Die Splitter des Chaos

von Aijana
GeschichteAllgemein / P12
Bartimäus Dschinn Kobolde
12.05.2008
19.06.2008
5
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12.05.2008 921
 
"Des Schicksals’ Sterne wohnen in der eignen Brut."
~ Friedrich von Schiller


Irgendwann im frühen Ägypten


„Wir wissen..“ Begann der Priester. „..das dieses Tor danach nie wieder geschlossen werden kann.“ Die lange, weit geschnittene Robe wehte auf, als er sich umwandte und seinen Blick zum Pharao wandern ließ. „Seid ihr euch sicher, dass es das Risiko wert ist, Hoheit?“ Der junge Pharao stand vor einer der Fensterlücken und wirkte, als würde er nicht zuhören. Erst wenn man genauer hinsah, bemerkte man, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, wie er verbissen seine Zähne zusammenpresste. „Es muss so sein.“ Murmelte er schließlich, die Stimme verzerrt. „Denn alles ist besser, als weiter dieses Leid zu sehen.“ Der Hohepriester blickte zu dem Jungen, der neben ihm stand. Ein typischer, ägyptischer Junge, dessen schwarzes, lockiges Haar das schmale Gesicht wie ein Gemälde umrahmte. Doch er war keineswegs normal. Jeder konnte es sehen, an den tiefen, kalten Augen, in denen immer der silbrige Schimmer einer anderen Welt zu liegen schien. Der Blick aus den abstrusen Augen war nicht im hier und jetzt, sondern weit in der Ferne. An einem anderen Ort. Ihrem Ort. Ihm schauderte. Was auch immer diese Wesen taten, es konnte nichts gutes daraus entstehen. Nicht für das Land, nicht für seine Bewohner. Dessen war er sich sicher. Erneut richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Pharao.
Er schien leider der einzige zu sein, dem das bewusst war.

~*~*~

Der Junge blickte zum Himmel. Die Sterne waren sehr schön diese Nacht. Wahrlich schön. Es war perfekt. Und wenn es funktionierte, würden die Menschen ihm für immer dankbar sein. Das Chaos mochte die Welt plagen, doch die Wesen aus dem anderen Ort würden dafür sorgen, dass es vorbei war. „Es ist ein Fehler.“ Flüsterte der Hohepriester neben ihm. Nein, es war die Lösung... Der törichte, alte Mann hatte ausgedient, und dies mochte der einzige Grund sein, weshalb er seit seinem Gesuch auf den Pharao einredete und ihm versuchte weiszumachen, dass es eine schlechte Idee war, auf ihn zu hören. Der Narr hatte wirklich keine Ahnung.
Lange Zeit hatte er nachgedacht, doch jetzt wusste er es. Zehn Namen, mehr brauchte es nicht. „Ich sage euch, nur Verderben kann von diesem anderen Ort kommen.“ Redete der Priester weiter auf den Pharao ein. Der Junge funkelte ihn von der Seite an. „Seid still alter Mann.“ Zischte er. Der Priester erwiderte wütend seinen Blick, während der Pharao stumm blieb. Er würde abwarten.. und ihn sie  zurückschicken lassen, wenn es sein musste. Wieder blickte er zu den Sternen. Dorthin würden sie nicht mehr zurückkehren.

Stumm stand er vor der Stelle, in der er die Zeichen auf den Sand geschrieben hatte. Ein einziger Kreis, der sie zu bannen vermochte. Die Runen, deren Bedeutung ihm verschlossen blieb, aber deren Sinn ihm sehr wohl bewusst waren, schienen ihm auffordernd entgegen zu blicken. Leise seufzte er. Ein Teil von ihm sträubte sich davor, das zu tun, der andere flehte darum, er wollte die Wesen sehen, deren Namen ihm schon seid seiner Geburt auf der Zunge brannten. Er hatte immer daran geglaubt, dass er sie nicht aussprechen durfte. Doch sollte dies gelingen, würde er sie alle aufschreiben, jeden einzelnen der Namen, die er so lange für sich behalten hatte. Ein paar Augenblicke zögerte er, dann war seine Entschlossenheit zurückgekehrt. Er hatte bereits zehn Namen ausgesucht. Dann rief er jeden einzelnen laut in die Nacht hinaus.

~*~*~

Am Ende war es getan. Keuchend kniete der Junge im Sand und musterte die flache Scheibe. Der neunzackige Stern, zusammengefügt aus reinstem Silber, funkelte wie die Sterne am Himmel aus dem matten Schwarz der Scheibe. Langsam stemmte er sich hoch, die zittrigen Arme hielten ehrfürchtig die Scheibe umklammert. Das Material wirkte so dünn und zart, als könnte man es mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung zerbrechen. Kaum befand sich das Fragment über dem Boden, wurde jene Kraft, die ihm bereits zuvor den Atem geraubt hatte, unerträglich. Ein Fluch lag zwischen seinen zusammengepressten Lippen, als ein Ruck durch die Scheibe stieß. Der Junge keuchte, und zu seinem Entsetzen gelang es ihm nicht, das fragile Objekt zu halten. Mit einem leisen Geräusch fiel sie zu Boden. Und obwohl es nur Sand war, auf das sie traf, gab es ein knirschendes Geräusch, ein kurzes Funkeln, und die Scheibe zerbarst in zehn Splitter. Wie ein Symbol leuchteten ihn die Teile an. Für die zehn Geister, die er aus ihrer Welt gerissen und in die Scheibe gezwängt hatte. Dämonen hatte der Priester sie genannt, Gestaltwandler und Verführer. Die Scheibe hätte nicht zerbrechen dürfen. Niemals. Aber als wäre es ihr eigener Wille gewesen, vielleicht auch die Macht der in ihr eingeschlossenen Wesenheiten, hatte sie nicht lange bestanden. Die Geister mussten jedoch noch dort sein...
Er bückte sich, sammelte ein Teil nach dem anderen vorsichtig auf. Nun erschienen sie ihm leichter als eine Handvoll Sand. Sein Blick huschte hin und her. Er hatte die Scheibe fortbringen sollen. Wieder musterte er die Splitter. Dann würde er nur diese Splitter fortbringen. Es würde besser sein, jeden außer Reichweite der anderen zu bringen. Er nickte zu sich selbst. Noch einmal blickte er sich um, suchend, ob ihn nicht doch jemand beobachtet hatte. Dann machte er sich auf den Weg, den nächtlich kalten Sand unter den Füßen un sein erstes Ziel vor Augen. Je schneller er die Spliter los war, desto besser. Und obwohl alles nicht ganz so gelaufen war, wie er es sich erhofft hatte, wusste er, dass die Geister der Welt noch viel bringen würden.

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Die überarbeitete Version vom 22.01.2009
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