Maskenball

von Tigerauge
GeschichteRomanze / P16 Slash
05.09.2008
10.12.2008
1
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Dieses Kapitel
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Titel:  Maskenball – Masken tragen Namen
Bild: http://i59.photobucket.com/albums/g289/Tigerauge_2006/maskenballFERTIGnurTIGGI.jpg
Typ:  One-Shot
Warnung: BoyxBoy
Genre:  Liebesromanze
Beta: Paige13
Inhalt:  Wie viele unterschiedliche Masken besitzt ein Mensch? Zwei? Drei? Ein Duzend? Es gibt Situationen in denen man das Gesicht am liebsten hinter einer Maske verbergen möchte. Aus Frucht, in peinlichen Momenten, zur Distanz. Da ist ein Maskenball genau das Richtige, unbekannt, hinter dem Schutz der Maske, ein kleines Abenteuer zu erleben. Ein zweites Treffen ist immerhin ausgeschlossen….

Kommentar: Hallo, liebe Leser. Die einen oder anderen kennen mich vielleicht von meinen anderen Geschichten. Sorry an die, die Angel for me gelesen haben, aber das hier ist nur ein One-Shot, aber ich hoffe ihr seit auch damit zufrieden *grins* An alle, viel Spaß!




Maskenball
~Masken tragen Namen~



Das Orchester spielte munter und melancholisch seine Stücke, während sich schon so manches Paar zu der noch recht frühen Stunde auf der Tanzfläche anmutig zu den Walzern bewegte. Das Buffet war hinter der Tanzfläche aufgebaut, dort, wo sich auch eine Menge Sitzgelegenheiten boten. Es war reichlich gedeckt und die ersten ganz hungrigen Gäste griffen schon ordentlich zu, als ob sie Angst hätten, später nichts mehr abzubekommen.

Überall sah man Masken in den verschiedensten  Formen und Farben. Die Gäste verkleideten sich, um unerkannt neue Bekanntschaften zu knüpfen und nutzten solche Maskenbälle nur zu gerne dafür aus. Man sprach, lachte und tanzte miteinander, doch wer sich unter der Maske befand blieb geheim. Dieser spezielle Reiz lockte viele verschiedene Persönlichkeiten an. Mit Masken waren alle gleichgestellt, sie verborgen die Geheimnisse.

Kann es passieren, dass der Mensch hinter der Maske nicht nur unsichtbar wird, sondern auch  verschwindet?

Ich stand am Rande des Geschehens und schaute noch recht unbeteiligt das Spektakel an, allerdings auch immer ein Auge offen haltend, ob sich nicht ein geeigneter Zeitgenosse für den Abend finden ließ. Wenn sich nichts Besseres fand, müsste er ja nicht mal richtig hübsch sein, denn es würde eh ein Teil seines Gesichtes durch eine Maske verdeckt werden. So etwas hatte ein Maskenball, wie dieser einer war, ja an sich und es war eine schöne Abwechslung zu den sonstigen Partys. Trotzdem wollte ich mich erst einmal so umschauen. Eigentlich war ich nämlich ziemlich wählerisch und meist sah man auch am Verhalten und an der Körperhaltung, ob einer beliebt, und damit bestimmt nicht der Hässlichste, Schüchternste und Verklemmteste, oder eher ein Langweiler war, der sich auf nichts einließ und niemand an ihn ran kam. Ich hatte zwar nichts dagegen, auch mal wen zu erobern, aber eine Grundbasis an Interesse sollte schon vorhanden sein.

Somit schaute ich mich weiter um und strich sanft meinen Anzug glatt. Ich hatte mich mal wieder richtig raus geputzt, mein Styling saß perfekt, und meine Maske schillerte in den Farben rot und schwarz auf meinem Gesicht. Ich liebte diese Farbkombination und dies war heute auch deutlich zu sehen. Unter meinem schwarzen Anzug blitzte ein rotes Hemd hervor und auch in der Westentasche war ein ordentlich gefaltetes rotes Tuch zu finden. Nicht zu vergessen die rote Krawatte. Ja, heute war meine Neigung zu diesen Farben deutlich zu erkennen, aber wenn ich ehrlich war, fand ich auch, diese machten mich ungemein sexy und ich hatte mir fest vorgenommen, es diese Nacht nicht soweit kommen zu lassen, dass ich alleine blieb. War zwar, wenn ich genau überlegte, noch nie wirklich vorgekommen, wenn ich es nicht wollte, aber man musste es ja gar nicht erst herausfordern. Ich hasste es, wenn ich meinen Willen nicht bekam!

Von meinem Platz aus hatte ich den perfekten Blick zur Eingangshalle. Ich schaute über die Menge an Leuten, die durch die Tür in diesen Saal strömten und blieb nach kurzer Zeit an drei eintretenden Menschen hängen. Ein Pärchen, wie mir schien, und ein junger Mann. Kurz schienen sich die drei zu unterhalten, dann zog sich das Pärchen zur Tanzfläche davon. Ein Grinsen schlich auf mein Gesicht, während ich mir den Zurückgebliebenen genau anschaute. Er war blond und schien mir mit seinem strahlend weißen Anzug wie eine Erscheinung. Sein Gesicht zierte eine ebenfalls weiße Maske und wenn mich nicht alles täuschte, sah ich auf einer der Wangen eine Goldene Träne. Das gefiel mir.

Den jungen Mann nicht aus den Augen lassend bahnte ich mir einen Weg durch die im Weg stehenden und machte schließlich vor ihm halt. Er merkte erst gar nicht, dass ich zu ihm getreten war, doch als sich sein Blick auf mich richtete und ich ihn keck angrinste, schien er erst verwundert, doch dann grinste er zurück.

„Na, so ganz allein, ohne Begleitung hier?“ fragte ich nach kurzer Zeit der gegenseitigen Musterung und zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. Ich wusste zwar nicht, ob er nicht vielleicht einer dieser vollkommenen Heteros war, aber ich hatte so im Gefühl, dass dies nicht so wäre.

„Tja, jetzt wohl nicht mehr!“

Zu meinem Erfreuen lag ich mit meinem Gefühl richtig, denn bisher machte ich die Erfahrung, wenn es einer dieser Heteros war, er gleich nach meinem ersten Annäherungsversuch schon fast panisch das Weite suchte. Ich konnte diese Heteros noch nie verstehen. Nicht, dass ich etwas gegen sie hätte, es ist nur,  wenn sie wüssten was sie sich dabei für ein prickelnden Spaß entgehen ließen. Aber gut, jedem des seinen und außerdem schien ich gerade den richtigen Fang zu machen.

