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Assassin's Creed - "Silent Revenge"

von Delirium
GeschichteDrama / P18 / Gen
Malik Al Sayf Robert de Sable
15.05.2008
01.12.2009
7
23.991
 
Alle Kapitel
51 Reviews
Dieses Kapitel
12 Reviews
 
 
15.05.2008 3.642
 
Disclaimer: Wie viele von Euch noch wissen werden, habe ich so meine Probleme mit UbiSoft und UbiSoft Montreal. Sie wollen einfach nicht die Rechte an Altair abgeben! Deshalb gehört auch nichts mir, was auch nur im Entferntesten mit dem Spiel zu tun hat. Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte...

Hinweise: Ich versuche historisch so korrekt wie möglich zu bleiben ,werde aber den dritten Kreuzzug ein paar Jahre früher beginnen lassen. Auch Robert de Sable wird bereits früher zum Großmeister des Templerordens ernannt. Ansonsten wird der Spielverlauf nicht berücksichtigt werden.  Wer meine andere Assassin's Creed Geschichte kennt, wird einige alte Bekannte, vor allem vierbeinige, wiederfinden, dennoch sind es zwei vollkommen unabhängige Geschichten, die keinerlei Bezug zueinander haben...

WARNUNGEN: Es wird stellenweise sehr gewalttätig werden. Leser, die einen empfindlichen Magen haben sollten, lest lieber weg!
Auch wird es  in den folgenden Kapiteln zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen kommen (Ein Verbrechen, das in meinen Augen die schlimmsten Strafen verdient!) Doch leider muss gesagt werden, waren solche Dinge zu den damaligen wirren Zeiten durchaus üblich. Im Großen und Ganzen wird diese Geschichte nicht so kuschelig und romantisch wie meine Vorgängergschichte 'Samira's Tale'. Ihr Seid Gewarnt!!!

Ach ja, Fehler jeder Art  können wie immer behalten werden, die mache ich nämlich absichtlich, um Euch allen eine Freude zu bereiten, bis Ostern ist es ja noch eine ganze Weile.

Eine letzte Bitte noch zum Schluss: Feedback ist in der Regel schnell geschrieben und gibt mir den nötigen Antrieb weiter zu machen...Also ran an den Review-Button.

Und jetzt geht es auch schon los:

Assassin's Creed - "Silent Revenge"


Teil eins


Der Krieg beginnt

14. April 1186 nach Christus
22. Tag des Muharram 582. Jahr der Hidschra

Das kleine Dorf Al Qunaytirah lag auf halben Weg zwischen Damaskus und der Stadt Akkon, auf den Hügeln über dem Jordan. Es bestand aus kleinen unverputzten, mit Stroh gedeckten, Lehmhäusern und –Hütten, die sich um eine kleine Moschee aus weißem Kalkstein drängten. In der Mitte des Dorfes lagen auch die gemeinschaftliche Wasserstelle und die Tenne, die alle Bewohner nutzen durften.

Die Einwohner waren Bauern und einfache Handwerker, die seit Menschengedenken hier ihre kargen Äcker bestellten, kleine Viehbestände züchteten, allerlei einfache Gebrauchsgegenstände herstellten und von den bescheidenen Erträgen ihrer Erzeugnisse lebten, die sie alle paar Monate auf den Markt in Damaskus feilboten.

Die Menschen wurden geboren, heirateten, zeugten Kinder, wurden alt und starben, nichts unterbrach diesen Kreislauf aus Leben und Tod. Das Dorf war trotz seiner Nähe zu zwei der wichtigsten Städte des heiligen Landes zu klein und zu abgelegen, als das die Wogen der hohen Politik und der Machenschaften der selbsterklärten Heilsbringer dieser Welt zu ihnen drangen.

In letzter Zeit häuften sich zwar die Gerüchte, die Wanderer und Hausierer mitbrachten, dass es Krieg zwischen dem Sultan Salah ad-Din, Herrscher über Ägypten und Syrien und den ungläubigen Königen des Nordens, Kaiser Friedrich, Philipp von Frankreich und Richard von England geben wird, doch die Menschen von Al Qunaytirah kümmerten sich nicht um dieses Gerede.

