Schwule Frauen

GeschichteAllgemein / P12 Slash
30.08.2008
13.02.2009
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Schwule Frauen 2 – Antworten


Zunächst einmal möchte ich natürlich noch einmal allen ganz, ganz herzlich für das Feedback danken, das ich auf unterschiedlichen Wegen erhalten habe. Viele haben geäußert, schon einmal ähnliche Gedanken gehabt oder sich gar vollends in meinem Artikeldurcheinander wiedergefunden zu haben, was ich sehr schön fand. Natürlich hab ich auch das Lob für Aufbau und Schreibstil sehr gerne empfangen! *lach*

Es sind doch noch einige Fragen aufgetaucht und zudem habe ich, als ich dieses verfasse [Nachtrag: Seitdem sind schon wieder ein paar Wochen vergangen], gerade einen Durchhänger und meine, es ist daher an der Zeit, eine Fortsetzung zu schreiben. Es ist immerhin ein halbes Jahr her, dass ich „Schwule Frauen“ geschrieben habe, und seitdem hat sich bei mir so Einiges getan. Ich habe meistens kein Problem mehr damit, (auch) „anders“ auf Männer zu stehen. Hin und wieder jedoch gibt es Tage (wie diesen), an denen ich wirklich nicht weiß, wohin mit mir. Da surfe ich in einem Schwulenforum und denke: Ich will auch!

Dann frage ich mich: Ich möchte ja so gerne „dazugehören“, gewissermaßen ein Teil der Schwulenszene sein, aber wenn mir der Wunsch nun gewährt würde, würde mir das nicht nur vor Augen halten, was ich nicht haben kann?

Ich kann kein Mann sein. Wer sich als Mann empfindet, jedoch körperlich dem weiblichen Geschlecht angehört, nun, der ist per definitionem ein Mann. Zumindest sehe ich das so. Ich selbst kann mich nicht dazu zählen, weil ich genauso oft recht glücklich damit bin, eine Frau zu sein. Oder?

Und da taucht er wieder auf, dieser lästige Definitionszwang. Muss ich mich denn wirklich entscheiden, was ich bin? (Und weshalb kann ich mich nicht entscheiden?) Eher müsste ich mich selbst von dem Gedanken befreien, dass allem, was ich bin, ein Stempel aufgedrückt werden soll. Dennoch brauchen die meisten Menschen das, und ich bewundere jene, die, wie der Leser Monkeyfood, sagen können: „Wieso akzeptieren wir Sexualität nicht als Individualität?“


Kommen wir in dem Zusammenhang gleich zu den anderen Fragen von Lesern, die ich ja beantworten wollte:

Selbiger Monkeyfood fragte nämlich weiter: „Ich selbst denke des öfteren: ‚Wenn ich ne Frau wäre, wäre ich lesbisch.‘ Macht mich das gleich zu einem lesbischen Mann? Als was fühle ich mich eigentlich? Und muss ich mich zwanghaft definieren? – Ich glaube doch nicht.“

– Dazu muss ich allerdings sagen, dass nicht jeder, der so etwas formuliert, auch lesbisch ist. Wie bereits im ersten Teil erwähnt, gibt es einen (recht großen) Unterschied zwischen: „Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich schwul“, und: „Ich bin eine Frau und bin schwul.“


Es gab mehrere, die nicht ganz den Unterschied zwischen heterosexuellen Frauen, die schwulen Sex erotisch und schwule Beziehungen romantisch finden, und Schwulen Frauen verstanden haben. Leute: Ich kapier‘s auch nicht. Man kann es auch sehr schlecht jemandem erklären, der nicht so fühlt, denn letztendlich dreht sich alles nur um die Gefühle. Schwul zu sein geht tiefer. Es bedeutet nicht bloßes Interesse an der „Schwulenwelt“ – man will wirklich dazugehören, man will selbst ein Schwuler sein. Mehr noch, man ist einer. Aber irgendwie auch nicht, und das ist das Gemeine und Verwirrende an der ganzen Geschichte...

Denn wie gesagt, ist man noch längst nicht gefühlstechnisch ein Mann, bloß, weil man eine Schwule Frau ist. Meistens steht man einfach zwischen zwei Stühlen, versteht Ihr? Ganz Frau. Oder fast ganz Mann. Oder Beides zu gleichen Teilen. Oder, oder, oder ... Die Frau in mir steht auf Männer, und der Mann auch.


Per Mail erreichte mich Folgendes: Wie geht man denn, wenn das alles wirklich zutrifft, als Frau damit um. Man ist ja nunmal weiblich. Steht man nun "automatisch" auf besonders feminine/"tuntige" Männer?

– Nö. Einige tun das, Andere nicht. Schwule stehen ja auch nicht alle auf Tunten. Ich für meinen Teil kann mit „harten Kerlen“ allerdings auch nichts anfangen. Und wie man damit umgeht – sich in die Schwulenszene begeben und sich mit Gleichgesinnten austauschen, würde ich sagen. Das ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, universelle Antworten gibt es hier nicht.

„Gibt es ein Forum für GirlFags und ihre männlichen Gegenparts?“

– Für die, die die Quellenangaben überflogen haben, hier noch einmal die Adresse: http://www.razyboard.com/system/user_ili.html


Eine Leserin wollte wissen, warum man den Begriff „GirlFag“ gewählt habe, wenn fag doch eine Beleidigung ist.

– Damit verhält es sich so wie mit dem deutschen Wort „schwul“: Ursprünglich als Diffamierung gedacht, begannen die, die damit gemeint waren, es auf sich selbst zu beziehen und stolz darauf zu sein, dass sie schwul waren. So wandelte sich quasi der Unterton des Ausdrucks.

Wikipedia: „Als Geusenwort [...] werden in der Linguistik Wörter bezeichnet, die ursprünglich eine Personengruppe beschimpfen sollten, von dieser aber positiv umgemünzt werden […]. Der Ausdruck schwul, ebenfalls ein zunächst von Betroffenen adaptiertes Schimpfwort, ist in vielen Bereichen bereits in den positiven Sprachgebrauch übergegangen, hat aber u. a. in der Jugendsprache noch immer eine [beleidigende] Bedeutung.“ (1)

Mit fag ist es das Gleiche.


Sehr gerührt hat mich folgender Satz von Iskende: Je näher ich hinsehe und nachdenke, desto mehr bröckeln Definitionen und Gesetzmäßigkeiten ab, am Ende gibt es nur Menschen - und die sind halt verdammt kompliziert.

Da geht einem als Verfasser das Herz auf; genauso sollte es eigentlich sein, nicht wahr? Dass die Gesellschaft uns alle so leben lässt, wie wir sind, solange wir damit keinem schaden. (Ich muss unbedingt mal einen Essay über Toleranz schreiben.)

Schlussendlich muss ich wohl noch klarstellen, dass ich nicht der Meinung bin, Bisexuelle wären unentschlossen. Wirklich nicht – Herrgott, ich bin ja selber quasi bi, und das nicht einmal auf meine sexuelle Orientierung, sondern auf mein eigenes Geschlecht bezogen.



Soweit die recht kurze und nicht weniger durcheinander gewirbelte Fortsetzung meines Essays. Sollten noch Fragen offen sein, werde ich die natürlich so gut es geht beantworten, würde mich freuen, Euch mal im Forum zu sehen (auch nur als Interessierte(r)) und gehe selbstverständlich auch auf Eure Kommentare ein.

Vielen Dank für Euer Interesse.
Herzliche Grüße
NorthernLight






(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Geusenwort