Advocatus Diaboli

GeschichteDrama / P18
30.04.2008
11.05.2009
46
226848
15
Dieses Kapitel
42 Reviews
 
 
 
Altersfreigabe: ab 18!
Spoiler: Keine. Die Story spielt in einem AU, das nach und nach in der Story erklärt werden wird.
Inhalt: „Wenn zwei Menschen auf nicht absehbare Zeit in einem Haus gefangen sind, ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne eine Aussicht, allzu bald mit jemand anderem reden zu können, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich einander zuwenden.“
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine/Snape, Hermine/Ron, Snape/OC
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J.K.Rowling.
Updates: einmal die Woche
Kommentar: An dieser Story habe ich fast ein Jahr lang geschrieben und vermutlich sitze ich deswegen jetzt nägelkauend vor meinem PC. Sie ist in mehr als einer Hinsicht das Gegenteil von ISEM. Sie ist düster, hoffnungslos und behandelt schwierige Themen – also alles in allem keine leichte Kost. Ich kann euch mitnehmen auf diese Reise, aber ich kann euch kein Ziel versprechen. ;)
Betadank geht auch dieses Mal an Anja! *hugs*
Warnings: Folter, sexuelle Gewalt, Sex, Character Death, Hurt/Comfort, Angst, Sucht

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Advocatus Diaboli


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- Part I -
Vom Schälen einer Zwiebel

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Kapitel 1.01 – Die äußere Schicht

- 08.07.2001 -


 Es war nicht übertrieben zu behaupten, die Lage wäre… nun ja, wirklich scheiße.

 Severus Snape war nie ein Mann gewesen, der ordinäre Begriffe verwendete oder zu Übertreibungen neigte – mal abgesehen vom Abziehen von Hauspunkten. Doch wenn man gefesselt in einer magisch geschützten Hütte in den Seilen hing, aus unzähligen Wunden blutete und eigentlich nur darauf wartete, dass mehr Blut auf dem Boden als im eigenen Körper war, durfte man die Lage mit gutem Recht als scheiße bezeichnen.

 Severus lachte bitter auf und bereute es, als das Lachen zu einem Husten wurde, der reißende Schmerzen durch seinen gesamten Körper, vor allem jedoch durch seine Lunge sandte. Er würgte einen blutigen Schleim herauf und spuckte ihn unberührt vor sich auf den schäbigen Holzboden; es war ja nicht so, als ob es irgendwen stören würde. Im Gegenteil. Er war überzeugt, dass Lucius Malfoy seine wahre Freude an diesem Anblick hätte.

 Was war passiert, dass seine Tarnung in sich zusammengefallen war? Sein Kartenhaus war verdammt perfekt gewesen! Nicht mal ein Orkan hätte es einstürzen lassen sollen. Fragte sich bloß, was genau man sich unter einem Orkan vorstellen sollte.

 Nach dem Fall Voldemorts hatte Lucius Malfoy sich selbstherrlich zum neuen Anführer aufgeschwungen und entschieden, dass die Ziele des Lords nach wie vor zu erfüllen wären. Das entsprach höchstens einem starken Wind. Die Gemeinschaft war geschwächt, bei Merlin, das war sie! Der finale Kampf – der er nun nicht mehr war – hatte nicht nur Auroren das Leben gekostet. Doch die verbliebenen Todesser standen hartnäckig hinter den Plänen. Sie waren ja auch zu stur gewesen, um im Kampf zu sterben. Warum sollten sie sich vom Tod ihres Anführers ablenken lassen?

 Das hatte den starken Wind vermutlich bis zum Sturm genährt. Also war es weitergegangen, das Morden und Jagen und Zerstören und Feiern. Und Severus hatte seine Rolle weitergespielt, um auch den letzten Rest dieses Krebsgeschwüres zu entfernen. Von innen heraus, das wirkte am besten. Er hatte an seiner Taktik nichts Wesentliches geändert. Sie hatte unter Voldemort funktioniert und sollte es auch weiterhin tun. So hatte er zumindest gedacht und Albus hatte ihm zugestimmt.

 Und trotzdem hatte irgendein falscher Luftzug aus dem Sturm noch einen Orkan gemacht. Einen verflucht hartnäckigen Orkan, der auf seinem Weg noch die eine oder andere Glasscherbe aufgesammelt hatte, nur um sie ihm um die Ohren zu hauen.