Es hatte schon oft in der letzten Zeit Krieg zwischen den Heeren der Christen und den Rechtgläubigen gegeben, doch nie hatte man etwas davon in ihrem kleinen Dorf bemerkt. So würde es auch dieses Mal sein. Allah in seiner unendlichen Weisheit hielt seine schützende Hand über das Dorf.

Auch die Templer, die an der Küste, unweit von Akkon die Festung Atlit hielten, hatten nichts mit der kleinen Ortschaft zu tun. Es gab dort nichts, was für die Männer des Ordens interessant gewesen wäre. Wozu sollten sich die Rotbekreuzten ins Hinterland wagen, wenn doch das gesamte christliche Gebiet des heiligen Landes sich auf Akkon beschränkte.

So konnten es die Bewohner Al Qunaytirah zu bescheidenem Wohlstand bringen und den relativen Frieden genießen. Dazu gehörte auch die Familie des Bauern Ahmad ibn Yasir, dem eine kleine Herde Rinder, einige Ziegen und drei mittelgroße Felder gehörten, die zum Glück sich alle leicht bewässern ließen und auf denen er Gemüse und etwas Hirse anbaute. Er und seine Frau, Hadjar bint Salman, die aus dem benachbarten Ghabaqhib stammte, hatten vier Kinder im Alter von fünf bis fünfzehn Jahren.

Die Älteste war Rabia, ein schlankes, hübsches Mädchen, das bald ihren Verlobten Fahdi ibn Yussuf, Sohn des örtlichen Schreiners heiraten würde, ein Fest, dass jetzt schon alle in Hochstimmung versetzte und die Spekulationen angeheizt hatte, was den Sohn eines recht wohlhabenden Mannes dazu bewegt hatte, die Tochter eines kleinen Bauern zu freien. Alle waren sich aber darüber einig, dass die geforderte Mitgift Ahmad an den Rand des Ruins bringen würde und der ausgehandelte Brautpreis bei weitem nicht seine Ausgaben decken würde, sondern höchstens die Feier bezahlen würde.

Das zweite Kind, die dreizehnjährige Asiya, war erneut ein Mädchen, ein Umstand, der Ahmad und Hadjar viel Mitleid und auch Spott eingebracht hatte, waren doch zwei Töchter nicht erstrebenswert. Ein Umstand, den vor allem Hadjar spürte, forderte doch ihre, inzwischen verstorbene, Schwiegermutter bald von ihrem Sohn, die Frau zu verstoßen und sich eine zu nehmen, die der Familie Söhne schenken können würde.

Doch Ahmad liebte seine Frau und das Glück war ihnen nach fünf Jahren und einigen Fehlgeburten hold. Ihr erster Sohn Murad war bereits acht Jahre und für den Vater eine nicht zu verachtende Hilfe bei der Landwirtschaft.

Zu ihrer Überraschung gebar Hadjar vor fünf Jahren erneut einen Sohn, den kleinen Kasim. Somit hatte sie ihre Pflicht erfüllt und als Mutter von zwei Söhnen nahm sie einen nicht zu unwichtigen Platz in der Dorfgemeinschaft ein. Vor allem, seit dem sich seit einigen Wochen zeigte, dass sie erneut schwanger war. Vielleicht würde es ein dritter Sohn, Inschallah (1)!

Die Familie lebte in einem der kleinen Lehmhäuser am Rande des Ortes, direkt im Anschluss an die sauber gepflegten Äcker der Bauern. Hinter dem Haus befand sich der Stall für das Vieh. Jedes Mitglied der Familie hatte seine Pflicht zu erfüllen. Die Männer, wobei der kleine Kasim erst seit kurzem dazu gezählt wurde, kümmerten sich um die Felder, Hadjar waren die Rinder anvertraut worden, wozu auch das regelmäßige Melken der Kühe gehörte und die Mädchen hatten sich um die Ziegen zu sorgen. Daneben oblag den drei Frauen die Versorgung des Haushalts.

