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Aufwachen

von CoraLan
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
30.05.2008
08.09.2008
11
31.676
106
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Dieses Kapitel
21 Reviews
 
 
30.05.2008 1.728
 
Eigentlich wollte ich ja Feiertagsgeschichten schreiben. Aber diese kleine Story (ca. 5 - 6 Kapitel - o.k. ich muss mich verbessern, es werden inzwischen mindestens 7) spielt definitiv nicht an einem Feiertag, sondern an ganz normalen Arbeitstagen.
Sie ist mir so zugeflogen, während ich an Grillenmusik geschrieben habe (hat aber absolut überhaupt nichts damit zu tun) und wollte unbedingt aufgeschrieben werden, sozusagen ein kleines Intermezzo.
Ich hoffe, ihr habt Freude daran.



* * *


„Aufwachen, Süßer“, drang es von irgendwo weit her in sein Bewusstsein.

Sicherlich ein Albtraum. Irgendwelche Vertreter, die Sturm klingelten, oder eine Feuerwehrsirene, ein Streifenwagen. Nichts, das Luca etwas anging. Jetzt schüttelte ihn der Vertreter wohl auch noch.
„Luca, aufstehen!“

Ärghs. Er stöhnte verhalten und versuchte, seine Augen zu öffnen. Das ging nicht. Also kniff er sie einfach noch fester zu. Vielleicht hatte ihn ja der Streifenwagen überrollt und er konnte liegen bleiben.

„Jetzt komm schon. Du hast Vorlesung. Ich muss gleich weg. Also raus aus den Federn.“

Langsam begriff er, wer ihn da schüttelte und nervte.
„Benny“, nuschelte er. „Will nich...“

Schön, er ließ ihn tatsächlich in Ruhe. Luca hörte ihn aus seinem Zimmer gehen und schlief augenblicklich wieder ein.

Im nächsten Traum regnete es. Mitten in sein Gesicht. Er drehte es weg, doch dann erwischte es seinen Nacken. Unwillig wollte er sich die Decke über den Kopf ziehen, als sie ihm aus den Händen gerissen und vom Bett geworfen wurde.

„Auf, auf, Schlafmütze!“

Jetzt sprühte Benny ihm mit diesem dämlichen Blumenbesprüher über den nackten Rücken. Luca trug nur Boxershorts und Benny machte sich einen Spaß daraus, ihn bis zu seinen Füßen nass zu spritzen.

„Ah...“, machte Luca schleppend und drehte sich auf den Rücken. „Wozu hast du das dämliche Teil gekauft? Wir haben keine Blumen.“

„Nur für dich, Luc, selbstverständlich nur für dich.“

Er streichelte über Lucas flachen Bauch und der war zu müde, ihn wegzustoßen. Hätte sowieso nichts gebracht. Sie kannten sich seit dem Kindergarten. Da gab es nichts, was Benny an ihm noch nicht gesehen oder angefasst hätte. Er war eben so. In der Hinsicht hatte er keine Skrupel und Luca hatte sich einfach daran gewöhnt, keinerlei Privatsphäre zu haben und von seinem besten Freund geknuddelt und begrapscht zu werden. War ja nicht so, als würde Benny zu weit gehen. Da kannte sogar er Grenzen.

„Kaffee wär mir lieber“, murmelte Luca.

„Steht in der Küche.“ Benny packte ihn an beiden Händen und zog ihn hoch. „Aber erst ins Bad mit dir. Ich muss wirklich weg. Denk nicht mal dran, wieder ins Bett zu fallen.“
Damit schob er ihn ins Bad und lehnte ihn ans Waschbecken. Er selbst war schon fertig angezogen und hatte sein kurzes, schwarzes Haar hochgegelt. Dann gab es schon den obligatorischen Schmatz auf die Wange und Benny rannte in den Gang.
„Bis später!“, rief er noch von der Wohnungstür aus, ehe er sie hinter sich zuzog.

Einen Moment überlegte Luca, ob er nicht doch wieder ins Bett gehen sollte. Aber Benny hatte ja recht, er musste zur Uni. Nur, Freitagmorgen war einfach die Hölle. Luca arbeitete von Mittwoch bis Samstag nachts in einem Club hinter der Theke, normalerweise bis ein Uhr. Nur donnerstags musste er bis vier Uhr bleiben und ausgerechnet freitags hatte er schon um halb Neun Vorlesung. Als er seinen Chef gefragt hatte, ob er seinen langen Arbeitstag nicht verschieben könnte, hatte der ihm nur eine Predigt über Arbeitsmoral und richtiger Einstellung gehalten. Mit dem konnte man überhaupt nicht vernünftig reden. Egal weswegen, er mäkelte immer an Luca herum und machte ihm das Leben zur Hölle. Freundlicherweise hatte er ihm dann angeboten, bis Fünf zu arbeiten, dann bräuchte er gar nicht mehr ins Bett zu gehen.

