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Assassins Creed - Son of None

von Allada
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
Al Mualim Malik Al Sayf Rafiq
19.05.2008
31.05.2008
14
64.159
 
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19.05.2008 4.456
 
Mit Widerwillen löse ich meine Finger von der Tastatur und blicke zu der Uhr am Bildschirm. "Bei Allah!" entfährt es mir ganz entgegen meiner üblichen Gewohnheiten. Anscheinend bin ich wirklich von diesem Spiel besessen...
So, hier der nächste Teil:



Bereits in Akkon hatten die Geschwister von Zeit zu Zeit den Prunk adeliger Behausungen gesehen, wenn sie Lieferdienste für den Großvater ausführten. Die schlichte Schönheit der großen Halle, in die sie geführt wurden, ließ sie jedoch staunen. An der langen Treppe standen weitere Wächter, jedoch war ihnen ein entspannterer Ausdruck anzusehen, als jenen vor dem Tor. Die Wände waren behangen mit großen roten Fahnen, auf denen eben jenes seltsame Zeichen prangte, dass die Assassinen auf der Brust trugen. Die geschwungene Form der Bogengänge war mit kleinen, kaum auffallenden Bildern verziert, die dem Ort doch etwas Heiliges gaben. Bereits beim Eintreten hatte Malik damit begonnen seine Waffen abzunehmen und händigte sie nun nach einem knappen Gruß einem der Wächter aus. Hier schien es nicht nötig zu sein, sich zu verteidigen. Rasch erklomm der Novize die Treppe und Allada und Amir mussten beinahe rennen, um ihm zu folgen. Oben angekommen führte er sie weiter auf eine Galerie, von der aus man die ganze Halle überblicken konnte. Erst jetzt bemerkte Amir den Mann, der an der Brüstung stand und seinen Blick schweifen ließ. Er musste sie beobachtet haben. Langsam drehte er sich um und ging mit offenen Armen auf Malik zu. Dies musste Al-Mualim sein. Sein Gesicht war von grauem Haar umgeben, sein langer Bart und seine gedrungene Statur ließen ihn mehr tröstlich als bedrohlich wirken. Trotzdem wurde Amir das Gefühl nicht los, dass es besser war den Alten im Auge zu behalten.
„Malik! Schreckliche Nachrichten eilten euch vor aus und ich war in Bange, auch euch verloren zu haben. Umso mehr freut es mich, euch nun unbeschadet hier empfangen zu können. Steh auf, mein Bruder.“ Erst jetzt bemerkte Amir, dass Malik auf dem Boden kniete und den Kopf gesenkt hielt. Augenblicklich befolgte er die Anweisung und richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. „Friede sei mit euch, mein Meister. Wahrlich ist meine Seele zerrissen ob des schmerzlichen Verlustes, doch mein Auftrag war zu dringlich, um Zeit zur Trauer zu finden. Mein Lehrer entsandte mich, diese beiden Kinder zu euch zu bringen.“ Damit wies er auf Adalla und Amir. Al-Mualim wandte sich um und tat, als habe er die beiden erst jetzt bemerkt. Für Amir kein gutes Schauspiel. „Ah, ich hörte bereits, dass ihr Schützlinge zu mir bringt. Wohlan, meine Kinder, ich bin Al-Mualim. Wie ist euer Name?“ „Allada.“ Antwortete das Mädchen schnell. Sie schien aufgeregt zu sein, Amir konnte spüren wie ihre Hand in der seinen schwitzte. „Welch wunderbarer Name für eine wunderbare Prinzessin. Es ist mir eine Ehre, eure Bekanntschaft zu machen!“ Al-Mualims Stimme schien sich bei diesen Worten in Honig zu verwandeln und er verneigte sich spielerisch vor dem Kind. Er gefiel Amir immer weniger. „Und ihr, Junger Herr? Wie werdet ihr gerufen?“ Bewusst versuchte der Junge, einen besonders herrischen Ton anzuschlagen. „Amir.“ Erwiderte er und verweilte kurz in Gedanken. „Amir Ibn La-Ahad.“ endete er schließlich.
