Ein Ekel verliebt sich

GeschichteRomanze / P18
Clifford "Cliff" Barnes John Ross "J. R." Ewing Jr. OC (Own Character) Sue Ellen Ewing
04.05.2008
24.09.2013
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Disclaimer: Die Figuren aus DALLAS sind natürlich Eigentum der Macher dieser Serie. Ich leihe sie mir lediglich für diese Story aus.

Diese FF bezieht sich auf die mittlerweile nostalgische Serie DALLAS. Der Zeitrahmen der Story ist angesiedelt von der 1. Staffel, etwa nach der 3. Folge, bis ca. zur 2. Staffel (der Folgen, die in Deutschland gezeigt wurden).

Zur Erinnerung: Bobby Ewing hat Pamela Barnes geheiratet, was die Familien beider Seiten recht angesäuert hat.  J. R. und Sue Ellen sind seit ca. 7 Jahren verheiratet und haben immer noch keinen Nachwuchs. In ihrer Ehe läuft es auch nicht so gut, da Fiesling J. R. ständig fremdgeht (und man sich fragt, warum Sue Ellen überhaupt bei ihm bleibt...) und Julie Grey, die Sekretärin von J. R., hat die Fa. gerade verlassen. Der alte Jock hat sich (zumindest in meiner Story) bereits aus dem Geschäftsleben zurückgezogen und Bobby sitzt jetzt ebenfalls in der Geschäftsleitung von Ewing Oil, obwohl J. R. immer noch Präsident der Ölgesellschaft ist...
Ach ja: Damals gab es noch üblich, auf Schreibmaschinen zu schreiben... gab noch keine PC`s, kein Internet, kein Handy...

Ich fragte mich, ob es nicht möglich ist, dass sogar ein Fiesling wie J. R. Ewing einmal von der Liebe erwischt wird. Diese Thematik behandelt diese FF.
Ich hoffe, sie gefällt euch. Viel Vergnügen beim Lesen.
Über Reviews und Anregungen würde ich mich freuen.

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Ein Ekel verliebt sich



1.

