Moderne Zeiten - Der Tod hat's auch nicht leicht

von Maginisha
GeschichteHumor, Übernatürlich / P12
28.07.2008
28.07.2008
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Ich bin tot.

Oder, um der vollen Wahrheit die Ehre zu geben, werde ich es in etwas weniger als zwei Stunden vielleicht sein. Aber an dieser Kleinigkeit will ich mich jetzt nicht weiter aufhalten, denn ich weiß, dass der Lieferant dieser Information ziemlich unzuverlässig ist.
Die junge Frau mit dem wenig spektakulären Namen Sally, die mir da gegenüber in meinem schon etwas betagten Cordsofa sitzt und mit spöttischen Augen meine fliegenden Finger auf der Tastatur des Laptops beobachtet, ist nämlich niemand anderer als mein persönlicher Tod. Sie sitzt da, als wäre es das Normalste auf der Welt, löffelt ihr Schokoladeneis und wartet darauf, dass ich, um es mit ihren Worten auszudrücken, "endlich fertig mit der blöden Geschichte" bin.
Doch ich merke, dass ich meine Erzählung am falschen Ende beginne. Ich sollte Ihnen vielleicht erst einmal erzählen, wer ich bin und wie ich Sally überhaupt kennen lernte, bevor Sie verstehen, warum ich hier so ruhig sitze und mein eventuelles Ende erwarte.

Mein vollständiger Name ist Michael Schwanberg, ich bin 37 und Schriftsteller von Beruf. Leider war ich bis jetzt, was diesen Teil meines Lebens angeht, alles andere als erfolgreich. Meine kleine Wohnung ist bereits gepfändet, meine Freundin hat mich verlassen und zu allem Übel auch noch die Katze mitgenommen, sodass ich vor einigen Wochen allein in meiner Wohnung herumsaß und Trübsal blies.

Gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, meinem verpfuschten Leben endgültig ein Ende zu setzen, klingelte es. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass ich nicht gerade erfreut über diese Störung war. Wie würden Sie sich denn fühlen, wenn sie gerade völlig verzweifelt sind, bereits die Schlinge um ihren Hals gelegt haben und dann klingelt es? Es stellt sich einem die berechtigte Frage, wer in Gottes Namen das denn sein könnte und ob man jetzt tatsächlich die Tür aufmachen soll. Ist es unhöflich, wenn man einfach lieber in Ruhe sterben möchte, anstatt noch eine weitere per Einschreiben gebrachte Rechnung in Empfang zu nehmen?

Während meiner Überlegungen klingelte es ein zweites Mal, doch ich beschloss einfach nicht hinzugehen; schließlich hatte ich Wichtigeres zu tun. Offensichtlich hatte, wer auch immer dort vor meiner Tür stand, es aber mächtig eilig zu mir zu gelangen, denn er klingelte schlussendlich Sturm. Seufzend nahm ich also den Strick wieder von meinem Hals, stieg entnervt die wackelige Leiter hinunter und schlurfte den schummerigen Flur entlang.
"JA!", brüllte ich ungehalten, denn ich hatte verständlicherweise nicht unbedingt die beste Laune. "Ich komme doch. Hören Sie auf die Klingel zu malträtieren, davon bekommt man ja Kopfschmerzen."
Wütend riss ich die schon leicht vergilbte Wohnungstür auf und fauchte den Klingler an. "Was?"
Dann stutzte ich, denn vor der Tür stand eine Frau, Anfang zwanzig, mit kurzen, dunklen Haaren und blauen Augen, die mich begeistert anstrahlte. "Hi, ich bin Sally, darf ich reinkommen?"

"Äh ... im Moment passt es gerade nicht so gut", stotterte ich verwirrt, doch dann fand mein Gehirn wieder den Weg zurück in seine angestammte Position. "Außerdem kenne ich Sie doch gar nicht. Was wollen Sie überhaupt von mir?"
Sie achtete gar nicht auf meinen Protest, schob sich einfach an mir vorbei und lief schnurstracks auf das Zimmer zu, aus dem ich so eben gekommen war. Noch bevor ich es verhindern konnte, hatte sie die nur angelehnte Zimmertür geöffnet. Als ich ihr hinterherstürzte, fand ich sie mit kritischem Blick vor meinem improvisierten Galgen.
"Das ist aber nicht sehr stabil", stellte sie fest, als sie an dem Seil zog. "Ein Schriftsteller sollte nicht versuchen, sich als Handwerker zu betätigen. So wie das wackelt, wären Sie damit zusammengekracht und im Rollstuhl gelandet, aber nicht gestorben."

