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Nach dem Erfolgsgeheimnis zum Erfolg

von Amberlove
GeschichteLiebesgeschichte / P6 / Gen
Ben Kessler Katja Metz
22.05.2008
22.05.2008
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4.484
 
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Nach dem Erfolgsgeheimnis zum Erfolg

Katja und Ben saßen in Katjas Auto, um zu ihr zu fahren. Normalerweise hätte davon gesprochen werden können, dass sie nach Hause fuhren, aber dies war bei Ben laut Katja nicht wirklich der Fall.
„Der Fall war immerhin mal etwas anderes“, begann Katja über den Tag nachzudenken und riss Ben aus seinen Gedanken.
„Ja, was man so übereinander erfährt“, fing Ben sie wieder wegen des Shampoos zu provozieren.
„Ben, kannst du das dämliche Thema nicht mal lassen?“, fragte Katja genervt, „sonst kannst du dir echt ein Hotel suchen.“
„Soll ich dir dann mein Shampoo dalassen?“, fragte Ben mit einem breiten Lächeln.
„Wenn du dir dann mal ein Shampoo kaufst, wo man draufsteht“, war Katjas lächelnder Kommentar dazu.
„Was soll das denn jetzt heißen?“, war Ben sofort irritiert.
„Das soll heißen, dass kein Mann den ich kenne diese Früchte im Shampoo hat“, meinte sie kritisch und bog rechts ab, bremste, um einen Fußgänger hinüber zu lassen. Ben wollte sich gerade verteidigen, als er ein „hey“ seiner Kollegin vernahm, „ist das nicht unsere Mathelehrerin?“
Ben wandte sich widerwillig, da ihn das Shampoothema noch nicht losließ, von Katja ab und sah hinaus. „Nein, die sieht eher aus Frau Küppers“, Ben spottete.
„Oh“, meinte Katja verdutzt, „meine ich doch.“
„Seitdem ich bei dir wohne, bist du ganz schön durcheinander“, bemerkte Katjas Partner mit einem anscheinend ahnungsvollen und charmanten unterdrückten Lächeln.
„Das hättest du wohl gerne“, fing Katja sofort an ihn auszulachen und fuhr weiter. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel, „Dirk war auf der anderen Straßenseite.“ Neugierig sah sie sich nach den beiden um, doch bedauerlicherweise war die folgende Ampel direkt grün, sodass sie die Beiden nicht weiter beobachten konnte.
„Meinst du bei den beiden läuft was?“, fragte Ben und drehte sich auffällig um.
„Ja, sicher und Nicki und Lothar heiraten nächste Woche“, stellte Katja Bens Mutmaßungen lächerlicher dar, als sie eigentlich waren.
„Haha, Lothar ist viel zu alt für Nicki“, Ben hatte sich inzwischen nun auch wieder umgedreht und sah auf die Straße, „mein Alter würde für gehen.“
„Natürlich“, grinste Katja, „und du und Harry, geht das?“
„Wieso denn Harry?“, fragte Ben verwirrt, „die ist doch älter als ich.“
„Der Altersunterschied ist zwischen dir und ihr wie bei dir und Nicki. Warum geht das nicht, hm?“, sie hatte Spaß daran ihn mit Sowas aufzuziehen.
„Ja, also“, Ben wusste nicht, was er sagen sollte.
„Ha!“, meinte Katja triumphierend, „ihr dürft ne Jüngere haben, aber wir Frauen nicht oder was?“
Ben drehte sich wortlos zu seiner Partnerin und musterte sie aus den Augenwinkeln.
„Was ist denn schon wieder?“, bemerkte sie seinen Blick
„Ich mach doch gar nichts“, tat Ben sofort unschuldig.
„Ich sag dir mal was“, wollte Katja anfangen Generelles klarzustellen, doch in diesem Moment klingelte Bens Handy.
„Kessler“, meldete Katjas Kollege, Partner und Mitbewohner sich.
„Hi. Ja, okay. Alles klar, bis dann“, waren seine Worte.
„Was wegen deiner Wohnung?“, hoffte Katjas auf Neuigkeiten.
„Nein“, bemerkte Ben eher weniger enttäuscht aufgrund dieser Tatsache.
„Schade“, bemängelte Katjas stattdessen.