Aus dem Augenwinkel konnte er sehen wie Malik fragen eine Augenbraue hob, es aber nicht wagte ihn anzusprechen. Auch Allada sah ihn überrascht von der Seite an. Lediglich der Meister schien, als habe er keine andere Entgegnung erwartet. Lächelnd schritt er zu einem massiven Tisch aus dunklem Holz, ließ sich in einem bequem wirkenden Sessel nieder und bedeutete ihnen näher zu kommen. Zögerlich folgte Amir Adalla, die sofort reagierte. „Nun, Amir, Sohn von Niemanden, was führt euch zu mir?“ Welche Scherade. In Amirs Inneren regte sich erneut Zorn über die kryptische Art und Weise zu sprechen, die allen Assassinen innezuwohnen schien. Er war ein Freund klarer Worte und hasste gekünstelte Szenen. Dennoch beherrschte er sich nicht wütend aufzufahren. „Ich hatte gehofft, dass ihr die Antwort auf diese Frage besitzen würdet.“ sprach er mit fester Stimme.
Der Alte sah von seinen Aufzeichnungen auf und blickte den Jungen an. Es war verblüffend, mit welcher Ähnlichkeit er sich konfrontiert sah. Amir war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und mit einem leichten Anflug von Bedauern dachte Al-Mualim an Cihan la Amut. Nicht dass er wirklich Trauer empfunden hätte. Es war mehr wie das Gefühl ein lange gehütetes Werkzeug auf einer Reise verloren zu haben.

Al-Mualim war kein kalter Mann. Mit Cihan, Amirs Vater, war er in Freundschaft verbunden gewesen. Aber er war ein Realist. Cihan hatte seinen Tod selbst gewählt und Al-Mualim hatte nicht vor, diese Entscheidung zu bezweifeln. „Ich habe sehr wohl eine Antwort, mein Junge, jedoch fürchte ich fast, dass sie dir nicht gefallen wird. Jener, den du verleugnest, wollte euch in Sicherheit wissen, ansonsten hätte er Malik nicht angewiesen, euch zu mir zu bringen. Hast du keine Nachricht von ihm für mich?“ Amir schnaubte leise. Der vermaledeite Brief. Er hatte ihn in der Wüste von sich geworfen, nachdem er die Worte gelesen hatte. Keine Sekunde länger hätte er es vertragen, das Papier in seinen Fingern zu halten. Es hätte seine Seele vergiftet.
Leise räuspernd trat Adalla vor. Aus den unzähligen Falten ihres Kleides zog sie das Pergament. Es war säuberlich zusammengerollt und Amir erkannte, dass sie es mit einer kleinen Strähne ihrer Haare gebunden hatte. Sie reichte Al-Mualim das Papier und kehrte dann zu Amir zurück, der sie aus brennenden Augen ansah. „Es tut mir leid!“ flüsterte sie. Amirs Wut hatte sich gesteigert. Was sollte das? Sie hatte es doch auch gelesen. Ihr Vater war ein Feigling, der sie einfach im Stich gelassen hatte, nur um als rettender Held zu erscheinen, als es bereits zu spät war. Wie konnte Allada nur so einen Verrat an ihrem Bruder begehen? Still wandte er sich von ihr ab, während Al-Mualim die Zeilen studierte. Malik legte Adalla eine Hand auf die Schulter, so als wüsste er dass nur eine Berührung sie vom Weinen abhalten konnte. Dankbar sah sie zu ihm auf.
