Sunlight Never Burnt As Bright

von M0lly
GeschichteDrama / P12 Slash
Capa Mace
06.05.2008
06.05.2008
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06.05.2008 2.222
 
Im Erdenraum hatte es Mace nicht lange ausgehalten. Nachdem alle gegangen waren und er sich allein mit Trey (oder besser dem, was noch von ihm übrig war) wiederfand, hatte er versucht, noch eine Weile zu bleiben, umgeben von den vorbeifliegenden Taubenschwärmen und dem gespenstischen Rauschen ihrer Flügel, welches immer wieder durch den kleinen Raum hallte. Doch nach ein paar Minuten war ihm schlecht geworden.
Er saß in seinem Zimmer und schämte sich dafür. Trey war wahrscheinlich die einzige Person auf diesem ganzen vermaledeiten Schiff gewesen, mit dem er eine normale Unterhaltung hatte führen können. Corazon hatte den ganzen Tag nichts anderes als ihre Pflanzen im Kopf, Harvey hatte es vorgezogen, statt seinen Kollegen lieber dem Weltraum zuzuhören, Kaneda war der Captain und somit unansprechbar, Cassie kümmerte sich sowieso nie um ihn, Searle hätte dringend selbst eine Psychotherapie vertragen können und Capa...
Mace vergrub das Gesicht in den Händen.
Hätte Capa nicht diese Entscheidung getroffen, würden sie jetzt wahrscheinlich alle noch leben. Kaneda, Harvey, Trey und Searle. Sie hätten die Bombe abgeworfen und sich auf den Heimweg gemacht. Vielleicht wären auf der Rückfahrt Cassie die Bücher ausgegangen und sie hätte eventuell sogar ein Wort mit Mace gewechselt. Corazon hätte ihren geliebten Garten noch. Der Einzige, den das alles reichlich kalt zu lassen schien, war Capa selbst. Ungerührt sah er zu, wie nach und nach die ganze Crew diesem unendlichen Nichts zum Opfer fiel. Er saß nur in seiner Bombe, seinem einzigen Lebensinhalt.
Mace hatte gehört, dass Capa schon mit sechzehn seine Forschungen auf dem Gebiet der dunklen Materie begann, mit siebzehn seine Ergebnisse an das Icarus-Projekt geschickt und damit den dortigen Physikern ein großes Stück weiter geholfen hatte. Noch während die erste Icarus-Mission entsandt wurde, forschte er weiter, und als bekannt gegeben wurde, dass sie verschollen war, war Capa der führende Experte auf dem Gebiet der dunklen Materie, wodurch er sich auch seinen Platz auf der Icarus II verdiente.
Kurz gesagt: Capas ganzes Leben bestand nur aus dieser Bombe. Das war höchstwahrscheinlich auch der Grund, weshalb er Searles Vorschlag, der Icarus I einen Besuch abzustatten, sofort angenommen hatte. Er hatte nur diese verdammte Bombe gewollt. Und dafür mussten sie nun alle ausnahmslos mit dem Leben bezahlen.
Angestrengt versuchte Mace, ruhig zu bleiben. Es brachte nichts mehr, sich aufzuregen. Es war im Grunde sowieso alles vorbei. Die Hauptsache war, dass sie noch lange genug lebten, um die Bombe abzusetzen.
Mace begann gerade, darüber nachzugrübeln, wie viel mehr Zeit es ihnen allen wohl verschaffen würde, wenn er Capa, nachdem er seinen Zweck erfüllt hatte, einfach die Kehle durchschnitt, als ihn etwas aus den Gedanken riss.
Jemand war in seiner Tür erschienen. Er schaute auf.
Er brauchte das Licht nicht anzuschalten um zu wissen, wer dort stand.
„Hey“, murmelte Capa leise. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. Selbst im schummrigen Halbdunkel der gedimmten Lampen schimmerten seine Augen bläulich.
Mace antwortete nicht. Eine Weile herrschte Stille, bis Capa einen tiefen Atemzug tat, ob aus Sauerstoffmangel oder simpler Entnervung konnte Mace nicht sagen.