Irgendwie hatte ich das Gefühl im falschen Film zu sein, denn sie redete und redete wie ein Wasserfall auf mich ein, als wäre es das Normalste auf der Welt, wobei ich nur mitbekam, dass es wohl irgendwie um Dübel ging. Irgendwann riss ich mich zusammen und stoppte sie mit einer herrischen Geste. "Jetzt ist es aber genug. Ich möchte, dass Sie auf der Stelle meine Wohnung verlassen."
"Ach", sagte sie und legte ihre Stirn in Falten. "Und ich dachte, Sie hätten ernsthaft vor, sich umzubringen. Dann kann ich ja wirklich wieder gehen. Übrigens, falls Sie mich brauchen, hier ist meine Telefonnummer. Ich habe da vielleicht einen Job für Sie." Damit reichte sie mir eine Visitenkarte und verabschiedete sich mit einem freundlichen Lächeln.
"Ciao!", rief sie mir noch zu und winkte zum Abschied. "Wir werden uns wiedersehen."

Da stand ich nun mitten in meinem schummerigen Flur und blickte auf das kleine Stück Pappe hinab, auf dem in himmelblauen Buchstaben stand: "TOD - bei uns ist Ihr Leben in den besten Händen." Darunter eine Telefonnummer und die Ankündigung, dass der Service 24 Stunden am Tag verfügbar war.

Kraftlos sank ich auf dem Boden zusammen und versuchte zu begreifen, wie sich jemand nur so einen schlechten Scherz erlauben konnte. Immer und immer wieder las ich den Text durch und wartete darauf, dass von irgendwo die Leute mit der versteckten Kamera kamen, aber die blieben aus. Sicherlich hatte ich vorgehabt mich umzubringen, aber ein derart geschmackloser Umgang mit meinem Ableben, traf mich doch sehr.

Nach einiger Zeit erhob ich mich wieder. Draußen dämmerte es bereits und ich versuchte erfolglos, in der Küche etwas zu essen zu finden. Der Kühlschrank war und blieb leer, denn eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt ja schon gar nicht mehr unter den Lebenden weilen. Da ich sowieso kein Geld hatte, um etwas zu essen zu kaufen, nahm ich wieder die kleine Karte zur Hand. Zögernd hob ich den Hörer des Telefons ab, das wie durch ein Wunder noch nicht abgestellt war, und wählte die angegebene Nummer. Kurz darauf verkündete eine sympathische Frauenstimme:
"Willkommen bei der TOD-Hotline. Wenn Sie eine Auskunft zu Ihrem Todeszeitpunkt wünschen, drücken Sie bitte die Eins. Wenn Sie Beschwerden über nicht stattgefundene Todesfälle haben, drücken Sie bitte die Zwei. Wenn Sie ..."

Ich hörte nicht mehr zu und drückte entschlossen die Zwei. Schließlich wollte ich tot sein und war es nicht. Wenn es nun eine Stelle gab, wo man sich darüber beschweren konnte, sollte mir das recht sein. Es klingelte kurz am anderen Ende und ein Mann nahm ab.
"Willkommen bei der TOD-Hotline, mein Name ist Martin, was kann ich für Sie tun?"
"Äh ja ... mein Name ist Schwanberg. Ich hatte heute Besuch von einer jungen Dame, aber ich bin nicht tot", versuchte ich zu erklären, was mich zu diesem Anruf bewegt hatte.
Durch den Hörer drangen Tippgeräusche zu mir vor. "Wie war noch mal Ihr Name?"
"Schwanberg", wiederholte ich gehorsam. "Michael Schwanberg."
"Tut mir leid, aber Sie sind nicht in meiner Kartei. Haben Sie eine Auftragsbestätigung erhalten? Welches Angebot hatten Sie denn gebucht?"
"Gebucht?", fragte ich nach. "Ich habe nichts gebucht. Ich habe ja noch nicht einmal Geld, um mir ein Butterbrot leisten zu können, wie sollte ich da etwas buchen können?"
"Ich bedaure mein Herr, Verhungern wurde wegen des hohen Zeitaufwands eigentlich weitestgehend aus unserem Sortiment gestrichen. Ich müsste Sie mal zu unserer Medizinischen durchstellen. Wer hat Sie denn beraten?"
"Sie hieß Sally ... glaube ich ... und sie hat mir ihre Karte da gelassen."
"Oh", sagte Martin mit einem Male sehr reserviert. "Es tut mir leid, dann sind Sie hier falsch, ich verbinde Sie mal mit der Entwicklungsabteilung."

