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Intrigen

von Drakuun
GeschichteThriller / P18 / Gen
06.05.2008
20.01.2009
5
11.893
 
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06.05.2008 2.032
 
Gastfreundschaft


„Gastfreundschaft ist die Kunst, Besuchern das Gefühl zu vermitteln, sie seien zu Hause, während man wünscht, sie wären es.“  Gerald Drews




Planet: Slewis (Rim Collection)
Ort: Landstraße 182, Motel Kuckucksnest
Datum: 13.06.3197

Fred Stiemer, der Besitzer des Motels „Kuckucksnest“ an der Landstraße 182 rechnete nicht mit Besuchern um diese Tageszeit. Es war heiß, zu heiß für seinen Geschmack und jeder, der nicht unbedingt musste, suchte sich ein schattiges Plätzchen um sich zu entspannen. Er war gerade in seine Zeitung vertieft, um die neusten Aktivitäten im HPG-Netz zu erfahren.
Das Knattern eines Motorrads vor seinem Büro ließ ihn hochschrecken.
„Verdammt noch mal schon wieder diese Biker“, knurrte er und wuchtete seinen massigen Körper aus dem Bürosessel, um durch die Jalousie am Fenster zu spähen.
Ein einzelnes rostiges Gespann, matt grau lackiert, stand dort und nebendran eine hochgeschossene Gestalt mit abgewetzter Lederjacke und löchrigen Bluejeans. Unweigerlich musste er an Elementare denken, jene berüchtigten Zuchtkrieger der Clans, als der breit gebaute Hüne gemächlich einen Seesack aus dem Beiwagen hob und geschmeidig auf sein Büro zukam. Geschmeidig ist jedoch für Elementare ungewöhnlich. Ihre Rüstung zwingt sie normalerweise zu steifbeinigem breiten Gang.
Noch bevor die Türglocke ertönte stand Fred hinter dem Tresen und hatte sein geschäftsmännisches Grinsen aufgelegt.
Abfällig wurde er von oben herunter betrachtet, als sein potenzieller Kunde vor ihm stand. Dann wanderte der Blick weiter, als sein Gegenüber ihn ignorierte.
Fred überlegte, ob es an seinem Unterhemd lag oder an den kurzen Hosen die er trug. Verdammt er arbeitete hart und ehrlich für sein Geld und wurde in regelmäßigen Abständen von Bikern und Hiphoppern belagert. Außerdem schwitzte er wie ein Schwein und war nicht gerade in Stimmung bei dem Wetter auch nur einen Finger zu rühren. War er denn so wenig wert, dass er von einem hochgeschossenen Muskelprotz ignoriert wurde, nur weil dieser sich für etwas Besseres hält?
Er wusste nicht, ob seine Miene ihn verraten hatte, doch sein Kunde blickte ihn plötzlich mit einem Ausdruck an, der eine Stahlplatte durchlöchern könnte.
„Ich suche ein Zimmer. Unbestimmte Zeit.“
Hinter dem Tresen zuckte der arme Mann merklich in seinen Latschen zusammen. Diesen Ton kannte er noch von seiner Zeit bei ComStar. Scharfer Blick und dieser harte Befehlston, sein Gast hatte bestimmt eine militärische Laufbahn hinter sich. Außerdem konnte man sich das Aussehen und die raue Stimme gut auf einem schlammigen Exerzierplatz vorstellen.