„Ich... wollte nur sagen...“ Er schnalzte leise mit der Zunge und wandte den Kopf ab. „Das mit Trey tut mir leid.“
„Hm“, machte Mace. Er setzte sich auf und lehnte sich nach vorne, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. „Und?“, fügte er schroff hinzu und hob den Kopf.
„Nichts `und´“, antwortete Capa, seine Miene verdüsterte sich zusehends. „Was soll ich denn noch sagen?“
„Das hab ich dir vorhin schon gesagt. Du sollst gar nichts sagen“, knurrte Mace und zog die Augenbrauen zusammen.
Capa streckte ihm die Hand entgegen. Es klebte noch immer ein wenig Blut daran. „Aber das hier, das musste sein?“
Mace wandte den Blick wieder ab.
„Woher hätte ich wissen sollen, dass es alles so endet? Glaubst du ich wollte, dass Trey stirbt? Oder Harvey? Oder...“ Er brachte den Satz nicht zu Ende. Stattdessen starrte er verbittert gen Boden.
„Jetzt tut es dir auf einmal Leid?“, fragte Mace ohne eine Spur von Spott. Er war wütend und nicht in der Stimmung für Spielchen.
„Was hätte ich tun sollen?“
„Du könntest ein Mal Verantwortung für dein Handeln übernehmen!“
„Oh ja, Verantwortung. So wie Trey?“ Capa lachte leise.
„Wage es nicht, so über Trey zu sprechen!“ Der Ältere schaffte es kaum, sich im Zaum zu halten.
Capa sah ihn an und zog die Augenbrauen hoch. „Warst du nicht derjenige, der das gesagt hat?“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Du quittierst den Selbstmord deines besten Freundes mit dem Satz `Er hat Verantwortung übernommen´, in welcher Dimension lebst du eigentlich?“ Seine blauen, stechenden Augen waren nun direkt auf Mace gerichtet und schienen direkt durch ihn hindurch in sein Innerstes zu sehen. Er wandte hastig den Blick ab. Eigentlich wollte er etwas erwidern. Etwas darüber, dass gerade Capa der Richtige war, ihm so etwas vorzuhalten, doch in seiner Kehle saß mit einem Mal ein fester Knoten, der ihn am sprechen hinderte.
Abermals lachte Capa kaum hörbar in sich hinein.
Mace lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinab. Vor ein paar Sekunden hatte er das Gefühl gehabt, als hätte Capa etwas in ihm gesehen, was er selbst noch nie gesehen hatte. Er stand auf und tat so, als müsse er etwas Wichtiges auf seinem Schreibtisch untersuchen. Er versuchte, jeglichen Blickkontakt mit diesen hellen Augen zu vermeiden.
Doch der Stress schien den Jüngeren angriffslustig zu machen. „Du sagst ja gar nichts mehr?“ Er ging auf Mace zu. „Hätte er vielleicht doch keine „Verantwortung“ übernehmen sollen?“, fragte er. Normalerweise war Capa kein verschlagener Mensch, doch irgendetwas an Mace forderte ihn geradezu dazu heraus, weiter in der Wunde herumzustochern. Vielleicht war es sein Gesichtsausdruck. Es war selten, dass der Ältere so verwirrt und verwundbar aussah wie in diesem Moment.
Capa hielt kurz inne und beobachtete ihn genau. Das Interessante an Mace war, dass wenn er sein Gesicht entspannte, es immer ein wenig traurig aussah. Das lag wahrscheinlich an den geraden Augenbrauen, aber Capa konnte nicht anders als immer öfter darüber nachzudenken, ob dieser Gesichtsausdruck irgend einen Grund hatte. Zu seinem Schrecken verfolgte ihn diese Frage manchmal sogar bis in seine Träume hinein.
Der Jüngere hegte kein Interesse in dem Sinne an Mace, und doch wusste er, dass da etwas Besonderes war, nur zwischen ihnen. Er hatte es weder bei Searle, noch bei Kaneda, noch bei Cassie jemals gespürt.
Capa machte einen weiteren Schritt auf den Älteren zu. „Hey, ich hab's nicht so gemeint“, murmelte er wieder. Dann seufzte er.