Der Blonde, dessen vollkommene weiße Erscheinung dem eines Engels glich, sah mich von oben bis unten musternd an. Solche Blicke war ich gewohnt und sie machten mir auch nichts aus, nein im Gegenteil, ich mochte es auf diese Weise betrachtet zu werden. Viele willige Kerle schauten mir tagtäglich in jeder sich bietenden Gelegenheit lechzend und sabbernd hinterher, doch nicht jeden ließ ich an mich ran. Ich war bei meiner Auswahl ziemlich penibel und suchte mir nur die heraus, die in meinen Augen perfekt erschienen. Es war nicht immer leicht meinem Verlangen und Vorstellungen angepasst, die geeigneten Kandidaten zu finden, doch früher oder später fand sich immer einer. Wie heute bei der engelsgleichen Erscheinung.

Abwartend ließ ich dem blonden Unbekannten aller Zeit mit seiner Musterung abzuschließen. Ich hatte nichts zu verbergen, denn ich überließ niemals etwas dem Zufall und aus diesem Grund saß an mir auch heute alles perfekt. Zufrieden nickend sah er zu mir auf und lächelte charmant herüber. Ich wäre erstaunt gewesen, wenn ihm der Anblick nicht gefiel, denn die Kerle, die ich auswählte sprangen immer drauf an.

„Darf man erfahren welchen Namen der Unbekannte im strahlenden weißen Anzug trägt?“, fragte ich süffisant lächelnd und rückte meine Maske zurecht, die ein bisschen verrutscht war.

Der  Engel in weiß schien zu überlegen, während die Menschen um uns weiter dem Fest folgten, miteinander sprachen und lachten. Meine volle Aufmerksamkeit galt momentan nur einer einzigen Person, die es mir bereits nach einigen Minuten angetan hatte. Mir gefielen diese geheimnisvolle Art und die Aura, die ihn umgab.

„Nenn mich doch einfach Lilium.“

Lilium der Name gefiel mir und passte sehr gut zu meiner Vorstellung eines Engels, auch wenn ich wusste, dass dieser Name nicht sein wahrer war.

Mein Gegenüber sah mir dabei so direkt in die Augen, dass ich das Gefühl verspürte er würde in meine Seele blicken. Dieses Gefühl war unbeschreiblich, so direkt und fest schaute mich bislang noch nie jemand an und genau in diesem Moment sah ich zum ersten Mal das leuchtende und intensive braun seiner Augen.

„Verrätst du mir auch deinen Namen?“

Ich überlegte nicht lange, denn es gab nur einen einzigen Namen der meine selbst widerspiegelte. Ein Name, der in alle Munde bekannt war, der auf mich einen unbeschreiblichen Reiz ausübte und den ich nur zu gut als Pseudonym verwand.  Zudem hatte ich das Gefühl, der weiße Engel namens Lilium, war auf das Selbe aus und spielte ebenso gerne wie ich es tat. Wenn er spielen wollte, dann spielten wir eben, umso besser, so machte es die ganze Sache nur noch mysteriöser und reizvoller.

„Luzifer“, antwortete ich anmutig, „Nenn mich Luzifer!“

Auch wenn Lilium eine Maske wie jeder andere in diesem Saal trug, bemerkte ich auf Anhieb wie sich seine Augen beim Klang des Namens ein kleines bisschen weiterten, eigentlich fast unmerklich, dennoch sah ich es.

Schon damals wurden den sieben schlechten Charaktereigenschaften bestimmte Dämonen zugeordnet, so wurde Luzifer der Todsünde Hochmut zugeordnet. Luzifer gilt als Verführer der Menschen zur Sünde und versucht die Menschen zu beeinflussen, dass sie sich von Gott und seinen Geboten abwenden. Er ist der Meister der Dämonen, deren Wirken schädlich für die Menschen ist, was bis zur Besessenheit führen kann – die völlige Übernahme des Willens des Menschen. Als Dämonenfürst bringt Luzifer die Menschen vom rechten Weg ab und versucht sie zum Hochmut zu verführen.

Dem Hochmut war ich längst verfallen, doch meine Absicht lag nicht darin die Menschen um mich, insbesondere das männliche Geschlecht, zum Hochmut zu verführen, sondern schlicht und einfach sie zu verführen, ganz nach meinem Willen und zu meiner Befriedigung.

„Luzifer also“, wiederholte er den Namen raunend. „Der Dämon des Hochmuts, hab ich Recht?“ Er legte eine kleine Pause ein und sah mich interessant lächelnd an. Wie ich sah kannte er den Namen Luzifer nur zu gut, etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet. Sein Lächeln und auch seine Augen strahlten eine  Neugierde und Faszination aus, die nach etwas verrücktem, einem Abenteuer verlangten. „Der Abend könnte doch noch sehr interessant werden.“

Ja, der Meinung war ich auch, wenn ich ihn mir so ansah. Etwas Besseres hätte mir heute nicht mehr über den Weg laufen können und so einen wie ihn hatte ich schon lange nicht mehr- wenn überhaupt schon. Er war genau auf meiner Wellenlänge und schon allein an seinem Blick, den er mir schenkte, sah ich, dass wir beide heute noch sehr viel Spaß haben würden. Er war anders als ich- ganz anders- aber dennoch schienen wir uns gegenseitig anzuziehen und schon jetzt in eine Art Spiel verwickelt zu haben, aus dessen Fängen wir noch lange nicht befreit würden.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“ Die Idee zu Tanzen kam mir ganz spontan, als das Orchester zu einem neuen Lied anspielte und auffordernd streckte ich Lilium meine Hand entgegen, während ich einen kleinen Knicks machte. Förmlichkeit gehörte eben zu einem Ball und ich mochte diese altertümliche Art, jemanden zum Tanz zu bitten.

Mit einem „Aber gerne doch“ wurde meine Hand ergriffen und auch wenn ich es nicht anders erwartet hatte, schlich sich ein Grinsen auf mein Gesicht, während ich ihn zur Tanzfläche führte.