Es folgten einige Momente der Stille, bis der Meister das Pergament sorgsam wieder einrollte und dem Mädchen zurückgab. „Ein wahrhaft ehrliches Schreiben. Er war ein großer Mann. Doch nun, Amir,“ er bedachte den immer noch stur gegen die Wand blickenden Jungen voll mit seiner Aufmerksamkeit, „wollen wir über dich sprechen. Du sollst Einzug in meine Stätte halten und vorerst deiner Wege gehen, wie es dir beliebt. Später werden wir uns über deine Ausbildung unterhalten. Wenn die rechte Zeit gekommen ist.“ "Ja, sicher," dachte Amir."wenn die Hölle zufriert. „Und Allada?“ entgegnete der Junge laut. Allada lächelte. Sie hatte Angst gehabt er würde sie nicht mehr beachten nach diesem Ereignis. Auch wenn er sie nicht ansah, wenigstens wusste Allada jetzt, dass er sich weiter um sie sorgte.
Al Mualim wandte sich an sie. "Du wirst mir zustimmen, wenn ich sage dass meine Festung kein guter Ort für eine junge Dame ist. Bestimmt möchtest du dich mit deinesgleichen austauschen und hier oben wohnen nur halbstarke Burschen oder erwachsene Männer. Die Frau meines obersten Wächters hat drei Töchter, es wird ihr eine Freude sein euch Obdach zu geben." Amir fuhr herum. Er konnte seinen Zorn nicht länger kontrollieren. "Wenn Allada geht werde auch ich diese Stätte verlassen!" donnerte er dem Alten entgegen. Erneut wurde Al-Mualim von seinen Erinnerungen eingeholt. Auch Cihan hatte einmal vor ihm gestanden, die Hände ebenso wie Amir jetzt zu festen, weißen Fäusten geballt, das Gesicht voll Zorn. Er hatte Al-Mualim zum Zweikampf gefordert. Al-Mualim hatte dem Jüngeren die wohl schlimmsten Prügel seines Lebens zukommen lassen, sodass Cihan beinahe zwei Wochen im Krankenlager verbrachte. Danach war Cihan zu ihm gekommen, um ihm zu seinem Sieg zu gratulieren und sie waren Freunde geworden. Freunde auf Zeit...Der Alte schüttelte die Bilder vergangener Tage ab und wandte sich wieder den Ereignissen zu. "Amir, seid kein Narr. Ihr wisst sehr wohl, dass es einige Dinge hier gibt, die ihr erfahren solltet und wenn ihr einige Zeit hier verbracht habt, werdet ihr meine Entscheidung verstehen." In den Augen des Jungen blitzte der Hass. "Wenn die Zeit reif ist, nicht wahr? Ich denke ich habe genug gehört. Allada und ich werden gehen. Es mag eine ehrenhafte Geste eurerseits sein uns aufzunehmen, ich gedenke jedoch nicht mich unter euren Befehlen zu beugen. In Akkon wartet das Geschäft meines Großvaters auf uns und ich bin sicher das wir keiner Hilfe bedürfen." knurrte er, obwohl im klar war, dass er völligen Unsinn sprach. Sie konnten nicht sicher sein, dass auch nur noch ein Teil von Mohammads Vermögen existierte, genauso wenig wie es für zwei Kinder möglich war, alleine zu leben. Amir wusste das er keine Wahl hatte, aber er wollte von Anfang an klarstellen, welchen Standpunkt er vertrat. Er wünschte sich noch Jahre später, Allada wäre still geblieben, doch erneut sprach sie Worte, die er am liebsten gleich wieder in ihren Mund hineingestopft hätte. Sie war zu ihm getreten und  hatte sich zwischen ihm und dem Alten aufgebaut. "Lass es gut sein, Amir. Al-Mualim hat recht. Ich sehne mich nach der Gesellschaft anderer Mädchen und ich denke es wird besser sein, seinem Vorschlag zu folgen." Armir brummte. Damit hatten sie ihn. Sein Plan, vorerst in der Stadt zu bleiben und die Vorgänge hinter den Mauern der Festung im Geheimen zu erforschen war geplatzt. Zunichte gemacht von seiner eigenen Schwester.