Mace hatte das Gefühl, als würde sich sein Herz mit aller Kraft zusammenziehen. Er ließ sich nichts anmerken. Obwohl er wohl noch nie jemandem begegnet war, der ihn schneller zu Weißglut brachte als Capa, gab es etwas, das ihn immer wieder in seine Nähe trieb. Es war an ganz normalen Orten, am Tisch beim Essen, im Observationsraum, wenn sie gemeinsam Instrumente checkten... Wenn er es bemerkte, hatte er früher jedes Mal möglichst unauffällig wieder das Weite gesucht, doch in letzter Zeit war er geblieben, und wie in einem stillen Einvernehmen akzeptierte Capa es. Er war nicht wirklich wütend auf den Jüngeren, er war eher wütend auf seine Gedankenlosigkeit.
Er drehte sich wieder zu ihm um und lehnte sich rücklings gegen den Tisch. Er zog fragend die Augenbrauen hoch. „Sonst noch was?“
Capa atmete aus, und diesmal war es eindeutig aus Entnervung. „Ist meine Entschuldigung wenigstens angenommen, Euer Majestät?“
„Ist dir das nicht eigentlich völlig egal?“, fragte Mace.
Verwirrt legte Capa den Kopf schief. „Wieso?“
„Sind wir dir nicht eigentlich alle völlig egal?“ Die Stimme des Älteren wurde immer lauter. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, er versuchte ihn so schnell wie möglich loszuwerden, ihn möglichst zu vergessen...  „Hast du dich nicht die ganze Zeit nur um deine Bombe gekümmert?“ Er musste ihn vergessen, bevor... „Bin ich dir nicht genauso egal wie alle anderen hier?“
Einen Moment lang war nichts zu hören. Die unnatürliche völlige Stille eines fünf Kilometer großen Raumschiffes, welches mit 29 000 Stundenkilometern durch das Weltall raste, nicht mehr als eine Tagesreise von der Sonne entfernt.
Nun, da er es gesagt hatte, war Mace unfähig, aufzuhören. Mit einer schnellen Bewegung packte er Capa fest an den Oberarmen. „Sag schon! Ist es dir nicht egal, ob ich die Entschuldigung annehme oder nicht?“
Capa starrte ihn nur leicht verstört an. Er wehrte sich nicht einmal gegen den festen, beinahe schmerzhaften Griff des Größeren. Sein Mund stand vor Erstaunen leicht offen. Er antwortete nicht.
Mit einem wütenden Schrei stieß Mace ihn gegen die Wand und presste ihn weiter dagegen. Er konnte Capas schneller werden Atem auf der Haut seines Halses spüren. Er wehrte sich noch immer nicht.
Maces Stimme versagte. „Warum kümmert es dich nicht mal, dass wir uns ständig prügeln?“, flüsterte er heiser. Diese Nähe brachte ihn um den Verstand.
Sein eigener Atem ging flach und schnell. Er bekam kaum noch Luft. Langsam näherte er sich dem Gesicht des Jüngeren. Er fühlte den warmen Atem deutlicher und stärker werden, sowie die Hitze, die von Capas Körper ausging. Er wusste nicht warum, doch seine Hände wanderten aufwärts, zum Gesicht seines Gegenübers. Er wehrte sich noch immer nicht, er senkte nur die Lider über seine hellblauen Augen. Maces Lippen waren nur noch Millimeter von denen Capas getrennt. Mit einem Mal überwand er die Entfernung.
Er hörte nichts anderes als seinen und Capas Atem, wie sie gemeinsam den zur Neige gehenden Sauerstoff verbrauchten, in tiefen, schnellen Atemzügen, während seine eine Hand unter Capas Oberteil fuhr, die andere hielt ihn am Oberarm umklammert und presste ihn gegen die Wand. Langsam strich sie aufwärts und durch  das dunkelbraune Haar.
Es war als der Jüngere mit der Zunge Einlass forderte, den ihr Mace bereitwillig gewährte, dass sie in einem selbstzerstörerischen Kuss versanken. Sie bekamen kaum noch Luft, ihre Knie gaben nach und sie rutschten an der Wand hinab. Mace rang nach Atem, als er Capas Hände vorsichtig seine Haut berühren spürte.
