Keyla  Spin-Off  Nr.1 "Orella"

von Dimanche
GeschichteSci-Fi / P6
03.05.2008
03.05.2008
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„Mist!“, fluchte Orella, hob ihre Hand ganz nah vor ihren Augen und hoffte zumindest diesmal einen Stachel der Koskapflanze in ihrem Finger ausmachen zu können.
Hier draußen in der Steppe war Koska einer der wenigen Pflanzen, die diese karge Erde hervorzubringen im Stande war. In Salz und Öl eingelegt erwies sich die Pflanze als äußerst schmackhaft, zumindest für Orellas Geschmacksknospen.
Dumm nur, dass die Stängel dieser Pflanze als auch deren Blätter mit Stacheln besetzt waren. Über die Jahre hinweg hatte Orella durchaus gelernt wie man Koska ohne sich unangenehm stechen zu müssen pflücken konnte, aber selbst ihre Erfahrung konnte sie nicht dauerhaft davor schützen sich hin und wieder mal zu vergreifen. Missmutig schaute Orella in ihr Körbchen. Das was sie heute bisher zusammengesammelt hatte reichte bei Weitem nicht um einen Tontopf zum Einlegen füllen zu können.
Da das Brennen nicht nachließ, nahm Orella ihren Finger nun noch genauer in Augenschein. Aber anstatt eines Stachels, sah sie über ihre Fingerkuppe hinweg einen kleinen schwarzen Punkt am flimmernden Horizont.
Orella nahm ihren Arm herunter und kniff ihre Augen zusammen beim Versuch den Punkt besser ausmachen zu können. Aber erst als sie zusätzlich mit der Hand ihre Augen vor der Sonne abschirmte, konnte sie erkennen, was da genau auf sie zukam. Es war ein Mensch. Es war eindeutig ein Mensch. Nur ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen. Gut, dass endlich wieder jemand kam. Ihr ging nämlich langsam das Salz aus.

