Wie Schnee im Wind

von Lepitera
GeschichteDrama / P12
Hermine Granger Severus Snape
11.05.2008
20.05.2008
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Inhalt: Fünf Jahre sind vergangen, seit Hermine Hogwarts hinter sich gelassen hat, als eines Nachmittags Snape unerwartet in ihrem Flur steht. Mit einer überraschenden Bitte und verdammt wenig Zeit.
Spoiler: nein
Altersfreigabe: ab 12
Teil: 1/2
Hauptcharaktere: Hermine Granger, Severus Snape
Disclaimer: Alle hier verwendeten Charaktere gehören ausschließlich J. K. Rowling. Ich habe keine Absicht, damit Geld zu verdienen.
Warnung: Character Death, Hurt/Comfort
Kommentar: Was macht man, wenn man ‚Philadelphia’ gucken will und plötzlich bei der Titelmusik das Bild vor Augen hat, wie Snape einsam und mit hochgeschlagenem Kragen durch die Straßen von London läuft? Wenn man zudem kein Geld hat, jemanden zu bezahlen, der einem die Story schreibt, die dabei entsteht? *g* ‚Ganz einfach’,wurde mir gesagt: ‚Setz dich hin und schreib sie selbst.’ Und das hab ich dann auch getan.
Ermunterung und Unterstützung während des Schreibens, Hilfe bei der nervenaufreibenden Titelsuche und natürlich die Betaarbeit, all das hat Rica übernommen bzw. über sich ergehen lassen. Deshalb an dieser Stelle: Danke für den Anstoß, Deine Mühe und Geduld! *knuddel* Ich widme Dir dieses Erstlingswerk.

Viel Spaß beim Lesen! Wenn ihr könnt, dann hört unbedingt vorher ‚Streets of Philadelphia’ von Bruce Springsteen!





Wie Schnee im Wind


Mit festen Schritten stapfte der dunkelhaarige Mann durch die verschneiten Straßen Londons. Trotz des schwarzen knielangen Mantels hatte er seine Schultern hochgezogen, so als würde die Kälte den Stoff durchdringen. Der graue Schal um seinen Hals war nachlässig geknotet. Den Kragen hatte er aufgestellt und die Hände tief in den Taschen vergraben. Missmutig waren seine Lippen, die man hinter den halblangen schwarzen Haaren kaum erkennen konnte, zusammen gepresst.

Vielleicht lag es an seiner grimmigen Miene, vielleicht auch einfach an seiner finsteren Ausstrahlung, auf jeden Fall machten die Menschen, die ihm auf dem Bürgersteig entgegen kamen, Platz, so dass er trotz der vielen Fußgänger schnellen Schrittes voran kam.

Es war unüblich für ihn, in der Muggelwelt unterwegs zu sein. Aber in der letzten Zeit hatte es einige Dinge gegeben, die ungewöhnlich für ihn waren…

Er fröstelte. Auch ohne die winterliche Kälte konnte er nicht verhindern, dass sein Körper häufiger unkontrolliert zitterte. Solange dies, neben einigen anderen Unannehmlichkeiten, die einzigen Auswirkungen waren, die er bisher spürte, konnte er damit gut leben.

Noch ein Monat. Zwei waren schon rum - so schnell!

Erst wenn man keine Zeit mehr hatte, merkte man, wie schnell sie einem durch die Hände glitt. Erst wenn man das Ende vor sich sah, wusste man das verbleibende Leben zu schätzen.
All die Kleinigkeiten, denen man vorher nur wenig oder gar keine Beachtung geschenkt hatte - wie das geheimnisvolle Funkeln des Schnees, das Leuchten der Sterne in der Nacht oder der Genuss von auf der Zunge schmelzender Schokolade - bekamen eine ganz neue Bedeutung.

Wäre er nicht Severus Snape, würde er sich in den letzten verbleibenden drei Monaten bestimmt an diesen oder anderen Kleinigkeiten erfreuen und das, was ihm an Lebenszeit blieb, genießen.
Aber er war Severus Snape und deshalb hatte er dafür keinen Sinn. Noch nie und er sah auch nicht ein, ihn für die letzten drei Monat zu suchen. Er war 42 Jahre lang ohne Sentimentalität zurecht gekommen und er würde jetzt nicht anfangen, dies zu ändern.

