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DEAD POETS SOCIETY - MAD WORLD

GeschichteDrama / P6 / Gen
11.06.2008
11.06.2008
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Mad World


Prologue

Es schneit, als ich die Straße mit hochgeschlagenem Mantelkragen entlang eile. Von fern höre ich die Kirchenuhr, wie sie dreimal schlägt, düster und unheimlich. Ich weiß, es ist viertel vor sechs am Abend.
Verdammt, denke ich. Eigentlich wollte ich noch bei Neil vorbei und dann in der Kirche für ihn eine Kerze anzünden. Aber ich habe keine Zeit.

Obwohl, denke ich, kurz vorbeigehen könnte ich doch trotzdem? Nur kurz? Später könnte ich ja wieder herkommen mit den Jungs und länger bleiben. Das konnten sie mir nicht abschlagen. Nein. Sie würden mitgehen, egal was wäre.

Meine Entscheidung ist schnell gefallen und schon biege ich nach links, laufe eine Gasse entlang und befinde ich mich am Tor zu Neil. Der Schnee hat etwas nachgelassen und gleitet nun sanft auf meine Schultern, während ich durch das aus Gusseisen gefertigte Tor trete. Ein Schauer überkommt mich wenn ich daran denke, wir ich hier als Junge dem Sarg Neils folgte. Ich glaube, Knox neben mir zittern zu spüren, glaube Charlie zu sehen, der seine Tränen freien Lauf lässt. Ich erinnere mich an Meeks, wie er den Kopfkranz von Neil in der Kirche in seine kalten Hände gelegt hatte. Die Kopfwunde hatte keiner von uns gesehen, Pitts meinte, sie hätten sie überschminkt. Er kämpfte mit den Tränen, als er das sagte.

Ich kenne den Weg genau und könnte ihn locker mit geschlossenen Augen entlanggehen, aber Dank des Schnees sieht man ihn sowieso fast nicht. Außerdem ist es dunkel, und eine Laterne, die mir die Richtung weisen könnte, gibt es nicht. Ich frage mich, ob ich der Stadt deswegen mal schreiben sollte…

Und dann bin ich da, sehe den weißen Marmor und die schwarzen Buchstaben, wie sie verkünden:


Neil George Perry

* 7. August 1942
t 12. Dezember 1959


Ich bleibe vor dem Grab stehen und betrachte es aufmerksam. Letztes Jahr war ich zum letzten Mal hier und ich fühlte mich schuldig, weil ich Neil in diesen zwölf Monaten vernachlässigt habe.
Es liegt kein Gesteck auf dem Grab, aber das wundert mich nicht. Eine Alkoholikerin und ein toter Mann können ja  mal schlecht einen Kranz oder Blumen auf das Grab ihres Sohnes legen.
Die Welt ist doch zum heulen.

Ich muss an den Tag der Beerdigung denken. Ich glaube an der Stelle zu stehen, an der Knox stand, mit Chris in der Hand, die Neil zwar kaum gekannt hatte, aber als Stütze für Knox mitgekommen war.
Ich weiß noch, wie ich damals nach Mr. Keating Ausschau hielt. Aber Pitts sagte mir später, dass Mr. Perry es unserem Lehrer verboten hatte, zu kommen.
Aber er war da gewesen. Denn als ich und meine Freunde später noch einmal zum Grab kamen, um uns in aller Stille zu verabschieden, konnten wir einen kleinen Kranz erkennen, auf dem geschrieben stand:


Oh Captain, my Captain.


In diesem Augenblick wussten wir, dass er hier gewesen war.

Plötzlich merke ich, wie sich noch jemand neben mich stellt. Aus den Augenwinkeln kann ich ausmachen, dass er etwa einen Kopf kleiner ist als ich, einen Mantel, Schal und Mütze trägt und seine Hände in Handschuhen stecken. Er sieht meinen Blick. Der Schal bedeckt gegen die Kälte sein ganzes Gesicht und ich kann nur seine Augen sehen, klar und tief, aber alt und traurig.

„Hallo.“, sage ich und lächele ihm kurz zu.
Die Augen des Mannes lächeln auch, das sehe ich sofort. „Hallo, junger Mann.“, antwortet dieser.
Dann schweigen wir, sehen beide wieder auf das Grab.
„Sind Sie ein Freund von ihm?“, frage ich den Unbekannten. Der dreht den Kopf nicht zu mir, sondern murmelt nur leise: „So könnte man es nennen…“ Er atmet tief aus, hustet kurz und sagt dann: „Und Sie?“
Ich weiß die Antwort sofort: „Wir sind Schulfreunde.“
„Ah, ja…“ Der Mann nickt.
In diesem Moment schlägt die Kirchenuhr sechs Uhr. Ich muss weiter.
„Einen schönen Abend noch, Mr…“, sage ich, bekomme aber keine Antwort. Ich zögere kurz, setze aber dann meinen Weg fort.

Als ich mich noch einmal umdrehe und zu Neil schaue, ist der Mann verschwunden. Und auf der Erde liegt ein Kranz mit bunten Blumen.