Aufgrund dieser Tatsache quälte sich Asiya an diesem noch kühlen Frühlingsmorgen, nachdem sie den Hahn schreien gehört hatte, lange vor Sonnenaufgang aus dem Bett, das sie sich mit ihrer älteren Schwester teilte. Sie hatte heute das Herdfeuer anzufachen, bevor sie sich um das karge Frühstück der Familie kümmern musste. Flink kleidete sie sich in der fahlen Dunkelheit ihrer kleinen Kammer an, über ihr dünnes Hemd aus Leinen zog sie eine braune Hose und darüber einen beigen Kamiz, der ihr bis auf die Knie reichte. Nachdem sie ihr langes kastanienfarbenes Haar zu einem Zopf geflochten hatte, schlang sie einen gelben Schal um ihren Kopf, den sie draußen auch über ihre untere Gesichtshälfte ziehen konnte.

Dann ging sie in den vorderen Bereich des Hauses, möglichst leise, um niemanden jetzt schon zu wecken. Dort befand sich die Feuerstelle. Davor lag der reich gemusterte Teppich, den ihre Mutter als Mitgift mitgebracht hatte. Auf diesem Teppich spielte sich meist das Familienleben ab, hier wurde gegessen, hier saß die Familie abends nach getaner Arbeit zusammen, die Frauen mit Handarbeiten auf dem Schoß.

Asiya holte aus einem Korb neben dem Herd einige Fladen getrockneten Rinderdungs und entfachte mit der gestrigen Glut des Ofens und einigen Strohhalmen ein neues Feuer. Die Arbeit ging ihr leicht von der Hand, war sie es doch von klein auf gewohnt. Auch die Dunkelheit störte sie dabei nicht, wusste sie doch blind, wo alles lag, was sie für ihre Handgriffe brauchte. Das wenige Licht der ausklingenden Nacht, das durch die kleinen Fensteröffnungen neben der Eingangstür hereinfiel, reichte ihr vollkommen.

Als die Flammen hochschlugen, der Raum jetzt schwach erhellt wurde und der charakteristische, noch nicht einmal unangenehme, Geruch eines Dungfeuers ihr entgegenschlug, hängte sie eine verbeulte Kupferkanne voll Wasser, das sie aus einem hohen Krug an der Wand geschöpft hatte, über die Flammen.

Dann machte sie sich daran Hirse im steinernen Mörser ihrer Mutter zu zerstoßen. Immer wieder füllte sie eine Handvoll des Getreides in das Gefäß und zerrieb es zu feinem Mehl, die bereits gemahlene Hirse schüttete sie in eine bunt verzierte Schüssel neben sich.

Unterdessen war auch ihre Mutter erwacht, die sich, nachdem sie sich ebenfalls angezogen hatte, sofort nach hinten in den Stall der zwei Milchkühe begab, um dort das erste Mal an diesem Tag zu melken. Als sie mit zwei vollen Eimern zurückkam hatte ihre Tochter gerade die Arbeit am Mörser unterbrochen, um den Tee in einer Kanne mit dem inzwischen kochenden Wasser aufzugießen. Die Kanne stellte sie wieder dicht an den Herd, damit der Tee nicht zu schnell abkühlte.

Ihre Mutter hatte inzwischen einen Topf über das Feuer geschoben, dort kochte sie einen Teil der Milch auf, wobei sie immer wieder etwas der gemahlenen Hirse dazu gab, bis ein dickflüssiger Brei entstand. Dann sprach sie zum ersten Mal an diesem Morgen ihre Tochter an: „Bring mir ein paar der getrockneten Aprikosen. Ich denke, wir verfeinern heute unser Frühstück ein wenig…“

Asiya folgte sofort mit einem kleinen Lächeln dem Befehl ihrer Mutter, liebte sie doch alles was süß war. Schnell schnitt sie die getrockneten Früchte mit einem scharfen Messer in kleine Stücke und ließ sie in den Brei fallen, wo sie von ihrer Mutter untergerührt wurden.