Schnaubend putzte sich Luca die Zähne und wusch sich mit kaltem Wasser, um wenigstens ein bisschen wacher zu werden. Es half nicht viel. Auch der Kaffee machte ihn nicht wirklich munter. Ein Glück, dass er heute Nachmittag frei hatte, wenigstens ein paar Stunden, um zu schlafen, bevor er wieder in den Club musste. Hoffentlich kam nichts dazwischen, schließlich hatte er noch zwei weitere Nebenjobs. Essensausgabe in der Mensa und dann noch Aushilfe in der Unibibliothek. Wenn er Pech hatte, musste er da auch noch für irgendwen einspringen. Nein, heute nicht. Er würde bis Mittag aushalten und dann zurück ins Bett fallen. Ja!

Die U-Bahn war heute nicht ganz so überfüllt wie sonst und Luca ergatterte einen Sitzplatz. Es kümmerte ihn gar nicht mehr, wer neben ihm saß. Er schloss einfach die Augen. Sieben Stationen Ruhe. Vielleicht sollte er von nun an doch die Vormittage von Professor Staudinger schwänzen. Nur, sie waren wichtig. Im Grunde genommen war der Professor der einzige, bei dem Luca so etwas wie den Unterschied zwischen Symbolismus und Expressionismus begriff, obwohl beides ja durchaus ineinander überging. Wenn er dort nicht mehr hinging, konnte er Kunstgeschichte gleich schmeißen. Und was dann?

Zurück zu seinen Eltern gehen? Sie würden ihm ja nicht mal die Tür aufmachen, schließlich war er ja so dermaßen pervers, dass es ja auf seine lieben Brüder abfärben könnte, gleichgültig, dass die beiden älter und von ihrem kleinen Bruder überhaupt nicht zu beeinflussen waren. Oder er würde sie alle mit Aids infizieren. Das war wohl sogar die größte Sorge. Dabei, verflixt, hatte er nicht einmal ein Sexualleben, bei dem er sich anstecken könnte!

Luca hätte sich einfach nie outen sollen. Da hatte er definitiv zu viele schmalzige Serien gesehen, in denen das immer nach kleineren Anfangsschwierigkeiten akzeptiert wurde. Seine Schwierigkeiten hatten nicht aufgehört. Gleich nach den Abiprüfungen hatten sie ihn rausgeworfen. Nicht einmal auf die Ergebnisse hatten sie gewartet. Ein paar Wochen war er bei seiner Oma untergekrochen. Sie würde ihn auch für immer aufnehmen, doch das war zu weit weg von der Uni.

Mit einem tiefen Aufseufzen schob er diese Gedanken zur Seite und lauschte nur auf seinen Atem. Wer wie er wenig Schlaf bekam, konnte überall entspannen. Luca schaute nach draußen. Noch drei Stationen, dann musste er sich wieder bewegen. Ihm fielen die Augen zu.

Wieder wurde er geschüttelt. Hm? Benny? Schon wieder? Der war doch eine halbe Stunde vor ihm gefahren.

„Hey“, sagte eine unbekannte Stimme. „Aufwachen. Komm schon. Wir müssen gleich raus.“

Luca blinzelte und sah in vollkommen grüne Augen. Amüsiert musterten diese ihn. Die kannte Luca nicht. Auch das leicht gebräunte Gesicht hatte er noch nie gesehen.

„Hm?“, machte Luca jetzt hörbar.

„Komm schon.“
Der Besitzer dieser Augen zog ihn einfach von seinem Sitzplatz und schleppte ihn hinter sich her, bis er neben ihm auf dem Bahnsteig zu stehen kam.
„Du wolltest doch zur Uni, oder?“, fragte er jetzt und lächelte.