Ich wurde einige Minuten mit leichter, klassischer Musik berieselt, bis wieder jemand den Hörer abnahm.
"Entwicklungsabteilung, TOD, was kann ich für Sie tun?", leierte eine Stimme herunter, aus der man förmlich das in die Backentasche geschobene Kaugummi hervorquietschen hörte.
Ich atmete tief durch und versuchte möglichst gelassen zu sagen: "Ich wollte mich heute eigentlich umbringen, aber eine Ihrer Mitarbeiterinnen hat das verhindert. Darüber wollte ich mich bei Ihnen beschweren."
"Und warum rufen Sie mich dann an?", nölte die Stimme am anderen Ende. "Sehe ich aus, als wäre ich die Beschwerdeabteilung?"
"Ich weiß überhaupt nicht, wie Sie aussehen und das ist mir auch vollkommen schnuppe", knirschte ich jetzt in den Hörer und hätte dieser blöden Schnepfe am anderen Ende am liebsten ihr dämliches Kaugummi in den Rachen gestopft. Da ich ja aber immer noch nicht weiter war mit meinem Problem, versuchte ich trotzdem, mein Anliegen in ruhigem Ton vorzubringen. "Ich würde gerne mit Sally reden."
"Einen Augenblick, ich verbinde", erklang es noch am anderen Ende, dann hatte mich die Warteschleife wieder. Also wartete ich, hörte fast dreimal Beethovens "Ode an die Freude" und wollte schon auflegen, als endlich die junge Frau von heute morgen den Hörer abnahm.

"Herr Schwanberg!", rief sie fröhlich, nachdem ich meinen Namen genannt hatte. "Das hat ja lange gedauert. Wenn Sie früher angerufen hätten, wäre ich heute noch vorbeigekommen, aber ich hab gleich Feierabend."
"Nicht so wichtig", murmelte ich. "Ich wollte eigentlich nur wissen, was Ihr Auftritt bei mir sollte und was es mit dieser merkwürdigen Firma auf sich hat, in der Sie arbeiten."
"Wissen Sie was, ich habe heute Abend eh nichts Besseres vor. Warum treffen wir uns nicht einfach bei Ihnen um die Ecke in dem kleinen, italienischen Restaurant und besprechen alles?"