Bobby Ewing saß im Büro und stöhnte. Es sah so aus, als müsste er die Mittagspause durcharbeiten. Da seine Sekretärin bereits das Büro verlassen hatte, rief er kurzerhand in einer Pizzeria an und bestellte sich eine Salamipizza.
Carol, die in den Semesterferien in dieser Pizzeria als Aushilfe arbeitete, machte sich wenig später auf den Weg zur Firma Ewing Oil, um die bestellte Pizza bei Robert Ewing abzugeben. Die blonde Studentin war aufregt, denn sie wollte schon immer einmal das Innere der Firma Ewing Oil sehen, da sie vorhatte, dort später einmal ein Praktikum zu absolvieren.
Carol war erst seit kurzer Zeit in Dallas und hatte das Ewing-Gebäude noch nicht bewusst wahrgenommen. Als sie jetzt aber davor ankam, war sie beeindruckt. Dies wurde noch verstärkt, als sie das Innere des riesigen Gebäudes betrat. So überwältigend hatte sie sich die Firma nicht vorgestellt.
Dann kehrte sie in die Gegenwart zurück und stieg schnell in einen der Aufzüge. Die Geschäftsleitung, bei der sie die Pizza abliefern sollte, befand sich – wie ein Schild neben den Knöpfen verriet – im 12. Stock.
Bobby Ewing knurrte bereits der Magen, als Carol anklopfte und auf ein grimmiges „Herein!“ zaghaft eintrat. Der sonst so freundliche Juniorchef meinte ärgerlich: „Na endlich!“
„Tut mir wirklich leid, Sir“, entschuldigte sich Carol. „Ich bin neu in der Stadt, wissen Sie, und...“
„Schon gut“, meinte Bobby ungehalten. „Was bin ich schuldig?“
Er zahlte den Pizzapreis plus Auslieferung, gab Carol jedoch kein Trinkgeld. Die Studentin wagte nicht, darum zu bitten, denn sie spürte, dass den ärgerlichen jungen Mann etwas belastete. So verabschiedete sie sich höflich und trat aus der Tür. Nachdem sie diese geschlossen hatte, lehnte sie sich gegen die Wand des leeren Büros und atmete erst mal hörbar aus.
„Na, was bedrückt Sie denn?“ hörte sie plötzlich eine Stimme neben sich. Erschrocken schaute Carol sich um und erblickte einen grinsenden, dunkelhaarigen Mann mit Hut, der gerade aus dem Fahrstuhl stieg.
„Ein neues Gesicht bei Ewing Oil?“ fragte der Mann und lächelte.
„Ach nein...“, hauchte Carol und lächelte zurück. „Ich arbeite leider nicht hier. Ich bin die Aushilfe der Pizzeria, zwei Straßen von hier entfernt.“
„Der Laden ist zu beneiden“, sagte der Mann, immer noch lächelnd. Er zog den Hut vom Kopf und reichte Carol die Hand. „Ich bin J. R. Ewing, und wie heißen Sie, schönes Kind?“
„Mein Name ist Carol Sanderson“, stellte sich die Studentin vor.
„Sehr erfreut, Carol“, erwiderte J. R. „Ich darf doch Carol sagen?“
„Ja, natürlich, Mr. Ewing“, antwortete das Mädchen.
„Bitte, nicht so förmlich. Nennen Sie mich ruhig J. R. – Nun, Carol, was machen Sie, wenn Sie nicht als Aushilfe in der Pizzeria arbeiten?“
„Ich studiere Betriebswirtschaft. – Oh, aber ich muss jetzt wirklich gehen, sonst wird mein Chef sauer, dass ich so lange fortbleibe“, erklärte Carol und schickte sich an, zu verschwinden, doch J. R. hielt sie am Arm fest.
„Bitte, Carol, noch einen Augenblick!“ bat er. „Ich möchte Sie gern wiedersehen. Wohnen Sie in Dallas?“
„Ja“, erwiderte das Mädchen knapp. „Bitte, Sie müssen mich jetzt gehen lassen, sonst bekomme ich wirklich Ärger.“
„Das macht Ihnen also zu schaffen“, murmelte J. R. lächelnd und ließ sie los. „Nun, einen schönen Tag noch, Carol. Ich weiß ja jetzt, wo ich Sie finden kann.“
Die junge Frau lächelte geschmeichelt und eilte dann in den Fahrstuhl. J. R. schaute ihr nachdenklich hinterher, bis sie seinen Blicken entschwunden war. Er würde Erkundigungen über Carol einziehen, denn sie gefiel ihm ausnehmend gut. Dann fiel ihm wieder ein, dass er noch etwas mit Bobby zu besprechen hatte und klopfte an dessen Bürotür...


***



J. R. war am Abend in der Pizzeria, in der Carol arbeitete, und hielt Ausschau nach der jungen Frau. Fünf Minuten später betrat sie den Raum durch die Eingangstür. Erfreut stand J. R. auf und kam auf sie zu.
„Guten Abend, Carol“, begrüßte er sie.
„Oh, Sie sind hier?“ fragte das Mädchen überrascht.
„Nur wegen Ihnen...“, erwiderte J. R. mit einem freundlichen Lächeln.
„Das tut mir leid“, meinte Carol, die sein Lächeln erwiderte. „Aber ich habe jetzt Dienstschluss.“
„Das trifft sich wunderbar“, sagte J. R. und strahlte sie an. „Dann kann ich Sie ja zum Abendessen einladen.“
„Ich weiß nicht recht...“, murmelte die junge Frau und schaute sie ein wenig unsicher an. „Wir kennen uns doch kaum...“
„Bei einem Abendessen können wir uns kennenlernen“, meinte J. R. Das Mädchen lächelte ein wenig und wollte gerade etwas antworten, als eine männliche Stimme in strengem Befehlston rief: „Carol! Kommen Sie doch einmal zu mir herein!“
„Das ist mein Chef, J. R. Entschuldigen Sie mich bitte...“, sagte sie und verschwand in dem Raum, der sich unmittelbar hinter der Theke befand.
„Nun, Mr. Spinola, was gibt es denn?“ fragte sie einen großen, kräftigen Mann mit schwarzem Schnauzbart und ebensolchem Haar, der sie ärgerlich musterte.
„Ich habe eben beobachtet, wie Sie mit einem der Gäste flirten“, erwiderte dieser in tadelndem Ton. „Sie wissen, dass ich das nicht gern sehe. Sie haben zu den Gästen Abstand zu halten!“
„Erstens habe ich nicht geflirtet und zweitens hatte ich sowieso Dienstschluss“, verteidigte sich das Mädchen in kühlem Ton. „Was ich in meiner Freizeit mache, geht Sie nichts an.“
„Werden Sie nicht frech!“ fuhr Spinola sie an. Dann starrte er sie einige Sekunden wütend an, bevor ein öliges Lächeln über sein Gesicht glitt. In versöhnlicherem Ton fuhr er fort: „Entschuldigen Sie, Carol, ich habe es nicht so gemeint. Sie müssen wissen, dass ich Sie als Mitarbeiterin sehr schätze und mich zu Ihnen hingezogen fühle. Daher würde ich es begrüßen, wenn Sie zu mir auch so nett wären wie zu dem Mann, mit dem Sie sich eben unterhalten haben...“
Als hätte sie den letzten Satz nicht gehört, sagte Carol in kühlem Ton: „Einen schönen Abend noch, Mr. Spinola.“  Dann verließ sie den Raum.
Der Pizzeriabesitzer beobachtete, wie Carol mit dem Gast sein Haus verließ. Wütend murmelte er: „Wir werden ja noch sehen, Püppchen, ob du nicht nett zu mir sein kannst...“