Al-Mualim lächelte. Es lief besser als gedacht. Hastig beeilte er sich, Amir zuvorzukommen. "Dann ist es also beschlossen. Malik, du bist für heute entlassen. Wisse jedoch, dass du durch die Erfüllung dieses letzten Auftrages, den dein Lehrer dir gegeben hat, auch den fehlenden Schritt zu deiner Prüfung überwunden hast. Ich erwarte dich schon in fünf Tagen zun Initation." Über Maliks Miene zuckte ungehaltene Freude, als er erneut auf die Knie sank. "Ja Meister, ich danke euch. So früh hatte ich diese Ehre nocht nicht erwartet!" "Du hast sie verdient. Geh jetzt, Bruder." Während Malik forteilte, ließ Al-Mualim nach einem anderen Novizen rufen. Amir versuchte inzwischen wieder, die Wand niederzustarren. "Dies ist Özcan. Er wird euch nun zu euren Lagern führen. Ruht euch aus, euch wird es an nichts fehlen. Amir, dir steht es jederzeit frei deine Schwester zu besuchen. Ich werde dich erneut zu mir rufen..." "Wenn die Zeit reif ist." unterbrach ihn der Junge trocken. "Ja," lächelte Al-Mualim, "und ich habe das Gefühl das wird nicht lange sein."

Die Nacht in Maysaf schien kälter zu sein, als jene in Akkon. Trotz der Decken aus Schafswolle, die Amir vorfand, konnte er nicht umhin zu frösteln. Özcan hatte ihn zu seinem Zimmer geleitet, um danach Allada in die Stadt zu bringen. Der Abschied war kühl gewesen, zumindest von Amirs Seite aus. Als Allada ihr Arme um ihn schlang, blieb er stocksteif stehen und gab nur ein schlichtes "Geh schon!" von sich. Jetzt hasste er sich dafür. Der Raum war spärlich eingerichtet und bis auf den Tisch, einem Stuhl und das harte Bett völlig leer. Auch das Fenster bot keine bemerkenswerte Aussicht. Amir merkte erst jetzt, wie nah er Allada stand. Seit sie lebten waren sie keinen Tag voneinander getrennt gewesen und nun, da sie fort war, war es ihm unmöglich Schlaf zu finden. Nach Stunden sinnlosen Herumwälzens und kurzen Minutenträumen kam er zu dem Schluß, dass es ihr gleichmäßiges, leises Atmen es gewesen war, dass seine Gedanken des Abends beruhigt hatte. Sie fehlte ihm.
Amir richtete sich auf. Wenn er nicht schlafen konnte, hatte es auch keinen Sinn im Bett zu bleiben. Als Özcan, der wie Amir erfahren hatte an der untersten Stufe zur Assassinenausbildung stand, sie hergeführt hatte waren keine Wachen in dem Trakt zu sehen gewesen. Amir hoffte, das Al-Mualim nicht im Nachhinein noch einige postiert hatte, als er vorsichtig die quitschende Klinke der Tür drückte und sie nur zur Hälfte aufzog. Er spähte in den Gang, der immer noch völlig leer war. "Gut so!" dachte Amir bei sich. Er hatte auch nicht wirklich damit gerechnet, dass der "Meister" es für nötig befand, einen kleinen Jungen bewachen zu lassen. Unterschätzung war Amirs größte Stärke. Schnell und auf leisen Sohlen huschte er den langen Raum entlang und schlug an dessen Ende den Weg ein, den sie gekommen waren. Zeit sich ein wenig umzusehen. Die große Halle musste gemieden werden, dort hätte man ihn sofort entdeckt, er musste also einen anderen Pfad finden. Amir zog es vor ungesehen zu bleiben. Er blickte um sich, erkannte ein weiteres Fenster und trat darauf zu. Es war nicht schwer zu öffnen und die kalte Nachtluft schoss durch es herein. Ob seiner fehlenden Größe musste er sich weit über das Fensterbrett lehnen, um nach unten zu sehen. Nur wenige Meter unter ihm erstreckte sich ein kleines Vordach. Perfekt. Behende kletterte der Junge durch das Fenster, ließ sich vorsichtig an der Außenseite hinab und überwand den fehlenden Meter mit einem kleinen Sprung. Von hier aus konnte er den Innenhof überblicken.
