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Die Geister der Phoenix Mall

von Tell
GeschichteÜbernatürlich / P16 / Het
Dal OC (Own Character) Pride Siva Zandra Zoot
23.08.2008
09.09.2014
30
73.894
5
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23.08.2008 2.241
 
Die Lebende (Kapitel 1)

Sins Atem ging keuchend, und die Brust schmerzte sie bei jedem Atemzug. Schon jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte, und ihr schweißgebadeter Körper zitterte vor Anstrengung. Zu gern hätte sie eine Pause gemacht, sich gegen die vom Sonnenlicht noch warmen Hauswände gepresst und darauf gewartet, dass Schwindel und Schwäche von ihr wichen. Doch die Stimmen ihrer Verfolger, die einander mit heiseren Rufen signalisierten, wenn sie ihr Opfer erspäht hatten, die mit lautem Lachen und schrillem Kreischen dafür sorgten, dass Sin nicht vergaß, in welcher Gefahr sie schwebte, waren zu nah, um an eine Pause auch nur zu denken. Also schleppte Sin sich weiter, kletterte über Zäune, schlängelte sich durch zugewucherte Gärten und von Unrat verstopfte Hinterhöfe, floh in die dunkelsten Straßen, die sie finden konnte, und hoffte jedes Mal, dass ihre Verfolger der Jagd überdrüssig wurden und abbrachen, um sich ein neues, leichteres Opfer zu suchen. So ging es schon seit Tagen und Wochen, und bisher hatte Sin großes Glück gehabt. Dabei kannte sie die Namen und Gesichter derer, die ihr auf den Fersen waren, hatte mit ihnen Freud und Leid geteilt, aber das würde ihr jetzt nichts mehr nützen, denn Sin war die letzte; die letzte ihres Tribes, bei der die Krankheit noch nicht ausgebrochen war.

Die BestOffs, wie sie sich genannt hatten, waren einer der typischen Außenseitertribes gewesen, die in leer stehenden Häusern gehaust und von dem gelebt hatten, was sie am Tage erbettelt, ergaunert oder gestohlen hatten. Beinahe ein Dutzend Verzweifelter und Schwacher hatte sich in den Tribe gerettet, und Sin war glücklich gewesen, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Andy Teil der BestOffs zu sein. Sie hatten alles miteinander geteilt, und Skull, dem Anführer, hätte Sin ihr Leben anvertraut. Heute Abend waren es Skull, Andy und ein dritter BestOff namens Brad, die Sin durch die Stadt jagten, und das Mädchen machte sich keine Illusionen darüber, dass es außer Schmerzen und vielleicht dem Tod nichts von ihnen zu erwarten hatte. Alle drei litten sie am Anfangsstadium der Krankheit, die einen nach dem anderen infiziert hatte. Solange die Kranken in der Minderheit gewesen waren, hatten die Gesunden sie fortgejagt; doch als die Krankheit länger wütete, immer mehr Kinder sich ansteckten und immer weniger übrig blieben, wurden die Gejagten zu Jägern, und wer noch gesund war wie Sin, wurde erbarmlungslos zu ihrer Beute.

Die Verfolger kamen näher. Sin spürte regelrecht, dass sie in eine Gasse rannten, wenn sie diese gerade verlassen hatte, und sie konnte Andys hysterisches Lachen und Skulls raue Befehle hören. Den ganzen Tag war es ihr gelungen, ihnen aus dem Weg zu gehen, doch dann, kurz vor Sonnenuntergang, hatte sie plötzlich vor ihnen gestanden, als sie aus der Kanalisation kletterte, um in der Stadt nach etwas zu essen zu suchen. Nur ihre Reflexe hatten sie davor gerettet, gleich zu ihrer Gefangenen zu werden, doch natürlich hatten sich die drei an ihre Fersen geheftet, und nun dauerte die Jagd schon zu lange. Sin brauchte ein Versteck, das wusste sie. Fand sie nicht bald eins, würde sie darauf hoffen müssen, dass Skull, Brad und Andy es heute bei Prügeln belassen würden.