***



Die junge Frau war froh, als sie mit J. R. Ewing die Pizzeria verlassen hatte.
„Nun, wie sieht es aus, Carol, gehen Sie mit mir etwas essen?“
Das Mädchen warf seinem Begleiter einen bedauernden Blick zu und erwiderte: „Tut mir leid, aber ich bin seit 7.30 Uhr auf den Beinen und möchte mich jetzt eigentlich nur noch ausruhen. Vielleicht ein anderes Mal?“
„Nun gut, aber ich darf Sie doch noch nach Hause fahren?“ fragte J. R., wobei ihm die Enttäuschung deutlich ins Gesicht geschrieben stand.
„Das ist wirklich furchtbar nett von Ihnen, aber ich wohne gleich hier um die Ecke“, sagte Carol.
„Das begleite ich Sie dorthin“, grinste J. R. und bot ihr seinen Arm.
Carol musste lachen, meinte: „Sie sind wirklich hartnäckig!“ und hakte sich bei ihm unter. Dabei musste sie sich selbst eingestehen, dass J. R. ihr gefiel und seine Gesellschaft sie überaus beruhigte. Er schien ein Gentleman zu sein, anders als ihr Chef, dieser Spinola, bei dem sie seit circa drei Wochen arbeitete. Seit etwa 14 Tagen machte er ihr Avancen, auf die sie jedoch nicht einging und immer so tat, als würde sie sie nicht verstehen. Bisher war sie gut damit gefahren. Doch bei dem Gespräch eben hatte sie sich äußerst unbehaglich gefühlt. Sein schmieriger Tonfall und seine Blicke verhießen nichts Gutes. Darum war sie so froh, endlich aus der Pizzeria heraus zu sein. Sicher wäre es besser, den Job zu kündigen... wenn sie nur schon etwas anderes in Aussicht hätte...
„Warum tun Sie sich das an und arbeiten bei diesem Sklaventreiber, der Ihnen nicht einmal den Feierabend zu gönnen scheint?“ fragte J. R. gerade und holte Carol damit aus ihren Gedankengängen in die Gegenwart zurück.
„Nun, es war der erste Job, der sich mir bot“, erklärte das Mädchen und schaute ihn mit ernstem Blick an. „Wissen Sie, ich bin seit knapp einem Monat in Dallas und brauchte dringend Geld. Ich würde am liebsten auch etwas anderes tun...“
„Da ließe sich schon etwas machen“, meinte J. R. „Haben Sie einmal daran gedacht, bei Ewing Oil zu arbeiten?“
„Ja, das würde ich furchtbar gern“, antwortete Carol und strahlte ihn an. „Allerdings bin ich noch am Anfang meines Studiums und verfüge über so gut wie gar keine praktische Berufserfahrung.“
„Machen Sie sich keine Gedanken, Carol, ich werde schon einen Weg finden, Ihnen zu helfen. Mir gefällt es nicht, dass Sie sich in dieser Pizzeria als Auslieferungsbotin total verausgaben. Sie wirken wirklich sehr erschöpft. Liege ich richtig in der Annahme, dass dabei Ihr Studium zu kurz kommt?“
„Nun ja, ich hatte bisher wirklich kaum Zeit, in die Bücher zu schauen“, gab sie zu. Dann blieb sie vor dem Eingang eines Hochhauses stehen. „Hier wohne ich. Möchten Sie noch mit hinaufkommen und eine Tasse Tee mit mir trinken?“
J. R. betrachtete die junge Frau amüsiert. Tee war wirklich das letzte, was er trank, aber die Aussicht, noch etwas länger in Gesellschaft dieses netten Mädchens zu verbringen, verleitete ihn dazu, ihr Angebot anzunehmen. Wenig später saß er im Wohnzimmer mit einem Glas Wasser in der Hand – er hatte Carol davon abbringen können, Tee zu kochen – und schaute sich neugierig im Raum um. Es war zwar etwas klein hier, aber dennoch fühlte er sich wohl. In dem Zimmer befanden sich außer dem Sofa, auf dem er saß, noch zwei Sessel und ein kleiner Tisch. Der Boden war mit einem einfachen grünen Teppich ausgelegt und in einer Ecke stand eine etwas größere Jucca-Palme, nahe einem großen Fenster. Gegenüber stand ein großes Regal voller Bücher. J. R. stand auf und ging darauf zu. Interessiert las er einige Titel. Es handelte sich überwiegend um Fachliteratur aus den Bereichen Jura, Marketing und Betriebswirtschaft.
„Dieses Mädchen scheint wirklich nur das Studium im Kopf zu haben“, dachte er und fragte sich, ob es ihm gelingen würde, die hübsche Carol noch auf andere Dinge des Lebens aufmerksam machen zu können. Sie konnte kaum älter als zwanzig sein und dennoch wirkte sie so ernsthaft. Wahrscheinlich täte es ihr ganz gut, wenn sie ein wenig Ablenkung bekäme, tanzen ginge, eine kleine Reise unternähme... auch ein anderer Job als in dieser Pizzeria, wo sie von morgens bis abends unterwegs war, würde ihr wahrscheinlich gut tun. Außerdem wäre es sicher angenehm, ein solch nettes Mädchen im Büro zu haben...