Und nach der Narbe zu urteilen, die sich vom Haaransatz der linken Stirnhälfte über das linke Auge bis zum Mundwinkel zog und die linke Augenbraue in zwei Hälften teilte, hatte er es hier mit einem Krieger zu tun, der schon einige Kämpfe hinter sich hatte. Dann noch die schwarzen Haare streng zu einem Pferdeschwanz gebunden und dieser stechende Blick in den braunen Augen ... besser wenn man diesen hier nicht verärgert.
„Was?“, fragte sein Gegenüber in einem Ton, der eher einem Befehl als einer Frage glich.
Hatte er sie zu lange angestarrt? Er will sie ja nicht verärgern. Moment, wie kommt er den auf sie? Wenn er es sich recht überlegte, konnte er in der rauen Stimme einen weiblichen Zug vernehmen.
Auch das Gesicht weist weibliche Züge auf, wenn auch ziemlich hart geschnitten. Zudem konnte man unter dem schwarzen T-Shirt, sie hatte die Jacke nun ausgezogen, eindeutig einen Busen erkennen. „WTF are you looking at?“ stand genau zwischen den wohlgeformten Rundungen. Ein eindeutiges Zeichen dort nicht hin zu starren.
Der Motelbesitzer überspielte seine Verwunderung über diese Entdeckung, in dem er seinen fachmännisch einstudierten Text abspielte: „Die Mindestmiete beträgt 100 Stones pro tag. Wir vermieten nur mit Halbpension aber sie können gerne ein Mittagessen in unserem Restaurant zum Selbstkostenpreis einnehmen. Die Zimmer haben alle Fließendwasser und eine Dusche, das Wasser wird gallonenweise verrechnet. Im Zimmer gibt es auch 250-Volt-Steckdosen, der Strom ist für die ersten zwei Wochen frei. Sie haben Glück, es sind noch viele Zimmer frei, wir haben erst wenige Gäste so außerhalb jeder Saison.“
„Einverstanden“, war das Einzige, was sie zu ihm sagte und legte ungefragt die entsprechende Summe in C-Notes und einen Ausweis auf den Tresen.
Langsam wurde er nervös. So eine in seinem Etablissement bedeutete bestimmt Ärger. Und wenn es ihn, unter dem was von seinen Haaren geblieben war, juckte konnte es nur Ärger geben. Er kannte dieses Gefühl gut, schon von seiner Zeit bei ComStar her, vor allem aber seit sein Restaurant regelmäßig von zwei rivalisierenden Gangs belagert wurde.
So langsam verließ ihn seine fachmännische Kühlheit und er wusste nicht mehr so recht, was er zu sagen hatte. Der Besitzer gab ihr wortlos einen Schlüssel. Und begann die Daten des Ausweises in seinen Computer einzutippen. „Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt Miss ... ähm Black.“, warf er ihr im Gehen hinterher.
Als sie gegangen war, obsiegte aber seine Neugierde. Er ließ alles stehen und huschte wieder zum Fenster um seinen seltsamen Gast zu beobachten.
Sie hatte den Seesack auf den Rücken geschnallt und die Jacke baumelte achtlos am Griff des Motorrads.
Statt zu fahren, schob sie das Motorrad bis vor ihren Bungalow, und verschwand mit dem geschulterten Sack im Inneren. Nach einer Weile räumte sein Gast noch zwei militärisch grüne Kisten, die eine quadratisch, die andere flach und länglich, aus dem Beiwagen. Dann wurde der Bungalow abgesperrt und sie verschwand mit der Jacke lässig über der Schulter in Richtung Restaurant.
„Entweder ist sie verrückt um bei diesen Temperaturen die Jacke mitzuschleppen, oder da ist was Wertvolles drin.“, sagte er zu sich selbst.