Genießerisch zog Asiya den Duft des Hirsebreis ein, der jetzt auch, dem Rumoren im hinteren Teil des Hauses nach, die anderen Familienmitglieder geweckt hatte. Bald erschienen die anderen, alle noch etwas verschlafen, alle in ähnliche erdfarbene Kleider wie Asiya gehüllt. Asiya holte schnell noch sechs lange Holzlöffel und sechs tönerne Becher, die sie auf dem Teppich verteilte.

Sie setzten sich alle auf den Teppich, Hadjar füllte den Brei in eine Schüssel, stellte sie in die Mitte des Teppichs und verteilte den Tee. Dann setzte auch sie sich und alle aßen aus der gemeinschaftlichen Schüssel den Hirsebrei. Dazu tranken sie den mit Honig gesüßten Tee.

Die Mahlzeit verlief wie jeden Morgen schweigsam, zu sehr waren noch alle vom Schlaf umfangen. Sie wurden eben fertig, als der Muezzin der winzigen Moschee des Dorfes seinen Ruf erschallen ließ: „Allahu akbar! Ashadu an la ilaha illa-llah! Ashadu-anna muhammadan rasulullah! Hayy ´ala-s-salat! Hayy ´ala-l-falah! Hayy ´ala-hayri-l-amal! Allahu akbar! La ilaha illa-llah!(2)”  

Sofort machte sich die Familie bereit, die rituellen Waschungen zu vollziehen, wobei die Männer auf die eine Seite des Raumes gingen und die Frauen auf die entgegengesetzte. Sie wuschen sich mit sauberem Wasser das Gesicht, die Unterarme und die Füße, bevor sie sich wieder in die Mitte des Raumes begaben. Dort rollte jeder seinen Gebetsteppich auf dem festgestampften Boden des Hauses aus und warf sich in Richtung der Eingangstür im Gebet nieder, wobei Ahmad die geforderten Gebete sprach.

Als sie fertig waren, war inzwischen auch die Sonne aufgegangen und das helle Licht fiel durch die Fenster. Alle rappelten sich vom Boden auf, rollten ihre Teppiche wieder zusammen und verstauten sie in einer Ecke des Hauptraumes. Dann teilte Ahmad die Arbeiten des Tages ein. Er selbst und seine Söhne würden sich heute um die Pflege der sprießenden Gemüsepflanzen kümmern. Sie mussten das Unkraut jäten und die Bewässerungsgräben für die warmen Wochen, die ihnen bevorstanden, vorbereiten.

Hadjar sollte die Rinder auf die gemeinschaftlich genutzte Weide treiben und dann sich den Pflichten ihres Haushaltes widmen und die Mädchen sollten die Ziegen auf die weit abgelegene Wiese begleiten, die ihnen vor einigen Tagen zugeteilt worden war.

Ahmad schloss seine Anweisungen mit den Worten: „Ihr Mädchen, trödelt nicht wieder so lange herum sondern beeilt euch heute Abend, damit ihr eurer Mutter beim Kochen helfen könnt! Und jetzt bewegt euch…!“

Damit waren alle entlassen und widmeten sich ihrem Tagwerk. Rabia und Asiya liefen in den Stall und trieben ihre Ziegen hinaus und auf den Weg der zu ihrer Wiese führte. Unterwegs schlossen sich ihnen drei andere Mädchen mit ihren Tieren an. Alle drei waren etwa im gleichen Alter und sie hießen Jasmina, Tahia und Mariam. Die Mädchen waren schon seit langen miteinander befreundet und so zogen sie schwatzend und lachend hinter den Ziegen her.

Auf der Weide angekommen, setzten sie sich in den Schatten eines Baumes und unterhielten sich. Wie immer in den letzten Wochen war Rabias Eheschließung das wichtigste Gesprächsthema. Die anderen vier waren neugierig und Tahia, als die älteste von ihnen, auch ein wenig neidisch, weil ihre Freundin vor ihr heiraten würde.