Plötzlich war die Gasse zu Ende, und nur noch ein Autowrack trennte Sin von einer großen, breiten Straße. Auf der anderen Seite erhob sich ein dunkles Gebäude, und atemlos erkannte Sin die alte Mall. Als kleines Mädchen war sie mit ihren Großeltern dort gewesen, zum Einkaufen und, wenn sie brav gewesen war, zum Eisessen. Als das Chaos zum ersten Mal ausgebrochen war, hatte Sin wie alle anderen versucht, sich hier mit ein paar Dingen einzudecken, aber die Mall war nach den ersten Plünderungen bald mit schweren Gittern verschlossen geblieben. Und dann war sie erst wieder in Sins Leben getreten, als sie als Heimat der Mallrats bekannt wurde. Hier gab es das Gegenmittel, hier war das Hauptquartier der Chosen, dies war der Sitz der Bürgermeisterin Salene und der Stadtanführerin Amber. Sins Atem ging schwer, als sie den aufgebrochenen Eingang sah, der wie ein dunkles Loch dazu einlud, sich in dem leeren Gebäude zu verstecken. Natürlich säße sie darin auch in der Falle, aber ohne Versteck würde die Jagd sowieso bald enden, und selbst wenn sie ihnen heute entkam, bedeutete das nichts. Wenn sie schon einen Strohhalm ergriff, warum dann nicht ein Versteck an einem Ort, der so geschichtsträchtig war wie die Phoenix Mall?

Sie kletterte entschlossen über die Motorhaube des alten Wagens und mobilisierte ihre letzten Kräfte, um das letzte Stück zu sprinten. Ihre Verfolger würden sie sehen, dazu war die Straße zu leer und übersichtlich, aber wenn sie einen winzigen Vorsprung bekam, konnte sie im Innern vielleicht ein sicheres Versteck finden. Oder wenigstens etwas, womit sie sich verteidigen konnte. Taub und blind für alles um sie herum verschwand Sin im dunklen Eingang der Mall.

Ihre Schritte hallten von dem Linoleum wider, und Sin wirbelte gehörig Staub auf, als sie den Gang hinunterlief und schlitternd um die Ecke bog. Ein dunkler Schatten stand in der Mitte des hohen Raumes, der sich über zwei Etagen erstreckte, und das spärliche Licht der untergehenden Sonne, das blutig rot durch die Oberlichter fiel, glitt über die blinden Schaufenster der Läden und über die Treppe, die in den oberen Stock führte. Mühsam erkannte Sin das steinerne, grob behauene Gesicht eines Phoenix, der blicklos über dem Brunnen in der Mitte des Raums thronte. Als Kind, erinnerte sie sich, hatte sie Angst vor ihm gehabt. Nun war er nur ein Schatten in der Dunkelheit.

„Da ist sie!“ Sin fluchte, als die triumphierende Stimme von den Wänden der Mall widerhallte. Sie war nicht schnell genug gerannt, hatte zulange gewartet, hatte zulange gebraucht, um ihre Augen an das Zwielicht zu gewöhnen. Die BestOffs stürmten gedankenlos allem hinterher, was sich bewegte, und wenn es nur ein Schatten in der Dunkelheit war. Doch jetzt war keine Zeit, die Vergangenheit zu bedauern. Sie rannte los, vorbei am Brunnen, die Treppe direkt vor Augen. Wenn sie den ersten Stock erreichte, dann..

Etwas prallte gegen ihren Rücken, und Sin stolperte. Das nächste Geschoss traf ihren Kopf. Sie stürzte auf die Knie, und ehe sie wieder aufstehen konnte, waren ihre Verfolger um sie herum: drei Gestalten, deren dürren Körper nur noch aus Muskeln und Knochen zu bestehen schienen, und derer wirre Mix an Kleidung wieder die grellbunten Farben einer Zeit angenommen hatte, die sie getragen hatten, als alle Krankheit besiegt und die Stadt frei zu sein schien. Die graue, verschmutzte Kleidung, mit der man sich vor fremden Blicken verbarg, trugen nur noch die Gesunden wie Sin; ihre Verfolger konnten es sich leisten, dass man sie zwischen Gerümpel, Müll und ausgebrannten Wracks leicht ausmachen konnte.