Nachdem er den Fluch analysiert und so zu dem Schluss gekommen war, dass seine Wirkung langsam aber stetig zunahm und ihn innerhalb von drei Monaten umbringen würde, hatte er sich einem Berg von Arbeit gegenüber gesehen, der in dieser kurzen Zeit noch bewältigt werden musste.
Seine Forschungen wollte er wenigstens zu einem Teil abschließen und die Ergebnisse in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur veröffentlichen.
Dabei ging es ihm nicht darum, der Welt seinen Namen zu hinterlassen oder einen Beweis dafür, dass er einmal gelebt hatte. Er hatte schon genug Dinge getan, an die man sich noch in mehr als 50 Jahren erinnern würde und auf die er ganz gewiss nicht stolz war.
Nein, dieser Wunsch hatte viel mehr praktische Gründe. Er wollte, dass das Wissen, das er all die Jahre über gesammelt und sich angeeignet hatte, die Dinge, die er mit seinen Forschungen herausgefunden hatte, anderen zur Verfügung standen. Damit sie weiter daran arbeiten oder seine Ergebnisse für eigene Zwecke benutzen konnten. Ganz einfach.

Ein Nachfolger für seinen Posten als Zaubertränkelehrer musste gefunden werden. Auch wenn Dumbledore sicher ein gutes Händchen in der Beurteilung von Menschen hatte - vom Tränkebrauen verstand er so gut wie nichts. Und Snape wollte sicherstellen, dass den Schülern weiterhin ein geeigneter Lehrer gegenüberstand.

Doch trotz dieser Aufgaben blieb noch viel Zeit. Zeit, mit der er überhaupt nichts anfangen konnte und die ihn unruhig machte.
Statt einfach noch einmal zu leben, versuchte er so weiterzumachen wie bisher. Terrorisierte weiter seine Schüler, nachdem er Dumbledore überzeugt hatte, dass er vorerst weiter in der Lage wäre zu unterrichten. Übernahm wenigstens noch einmal pro Woche den Nachtdienst, um Schüler, die sich in den Fluren herumtrieben, statt in den Betten zu liegen, in eben diese zurück zuscheuchen. Und war immer noch unausstehlich, wenn er am Morgen in die große Halle kam, um zu frühstücken.

Dass der Grund für seine schlechte Laune am Morgen nicht mehr unbedingt den lärmenden Schülern zuzuschreiben war, sondern immer mehr daraus resultierte, dass er das Essen nicht mehr vertrug, würde er natürlich niemandem auf die Nase binden. Lediglich Dumbledore gestattete er, ihn zu fragen, wie es ihm ging. Eine ehrliche Antwort musste der Direkter aber nicht erwarten.

Snape sah kurz über die Schulter, bevor er die breite Straße überquerte. Im Moment war noch nicht viel Verkehr. Das würde sich erst ändern, wenn der Feierabend über die Stadt hereinbrach und die Menschen sich in langen Autokarawanen aus der Stadt bewegten.
Zielsicher lief er noch einige Häuserblocks, bevor er einen Zettel aus seiner Tasche zog und die Hausnummer nachlas. 27. Er ließ seinen Blick über die Häuser schweifen. Mehrfamilienhäuser wie in jeder größeren Stadt. Die ersten Eingänge trugen noch einstellige Zahlen. Ein paar Minuten hatte er also noch.
Er wusste nicht, wann ihm der Gedanke gekommen war. Aber er wusste, dass sie die Richtige war. So nervig sie auch immer gewesen sein mochte, musste er doch anerkennen, dass sie sich all die Jahre nicht von seinem Spott und seinen fiesen Bemerkungen hatte abhalten lassen, ihre Fragen zu stellen. Er mochte eigentlich keine Muggel. Er wollte auch sie nicht mögen. Aber für diese junge Frau empfand er zumindest eine Form von Anerkennung.