 Er keuchte heiser und wischte mit seiner Wange am Oberarm entlang. Eine der Wunden in seinem Gesicht hatte wieder zu bluten begonnen und die Tropfen kitzelten auf sehr nervtötende Weise auf seiner Haut. Als das Kitzeln jedoch verklungen war, vermisste er es schon beinahe wieder – es hatte ihn von den Schmerzen abgelenkt.

 Er war nicht der Typ, der jammerte. Mehr als einmal hatte er Madam Pomfrey ihre vermaledeiten Tinkturen aus der Hand geschlagen, weil es verdächtig gewesen wäre, wenn die Wunden allzu schnell geheilt wären. Der Dunkle Lord hatte immer auf diese perfiden Kleinigkeiten geachtet. Das Vertrauen des Ordens sollte zwar da sein, aber nicht so groß, dass man ihn bedenkenlos heilen würde.

 Nun, inzwischen wünschte er sich diese Tinkturen wirklich.

 Hätte man ihn gefragt, er hätte nicht gewusst, wie lange er bereits in den Händen der Todesser war. Sie hatten vor nicht allzu langer Zeit den Befehl Malfoys bekommen, sich ihn zu schnappen und dafür zu sorgen, dass er einen langsamen und ganz und gar unmagischen Tod fand. In ein paar Jahren vielleicht.

 Malfoy wollte ihn in all der unwürdigen Vollkommenheit der menschlichen Rasse sterben lassen – was so viel bedeutete wie Blut, Schweiß, Rotz, Urin und all die anderen widerwärtigen Ausdünstungen, zu denen Menschen fähig waren. Bei Salazar, was würde er jetzt für einen Avada Kedavra tun…

 Doch seine ehemaligen Verbündeten hatten schon die ganze Zeit ihren Spaß daran gehabt, die Befehle Malfoys auszuführen – vor allem die, die seine Folter betrafen. Angefangen hatten sie bei seinem Dunklen Mal. Er hatte keine Haut mehr an der Stelle seines Körpers. Nichtsdestotrotz konnte man die Linien der Zeichnung noch immer in seinem rohen Fleisch erkennen.

 Weitergemacht hatten sie mit seinem Gesicht. Severus hatte nicht die geringste Ahnung, wie er jetzt aussah. Dem Gefühl nach zu urteilen dürfte er jedoch ausgesprochen viel Ähnlichkeit mit einem aufgebackenen Hefekuchen haben – einem rot, blau und grün geschlagenen Hefekuchen. Vielleicht auch bloß einem leicht angeschimmelten Hefekuchen. Auf jeden Fall irgendwas Aufgeplustertes, das mehr Volumen hatte, als eigentlich möglich sein sollte. Verdammt, er hatte in den letzten Tagen mindestens anderthalb Liter Blut verloren! Wo kam das ganze Zeug bloß her?

 Sei's drum. Nachdem sein Gesicht ausreichend als Spielwiese gedient hatte, hatten sie seinen Oberkörper den Frischlingen zur Verfügung gestellt. Sie durften Flüche üben und Muster schnitzen und Severus hatte das erste Mal festgestellt, dass es doch sehr viel angenehmer war, der Lehrer und nicht das Versuchskaninchen zu sein. Da hätte er noch lieber zwanzig Klassenarbeiten korrigiert und sich mit fünfzig Erstklässlern eingelassen.

 Nicht, dass das wirklich eine Option gewesen wäre. Er saß fest in seiner Folter und alles, was ihm übrig geblieben war, war einen letzten Rest Würde zu bewahren. Er hatte während der ganzen Spielereien nicht einen Ton von sich gegeben.

 Zu dem Zeitpunkt hatte ihn das wirklich aufrecht gehalten. Inzwischen fand er es eigentlich eher unwichtig, denn das Ergebnis war dasselbe. Ob er nun geschrien oder gekeucht oder gestöhnt oder gejammert hätte, sterben würde er so und anders auch. Fragte sich bloß wann und diese Frage machte ihm mehr zu schaffen, als er sich einzugestehen traute. Magie bot zu viele Möglichkeiten, Dinge dieser Art hinauszuzögern. Und er hatte jede davon mindestens einmal am eigenen Leib erfahren – ohne darauf eine Reaktion zu zeigen.

 Ja, es war manchmal wirklich ein Kreuz mit der Würde und dem Stolz; man hütete sie wie einen kostbaren Schatz, doch sie halfen einem selten weiter. Eigentlich machten sie alles nur noch schwerer. Aber sie hielten ihn davon ab, verrückt zu werden.