Er beherrschte das Tanzen perfekt, wie ich nach einigen Minuten feststellte und er passte sich meinen Bewegungen an, als ob er sie vorhersehen konnte. Nicht alle, die ich mir auswählte, besaßen dieses Talent; benahmen sich stattdessen tollpatschig, traten einem auf die Füße, oder stolperten einem sogar fast in die Arme, wenn man einen unerwarteten Schritt tat. Mit ihm aber war es total entspannend und ich konnte es richtig genießen, mit ihm die fließenden taktvollen Bewegungen durchzuführen. Durch ein bestimmendes Drücken gegen seine Schulter zog ich ihn näher an mich heran, was aber keineswegs den fortlaufenden Tanz störte. Es ging ineinander über, als gehörte es dazu- als wäre praktisch nichts gewesen.

„Du tanzt gut“, flüsterte ich ihm ins Ohr und meine Hand an seinem Rücken rutschte von seinen Schulterblättern ein ganzes Stück tiefer.

„Danke, ich weiß“, war die gekonnte Antwort die mich wieder Schmunzeln ließ. Ich mochte die Art, wie er sprach und gestikulierte, ohne auch nur einen Hauch überheblich zu klingen. Aus seinem Mund wirkte alles wie selbstverständlich, weise und rein. Ja, der Name Lilium passte zu keinem besser als zu ihm.

Der Tanz neigte sich dem Ende zu und mit den letzten Klängen der Geigen wurden auch wir langsamer und verabschiedeten uns schließlich vom Parkett. Ich liebte Tanzen zwar - egal welcher Stil, ich konnte stolz von mir behaupten, alles zu beherrschen - doch bei dieser Art von Musik konnte man sich auch nicht auf die Art näher kommen und reizen, wie ich es noch mit meinem abendlichen Begleiter vor hatte.

Am Rande der Tanzfläche drehte er sich schwungvoll zu mir um und schaute mir erwartungsvoll in die Augen. Unweigerlich starrte ich zurück. Es war unfassbar, welche Tiefe die seinen besaßen und dass ich mich schon wieder in ihnen verlor. Nie war ich bislang von Augen so fasziniert gewesen. Nie hatte ich mich in welchen so verloren, dass ich mich schwer daran tat, mich aus ihrer Anziehungskraft befreien zu müssen und meine wie weggeblasenen Gedanken sammeln musste. Der Junge hatte eine Ausstrahlung, die irgendetwas in mir bewegte, nur, ob ich dies als „Gut“ oder „Schlecht“ ansehen sollte, konnte ich noch nicht genau sagen. Bis jetzt übte dies nur Positives in mir aus und steigerte den Reiz in mir, ihn heute Nacht mein Eigen nennen zu dürfen.

Die Spannung zwischen uns wuchs mit jeder Sekunde, die wir regungslos voreinander standen und uns einfach nur anschauten, bis ich mir schließlich einen Ruck gab und mich aus meiner Starre befreite. Langsam, um den magischen Moment ja nicht zu zerstören, neigte ich den Kopf etwas tiefer zu ihm runter, erblickte noch ein letztes mal das stechende Braun seiner Iris und schloss zeitgleich, mit dem Auftreffen auf seine weichen und vollen Lippen, die Augen.

Der Kuss fühlte sich so unbeschreiblich gut an. In mir gab es eine große Explosion, wodurch meine Gefühlswelt ganz schön ins Schwanken geriet und ich leicht wackelig auf den Beinen meine Hände halte suchend in Liliums Sakko vergrub.
Was war dieses neuartige Gefühl? Viele, und ich meinte wirklich viele, verschiedene Typen von Männern küsste ich bereits mit meinen knackigen jungen Jahren, aber noch nie verspürte ich ein derartiges Gefühl dabei. War es Neugierde? Doch worauf? War es Besitz Habgier? Schon eher! Heute Abend sollte keinem das Vergnügen von diesem engelsgleichen Geschöpf vergönnt sein, keinem außer mir.

Das Gefühl war für mich unbekannt, was ich jedoch wusste, war, dass ich noch definitiv des Öfteren  in den Genuss kommen wollte. Leider blieb mir jetzt dieses Vergnügen nicht lange erhalten. Zwei Hände legten sich auf meine Brust – unter denen mein Herz untypisch schnell schlug – und drückte mich mit sanften Druck auf Abstand.

Benebelt von der Süße öffnete ich langsam die Augen, blickte direkt auf die immer noch leicht geöffneten, rosaroten, verführerischen Lippen, die so einladend wirkten, dass ich den Drang verspürte meine Lippen zurück auf seine zu legen.

Versonnen ließ ich den Blick von den geschwungenen Lippen zu den braunen Augen wandern.

„Nicht so schnell“, wies Lilium mich schmunzelnd zurecht und strich kurz mit seinem Zeigefinger über meine Unterlippe hinweg. Autsch, da traf er genau mein Ego. Bisher wies mich noch keiner ab, eher umgekehrt, ich war derjenige, der das Tempo angab.

Ein gedankenverlorenes  Lächeln huschte mir über den Mund. Auch wenn ich die Unterbrechung schade fand, gab es all dem noch einen Ticken mehr Reiz, wodurch der kleine Kratzer an meinem Stolz schnell vergessen war. Die Gewissheit heute noch mehrmals in den Genuss zu kommen, war nicht ab zu streiten.

Ungeniert glitten immerzu lüsterne Blicke meinerseits an seinem Körper hinab, die jedem anderen verborgen blieben, denn ich wusste wie man seine Gedanken vor der Außenwelt gut verbarg. Es sollte bloß keiner auf die Idee kommen, ich sei so leicht für ein bisschen Spaß zu haben.

Das Orchester setzte nach einer kleinen Pause zu einem weiteren recht altertümlichen Lied an, worauf viele Paare im Raum sich auf die Tanzfläche begaben, um dort die Schönheit des Tanzen zu präsentieren. Eine Schönheit, die zu Hundertprozent von der richtigen Körperhaltung und Bewegung abhing. Bei den tanzenden Menschen erkannte man sofort wer diese Kunst beherrschte und wer wiederum nicht und sich eher gegenseitig die Füße platt stampfte.

Kopfschüttelnd wand ich meinen, kurz vom Zielobjekt abschweifenden Blick zurück auf mein Gegenüber, der leicht an die Wand gelehnt  mir von unten herab vergnügt zusah. Lilium schien unser kleines Spielchen gut zu gefallen, doch ich wusste da noch etwas viel besser, was ich lieber mit ihm tun wollte. Etwas Bettgymnastik sagte wohl alles. Bett oder Bank, käme ganz drauf an wo wir landen würden. Sollte es kein Bett sein, wäre auch nicht tragisch.