Snape hatte sich informiert, was sie im Moment trieb.
Vor kurzem war sie von einem Forschungssemester aus Frankreich zurückgekommen. Nun lehrte sie wieder an einer hiesigen Zaubererschule.
Er kannte diese Vereinbarungen. Zehn Semester unterrichten und anschließend ein Halbjahr nur für Forschungen. Nicht schlecht. Ein halbes Jahr ohne diese kleinen nervenden Individuen, das hätte ihn auch gereizt. Aber - er zuckte unwillkürlich mit der Schulter - dafür war es jetzt eh zu spät und in Hogwarts gab es diese Regel auch nicht.

25… 27. Er entdeckte die Nummer am anderen Ende der Straße. Natürlich, so war es doch immer. Wenn man etwas suchte, fand man es immer dort, wo man zuletzt nachsah.

Seine Schritte wurden langsamer und er ein Stück unsicherer. Was sollte er ihr sagen?
Tief atmete er die kalte Winterluft ein.
Nun, vielleicht sollte er erst einmal darauf hoffen, dass sie ihn herein bat. Das allein könnte schon ein Stück Arbeit werden, aber er hatte garantiert nicht vor, die Angelegenheit auf dem Flur zu besprechen.

Er betrachtete das Haus von der gegenüberliegenden Straßenseite. Drei Stockwerke, Fenster mit Gardinen, in einigen brannte Licht, Blumen und Fensterschmuck standen in anderen.
Manch einer würde es als heimelig beschreiben. Für ihn war es einfach das, was es war.
Ein Haus in einem Stadtteil Londons, in dem seine ehemalige Schülerin Hermine Granger wohnte.
Seine beste Schülerin. Das konnte er wohl ruhig zugeben. Sonst wäre er jetzt nicht damit beschäftigt, die Klingelschilder zu überfliegen, um ihren Namen zu finden.

Ein kurzer Druck auf den kleinen knubbeligen Knopf. Snape wartete. Vielleicht war sie ja gar nicht zu Hause. Aber dann würde er den Weg noch einmal auf sich nehmen müssen. Auch keine gute Alternative. Ein Summen holte ihn aus seinen Überlegungen.
Er stieß die Tür auf, die unvermittelt schwerer war, als sie aussah. Vielleicht war er aber auch einfach nicht mehr so kräftig… den Gedanken verdrängte er energisch, kaum dass er ihm gekommen war.
Mit gemessenen Schritten stapfte er die Treppe bis in den zweiten Stock hinauf. Auch die Tatsache, dass er für diese Stufenzahl deutlich länger brauchte und mehr außer Atem geriet als früher, wurde von ihm gar nicht erst ins Bewusstsein gelassen.

Eine Tür stand sperrangelweit offen. Er betrachtete noch einmal das Namensschild neben der Tür: ‚Granger’. In Ordnung. Dann räusperte er sich leise, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aus der Wohnung war das Klappern von Geschirr zu hören.

„Komm rein. Schuhe kannst du auch drinnen ausziehen“, rief ihm die Stimme einer jungen Frau entgegen.

Er wusste für einen Moment nicht, was er tun sollte, entschied sich dann aber schulterzuckend, ihren Anweisungen Folge zu leisten. Langsam trat er über die Türschwelle, wandte sich dann, als er im Flur stand, um und schloss die Tür hinter sich.

„Hey Mom…“, rief die jugendlich wirkende Stimme aus dem Zimmer, das links vom Flur abzweigte, und um die Ecke kam mit Schwung Hermine geschossen. Sie brach ab, als sie ihn dort stehen sah, und starrte ihn aus großen Augen an. Er fühlte sich unwohl unter diesem Blick. Was ihn gleich verärgerte.

„Miss Granger.“ Noch immer schwang, wenn er ihren Namen aussprach, Verdruss und Ungeduld mit.  

„Pro… Professor Snape?“ Ihr Stottern wurde mit einem leichten Heben der rechten Augenbraue quittiert.
„Richtig, Miss Granger. Wären Sie jetzt noch meine Schülerin, wäre mir das direkt fünf Punkte für Gryffindor wert.“
Hermine sah ihn noch immer verdutzt an. Also wandte er den Blick von ihr ab und betrachtet den Gang, in dem er stand.
Er ließ seinen Blick über die pastelfarbenen Wände schweifen, die farbenfrohen Fotos. Aufnahmen vom Meer, Strand und Sonne. „Frankreich“, murmelte Hermine, die seinem Blick gefolgt war. Ihrer lag nun ebenfalls auf den Bildern.