 An dieser Stelle seiner Gedanken schüttelte er resolut den Kopf, was sein Nacken mit lautem Knacken beantwortete. Zur Hölle mit diesen Anfängern! Die hatten irgendetwas mit seinem Rücken angestellt, das alles andere als gut war. War es denn wirklich zu viel verlangt, ein paar Anatomiekenntnisse bei einem Folterknecht zu verlangen? Selbst wenn man erst einer werden wollte, konnte man zumindest so viel Anstand haben zu wissen, dass Schläge auf die Wirbelsäule einem sämtlichen Spaß nahmen. Folter bei Lähmungen hatte keinen Sinn und gestaltete das ganze Spiel sehr langweilig. Zumindest hatte Lucius ihm das mal gesagt und er hatte es hingenommen.

 Aber er spürte seine Zehen noch. So falsch konnte es nicht gewesen sein, was die Frischlinge angestellt hatten. Vielleicht kein O, aber mindestens ein A wäre sicherlich drin. Zugegeben, Malfoy hätte es bestimmt zu einem E geplustert, doch das Knacken war wirklich unangenehm.

 Einmal mehr sank er in seinen Ketten weiter nach unten und die eisernen Ringe um seine Handgelenke gruben sich noch tiefer in das wunde Fleisch. Er wusste, würde er aus irgendeinem Grund doch noch lebend befreit werden, würde er die Arme oben lassen. Er wollte gar nicht erst ausprobieren, ob er noch die Möglichkeit hatte, sie nach unten zu nehmen. Irgendwann hörte jeder Spaß auf und er musste seit Wochen so hängen.

 Denn nachdem sich alle noch ausreichend an seinem Hintern ausgetobt hatten, hatte Malfoy beschlossen, dass es an der Zeit wäre, ihm seine letzte Ruhestätte zuzuweisen. So richtig nobel mit Blick aufs Meer, Zimmerservice und Klimaanlage.

 Nun gut, das war eine sehr... optimistische Art, von seiner Unterkunft zu reden. Er befand sich in einer Hütte auf einer Miniaturinsel im Atlantik, die mit Alarmzaubern gesichert war und mehr Löcher als Wände besaß. Aber es konnte ja nie falsch sein, noch ein kleines bisschen Optimismus zu bewahren, oder? Nicht, dass das früher gewirkt hätte, aber es sorgte für Unterhaltung.

 Severus lachte erneut auf, war dieses Mal aber clever genug, aufzuhören, bevor der Schleim wiederkommen würde. Man konnte ihm vieles unterstellen, aber sicherlich nicht das Verhalten eines Verrückten, der ein und dieselbe Sache immer und immer wieder tat, allerdings ein anderes Ergebnis erwartete. Nein, er hatte seine Lektion gelernt (Glaube niemals, deine Tarnung sei perfekt!).

 Seine Knie berührten inzwischen beinahe den steinigen Boden. Bereits seit längerem hatte er sich gefragt, ob seine Arme länger geworden, oder ob die Handfesseln bloß weiter nach oben gerutscht waren. Alternativ könnte es natürlich auch so sein, dass die Ketten länger geworden waren, aber diese Möglichkeit hatte er eigentlich recht bald ausgeschlossen.

 Auf jeden Fall würde es nicht mehr allzu lange dauern, bis er vielleicht mehr Halt finden würde, als nur seine aufgeschlagenen Fußspitzen. Zu Anfang hatte er gestanden, wobei die Ketten weit durchgehangen hatten. Mit zunehmender Müdigkeit seiner Beine hatten sie sich gestrafft. Bis vor etwa zwei Tagen hatte er gehockt, die Arme weit nach oben gestreckt, wo sie auch jetzt noch hingen. Aber es gab wirklich nichts Grausameres als eingeschlafene Beine. Und so war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich hängen zu lassen.

 Ehrlich, er hatte genau dies jahrelang tun wollen! Allerdings hatte er dabei eher an Strand, Palmen und eine Handvoll junger Frauen gedacht… Nun gut, die Frauen ohne Strand und Palmen hätten es auch getan.

 Eine Bewegung zu seiner Rechten brachte Severus' Gedanken rasch in die Realität zurück. Erstaunt spürte er, wie einige seiner Lebensgeister ihm einen Besuch abstatteten. Normalerweise hießen Bewegungen vor der Hütte, dass einige der Todesser kamen, um ihn soweit mit Wasser und Nahrung zu versorgen, dass er noch ein paar weitere Tage durchhielt. Doch etwas sagte ihm, dass diese Bewegungen keine Todesser waren. Für gewöhnlich hielten sie es nicht für nötig, um die Hütte herumzulaufen.