„Lust heute Abend was trinken zu gehen?“, fragte Ben, „ein paar Kumpels von mir sind auch da.“
„Nein, ich genieß die Zeit ohne dich lieber auf dem Sofa“, bemerkte Katja, „wenn du deinen Kram da weggeräumt hast.“
„Meinst du, du kannst das überhaupt noch ohne mich?“, fragte Ben scheinheilig und überhörte den letzten Teil. Inzwischen waren sie vor Katjas Haus angekommen und stiegen aus.
„Deine Sprüche sind auch immer die Gleichen oder?“, fragte Bens Partnerin ihn skeptisch, während sie den Kopf schüttelte und den Wagen wieder verschloss.
„Komm doch heute Abend mit“, bat Ben, „wird bestimmt ganz nett.“
„Nein, Ben“, beharrte Katja.
„Was muss ich machen, damit du mitkommst?“, fragte Ben.
„Halt einfach mal die Klappe, du machst mich wahnsinnig“, Katja war inzwischen wirklich genervt. Es war anstrengend einen Ben, der Kollege, Mitbewohner und Partner gleichzeitig war zu ertragen. Katja erwartete, dass er ihr etwas entgegenwarf. Einen Spruch oder ... verwirrt sah sie sich zu ihm um, als sie die Tür aufschloss. Stumm lächelte er sie dämlicher an als ihr lieb war.
Ben durchforstete die Zeitung als sie oben waren und Katja hatte keine Lust zu fragen, wonach er suchte. So saßen sie in Katjas Wohnung, Katja in der Küche, mit Musik im Ohr und Kaffeebecher vor sich stehend, Ben im Wohnzimmer, die Zeitung vor sich ausgebreitet.
Die Zeit verging und Katja hatte seit langem mal wieder das Gefühl, dass sie in ihrer Wohnung alleine war. Doch dafür musste sie die Augen schließen, denn ansonsten sah sie überall Sachen ihres Kollegen herumliegen. So wie im Moment hatte es lange, wenn sogar noch nie in ihrer Wohnung ausgesehen.
Nachdem zwei Stunden vergangen waren, war es plötzlich Ben, der vor ihr stand, einen weißen DinA4 Zettel vor sich „Jetzt musst du aber doch mitkommen“.
Genervt sah sie vom Zettel in seine Augen, „aber nur kurz.“ Ben lächelte zufrieden.
Katja machte sich keine Mühe sich noch weiter umzuziehen und ging wortlos mit Ben auf die Straße. „Wo geht’s denn hin?“, wollte sie wissen. Hamburg war inzwischen nicht mehr im Tageslicht zu erleben, sondern war die Dämmerung hereingebrochen.
„Gleich um die Ecke“, erklang Bens Stimme seit zwei Stunden nun das erste Mal wieder in ihren Ohren, „wir müssen Morgen erst mittags in der Wache sein“, bemerkte Ben noch, „Dirk hat angerufen.“
„Wieso hab ich das nicht mitbekommen?“, fragte Katja erstaunt, schließlich war es ihre Wohnung.
„Das Telefon hat geklingelt, als du im Bad warst“, erklärte Ben.
„Ben, du wohnst bei mir, aber ans Telefon gehe immer noch ich“, stellte Katja klar, „das ist nämlich meine Wohnung und du wohnst da nur übergangsweise, auch wenn du dich anscheinend wie zuhause fühlst.“
„Vielleicht solltest du dir ein Telefon ins Bad stellen lassen, damit du immer erreichbar bist“, schlug Ben vor,  etwas entrüstet darüber, dass sie ich so aufregte.
Sie funkelte ihn wütend an, es gefiel ihr absolut gar nicht, dass er dermaßen übertrieb.
„Ach Katja“, seufzte er und wollte die Situation wieder etwas auflockern.
„Was?“, zischte sie und sah zu ihm auf, woraufhin er sofort lieb lächelte und sie wandte ihren Blick wieder von ihm ab, „ich bin froh, wenn ich dich wieder los bin, Kessler.“
„Das glaube ich nicht“, meinte Ben scharf und sah scheinheilig drein,  „eigentlich kriegen wir das doch ganz gut hin. Wir haben das sogar noch besser hingekriegt als ich dachte. Wir wohnen jetzt seit 10 Tagen zusammen und haben uns erst drei mal so richtig gefetzt.“
„Da hast du die Dienstzeit aber nicht mitgezählt, oder?“, fragte Katja wie beiläufig und versuchte ihren Feierabend zu genießen.