„Das ist nicht dein erster Ball dieser Art“, stellte Lilium nüchtern fest. Mit schief gelegtem Kopf sah er mich an.

„Nein“, stimmte ich seiner Feststellung zu. „Ich liebe es mich zu verkleiden. All die Menschen, die ihr Gesicht hinter Masken verstecken und so auf ein kleines Abenteuer aus sind. Findest du nicht auch!?“
Lächelnd kam er einem Schritt auf mich zu. „Doch, die Masken strahlen einen besonderen Reiz aus.“ In diesen Moment kam eine Kellnerin mit einem Tablett belanden mit frischen Getränken an uns vorbei, bei dem wir uns auch gleich mit einer Erfrischung bedienten.

Masken werden seit Urzeiten in Theater und Kunst, aber auch zu religiösen und rituellen Zwecken eingesetzt. Ein anderer Punkt wiederum ist, die Gäste verkleideten sich, um unerkannt neue Bekanntschaften zu knüpfen. Ein weiterer Vorteil an der Vermummung des Gesichtes war, wenn schnell kurzzeitige Bekanntschaften zu langweilig wurden und man sich sicher sein konnte, diese flüchtige Bekanntschaft einem in normalen Alltag nicht erkannte.

„Kommst du aus dieser Gegend?“, fragte der junge Mann in weiß völlig überraschend und schwenkte sein Glas in der Hand hin und her. Schmählich grinsend zupfte ich mein rotes Tuch in der linken Jackentasche zu Recht. „Keine privaten Fragen.“

Lilium lachte warm und schenkte mir unter seiner Maske ein Zwinkern. Beabsichtigt verkleinerte er den Abstand um weitere Zentimeter, die unnötigerweise noch zwischen uns lagen. Doch Lilium war etwas besonderes, keine Puppe die schnell für ein paar Minuten genommen und anschließend kommentarlos weggeschmissen wird. Einen so einzigartigen Menschen traf man nicht sehr oft im Leben, von daher war es mir nur recht, alles ein wenig langsamer anzugehen und die Gesellschaft des anderen aus zu kosten.

„Du hast recht, je weniger wir voneinander wissen, umso spannender wird die ganze Sache“, meinte er nickend und leckte sich ganz kurz mit der Zunge über die trockenen Lippen. Eine wirklich sehr gute Wahl.

Lilium nahm mir wortlos das Glas aus der Hand, stellte beide auf die nächst beste sich bietende Abstellfläche und kam nun endgültig lasziv lächelnd ganz nahe an mich heran. Seine rechte Hand fuhr gedankenverloren über meine rote Krawatte, während er mir tief in die Augen sah, dann an der Krawatte leicht zog, um unsere Gesicht näher zueinander zu führen.

„Na na“, stichelte ich. „War es eben nicht noch zu schnell für den Herrn?“ Lilium überlegt einen Moment. „Ich hab es mir anders überlegt, Luzifer.“ Wie er meinen Namen aussprach – mit diesem leicht verruchten Unterton einer Engelserscheinung – erregte mich. Die Hand schlich sich hinter meinen Nacken, während er mir einen kleinen Kuss raubte. „Wieso unnötig Zeit vergeuden, wenn wir beide doch eh wissen worauf es hinausläuft.“

Keine Zeit vergeuden war eine sehr gute Idee, denn dieser Anblick der sich unmittelbar vor meiner Nasenspitze bot, war viel zu ergreifend, um noch länger darauf zu warten. „Worauf warten wir dann“, meinte ich ungeniert, fing mir ein bestätigtes Grinsen Liliums ein und folgte ihm dann ohne zu Fragen, worauf wir einige Zeit später vor einer noch verschlossenen Tür stehen blieben.

Geschickt schleuste Lilium uns in das Zimmer ein, ohne dass es jemand mitbekam und verriegelte sie hinter uns, wobei mein Blick interessiert und zufrieden zu gleich über den Raum schwenkte. Ein Bett, sehr gut. Woher kannte dieser Engel nur bloß diesen Raum? Ob er sich schon vorher umgeschaut hatte? Grinsend wand ich mich mit einer fließenden Umdrehung zu ihm herum. Lilium stand weiterhin gegen die Tür gelehnt, sah mich aus eindeutigen Augen an, was mein Blut allein dabei in Wallung brachte. Er hatte wirklich eine sehr umwerfende Aura um sich. Faszinierend.

„Endlich allein“, raunte Lilium, stieß sich von der Tür ab und kam mit wenigen Schritten bei mir an. „Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet“, gab ich offen zu und lies derweil die Finger geschickt über die Jackenknöpfe meines Gegenübers wandern, die unter meinen Fingern schnell nachgaben. „Ich auch!“

Wie so viele Male zuvor im Leben zeigte sich meine tolle Menschenkenntnis, die mich immer die richtige Person unter so vielen auspicken ließ. Der Richtige nicht im eigentlichen geläufigen Sinne im Zusammenhang mit der Liebe. Wieso sollte ich mich bereits in meinen jungen Jahren festsetzen? Wieso nur noch mit einem meinen Spaß haben, wenn ich doch noch so viele haben konnte. So viele willige Kerle, die für mich als Spielzeug herhielten.

Nennt mich arrogant, eitel, überheblich oder egozentrisch! Sollten die Leute diesen Eindruck von mir haben, soll es mir recht sein. Anderer Leute Meinung war nichts wert, sie interessierten mich nicht, warum sollte ich mich also darum kümmern?! Genau diese Leute können nichts anders als ihre Mitmenschen begaffen und über sie voreilig zu urteilen, da ihr Leben so besonders langweilig und eintönig ist.

Langweilig wurde es mir gerade ganz und gar nicht. Ich war verzückt wie schnell Lilium anbiss, da er anfangs nicht den Eindruck vermittelte er sei schnell zu verführen. Wobei keiner sagen konnte wer hier eigentlich wen verführte. Der Tatsache zufolge kamen wir mit der gleichen Absicht auf diesen Maskenball.

Eine weitere süße Verlockung auf der unendlich langen Liste meiner Sünden hatte ich zu verzeichnen.