„Jetzt haben wir sie!“, johlte Andy. Das einst hübsche Gesicht von Sins ehemals bester Freundin war nun bleich und ausgemergelt, ihre Augen blutunterlaufen, und beim Reden klang ihre Stimme so hohl und schrill, dass sie Sin Schauer über den Rücken jagte. Brad und Skull griffen mit ihren knochigen Händen nach ihr, und Sin wehrte sich verbissen. Doch gegen die beiden Jungen hatte sie keine Chance: Während Andy die drei mit wilden Sprüngen umtanzte, rangen Brad und Skull die sich windende, beißende und kratzende Sin nieder. Skull verdrehte ihr den Arm auf dem Rücken, riss sie in die Höhe, sodass Sin ihre Schulter knacken hörte, und nahm sie in den Schwitzkasten.

„Nein“, keuchte Sin und versuchte mit ihrer freien Hand, Skulls Unterarm von ihrer Kehle wegzudrücken. „Du nimmst mir die Luft. Ich kann nicht atmen!“

„Blut wird fließen, Blut!“, sang Andy, und Sin spürte Skulls fauligen Atem an ihrem Ohr, als er zischend Andys Worte wiederholte, die in Sin wieder aufleben ließen, was man sich flüsternd weitergab: dass das Blut der Gesunden die Kranken heilen könnte. Niemanden störte es, dass es niemanden gab, der so eine Heilung bezeugen konnte; allein die Hoffnung weckte die Blutgier der Kranken.

„Bitte“, flehte Sin. Sie glaubte nicht an diesen Hokuspokus, aber wäre es wahr gewesen, hätte sie gern ihr Blut hergegeben, wenn Skull ihr dafür nur etwas mehr Atem gegönnt hätte. Sie konnte kaum noch sprechen, weil er ihr die Luft abschnürte, und trat verzweifelt um sich.

Brad griff an seinen Gürtel, und Sin konnte noch so gerade sehen, wie die Schneide eines Messers im spärlichen Abendlicht aufblitzte. „Blut soll fließen“, sagte er düster, doch in Sins Augen klang seine Stimme unnatürlich hohl. Seine Gestalt schien zu verschwinden, während Sin japste und röchelte und ihr Körper begann, taub zu werden. Auch ihre Augen spielten ihr Streiche, denn hinter Brad und der tanzenden Andy vermeinte sie für einen Moment, ein Mädchen auf dem Brunnenrand sitzen zu sehen, das ihnen gelangweilt sein bleiches Gesicht zuwandte und sich die Nägel polierte.

Brad griff mit starrem Grinsen nach Sins Handgelenk. Sie sah ihn flehentlich an, versuchte Luft in ihre Lungen zu saugen. Er zog nur unbarmherzig an ihrem Arm und drehte die Innenseite nach oben, wo sich dunkel ihre Adern auf der Haut abzeichneten.

Sin wurde schwindelig. Zwei große helle Hunde, die eine frappierende Ähnlichkeit miteinander hatten und es sich nicht nehmen ließen, bisweilen zu einem einzigen Hund zu verschmelzen, hüpften vergnügt um ein bis zwei Andys herum, die sie aber nicht beachtete.

„Blut soll fließen, Blut wird fließen, Blut!“, wisperte Skull inbrünstig, als Brad das Messer hob. Hätte sie nicht sowieso schon arge Atemprobleme gehabt, hätten Skulls Atem und die eiskalte Angst in ihrem Magen nun dazu geführt. Ein kurzer Schmerz, dann spürte sie etwas Warmes, Feuchtes über ihren Arm rinnen.

Sin zappelte und trat noch schwach, aber ihre Kräfte ließen rapide nach, als wären sie die Luft in einem Ballon, den man mit einer Nadel durchstochen hatte. Ihr wurde schwarz vor Augen, und ihr Körper erschlaffte in Skulls Griff. Dennoch sah sie, was geschah, als hätte sie ein zweites Paar Augen, das auch durch geschlossene Lider hindurch funktionierte.