Und was für ein Lächeln! Es ging Luca durch und durch. Die Lippen waren zart geschwungen, sahen unglaublich weich aus und daneben bildeten sich hinreißende Grübchen. Luca starrte den Unbekannten nur sprachlos an. Dieser war eine Handbreit größer als er, dabei war er auch nicht klein. Die breiten Schultern konnten so einen schlaksigen Kerl wie Luca richtig neidisch machen. Komischerweise war er es aber nicht. Er fand sie einfach nur schön, ihn fand er schön. Der Unbekannte hatte sein glänzend blondes Haar ihm Nacken zu einem Zopf zusammengefasst.

„Wolltest du nicht?“, meinte er jetzt. „Hättest du lieber bis zur Endstation geschlafen?“

Auch diese Stimme ging Luca durch und durch. Tief, ruhig, freundlich und gleichzeitig fröhlich. Bei dem Klang kribbelte es einem unwillkürlich über den Rücken.

„Eher bis Mittag“, murmelte Luca und der andere lachte.

Immer noch sah Luca ihn an. Wie konnte jemand so ein tolles Lachen haben? Endlich wurde er sich seines Starrens bewusst und er schaute hastig weg, suchte mit den Augen irgendetwas, an dem er sich festhalten könnte. Die Uhrzeit. Ja! Das war gut. Nein, gar nicht gut.

„Ich komme zu spät“, hauchte er und der Blonde lachte wieder.

„Nicht nur du.“

Dann ging er tatsächlich an Lucas Seite zur Uni. Und der wusste gar nichts zu sagen. Was sollte er zu ihm sagen? Was würde er von ihm denken? Zuerst schlief er ein, dann brachte er den Mund nicht auf, und jetzt stolperte er auch noch über seine eigenen Füße, gerade als sie auf das Unigelände kamen.
Der Blonde packte ihn am Arm und stützte ihn. Luca fühlte sein Gesicht rot anlaufen. Bei seiner blassen Haut passierte das schnell. Dazu die roten Wuschellocken. Hatte er sie heute überhaupt gekämmt? Er machte sich zum Trottel, ganz bestimmt. Endgültig. Und leuchtete bestimmt auffälliger als eine Glühbirne.

„Danke“, schaffte er und sah dem Blonden wieder nicht ins Gesicht, sondern auf die Füße, als wären ausgetretene Turnschuhe so wahnsinnig interessant.

„Du solltest früher ins Bett gehen“, meinte der nur.

Luca riss den Kopf hoch und fuhr zornig auf: „Weiß ich selber!“
Oh, so unfreundlich wollte er doch gar nicht klingen! Er war ja gar nicht auf den Blonden sauer, sondern auf seinen Chef, der ihn nicht eher gehen ließ, und auf seine Eltern, wegen deren Vorurteilen er so viele Jobs brauchte.

Der Blonde löste seine Hand von Lucas Arm, als hätte er sich daran verbrannt. „Na dann, man sieht sich!“, sagte er schnell, bevor er in einer Horde Studenten untertauchte.

Wie angewurzelt blieb Luca stehen und starrte ihm hinterher. Einmal entdeckte er noch seinen leuchtenden Haarschopf, dann bog er in einen anderen Gang. Immer noch fühlte Luca seine Hand auf sich. Was war das eben gewesen? Der ... der Typ war einfach unglaublich. Hilfsbereit, nett, gutaussehend. Und Luca sprang darauf an. Sein Herz klopfte bis zu den Ohren und seine dämliche Birne lief sicherlich noch röter an. Verwirrt fuhr er sich durchs Haar. So hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Irgendetwas ging da gewaltig durcheinander.

Endlich drehte er sich um und ging in Richtung Hörsaal.
Wieso hatte er den Blonden nicht nach seinem Namen gefragt? Fuhr er jeden Tag die gleiche Strecke? Zur selben Zeit? Im Grunde genommen war das auch egal. Selbst dann würde Luca ihn kaum treffen. Morgens war die Bahn so voll, dass manchmal nicht jeder einsteigen konnte. Außerdem stand der Blonde sicherlich nicht auf Männer und selbst wenn, dann nicht auf einen hellhäutigen Rotschopf. So viel Glück hatte Luca nicht, so viel Glück hatte er nie.

Von der Vorlesung, wegen der er extra aufgestanden war, bekam er gar nichts mit. Er sah nur grüne Augen vor sich und hörte dieses herzliche Lachen. Argh, es war zum Verrücktwerden. Resigniert schloss er die Augen und öffnete sie sofort wieder, um nicht erneut einzuschlafen und sich zum absoluten Deppen der ganzen Uni zu machen.

* * *









Dankeschön fürs Lesen!

LG, Cora
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