7.Glorfindel gelangweilt

GeschichteAllgemein / P6
15.05.2008
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7.5.2008

Ich war einmal im Urlaub auf einem Bauernhof. Ist schon ’ne Weile her.
Dieser Sommer war sehr heiß gewesen und deswegen gab es in diesem Jahr besonders viele Fliegen. Und zwar so viele, dass das Herausragendste aus diesem Sommer, an das ich mich noch erinnere, die Fliegen sind.
Nur auf diesem Bauernhof wohnten wohl die dämlichsten aller Fliegen: sie ließen sich mit den Fingern an den Hinterbeinen fangen und wunderten sich dann wahrscheinlich (wenn ein Fliege überhaupt zu solch einer Gemütsregung fähig ist), dass sie nicht wieder wegfliegen konnten.

Ein kleines Gedankenexperiment:

Stellen wir uns vor, wir hätten ein hermetisch abgeriegeltes Labor voller dummer, fetter Fliegen und würden sie ständig an dem hinteren, linken Bein fangen und bei Gelegenheit auch so über den Jordan schicken.
Was würde dann wohl nach einiger Zeit – frei nach Darwin – geschehen?
Genau: die dummen, fetten Fliegen würden lernen [okay, zugegeben: DAS ist jetzt widersprüchlich], das hintere, linke Bein abzuwerfen um zu überleben. Das ist – anschaulich erklärt – die Evolutionstheorie mit Anpassung und Mutation.
Wir könnten also eine völlig neue Fliegenart schaffen, bei der das Hintere-Linke-Bein-Bei-Gefahr-Abwerfen in den Genen festgelegt ist.

Natürlich nur, wenn wir besonders große Langeweile hätten…



A/N: Korrigiert von Marúhl und Svenja. (Wozu Dynamik-Vorlesungen alles gut sind… * grins *) Vielen Dank! Jeder Fehler, der über geblieben ist, geht auf die Kosten der Zwei, denn dann haben sie ihn übersehen! * alles weit von sich weis *

GLORFINDEL GELANGWEILT

oder:

Das Experiment


Langweilig.

Laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig. Langweilig. Langweilig. Langweilig. Langweilig. Langweilig.

LANGWEILIG.

Glorfindel war langweilig. Und zwar so richtig gewaltig.

Dabei war es nicht einmal seine Schuld. Es gab einfach nichts zu tun. Er hatte bereits alle seine Berichte geschrieben, auch die, die er in den letzten 50 Jahren versäumt oder verschlampt hatte. Den für den nächsten Monat auch. Er hatte die Abrechnung für Erestor und sogar seine Steuererklärung gemacht. Er hatte seinen Schreibtisch aufgeräumt und alle Waffen gereinigt. Asfaloths Fell glänzte nicht mehr so, wie seit den Tagen, als er noch ein Fohlen gewesen war und seine Mutter ihn noch geputzt hatte. Sattel und Zaumzeug waren geputzt und gefettet. Er hatte sogar angeboten, in der Bibliothek Staub zu wischen. Doch Erestor hatte dankend abgelehnt. Schließlich hatte Glorfindel das in den letzten Wochen bereits drei mal gemacht.

Glorfindel wollte unbedingt etwas zu tun haben. Ein Gefühl, das er bis vor einigen Monaten noch nicht gekannt hatte. Aber wenn man seit fast einem Jahr schon nichts, aber auch wirklich gar nichts, zu tun hatte, ja, dann beginnt man irgendwann, sich sehnlichst etwas zu wüschen, was man tun kann – und sei es noch so sinnlos.

Und wirklich: an Glorfindel lag es nicht, dass er seit einiger Zeit praktisch arbeitslos war. Eigentlich war es immer Glorfindels Schuld, aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Und das alles nur, weil sich – Tausende von Meilen entfernt übrigens – die Zwerge mit den Waldelben verkracht hatten, außerdem noch mit den Menschen und die Menschen wiederum mit den Elben. Und die alle hatten zu dieser großartigen Party auch noch die vereinten Armeen aller mittelerd’schen Orks und die gesammelten Heerscharen der Warge einladen müssen. Zu dumm, dass er nicht hatte dabei sein können.

Denn jetzt gab es weder Orks noch Warge. Ob es noch Zwerge gab, wusste Glorfindel nicht so recht. Die Meinungen der Experten gingen da weit auseinander. Waldelben gab es übrigens noch, selbst Thranduil der Olle lebte und nervte noch immer.

