Never forget - never forgive

von Sternkind
GeschichteDrama / P18
Anthony Benjamin Barker Johanna Barker Lucy Barker Mrs. Lovett Richter Turpin
26.07.2008
23.08.2008
3
12.073
 
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26.07.2008 3.250
 
Disclaimer: Mir gehört nichts, Sondheim und Burton alles. Ich verdiene auch kein Geld mit dieser Geschichte –sondern hatte nur meinen Spaß, die Charaktere ein bisschen durch die Gegend zu scheuchen. Sie haben es überlebt ;)

Ranking: P18. Ich setzte es lieber gleich auf diese Stufe, da es in einigen Fällen schwierig wird, es in die richtige Altersstufe einzugruppieren.

Warnung: Wer den Film oder auch das Musical kennt weiß, dass Sweeney Todd schön blutig daher kommt –wie ein gutes Steak ;) Ich werde weitestgehend auf detaillierte Beschreibungen verzichten, was ein scharf geschliffenes Rasiermesser alles anrichten kann; Psychische Grausamkeit

Genre: Thriller, Drama, schwarzer Humor und ein gehöriges Quantum an Ironie. Wer hier ein Happy End sucht, sucht leider vergebens…oder etwa doch nicht?

Inhaltsangabe: Sein Name war einst Benjamin Barker. 15 Jahre Leben in der sprichwörtlichen Hölle haben aus dem einstigen lebensfrohen Mann eine verbitterte, auf Rache sinnende Bestie gemacht, die mit einem Schiff nach London zurückkehrte und ihr blutiges Siegel in der Fleet Street hinterließ. Rache, gestillt erst durch die letzten, erstickten
Schreie der Buhlschaft des Teufels in dem lodernden Ofen –seiner Buhlschaft. Doch die Zeit drängt. Ein Moment des Innehaltens könnte sich für den mordenden Barbier als sein eigenes Todesurteil erweisen. Und so verschwindet der düstere und blutige Schatten des Phantoms aus der Fleet Street…


* * *

Hallo!

Eigentlich hab ich oben schon alles gesagt. Die Geschichte spielt nach dem Ende des Films, was ich allerdings für meine Zwecke etwas umgeschrieben habe ;) Hierbei wird Sweeney nicht von Toby mit seinem eigenen Rasiermesser gerichtet, sondern beseitigt den Jungen als letzten Zeugen seines blutigen Schaffens in der Fleet Street. Zum Trauern um seine von ihm ermordete Frau  bleibt ihm keine Zeit, da er sich der Gefahr wohl bewusst ist, die ihn umgibt, wenn erst das Verschwinden des Richters und des Büttels bemerkt wird.

Sweeney Todd bricht so lautlos auf, wie er damals in London mit dem Schiff eingetroffen ist. Es beginnt eine Zeit des Umherirrens und des Kampfes mit sich selbst und den dunklen Dämonen im Innern des Barbiers.

Es wird auch einige Rückblenden zu den Geschehnissen im Film geben, die ich in die Handlung mit einbauen werde, denn ich habe mich schon seit ich das Musical kenne und damit lange vor der filmischen Umsetzung gefragt: Was wäre eigentlich passiert, wenn Sweeney Todd nicht getötet worden wäre…

Hier ist mein Versuch, darauf eine Antwort zu finden. Ich hoffe, ihr habt Spaß bei der Geschichte –naja, wie man das bei der düsteren und schwarz-humorigen Handlung auch auslegen will ;)

Über Reviews freue ich mich natürlich wie jeder Autor und wünsche euch nun viel Spaß!