Many Meetings

Als ich in den Pub eintrete, werde ich sofort von einem hochgewachsenen Mann in Hemd und Cordhose begrüßt. Seine Haare trägt er immer noch so wie früher in der Schule.
„Todd!“, ruft Charles Dalton aus und schlägt mir freundschaftlich auf den Rücken.
„Hi Charlie.“, grinse ich zurück.
„Du bist der letzte, sonst sind wir schon alle da! Komm, wir sitzen hinten in unserer Ecke.“
Aber Charlie braucht gar nicht erst mehr zu sagen. Schon sehe ich die anderen, alle in gemütlicher Kleidung und mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Hey Jungs.“, sage ich und reiche jedem die Hand. Alle strahlen sie mich an und ich fühle mich willkommen, so wie jedes Jahr.

„Jake!“, ruft Charlie und schnippt nach dem Pubbesitzer. „Einen Bourboun für mich und meine Freunde hier!“
Ich setze mich zwischen Charlie und Pitts und lasse meinen Blick wandern. Pitts, der jetzt in Chicago wohnt, sieht müde aus. Wir wissen, dass er sich jetzt vor zwei Jahren von seiner Frau hat scheiden lassen. Dass er seine zwei Söhne nicht sehen darf, macht es ihm noch schwerer und ich glaube wirklich, dass er ohne den Alkohol nachts nicht einmal schlafen kann. Ob er seinen Job als Abteilungsleiter einer Schuhfabrik noch hat, weiß keiner von uns.

Links neben Pitts sitzt Meeks, unser Genie. Er hat nach der Schule studiert und ist jetzt ein Professor für Chemie, Physik und ein Doktor der Radartechnologie. Vor einigen Jahren hatte er die Radartechnik für die erste amerikanische Mondlandung entworfen. Wenn ich daran denke, wie ein Astronaut beim Start zum anderen sagt: „Schau, das hat Meeks gebastelt!“, muss ich grinsen.

Gleich neben unserem Professor sitzt Knox Overstreet, unser Familiendaddy. Er ist inzwischen seit zehn Jahren glücklich mit Chris verheiratet und die beiden haben zwei entzückende Töchterchen, die beide ganz nach ihrer Mutter kommen. Das weiß ich, denn Knox hatte uns zu seiner Hochzeit und den beiden Taufen eingeladen.
Noch dazu ist er ein Rechtsanwalt, ein ziemlich berühmter sogar.

Charlie rechts von mir hat ja nicht mit uns den Abschluss gemacht, sondern war nach seinem Rauswurf nach England geschickt worden. Als er zurückkehrte, studierte er Shakespeare, Geschichte und Literatur und ist heute das, was Mr. Keating auch einmal war. Ein Lehrer, sogar in Welton.
Charlie sagt oft, dass die Jugend von heute nur noch den neuesten Rock’n’roll im Kopf hätte und sich kaum für Poesie interessieren würde. Ich glaube, wenn Charlie ihnen sagen würde, dass sie ihre Gedichte als Musiktexte sehen sollten, wäre es viel einfacher ihnen was beizubringen.
Aber Charlie hört es nicht so gerne, wenn man ihm in seine Arbeit reinredet und solange er seine Schützlinge gut durch die Prüfungen bringt, ist ja auch alles in Ordnung.

Unsere Drinks kommen endlich, wir prosten uns zu und sagen: „Auf Neil!“ Dann trinken wir.
Meeks ist der erste, der etwas sagt: „Hm, also Jungs, das ist also der fünfzehnte Todestag von Neil.“
Wir nicken.
„Ging schnell.“, sagt Knox und blickt in die Runde. „Gestern noch saßen wir mit Neil in unserer Baumhöhle, heute stehen wir an seinem Grab.“
„Hör mir auf, von der Höhle zu reden, da muss ich immer an Cameron denken.“, sagt Charlie und reibt seine rechte Faust. Es ist die, mit der er damals Cameron eine verpasst hatte.
„Weiß eigentlich einer von euch, was er jetzt macht?“, fragt Pitts.
„Wenn ich es richtig weiß, ist er jetzt Arzt in San Diego.“, sagt Meeks und trinkt den Rest seines Whiskeys.
Wieder schweigen wir. Von Cameron hatten wir uns alle abgesondert, nachdem er uns verraten hatte.

„Ich war bei Neil.“, sage ich langsam. „Vorhin, bevor ich hierher gekommen bin.“
„Und? Wie sieht er aus?“, fragt Knox und spielt mit seinem Glas. Sein Blick ruht auf mir.
„Leer. Einsam.“, sage ich. „Keine Blumen, keine Kerze, nichts.“
„Würde mich auch wundern, wenn ein Geist seinem Sohn Blumen aufs Grab legen würde.“, meint Pitts und wir lachen.
Kurz nach Neils Tod hatte sich sein Vater auf dem Dachboden erhängt.
„Geschah dem Bastard recht.“, sagt Charlie und bestellt die nächsten Drinks. „Wenn er nicht so stur gewesen wäre, würde Neil heute hier bei uns sitzen, sich ordentlich die Kante geben und uns von seinem neuesten Brodeway-Stück erzählen.“
„Falsch.“, sagt Meeks. „Dann würden wir gar nicht hier sitzen, Charlie.“
Wir lachen wieder, wieder kommen unsere Drinks. Wir nehmen sie entgegen, prosten uns zu.
„Auf Neil!“, sagen wir, und wieder trinken wir.

