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Political Suicide

von Gambler
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
17.07.2008
18.07.2008
3
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17.07.2008 885
 
Wenn Gambler etwas hasste, dann waren es Verspätungen. Vor allem, wenn er selbst sich verspätete. Das Treffen war für siebzehn Uhr angelegt. Als er aus der Monorail ausstieg und die Treppen zum Bahnhof hinabstieg, war es bereits zehn nach fünf.
"Na toll", stöhnte Gambler, grub in seiner Jackentasche nach seinen Zigaretten und zündete sich eine an, obwohl auf dem Bahnhof striktes Rauchverbot herrschte. Scheiß drauf.
Auch mit Glimmstengel im Mund stach der junge Mann nicht besonders aus dem Rest der Menge hervor. Mit seinem schwarzem Wuschelkopf, durch den sich vereinzelt weiße Strähnen zogen und dem rot gefärbtem Kinnbärtchen, sah er zwischen den übrigen Besuchern und Bewohnern des Bahnhofs noch am gewöhnlichsten aus. Die zwei Piercings in der rechten Augenbraue und in der Unterlippe änderten daran auch nichts mehr. Ein Orkpunk, der an Gambler vorbeilief, hatte mehr Metall im Gesicht als ein Straßensamurai in seinem ganzen Körper.
Gambler trat aus dem Bahnhof in die kalte Winterluft Seattles. Er zog seine schwarze Kunstlederjacke, an der schon seit Ewigkeiten der Reißverschluss kaputt war, zu und stürmte über die Straße. Dabei klimperte der Ansteckbutton mit dem Pik-Symbol, eines von zwei Zeichen, das ihn auswies. Das zweite war der Aufnäher auf der Rückseite der Jacke, ein roter, brennender Würfel. Die meisten Menschen und Metamenschen in seinem Leben verstanden seinen Namen immer ganz falsch. Er nannte sich Gambler, also Glücksspieler, weil er bei jeder Gelegenheit sein Glück herausforderte und nicht, weil er nächtelang am Roulettetisch saß. Er war ein Adrenalinjunkie und ein Run konnte ihm nie gefährlich genug sein.
Er ging auf eine Kneipe zu, die genauso heruntergekommen war wie der Rest dieses Stadtviertels. Drinnen waren nur drei Personen anwesend: ein Ork in Lumpen, dessen schlechter Mundgeruch auch schon von draußen zu riechen war, eine Zwergenputze mit Wischmob, die den kläglichen Versuch startete, den Boden vom angetrocknetem Erbrochenem zu befreien, und ein kahlrasierter Mensch hinter der Theke, der bei Gamlers Eintreten aufblickte und dann mit dem Daumen über die Schulter auf eine Tür im hinterem Bereich der Kneipe deutete. Gambler nickte ihm dankbar lächelnd zu und für den Bruchteil einer Sekunde dachte er, der Wirt würde gleich unter die Theke greifen und eine Schrotflinte hervorholen, so wie der auf einmal guckte. Freundlichkeit kannte man hier wohl nicht. Schnell eilte Gambler an dem nach wie vor misstrauisch guckendem Wirt vorbei und verschwand durch die Tür. Auf einem kleinem Flur gingen zwei Türen ab. Die eine stand offen. Hinter ihr war ein kleiner Raum, der sowohl als Toilette als auch als Putzmittelraum benutzt wurde. Beim Anblick der ganzen chemischen Reiniger entschied sich Gambler, zum Wasserlassen lieber nach draußen zu gehen und sich hinter einen Baum zu stellen. Auf diesem Stillen Örtchen würde er sich nur sein bestes Stück verätzen.
Er öffnete die andere Tür und betrat einen Raum, der im krassen Gegenteil zum Rest der Bar stand. Die Wände waren mit rotem Teppich tapeziert worden und der Holzboden hatte bestimmt so viel gekostet wie ein Kleinwagen. Auch die Lampe an der Decke sah nicht gerade billig aus. In der Mitte stand ein großer, rechteckiger Tisch aus Ebenholz, auf dem ein kleiner, grauer Kasten stand. Ein White-Noise-Generator, schätzte Gambler. Um den Tisch standen fünf Stühle, von denen vier bereits besetzt waren. Jaja, mal wieder zu spät.

Am Kopfende des Tisches saß eine Elfe in einem teuren Business-Anzug. Ihre kurzen, braunen Haare waren streng nach hinten gekämmt und die Gucchi-Brille auf ihrer Nase machte ganz eindeutig klar, dass sie für irgendeinen Megakonzern arbeitete. Somit war sie der Johnson, der Auftraggeber. "Schön, dass sie uns endlich beehren", sagte sie mit einer Stimme, die keinen Aufschluss über ihre Emotionen gab.
Gambler setzte sich auf den letzten freien Stuhl neben einem großen, muskulösen Mann im Jeansoutfit. Der rötlichen Haut und den bunten Perlen nach, die in seine langen schwarzen Haare geflochten waren, war dieser Mann indianischer Abstammung, höchstwahrscheinlich aus dem Stammesland der NAN. Die Augen waren durchgehend weiß, Cyberaugen-Implantate. Gambler stufte den Mann als Straßensam ein. Gegenüber saß ein Zwerg, dem das Wort Magier praktisch an die Stirn getackert war. Er trug eine schwarze Lederhose, ein schwarzes Hemd und darüber einen schwarzen Mantel. Auch sein dünner Schnurbart und die Dreadlocks waren schwarz. An seinen Fingern klimperten silberne Ringe, manche schlicht, manche mit keltischen Knoten-Verzierungen und um seinem Hals hing eine Kette mit einem schwach blau leuchtendem Stein. Doch das eigentliche Highlight in diesem Raum war die junge Frau, die neben dem Zwerg saß. Sie hatte schulterlange, braune Haare und ein recht kindliches Gesicht. Mit der Baskenmütze auf dem Kopf, dem dicken Polunder über der Bluse und dem Faltenrock sah sie aus wie eine französische Austauschschülerin aus einem billigem Erotikfilm, den sich Gambler mal ausgeliehen hatte. Als sie nun ihren Kopf zur Johnson drehte, blitzte eine kleine verchromte Datenbuchse hinter ihrem Ohr auf. Das typische Merkmal eines Deckers. Gambler musste die Französin wohl einen Augenblick zu lange angestarrt haben, denn ein schmerzhaftes Pochen machte sich in seiner Hose breit. Sitz! Platz! Du kommst später dran.

"Da jetzt alle da sind, möchte ich mich vorstellen", leierte die Elfe ihre Standardbegrüßung runter, die jeder Johnson auswendig kannte. Der einzige Vorteil daran war, dass das bedrückende Gefühl der Enge in Gamblers Hose schlagartig nachließ. "Mein Name ist Mrs. Johnson. Und ich möchte ihnen ein Geschäft machen."
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