J. R´s  Gedanken wurden jäh unterbrochen, da es in diesem Augenblick an der Tür klingelte.
Carol, die sich gerade geduscht hatte und eben im Begriff war, sich anzuziehen, warf rasch ihren Bademantel über, rief  ihrem Gast im Wohnzimmer zu: „Einen Augenblick, J. R., ich bin gleich bei Ihnen!“ und eilte an die Tür. Als sie diese öffnete, schrak sie einen Augenblick zusammen, fasste sich dann rasch wieder und fragte: „Sie hier, Mr. Spinola?“
„Höchstselbst, Schätzchen!“ sagte er, trat ungebeten herein und bedachte Carol mit lüsternen Blicken. Bevor sie auch nur etwas sagen konnte, fasste er sie an den Hüften und zog sie zu sich heran. „Du siehst sehr appetitlich aus, Herzchen!“
„Lassen Sie mich sofort los!“ rief Carol wütend.
„Ach, komm schon, Schätzchen, stell dich nicht so an!“ erwiderte Spinola und versuchte sie zu küssen, doch Carol drehte ihren Kopf weg. In diesem Augenblick trat J. R. zu den beiden und sagte in drohendem Ton, wobei er Spinola einen zornigen Blick zuwarf: „Nehmen Sie sofort Ihre dreckigen Pfoten von der Dame!“
Überrascht ließ Spinola Carol los, die sich gegen die Wand lehnte, und meinte: „Ach, so ist das? Die kleine Hure nimmt meine Gäste mit zu sich nach Hause? Scheinbar bezahle ich Ihr zu wenig...“
Bevor der Pizzeriabesitzer noch etwas sagen konnte, traf ihn ein schneller und harter Schlag von J. R´s Faust am Kinn. Spinola sank sofort zu Boden und blieb liegen.
„Ich danke Ihnen!“ hauchte Carol, ergriff J. R´s Hand und drückte sie. „Nicht auszudenken, was er mit mir getan hätte, wenn Sie nicht hier gewesen wären.“
„Dieser Kerl ist wirklich das Letzte!“ zischte J. R., schaute sich suchend um und ging dann zum Telefon, das auf einem kleinen Tischchen im Flur stand. Eilig wählte er die Nummer der Polizei und schilderte kurz, was passiert war. Einige Minuten später waren zwei Cops da und holten Spinola, der allmählich wieder zu sich kam, ab. Zufrieden blickte J. R. ihnen nach, bis sie verschwanden. Dann schloss er die Wohnungstür und wandte er sich wieder Carol zu, die immer noch an der Wand gelehnt stand und die ganze Zeit kein Wort mehr gesagt hatte.
„Diese Nacht wird Ihr Chef wohl im Gefängnis verbringen müssen“, meinte J. R. in ironischem Ton. Doch als er Carol sah, erschrak er. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und sie zitterte am ganzen Körper. Besorgt ging er auf sie zu, hob sie auf seine Arme und trug sie ins Wohnzimmer, wo er sie auf das Sofa legte.
„Es wäre vielleicht besser, einen Arzt zu rufen“, meinte J. R.
„Nein, nein... es geht schon...“, protestierte Carol schwach. „Es... es war nur der Schreck.“
J. R. reichte ihr sein auf dem Tisch abgestelltes Glas, in dem noch ein wenig Whisky war, und sie nahm es und trank zwei Schlucke. Danach kehrte allmählich wieder Farbe in ihr Gesicht zurück. Dankbar schaute das Mädchen dann den Ölmagnaten an und lächelte etwas.
„Es war wirklich ein Glück, dass Sie heute Abend bei mir waren...“, hauchte sie.
„Ja, das finde ich auch“, erwiderte er leise und strich ihr leicht über die Wange, was Carol noch ein wenig mehr erröten ließ. „Sie kehren auf keinen Fall mehr zu diesem Mistkerl zurück.“
„Nein, das hatte ich auch nicht vor!“ sagte Carol mit fester Stimme und setzte sich nun auf. Dann jedoch glitt ihr Blick erneut zum Boden. Ihr fiel wieder ein, dass sie unbedingt einen Job brauchte und Spinola ihr den Verdienst für diese Woche noch nicht ausgezahlt hatte. Woher sollte sie so schnell einen neuen Job bekommen?