„Warum sind Sie hier? Wenn Sie sich dazu durchringen, mich aufzusuchen, dann muss das ein ziemlich schwerwiegender Grund sein. Schließlich…“, sie betrachtet ihn eingehend, was ihm gar nicht zu passen schien, „…tragen Sie Muggelkleidung und jeder weiß, dass Sie Muggel nicht mögen. Sie kommen zu mir. Einer Ex-Schülerin, die Sie mit Ihren Fragen in den Wahnsinn getrieben hat.“ Er zog eine Augenbraue hoch, aufgrund ihrer guten Selbsteinschätzung.
„Ja, ja“, meinte Hermine und ein Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, „seit ich selbst unterrichte, weiß ich, was es heißt, Fragen zu beantworten. Aber ich tue es wenigstens und würge die Schüler nicht ab“, setzte sie dann noch hinzu.

„Nun, Miss Granger, vielleicht freut es Sie dann zu hören, dass Ihre Fragen immer sehr… speziell waren. Die richtigen Fragen zu stellen, ist auch eine Wissenschaft.“
„Hm“, konnte sich Hermine nicht verkneifen, steckte das späte Lob aber gern ein.
Sie trat einen Schritt zurück.
„Da Sie jetzt schon mal hier sind und mir nicht verraten haben, was Sie von mir wollen…“, eine kurze Pause entstand, „… möchten Sie vielleicht einen Tee oder Kaffee? Kommen Sie mit in die Küche!“

Ohne Widerspruch folgte ihr Snape in die lichtdurchflutete Küche. Bevor er sich auf den Stuhl an den kleinen Tisch setzte, knöpfte er seinen Mantel auf und nahm seinen Schal ab.
Während Hermine Wasser aufsetzte und sich fragte, warum er gekommen war, sah er durch die großen Fenster nach draußen. Er sah nicht wirklich hin, sondern hing seinen Gedanken nach. Aber wer würde ihn schon so genau betrachten?

„Woran denken Sie?“ Hermine hatte sich umgedreht und lehnte an der Theke. Sie beobachtete ihn. Auch er nutzte die Gelegenheit und musterte sie, gab sich keine Mühe, es zu verbergen. Jeans, ein sportliches enges Shirt. Ihre Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Wie immer. Nur älter sah sie aus, erwachsener. Schließlich ließ er den Blick von ihr wieder zu den Bäumen wandern, die draußen vor dem Fenster mit ihren Ästen im Wind hin und her schwangen.

„Kaffee bitte“, erwiderte er nur, ohne auf ihre Frage einzugehen. Von Hermine kam lediglich ein Seufzen, bevor sie zum Kühlschrank ging, die Milch herausnahm, vom Regal den kleinen Topf mit Zucker holte und beides auf dem Tisch platzierte. Stumm bereitete sie anschließend den Kaffee zu.
Mit zwei dampfenden Bechern kam sie wieder auf ihn zu und stellte einen vor ihm auf dem Tisch ab. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und umklammerte mit beiden Händen die warme Tasse.

Sie würde ihn nicht noch einmal fragen. Also saß sie ihm einfach nur gegenüber. Stumm. Und nippte an ihrem Kaffee.

Snape starrte noch ein paar Minuten aus den hinter ihr liegenden Fenstern, bevor er nach dem Zuckertopf griff und einen gehäuften Löffel des Süßstoffs in seinen Kaffee schaufelte. Erst dann ergriff er die Tasse und führte sie an seinen Mund.
Obwohl das Getränk genauso heiß sein musste wie ihres, nahm er einen großen Schluck und stellte sie ohne jede Regung wieder zurück auf den kleinen Küchentisch.

Plötzlich fand sie sich seinem unbeugsamen starrem Blick ausgesetzt und vergaß für einen Moment zu atmen. Mit einer unglaublichen Intensität sah er ihr in die Augen.