Viel zu hungrig und verwirrt, um dieses Angebot noch abzulehnen, stand ich eine halbe Stunde später im Nieselregen und wartete auf Sally. Als sie endlich kam, war ich bereits völlig durchnässt und fragte mich, warum ich eigentlich nicht schon rein gegangen war, aber dann fiel mir ein, dass ich ja gar kein Geld hatte. Ich würde ihr sagen müssen, dass ich es mir nicht leisten konnte, hier essen zu gehen.
Sally nahm mich jedoch einfach an die Hand, zerrte mich in das Lokal, schmiss ihren Regenschirm in den Ständer und bestellte beim Wirt erst einmal "Zwei Bier! Damit wir ein bisschen in Stimmung kommen." Der Mann lachte nur und brachte uns kurz darauf das Bier zu der kleinen Ecknische, in die die junge Frau mich befördert hatte. Als sie zudem noch eine reichliche Mahlzeit für zwei geordert hatte, hielt ich es nicht mehr aus.
Sobald der Wirt uns den Rücken zugedreht hatte, flüsterte ich ihr zu: "Aber ich habe doch gar kein Geld."
Sie grinste nur und meinte dann großmütig. "Geht aufs Haus, Michael. - Ich darf doch Michael sagen, oder? - Außerdem kann ich dich noch in meine Spesenabrechnung quetschen. Aber nur, wenn du auch mitmachst."
Ich nickte nur schwach. Ach ja, das Geschäft ... So lebensfroh und durchaus recht attraktiv, wie die junge Frau hier vor mir saß, mit roten Wangen und funkelnden Augen, hatte ich gar nicht mehr an ihre Firma gedacht. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich, als ich anfing zu überlegen, wie man wohl auf die Spesenliste von jemandem kam, der für eine Firma namens TOD arbeitet.
Sie sah mich fröhlich an und sagte dann: "Also kommen wir zum Geschäftlichen. Ich hab nachher noch einen weiteren Interessenten für den Job."
So langsam fing ich an, an meinem Verstand zu zweifeln. Irgendwie schien ich eine sehr wichtige Stelle des Gesprächs verpasst zu haben und zwar die, an der Sally mir erklärte, worin dieser Job denn nun eigentlich bestand, den sie mir anbieten wollte. Als ich eine entsprechende Frage stellte, lachte sie wieder und knuffte mich kräftig in die Seite.
"Nur nicht so ernst, der Tod wird dir Spaß machen. Ehrlich!"
"Spaß?", keuchte ich, teils wegen des Rippenstoßes, teils weil ich durchaus noch daran glaubte, mich verhört zu haben. "Was macht denn am Tod Spaß?"
Sie schickte ein verführerisches Lächeln an den Wirt, der gerade mit unserem Essen aufgetaucht war. Der Mann stand da, schaute mich missbilligend an und zog seine buschigen Augenbrauen zusammen. Als er jedoch in Sallys Gesicht sah, wurde sein Blick etwas trüb, er entspannte sich und befand offensichtlich, dass er ganz dringend wieder zu seinem Tresen zurückkehren müsse.
Ein wenig ärgerlich fauchte sie mich an. "Schrei doch noch lauter, dann kann ich mir wieder eine Dienstaufsichtsbeschwerde anhören, die sich gewaschen hat. Ist ja nicht so, dass jedermann gerne über TOD redet."
Jetzt langte es mir endgültig. "Entweder du erzählst mir jetzt der Reihe nach, was hier los ist, oder ich gehe und du kannst sehen wo du jemand für deinen 'Job' herbekommst. Was zum Geier ist TOD denn nun eigentlich für ein Laden?"
Sie seufzte "Also schön. Ich erzähl's nochmal für alle anwesenden Schriftsteller, die es noch nicht begriffen haben. Ich arbeite für TOD. DEN TOD, wenn du verstehst was ich meine. Ich entwickle neue Todesarten. Leider sind mir nach der Wiederwahl von diesem ... Dings- du weißt schon ... bei den Amis. Na, auf jeden Fall haben sie mir die Mittel gekürzt, da man annimmt, dass sich die altbewährten Methoden als zuverlässig genug erweisen werden. Jetzt suche ich mir eben eigene, freiberufliche Teststerber."
"Test-WAS?", fragte ich entgeistert. Das konnte doch alles nur ein schlechter Scherz sein.
"Test-STERBER!", wiederholte sie etwas lauter und lächelte dem älteren Ehepaar uns gegenüber freundlich zu. "Alles in Ordnung, Sie sind noch nicht dran, meine Herrschaften."
Dann spießte sie eine große Portion Salat auf ihre Gabel und erklärte mit vollem Mund: "Ja weißt du, es ist so: Früher war das mit dem Sterben noch recht einfach. Die Leute standen morgens auf, gingen ihrem Tagewerk nach und wenn sie es dann eines Tages nicht mehr taten, waren sie eben tot. Damals war Pestilenz noch sehr populär, doch die hat heute eher die ärmeren Dritte-Welt-Länder zu ihrem Einsatzgebiet erkoren. Seit der Entdeckung des Penicillins ist es schwer geworden, in Europa noch große Epidemien auszulösen. Diese moderne Gesellschaft mit ihren Sagrotan-Tüchern und antibakteriellen Spülmitteln ist ein verdammt hartes Pflaster für eine gescheite Krankheit, wenn du mich fragst.
Auch Hunger ist mit seinen Lieferungen manchmal ziemlich im Rückstand, aber dagegen lässt sich meist mit etwas Schmiergeld was machen. Du glaubst ja gar nicht, wie einfach man Lebensmitteltransporte sabotieren kann.
Krieg ist noch recht gut im Geschäft, doch die heutige Einstellung zur Diplomatie erschwert die Zusammenarbeit mit ihm. Gute Diktatoren sind selten heutzutage ... Sag mal hörst du mir überhaupt zu?"