LG
Sternkind
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Prolog

Nichts. Da war nichts mehr. Er fühlte sich leer. Kälte umklammerte sein Herz, zwang es, seinen Schlag zu verlangsamen und für einen Moment glaubte er, dass es nun endgültig stehen bleiben würde. Der Lebensfunke in seiner Seele war verblasst, ausgelöscht durch das Meer an Blut. Die lodernde Flamme des Hasses, der Durst nach Vergeltung, das alles zählte nicht mehr. Es war abgeebbt, bleich und tot wie sie. Diese Dinge bedeuteten ihm nichts mehr. Sie hielten ihn nicht mehr am Leben. Sie waren nicht mehr die treibende Kraft, welche ihn 15 Jahre lang am Leben gehalten hatte -15 Jahre in der tiefsten und dunkelsten Hölle. Doch nun wurde die blutrote Welt in der er sich befand noch trister. Das Blut wich einem zähen, dunklen Morast aus tödlichen Schreien, welche ihn einhüllte und ihn mit ihren klammen Händen zu sich in die Finsternis rissen –er wehrte sich nicht dagegen.

Er fiel, ließ sich treiben. Das Nichts umschloss ihn. Die Sinnlosigkeit brach aus den dunklen Schleiern der Nacht heraus und zerschmetterte ihn mit einem gewaltigen Schlag, als ihn das volle Ausmaß und das Bewusstsein traf, was er getan hatte. Die unzähligen Leben, welche er in den vergangenen Wochen genommen hatte –sie waren ohne Bedeutung. Sein gestillter Rachedurst an Büttel Bamford und Richter Turpin –sie waren ohne Bedeutung. Seine Vergeltung an seiner Komplizin Mrs. Lovett –sie war ohne Bedeutung. Sein Mord an seiner eigenen Frau –unwissentlich- war die Katastrophe, welche ihn nun in die Knie zwang. Das metallische Klirren, mit dem das silbern schimmernde Rasiermesser auf den Steinboden fiel, war ein verzerrtes und ersticktes Echo in seinen Ohren. Er nahm es kaum wahr. Er fühlte sich wie ein Beobachter eines Theaterstückes, als er sich selbst wankend und mit weichen Knien einige Schritte auf den leblosen und blutbesudelten Körper seiner toten Frau zuwanken sah.

Ein Herzschlag nur und er brach neben ihr in die Knie. Unglaube, Schmerz und Verzweiflung ließen sich Zeit, als sie genüsslich in jede Faser seines Herzens krochen und das Blut in seinen Adern gefrieren ließen. „Was habe ich nur getan?“ Die Stimme in seinen Ohren, war nicht mehr die seine. Sie klang rau und brüchig, was metallisch, als er auf das tote Gesicht seiner Frau hinabblickte. Er wagte nicht, sie zu berühren. Wagte es nicht, den toten Leib in die Arme zu schließen –seine Lucy endlich nach all diesen Jahren wieder in die Arme zu schließen. Seine Augen waren leer, schienen durch sie hindurch zu starren in eine ferne Welt. Eine Welt, in der es keinen Richter Turpin gab, der sie in die Katastrophe gestürzt hatte. Er fühlte nichts mehr, bei dem Bild des verhassten Richters, das vor seinen Augen aufblitzte. Er war zu nichtig, zu unwichtig in diesem Augenblick. Die Hölle hatte Benjamin Barker wieder.

Die Sekunden und Minuten dehnten sich zur Ewigkeit. Zeit hatte für den Barbier keine Bedeutung mehr. Die Welt stand still. Hatte aufgehört sich zu drehen, ehe sie langsam in der Dunkelheit der Verzweiflung versank. Tod. Überall in diesem Raum war der Tod und er selbst –Sweeney Todd- war der Gebieter darüber. Ein Teufel in der Gestalt eines Menschen. Besessen von Rachsucht und Vergeltung –doch nun gerichtet durch den blinden Hass in seinem Herzen. Hass hatte ihn verblendet, hatte ihn blind und taub werden lassen und hatte seiner Lucy letzten Endes das Leben gekostet. Sie war gestorben –nicht durch Arsen, wie Mrs. Lovett ihn glauben ließ, sondern durch seine eigene Hand. Unsägliche Qual glomm in den dunklen Augen auf, erfüllte sie mit schmerzlichem Leben, als er die zitternden Hände ausstreckte, um den leblosen Körper Lucys auf seinen Schoß zu betten. Ihr Kopf ruhte in seiner Armbeuge. Die bleichen Züge strahlten Ruhe und Frieden aus –und brannten sich mit schrecklichem Schmerz tief in sein Innerstes. „Ich komme eines Tages nach Hause.“ flüsterte er ihr leise zu, als wolle er sie um keinen Preis der Welt aus ihrem ewigen Schlaf wecken. „Ich verspreche es.“