                                           
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Die Frau, die Orella nun in der schattigen Höhle gegenüber saß, war sichtlich müde und erschöpft.
Wie viel Energie sie auch immer aufgebracht haben musste um den strapaziösen Weg zu Orella zu beschreiten, ihre Kraft hatte bis hier ihre Grenzen gefunden.
Orella reichte ihr eine Kelle mit Wasser, die sie lächelnd entgegen nahm.
Sie nippte daraus, tat dann einen größeren Schluck und leerte die Kelle gänzlich.
„Wie kann ich dir helfen, mein Kind?“, fragte Orella, nahm die ihr gereichte Kelle entgegen    
und legte sie beiseite.
Die Frau schob ihre Tasche nach vorn, griff hinein und reichte Orella mit einer  Verbeugung und den Worten: „Als Zeichen meiner Ehrerbittung!“, eine Flasche. Diese war mit einem aufwendig zu gewinnenden golden glänzendem Speiseöl gefüllt. Lächelnd wendete Orella die Flasche in ihrer Hand und dachte bei sich: Ach,  und ich hätte mich diesmal so über Salz gefreut!  
Sie bedankte sich für dieses Geschenk mit einen kaum merklichem, aber freundlichem Kopfnicken.
„Ich weiß, ich darf mich glücklich schätzen“, begann die Frau, „ ich habe einen guten Mann und eine gesunde Tochter, aber...aber...“
„Aber?“, unterbrach Orella sie.
„Einen Sohn... Ich wünschte, ich würde noch einen kräftigen Jungen bekommen“
„Du willst, dass ich eine Fürbitte an die glorreichen Ahnen richte, damit dir die Götter einen Sohn schenken?“, legte ihr Orella in den Mund.
„Ja!“
„Gut“, antwortete Orella knapp und dachte amüsiert: Wenn die Frauen meines Volkes alle wie gewünscht Söhne,  anstatt Töchter bekommen hätten, wäre mein Volk sicherlich bereits ausgestorben!
Es war gut, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gingen. Die Wege der Götter, wer hätte schon sagen können wie sie aussahen und wohin sie einem führten?
„Ich kann dir nichts versprechen, mein Kind!“
„Ich weiß“, entgegnete die Frau.
Orella stand auf, ging in ihre Kammer und kam mit einem Tontopf zurück.
Sie hockte sich wieder neben der Frau, öffnete den Tontopf und holte ein wenig eingelegtes Koska  daraus hervor.
„Hier nimm!“, sagte sie. Die Frau öffnete bereitwillig ihren Mund und Orella legte ihr etwas Koskas auf die Zunge. Während sich Orella erhob um den Tontopf wieder zurückzustellen, kaute die Frau hinter ihr sichtlich angewidert auf das eingelegte Koskas herum. Orella sah nicht, dass der Frau die Tränen in die Augen stiegen, als sie versuchte das Koskas so schnell wie möglich hinunterzuschlucken.
„Du siehst plötzlich so blass aus? Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Orella besorgt.
„Doch, doch“, erwiderte die Frau übertrieben freundlich, dann fragte sie: „Gehörte das zum Ritual?“
„Nein, eigentlich nicht“, antwortete Orella, „ist nur zur Stärkung!“
Orella legte die eine Hand auf den Bauch der Frau und hob die andere Hand in die Luft.
„Ihr glorreichen Ahnen!“, begann sie, „ bittet bei den Göttern für uns, auf das diese Frau hier einen Jungen gebäre. Ihr ehrwürdigen Ahnen, lasset diese Erde fruchtbar werden, auf dass aus ihr ein Spross erwächst, der zum Heil und Wohle aller dienen möge. Ihr glorreichen, ehrwürdigen Ahnen, wir bitten euch darum im Namen der Götter.“
Orella nahm die Hand vom Bauch der Frau. Diese regte sich nicht, verharrte erwartungsvoll.
Verunsichert legte Orella ihre Stirn in Falten und fragte: „Soll ich für dich vielleicht noch die Knochen befragen?“
„Ja!“, antwortete die Frau zögerlich.
Orella nahm eine kleine Tonschüssel vom Regal. Sie hielt sie zu, schüttelte sie und ließ die Knochen auf die Erde fallen.
„Seltsam...“, meinte Orella beim Blick auf die Knochen.
„Was ist?“, fragte die Frau beunruhigt.
„Willst du wirklich hören, was ich...“                                                                                    
„Ja, natürlich!“, wurde sie von ihr unterbrochen.    
„Du wirst in zwölf Jahren eine weite Reise antreten, eine Reise zu den Sternen.
Es wird um sehr viel gehen...Die Zukunft unseres Volkes...Und...Und...Ich denke, du solltest gehen!“
„Zu den Sternen?!“
„Nein, nein, das ist eine andere Geschichte!“
Orella erhob sich und wandte sich ohne erkennbaren Grund von der Frau ab. Die Frau blieb wie angewurzelt sitzen und starrte Orella verständnislos an. Die Schamanin quittierte dies mit einem besorgtem Gesichtsausdruck.
„Du sollst gehen, habe ich gesagt!“, forderte sie sie abermals auf.
„Aber...?“,wollte die Frau einwenden und erhob sich vom Boden.
„Wie heißt deine Tochter?“, unterbrach Orella sie.
„Ada...“
„Nicht die, die andere!“
„Ich habe keine andere Tochter!“, antwortete die Frau brüsk.
Orella hielt nachdenklich inne, dann meinte sie:
„Geh einfach. Es ist das Beste, wenn du gehst!“
Mit den letzten Worten, legte Orella ihren Arm um die Hüfte der Frau und schob sie sanft aber bestimmt zum Ausgang hinaus.


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Die Frau wanderte durch die raue Steppenlandschaft. Ein lauer Abendwind kam auf und hauchte sanft ihr Haar aus dem Gesicht. Der Mond war klar und deutlich am Himmel zu sehen und schon bald würde ihn der zweite kleinere Mond über die Berge hinweg aufsteigend folgen.
Sie musste sich beeilen um vor Anbruch des Tages wieder zurück zu Hause zu sein. Den ganzen Rückweg über machte sie sich ernste Gedanken über den Geisteszustand der Schamanin Orella.
Was war wohl in dieser Frau gefahren, dass sie sich ihr gegenüber so aufgeführt hatte?
Ob das damit zu tun hatte, dass sie hier draußen so viele Jahre allein gelebt hatte?
Sehr wahrscheinlich!
Aber vielleicht hatte sie auch nur herausgefunden, dass sie bereits mit einem zweiten Kind schwanger war. Sie begann sich zu fragen, ob sie es Orella hätte sagen sollen. Aber war es überhaupt wichtig gewesen?
Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Sie würde es nie mehr erfahren...
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