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Blut

von Aelea
GeschichteDrama / P18 / Gen
14.07.2008
15.07.2008
2
2.984
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14.07.2008 1.350
 
Der Grund für die Rückkehr meiner sadistischen Ader liegt darin, dass ich heute von gleich drei Leuten versetzt wurde; von einem davon drei Stunden bevor ich vorhatte aufzuwachen. Ich bitte daher um Verständnis falls jemand findet, dass Blade zu brutal geworden ist.



Als Karen sich den Nacken rieb, eine Geste, die ihr während der Wochen voll Forschungsarbeit so vertraut geworden war wie das geistesabwesende Essen mit nur einer Hand, tastete sie fast unbewusst nach den beiden verhärteten kleinen Kreisen auf ihrem Hals. Die Bisswunden hatten Narben hinterlassen. Vielleicht wären sie nach dem Biss einfach verheilt, wären die Wunden nicht immer wieder aufgerissen worden.
Sie presste die Lippen zusammen und konzentrierte sich auf die drei Blutproben, die vor ihr lagen. Normales Blut, Blut von infizierten und geborenen Vampiren. Sie hatte Blade nur gesagt, was sie benötigte, und es am nächsten Tag auf ihrem improvisierten Labortisch vorgefunden. Mit einer viel zu genauen Vorstellung davon, woher es kam, arbeitete sie nur damit und bat im Abstand einiger Tage um Nachschub, ohne ihn danach zu fragen.

Als er plötzlich neben ihr stand, erschrak sie so sehr wie jedes Mal; sie konnte sich nicht daran gewöhnen, dass nicht einmal das Knarren von Leder ihn verriet und es lag nicht in seiner Natur, sich durch ein absichtliches Geräusch anzukündigen.
Sie unterdrückte das Zittern ihrer Hand, als sie nach dem Injektor mit dem Serum griff.
Ohne ein Wort stand sie auf und nickte knapp, doch er hatte sich bereits abgewandt und ging zu dem Stuhl.
Manchmal fragte sie sich, ob sie sich das Unbehagen in seinen Bewegungen vor der Injektion nur einbildete oder ob auch er tatsächlich jedes Mal daran zurückdachte.
Er sah sie nicht an, als er die neuen Gurte festzog, sie so stramm um seine Muskeln anlegte, dass sie ihm ins Fleisch schnitten.
Sie verzichtete darauf, seinen linken Arm festzubinden. Sie hatte längst eingesehen, dass sie nicht stark genug war, um ihm ein nennenswertes Hindernis in den Weg zu legen.
Das Geräusch reißender Gurte, als er sich fast mühelos befreite …
Sie zwang sich dazu, ihn anzusehen, als sie das Hartplastikstück zwischen seine Zähne schob, als hätte sie vergessen, was geschehen war. Sie vermutete, dass er ihr ansah, dass sie daran dachte, jedes einzelne Mal, doch sie versuchte, es zu verbergen.
Das knackende Geräusch wie von Knochen, als seine Zähne die Scheibe einfach zerbissen und nur Splitter ausspuckten …
„Ich arbeite an einer Variante, die du dir selbst verabreichen kannst“, hörte sie sich sagen.
„Gut“, antwortete er undeutlich.
Sie verbot sich ein Zögern, als sie den Injektor an seinen Hals setzte und abdrückte. Whistler hatte immer seine Faust in Blades gedrückt. Sie hatte es nur einmal versucht. Er hatte ihr vier Finger gebrochen.
Seine Muskeln zitterten, seine Augen verdrehten sich, bis nur das Weiße zu sehen war; die Adern an seinen Armen traten hervor, sein Atem wurde so gepresst als würde er ersticken.
Sie konnte nicht anders; instinktiv wich sie zurück, presste den Injektor an sich und spürte die verhasste Mischung aus Furcht und Dankbarkeit dafür, dass er ihre Angst nicht sehen konnte. Wie jedes Mal zogen vor ihrem Auge die Bilder vorbei …