Anders als am Tage war er leer, die Tore der Burg geschlossen. Amir zählte nur 8 Wächter auf den Zinnen, doch sie waren zu weit entfernt um seiner gewahr zu werden. Der Wohntrakt der Burg war gesäumt von vier hohen Türmen, die unbewacht zu sein schienen. Von ihnen aus musste man die ganze Stadt überblicken. Genau das Richtige für den Moment. Mehr balancierend als laufend erreichte er das Ende des Vordaches und kletterte eine Leiter nach oben. Der Eingang des nahesten Turmes war nicht versperrt. Amir trat ein und schloss die Tür wieder hinter sich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, sollte doch noch jemand vorbeikommen.
Im Turm rankte sich eine steile Wendeltreppe die Wände empor. Dem Jungen wurde es etwas mulmig, als er kein Geländer entdecken konnte, doch seine Neugier trieb ihn an. Fuß vor Fuß setztend ging er nach oben, immer bemüht seinen Blick nicht hinunter in die tiefe Schwärze des Turmes gleiten zu lassen. Es mochte beinahe eine halbe Stunde gedauert haben, bis er die Spitze erreichte. Auch die Luke zum Dach war unverschlossen und leichter als erwartet, Amir stieß sie mit einer einfachen Bewegung zur Seite und stand endlich an seinem Ziel.

Kalter Wind strich über sein Gesicht, als er sich den glänzenden Lichtern der Stadt unter der Burg zuwandte. Bei Tage hatte sie klein und überschaubar gewirkt, doch jetzt, wo viele Bereiche im Dunkeln versanken, schien sie ihm endlos. Die Berge, die sie umringten, stachen wie schwarze Zacken in den tiefblauen Nachthimmel und die Sterne leuchteten klar über ihnen. Amir war so sehr in die Betrachtung versunken, dass er die Schritte hinter sich erst wahrnahm, als ihr Verursacher neben ihn trat. Al-Mualim atmete die kalte Nachtluft tief ein. "Ihr verfolgt mich?" brachte Amir hastig hervor, um über seine Unaufmerksamkeit hinweg zu täuschen. "Irrtum, Amir. Ihr seid zu mir gekommen. Oft pflege ich des Nachts hier zu verweilen." Der Alte warf ihm nur einen kurzen Blick zu, dann hob er die Arme und deutete auf sein Reich. "Wunderschön, nicht wahr? Es ist ein Tal des Friedens. Die Verheißung dessen, was uns im Tode erwartet." Ironie legte sich auf Amirs Stimme. "Ich für meinen Teil kann, bewacht von Mördern, keinen Frieden hier finden." gab er zurück. "Ihr seid besorgt, mein Junge und ich kann es verstehen. Zu viel ist passiert als dass ihr den Worten eines alten Mannes Glauben schenken könntet. Ich trachte jedoch danach, euch meine Ehrlichkeit zu beweisen." "Und wie wollt ihr das tun?" Al-Mualim lächelte. Es war genau wie er vermutet hatte. Amir musste nur an seinem Stolz gepackt werden und schon kamen seine Fähigkeiten zum Vorschein. "Nun, ich konnte nicht umhin zu bemerken, wie wenig euch meine Idee gefiel euch von Adalla zu trennen. Es ist vorbildlich, wie ihr sie zu schützen sucht." "Schlange!" hallte es in Amirs Kopf wieder. Erneut hatte er das Gefühl, dass man Al-Mualims Worte niemals so nehmen konnte, wie sie im ersten Moment zu sein schienen. Wahrscheinlich hatte er sich den Bauch gehalten vor lachen, als Amir von Allada aufs Kreuz gelegt wurde und sich über den dummen Jungen amüsiert. "Ich vermute, dass mein Wort alleine nicht reichen wird, um euch zu beruhigen. Deshalb werde ich veranlassen, dass ihr gleich morgen früh zu eurer Schwester geleitet werdet, um euch selbst von ihrem Wohlergehen zu überzeugen." Zufriedenheit regte sich in Amir. Zumindest hatte Al-Mualim bereits verstanden, dass er nicht gewillt war ihm Vertrauen zu schenken. Immerhin ein Fortschritt. Es war Zeit, einen weiteren zu machen.