„Ich werde in einem Monat sterben“, fing er dann emotionslos an und schaffte es, dass Hermine sich beinahe verschluckte. Er wartete mit gerunzelter Stirn, bis ihr Husten aufhörte, um fortzufahren. „Wir müssen alle sterben, Kreislauf des Lebens.“

Er wirkte kalt und unnahbar, während er dies sagte und ein Schauer lief über Hermines Rücken. Obwohl sie ihn am liebsten unterbrochen hätte, ließ sie es und wartete einfach ab, was er als nächstes sagen und erklären würde.
Snape kannte diesen Blick nur zu gut. „Also die lange Version – Sie würden ja doch keine Ruhe geben, bevor sie nicht alles wissen, nicht wahr?“

Noch einmal nahm er einen Schluck des heißen Getränks.

„Vor zwei Monaten wurde ich während… nennen wir es einfach… während einer außerschulischen Aktivität… von einem Fluch getroffen. Dieser Fluch - ich erspare Ihnen die Einzelheiten - führt innerhalb von zwei bis drei Monaten zum Tod.
Sie haben als Nebenfach Zaubertränke studiert.“ Hermine ersparte sich die Frage, woher er dies wusste, und hört einfach weiter zu.
„Ich möchte Ihnen meine Unterlagen überlassen.“ Ohne auf ihren ungläubigen verwunderten Blick zu reagieren, fuhr er weiter fort. „Es gibt einige Dinge, die ich während meiner Zeit als Zaubertränkemeister herausgefunden habe. Es wäre unsinnig, sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Andere Versuche sind noch nicht ganz abgeschlossen und ich hatte… gehofft, dass Sie sie zu Ende bringen würden, wenn ich es nicht mehr schaffen sollte.“

„Warum ich?“, erwiderte Hermine lediglich.

„Weil Sie dazu fähig sind.“

„Ach, und das fällt Ihnen erst jetzt auf? All die Jahre, in denen Sie mich unterrichtet haben, habe ich von so etwas geträumt. Einfach mal ein Lob von Ihnen, ein Stück Anerkennung meiner Fähigkeiten. Und nun, kurz bevor Sie …“, sie brachte das nächste Wort nicht über die Lippen „…kommen Sie zu mir und wollen, dass ich Ihnen helfe. Wahrscheinlich bin ich die Letzte und alle anderen haben schon dankend abgelehnt“, brachte sie ungestüm hervor und überspielte damit geschickt ihre Bestürzung, ihre Verwunderung und die jahrelange Enttäuschung und Wut auf ihn.

„Nein“, hört sie Snape schon leiser antworten, „in der Tat waren Sie die Erste, die ich in dieser Angelegenheit aufgesucht habe.“

Ernst sah er sie wieder an und Hermine wusste für einen Moment nicht, was sie sagen sollte.
„Warum sollte ich Ihnen helfen?“ Sie hatte ihre Stimme wiedergefunden.

„Weil es Sie reizt.“ Er schien keine Zweifel an dieser Tatsache zu haben.
„Schon…“, musste sie zugeben und war nicht glücklich darüber, dass sie so leicht zu durchschauen war.

„Was hat es mit diesem Fluch auf sich?“, änderte sie dann jedoch abrupt das Thema. Ihre Finger spielten mit dem Zuckerlöffel und es dauerte eine Weile, bevor sie ihn wieder ansah. „Was wird mit Ihnen passieren?“
Snape verzog den Mund und erinnerte sie unwillkürlich an ihre Schulzeit, wenn er in den Kessel von Neville gesehen und festgestellt hatte, dass wieder mal alles misslungen war. Fast hätte sie gelächelt, aber das Thema ließ sie ernst bleiben.
Sie betrachtete ihn und er konnte Neugier in ihrem Blick erkennen. Aber auch einen Hauch von Traurigkeit.
„Das, Miss Granger, ist für Sie nicht von Belang.“

Hermine schnaubte. „Sie können doch nicht einfach hier reinplatzen, mich über Ihren nahenden Tod informieren und mit einer solchen Bitte wieder verschwinden.“

„Kann ich nicht?“, erwiderte er ruhig. Trank noch einen Schluck des warmen Kaffees und machte Anstalten, sich den Schal wieder um den Hals zu legen.