Wie er fast mühelos die Gurte zerfetzt und sich aufgebäumt hatte, einen Schrei in der Kehle, der ihr durch Mark und Bein gegangen war. Das Aufblitzen zu spitzer Zähne, die sich über seine Unterlippe schoben.
Der furchtbare Gedanke, dass etwas schief gegangen war, dass sein Blut nicht auf das neue Serum reagierte wie das Vampirblut.
Der Blick seiner Augen, als er sich an sie erinnerte, die blanke, ungezügelte Gier, wie sie so oft in ihren Albträumen sah, in Frosts Augen, Decans Augen, Augen, an deren Besitzer sie sich nicht erinnerte, für die sie kein Mensch war; nur Blut.
Der Gedanke an die Sinnlosigkeit ihrer Flucht, noch bevor sie sich tatsächlich abwandte und rannte, wissend, dass es genauso vergeblich war wie damals.
Keine Schritte hinter ihr, nicht das mindeste Geräusch, bis sich etwas gegen sie presste, sie nicht aufhielt, sondern beschleunigte, bis sie an ein Regal prallte.
Der instinktive Versuch, zurückzuweichen, und die sofortige Gewissheit um dessen Vergeblichkeit, als sie eine atmende Mauer aus Muskeln in ihrem Rücken spürte, die sie gegen die Regalbretter presste; heißer Atem in ihrem Haar.
Die Furcht, das instinktive Verkrampfen ihrer Muskeln, als große Hände ihren Kopf und ihre Schulter packten und auseinander zogen; der Gedanke, dass er ihr versehentlich das Genick brechen mochte, wenn sie nicht nachgab.
Der Schmerz, als sich die Zähne in ihren Hals bohrten, ohne Vorwarnung, ohne Rücksicht, ohne Interesse daran, ob sie überlebte oder starb; der Sog, der so heftig war, dass ihr schwarz vor Augen wurde, der unnachgiebige Körper in ihrem Rücken, der verhinderte, dass sie ihrer Ohnmacht nachgab und zu Boden sank.
Und dann nichts mehr außer dem krallenartigen Griff, der ihren Kopf in den Nacken drückte, dem Gestank von Schweiß und Blut und dem Mund, dessen Zähne sich in ihr Fleisch bohrten und dessen Lippen so fest an ihre Haut gepresst waren, dass sie Teil ihres eigenen Blutkreislaufs hätten sein können, wäre nicht durch sie das Leben aus ihr gewichen.
Der Gedanke, dass er sie töten mochte, jetzt, aus Versehen.

Sein Kopf hob sich langsam, löste sich aus der vornüber gebeugten Haltung; sein Atem ging ruhiger, die zu Fäusten verkrampften Hände lösten sich langsam.
Sie konnte es nicht über sich bringen, sich ihm zu nähern; obwohl sie wusste, wie sinnlos dieser winzige Vorsprung wäre, sollte es entgegen jeder Vernunft erneut passieren, brachte sie es nicht über sich, diesen winzigen Schutz aufzugeben.
Erst als er sie ansah und sie den üblichen verschlossenen Ausdruck seines Gesichts sah, beeilte sie sich, die Gurte zu lösen.
Manchmal dachte sie, dass sie einen Vorwurf in seinem Blick sah, dafür, dass ihre Gegenwart ihn immer wieder daran erinnerte, was er getan hatte, ihn an den Vampir in seinem Inneren erinnerte, doch wenn sie in seine Augen sah, fand sie nichts als die übliche unergründliche Tiefe.
Manchmal gelang es ihr, sich einzureden, dass er tatsächlich nicht ebenfalls jedes Mal daran zurückdachte.

Als sie erwacht war, fand sie sich in demselben Raum wieder wie damals. Die Pflanze war verschwunden; alles andere war geblieben.
Ihre Muskeln versagten bei dem Versuch, sich empor zu stemmen, ihre Hände zitterten wie die eines Alkoholikers und schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, als sie sich nur einige wenige Zentimeter aus der Waagerechten entfernte. Doch sie lebte noch.
Als sie sich mühsam an der Wand nach oben schob, sah sie ihn. Völlig unbewegt saß er neben dem Bett und sah ihr zu.
Sein Anblick ließ sie zusammenzucken. Gewaltsam hielt sie sich davon ab, zurückzuweichen.
„Wie geht es dir?“, lag ihr auf den Lippen, doch der Ausdruck in seinem Gesicht erstickte die Worte.
„Geh“, sagte er kalt. Keine Begründung, keine Erklärung.
„Nein“, widersprach sie. Wünschte, ihre Stimme wäre fester.
Zorn regte sich in seinem Gesicht.
„Warum?“, fragte sie, bevor er sprechen konnte.
Seine Kiefer mahlten. Einen Moment lang fürchtete sie, er würde sie einfach hinauswerfen, dann presste er die Lippen zusammen. „Sieh doch, was passiert ist. Dein Wundermittel hat mich fast dazu gebracht, dich zu töten. Seit Jahren kämpfe ich dagegen an und alles, was du tust, ist, mich wieder dazu zu bringen.“ Er zögerte, dann fügte er hinzu: „Du bist hier nicht sicher.“
„Ich kann es; das weiß ich“, widersprach sie. „Es war meine schuld, aber ich werde es schaffen.“
Unbewegt sah er sie an; setzte dazu an, zu sprechen.
„Ich will es so“, beharrte sie. „Dein Serum ist zu schwach; früher oder später wird es aufhören zu wirken. Ich kann dir helfen.“
Sekundenlang musterte er sie, dann stand er ruckartig auf und ging.
Als sie sich kräftig genug fühlte, aufzustehen, ging sie nach unten. Der widerlich süße Gestank von Blut hing noch immer in der Luft, schwer und klebrig wie Sirup.
Ihr Blick fiel auf den Stuhl. Er hatte die Gurte verstärkt, mehr von ihnen angebracht, die zerrissenen Überreste, an die sie sich nur als schlangenleichenartige Fetzen erinnerte, beseitigt.


Sie löste die Gurte. Dachte wie immer, dass ihre Anwesenheit für ihn wie ein beständiges, greifbares Schuldgefühl sein musste.
„Ich mache mich wieder an die Arbeit“, sagte sie in die Stille.
Er nickte nur.
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