 Severus kämpfte ein wenig gegen die Ketten an und versuchte dem sich bewegenden Schatten mit den Augen zu folgen. Er war schnell, blieb mehrmals stehen und lief dann weiter. Immer wieder umrundete er die Hütte und ihm kam der Gedanke, dass, wer auch immer das da draußen war, im Gegensatz zu ihm eindeutig das Verhalten eines Verrückten an den Tag legte. Das war irgendwie beruhigend.

 Irgendwann blieb der Schatten endgültig stehen und zwar an genau der Stelle, an der auch die Todesser immer verharrten. Severus wusste, dass die Zauber auf der Hütte nur von Todessern aufgelöst werden konnten, ohne dass Lucius Malfoy davon erfuhr. Und da er mit sich selbst bereits übereingekommen war, dass das da draußen kein Todesser war, schien es, als würde hier doch noch irgendwas passieren. Ein beinahe vorfreudiges Lächeln kräuselte seine Lippen. Was gab es besseres als ein bisschen Action bevor man abdankte?

 Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis der Jemand den letzten Bann aufhob. Die Tür krachte laut auf und schlug gegen die hintere Wand, woraufhin Putz und einige sehr große Deckenstücke zu Boden segelten. Eine Gestalt durchquerte die Hütte mit großen Schritten und als sie vor ihm in die Knie ging, musste er mehrmals blinzeln, um ein Gesicht erkennen zu können.

 „Sehen Sie mich an!“, forderte eine Stimme, die er zwar kannte, die er bisher allerdings nie so herrisch gehört hatte.

 „Miss Granger?“ Er runzelte die Stirn und ignorierte den Schmerz, den dies verursachte.

 Sie nickte, anscheinend zufrieden. „Schön zu wissen, dass das Ganze sich lohnt. Stehen Sie auf! Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

 Severus schnaubte. Ihre Vorstellungen waren wirklich sehr amüsant. Glaubte sie wirklich, er hätte hier die ganze Zeit auf dem Boden gekauert, wenn er hätte stehen können? So bequem war diese Position nun auch wieder nicht. Nein, er war körperlich am Ende und irgendwie auch geistig etwas erschöpft. Es wirkte selbst auf ihn beängstigend, welche Gedankengänge er bisweilen hatte. Das einzige, was noch seinen Befehlen folgte, war sein magisches Potential und das war auch gut so.

 „Stehen Sie auf, verdammt!“, forderte sie in diesem Moment erneut und draußen hörte er die ersten Todesser apparieren.

 „Als ich Sie das letzte Mal sah, wussten Sie noch, dass… Respekt… der Schlüssel zum Erfolg ist“, keuchte er mühsam, zwang seine Beine allerdings trotzdem dazu, sein Gewicht zu tragen. Er hustete erneut und mehr von dem ungesunden Gemisch aus Blut und Schleim landete auf dem Boden. Irritiert bemerkte er, dass es ihn nun, da er nicht mehr alleine war, sehr störte.

 Im nächsten Moment verschwanden seine Fesseln urplötzlich, was seine Gedanken recht schnell beendete, denn er krachte unsanft zu Boden – wobei sich das Vorhaben mit seinen Armen erübrigte. Er stöhnte laut und glaubte, der Schmerz würde ihn zerreißen. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.

 „Professor Snape! Wir haben jetzt keine Zeit dafür!“

 Er spürte, wie er recht grob umgedreht wurde und sah blinzelnd, wie seine ehemalige Schülerin mit dem Zauberstab einige veraltete Möbelstücke vor die offene Tür schleuderte. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass das die Todesser nicht lange aufhalten würde.

 „Stehen Sie endlich auf, verdammt!“ Sie fasste ihn hart am Oberarm und schaffte damit das, was die Frischlinge in bestimmt drei Tagen Folter ohne Unterbrechung nicht geschafft hatten: Er schrie laut auf.

 Doch Granger achtete gar nicht darauf – vorausgesetzt, man konnte Loslassen unter diesen Begriff fassen. Severus fiel hart auf den Dielenboden und seine Finger wischten nach Halt suchend durch das, was sein seine Lungen zu Tage befördert hatten. „Großartig“, murmelte er missmutig und verzog das Gesicht.