„Es waren wirklich nur drei mal“, beharrte Ben und sah sie erwartungsvoll an.
„Ich finde es trotzdem anstrengend so lange permanent mit einem Menschen zusammen zu sein“, wurde Katja nun wieder ernster, „ich bin da ...“ Sie überlegte. Wie war sie denn? Ein Einzelgänger war sie wohl weniger. „Ich weiß auch nicht, das ist einfach nichts für mich.“
„Ich kann auch woanders hin, Katja, wenn dir das zu viel wird“, meinte Ben, der nicht wusste und der es vor allem nicht bemerkte, dass Katja seine Anwesenheit zu stören schien. Ganz im Gegenteil, manchmal hatte er den Eindruck, dass es ihr sogar Spaß machte. Aber bei dieser Frau konnte er sich ohnehin kaum sicher sein. Es war schon immer schwer zu sagen, was sie dachte oder wie sie reagieren würde.
„Nein, so war das jetzt nicht gemeint“, kam es sofort ohne zu überlegen von Katja, so war es wirklich nicht gemeint.
„Ist es mit mir also doch nicht so schlimm?“, harkte er nach. Katja reagierte nicht, sie schien zu überlegen, aber dann war es wieder Ben, der sprach, „das muss dir nicht peinlich sein.“
„Wieso sollte mir das peinlich sein?“, ging sie sofort auf seine Provokation ein.
Ben lächelte sie wieder an, als hätte er sie durchschaut, „ich weiß auch nicht, was im Moment mit dir los ist. Irgendwie bist du anders.“
Katja spürte, wie ihr auf einmal eiskalt wurde. Sie war sicher, dass sie ihn mehr als geschockt ansah, fing sich jedoch möglichst schnell wieder.
„Das kommt, weil dir auf einmal mehr Sachen auffallen. Sachen, die dich überhaupt nichts angehen“, stellte Katja Bens Hirngespinste klar.
„Zum Beispiel wie lange du duscht?“, fragte er.
„Ben!“, forderte sie ihn auf, dieses Thema endlich unter den Tisch fallen zu lassen.
„Ja?“, tat er mal wieder scheinheilig und sah sie lächelnd an.
„Können wir nicht mal über was anderes reden, als über deine Frauenprobleme?“, fragte Katja.
„Ich und Frauenprobleme?“, fragte Ben als würde sie jemand anderes meinen.
„Wer hat denn keine Ahnung, wie lange Frauen im Bad brauchen, hm?“, fragte sie siegessicher.
„Ich dachte wir wollten nicht mehr darüber reden, wie lange hübsche Kolleginnen im Bad brauchen?“, erinnerte Ben seine Partnerin.
In diesem Moment kamen sie vor der verabredeten Kneipe an und zugleich klingelte Katjas Handy. „Geh schon mal rein, ich komme nach“, meinte Katja und meldete sich „Ja.“
„Gut“, meinte Ben und betrag die Kneipe alleine. Ein Bekannter und seine Freundin saßen schon an einem Tisch und er setzte sich dazu. „Na, alles klar?“
„Jo und bei dir? Wolltest du nicht deine Kollegin mitbringen?“, wollte Bens Freund Jan wissen.
„Ja, die telefoniert noch draußen“, meinte Ben und nickte nach draußen, wo man Katja vor der Scheibe stehen sehen konnte.
„Sie sieht aber nicht sehr glücklich aus“, meinte Jans Freundin nach einiger Zeit, während Ben sich schon ein Bier bestellt hatte und sich mit seinem Kumpel über Fußball unterhielt.
Ein Blick zu Katja genügte Ben, um die Aussage von Jans Freundin Marion zu bestätigen. „Ich geh mal gucken, was mit ihr los ist“, fragte Ben sich viel mehr als er das sagte, stand schließlich aber doch auf. Als er bei Katja angekommen war, hatte sie gerade aufgelegt und ließ das Handy geschockt an sich hinuntergleiten. Ben eilte schnell auf sie zu, um ihre Hand zu halten, damit sie ihr Telefon nicht fallen ließ. Katja konnte sich schnell wieder fassen, um Bens Berührung auszuweichen und in dem Moment sah sie ihn an, Tränen glitzerten in ihrem Gesicht.