"Warum hat er es getan." Der Alte blickte Amir fragend an. "Wer was getan?" "Er. Warum hat er meiner Mutter schöne Augen gemacht und sie dann einfach ziehenlassen, wenn er doch so ein großartiger Mann war, wie ihr sagt. Er hätte sie und uns dem Tode weihen können...und hat es letztlich auch getan." Al-Mualim legte vorsichtig seine Hände auf die Schultern des Jungen. "Weißt du, Amir, die Liebe ist eine seltsame Begebenheit. Findet man sie, wird man von ihr trunken, wie von gutem Wein. Doch wacht man am nächsten Tage auf, merkt man, dass sich nichts verändert hat und die Welt nicht stillsteht. Man kann die Zeit für sie nicht anhalten." Da Amir sich nicht gegen die Berührung gewehrt hatte, fuhr der Meister fort. "Deine Mutter war schön, sie war einzigartig. Ich habe nie mehr eine Frau gesehen, die von solch scharfem Verstand war. Und doch habe ich alles daran gesetzt, dass dein Vater sich nicht in sie verliebt." "Warum dies?" "Nun, er war ein Assassine, einer meiner Brüder. Bei allen Respekt vor ihnen, denkst du nicht es wäre besser, einer Frau dieses Leid zu ersparen? Mit einem Mann zu leben, den sie kaum zu Gesicht bekommt. Ständig in Furcht um ihn, wartend das er wiederkehrt. Nein, dass ist kein guter Ansatz für eine Ehe." Amir strich die Hände des Meisters zur Seite und begann den Zinnen des Turms entlang zu wandern. Al-Mualim fuhr fort. "Sie waren wie zwei Teile eines Ganzen. Mir wurde bald klar, dass es keinen Sinn hatte, sie zu trennen. Selbst als ich deinen Vater nach Damaskus sandte, um wichtige Aufgaben zu erledigen, kehrte er wenige Tage später zurück. Ihre Liebe verlieh ihm Flügel."
Amir dachte an die hingebungsvolle Zuneigung, die seine Mutter ihn stets spüren hatte lassen. Auch ihn hatte sie beflügelt, auch wenn sie das nicht gewollt hatte. Nur ihretwegen hatte er den Zorn Mohammads auf sich gezogen. Er hoffte, dass sein Großvater durch die Schläge an ihm zu müde wurde, um auch sie zu misshandeln. "Wie schön. Dennoch ließ er sie gehen." Der Junge war wieder zu Al-Mualim zurückgekehrt und sah ihm direkt in die Augen. "Wie wollt ihr mir das mit eurer rührseligen Geschichte erklären?" Der alte Mann seufzte und ließ sich auf einem Stein nieder. "Ich kann es nicht Amir. Was wirklich in deinem Vater vorgegangen sein mag, blieb selbst mir verborgen, und ich war sein Freund. Doch es gibt vielleicht einen Weg es herauszufinden." Der Junge horchte auf. "Und welcher sollte das sein?" fragte er betont ruhig, obwohl sein Herz raste.