„Ach du Glückliche!“ zwitscherte die vierzehnjährige Mariam. „Fahdi sieht so gut aus! Du bist wirklich zu beneiden…Hast du schon dein Hochzeitsgewand gesehen? Umma (3) hat mir berichtet, dass deine Mutter mit ihr zusammen das Kleid geschneidert hat. Es soll aus rot gefärbter Baumwolle sein und ganz weich und schön…“

„Nein, noch weiß ich nichts davon, aber Fahdis Vater brachte vor einigen Tagen den Brautschmuck zu meinem Vater und ich durfte einen Blick darauf werfen. Bismillah (4) , eine schwere Kette aus Gold und zwei Armreifen! Ich bin ja so aufgeregt!“

Während Mariam, Tahia und Rabia sich weiter begeistert über die bevorstehende Hochzeit unterhielten, standen Asiya und die gleichaltrige Jasmina ein wenig genervt auf und setzten sich ein wenig abseits von den anderen neben einen großen Felsblock.

Asiya zupfte aufgebracht einige Grashalme aus und zerpflückte sie zwischen den Fingern. Dabei murrte sie: „Wenn ich noch mehr von dieser Hochzeit hören muss, schreie ich beim nächsten Mal! Seit Wochen haben sie kein anderes Thema mehr. Als ob es etwas so besonderes ist, einen Mann zu heiraten!“

Jasmina warf schüchtern ein: „Aber Fadhi ist doch wirklich eine gute Partie und deine Schwester ist wahrhaftig zu beneiden…“

„Warum? Es wird sich doch nichts für sie ändern! Sie wird weiter machen wie bisher, außer, dass dann Fadhi über sie bestimmen kann und nicht mehr unser Vater…! Oh, ich wünschte, ich bräuchte nicht zu heiraten!“ rief Asiya auf.

Jasmina wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie fürchtete sich immer ein wenig vor ihrer Freundin, wenn sie sich so verhielt. Asiya war schon immer ein wenig aufrührerisch gewesen, noch nie wollte sie sich einfach in ihre Rolle einfügen. Sie hatte einen wachen Kopf und hinterfragte Dinge, die für die anderen selbstverständlich waren. Und auch jetzt blitzten ihre blauen Augen rebellisch auf.

Ihr Aussehen war Asiyas heimlicher Kummer, statt wie ihre Schwester mit üppigen schwarzen Haar und samtig dunklen Augen gesegnet zu sein, mit zart getönter Haut und sanften Rundungen, wie es das Ideal vorschrieb, war sie mit heller Haut gestraft, die zu Sommersprossen neigte und dazu hatte sie blaue Augen, so blau wie das Meer, und ungebändigte rotbraune Haare. Auch zeigten sich an ihrem langgliedrigen Körper keinerlei Rundungen, sie sah immer noch aus wie ein Kind, obwohl sie seit knapp einem Jahr ihre monatlichen Blutungen hatte. Dafür war sie ziemlich groß, sogar ihre Schwester überragte Asiya nur noch um eine Handbreite.

Sie sah einer Araberin kaum ähnlich, was ihre Mutter damit erklärte, dass ihre Urgroßmutter eine Christin gewesen war, die, nachdem sie sich in ihren Urgroßvater verliebt hatte, zum rechten Glauben gewechselt war und ihrem Mann sieben Kinder geschenkt hatte. Manchmal verwünschte Asiya die unbekannte Vorfahrin, die ihr das angetan hatte.

Auch jetzt sah sie neidisch zu Jasmina hinüber, die genau so wie Rabia dem weiblichen Idealbild mehr als nahe kam. Und diese sagte jetzt mit einem Augenzwinkern: „Du musst dir sowieso noch keine Gedanken machen. Solange du aussiehst wie ein zu groß geratener Junge und dich benimmst wie eine Wilde, wird niemand um deine Hand anhalten…“

„Du Biest!“ mit einem Schrei stürzte sich Asiya auf ihre Freundin und beide waren sofort in eine scherzhafte Balgerei vertieft. Etwas worin die sonst so sanft wirkende Jasmina es durchaus mit ihrer wilden Freundin aufnehmen konnte. Lachend und schreiend wälzten sie sich am Boden, manchmal lag Jasmina oben und manchmal schaffte es Asiya die Oberhand an sich zu reißen. Am Ende lagen sie beide atemlos nebeneinander, immer noch kichernd. Dann widmeten sie sich ihren Ziegen.