Alles um ihn herum verblasste. Wurde still. Kein Geräusch durchbrach die Stille der Nacht, die Stille des Todes in dem Backkeller unter dem Pie-Shop. Dann jedoch ertönte ein leises Scharren. Metall rieb sich auf rauen Stein, verstummte wieder. Ein Rascheln von Stoff, ein leises Keuchen und die Ahnung einer Bewegung im Dunkel. Ein Schatten, der sich in seinem Augenwinkel aufrichtete. Sweeney bewegte sich nicht. Starrte wie benommen auf Lucys totes Gesicht. Die dicke, verkrustete Schmutzschicht in ihrem Gesicht, die fleckig gewordene Haut an einigen Stellen, das alles verbarg ihre natürliche Schönheit nur, hatte es jedoch nicht geschafft, sie auszulöschen. Versunken in ihren Anblick ließ es der gebrochene Barbier zu, dass sich der Schatten näherte, in die Knie ging und das scharf geschliffene Rasiermesser aufhob. Ein heller, metallischer Klang drang durch den dichten Schleier der Taubheit an sein Ohr, als die Klinge singend über den kalten Stein schabte. Es war nur ein Moment, doch er schien ihm geschaffen, wie für die Ewigkeit.

Ein kühler Hauch streifte seinen Nacken. Die Ahnung der Endgültigkeit. Das Ende des Weges näherte sich. Es war Zeit, nach Hause zu kommen. Zurück zu kommen zu ihr –zu seiner Lucy. Er wandte den Blick von ihrem Gesicht ab und für einen Moment erfüllte Versonnenheit seine Gesichtszüge, als er auf einen imaginären Punkt blickte. Ja, er würde sein Versprechen einlösen. Sehr viel schneller, als es Lucy und auch er selbst ahnen konnten. Er wehrte sich nicht gegen diese Vorstellung. Sein Herz war tot. Es lag nur mehr erkaltet wie ein schwerer Stein in seiner Brust, wieso also warten? Warum sollte er noch länger darauf warten, mit Lucy wieder vereint zu sein? Zweifel flammte in seinen Augen auf und er runzelte leicht die Stirn. Das leise Schlurfen der sich ihm nähernden Schritte ließ ihn inne halten. Wie ein greller Blitz fuhr ein Bild vor sein geistiges Auge, dann wieder eines und noch eines. Blut, überall Blut, Tod und Verderben. Kaltblütigkeit wohin er nur blickte und im Zentrum dieses düsteren Strudels aus Raserei, Gewalt und Tod stand er.

Umgeben von einem Berg Leichen. Der Pesthauch der Toten umgab ihn wie eine stinkende Kloake und auf der anderen Seite war Lucy. Strahlend, wunderschön und rein. Und er? Besudelt von Blut. Blut welches an seinen Händen klebte, bis in alle Ewigkeit. Würde Gott es zulassen, sie wieder in die Arme zu schließen? Und wenn: Würde er es wagen sie zu berühren? Etwas begann seine Kehle zu zuschnüren. Die Ahnung von Tod wurde stärker. Gerade noch schien die Verlockung so süß gewesen zu sein, seine Kehle darzureichen. Es endlich zu Ende zu bringen. Den jahrelangen Kampf in seinem Inneren einem Zufall zum glücklichen Sieg zu überlassen. Doch das Aufflammen dieses Zweifels, der Unsicherheit, ob es nach dem kurzen Augenblick des Schmerzes ein Wiedersehen geben würde oder nicht, ließ seine Überzeugung und Zuversicht bröckeln. Sie geriet ins Wanken. Ein Schritt in seinem Rücken, dann noch einer und es wurde wieder still. Die Kälte in seinem Herzen, die Stagnation in seinen Gefühlen und Gedanken begannen zu schwinden.