Ich nickte, doch zu mehr reichte es nicht. Wollte sie mir tatsächlich erklären, dass ihr Boss 'der Tod' höchstpersönlich war? Dann stutzte ich plötzlich und fuhr ihre Aussage in meinem inneren Ohr bis zu der Stelle zurück, an dem sie von ihrer Arbeit gesprochen hatte. "Was sagtest du noch mal, war das für ein Job, den du mir anbieten wolltest?"
"Teststerber!", verkündete sie fröhlich und ging dazu über, auch ihre Thunfischpizza zu vernichten. "Ich brauche Leute, die ausprobieren, ob man an meinen Ideen auch wirklich zuverlässig stirbt. Die Leute sind neuerdings anspruchsvoll. Sie wollen nicht einfach nur im Altersheim warten, bis sie irgendwann dran sind. Nein, heute kann man auch sterben, indem einem das Bungeeseil reißt, man kann so viele Koffeintabletten nehmen, bis der Kreislauf zusammenbricht oder sich gar von jemand anderem schlachten und aufessen lassen. Der Tod soll ein Erlebnis sein oder einen zumindest berühmt machen. Das ist ein ganz neuer Markt. Die Sache mit dem Bungee ist übrigens von mir."
Sie lächelte versonnen. "Hat mir eine saftige Prämie eingebracht, weil es tatsächlich funktioniert hat und es die Leute sogar freiwillig tun. Kein so lästiges Herumgedoktere, wie bei der Entwicklung von AIDS. Unglaublich wie viel Kohle sie in diese Projekt gepumpt haben. Der Typ ist aber wegen des großen Erfolgs trotzdem schon im Ruhestand. Ein Glück hatte der."
"Hallo ...", krächzte ich matt. Meinen Teller hatte ich schon lange von mir geschoben. Bei diesem Thema konnte einem nun wirklich der Appetit vergehen. "Du sprichst hier vom planmäßigen Töten von Menschen, als wäre es gar nichts, ist dir das eigentlich bewusst? Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass wirklich jemand dafür bezahlt, so zu sterben."
"Der Tod ist natürlich kostenlos, wie seit Urzeiten", strahlte sie mich begeistert an. "Nur das Equipment kostet manchmal ein wenig mehr. Außerdem: Sterben müssen alle irgendwann mal. Deswegen ja auch die Suche nach neuen Ideen. Weniger Kosten und höhere Effektivität sind gewünscht; das ist bei der heutigen Bevölkerungszahl doch nicht verwunderlich. Aber es ist nicht einfach, denn die Sachen müssen natürlich erst getestet und validiert werden, bevor sie in Serie gehen."
"Das meinst du jetzt nicht ernst, oder? Du gehst doch nicht wirklich los und bringst Leute um, die sterben wollen, damit sie deine neuen Todesarten testen?" Ich konnte es immer noch nicht glauben, was ich da gerade gehört hatte. Vor mir saß eine leibhaftige Killerin, die sich so eben ein Dessert in den Mund schob und mit mir über meinen Tod verhandelte, als wäre es eine neue Versicherung.
"Aber genau darum geht es doch. Du wolltest sterben und ich suche jemanden, der genau das tut. Ist doch perfekt. Außerdem könntest du mir ruhig ein bisschen dankbar sein. Schließlich habe ich verhindert, dass du jetzt auf der Intensivstation liegst und Rest deines Lebens im Heim verbringen musst, weil du querschnittsgelähmt bist. Du weißt schon, die Sache mit den Dübeln. Ich musste dreimal mit dem Typ von der Abteilung für erfolglose Selbstmorde ausgehen, bis er mich in seine Kartei hat gucken lassen."
"Herzlichen Dank dann", murmelte ich finster. "Und wie stellst du dir meinen Tod stattdessen vor? Soll ich mich irgendwo anders runterstürzen?"
"Nein", erklärte sie aufgeregt. "Weißt du, ich dachte mir das so: Du sitz an deinem Computer und durch einen von mir entwickelten Virus spielt dein CD-Rom-Laufwerk verrückt und schießt dir eine CD mitten in den Hals. Du wärst der Erste, der so sterben würde. Das macht dich noch nach deinem Tod berühmt und vielleicht lesen die Leute dann auch mal welche von deinen Geschichten."
"Das ist doch hoffentlich alles nur ein blöder Witz, oder?", fragte ich verblüfft. "An so was Hirnrissigem stirbt man garantiert nicht. Tod durch den Internet-Virus oder wie? Du hast sie doch nicht alle."