Der restliche Tag verging ruhig und friedlich, zum Mittagessen teilten die fünf Mädchen ihre mitgebrachten Vorräte untereinander auf und die älteren hatten ein Einsehen und erwähnten die bevorstehende Hochzeit nicht mehr.

Doch Asiya konnte nicht aufhören ihre Schwester immer wieder heimlich von der Seite zu mustern. Bald würde sie sie verlieren, sie würden sich nicht mehr das Bett teilen und hier zusammen bei den Ziegen sitzen. Sie würden nicht mehr miteinander lachen können und Asiya würde niemanden mehr haben, dem sie ihre Sorgen anvertrauen könnte. Wenn Rabia mit Fahdi verheiratet wäre, würde sie jede engere Bindung zu ihrer Familie abrechen müssen. Dieser Gedanke machte Asiya Angst, beinahe noch mehr, als der, dass sie nach ihrer Schwester die nächste sein würde, für die ihr Vater eine günstige Verbindung suchen musste. Schnell schüttelte sie ihren Kopf um diese Gedanken loszuwerden.

Kurz bevor die Sonne anfing hinter den Hügeln zu versinken, packten die Mädchen ihre Sachen zusammen und trieben die Ziegen wieder Richtung Al Qunaytirah. Am Anfang waren sie noch ausgelassen, machten Scherze und kicherten, doch plötzlich hob Mariam das Gesicht und schnüffelte in der Luft. „Da brennt es doch…“ murmelte sie, auf einmal blass geworden.

Die anderen folgten ihrem Beispiel und zogen die Frühlingsluft ein. Es stimmte, in der Luft lag ein rauchiger unangenehmer Geruch, beinahe wie ein zu groß geratenes Kochfeuer, auf dem altes, ranziges Fleisch anbrannte. Die Mädchen sahen sich erschrocken an, Feuer war ein schlimmes Übel, das ihre bescheidenen Existenzen sofort zerstören konnte.

Sie fingen alle an zu laufen, den steinigen Weg entlang, der zum Dorf führte, ihre Ziegen rannten, aufgeregt meckernd, hinterher. Auch die Tiere schienen zu spüren, dass Unheil in der Luft lag. Kurz bevor sie die letzte Kurve umrundeten, zischte Tahia: „Bleibt stehen, schnell! Seht mal da, da kreisen Aasgeier über dem Dorf!“

Sie duckten sich alle auf dem Weg und sahen in den Himmel. Da, sie sahen oben am Himmel schwarze Punkte kreisen, viele Punkte. Immer wieder stieß einer der Vögel nach unten um sofort wieder aufzusteigen. Der Gestank wurde auch immer schlimmer, unter den Brandgeruch mischte sich jetzt etwas Metallisches und etwas, das an die tiefen Abtritte hinter den Häusern erinnerte.

Ohne es extra abgesprochen zu haben schoben sich die fünf jetzt auf Händen und Füssen vorwärts, dankbar, dass ihre Tiere sich so vernünftig zeigten und ebenfalls leise und langsam hinterher kamen. Dann lag das Dorf vor ihnen und der Anblick raubte ihnen beinahe den Verstand.

Jedes Haus und jede Hütte stand in hellen Flammen, die gemauerte Moschee war nur noch ein Trümmerhaufen. Zwischen den zerstörten Gebäuden lagen tote Rinder, schrecklich aufgedunsen in der heißen Mittagshitze. Und dazwischen lagen die grausam verstümmelten Leichen der Bewohner.