Leben regte sich. Das Blut in seinen Adern begann wieder zu fließen. Ein warmer Luftzug an seiner Kehle riss ihn mit einem Mal zurück in das Hier und Jetzt. Die silberne Klinge befleckten keine roten Rubine, als die kleine Hand mit einer Kaltblütigkeit und Schnelligkeit zu Werke gehen wollte, die seiner eigenen zur Ehre gereicht hätte. Todds Hand schnellte blitzschnell hervor und packte das dünne Handgelenk des Jungen, welches die todbringende Klinge zum letzten Schnitt in diesem Drama angesetzt hatte. Tobys Gesicht blieb für einen Moment reglos, kurzer Schrecken zuckte über die versteinerten Gesichtszüge des Jungen. Er hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass sich der zermalmte und zum Sterben bereite Barbier ein letztes Mal aufbäumte. Doch es war mehr als ein letztes Aufbäumen. Es war ein Erstarken. Todds Hand drückte unbarmherzig zu und fegte mit einer mühelosen Geste die Hand von seiner Kehle. Toby schrie auf, als der Barbier sich erhob und dabei die Hand des Jungen wie in einem Schraubstock eisern umklammert hielt. In seinen Augen funkelte das Leben. In Tobys Augen dagegen war der Wunsch nach Vergeltung zu lesen –Rache für den Mord an Mrs. Lovett.

„Willst wohl in mein Geschäft einsteigen, Junge.“ sagte Todd mit dunkler Stimme. Toby antwortete nicht, versuchte jedoch mit aller Gewalt, seine Hand aus dem Griff des Barbiers zu lösen. Sweeney entlockte dies kaum mehr als das Zucken seines rechten Mundwinkels. „Aber lass dir gesagt sein, dass es ein äußerst unbefriedigendes Geschäft ist –und noch dazu so unsicher. Nie weiß man, wann der Tag gekommen ist-„ Mit der anderen Hand entwendete er fast spielerisch das Rasiermesser Tobys Hand. „-an dem man seine letzte Rasur durchführt. Traurig und erlösend zugleich.“ Der Junge gab es auf, sich zu wehren, starrte Sweeney beinahe trotzig an und unternahm einen letzten Versuch, sich auf ihn zu stürzen. Sanft glitt Todds Hand mit der scharfen Klinge an seinem Hals vorbei, als winke er einem guten Bekannten beiläufig zu, den er erspäht habe. Als er die silberne Klinge zurückzog, tropften glänzende, rote Rubine von ihr, schimmerten in dem gelblichen Zwielicht des Ofens.

Toby hielt in der Bewegung inne. Unglaube trat in seine Auge, ein letzter Funke Verstehen löste ihn ab und dann brach der Junge in die Knie. Sank vor Todds Füßen zu Boden. Ein gurgelnder Laut entfleuchte seine Lippen, als er diese öffnete, um etwas zu sagen. Er spürte etwas Warmes, was seinen Mundwinkel hinunterrann. Sein Hemd sog sich mit seinem warmen Blut voll. Es durchtränkte den Stoff und färbte ihn dunkelrot. Todd blickte auf ihn herab. „Jetzt verstehst du, was ich damit meine.“ Das Silber der Rasierklinge blitzte ein letztes Mal auf und brachte Toby den Tod. Seine Augen brachen, als das Leben aus ihm wich, nach einem letzten, zähen Ringen mit dem schnellen Tod. Der leblose Körper des Jungen sackte zusammen. Sweeney klappte abwesend mit einer geschmeidigen Geste das Rasiermesser zusammen und ließ es in die kleine Ledertasche an seinem Gürtel gleiten.