„Stopp!“, rief Hermine aufgebracht. Für einen Moment fuhr sie sich mit den Händen fahrig über das Gesicht.

Sie wusste, dass es keinen Zweck hatte, mit ihm über ein Thema zu reden, zu dem er nichts sagen wollte.
„Wie wollen Sie mir Ihre Aufzeichnungen geben? Soll ich nach Hogwarts kommen oder bringen Sie sie mir vorbei?“

Snape zögerte einen Augenblick und schien sich überwinden zu müssen, die nächsten Worte auszusprechen. „Es… wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie nach Hogwarts kommen könnten. Dann kann ich Ihnen dort alles zeigen. Das Labor dürfen Sie natürlich auch benutzen.“

„Ihr Labor? Ihr privates Labor?“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich kurz so etwas wie Freude in ihr breit machte. Dann sah sie sein blasses Gesicht und verdrängte das Gefühl. „Wann soll ich kommen?“

„Suchen Sie sich einen Tag aus. Aber schicken Sie mir vorher eine Eule. Ich bin viel unterwegs, es ist noch eine Menge zu tun.“ Er hoffte, seine Stimme klang überzeugend. Denn in Wirklichkeit gab es kaum noch etwas zu erledigen. Sie war für heute seine einzige Aufgabe gewesen. Und auf dem langen Zettel mit unerledigten Dingen, den er gleich, nachdem er herausgefunden hatte, wie der Fluch wirkte, angelegt hatte, standen auch nur noch zwei relativ belanglose Angelegenheiten, die er bisher vor sich her schob, die aber, wenn er sie erst einmal in Angriff nahm, auch nicht mehr als einen Tag beanspruchen würden.

„Ich werde morgen mit der Schulleitung reden und mir nächste Woche einen Tag frei nehmen.“

„Gut.“ Er erhob sich, zog den Mantel von der Stuhllehne und schlüpfte hinein.

„Wer weiß noch davon, dass Sie…“ Sie konnte es nicht aussprechen.

„Sterben?“, meinte er und zuckte mit den Schultern „Dumbledore, das Kollegium, bald auch Madame Pomfrey und somit letztendlich die ganze Schule. Nun Sie.“

Einen Moment standen sie sich stumm gegenüber. Snapes Hände bewegten sich die Knopfleiste seines Mantels entlang und schlossen ihn.

„Danke“, vernahm sie seine Stimme, während er zur Wohnungstür ging und sie ihm folgte.
Hermine wollte ihm antworten, aber in dem Moment erklang ein melodisches Geräusch und sie trat hastig einen Schritt an ihm vorbei Richtung Wohnungstür und griff zum Hörer der Wechselsprechanlage. „Ja?“ … „Hey Mom, komm hoch.“ Ein kurzer Druck auf den Knopf, der unten die Tür öffnen würde und sie drehte sich wieder zu Snape um. Aber statt ihm fand sie nur eine leicht geöffnete Wohnungstür vor.
Hermine lief hinaus ins Treppenhaus und stützte sich auf das Treppengeländer. Sie konnte in den schmalen Spalt zwischen den Treppen heruntersehen und erkannte seine schwarze Gestalt, die eilig die Treppen hinunterlief. Während ihre Mutter eben diesen Weg zu ihr hinauf nahm. Stirnrunzeln wandte sie sich ab und blieb mit vor dem Körper verschränkten Armen vor ihrer Wohnungstür stehen. Typisch Snape, dachte sie.


Eine schwarze Gestalt trat aus dem Hausflur auf die Straße. Warf einen missgestimmten Blick in Richtung Himmel, von dem ein leises Schneegestöber ausging und fuhr sich dann mit beiden Händen über sein Gesicht.
Geschafft. Den letzten wirklich wichtigen Punkt auf seiner Liste konnte er abhaken.
Er stellte seinen Kragen auf und machte sich auf den Weg zu einem geeigneten Ort, an dem er apparieren könnte.

Er hasste Schnee.
Im Schnee hinterließ man Spuren.