„Was ist denn los?“, wollte Ben sofort wissen und hatte die Befürchtung, dass es auch ihn betraf.
„Er ist tot“, waren Katjas einzigen Worte, „er hat sich umgebracht.“ Selbstmord, das schloss schon mal die Kollegen des 14. Reviers aus, mutmaßte Ben.
„Wer denn?“, fragte Ben wieder und traute sich nicht, Katja näher zu kommen, er stand ihr gegenüber, sie sah in die Nacht, wich seinem Blick aus.
„Nuri“, sprach Katja den Namen wieder mithilfe ihrer Türkischkenntnisse richtig aus.
„Was?“, Ben konnte es kaum glauben und das schlechte Gewissen packte ihn. Er war es, der ihn weggeschickt hatte, der glaubte, es wäre wieder alles in Ordnung. Damit hatte niemand gerechnet. „Warum?“, brachte Ben geradeeben hervor.
„Seine Mutter, sie ist vor einigen Stunden gestorben“, kam es geistesabwesend von Katja. Es schien als stünden sie Stunden stumm voreinander, doch im selben Moment fassten sie sich wieder und sahen sich an, ein vertrauter Blick lag zwischen ihnen.
„Wir konnten nichts machen, Katja. Wir können nicht überall sein, oder?“, Ben versuchte sie beide aufzumuntern.
„Ich weiß, du hast Recht. Aber es ist ein Scheißgefühl“, gab Katja mit ebenfalls sanfter Stimme zurück.  Ben nickte zustimmend.
„Irgendwie mochte ich ihn, obwohl er so viel Mist gebaut hatte“, meinte Katja und ohne es zu wollen, schossen ihr einige Szenen durch den Kopf, wie sie Nuri im Arm hielt, nachdem sie ihn angeschrieen hatte ...
Ben musste Lächeln, bei dem Gedanken, wie Nuri ihn angesehen hatte, als Ben die Tür von Katjas Wohnung geöffnet hatte. Nuri hatte sicher geglaubt, dass Katja und Ben eine Affaire hatten.
Katja bemerkte das Lächeln im Gesicht ihres Kollegen. „Warum grinst du so bescheuert?“, wollte sie wissen.
„Ich muss gerade an Nuri denken und an sein Gesicht, als er mich in deiner Wohnungstür gesehen hat“, meinte Ben, ohne weitere Anspielungen. Katja fing an zu lachen, es war kein ehrliches Lachen, es war ein Lachen, um die trüben Gedanken zu vertreiben.
„Der hat sich bestimmt seinen Teil gedacht“, bestätigte nun auch Katja Bens Gedanken und Ben entschied sich, ihr niemals von dem weiteren Gespräch zwischen ihm und Nuri zu erzählen.
„Gehen wir rein und trinken einen auf Nuri?“, fragte Ben.
„Oder auch drei“, war Katjas verzweifelte Kommentar dazu.
Ben lächelte und folgte Katja, die in die Kneipe ging, blieb dann aber wieder stehen, weil sie nicht wusste, wer zu Bens Freunden gehörte.
Ben ging vor und lief in die Ecke der Kneipe, in der inzwischen schon zwei Paare saßen. Alle seine Freunde hatten eine Freundin, die immer mitgebracht werden musste.
„Ben kommt ausnahmsweise mal nicht alleine?“, fragte eine junge Frau ihren Freund und lachte.
„Mach dir keine Hoffnung, wir sind nur Kollegen“, meinte Ben und sah Katja mit einem Lächeln an. Es war gut, dass sie ausgegangen waren, fand Katja, das lenkte sie ab.
„Hi, ich bin Karin“, stellte sich die freche Frau vor. „Katja“, meinte die betreffende Person.
Sie setzten sich dazu, tranken, redeten. Katja verstand sich sehr gut mit Karin, während die anderen vier sich mit Fußball und St. Pauligeschichten unterhielten.
Die Stunden flossen dahin, genauso wie der Alkohol.