 Hinter ihm krachten einige Flüche gegen das morsche Holz und vier Todesser stürmten die Hütte. Er sah nur ein Gewirr aus Beinen und konzentrierte sich schließlich darauf, irgendwie auf seine eigenen zu kommen.

 „Stupor!“, hörte er Granger schreien und das gedämpfte Stöhnen sagte ihm, dass sie nur noch drei Gegner hatten. „Petrificus Totalus!“, schleuderte sie noch einen weiteren Fluch hinterher, doch ob der getroffen hatte, wusste Severus nicht zu sagen. „Protego!“, setzte sie einen letzten oben drauf und er sah, wie nur den Bruchteil einer Sekunde später mehrere Flüche an der Schutzwand abprallten und ins Nichts verschwanden. Sie hatte definitiv einiges gelernt in den letzten Jahren, das musste er neidlos anerkennen.

 „Miss Granger“, sagte er kraftlos und schaffte es tatsächlich, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die buschigen Haare wirbelten um ihren Kopf, als sie sich zu ihm herumdrehte.

 „Was?“, zischte sie ungehalten.

 „Nutzen Sie… den Murus…“ Sie sollte sich glücklich schätzen, dass er wirklich zu müde war, um sich mit ihr anzulegen.

 „Murus!“, entschloss sie sich zu seiner Erleichterung allerdings, den Zauber anzuwenden, ohne weiter nachzufragen. Severus beobachtete zufrieden, wie der Protego durch eine feste Mauer ersetzt wurde, die sich vom Boden bis zur Decke zog und die Hütte in zwei Teile trennte. Granger nickte anerkennend in der plötzlich eintretenden Stille. „Nicht schlecht…“

 Er hatte sich derweil in den Vierfüßlerstand erhoben und sein rasselnder Atem schien kaum genug Sauerstoff in seinen Körper zu befördern, um ihn wirklich lange in dieser Position zu lassen. Erschöpft sackte er zur Seite, woraufhin sie sich von der Mauer abwandte.

 „Wie lange hält das?“, fragte sie beiläufig, während sie ihm die zerschlissene Kleidung vom Körper schälte und hier und da die eine oder andere offene Wunde heilte. Severus spürte, wie der Schmerz etwas weniger wurde, doch er musste zweifellos innere Verletzungen haben; die Messer waren tiefer gegangen, als sie so beiläufig würde heilen können.

 „Ein paar Minuten“, nuschelte er und kämpfte gegen die Ohnmacht an.

 Was Granger anscheinend bemerkt hatte, denn sie schlug ihm recht unwirsch ins Gesicht. „Sie werden jetzt nicht ohnmächtig, verstanden?“, knirschte sie, hielt sein Kinn mit einer Hand fest und sorgte so dafür, dass seine Blicke sich auf sie konzentrierten.

 Er wischte ihre Hand zur Seite und nutzte seine verbliebene Kraft, um sich etwas zu ihr hochzustemmen. „Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden, Miss Granger!“

 Ein süffisantes und durchaus zufriedenes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Nicht, wenn ich Sie mit meiner Methode bei Bewusstsein halten kann, Sir!“ Das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war, und hinterließ eine sehr verzerrte Maske aus Entschlossenheit.

 Severus kniff die Augen zusammen und knurrte unverständlich vor sich hin. Sie hatte sich sehr verändert, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Was allerdings höchstens zwei Jahre her sein konnte, egal wie lange er nun schon hier sein mochte. Etwas über ein Jahr vor dem Fall Voldemorts hatte Albus Hermine Granger als letzte des Trios in den Orden aufgenommen und ihn dazu genötigt, mit ihr zusammenzuarbeiten und Tränke herzustellen, die ihnen unter anderem die Pforten zum Sieg (wenn man den Tod Voldemorts als solchen bezeichnen konnte) geöffnet hatten. Er wusste nicht, ob sie sich nicht im Nachhinein noch dafür gehasst hatte, denn diese Tränke hatten zwar Voldemort getötet, Harry Potter allerdings auch. Er hatte danach keine Gelegenheit mehr gehabt, ein Wort mit ihr zu wechseln. Zumindest hatten sie es damals geschafft, sich einen beinahe vertrauten Umgangston zuzulegen und sich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit an die Gurgel zu springen. Doch wenn er sich den hasserfüllten Blick in ihren Augen so ansah, schien sich das inzwischen wieder geändert zu haben – woran Harry Potters Tod vielleicht eine gewisse Mitschuld trug.