Ich wollte schon aufstehen, als sie mich am Arm packte und mich bittend ansah. "Ich verspreche dir auch, dass du es nicht bereuen wirst. Wenn es nicht klappt, bekommst du ein angemessenes Honorar. Wenn es aber doch klappt, bist du alle Sorgen los und wir übernehmen deine Beerdigung. Ist das ein Deal?"
Ich setzte mich wieder und musterte sie schweigend. Anscheinend meinte sie es wirklich ernst mit dem, was sie da gerade gesagt hatte. In Anbetracht der Tatsache, dass ich ja wirklich schon mehr oder weniger mit meinem Leben abgeschlossen hatte, schien es wirklich ein attraktives Angebot zu sein. Kurzentschlossen ergriff ich ihre immer noch ausgestreckte Hand. "Deal! Aber wenn du mich verarschst, geh ich damit an die Presse. Mit einem Artikel über 'Bauernfänger im Auftrag des Todes' komme ich sicher ganz groß auf die Titelseite der Bild."
"Keine Sorge, ich meine es wirklich ernst", lächelte sie und orderte zwei Gläser Champagner, die der Wirt auch sofort brachte. "Lass uns anstoßen. Auf eine gute Geschäftsbeziehung. Cheers!"
"Cheers!", antwortete ich, stürzte das teure Getränk hinunter, als wäre es Wasser, und orderte dann einen Schnaps. Auf den Schreck brauchte ich was Handfesteres.


Nun ja, was soll ich sagen. Ich lebe noch, wie sie feststellen können, denn Sallys Plan war nicht wirklich "serientauglich", wie sie es nannte. Außer einem blauen Auge ist nicht viel dabei herausgekommen. Sally war wirklich schwer enttäuscht.
Die Kleine wohnt unterdessen bei mir und wir tüfteln gemeinsam an ihren neuen Ideen herum, mit denen sie irgendwann mal "Mitarbeiter des Jahres" werden will. Sie hat sich inzwischen auf "Tod über das Internet" spezialisiert, weil sie glaubt, dass dieser Trend Zukunft hat.
Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich noch ein relativ langes Leben vor mir habe, denn Sally ist zwar recht erfinderisch, aber was die Durchführbarkeit ihrer Entwicklungen angeht ungefähr so erfolgreich wie ich mit dem Schreiben. Heute will sie mal ausprobieren, ob sie von einem anderen Rechner aus genügend große Spannungsspitzen erzeugen kann, um mich mit einem Elektroschock um die Ecke zu bringen. Sie scheint diesmal wirklich gut vorbereitet zu sein, daher dachte ich mir, ich sollte die Geschichte lieber aufschreiben, bevor ich wirklich bei einem ihrer Versuche draufgehe.

Falls Sie also nichts mehr von mir hören, liebe Leser, kann es sein, dass Sally tatsächlich etwas entwickelt hat, mit dem man über das Internet töten kann. Also seien Sie vorsichtig und lesen Sie lieber mal wieder ein gutes Buch. Wenn Ihnen nicht jemand die Seiten vergiftet hat, ist das wesentlich ungefährlicher.









Entstanden ist die Geschichte ursprünglich mal für einen Wettbewerb "Der Tod in personifizierter Form", bei dem es darum ging, dem Tod mal ein anderes Gesicht als den sensenschwingenden Knochenmann zu geben. Ich hoffe, euch gefällt das Ergebnis. :)
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