Der letzte Zeuge seines blutigen Feldzuges war für immer verstummt. Stille senkte sich erneut über den in schummrigem Zwielicht liegenden Backkeller, während er die Leiche des Jungen musterte. Der letzte Zeuge…ging es dem Barbier durch den Kopf. Das Gesicht des unbekannten Jungen, den er im Barbiersalon aus der Truhe gezogen hatte blitzte wieder vor ihm auf. Toby war nicht der Letzte, der sein Gesicht kannte. Doch was nutzte es nun, hinauf zu stürmen? Er war vermutlich längst über alle Berge und hatte entweder längst die hiesige Polizei hysterisch darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein Wahnsinniger den Richter abgeschlachtet hatte, oder aber der Bursche befand sich auf der Flucht vor diesem lebenden Alptraum –im Gepäck die Angst, die ihm überallhin folgen würde, dass irgendwo in den Schatten der nächtlichen Straßen der Barbier mit seiner schimmernden Rasierklinge auf ihn wartete. Er würde schweigen, wenn er klug war und Schreckgespenster des Nachts sehen, wenn er redete.

So oder so: Er musste hier weg, wenn ihn nicht erneut Todessehnsucht ergriff, aus deren klammen Händen ihn der glühende Blitz gerissen hatte. Er dreht sich langsam um und warf einen letzten Blick auf Lucy. Er hatte sich nicht getäuscht. Ihr Gesicht zeigte Frieden. Wenigstens ein Teil von ihm sollte darüber erleichtert sein, doch er empfand bei diesem Anblick nichts weiter als Abscheu und Ekel vor sich selbst. Wieso sich nicht doch selbst richten? Wieso hatte er es Toby nicht zu Ende bringen lassen? Es wäre so einfach gewesen, wieso zum Teufel hatte er es verhindert?! Rasende Wut, die er gegen sich selbst richtete, ergriff ihn. Seine innere Zerrissenheit verbot ihm jegliche kontrollierte Handlung oder das klare Denken. Vielleicht war es auch der Schock und der glühende Wunsch, sich zu vergewissern, ob dieser Bengel noch immer dort oben weilte –und wenn, würde er doch noch zu einer anständigen Rasur kommen. Todd wirbelte herum und eilte mit weit ausgreifenden Schritten die Treppe hinauf, nachdem er die massive Tür hinter sich zugeworfen hatte. Er sah nicht mehr zurück, ließ den Tod, den Schmerz und die Verzweiflung hinter sich.

Mit fliegenden Schritten durchquerte er den Pie-Shop und stürmte die steile Treppe zu seinem Barbiersalon hinauf. Die kleine Klingel über der Tür schellte, als er sie aufriss. Seine Hand hatte sich bereits um das Rasiermesser geschlossen, es aufgeklappt und wartete darauf, erneut zu Werke zu gehen –er hielt inne. Der Raum war leer. Der Bursche war weg. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er öffnete die Truhe in der einst Signor Pirelli den Tod gefunden hatte –leer. Mit einem wütenden Fauchen ließ er den Deckel zurück in das Schloss fallen und starrte den blutbesudelten Stuhl an. Turpins Blut hatte ein seltsames Muster auf den verblassten dunkelgrünen Stoffbezug gezeichnet. Man konnte es beinahe als geschmackvoll bezeichnen. An einigen Stellen trocknete es bereits, an anderen sickerte es in den Stoff, welcher sich gierig mit dem Lebenssaft voll sog. „Verflucht seist du Junge.“ murmelte er düster, eilte an das Fenster und starrte hinunter auf die Straße. Das fahle Licht der wenigen Straßenlaternen in dieser Gegend zeigte ihm mehr Schatten, als Licht.

Unruhig begann er davor auf- und abzugehen, ließ den Blick nicht von den sich verzweigenden Straßen, knurrte und eilte auf den kleinen Balkon vor seinem Salon direkt über den Tischen, an denen Mrs. Lovett ihre hungrigen Gäste bedient hatte. Todd kniff die Augen zusammen. Der Bengel konnte überall und nirgendwo sein. Die Zeit hatte jenem zweifelsohne einen schönen Vorsprung ermöglicht. Sweeney hörte auf zu denken. Dieser Junge war nichtig –ebenso Anthony. Und was war mit Johanna? Seiner Johanna? Sie wollten hier herkommen. Wo waren sie? Mussten sie nicht schon längst hier sein? Unruhe ergriff ihn. Vielleicht war etwas schief gegangen. Er hatte nur mehr vage Anthonys Worte über die Flucht mit einer Kutsche in den Ohren. Ein überstürztes Aufbrechen nach dem Anblick, den dieser Salon nun bot? Es war möglich. Ihm blieb keine Zeit, sich weiter darüber den Kopf zu zermartern. Er musste handeln. Er verfiel in einen seltsam lethargischen Aktionismus, säuberte in aller Ruhe die Rasierklinge in seiner Hand, steckte sie zurück in die Ledertasche an seinem Gürtel und schloss den verzierten Ebenholzkasten, in dem die anderen ruhten.