 Severus beobachtete, wie sie an der Mauer auf und ab lief und sich darauf vorbereitete, den Gegnern einen gebührenden Empfang zu bereiten. Zumindest tat sie dies, bis sie seinem Blick begegnete und ihren nicht wieder abwandte. Auf ihrer Stirn, dicht am Haaransatz prangte eine lange Narbe, die noch immer rötlich schimmerte und dementsprechend noch nicht alt sein konnte. Ihre Augen hatten einen harten Ausdruck angenommen, ihre Gestik und vor allem die Mimik waren entschlossen, zielgerichtet und distanziert. Er hatte keinen Zweifel daran, dass sie mit ihren Gedanken komplett bei der Sache war und sich durch nichts ablenken lassen würde. Vor zwei Jahren hatte noch ein einfacher, nicht vollkommen gelassener Blick seinerseits ausgereicht, um sie mit zitternden Händen an den Kessel treten zu lassen.

 Damals hatte er es verflucht, dass sie sich nicht zumindest hin und wieder einmal zusammenreißen konnte. Sie waren in einem Krieg! Da ging es nicht darum, ob der Gegner einen lieb anlächelte, bevor er den Todesfluch aussprach. Dass sie diese Lektion nun anscheinend gelernt hatte, verwirrte ihn auf eine Art und Weise, die zu viel Nachdenken erforderte, als dass er sich ausgerechnet jetzt genauer damit auseinander setzen wollte. Möglicherweise würde er in absehbarer Zeit den Löffel abgeben. Es wäre sinnlos, die letzten Minuten mit Überlegungen dieser Art zu verbringen.

 In diesem Moment begann die Mauer sich wieder aufzulösen und Severus brach den Blickkontakt zu seiner ehemaligen Schülerin. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er ihn überhaupt gehalten hatte. „Passen Sie auf!“, keuchte er, als er einen ihrer Angreifer den Zauberstab heben sah. Doch seine Warnung kam zu spät.

 Granger schrie, von einem hellen Lichtblitz direkt gegen das Brustbein getroffen, laut auf und wurde neben ihm gegen die hintere Wand der Hütte geschleudert. Sie prallte unsanft daran ab, fiel hart mit dem Bauch auf einige am Boden aufgestapelte Steine und keuchte entsetzt, wobei ihr der Zauberstab aus der Hand rollte. Severus griff rasch danach, ehe er aus seiner Reichweite rollen konnte.

 Angestrengt hob er den Blick und sah sich zwei Todessern gegenüber, die fast vollkommen vermummt bis eben noch damit beschäftigt gewesen waren, sich einen bewusstlosen Körper aus dem Weg zu räumen. Severus grinste, soweit sein zerschnittenes Gesicht dies zuließ, und deutete mit dem fremden Zauberstab auf die beiden. „Avada Kedavra!“, brachte er sehr mühsam hervor. Doch so schwach seine Stimme auch klingen mochte, die Absicht hinter diesem Fluch entstand in seinem Kopf. In dem einzigen, dem magischen Teil, den er noch immer unter Kontrolle hatte, und dementsprechend entfaltete er in einem grünen Blitz seine gesamte Kraft, als er auf die Brust eines der Todesser traf. Mit einem dumpfen Poltern fiel der schwere Körper zu Boden.

 Im nächsten Moment riss ihm jemand den Zauberstab aus der Hand und zwei kleine Hände fassten ihn an den Schultern, zogen ihn hoch und sorgten so dafür, dass er auf seine Beine zurücksank. „Lassen Sie die Finger von meinem Zauberstab!“, zischte Granger mit verhaltener Wut und unterdrücktem Schmerz in der Stimme und stolperte an ihm vorbei, während sie sich die freie Hand in den Unterbauch stemmte. „Stupor!“, fügte sie dann noch hinzu und auch der letzte Todesser war endlich außer Gefecht gesetzt.

 „Ich hätte es nicht tun müssen… wenn Ihre Verstärkung nicht so…“ Severus stöhnte leise. „…nicht so entsetzlich feige wäre“, brachte er mühsam hervor und versuchte vollkommen aufzustehen.

 Granger schnaubte erneut. „Es gibt keine Verstärkung, Professor!“ Sie fasste unterstützend seinen Arm, um ihn auf die Beine zu ziehen. „Deswegen sollten wir jetzt auch sehen, dass wir hier wegkommen, ehe noch weitere Ihrer ehemaligen Freunde hier aufkreuzen.“ Sie schleppte ihn zur Tür hinüber und er versuchte gar nicht erst, ihr klarzumachen, dass sie wirklich sehr brutal mit ihm umging. Er hätte es nicht anders getan, wären die Rollen vertauscht gewesen.