„Nein, ich habe genug“, meinte Katja als der Kellner ihr einen Kurzen ausgeben wollte.
„Sie nimmt einen, wir wollten noch anstoßen“, erinnerte Ben seine Kollegin.
„Ach ja“, meinte sie und nahm schließlich doch ein kleines Glas, sah Ben an und murmelte, „auf Nuri.“ Ben hatte es ihr gleichgetan und musste lächeln, als er Katjas Zustand nun doch näher vor Augen hatte. Tja, man wurde eben nicht jünger, dachte er und war zugleich stolz darauf, dass er den Alkohol besser abkonnte als seine abgebrühte Kollegin.
Jan und seine Freundin entschuldigten sich, dass ei los müssten und eine halbe Stunde später gingen auch Karin und ihr Freund, nachdem Katja und sie ihre Handynummern ausgetauscht hatten.
„Ich wusste, dass du dich mit Karin verstehen würdest“, meinte Ben, als sie alleine kurz vor Mitternacht in der Kneipe saßen und nur eine Kerze zwischen ihnen stand, „die triezt mich genauso wie du.“
„Armer Ben“, gluckste Katja, „und ich hatte schon wieder zu viel.“ Katja konnte ihre Reue kaum wahrhaben, „wollen wir dann auch mal los?“
„Wenn du laufen kannst“, meinte Ben belustigt und stand ohne Probleme auf.
„Dass du immer so übertreiben musst“, meinte Katja und stand ebenfalls problemlos auf. Vollkommen fertig war sie auch nicht, aber der Gedanke an Nuri quälte sie nicht mehr und das war das einzige, was sie beruhigte.
Ben und Katja zahlten und sie gingen hinaus, „ist doch schon ganz schön spät geworden“, bemerkte Katja.
„Keine Angst, ich pass ja auf dich auf“, meinte Ben und legte einen Arm um Katja.
„Du auf mich? Ich bin die, die immer auf dich aufpassen muss“, bemerkte Katja sofort, legte ebenfalls ihren Arm um Bens Rücken und lehnte ihren Kopf zu Bens Überraschung auch noch gegen seine Schulter.
„Ich werde gerne von dir gerettet“, verteidigte Ben sich.
„Du willst doch nur, dass ich dich bedaure und dich verarzte“, durchschaute sie ihren Kollegen.
„Irgendwann rette ich dich noch einnmal,“ bemerkte Ben.
Katja erwiderte nichts und Ben beobachtete sie aus den Augenwinkeln, bemerkte, dass sie in den Himmel sah, er folgte ihrem Blick.
„Sternenhimmel“, stellte er fest, „Ist dir kalt?“, fragte Ben und sah seine zittrige Kollegin eindringlicher an.
„Ja“, erwiderte Katja, „ist aber ja schon spät.“ Ben nutzte diese Gelegenheit, um sie noch näher an sich heranzuziehen, während sie eng und nun noch enger nebeneinanderliefen.
Sie schwiegen den Rest des Weges. Vielleicht genoss insgeheim jeder die Nähe des anderen.
Ben blieb stehen, als sie vor Katjas Haustür angekommen waren, was Katja anscheinend zu überraschen schien, „oh, wir sind ja schon da.“
Ben fing an zu lachen, sah Katja eindringlich an, „du bist ...“ fing er an, doch er wusste selbst nicht, was er sagen wollte und ließ diesen Satz unvollendet.
„Mach du auf“, meinte Katja, gab Ben die Schlüssel, „was bin ich?“
„Nichts“, Ben nahm die Schlüssel an sich, ließ Katja los und schloss die Tür auf.
„Nichts?“, fragte Katja enttäuscht. Ben lächelte während sie die Treppen hinaufgingen, „nichts ist untertrieben, aber du nimmst meine Komplimente ja eh nicht an.“
„Zumindest tu ich immer so“, offenbarte Katja und legte eine Hand behutsam auf seinen Arm, aus Angst zu stolpern.
Ben schloss ebenfalls die Wohnungstür auf und schloss sie auch ab, während Katja Richtung Wohnzimmer taumelte. Ben eilte ihr nach und umschlang sie von hinten, sicher war sicher ...