Im Gastraum war es angenehm kühl. An einem Tisch pokerten ein paar ältere Herrschaften, jeder mit einem Glas bernsteinfarbenem Whisky im Glas. Keiner von ihnen schaute auf, als die Fremde an ihnen vorbeizog. Ein Mädchen, etwa 16, mit schokoladenbraunen Haaren bearbeitete einen Laptop in einer Sitzecke und schaute kurz auf, als die Frau sich näherte. Durch eine Glastür konnte man ein Pärchen sehen, das auf der Terrasse in der Sonne brutzelte. Vermutlich Touristen.
Ansonsten war der Raum leer.
Ein strahlendes Lächeln erwartete sie hinter dem Tresen. Die Besitzerin war eine rundliche Frau Mitte vierzig mit einem zu einem Dutt gebundenen langsam ergrauenden Haaren. Das Gesicht war freundlich und offen mit wachen, neugierig zuckenden blauen Augen.
„Ein Bier“, gab der neue Gast knapp von sich und hängte die Jacke auf einen Hocker und ließ sich daneben an der Bar nieder.
Die heimelige, holzgetäfelte Atmosphäre des Restaurants hatte es etwas Beruhigendes und die Teakholzmöbel wirkten alt und bequem.
„Guten Tag die Dame“, gab die Wirtin freundlich von sich, „wir haben gerade einen neue Lieferung Hammerbräu aus dem Steinerraum erhalten, aber darf ich ihnen unseren einheimischen Whisky empfehlen? Er ist sehr gut, und frisch gereift.“
„Nein danke, Bier“, bekam sie als Antwort.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zumachen, er ist mild und hat wenig Alkohol.“ Bei diesen Worten schwenkte sie eine Flasche mit haselnussbrauner, durchsichtiger Flüssigkeit. Die Hünin drehte sich erst zu den Pokerspielern um, und betrachtet deren Gläserinhalt, der eine bei weiterem hellere Färbung aufwies.
Bei einem weiteren Blick auf die Flasche der Wirtin hob sich ihre unversehrte Augenbraue nach oben, die vernarbte blieb wo sie war.
„Ich weiß, dass Neugierde in ihrem Beruf sicher sehr hilfreich ist, aber dieser Versuch mich zum Reden zu bringen war doch sehr offensichtlich.“ Ein unüberhörbarer Ton Sarkasmus spielte in dieser Antwort mit. „Ich möchte doch lieber das Bier.“
Ein schiefes Lächeln spielte um die Lippen der Schwarzhaarigen.
Der Ausdruck im Gesicht der Wirtin war auch unübersehbar, sie wusste, dass sie gerade ertappt wurde.
„Sie scheinen nicht von hier zu sein ... Clanner oder? Auch wenn man ihnen das nicht direkt ansieht, scheinen sie nicht auf den Kopf gefallen zu sein.“
Das Grinsen wurde breiter. „Clanner gewesen, aber ich hab mich halt darauf verstanden mir das Hirn nicht in die Nierengegend prügeln zu lassen.“
Die Wirtin lachte und stellte eine Flasche Hammerbräu und ein Bierglas vor ihr ab.
Trotz des muskulösen Körperbaus und der hässlichen Narbe schien dieser Gast doch nur gefährlich auszusehen. Bloß ein Krieger, der seine Waffen schon länger an den Nagel gehängt hatte. Die raue Stimme war zwar hart, aber freundlich.
„Sie sind aber ziemlich viel herumgekommen.“, bemerkte die Wirtin, mit einem Nicken in Richtung der Lederjacke, deren Schultern von ausgefransten Abzeichen übersäht waren. Ihr Gegenüber strich zärtlich über die Stickerei auf dem Rücken der Jacke, die ein Paar Kirschen zeigte, die von einem Schwert durchstochen wurden. An der grauen Klinge rann der Saft in drei roten Blutstropfen herab.
Die Hünin lachte nur kurz und trocken und begann an ihrem Bier zu nippen.
Kurz darauf ertönte die Türglocke und ein kleiner Junge mit einem Schulranzen trat ein. Er war wesentlich jünger als das Mädchen mit dem Laptop, hatte aber genau so braune struppige Haare. Braune Augen, von denen das Rechte von einem ordentlichen Veilchen geziert wurde.
Mit hängendem Kopf schlich er auf die Bar zu, unter den strafend fürsorglichen Blicken der Wirtin, die wohl seine Mutter war, den Augen herzuurteilen.
Die Wirtin zog ein atlasgroßes Paket unter der Theke hervor, und setzte sich dann in eine Nische zu ihm. Das Mädchen in der Sitzecke daneben verdrehte nur abfällig die Augen und tippte weiter.
Die Frau an der Bar drehte sich zwar nicht herüber, lauschte aber aufmerksam dem Gespräch, das darin endete, das der Junge sich doch mehr wehren sollte und solchen Schlägern doch lieber aus dem Weg gehen sollte. Die üblichen Gespräche einer Mutter.
Außerdem sei sein Buch über die Geschichte der Clans gekommen.
Wie auf Knopfdruck erhellte sich die Miene des Jungen und er begann sofort das Paket aufzureißen.
Sein Kummer schien einfach so verflogen und das blaue Auge vergessen, als er in dem rot gebundenen Buch blätterte.
Die Wirtin verschwand wieder hinter der Bar, und ihr Gast an der Theke nippte weiter an seinem Bier.
Die Einzigen, die scheinbar nichts von ihrer Außenwelt mitbekamen, waren die Pokerspieler, die leise murmelnd Karten legten, Chips setzten und Whisky schlürften.