 Stolpernd und schwankend verließen sie das geschützte Innere der Hütte und Granger legte sich seinen Arm um ihre Schultern (er spürte, wie sie kurz strauchelte und sah, dass ihre Zähne verbissen an ihrer Unterlippe nagten), während weitere Todesser um sie herum apparierten. „Pech gehabt, Jungs!“, zischte sie mit einem süffisanten Grinsen und Severus spürte, wie sie mit ihm zusammen disapparierte.

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 Beide kamen ins Stolpern, während sie an einem anderen Ort auftauchten. Severus kniff die Augen zusammen, als helles Tageslicht ihn blendete; auf seiner kleinen Insel hatte es bereits gedämmert. Dadurch, dass er nun nicht mehr sah, was passierte, schwankte er noch mehr und stolperte schwächlich durch die Gegend. Diese ganze Lage war wirklich entsetzlich demütigend.

 Schließlich fasste jemand ihn hart an der Schulter. „Reißen Sie sich zusammen, Professor!“, warnte Granger und er öffnete seine Augen, nur um ihr einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.

 „Halten Sie Ihre Zunge im Zaum, Miss Granger!“, erwiderte er und bemühte sich um einen kühlen Tonfall.

 Sie kräuselte die Nase. „Nicht solange es Ihnen gut genug geht, um mich zurechtzuweisen.“

 Severus schnaubte abfällig, was sein Körper mit einem stechenden Schmerz in seinem Bauch quittierte. „Könnte nicht besser sein“, murmelte er kaum hörbar und kämpfte den Drang zu husten hinunter.

 „Solange Sie noch meckern können, kann es nicht…“ Granger beendete ihren Satz nicht und als er sich deswegen zu ihr umwandte, sah er, dass sie sich nach vorne gebeugt hatte und sich mit den Händen auf den Knien abstützte.

 „Was ist los?“ Die angemessene Portion an Kälte fehlte natürlich nicht.

 „Nichts“, keuchte sie und richtete sich wieder auf. Er beäugte sie missmutig und vermutete, dass es mit ihrem Sturz auf diese Steine zu tun hatte. Doch plötzlicher Schwindel und schwarze Balken, die sich hartnäckig in sein Sichtfeld drängten, hielten ihn davon ab, sich genauer darüber Gedanken zu machen.

 „Fein. Dann sollten Sie tun, was immer Sie hier tun wollen, bevor ich das Bewusstsein verliere“, informierte er sie beiläufig, woraufhin sie ihn wieder stützte und aufrichtete.

 „Als ich Sie das letzte Mal sah, waren Sie definitiv selbständiger“, knurrte Granger und setzte sich mit ihm in Bewegung.

 Severus öffnete seine Augen einen Spalt und sah sich das erste Mal genauer um. Wo auch immer sie ihn hingebracht hatte, es war sonnig und sehr grün hier. Und sehr verlassen, was vermutlich angesichts seiner Lage nicht falsch war. Auf einer kleinen Anhöhe vor ihnen konnte er ein altes Haus erkennen, das – in dunklem Braun gehalten – wie ein großer Schmutzfleck mitten in der Landschaft klebte. Es war von einem niedrigen Zaun umgeben und mochte vielleicht fünf Zimmer auf zwei Stockwerke verteilt haben. Der kleine Garten davor war ungepflegt und von Unkraut überwuchert, die Pforte im Zaun hing schief in den Angeln und quietschte leise, als eine etwas kräftigere Windböe sie erfasste.

 „Miss Granger, was wollen wir hier?“

 Sie ging vorerst nicht auf seine Frage ein, sondern blickte über ihre Schulter zurück zu dem Ort, an dem sie angekommen waren. „Ich hätte besser zielen müssen“, wisperte sie hektisch und wurde noch einen Schritt schneller.

 Severus wusste, was sie meinte. Die Todesser würden zweifellos seine Spur verfolgen können. Das Mal band ihn stärker an diese Gruppe, als er es damals für möglich gehalten hatte – auch wenn es auf seinem Arm nur noch schwer zu erkennen war. Er war gezeichnet und würde es immer sein.