Lilium verwickelte mich in einen innigen Kuss, der so langsam und doch so intensiv war. Eine Mischung die mir sehr zustimmte. Eine Hand wanderte in meinen Nacken und zog mich näher zu sich herunter, worauf ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen konnte. Wie vermochte man so schön zu sagen, klein aber oho! Lilium verstand, schnaubte kurz missbilligend und zog mich mit wesentlich mehr Nachdruck noch näher an sich, bei dem der Kuss feuriger und fordernder wurde, dass mein Kopf wie leer gefegt war. Bereits jetzt konnte man erkennen wer der dominantere von uns Beiden war und ich ließ es ohne Gegenwehr geschehen. Mir gefiel es und ich hatte kein Problem mich von der weißen Erscheinung leiten zu lassen.

Die Führung überließ ich nun vollkommen Lilium. Die tat ich nur in seltenen Fällen und das hier war einer dieser Momente. Auf magische Weise klopfte mein Herz viel schneller, nicht da die körperliche Belastung die Ursache war, sondern die Aufregung, eine derartige Aufregung auf das bevorstehende, die ich noch nie verspürte. Schwer zu deuten woran es lag, aber dieses Gefühl gefiel mir, also ließ ich es einfach zu und gab mich dem hin.

Liliums Zunge plünderte meinen Mund.

Aufseufzend griff ich nun doch in sein lockiges Haar, zog ihn näher zu mir und drückte meine Lippen auf seine. Ich konnte die Finger nicht mehr von ihm lassen. Wir drängten uns aneinander, trafen uns in einem hitzigen Kuss und ließen erst wieder voneinander los, als wir atmen mussten. Mein Bauch kribbelte und mein Herz schlug zum Zerspringen.

Ganz vorsichtig hob ich eine Hand, berührte mit den Fingerspitzen die blasse Wange, fuhr darüber, weiter zu seinen vollen, roten Lippen. Die Haut war so zart, so weich. Sein Mund stand leicht offen. Bezaubernd. Die Maske verdeckte weiterhin sein halbes Gesicht. Gerne würde ich sie ihm abziehen, sein schönes Gesicht in der vollen Pracht betrachten, doch das war gegen die Regel. Die Regel eines Maskeballs. Unerkannt bleiben. Geheimnisvoll.

Abermals trafen sich unsere Münde zu einem kleinen Spielchen, wobei ich spürte wie mich Lilium in eine ganz bestimmte Richtung dirigierte. Sein Jackett lag schon längst irgendwo auf den Boden und auch sein Hemd streifte ich ihm ohne große umschweife von den Schultern. Der Engel blieb nicht untätig und setze auch meinen Brustkorb mit flinken Fingern frei. Liliums Hände streichelten meine Arme, meine Brust, meine Seiten, glitten tiefer. Die Bettkante stieß an meine Kniekehlen und ließ mich darunter einknicken. Ich fiel weich, rang nach Atem, doch die Verschnaufpause war nicht von langer Dauer. Lilium krabbelte über mich, grinste mich verwegen von oben herab an – jetzt spielte die Größe keine Rolle mehr – und ehe ich mich versah küsste er mich stürmisch. Er bewegte seine Hand, streichelte meinen Bauch und ich schloss seufzend die Augen. In meinem Kopf herrschte heilloses Durcheinander und alles um mich drehte sich, ich verlor mich in Liliums Zärtlichkeiten.

Mit roten, nassen Lippen trennten wir uns schließlich atemlos voneinander. Diese Chance nutze ich und lenke meinen Blick auf den freigesetzten über mir ragenden Brustkorb. Lilium war stark, dass hatte ich gleich zu Beginn gespürt und nun sah ich auch seinen sich abzeichnenden Muskeln. Sie stachen nicht zu sehr heraus, genau so wie ich es mochte.

Ich war nicht muskulös, dennoch fand ich meinen Körper schön. An mir hing kein Speck. Er war straff und sehnig. Junges, knackiges Fleisch, das sich unter Lilium willig räkelte. Hemmungen lagen bei mir weit weg. Selten schämte ich mich für irgendetwas und ich war stets offen für Neues. Jede neue Erfahrung bezüglich des Beischlafs ließ meine körperliche Befriedigung verbessern. In einzelnen Fällen, die ich mal gerade in einer Hand aufzählen könnte – und das war wenig im Vergleich mit wie vielen ich bereits meine Neigungen teilte – wurde ich so genommen, dass ich fast in Ohnmacht fiel vor Befriedigung. Leider prahlten sie über ihr Talent im Bett  zu egozentrisch, dass es mich im Nachhinein wieder abtörnte, weshalb ich auch nie als das eine Mal mit ihnen schlief. Klar, auch ich war von meinen Fähigkeiten im Bett überzeugt, aber längst nicht so hochmütig es an die große Glocke zu hängen.

Wie pflegte man so schön zu sagen, schweigen und genießen.

Flittchen, Schlampe, männliche Hure und was es noch so allen derartigen Beschimpfungen in dieser Hinsicht gab wurden mir schon alle mehr als nur einmal an den Kopf geworfen. Meist dann, wenn sie von mir nach dem Sex eine kalte Abfuhr verpasst bekamen. Woran sie eigentlich selbst schuld waren. Ich machte niemals jemanden Hoffnungen. Gleich zu Anfang gab ich klipp und klar zu verstehen was Sache war. Wenn sie es dann immer noch nicht verstanden, waren sie doch selbst schuld! Flittchen hin oder her, das hielt sie trotzdem nicht davon ab mit mir zu schlafen. Wer also war das Flittchen?!

Die Gedanken beiseite schiebend konzentrierte ich mich wieder voll und ganz auf die Liebkosungen, die mich auf betäubende Weise schnell erregten. Meinem Mitspieler erging es nicht anders. Seine Erregung spürte ich hart gegen meinen Oberschenkel drücken. Warum eigentlich trugen wir immer noch diese störenden Kleidungsstücke?

Als hätte Lilium meine Gedanken gelesen, warf er mir ein verschmitztes Grinsen zu, glitt mit seiner geschickten Zunge eine feuchte Spur von meinem Kinn bis hinunter zum Bauchnabel, während seine Hände an meiner Hose herum werkelten. Empfindlich keuchte ich auf, drückte meinen Kopf fester in die weiche Unterlage und hob zur Unterstützung meinen Becken, sodass er die Hose leichter von meinen schmalen Hüften streifen konnte. Womit er sich auch wenig Zeit ließ. Um das Ganze schneller vorwärts zu bringen, streifte er mir auch gleich meine Shorts mit runter, sodass ich in kürzester Zeit völlig entblößt vor ihm lag. Sein Blick tastete sich schleichend über meinen Körper, bei dem seine Augen keinen einzigen Punkt vergaßen. Ihm gefiel der Anblick dass sah ich. Etwas ungeduldig machte ich mich nun meinerseits an seine Hose zu schaffen, kämpfte mit dem Knopf der mich hartnäckig daran hinderte. Liliums Hände kamen mir zu Hilfe und so war auch diese schnell geöffnet. Ich überließ das Entkleiden ganz und gar Lilium und schaute lieber genüsslich dabei zu wie er sie selbst entkleidete und dann so wie Gott in schuf über mich zurück kletterte. Dabei hatte ich keine Scheu an eine ganz bestimmte Stelle seines Körpers zu starren. Zufrieden lächelte ich ihn an. Mir gefiel was sich zwischen seinen Beinen befand.