Er erschien so plötzlich auf der Brüstung, als träte er aus der Luft. Sein blondes Haar stand in wilden Rastas von seinem Kopf ab, sein Gesicht war abenteuerlich mit wilden roten Linien bemalt, er trug eine rote Hose, eine blaue Lederjacke und schwarze Protektoren über den Knien. Er kam Sin vage bekannt vor, auch wenn ihr partout sein Namen nicht einfallen wollte. „Blut!“, schrie er zornig. „Blut in meiner Mall!“

Die Köpfe von Brad, Andy und Skull flogen herum und starrten hinauf zu ihm. Skull verstärkte seinen Würgegriff, und Sin spürte, wie sie Stückchen für Stückchen aus ihrem Körper glitt. Hinter dem Brunnen, auf dessen Rand wieder das Mädchen mit der Nagelfeile saß, begann ein helles Licht zu strahlen. Der Hund bellte.

„Dies ist mein Heim!“, brüllte der Fremde von der Brüstung und hob die Arme über den Kopf. Seine Worte wurden laut und kraftvoll von den Wänden zurückgeworfen und erzeugten unwillkürlich eine Gänsehaut auf den Rücken der Eindringlinge. „Mein Heim!“, wiederholte er schreiend. „Power und Chaos!“

„Er ist ein Hologramm“, zischelte Brad, doch er hatte Sins schlaffen Arm losgelassen und das Messer zur Verteidigung gehoben. „Sie machen es immer mit einem Hologramm.“

Der Fremde schien ihn gehört zu haben, denn er blickte zu ihm hinab und ließ die Arme sinken. Ein kalter Blick aus weißblauen Augen ließ Brad schaudern, dann legte Gestalt auf der Brüstung den Kopf in den Nacken, stemmte die Fäuste in die Hüfte und begann schallend zu lachen. „Ein Hologramm!“ Er wollte sich ausschütten vor Freude. „Du hältst mich für ein Hologramm!“ Plötzlich verstummte das Lachen, und er grinste bösartig zu den Eindringlingen hinab. „Könnte ein Hologramm das?“, fragte er, legte die Hände auf das Geländer von sich und sprang mit einem Satz in die Tiefe. Beinahe sah es so aus, als spränge er direkt zwischen die drei BestOffs.

Andy fegte schreiend davon, einen schwanzwedelnden Hund dicht auf den Fersen, während Skull und Brad panisch zusahen, wie der Fremde lautlos auf den Füßen landete, sie angrinste und bedrohlich näher kam. Haltlos geworden glitt Sins Körper zu Boden, und ihre Sinne, ihr Ich, ihre Seele vielleicht, sickerten behutsam in die noch warme Hülle zurück. Das Licht hinter dem Brunnen verblasste.

„Ihr habt kein Recht, hier zu sein“, bellte der Fremde und schritt weit aus. „Dies ist mein Zuhause, meins! Power und Chaos!“ Brad sprang vor und rammte ihm das Messer bis zum Heft in die Brust. Der Fremde griff grinsend nach Brads Schultern und hielt ihn fest. „Sehe ich aus, als ließe ich mich von so etwas aufhalten?“, zischte er. „Siehst du etwa Blut fließen?“ Das war zuviel für Skull. Mit einem lauten Aufschrei warf er sich herum und rannte Andy hinterher. „Es sieht so als, als wärest du allein“, bemerkte der Fremde und hielt den strampelnden Brad unerbittlich fest. „Willst du immer noch, dass Blut fließt?“

„Nein“, keuchte Brad. „Bitte! Bitte lass mich los!“

„Loslassen?“ Er hob eine Augenbraue. „Wo wir gerade soviel Spaß haben?“

„O Zoot, lass den Unsinn.“ Das Mädchen auf dem Brunnenrand warf ihm einen genervten Blick zu. „Ich will endlich meine Ruhe.“

Zoot wandte sich ihr erbost zu, und Brad nutzte die kurze Ablenkung seines Gegners, riss sich los und stob stolpernd und schlitternd davon. Wütend sah Zoot ihm nach. „Und wage es nicht, zurückzukommen! Power und Chaos!“, brüllte er und hob zum Abschied noch einmal die Arme. Als er sie wieder sinken ließ, funkelte er das Mädchen an. „Du!“, schrie er. „Du hast mir alles verdorben!“ Sein Blick fiel auf Sin. „Und sie haben auch noch ihren Müll da gelassen.“ Er trat nach der am Boden Liegenden, doch sein Fuß fuhr durch sie hindurch, als sei er aus Nebel.

Sin entschied sich, dass dies der geeignete Augenblick war, um endgültig in Ohnmacht zu fallen.
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