Als das Bier getrunken war, und noch ein paar Worte mit der Wirtin gewechselt, füllte sich das Restaurant mit Leuten aus der nahen Stadt und den umliegenden Fabriken, um ihr Abendessen einzunehmen. Das ältere Pärchen auf der Terrasse beendete ihr Sonnenbad und betrat, hummerrot am ganzen Körper, den Gastraum.
Die Wirtin verschwand nun in der Küche und den Platz hinter der Theke nahm der Motelbesitzer ein, der die Frau an der Bar jedoch eher kritisch nervös, als freundlich betrachtete.
Zu essen gab es nur ein Gericht, Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffeln. Reichlich, heiß und lecker.
Als die ersten Schüsseln die Küche wieder verließen, beendeten die Pokerspieler ihre Partie, die weitern Gäste, die bisher an der Bar gesessen oder gestanden hatten, suchten sich Plätze an den Tischen.
Die Frau mit dem Pferdeschwanz setzte sich gegenüber dem Jungen und legte ihre Jacke zwischen sie beide.
Der Wirt hinter der Theke hampelte erschrocken hinter der Bar herum.
Der Junge jedoch sah von seiner Lektüre auf, und begann sofort die riesige Narbe im Gesicht seines Gegenüber anzustarren. Die Frau lächelte aber nur, als der Junge sich seines Missgriffs bewusst wurde und rotgesichtig zur Seite schaute. Dabei fiel sein Blick auf die Jacke.
Seine Absichten wurden offensichtlich, als er versuchte möglichst unauffällig die aufgenähten Wappen zu erkennen.
Sie schnappte sich die Jacke und legte den linken Ärmel flach auf den Tisch.
„Was suchst du?“, fragte sie wohl etwas zu sehr in ihren normalen Befehlston verfallen. Ihr jüngeres Gegenüber jedenfalls verkroch sich erst mal erschrocken hinter seinem Buch, während der Wirt, wie ein Löwe hinter den Zapfhähnen lauerte. Unter den wachsamen Augen des Wirtes fasste der Junge wieder Mut und zeigte auf ein Abzeichen ziemlich oben am Arm.
Zwei stahlgraue Buchstaben auf schwarzem Grund. Ein S und ein B. Dann drehte er das Buch, sodass sie hineinschauen konnte.
„Sie waren in der Sniper Brigade?“, fragte er schüchtern. Sie schenkte ihm wieder ihr schiefes Grinsen und antwortete: „Ja war ich. Ist schon lange her.“
Eine freundlich grinsende Wirtin mit einem voll beladenen Teller unterbrach das Gespräch.
Beide machten sich über das Essen her.
Nachdem die Teller geräumt waren, verabschiedete sie sich und ging.
Als die Kriegerin endlich gegangen war, zog Fred seine Frau zu sich und sagte bitter: „Die soll besser nicht mit unserem Sohn verkehren, das ist ein brutaler Killer, so was seh ich.“
„Aber ein Freundlicher!“, erwiderte seine Frau und grinste, als ob sie ihm nicht so recht glaubte.
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