Die Lippen des blonden Engels senkten sich auf mein Kinn. Die gewitzte Zunge leckte sich den Weg zu meinen Ohr, liebkosten die empfindliche Haut und schließlich begann er an meinen Ohrläppchen an zu knabbern. Keuchend schickte ich meine Hände derweil auf Wanderschaft. Sie glitten über den festen Brustkorb, hinab zum Bauch und ich ließ sie ungeniert zwischen seine Beine gleiten. Lilium schnaubte überrascht. Sein warmer Atem kitzelte im Nacken und ich bekam eine Gänsehaut.

Durch diese intime Berührung angeheizt fiel endlich der Startschuss. Lilium presste die Lippen und Körper fest an mich, raubte mir Luft und Verstand.

„Luzifer…“, raunte er atemlos in mein Ohr. Seine Stimme jagte mir eine Welle der Erregung durch den Körper. Stöhnend zwang ich mich meine Augen zu öffnen und Lilium anzuschauen. Diese Lust, die seinen Augen zum glänzen brachte, machte mich fast wahnsinnig vor Verlangen.

„Hm?“, brachte ich mühselig heraus.

„Hast du Kondome?“ Lächelnd streichelte er über meine Wange.

„Meiner Theorie zufolge, war dein Ziel für diesen Abend jemanden zu verführen, da sollte man Kondome bei sich haben“, spottete ich grinsend.

„Vergessen“, gab er verlegen zu und sogar ein leichter Rotschimmer zeichnete sich auf seinen Wangen ab. Wie konnte nur jemand plötzlich so unschuldig und schüchtern wirken, wo er eben noch genau das Gegenteil bewies? Überwältigt vergaß ich meinen spöttischen Gegenkommentar und fixierte gefesselt meinen Gegenüber.

„In der Hosentasche“, informierte ich schließlich heiser und Lilium griff bereits nach dieser, die nicht weit von uns lag. Nach kurzen Suchen fand er sie auch nahm sich einen und stahl mir abermals einen Kuss.

Er sagte Kondome. Der Abend schien viel versprechend zu werden. Voller Vorfreude auf das Bevorstehende schlang ich meine Arme um seinen Nacken und drängte mich von unten an ihn.

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Verpeilt öffnete ich meine schweren Lider und rang mich erstmal zur Orientierung, bis mir bewusst wurde, dass mir hier überhaupt nicht bekannt vor kam. Ich vergaß, ich war hier in irgendeinem fremden Zimmer in den uns Lilium eingeschleust hatte. Jetzt dämmerte mir wieder alles.  Der Ball, der weiße Engel, die unbeschreibliche Nacht. Lilium hatte mich so oft genommen, dass ich schließlich total erschöpft in seinen Armen einschlief.  Immer noch ausgelaugt tastet meine Hand über die Laken, doch da war nichts. Der Platz neben mir war leer. Irritiert rollte ich mich auf die andere Seite, wobei ein dumpfer Schmerz mein Gesäß durchzog. Es war minimal, aber ich spüre dass mein Anus wund war.

Ich vergaß ... die Regeln eines solchen Maskenballs. Punkt eins, niemals seine wahre Identität preisgeben – woran wir uns auch hielten, was ich daran merkte, dass ich immer noch meine Maske trug. Punkt zwei, nach den Austausch seiner Gelüste niemals zusammen im Bett einschlafen und nicht den nächsten Morgen nebeneinander erwachen. Verloren. Ich hielt mich nur an einen der beiden Punkte, doch woher hätte ich auch wissen können, dass ich anschließend so erschöpft war, dass ich sofort einschlief. Immerhin hielt sich Lilium an die Regeln, also hatte ich sie nur zur Hälfte missachtet. Zwar lagen wir anschließend nebeneinander im Bett, doch wir wachten nicht gemeinsam auf. Ich schätzte, Lilium war gleich danach gegangen.

Zufrieden grinste ich an die Decke und zog mir endlich die störende Maske vom Gesicht.  Lilium war so unbeschreiblich gut. Verdammt es war unglaublich. Ich hatte das Gefühl ihn immer noch über, auf und in mir zu spüren.

Zwar immer noch müde, aber nicht gewillt hier in diesem fremden Bett weiter zu schlafen – wer wusste ob nicht gleich jemand hereinspaziert kam – zwang ich meine müden Knochen zum aufstehen. Nachdem ich so ziemlich alle Kleidungsstücke  zusammen hatte und angezogen war, zog ich mir sicherheitshalber die Maske wieder über und verließ ohne große Umschweife diesen Raum. Vor der Tür erwarteten mich eine ganze Putzkolonne, die sich daran machten den ganzen Schmutz des Abends zu beseitigen. Ich runzelte die Stirn. Wie lange hatte ich nur geschlafen? Erschreckender Weise stellte ich fest, dass es wirklich schon am helllichten Tag war.  Es war Zeit den Zauber des Abends hinter mir zu lassen und den Alltag anzutreten.




Daheim entledigte ich mich endgültig meines Kostüms, legte die Maske vorsichtig auf eine Kommode neben dem Bett und schlüpfte unter die Dusche. Der angenehm warme Wasserstrahl, der über mich floss, entspannte meine Muskeln. Mir war seltsam zu Mute. Aus irgendeinem Grund musste ich immer wieder an die letzte Nacht zurück denken. Klar, Lilium – oder wie der weiße Engel mit wahrem Namen hieß – war gut, das konnte man nicht verleugnen und ich wagte jetzt sogar zu behaupten er war bisher der Beste voll allen, mit denen ich schon meine Lust teilte. Und wie gut er war. Allein der Gedanke daran befriedigte mich auf eine gewaltige Art. Meine Beine wurden ganz wabbelig und ich grinste ziemlich dumm vor mich hin.

