C'est un chat

von Shemona
GeschichteAllgemein / P6
05.06.2008
05.06.2008
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C'est un chat.

Das war der erste französische Satz, den ich gelernt hatte, als ich nach Frankreich gezogen war. Mit Händen und Füßen hatte ich verständlich gemacht, dass ich wissen
wollte, wie das Tier hieß, das sich da so zutraulich an meinen Knöchel schmiegte.
C'est un chat, hatte man mir geantwortet.
Seitdem war ich in die Katze vernarrt. Ich hatte sie Luna genannt und jeden Tag auf dem Friedhof, auf dem sie herrennlos herumstreunte, besucht. Ich war der einzige, der sie streicheln konnte. Alle anderen wurden fauchend vertrieben.
Dann zog ich nach Deutschland. Ich nahm sie mit.

In Momenten wie diesen vermisste ich sie. Seit Wochen war ich in Köln und hatte meine Luna zu Hause in Hamburg lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Ich fühlte mich alleine. Alle anderen Kandidaten waren nach der Sendung von ihren Familien umringt, während ich bei den Fans stand.
Meine Eltern lebten im Libanon und hatten keine Möglichkeit, hier zu sein. Die große Distanz zu ihnen machte mich traurig.

Ich war in meinen Gedanken so weit abgedriftet, dass ich beinahe erschrak, als ich ein junges Mädchen vor mir stehen sah. Ich musste lächeln.
Ihr T-Shirt zierte eine Katze, an ihrer Kette prangte ein Katzenanhänger und sie trug Katzenohrringe. Sogar auf ihrer Haarspange waren comicartige Katzenköpfe zu sehen.
Das Mädchen musste etwa 16 sein, vielleicht etwas älter, vielleicht etwas jünger.

"Hey", begrüßte ich sie freundlich. Völlig ohne Umstände fragte sie: "Darf ich dich umarmen?"
Ich fand sie furchtbar niedlich. Ich hätte ihr keine Bitte ausschlagen können.
"Natürlich", lachte ich.
Dann beugte ich mich ein Stückchen zu ihr herunter, schlang die Arme um sie und drückte sie and mich. Sie roch gut, sie war warm, sie erinnerte mich an Luna.
Als ich sie wieder losließ, strahlte sie mich an.
"Ich finde dich einfach zu knuffig, ich musste dich drücken!"
Knuffig?
"Was ist das?", fragte ich.
"Knuffig?", wiederholte sie. Ich nickte.
"Das ist so etwas wie... niedlich.. oder putzig..." Sie schien nach Worten zu ringen.
"Weißt du, das ist eigentlich wie bei einer Katze. Wenn ich ein süßes Kätzchen sehe, muss ich es auch gleich knuddeln. Genauso ist das auch bei dir", erklärte sie.
Dieser Vergleich gefiel mir. Wie bei einer Katze.
Selig lächelnd sah ich wieder zu ihr herunter, doch sie war bereits verschwunden.

"Hast du dir mal Monika angeschaut?", fragte Thomas neben mir plötzlich. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er sich zu mir gestellt hatten.
Mein Blick wanderte in die Richtung, in die er zeigte.
Dort, auf der Bühne, stand sie, ganz alleine, die Arme seitlich von sich gestreckt, und sang aus vollem Hals 'I'm like a bird'. Dann schloss sie die Augen, begann sich um die eigene Achse zu drehen und rief: "Ich wäre so gerne ein Vogel, völlig frei!"
Thomas lachte amüsiert, auch ich musste schmunzeln.
Mitten in der Bewegung stoppte Monika plötzlich und sah mich auffordernd an.
"Welches Tier wärst du gerne?"

Ich antwortete ihr nicht. Ich lächelte und schwieg.

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