DAS machte natürlich alles nur noch schlimmer: das Wissen, dass Thranduil immerhin noch einen Wald voller blutrünstiger, giftiger, achtbeiniger, riesiger und so weiter Spinnen hatte, an denen er seit Schwert rostfrei halten konnte, trieb Glorfindel langsam, aber sicher in den Wahnsinn. Denn das Nebelgebirge, das – wenn man Elrond seinen Gehaltzahler nannte, stets ein sehr zuverlässiger Arbeitgeber gewesen war, war jetzt orkfrei.

Und wer, wenn nicht ein Ork aus dem Nebelgebirge, sollte Imladris angreifen? Glorfindel hatte zwar immer geglaubt, der Orkvorrat der nebligen Berge sei unerschöpflich (zumindest für die nächsten drei Zeitalter), aber selbst er konnte sich mal irren.

Außerdem änderte es nichts an der Tatsache, dass ihm so verdammt LANGWEILIG war. Und er hatte wahrhaftig schon alles probiert, hatte sogar all die unsinnigen Aufgaben erledigt, die ihm von Elrond und Erestor aufgetragen worden waren.

Als Glorfindel schließlich voller Verzweiflung damit begann, die Steinchen des großen Wandmosaiks in der Eingangshalle zu zählen (für die Statistik), drückte ihm Erestor (schon selbst der Verzweiflung nahe) sein Allerheiligstes in die Hand: die Schlüssel zu seiner Privatbibliothek.

Zugegeben, normalerweise war Glorfindel kein Lesetyp, aber wenn ihn die (total uninteressanten) Bücher Erestors vor dem Langeweile-Tod bewahren konnten, dann war er zu allem bereit. Selbst zu Erestor Botanik-Nachschlagewerken. Oh ja, er würde jedes Buch Wort für Wort durchlesen und sich auch alles merken! Und wenn sich in hundert Jahren herausstellen sollte, dass es doch noch irgendwo auf dieser Welt so was wie Orks gab, würde er die mit seinem immensen Wissen über einfach ALLES so beeindrucken können, dass sie von allein Reißaus nehmen würden.

Große Pläne waren es also, die Glorfindel hatte, als er diesen mit Büchern völlig überfüllten Raum hinter Erestors Wohnzimmer betrat.

Leider muss berichtet werden , dass er nur bis Buch Nummer 47'163 kam.

Ab Buch Nummer 47'163 nämlich begann etwas ganz anderes seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Es fesselte ihn. Er konnte nur noch daran denken. Fragen nahmen seinen Geist in Beschlag und ließen nicht locker. Unruhe ergriff ihn. Ließ ihn zappelig werden. Ja, es juckte ihn in den Fingern, es zu packen und loszulegen: Probleme wollten gelöst werden und Fragen beantwortet und das Flattern seiner Nerven beruhigt.

Ihr fragt, was Glorfindel so aus der Bahn warf?

Freut euch: eine Fliege war’s. Eine ganz gewöhnliche fette Fliege. Sie war durchs offene Fenster hereingekommen und nervte ihn nun schon seit Buch Nummer 47'025, und wie er also zu Nummer 47'163 kam und er spürte wie seine Konzentration langsam flöten ging, sich zu der Fliege in die Lüfte erhob und durch das Zimmer brummte, erinnerte er sich an ein früheres Buch (irgendeins zwischen 26'841 und 28'951).

So kam es, dass, als Erestor nach einiger Zeit nach Glorfindel schaute, er den Krieger in Arbeit vertieft vorfand – eine Arbeit übrigens, deren Inhalt und Sinn ihm völlig schleierhaft war. Abgesehen davon hatte seine Bibliothek nicht mehr viel Ähnlichkeit mit sich selbst.

„Was tust du hier?“

„Ich arbeite.“, war Glorfindels stolze Antwort.