Al-Mualims Augen hatten ihren Ausdruck geändert. Amir konnte gar nicht anders, als ihn anzusehen. Die Müdigkeit zerrte an seinen Sinnen und verwusch sein Denken und er hatte das Gefühl, immer erschöpfter zu werden, als er in die dunklen Augen des Meisters sah. "Ich weiß was du über mich und meinesgleichen gehört hast und ich kann verstehen, dass du uns verabscheust. Aber es steckt mehr hinter einem Assassinen als nur ein einfacher Mörder. Nicht dass es uns nicht recht wäre, dass die Menschen so über uns denken, aber es geht an unserem wahren Wesen weit vorbei." Unvermittelte packte der Alte Amir an den Schultern und zog ihn näher. Der Junge war zu müde, um sich zu wehren. Der richtige Zeitpunkt schien dem Meister gekommen. "Du bist noch jung Amir, eigentlich zu jung um in die Bruderschaft aufgenommen zu werden. Es gibt vieles, dass du erfahren solltest, doch ich fürchte nur wenn du einer unserer Novizen wirst, kann ich es dir auch verraten. Dies ist mein Angebot, Amir. Überlege deine Antwort wohl, ich werde es dir nur einmal unterbreiten. Bleib hier bei uns. Werde ein Assassine. Vielleicht ist es dir dann eines Tages möglich, das Verhalten deines Vaters zu verstehen."

Der eisige Wind hatte dunkle Wolken aufziehen lassen. Amir blickte auf die Stadt hinab. Irgendwo dort unten musste Adalla sein. Gerne hätte er sie um Rat gefragt, doch gleichzeitig begriff er, dass diese Entscheidung alleine bei ihm lag. Dies war also, worin es endete. Dies war der nächste Brotkrumen, der ihn zur Wahrheit führen sollte. Müde nickte er. "So sei es." Al-Mualim lockerte seinen Griff. "Es erfüllt mich mit Freude, Amir. Ich bestehe darauf dein Lehrer zu werden, denn du sollst nur von den Besten lernen. Das bin ich deinem Vater schuldig, dass ist es, was er von mir gewünscht hätte. Deine Ausbildung beginnt, sobald du dich ausreichend erholt hast." "Also sofort?" fragte Amir. Al-Mualims Gesicht verzog sich zu einem gequälten Lächeln. "Nun, vielleicht wäre morgen doch der bessere Zeitpunkt."

Als Amir in sein Bett zurückkehrte, war er augenblicklich eingeschlafen. Der kühle Wind auf dem Turm hatte ihm gut getan und zum ersten Mal seit er denken konnte war sein Schlaf traumlos. So fühlte er sich voller Kraft, als er sich am nächsten Moregn aus dem Bett schwang. Özcan würde bald hier sein, um ihn zu Allada zu bringen und Amir wartete ungeduldig auf seine Ankunft.
Dem Anschein nach war dem Novizen keine gute Nacht vergönnt gewesen, murrend erschien er schließlich und forderte Amir auf, mit ihm zu gehen. Als sie ihren Weg durch die Burg machten, konnte Amir Özcan immer wieder knurren hören: "Kindermädchen. Als verdammtes Kindermädchen." Der Novize schien nicht glücklich über seinen Auftrag, was Amirs Schadenfreude erregte. Doch schnell besann er sich auf seine Entscheidung. Hoffentlich würde Al-Mualim ihn nicht mit solchen Diensten nötigen.
Allada schien ihn ebenso sehr vermisst zu haben wie er sie, denn wider Erwarten stand sie vor den Toren der Burg und lief sofort auf ihn zu, als sie ihn erkannte. Innig umarmten sich die Geschwister und der Geruch ihres Haares gab Amir das Gefühl, zu Hause zu sein. Sein gestriger Zorn war längst verflogen. Sanft löste er sich aus ihren Armen und hielt sie ein Stück von sich, um sie zu betrachten. Sie trug nicht länger das ausgebleichte Kleid aus Linnen, blaue Seide floss nun sanft ihren Körper herab. Auch ihr Kopftuch hatte sie abgelegt, die langen, dunklen Haare umrandeten ihr vor Aufregung errötetes Gesicht.