 Ein gedämpftes Stöhnen ihrerseits riss ihn aus seinen Überlegungen. „Was ist los mit Ihnen?“, fragte er erneut, bemühte sich dieses Mal allerdings um ein bisschen mehr Besorgnis in seiner Stimme. So wie es aussah, war er vorerst auf sie angewiesen. Er sollte sich möglicherweise gut mit ihr stellen.

 „Das geht Sie nichts an“, fauchte seine ehemalige Schülerin und machte sich dafür nicht einmal die Mühe, ihn anzusehen. „Und jetzt beeilen Sie sich endlich ein bisschen! Ich wäre gerne in diesem Haus, bevor die Todesser uns finden!“ Einige gehetzte Blicke trafen ihn und hätte er ihr nicht so uneingeschränkt Recht geben müssen, wäre er schon aus Protest stehen geblieben.

 So jedoch verkniff er sich sämtliche Fragen und stützte sich flüchtig am Holzzaun ab, um sie zumindest kurz von seinem Gewicht zu entlasten. Er würde gerne alleine laufen, es war wirklich eine Zumutung, dass er sich so helfen lassen musste. Doch er wusste durchaus, dass er auf die gleiche Art wie seine Tarnung zusammenklappen würde, wenn sie ihn losließ.

 Im nächsten Moment zischte an seinem Ohr ein Fluch vorbei und traf auf die vordere Hauswand. Granger erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. „Verdammt!“

 Danach machte sie sich nicht länger die Mühe, ihn behutsam zu behandeln – falls sie dies denn zuvor getan haben sollte – sondern zog ihn einfach hinter sich her, so dass er mehr stolpernd als gehend die Tür erreichte. Granger schob ihn hindurch und wehrte dabei einige Flüche über ihren Rücken hinweg ab, doch gerade, als sie ihm folgen wollte, traf einer sie am Bein. Ihr Schrei hallte laut durch die Eingangshalle und Severus zuckte zusammen.

 Er beobachtete, wie sie zu Boden ging, und zog ihren Körper über die Schwelle, um die Tür hinter ihr schließen zu können. „Lassen Sie das!“, war ihr Dank und er rümpfte die Nase und ließ ein verrutschtes Schnauben hören.

 Sie kämpfte sich wieder auf die Beine, drehte einen Schlüssel im Schloss um und lehnte sich hart und mit, wie er nun sah, stark blutender Nase dagegen. Mit ihrem Zauberstab tippte sie gegen den Knauf und machte ein paar geschlenkerte Bewegungen durch die Luft, die entfernt an diverse Runen erinnerten. Plötzlich jammerte sie gedämpft auf, ging leicht in die Knie und krallte die Hand um ihren Zauberstab, während die andere den Stoff ihres Oberteils über ihrem Bauch raffte.

 „Nein, nein, nein…“, wimmerte sie, „nicht jetzt…“ Severus hörte sie schniefen und gequält seufzen. Sie wischte sich mit dem Handrücken an der Nase entlang und hinterließ eine dicke Blutspur darauf. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub.

 „Miss Granger, was…“

 „Halten Sie den Mund!“, schrie sie so laut, dass er über die verbliebene Kraft in ihrem Körper staunte und ein Stück zurückwich. Mehrere Flüche trafen auf die Hauswand, einer erwischte ein Fenster und ließ die Glasscheibe bersten und laut in der Eingangshalle zu Boden fallen.

 Nach einem letzten mahnenden Blick wandte sie sich wieder dem Türschloss zu und sagte laut und vernehmlich: „Initium!“ Daraufhin bildete sich am Knauf ein roter Schimmer, der sich kugelförmig ausbreitete und durch die Holzwände nach draußen drang. Severus hörte die Todesser aufschreien, als sie von der Tür weggestoßen wurden und unsanft auf den Kiesweg vor dem Haus fielen.

 Kurz nachdem dieser kugelförmige Schimmer nach draußen hin verschwunden war, wurde es vollkommen still im Haus. Nur der keuchende Atem von ihm und Granger war zu hören. Er fixierte ihr Gesicht, das müde und gequält aussah, ehe er anerkennend nickte. Seine Beine begannen zu schwanken, die Sicht verschwamm zusehends. „Grandioser Auftritt, Miss Granger“, lallte er unverständlich, dann ließ er die schwarzen Balken ihre Aufgabe tun und spürte nicht einmal mehr, wie er auf dem Boden auftraf.

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Murus – Mauer
Initium – Anfang/Beginn (in diesem Fall das Inkraftsetzen der Zauber, die Dumbledore schon vorher über das Haus gelegt hat)