„Das sehe ich, aber WAS arbeitest du?“ Erestor hob eines der Bücher auf, die auf dem Boden verstreut herumlagen. „Und warum liegt Hiron Lavans* Theorie einer Entwicklung auf dem Fußboden?“

„He, das brauch’ ich noch! Und mach die Tür zu, wenn du länger bleibst. Die Probanden entkommen!“

„Die-WAS?!“

„Also wirklich!“ Entrüstet erhob sich Glorfindel vom Fußboden. Aufgerichtet überragte er Erestor um einen Kopf, und nun sah er, die Fäuste in die Hüften gestemmt, hochmütig auf Erestor herunter, der – Glorfindel hatte es ja schon immer gewusst (aber wer hörte schon auf ihn) – natürlich absolut keine Ahnung hatte.

„Die P-R-O-B-A-N-D-E-N. Die Teilnehmer meines Versuches.” Glorfindel deutete hinunter auf einen Stapel bekritzteltem Papier.

„Deines VERSUCHES?!“ Bis dato hatte Erestor nicht gewusst, dass Langeweile solch schwere körperliche und seelische Störungen hervorrufen konnte. Nun, jetzt war er schlauer. Deshalb waren diese Jungelben also so durchgedreht und anstrengend: sie hatten einfach zu viel Langeweile in ihrer Jugend gehabt.

„Genau. Mein Feldversuch an der Gemeinen Haus- und Stallfliege**.“

Tatsächlich. Erst jetzt fiel Erestor auf, dass es in seiner Bibliothek nur so von Fliegen wimmelte.

„Hiron Lavan jedenfalls schreibt in seiner Theorie einer Entwicklung das die Artenvielfalt unserer Ära ein Ergebnis von natürlicher Auslese und Anpassung an Lebens- und Umweltbedingungen ist, was wiederum-“

„Ich weiß.“, unterbrach Erestor Glorfindel knirschend. „Ich habe das Buch gelesen.“

„Siehste!“ Glorfindel strahlte. „Ich werde jetzt die Fliegen immer am linken hinteren Bein fangen und einzelne dabei umbringen, anderen nur das Bein rausreißen. Nach Hiron Lavan sollten die Fliegen dann anfangen ihr linkes hinteres Bein von selbst abzuwerfen…“

Erestor starrte Glorfindel sprachlos an. Sprachlos ob der Tatsache, das Glorfindel wirklich ein so hochwissenschaftliches Buch wie das Hiron Lavans gelesen hatte, und sprachlos ob der Erkenntnis, dass er es auch verstanden hatte.

Verstanden und aber auch wieder nicht.

„Glorfindel…“, wagte Erestor einzuwenden, als er seine Sprache wieder gefunden hatte. „Du weißt aber schon, dass eine solche Entwicklung einige Zeitalter lang dauern kann, oder?“

Doch Glorfindel hörte ihm gar nicht richtig zu: viel zu beschäftig war er, einer Fliege ihr hinteres, linkes Bein herauszureißen***.

„Ich… ich geh dann wohl mal lieber…“ Verunsichert trat Erestor den Rückzug an. Dieser Glorfindel war ihm fremd und unheimlich. Er nahm sich vor, es sich selbst niemals so langweilig werden zu lassen. „Ich sag dir Bescheid, wenn wieder ein Ork gesichtet wird.“ Mit diesen Worten verließ er schnell seine eigene Bibliothek. Er bezweifelte, dass Glorfindel ihn überhaupt verstanden hatte.

~ ~ ~


Jahre sind seit dem vergangen, es gibt wieder Orks in Eriador und die Grenzen sind schon lang nicht mehr sicher. Glorfindel hat sich schon längst wieder seinem Hauptberuf zugewendet. Was aus seinem Fliegen-Experiment wurde, weiß niemand. Auf die Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse wartet die Fachwelt noch heute.

Finis.

~ * ~ * ~


* Ja, auch C. Darwin braucht ein Alter Ego in Mittelerde.
** Gibt es mit Sicherheit nicht, aber ich nenn sie jetzt einfach mal so.
*** Ich weiß, das ist brutal, aber Tierschutzorganisationen gibt es in Mittelerde erst ab dem Fünftem Zeitalter.

~ * ~ * ~


Stundenlang in einem stickigen, abgedunkelten Raum hocken, verzweifelt , weil das Glasprisma nicht das macht, was man will, mit Kopfschmerzen vom ständigen Starren durch eine Linse auf die erstaunlichsten Versionen vom Hg-Spektrum… wer das schon einmal erlebt hat, der weiß: nach so einem Tag kommt man auf solche Ideen…

~ * ~ * ~


PS: Bitte fragt nicht, warum ausgerechnet das linke Bein.