand vor dem Sofa, auf dem Irma saß, und schien recht hilflos zu sein. Irma blieb sitzen, vom Rest der Welt unberührt.
Taranee ging zu ihr hinüber und setzte sich neben sie. „Komm Irma“, sagte sie ruhig, „es geht los!“ Irma hob den Kopf. Ihre Augen waren von dunklen Augenringen gezeichnet, um ihren Mund lag ein harter Zug. „Nein, Tara. Es geht nicht los. Es ist zu Ende.“ Ihr Tonfall erschreckte Hay-Lin mehr, als sie zugeben wollte, und sie war froh, als Irma dennoch aufstand und zur Tür ging. Isabel folgte ihr und zupfte vorsichtig an Irmas Ärmelsaum. Sie sagte etwas zu ihr, das Hay-Lin nicht verstand, und Irma strich ihr zögernd über den Kopf
Sie gingen schweigend zum Friedhof, alle nah beieinander, keiner wollte alleine sein. Marie bildete das Schlusslicht. Quietschend öffnete sich das Friedhofstor, als sie hindurchgingen, und Hay-Lin drehte an der Rose, die sie in der Hand hielt. Sie hatten weiße Rosen gekauft, jeder von ihnen würde eine werfen. Die vier Witch hatten die Trauerfeier organisiert und hatten sich darauf geeignet, dass es nur einen kurzen Gottesdienst geben sollte. Will war nie sehr christlich gewesen.
Auch die Gäste waren nur spärlich erschienen, wenige Verwandte, dafür mehr Freunde. Wills Mutter war vor fünf Jahren an Blutkrebs gestorben, Dean lebte seit vier Jahren in England. Er hatte den Tod seiner Frau nie verkraftet. Hay-Lin konnte ihn nirgends entdecken.
Der Gottesdienst verlief schleppend und langweilig. Der Pfarrer leierte furchtbar, doch Hay-Lin hörte nicht richtig zu.
Will war tot.
Schließlich wurde der weiße Sarg hinausgetragen, auf den Friedhof, den Taranee ihnen gezeigt hatte. Er lag am äußersten Rand von Heatherfield direkt am Meer, und sie hatten einen Platz für Wills Grab gefunden, der wirklich wunderschön war.
Was für ein schwacher Trost.
Das ausgehobene Loch hatte etwas trostloses, unsagbar endgültiges an sich, so dass es Hay-Lin klamm ums Herz wurde. Sie spürte, wie Sarah an ihrer Seite schnell atmete. Das Mädchen hatte den ganzen Gottesdienst über kein Wort gesagt und Hay-Lin bezweifelte, dass sie die Worte des Pfarrers verstanden hatte, doch offensichtlich hatte sie auch dasselbe wie Hay-Lin beim Anblick des Grabes gefühlt. Sie zog Hay-Lin zu sich hinunter, sodass Hay-Lin neben ihr hockte. „Wo ist Mama?“ fragte sie laut genug, dass es in der Grabesstille, die auf dem Friedhof herrschte, jeder hören konnte. Hay-Lin strich dem Mädchen über den Kopf. „Da“, flüsterte sie und zeigte auf den Sarg, der kaum drei Meter von ihnen entfernt stand. Die Witch schauten schweigend zu. Sarah ging langsam auf den Sarg zu und horchte. Dann hob sie die Faust und klopfte vorsichtig dagegen, das Geräusch war laut und hohl, gut zu hören. „Mama?“ fragte sie. Als nichts geschah, klopfte sie erneut. „Mama?“ Ihre Stimme wurde energischer, als sie sich wieder zu Hay-Lin umdrehte. „Da ist sie nicht drin!“ Sarahs Augen blitzten und einen Augenblick sah Hay-Lin Will vor sich, wenn sie mal wieder einen Plan ausheckte. Die Erinnerung trieb ihr die Tränen in die Augen. „Doch, Sarah“, flüsterte sie. Das Mädchen drehte sich erneut um, starrte den großen, weißen Kasten an. Hay-Lin versuchte, sich zusammenzureißen, doch es war furchtbar schwer, es fühlte sich an, als würde ihre Seele auseinandergerissen werden. „Mama!“ Der Schrei hallte lange nach, er würde Hay-Lin noch lange in ihren Träumen verfolgen. Sarah hämmerte wie von Sinnen auf den Sarg ein, der Pfarrer wollte schon eingreifen, doch Hay-Lin war schneller. „Sarah“, flüsterte sie und zog die Kleine in ihre Arme, doch das Mädchen wehrte sich. „Wo ist sie?“ brüllte sie, die Tränen liefen ihr über das Gesicht und ihre kleinen Finger packten erstaunlich fest Hay-Lins Arm. „Sie ist im Himmel, Sarah. Sie schaut die jetzt von oben zu.“ „Nein!“ Die Asiatin hob das weinende Kind auf, das hin- und hergerissen schien zwischen Wut und Trauer, und sah, wie der Sarg in das Loch hinabgelassen wurde. Der Reihe nach gingen ihre Freundinnen zum Grab und warfen als letzte Ehrerbietung die weißen Rosen hinein und Hay-Lin sah traurige, verzweifelte und weinende Gesichter. Dann stellte sie Sarah auf ihre eigenen, zitternden Beine und ging mit ihr vor zum Grab. Sie hockte sich erneut hin und gab Sarah ihre Rose. „Sag deiner Mami tschüs“, sagte sie sanft. „Schenk ihr eine Blume, da freut sie sich sicher.“ Sarah warf einen Blick nach oben zum Himmel, dann warf sie die Blume in das Grab. Sie wandte sich Hay-Lin zu und sah sie lange an, aus diesen Augen, die denen ihrer Mutter so glichen. Dann kuschelte sie sich wieder in Hay-Lins Arme und ließ sich von ihr zurücktragen, sicher und geborgen, so, wie sie es bei ihrer Mutter immer gewesen war.
Das Grab war schnell zugeschaufelt, und schneller, als es ihnen eigentlich lieb war, befanden sie sich auf dem Heimweg.
Hay-Lin wollte sich keine Gedanken machen über das Morgen. Dieser Tag gehörte Will.
Sie wusste genau, dass die Erinnerung an sie nie verblassen würde, egal was geschah.
Will lebte noch, in ihren Herzen, ihrer Erinnerungen – und ihrer Tochter.
Die kleine Sarah.
Socke.
Hay-Lin schmunzelte.


[Ende]
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