"Es ist wunderbar, Amir. Ich habe dir so viel zu erzählen. Taci ist eine warmherzige Frau und eine ihrer Töchter ist beinahe in meinem Alter und wir haben Obst gegessen und Lieder gesungen und...!" Amir legte seine Hand auf ihren Mund. "Nicht hier. Auch ich muss mit dir sprechen. Komm." Sie wandten sich zu gehen und der Junge bemerkte, das Özcan sich anschickte ihnen zu folgen. "Ich danke dir, ab hier benötigen wir deine Hilfe nicht mehr." wandte Amir sich an ihn. Wären die Augen des Novizen Dolche gewesen, wäre Amir jetzt tot zu Boden gesunken. "Wie ihr wünscht!" schnappte Özcan, bevor er sich beleidigt davon machte. Mit gerunzelter Stirn sah Amir ihm nach. Er rechnete nicht damit unter den anderen Schülern Freunde zu finden.

"Ein Assassine?" Adalla spielte nachdenklich mit ihren Haaren. Sie hatte ihren Bruder zu dem kleinen Flusses auf der anderen Seite der Stadt geführt, da sie das Gefühl hatte, ein Spaziergang würde ihm gut tun. Jetzt saßen sie am Ufer und ließen ihre Beine ins Wasser baumeln. Vorsichtig und mit mehreren Aussparungen hatte Amir ihr von den Ereignissen der letzten Nacht erzählt und sie war sich nicht sicher, ob sie ihn auch richtig verstanden hatte. "DU willst ein Assassine werden? Gut, selbst ich habe nach gestern bemerkt, dass sie keineswegs Barbaren sind, aber Mörder bleiben sie dennoch!" Mit Unwohlsein dachte Adalla daran, wie Taci den Fragen nach den Aufgaben ihres Mannes ausgewichen war.
"Das mag wohl sein. Aber im Moment sehe ich das als einzige Möglichkeit hier nicht vor Langeweile zu sterben." Amir legte seinen Kopf in den Nacken. "Weißt du, Adalla," begann er, "vielleicht ist es nicht zwingend erforderlich zu morden, wenn man Assassine wird. Denk an die Wächter in der Burg. Sie sahen nicht gerade danach aus, als hätten sie gerade jemanden umgebracht." Das Mädchen schüttelte den Kopf. Was für eine verwirrende Logik. Natürlich würden auch die Wächter töten, wenn Maysaf angegriffen werden sollte. "Doch wer würde das nicht?" dachte sie bei sich, als sie Amir weiter lauschte. "Ich habe mich entschlossen, es zumindest zu versuchen. Vielleicht kann ich dann in Erfahrung bringen, was wirklich in Akkon passiert ist." Die Worte verließen Amirs Mund zu schnell, um zurückgenommen zu werden. Verlegen sah er zur Seite. Adalla hatte ihre Haltung kaum geändert, sie schien nur ein wenig steifer geworden zu sein. "Was denkst du, das passiert ist?" fragte sie leise. "Das ist es eben. Ich habe keine Ahnung. All das Gefasel von Feinden in dem Brief. Ich schätze sie wollten uns wohl töten um ihm zu schaden." "Wer kann so etwas tun? Eine Frau, Kinder, ein wehrloser alter Mann. Abscheulich." Amir verzog sein Gesicht. Wehrlos war wohl das letzte, dass ihr Großvater gewesen war, Zumindest im Umgang mit ihnen. "Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen ein Assassine." antwortete er.
Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander und beobachteten das träge dahinfließende Wasser. "Und was soll aus mir werden?" fragte Adalla schließlich, obwohl sie längst wusste, was passieren würde. Ihre Wege würden sich unweigerlich trennen, wenn ihr Bruder wirklich diese Ausbildung auf sich nahm. Amir legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie näher heran. "Nun, zumindest werde ich dann endlich fähig sein dich zu beschützen." Wärme regte sich in ihm, als seine Schwester ihr Gesicht in seiner Schulter vergrub. "Es tut mir leid, dass ich bisher in diesem Punkt versagt habe." Vorsichtig strich er Adalla übers Haar. "Sei nicht albern, Amir. Ohne dich würde ich nicht mehr leben. Es ist nur...ich kann mir dich einfach nicht vorstellen, wie du des Nachts durch die Gegend schleichst und Menschen zu Tode bringst." "Glaub mir meine Liebe, ich kann es auch nicht."
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