Dennoch gefiel mir an der ganzen Sache etwas nicht. Keiner schaffte es, dass ich tags drauf noch an den vergangenen Sex einen Gedanken verschwendete. Es war stets eine einmalige Sache, nicht mehr und nicht weniger. Aber bei Lilium würde ich doch glatt meine sämtlichen Prinzipien in den Wind schießen. Mein Körper hegt ein solch großes Verlangen zurück in die Arme der vollkommen weißen Erscheinung, dass es mich beängstigte. Niemals dachte ich daran meine Vorsätze zu missachten, für niemanden machte ich je eine Ausnahme und auf einmal … Ein ungutes Gefühl überkam mich. Ich sollte mich zusammenreisen und nicht mehr daran denken. Es war vorbei, fertig. Und auch wenn ich es wollte könnte ich ihn nicht mehr wieder treffen. Sein Gesicht war mir unbekannt.

Sämtliche Gedanken beiseite geschoben, beendete ich meine Katzenwäsche, schlang mir einen Handtuch um die Hüften und betrachtete mein Wesen im Spiegel. Meine Unterlippe war aufgeplatzt – Lilium machte es spaß an dieser zu knabbern. Am Hals, Brust und Schlüsselbein spähten mir kleine rote Flecken entgegen. Mahle, die er gewiss noch an ganz anderen Stellen meines Köpers hinterließ. Man sah mir den nächtlichen Zeitvertreib nur zu gut an. Und verdammt, wieder musste ich daran denken, wo ich doch eigentlich vorhatte es nicht mehr zu tun. Meine Mitbewohner würden sich köstlich über meinen mitgenommenen Anblick amüsieren.

Wir waren eine Wohngemeinschaft aus vier Personen. Zwei Frauen und zwei Männer. Sina, Marlen und Miki hießen die drei Chaoten mit denen ich zusammen wohnte. Sie waren wirklich sehr liebe Menschen, aber leider auch des öfters ziemlich anstrengend, erst recht, wenn man mir ansehen konnte was ich vor nicht mal so vielen Stunden getrieben hatte. Eine bessere Beschäftigung, als mich damit aufzuziehen, hatten sie dem Anschein wohl nicht. Vorhin, als ich die WG betrat war ich direkt in mein Zimmer geflüchtet ohne auch nur einen von denen zu Begrüßen. Das ich mal über Nacht wegblieb war nichts besonders, weshalb sie sich nicht einmal wunderten woher ich plötzlich kam. Die kannten meinen ausgelassenen Trieb zur Sexualität und akzeptierten mich dennoch. Klar, sie hießen es nicht gut dass ich mich wortwörtlich durch fremde Betten vögelte und glaubten mir das ein ums andere Mal eine Predig halten zu müssen, aber ansonsten hatten sie mich herzlich in ihrer Runde aufgenommen. Immerhin hatte jeder von uns so seine Macken.

Seufzend zog ich mir einen Jogginganzug über und trat rüber in die Küche, wo sich bereits Sina und Marlen befanden und ihren alltäglichen Tratsch abhielten. Ich mochte die Beiden wirklich gern, doch leider waren sie auch ziemliche Tratschtanten und mussten immer wieder den neusten Klatsch untereinander austauschen. Ein weites Mal seufzend wünschte ich ihnen endlich einen Guten Tag, machte mich an den Kühlschrank zu schaffen, da mein Magen nach den verbrauchten Power nach Nahrung verlangte.

„Na“, säuselte Sina verschwörerisch. „Einen schönen Abend gehabt?“ Ihre Worte trieften nur so vor Spott und auch wenn ich sie hinter dem Kühlschrank nicht sah, konnte ich mir ihr breites Grinsen nur allzu gut vorstellen.
Wortlos schnappte ich mir vorerst einen Joghurt aus dem Kühlschrank – später wenn ich meine Ruhe habe, würde ich ein ganzes Schwein verputzen. Mit einer fließenden Bewegung packte ich mir einen Löffel aus der Ablage. Gelassen – als habe ich aller Zeit der Welt – wand  mich zu den wartenden und löffelte genüsslich den Joghurt. Marlen schnalzte ungeduldig mit der Zunge, wohingegen Sina – wie erwartet - über beide Ohren grinste.
Marlen war die Ruhige von beiden, hingegen Sina ein sehr feuriges Temperament aufwies. Alles in allem einen gefährlich Mischung. Gegen beide zusammen hatte so gut wie keiner eine Chance. Mit denen sollte man es sich lieber nicht verderben.

Versucht ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen, löffelte ich mir einen Löffel nach dem Anderen in den Mund, schielte so unauffällig wie möglich zu den Damen und wurde schlussendlich doch noch von der Grinsebacke Sina angesteckt. Es nicht weiter zurückhaltend, zogen sich wie automatisch meine Mundwinkel zu einen Grinsen nach oben. Sina klatschte einmal triumphierend in die Hände: „Wusste ich es doch“, quiekte sie und stieß die stille Marlen in die Seite. „Na, Marlen, hab ich es nicht gesagt.“ Besagte verdrehte die Augen: „Ja, du hattest mal wieder recht, unsere Diva kann es einfach nicht lassen.“

In Gedanken versunken grinste ich lüstern vor mich hin. Die Beiden konnten es nicht lassen, darüber zu wetten, ob ich nicht mal weg gehen konnte, ohne darauf Bettgymnastik zu betreiben.
„Guck mal wie der grinst“, höhnte Sina weiter. „Der Sex muss ja außerordentlich gut gewesen sein.“ Sina war dafür bekannt kein Blatt vor den Mund zu nehmen. „Müssen die Guten immer schwul sein“, fügte sie maulend hinzu und verzog schmollend den Mund. Ihr Gerede nahm ich schon lange nicht mehr ernst und sie bekamen ja eh nie etwas aus mir raus. Ich mochte arrogant wirken, aber gab längst nicht die Bettgeschichten preis. Ich behauptete jetzt mal ganz dreist ein gar nicht mal so schlechter Mensch zu sein, wenn man mich näher kannte. Wollüstig aber nicht böse.