Sein Seesack beinhaltete nur das Nötigste, er war schnell gepackt. Zögern ergriff ihn erst wieder, als er die Hand nach dem Bilderrahmen ausstrecken wollte, von dem ihm Lucy mit der kleinen Johanna auf dem Arm zulächelte. So zuversichtlich sah sie darauf aus, voller Leben und mit Träumen und Hoffnungen –Träume die sie einst miteinander geteilt hatten. Ein glühender Dolch stach in sein Herz. Abrupt zog er die Hand zurück, schulterte den Seesack und war schon fast zur Tür hinaus, als er innehielt und einen Blick über die Schulter zurückwarf. Erneutes Zögern, ein innerlicher Kampf mit sich selbst, gegen Schmerz, Qualen und Schuld, den er bereits so erfolgreich verdrängt hatte. Es war in den zurückliegenden Momenten zu viel passiert, als das sein Geist es bisher überhaupt verarbeiten konnte. Wieder beobachtete er sich selbst, als er an den Tisch herantrat. Als steuere er sich nicht mehr selbst, streckte er die Hand aus, klappte den Bilderrahmen zusammen und steckte ihn ein.

Es war so leicht. Fast als rühre er den Rasierschaum für einen Kunden an. Und genauso wenig empfand er dabei. Es war ein Automatismus der von ihm Besitz ergriff. Die Emotionen in seinem Inneren waren verstummt. Sein Blick streifte den Spiegel –würde er so auf die Straße gehen, hielt man ihn vermutlich für einen Metzger, der ausgiebig ein Bad in Schweineblut genommen hatte –was für eine Vorstellung! Ihm wurde Übel, als die Bilder erneut auf ihn einhämmerten. Er keuchte auf, als habe man ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt. Hastig schöpfte er sich Wasser ins Gesicht, welches er aus dem Krug in eine Schüssel goss, säuerte sich notdürftig, streifte seinen Mantel über und ließ diese Vorhölle hinter sich, in der er gewütet hatte. Die Klingel ertönte ein weiteres Mal in seinen Ohren, als die Tür zufiel. Der dunstige Nebel für den London berühmt war, schlich sich durch die Straßen, als wolle er ihn Willkommen heißen –und Sweeney nahm diese Einladung nur zu gerne an. Wie ein Schatten glitt er die Treppe hinab, schritt an den Tischen vorbei und verließ den blutigen Sumpf, in den er dieses Haus verwandelt hatte.

Die Nacht war so dunkel und finster, wie er sich in seinem Herzen fühlte. Seine Schritte wurden langsamer, je weiter er in den dunstigen Nebel hinein schritt, als hielte ihn eine unsichtbare Hand hier fest –hier in London. Diese verfluchte Brutstätte mit ihrem Geschmeiß aus Maden und Würmern, die im Staub krochen und glaubten, sie befänden sich im Paradies. Ekel befiel ihn. Todd schloss für einen Moment die Augen, um wieder Herr seiner Selbst zu werden, als ihn seine Gefühle zu übermannen drohten. Nein…jetzt nicht. Verdammt, jetzt nicht! fuhr er sich zornig selbst an. Seine Augen blitzten düster auf, als er sich wieder in Bewegung setzte. Bald war er nur mehr ein düsterer Schatten in dem undurchsichtigen Grau des Londoner Nebels, welcher seine Gestalt einhüllte und ihn endgültig verschluckte. Zurück blieb nur mehr die kühle Ahnung unvorstellbaren Grauens, welches schwer und drückend wie ein nahendes Gewitter in der Luft lag.
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