Die Geister der Phoenix Mall

von Tell
GeschichteMystery / P12
23.08.2008
09.09.2014
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PROLOG

Als die Sonne an jenem Tag unterging, hatte ein neues Kapitel für die Stadt und ihre Bewohner begonnen. Besonders viele Kinder waren nicht übrig; mit Sack und Pack waren sie geflohen, zu Fuß, in den wenigen Autos, für die noch Benzin da war, mit allen Schiffen und Booten aus dem Hafen. Sie waren geflohen, weil man ihnen gesagt hatte, ihr Leben sei in Gefahr, und weil sie der Person, die es sagte, voll und ganz vertrauten.

Einige aber blieben. Ein paar Schwache, die man in der Panik übersah und denen keiner zur Hilfe eilte. Ein paar Rebellen, die nicht bereit waren, sich Vorschriften machen zu lassen. Ein paar Skeptiker, die nicht glaubten, was über CityNet verbreitet wurde. Ein paar Hoffnungslose, denen ein rasches Ende dieses Lebens besser erschien als eine Flucht in neues Chaos. Und schließlich einige, die nicht gehen konnten.

Zunächst schien alles in bester Ordnung. Die wenigen Zurückgebliebenen fanden Nahrung, Wasser und Batterien, soviel sie begehrten. Niemand patrouillierte die Straßen auf der Suche nach Opfern, die man jagen und quälen konnte. Selbstgefällig genossen die Rebellen und Skeptiker ihren neu gewonnenen Luxus und machten sich über die Geflüchteten lustig, während sich die Hoffnungslosen und Schwachen in ihr Schicksal ergaben. Einige Streuner kehrten aus den Wäldern zurück, verfluchten ihre Leichtgläubigkeit und begannen, sich wieder einzuleben.

Dann tauchten die ersten Beulen auf. Sie schenkten ihnen keine Beachtung, denn sie juckten und schmerzten nicht, und sie schienen auch nicht ansteckend zu sein. Irgendwann würden sie schon wieder verschwinden. Einige klagten über Kopfweh, über Appetitlosigkeit oder gelegentlichen Schüttelfrost, aber sie zuckten mit den Schultern. Jeder konnte einmal krank werden. Die Mär vom neuen Virus war doch nur eine Gruselgeschichte für kleine Kinder.

Als die ersten begannen, eine schwärzliche Verfärbung der Beulen festzustellen, als das Husten begann und überall in den Straßen zu hören war, als sie an heftigen Fieberschüben und blutigem Auswurf litten, erkannten die Älteren unter ihnen mit Schrecken, dass es keine Mär gewesen war. Doch da war es schon zu spät: Der Virus hatte seine Opfer gefunden.

Wer jetzt noch flüchtete, kam nicht weit. Die Tribes aus den Wäldern trieben jeden mit Stöcken und Steinen in die Stadt zurück. Der Stadtrand wurde zu einem einzigen Friedhof, und Furcht und Chaos regierten erneut. Fast alle erkrankten, und die wenigen, die verschont blieben, wurden von den Kranken gehetzt und gejagt. Wut trieb sie - und der Aberglaube, dass jeder geheilt würde, der seine Beulen mit dem Blut der Gesunden einrieb.

Es war eine düstere Zeit. Wahnsinn, Angst und Tod waren allgegenwärtig. Und auf dem Dach der Phoenix Mall stand eine einsame Figur, die Arme über dem Kopf zu einem Kreuz erhoben, und lachte schaurig. Die Kinder in den Straßen sahen ihn nicht, aber nachts, wenn alles andere still war und sie bereit waren, an Gespenster zu glauben, vermeinten sie sein Lachen zu hören.
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