„Hey“, murmelte sie mit geschlossenen Augen und legte ihren Kopf nach hinten, mit einem leichten Lächeln im Gesicht, die Augen anscheinend genießerisch geschlossen. Auch Ben musste lächeln, der Duft ihres Shampoos lag wieder in seiner Nase, doch er entschloss nichts zu sagen und ging mit ihr eng umschlungen zum Sofa, um sie dort abzusetzen.
Er ließ sie los, aber Katja wollte ihn nicht loslassen, zog ihn neben sich aufs Sofa und hielt seine Hände. Ihr schien einen Moment, einen Bruchteil von einer Sekunde bewusst zu werden, was sie dort tat, er sah es in ihren Augen. Sie sahen sich an, lange, länger als gewöhnlich und ihre Augen, sie sagten ihm, dass er sie küssen sollte. Unsicher legte er seine Hand auf ihren Rücken, auf einmal war ihm eiskalt und er wusste nicht, ob das in Ordnung war, was er hier tat, was er tun würde. Doch der Alkohol war im Spiel, bei ihm genauso wie bei ihr ... Er näherte sich ihr, da war keine Spur von Unsicherheit zu erkennen ...
Ihre Lippen berührten sich, er küsste sie vorsichtig, zart, ihre Arme umschlungen ihn, eng, er war ihr so nahe und der Kuss wurde leidenschaftlicher. Er wollte sich nicht von ihr trennen, sie dachte gar nicht daran, sich wieder zu trennen ... Sie saßen noch immer, Ben hielt sie, er durfte nicht zu weit gehen, nein, das durfte es einfach nicht. Katja würde ihm das nie verzeihen, sie würde ihm nicht vertrauen, nie wieder, wenn er diese Situation jetzt ausnutzte, was er sowieso schon getan hatte. Weitergehen durfte er keinesfalls, nein, wirklich nicht.
Ihre Hände strichen über seinen Rücken, über seinen Bauch und Ben merkte, dass sie weitergehen wollte, als sie ... Ben beendete den Kuss und nahm ihre Hand in seine, kopfschüttelnd. Sie sah ihn an, begierig, ihn wieder zu küssen. Ben legte einen Finger auf ihre Lippen, „wenn ich das jetzt tu, verzeihst du mir das Morgen nicht.“
„Und dass du mich küsst, während ich total betrunken bin, verzeihe ich dir das?“, fragte Katja Ben. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn, „du bist nicht total betrunken“, gab Ben ihr zu bedenken, „ich bin wohl doch nicht so schlimm für dich, wie du immer tust.“
„Nein, das bist du nicht“, stimmte Katja ihm zu.
„Du bist so süß, wenn du so hilflos bist“, sagte Ben und ihm war ganz warm, er wollte sie nicht sitzen lassen, er musste sie wieder küssen und er tat es, sie leistete keinen Widerstand.
Er löste sich wieder von ihr. Was war mit seinen Gefühlen passiert? Hatte er welche von Katja. Natürlich hatte er welche, nur war er sicher, dass sie Morgen sauer auf ihn sein würde.
„Du würdest mich nicht küssen, wenn du nicht betrunken wärst, oder?“, wollte Katja wissen und Ben war nicht sicher, ob sie nicht sogar traurig war. Ben musste all dies schnell beenden, hatte er das Gefühl. Es gab Dinge, die gingen ihn nichts an, über die wollte Katja nicht mit ihm reden.
„Doch“, widersprach er und wunderte sich selbst darüber. Würde er? „Aber du willst ja nicht. Oder du tust nur so.“
Katja lächelte in sich hinein, schien auf einmal peinlich berührt, „ich geh mal ins Bad und schlafen, ich glaube, das ist besser.“
„Immerhin weiß ich jetzt“, fing Ben an, „dass du doch auf mich stehst.“ Mit diesen Worten verließ Katja ihn und so würden sie sich erst am nächsten Morgen sehen. Ben konnte kaum einschlafen, in Gedanken immer bei Katja.

Katja wachte am Morgen auf, Kopfschmerzen und zu ihrem Bedauern konnte sie sich an jedes Gespräch, an alle Situationen erinnern, an jedes Gefühl.