Das war mein ganz normales Leben. Hier unter meinen Mitbewohner wie auch Freunden. All die Dinge, die über mich erzählt wurde, waren nicht in aller Munde. Die Leute, die ich in der Schule und auch im Beruf kannte, kannten mich nicht wie ich gestern war. Nur meinen engsten Freunde war mein anderer Teil des Leben, der am Wochenende stattfand bekannt und das war auch gut so. Wieso sollten alle in meiner Umgebung von meiner sexuellen Orientierung erfahren? Wenn sie fragen sollten, würde ich es sicher nicht verleugnen, aber warum es allen unter die Nase reiben? Jaja, das berühmte Coming-out, was bracht das? Wozu war es gut? Um sich anschließend besser, befreiter oder sonst was zu fühlen? Wieso? Wenn man auf dasselbe Geschlecht stand, dann war es eben so. Punkt! Wollte ich wissen welche Neigungen meine Mitmenschen hatten? Nein, das interessierte mich relativ wenig und schätzungsweise ebenso wenig interessierte sie meins.

Ich war ein ganz normaler junger Mann, der sein neunzehntes Lebensjahr anstrebte. Der kurz davor war sein Abi zu machen und der nebenbei in einem Cafe das nötige Geld für die Miete und andere Kleinigkeiten verdiente. Nichts Besonderes. Meine kleine Welt, nichts Weltbewegendes, aber es war meine, die ich liebte.

Marlen und Sina hatten ein Gespräch darüber, wie der perfekte Mann sein sollte, begonnen und vergaßen total über was sie sich bis vor einer Minute noch unterhielten. Gut für mich. Lächelnd den Kopf schütteln kratzte ich den Rest Joghurt aus dem Becher und verzog mich eilig aus der Küche, ehe sie meine Anwesenheit wieder wahrnahmen.

Den Rest des Sonntags verbrachte ich mit ein wenig lernen, essen und einfach nur entspannen.




Kurz warf ich einen müden Blick auf meine Uhr die den Beginn der ersten Stunde ankündigte. 7:45 Uhr. Montagmorgen. Gähnend lag ich mehr als ich auf dem Stuhl saß und fixierte nicht gerade motiviert einen unbestimmten Punkt an der Tafel. Die Tafel war mit weißen Kreidestreifen überzogen und man sah ihr das Alter deutlich an. Alles in diesem Klassenzimmer enthielt ihre eigene persönliche Geschichte. An der Wand prangte auf der weißen Flächen ein großer blauer Fleck. Ein Mitschüler namens Luca stolperte in einer Kunststunde und verewigte sich an mit der schönen grellen, blauen Farbe an der Wand.  Mein Blick wanderte weiter auf die Tischplatte. Auf meinem Tisch klebte ein Dragonball Aufkleber, den ein Idiot seiner Meinung nach spaßeshalber darauf geklatscht hatte, der mir nun permanent angrinste und an dem ich in langweiligen Phasen rumkratzte. Dementsprechend mitgenommen sah es auch aus.

Abermals blieb mein umherirrender Blick an der Tafel hängen. Meine Gedanken kreisten wie auch schon gestern den ganzen Tag nur um die maskierte Person mit der weißen Halbmaske. Auf eine groteske Weise bekam ich ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Den gestrigen Tag über glaubte ich jede seiner Berührungen auf meinen Körper immer noch spüren zu können, dass ich so absurd es auch klang, wie in Trance mit der Hand über meinen Körper strich, in der Vorstellung es sei seine. Ich konnte es mir nicht erklären, doch jedes Mal nachdem ich auf derartige Weise abdriftete verfluchte ich mich selbst. Es war vorbei, der nächste kam bestimmt und zwar spätestens am nächsten Wochenende.

Mit diesem Versuch riss ich mich aus den Gedanken, genau richtig, als der Lehrer zur Tür hinein spazierte und uns einen schönen guten Morgen wünschte. Ansichtssache, mit dem guten Morgen. Meine geringfügige Aufmerksamkeit galt dem Lehrer jedoch nicht lang. Einige Sekunden nach ihm betrat noch jemand diesen Raum. Jemanden den ich bisher noch nie hier auf der Schule sah, der mir aber auf seltsamerweise bekannt vor kam. Neugierig wand ich meinen Blick nicht von ihm. Er war kleiner als ich - was kaum auffiel, da ich mit meinen 1,85 m eh der größte der gesamten Klasse war. Seine leicht gelockten, blondbraunen Harre hingen ihm bis zu den Ohren. Der Lehrer bat ihn sich kurz vorzustellen, was er mit einem Lächeln in die Runde auch tat, doch ich hörte ihm nicht zu. Meine Augen blieben nur an seinen Augen hängen. Diese braunen Augen. Ich verstand nicht warum, aber sie erinnerten mich an etwas oder besser gesagt an jemanden. Fieberhaft versuchte ich mich zu erinnern, doch da kam nichts bei raus. Bis schließlich sein Blick denen meinen traf. Es war elektrisiert wie er mich verschmitzt ansah, mit diesem viel sagenden Ausdruck, dass bei mir mit einem Schlag der Groschen fiel.

Nicht im Stande etwas zu sagen oder gar mich zu regen klebten meine Augen an ihm. Der Lehrer sagte etwas zu ihm, ich verstand es nicht. In den Ohren herrschte ein einziges Rauschen und mein Herz schlug mit jedem Schritt, den er näher kam, schneller und lauter. Kleinen Augenblick mal, kam er gerade direkt auf mich zu? Verwundert schrak ich geradezu aus meine Trance, lenkte krampfhaft meinen Kopf wieder nach vorne und kam mir dabei so dämlich vor. Ich benahm mich wie ein kleines Kind, dennoch konnte ich nichts dagegen tun.

Es war gegen die Regel…die Regel unbekannt zu bleiben…hier lief eindeutig einiges schief…

Die Präsenz des Anderen war deutlich, als er sich auf dem freien Platz neben mir niederließ. Sollte ich ihn ansprechen, sollte ich ihn darauf ansprechen. Hin und her gerissen kaute ich auf meiner Unterlippe rum, die immer noch wund war. Was, wenn er es doch nicht wahr, was wenn ich mich irrte? Und was sollte ich ihm eigentlich sagen?

Ach hey, Lilium, na wie geht’s? Der Sex am Samstag war übrigens ausgesprochen gut.

Wie bescheuert klang das denn.

Einfach so tun, als sei nichts? Feige.

„Schön dich zu sehen, Luzifer.“ Ein warmer Atem stieß meinen Nacken und meiner Wange entlang. Ich hielt den Atem an. Sein letzter Satz fegte alle Zweifel beiseite. „Du kannst mich Lilium nennen!“


~Ende~