Er fühlte sich, als hätte er sich der direkten Strahlung der Sonne ausgesetzt. Er konnte nicht denken. Er sah nichts. Er fühlte nur noch Hitze und ein Zerren in seiner Brust, als würde es seine Lunge zerfetzen und sein Herz zerdrücken. Und Capas weiche Lippen, seine Hände, seine Zunge, sein verschwitztes Haar, seinen keuchenden Atem...
Mit einem mal wurde er zurückgestoßen. Er verlor das Gleichgewicht und blieb schwer atmend auf dem Rücken liegen.
Nach dem was er hörte, erging es Capa nicht besser. Er saß halb an der Wand heruntergerutscht auf dem Boden, ächzend und nach Luft schnappend.
Einen Moment verharrten sie beide so, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Atemzüge beruhigten sich langsam.
Nach einer Minute begann es Mace zu dämmern, was eben geschehen war. Er schloss die Augen und fuhr sich mit einer Hand über das schweißnasse Gesicht. Er hatte noch nie so sehr die Kontrolle über sich verloren. Er hätte niemals gedacht, dass er imstande wäre, so etwas zu tun. Er konnte es nicht fassen. Er wusste nicht einmal mehr, warum. Wahrscheinlich hatte er letztendlich doch aus dem Affekt heraus gehandelt. Er hatte immerhin seit mehr als einem Jahr keine körperliche Nähe mehr gespürt.
Er drückte sich die Hand auf die Stirn. Angestrengt versuchte er, nicht darüber nachzudenken. Sie hatten noch zwanzig Stunden zu leben, es war also kein Wunder, dass er so gehandelt hatte, redete er sich ein. Er war schließlich auch nur ein Mann.
Langsam rollte er sich auf den Bauch und rappelte sich auf, Capa tat es ihm gleich. Seine Haut glänzte vom Schweiß. Mace wandte den Blick ab.
„Ich...“, begann er, doch er bekam nichts als ein heiseres Ächzen hervor. Er räusperte sich. „Ich... geh mich duschen...“, gab er bekannt. Nur nicht darüber nachdenken, sagte er sich immer wieder. Er ging an Capa vorbei, der mit noch immer gesenktem Kopf an der Wand lehnte, aus der Tür hinaus.
Und jetzt geradeaus, dachte er. Dreh dich nicht um. Dreh dich nicht um und geh nicht zurück.
Und er wäre weitergegangen, hätte ihn nicht etwas daran gehindert.
„Mace...“, wiederholte Capa, diesmal etwas lauter.
Der Ältere blieb stehen, starrte gen Boden und schluckte. Er hörte Schritte. Capa stand direkt hinter ihm. Er spürte seine Wärme.
„Dreh dich um, Mace“, bat er mit seiner leisen, heiseren Stimme.
Und Mace gehorchte.
Capa hob langsam und unsicher die Arme. Seine Augen sahen direkt in die Maces. Im hellen Licht des Flures waren sie beinahe beklemmend klar. Mace konnte sich nicht rühren. Erst, als die blauen Augen ihn losließen und Capa seine Arme um ihn schlang, legte er seine Arme ebenfalls um den Kleineren.
Capa drückte sein Gesicht in Maces Halsbeuge und atmete tief ein. Dieser drückte Mund und Nase in die zerzausten Haare des Kleineren. Für einen Augenblick standen sie so da. Sie hatten beide seit Monaten niemanden mehr in den Armen gehalten.
Capa hatte die Nähe eines anderen Menschen noch nie auf diese Weise gespürt. Maces Körper war warm und die Umarmung war so sicher, dass es dem Jüngeren die Tränen in die Augen trieb. Er hatte sich nicht nur um die Bombe gekümmert.
Doch auf einmal spürte er Maces Hände auf seinen Schultern, wie sie ihn aus der Umarmung schoben. „Musst du dich nicht um deine Bombe kümmern?“, fragte er leise. Er lächelte sogar fast.
Capa zwang sich ebenfalls zu einem leichten Lächeln. „Ja“, antwortete er.
Ihre Wege trennten sich.
Sie hatten noch zwanzig Stunden zu leben.

~~~Ende
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Ich würd mich sehr über Kommis freun, egal ob zum Schreibstil oder der Story selbst :]
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