Ben stand fröhlich auf und erst als er im Bad war, fiel ihm wieder ein, was in der Nacht geschehen war. Er traute sich kaum das Bad wieder zu verlassen. Hatte er Schuld, weil er sich zum Kuss hatte hinreißen lassen? Auch bei ihm war Alkohol im Spiel, doch er wusste, dass er es hätte vermeiden können. Gewollt hatte er es aber nicht, zumindest nicht in diesem Moment.
Ben ging in die Küche, Katja saß dort und schien Zeitung zu lesen, gut, sie versuchte es.
„Morgen“, tat Ben als wäre nichts gewesen. Katja ließ die Zeitung sinken, sah ihn ausdruckslos, musternd, ... Ben konnte es nicht genau zuordnen, wie sie ihn ansah. Ihre Blicke blieben wie üblich aneinander hängen.
„Bist du ...“, nein Ben, entschied sich um, „alles okay?“
„Kopfschmerzen“, meinte Katja, „bei dir.“
„Nur ganz leicht“, erwiderte er ausdruckslos und musste sie noch immer ansehen.
Katja entschied sich wieder für ihre Zeitung, um ihren Kollegen zu missachten. Ohne zu überlegen, öffnete Ben auf Anhieb die richtige Schranktür, um sich eine Tasse zu nehmen, die Tage zuvor hatte er immer die Falsche genommen.
Schließlich nahm er gegenüber von ihr Platz, starrte in seinen Kaffee, beobachtete sie aus den Augenwinkeln, sie wich seinem Blick aus.
Katja zog es vor, nicht zu fragen, was er wollte, da sie es wusste und sie hoffte, dass er nie mit ihr darüber reden würde.
„Erinnerst du dich an gestern ... oder heute morgen?“, natürlich, Ben konnte es nicht lassen, sie das zu fragen.
„Nein“, log sie, ohne aufzusehen und glitt das fünfte Mal mit ihren Augen über den gleichen Satz, ohne ihn zu verstehen.
„Gelogen“, meinte Ben mit seiner üblichen eindringlichen Art, die kaum zu beschreiben war. Trotz allem, er musste grinsen. Nein, sie konnte wirklich nicht lügen, „wenn du dich nicht erinnern könntest, hättest du mich gefragt, was gestern war und du würdest mich ansehen und würdest dich trauen mich anzusehen.“ Ben sagte dies in einem so beiläufigen Tonfall, ratterte die Fakten geradezu herunter, als würde all dies nichts bedeuten.
„Wenn du das so genau weißt, warum fragst du dann überhaupt?“, war Katjas viel zu ruhiger Kommentar dazu.
Ben erwiderte nichts und wandte sich wieder seinem Kaffee zu. Die Situation war mehr als ungewöhnlich.
„Vergessen wir es einfach?“, wollte Ben vorsichtig wissen, selbst nicht wissend, was er wollte.
„Dass du die Situation einfach  ausgenutzt hast?“, brachte sie jetzt auf einmal wütend hervor. Ben hätte einfach nichts sagen können, aber jetzt verlangte er mal wieder von ihr eine Erklärung.
„Das war so klar, jetzt bin ich wieder Schuld, „Was kann ich denn für deine Gefühle?“, fragte Ben gereizt
„Was hat Alkohol denn mit Gefühlen zu tun? Was bildest du dir eigentlich ein?“, schrie sie ihn empört an, „Katja geht’s mal nicht so gut, ist sie ein bisschen betrunken, da probieren wir doch mal aus, wie weit wir kommen?!“
„Das wird mir echt zu blöd!“, empörte Ben sich, „es ist doch gar nichts passiert, wir haben uns geküsst, mehr nicht. Sei froh, dass ich nicht so viel getrunken habe wie du, sonst wäre da noch mehr passiert, du schienst da ja nichts gegen zu haben!“
„Ach, kontrollieren konntest du das also oder was?!“, bemerkte Katja aufgebracht.
„Jetzt dreh mir doch nicht jedes Wort im Mund um“, meinte Ben und wurde wieder ruhiger, „es ist passiert, können wir eh nicht ändern und so schlimm wird’s ja wohl nicht gewesen sein.“
„Darum geht es überhaupt nicht“, empörte Katja sich.
„Nicht?!“, harkte Ben nach.