Die Mädchen starrten vollkommen fassungslos auf dieses angerichtete Massaker. Plötzlich erkannte Rabia eine der Leichen und sie stürmte ohne nachzudenken in das Dorf, die Schreie der anderen, die versuchten sie zurück zu halten, hörte sie nicht mehr. Sie sank neben dem Körper eines jungen Mannes nieder, dem mehrere Pfeile in der Brust steckten und fing laut klagend an zu weinen.

Die übrigen Mädchen wollten sie nicht allein lassen und kamen zögerlich näher. Der Gestank war hier unerträglich, Verwesung und Feuer brachten sie zum Würgen und Jasmina musste sich sogar übergeben.

Auf einmal ließ Asiya einen spitzen Schrei hören und sie sahen wie sie sich über die Leiche einer Frau warf, deren Gewand bis zum Brustbein hoch zerrissen war und deren Unterleib nur noch eine zerfetzte blutige Masse war. Neben der Frau lag ein totes Ungeborenes, das ihr die Angreifer offensichtlich aus dem Leib geschnitten hatten. „Umma! Umma!“ Asiyas Schluchzer brachen mächtig aus ihr hervor, während sie wie von Sinnen versuchte die riesige Wunde mit ihrem Schal zu verstopfen.

Auch die anderen hatten jetzt die toten Körper von Freunden und Verwandten entdeckt und stimmten in das Klagegeheul der beiden Schwestern ein. Alle Bewohner, die sich im oder in direkter Nähe zum Dorf aufgehalten hatten, waren hier, tot, auf teilweise bestialische Art und Weise niedergemetzelt.

Mariam hielt den Leichnam ihres gerade drei Jahre alten Bruders auf dem Schoß, dessen Schädel seltsam verformt haltlos auf den schmalen Schultern rollte. Jemand hatte dem Kind erst das Genick gebrochen und ihm dann den Schädel eingeschlagen.

Nachdem die fünf für, wie es ihnen schien, Stunden zwischen den Toten saßen und vor Trauer und Verzweiflung halb wahnsinnig wurden, erhob sich auf einmal Tahia zitternd, die bis eben noch versucht hatte mit blutigen Händen den Kopf ihres Großvaters wieder auf dessen Hals zu drücken. Mit kratziger Stimme meinte sie: „Wir müssen sehen, ob noch jemand überlebt hat. Irgendjemand muss doch noch da sein, den wir fragen können, wer das getan hat…“

Sie alle standen auf und suchten das Dorf nach Überlebenden ab. Asiya machte sich in Richtung der Äcker auf, hoffend, dass ihr Vater und ihre Brüder durch ihren heutigen Aufenthalt auf den Feldern, den Schlächtern entkommen waren. Doch ihre Hoffnung wurde zerstört, als sie über dem Gemüsebeet mehrere Aasvögel kreisen sah. Ihr Vater lag, als ob er die beiden Jungen mit seinem Körper beschützen wollte, halb über ihnen, aus seinem Rücken ragte ein langer Speer, der ihn durchbohrt hatte.

Wie losgelöst rollte sie ihren Vater zur Seite, nur um zu sehen, dass ihre Brüder beide aufgeschlitzte Kehlen hatten. Beide hielten sich noch im Tod eng umschlungen und ihr Blut hatte ihre Kleider bis zur Hüfte getränkt.

Asiya taumelte wieder zurück, ihr Blick ging leer über die anderen, die ebenso mutlos und schockiert zurücksahen. Keine hatten einen Überlebenden gefunden. Sie setzten sich dicht zusammen, zu Füssen der zerstörten Moschee und Jasmina fing wieder an zu weinen: „Wir sind ganz alleine! Niemand ist hier…“

Sie wurde von einer kalten Stimme unterbrochen, die auf arabisch mit schwerem Akzent rief: „Wir sind hier, mein Täubchen…“

TBC

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(1) arab: So Gott will!
(2) arab: Gott ist gross! Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott! Ich bezeuge, dass Mohammad der Gesandte Gottes ist! Eilt zum Gebet! Eilt zur Seligkeit! Eilt zur besten Handlung! Gott ist gross! Es gibt keinen Gott außer Gott!
(3) arab: Mama
(4) arab: Im Namen Gottes
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