Als hätte J. R. ihre Gedanken erraten, meinte er nun mit ruhiger Stimme: „Keine Sorge, Carol. Sie sind nicht auf solche Leute wie diesen Pizzabäcker angewiesen. Ruhen Sie sich ein wenig aus. Sie sehen wirklich ziemlich erschöpft aus. Nun ja, das ist ja kein Wunder. Sicherlich hat dieser Kerl sie ganz schön rumgescheucht. – Wenn Sie wollen, bleibe ich die ganze Nacht bei Ihnen...“
„Nein... nein!“ widersprach Carol heftig. Sie kannte J. R. zwar kaum, aber er musste einer der Mitinhaber von Ewing Oil sein; ein sehr mächtiger Mann also, der glücklicherweise im richtigen Augenblick hier gewesen war, um sie vor einem sexuellen Übergriff ihres Chefs zu bewahren. Aber sie konnte unmöglich verlangen, dass er über Nacht bei ihr blieb, wenngleich seine Gegenwart sie ungemein beruhigen würde. „Sie haben schon zuviel Ihrer wertvollen Zeit für mich geopfert...“
„Das war mir ein Vergnügen“, sagte J. R. in ruhigem Ton. „Und wenn Sie meiner Hilfe bedürfen, bleibe ich gerne noch länger hier.“
„Das... das wird nicht mehr nötig sein“, antwortete Carol. „Mir geht es auch schon viel besser. Ich glaube, ich komme jetzt ganz gut allein zurecht.“
„Wirklich?“ fragte J. R. Er schien immer noch ehrlich besorgt um sie zu sein. Irgendwie fand die junge Frau das rührend und wenn sie ihn besser kennen würde, hätte er auch bleiben können, aber so... es war ihr ein wenig peinlich.
„Ja, ich komme jetzt wirklich allein zurecht“, erwiderte Carol und erhob sich vom Sofa, um es ihm zu demonstrieren.
„Das scheint tatsächlich so zu sein“, meinte J. R. und lächelte nun wieder etwas. „Nun ja, das freut mich... aber ich wäre auch gern hier bei Ihnen geblieben...“
Carol musste wieder lachen und ihr Gast fiel in ihr Lachen ein.
„Aber Sie müssen versprechen, mit mir auszugehen“, sagte J. R. gleich darauf. „Das sind Sie mir schuldig.“
„Natürlich gehe ich mit Ihnen aus – gern sogar“, erwiderte Carol amüsiert. „Sie geben wohl nicht so schnell auf, wie?“
„Wenn ich etwas wirklich will, dann nicht“, bestätigte J. R. und bedachte sie mit einem langen Blick, den Carol erwiderte, bis ihr bewusst wurde, was sie tat.
„Nun... ich bin jetzt wirklich müde“, sagte sie unvermittelt.
„Aber natürlich!“ meinte J. R., erhob sich und setzte sich seinen Hut, der auf einem der Sessel des Wohnzimmers lag, auf. Carol lächelte ihn freundlich an, während sie ihn langsam zur Tür begleitete.
„Ich danke Ihnen nochmals, dass...“, begann das Mädchen, doch J. R. unterbrach sie: „Wir wollen kein Wort mehr darüber verlieren, in Ordnung?“
„Also gut“, meinte Carol und nickte. Sie hielt ihm die Hand hin. „Gute Nacht, J. R., schlafen Sie gut.“
Ihr Gegenüber ergriff ihre Hand, führte sie leicht an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf, während er sie unentwegt ansah.
„Gute Nacht, kleine Carol“, flüsterte J. R., ließ ihre Hand los und eilte dann die Treppe hinunter. Die junge Frau sah ihm nach, bis er ihren Blicken entschwand, und schloss dann die Tür. Sie lehnte sich dagegen und atmete tief durch. Sie wusste zwar nicht, wie es weitergehen sollte ohne Job, aber dennoch fühlte sie sich das erste Mal in dieser Stadt richtig wohl. Wie es schien, hatte sie nun endlich einen Freund gewonnen...