Ich höre die Türglocke des Pubs. Knox kann den Neuankömmling genau sehen, ohne sich großartig zu bewegen. Ich drehe mich um und erkenne den Mann vom Friedhof. Er sieht mich und ich nicke ihm zu. Wieder lächeln seine Augen und ich glaube auf einmal, dieses Lächeln schon einmal irgendwo gesehen zu haben.

„Wer ist das denn?“, fragt Knox mich leise.
„Der war vorhin auch bei Neil.“, sage ich. „Er hat einen Kranz auf das Grab gelegt.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Wer ist der Kerl denn, dass er Neil kennt?“, fragt Charles.
Ich zucke mit den Schultern. „Keine Ahnung.“



Epilogue

Als es schon ein Uhr ist, trinken wir unsere letzten Gläser aus, holen unsere Mäntel und gehen hinaus in den Schnee.
„Bis nächstes Jahr, Jake!“, ruft Charlie noch und der Besitzer zwinkert ihm lächelnd zu.
Als ich mich noch einmal umdrehe sehe ich, dass Jake die Tür abschließt und alle Lichter löscht.

Unser Weg führt uns zu Neil, den wir zum Abschluss unseres Treffens besuchen möchten. Es ist bei uns Tradition und jedes Jahr liest einer von uns dann ein Gedicht vor, das er das Jahr über ausgearbeitet hat und für das gelungenste hält. Alle unsere besten Gedichte haben wir Neil schon vorgetragen.
Einmal ist ein Gedicht von Pits in der Zeitung erschienen. Als er uns beim nächsten Treffen den Artikel zeigte, stand unter den Strophen: „Ein Gedicht von Neil Perry, aufgezeichnet von Gerard Pitts.“
Wir wussten, dass das im Sinne von Neil gelegen hätte. Und so blieb er der Nachwelt unsterblich als Autor des Gedichts „Traum eines Mittsommers“ in Erinnerung.
Und dieses Jahr war ich dran. Ich hatte lange nachgedacht, was ich schreiben könnte, dann hatte ich ein schönes Thema gefunden und ich war mir sicher, dass es Neil und den anderen gefallen würde.

Endlich kamen wir an das Grab. Wir stellten uns in einer Reihe um das Grab auf. Ich hatte eine Taschenlampe dabei, die ich einschaltete, das Gedicht in meinen Händen.
Knox, Charlie, Pitts und Meeks senken die Köpfe um zu lauschen.
Und dann beginne ich:


Flying to earth
Wants a breath
For being on you
That’s foolish, hu?

Listening to your voice
Catching your lips
Turns to water
Is turning hotter.

The dauhter falled in love
Comes from above
Seeks your voice
For comin’ on your lips.

Me an’ my friends
Are rising our hands
Trying to catch you
That’s foolish, hu?

Now you are from above
You see us about our stuff
You seek our voice
For comin’ on our lips.


Ich verstumme und schalte die Lampe aus. Mein Blick wandert zu dem Marmor. Und durch den Schnee glaube ich zu sehen, wie Neil dort steht, ein Lächeln auf den Lippen. Und ich höre wie er flüstert: „Danke, Todd.“

„Es gefällt ihm.“, sage ich leise. Meine Freunde richten sich langsam wieder auf, nicken und lächeln. Knox legt mir eine Hand auf die Schulter und sagt: „Das glaube ich. Denn uns hat es auch gefallen.“
Dann zieht jeder von uns etwas für Neils Grab aus der Jackentasche. Pitts zieht eine Kerze hervor, Meeks eine kleine Engelsfigur, Charlie einen Kranz und Knox einen Strohstern. Ich selbst lege mein Gedicht in ein Kästchen am Fuß des Grabsteines, in dem schon alle Gedichte liegen, die wir je für Neil geschrieben haben.

Schließlich sind wir alle fertig und warten nur noch auf Knox, der seinen Strohstern zurechtlegt. Als er aufstehen will, zögert er jedoch kurz.
„Was ist, Knox?“, fragt Charlie ihn und tritt einen Schritt vor.
„Seht euch das mal an Jungs.“
Wir alle treten noch mal an das Grab, beugen uns tief hinunter und sehen auf den einzigen Schriftzug an dem Band des Kranzes, den der Fremde hinterlassen hat.
„Ich glaube, jetzt wissen wir, wen du da gesehen hast, und wir auch, Todd.“

Denn auf der Schleife stand:


Oh Captain, my Captain.
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