„Ben, ich war betrunken, genau wie du. Da macht man Sachen, die man sonst nicht machen würde. Das muss ich dir doch nicht erklären!!, “ Katja war aufgebracht und es war zu merken, dass sie sich über sich selbst ärgerte. Sie saßen sich noch immer gegenüber und funkelten sich an.
„Du ärgerst dich doch viel mehr über dich als über mich“, bemerkte Ben triumphierend.
„Ich ärgere mich vor allem darüber, dass ich dir nicht vertrauen kann und du in einem ja doch noch guten Zustand die Situation ausnutzt!“, gab sie ihm wütend zu bedenken, sie stand auf, Ben tat es ihr gleich, „zu einem Kuss gehören zwei, Katja.“ Ben war ruhiger geworden.
„Das hatte nichts zu bedeuten“, beteuerte Katja giftig, „ich bin im Bad und danach will ich nichts mehr davon hören.“
Sie verschwand aus der Küche. Ben sah ihr nachdenklich nach. „Nichts zu bedeuten“, murmelte er vor sich hin. Warum regte sie sich dann so auf? Warum hatte sie ihn dann geküsst? Ben konnte sich nicht vorstellen, dass Katja eine von den Frauen war, die unter Alkohol jeden zu küssen pflegten. Außerdem benutzt sie sein Shampoo. Ben lächelte und erschrak plötzlich, als plötzlich etwas vom Regal fiel und nun zwischen Küche und Flur lag, es war ein Plastikbecherstapel. Genervt ging er Richtung Tür, bückte sich und hob ihn auf. Zu seiner Überraschung lagen Zettel in diesen Bechern. Ben blieb am Boden hocken, um sie auseinander zu falten und sich durchzulesen, doch er hörte die Badezimmertür aufgehen und Katja, die wieder in die Küche ging. Als Ben wieder stand, fiel Katja ihm auch schon in die Arme, geriet beinahe ins Stolpern, doch Ben konnte sie gerade noch halten und ließ sie auch schon wieder los. , „was machst du denn da unten?“ Katja sah ihm irritiert in die Augen, konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden, genauso wenig wie er von ihr. Sie standen wieder viel zu Nahe für ihren Geschmack beieinander.
„Warten, dass du kommst, stolperst, mir in die Arme fällst und ich die Situation ausnutzen kann, wenn du nicht aufhören kannst mich anzugucken“, ratterte Ben das Geschehen runter.
„Tust du aber nicht“, stellte sie fest und glitt an ihm vorbei in die Küche.
„Nicht dass du mir vorwirfst, dass ich die Situation ausnutze“, meinte Ben und hielt sie nun an den Schultern, kaum war sie an ihm vorbeigelaufen. Er drehte sie zu sich, sodass sie nicht umhin kam, ihn wieder anzusehen, da er inzwischen seine Hände um ihre Hüften gelegt hatte.
„Ben“, meinte sie überrascht und sah kritisch in seinen Händen, dann wieder zu ihm. Warum konnte sie nichts sagen? Warum leistete sie keinen Widerstand?
Er ließ ihr einige Sekunden, dann begann er sie zu küssen, wie am Abend zuvor und Katja tat es ihm gleich, wieder lagen sie sich in den Armen, voller Leidenschaft.
Zufrieden lächelnd, zugleich unsicher sah Katja Ben an, als ihr Kuss geendet hatte. Auch Ben strahlte sie an und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
„Warum bist du so kompliziert?“, wollte Ben wissen.
„Weil du mein unheimlich nerviger Kollege bist“, Katja legte ihre Arme um seinen Hals.
„Du siehst aber süß aus mit der rosaroten Brille“, Ben tat als würde er sie mustern und lächelte.
„Bei dir braucht man die aber auch“, gab Katja zu bedenken und er ahnte, dass sie in diesem Moment darüber nachdachte, ob sie das Richtige tat.
„Ich will es nicht irgendwann bereuen müssen, dass wir nur zu feige waren“, meinte Ben sanft. Katja lächelte zufrieden und küsste ihn erneut. Dieses Mal wurde mehr daraus ...
In diesem Fall war Alkohol der erste Schritt in die richtige Richtung gewesen, dachten sie und bemühten sich, diesen unromantischen Gedanken wieder zu verwerfen.
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