***



Sue Ellen saß einsam im Wohnzimmer ihres Hauses, das sie gemeinsam mit J. R. bewohnte, hielt ein Glas Whisky in der Hand und starrte gedankenverloren in den Fernseher, in dem gerade irgendetwas lief, während es draußen allmählich dunkel wurde. Doch sie sah keinen Grund, das Licht einzuschalten. Wie so viele Abende zuvor wartete sie darauf, dass ihr Ehemann nach Hause kam, und quälte sich dabei mit der Frage, bei welcher Frau J. R. sich gerade aufhielt.
Nachdem Julie Grey aus der Firma und aus Dallas verschwunden war, hatte Sue Ellen geglaubt, dass ihr Mann sich endlich wieder ihr zuwenden würde, was sich jedoch aus Irrtum herausstellte. Sie waren bereits sieben Jahre verheiratet und am Anfang lief es auch ganz gut bei ihnen, bis sie einsehen musste, dass bei J. R. die Firma immer an erster Stelle stehen würde. So hoffte sie, wenigstens bald ein Kind zu bekommen, um das sie sich kümmern könnte. Doch der von ihnen beiden ersehnte Nachwuchs stellte sich bisher nicht ein; und dann erfuhr sie vor etwa zwei Jahren durch eine gute Bekannte, dass J. R. mit seiner Sekretärin Julie Grey eine Affäre unterhielt. Als sie ihren Mann darauf ansprach, leugnete er es keineswegs, meinte nur, er sei ein Mann, hätte bestimmte Bedürfnisse und sie müsse sich damit abfinden. Seitdem herrschte zwischen ihnen beiden eisige Funkstille – und dabei sehnte Sue Ellen sich danach, von ihm geliebt und begehrt zu werden. Sie fühlte sich äußerst mies, wusste jedoch nicht, wie sie ihre persönliche Situation ändern sollte. Sie liebte J. R. immer noch, aber er...?

Eben hörte sie, wie jemand das Haus betrat. Wenige Sekunden später rief ihr Mann: „Verdammt, ist denn niemand zu Hause? – Sue Ellen, bist du da?!“
Das war nicht gerade der liebevolle Ton, den sie sich erhofft hatte. Darum schwieg sie und blieb weiter im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen.
„Sue Ellen!“ brüllte J. R. wütend, doch sie schwieg beharrlich.
Seine Schritte näherten sich dem Wohnzimmer und wenig später war der Raum hell erleuchtet.
„Warum, zum Teufel, sitzt du hier im Dunkeln herum?“ fragte J. R. ärgerlich, „Und warum antwortest du nicht, wenn ich dich rufe?“
„Das kann dir ja egal sein!“ gab Sue Ellen in spitzem Ton zurück. „Ich dachte, du kommst gar nicht mehr nach Hause. Hast du dich auf dem Heimweg vielleicht verfahren?“
J. R., der nun ins Wohnzimmer getreten war, warf einen zornigen Blick auf seine Frau, sah das Whiskyglas in ihrer Hand und meinte ironisch: „Na, schon wieder zu tief ins Glas geschaut? Du solltest wirklich nicht soviel trinken, Sue Ellen, das macht dich nur unleidlich...“
„Meine Gesellschaft ist dir wohl zuwider?!“ zischte sie.
„Es gibt wesentlich angenehmere Gesellschaft als die deine, Liebling“, spottete J. R., grinste, als seine Frau ihr Glas auf die Erde warf, und verließ den Raum in Richtung Bad. Nachdem er geduscht hatte, warf er sich seinen Bademantel um und ging ins Schlafzimmer. Hier wartete Sue Ellen bereits im Bett auf ihn, das Gesicht immer noch wütend verzogen. J. R. grinste nur, legte sich neben sie und griff nach einer Zeitschrift, die auf dem Nachttisch lag. Doch zum Lesen kam er nicht, da seine Frau die begonnene Unterhaltung fortsetzte.
„Bei welcher Frau bist du gewesen?“ fauchte sie ihn an.
J. R. lachte und erwiderte: „Mach dich nicht lächerlich! Ich war bis vor kurzem noch im Büro gewesen...“
„Du lügst!“
„Komm, Sue Ellen, beruhige dich!“
„Wie kann ich das?! Ich warte hier auf dich und du vergnügst dich mit einer anderen!“
„So ein Unsinn!“ fuhr J. R. sie nun ärgerlich an. „Da komme ich müde und abgespannt nach Hause, und statt dass meine Frau mich freundlich empfängt und mir ein Abendessen serviert, sitzt sie angetrunken vor dem Fernseher...“
„Als ob du Wert darauf legst, zu mir nach Hause zu kommen!“ schrie Sue Ellen.
„Das ist mir eindeutig zu dumm hier!“ zischte J. R., erhob sich aus dem Bett, zog sich an und verließ ohne weiteres Wort das Haus, während Sue Ellen ihn die ganze Zeit über ankeifte. Doch hörte er gar nicht mehr hin, was sie sagte. Vielmehr fragte er sich, während er in die Stadt fuhr, warum er sie jemals geheiratet hatte...
J. R. dachte wieder an die junge Studentin, die er heute kennengelernt hatte. Sie war wesentlich angenehmer gewesen als seine Frau... er wünschte, er wäre jetzt bei Carol, aber sie hatte ihn leider fortgeschickt. Doch anstatt die Nacht in seinem Haus zu verbringen, war er nun aufgrund des Gekeifes seiner Gattin gezwungen, in einem Hotel zu übernachten. Aber was sollte er weiter an Sue Ellen denken? Viel lieber ließ er seine Gedanken wieder zu Carol wandern... und plötzlich kam ihm eine Lösung für deren Jobproblem.
Ein selbstzufriedenes Grinsen glitt über J. R’s. Gesicht. Die kleine Studentin konnte eigentlich gar nicht anders, als sein Angebot anzunehmen. Dann könnte er viel Zeit mit ihr verbringen und würde sie sicher auch besser kennenlernen...