Patient X

von Seraphin
GeschichteDrama / P16
Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Hermine Granger Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Ronald "Ron" Weasley
21.04.2008
20.02.2009
24
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54
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Inhalt:
Hermine will sich um die Opfer der Endschlacht kümmern. Sie bekommt jedoch nur einen Patienten zugeteilt. Jemand, der die Schlacht entgegen der offiziellen Angaben überlebt hat. Lord Voldemort.
Hermine zerbricht fast an der Aufgabe und gerät zwischen alle Fronten, da sie nicht nur gegen den kaltherzigen dunklen Lord selbst, sondern auch gegen ihre verständnislosen Freunde, die menschenverachtenden Vorschriften des Krankenhauses, Voldemorts rachsüchtige Opfer sowie gegen ihren eigenen Hass ankämpfen muss.

Kleiner Nachtrag: Habe eben nachgelesen. Die Endschlacht fand im Mai statt, Hermine fängt in dieser Fic allerdings bereits anfangs Mai an zu arbeiten. Der Zeitplan geht also nicht ganz auf. Wenn ich nachrechnen müsste, würde ich sagen, dass die Endschlacht irgendwann im März stattgefunden hat, in dieser Fic. Aber sooo genau muss man ja nicht sein.

24 Kapitel (23 + Epilog)

Genre:  Drama, bisschen Thriller und Tragikkomik

Die Idee kam, als ich Zuckerspinnes
„Enemy Mine“ las. Zumindest teilweise.

Ausserdem dachte ich dabei an drei Filme:
* Enemy Mine (Freundschaft mit dem Erzfeind möglich?)
* Der Todmacher (Wie ist das, nah an einem Monster zu sein)
* Dead Man Walking (Todesstrafe, Rechte eines Mörders vs. Opferperspektive)

Warnung? Gewalt, Folter,  Angst, "Ethik", Todesstrafe

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Hier stehe ich und kann nicht anders..

(Martin Luther)




Kapitel 1: Prolog  


Wenige Wochen waren seit der großen Schlacht von Hogwarts vergangen. Vor einigen Tagen war Hermine gemeinsam mit Ron aus Australien zurückgekehrt, wo sie ihren Eltern glücklich und erleichtert die Erinnerung an ihre Tochter zurückgeben konnte.

Mr und Mrs Granger überlegten allerdings noch, ob sie wirklich nach England zurückkehren würden. Beide hatten eine Gemeinschaftspraxis in Melbourne eröffnet, das Land und die Leute zu schätzen gelernt. Zwar war ihnen nun wieder bewusst, dass ihr wahres, vergangenes Leben in England und nicht in Australien stattgefunden hatte, doch das Leben, welches sie sich mittlerweile aufgebaut hatten, war gut und das in England kaum mehr als eine verwirrende Erinnerung.

Da Hermine, wie sie ihnen gestand, sowieso wieder für ein weiteres Jahr nach Hogwarts zurück kehren musste um ihren Schulabschluss nachzuholen, schien das Leben, das sie nun führten, durchaus eine gute Wahl zu sein.
Man könnte sich doch trotzdem besuchen, meinten Mr und Mrs Granger augenzwinkernd, während sie ihrer Tochter voll Stolz den Rücken tätschelten. Eine so talentierte junge Hexe könnte doch appendieren, oder wie das hieß.

Ganz so einfach war es zwar nicht, auch auf magische Weise von Hogwarts nach Melbourne zu kommen, aber Hermine war froh, ihre Eltern so glücklich wieder zu sehen, so dass sie auch gewisse Schwierigkeiten für weitere Besuche gerne in Kauf nahm. Schwierigkeiten, die ihre Eltern, die Muggel waren, bedauerlicherweise ohnehin nicht verstehen würden. Wie so vieles... also lächelte Hermine, nickte und versprach, so oft wie möglich zu ihnen zu kommen.

Die Rückkehr war weit weniger erfreulich. Da sie in England ohne ihre Eltern kein Zuhause mehr hatte, zog sie für die Zeit bis Schulbeginn bei den Weasleys ein.

Mit einem Schlag waren wieder all die Schrecken des vergangenen Krieges und alle Verluste über sie hereingebrochen. Hatte sie es in Australien noch ganz gut geschafft so zu tun, als ob es ihr gut ginge, als ob sie einfach nur ein Mädchen wäre, das Urlaub bei ihren Eltern machte, so wurde ihr nun vor Augen geführt, wie wenig es tatsächlich gab, zu dem man zurückkehren konnte.

Fred war tot. Lupin und Tonks ebenso... Auch zahlreiche ihrer Mitschüler gab es einfach nicht mehr. Weg, fort... als hätte sie es nie gegeben. Täglich überkam sie ein Gefühl von Misstrauen und Übelkeit, wenn sie den neuen Tagespropheten aufschlug, da sie gelernt hatte, die Nachrichten, die dort standen, zu fürchten.

Zerstreuung war kaum möglich, da die Todesser die meisten bekannten Orte der magischen Gemeinschaft verwüstet, oder für ihre Zwecke missbraucht haben. Nur noch ein Trümmerhaufen ihres ehemaligen Lebens war übrig. Und nicht nur Gebäude zählten zu den Trümmern, sondern Hermines ganze Existenz war zum Scherbenhaufen geworden.
Jede Nacht hatte sie Alpträume. Alpträume von der Angst, die sie hatte, als sie mit Ron und Harry in diesem Zelt festsaß, von der Kälte, dem Hunger, der Furcht um das eigene Leben. Der Sorge um all die lieben Menschen, mit denen sie nicht zusammen sein konnten. Die quälende Ungewissheit nicht zu wissen, was Voldemort gerade anrichtete. Wem er was angetan hatte, was auf seinen Befehl hin als nächstes zerstört werden würde.

Und immer wieder wenn es dunkel war, sah sie die toten Gesichter der Opfer der großen Schlacht vor sich. Zu wissen, dass jemand tot war, war etwas gänzlich anderes als eine wirkliche Leiche zu sehen. Der ekelerregende Geruch der über diesem Schlachtfeld lag, nach verbranntem Fleisch, die starren, gebrochenen Augen, die unnatürliche kalte Haut der Toten... all das, all das ließ Hermine nicht mehr los. Und nicht nur sie, Ron und Harry war es nicht gut bekommen, zum Soldaten zu werden. Wie es wohl jeden Menschen zerstören würde.

Doch sie sprachen kaum darüber. Sie waren doch immer die besten Freunde gewesen, doch über das, was am schlimmsten war, wagte keiner ein Wort zu reden. Vielleicht aus der Angst heraus zuzugeben müssen, dass all diese Dinge wirklich passiert waren, wenn einer sie laut aussprach.

Gryffindormut hin oder her. Ganz oben auf der Todesliste des bösesten aller Schwarzmagier aller Zeiten zu sein, machte sie auch jetzt, da es vorbei war, immer noch nervös. Ein Trauma, das war es, es ließ sie nicht mehr los. Machte sie nervös, überängstlich und reizbar.

Ron wurde von Tag zu Tag mürrischer und verschlossener. Er war kein Typ, der über solche Sorgen redete. Doch Jeder weitere Tag im Fuchsbau, ohne Fred und all die anderen Verstorbenen, ließ ihn unzufriedener werden. Und auch sie…

Sie musste etwas tun. Erstens brauchte sie Ablenkung, da ihr sonst vor lauter schlimmen Gedanken ganz sicher der Kopf platzen würde, zweitens wäre diese Ablenkung sinnvoll und sie könnte eventuell schon erste Erfahrungen mit dem Heilerberuf machen. Sie meldete sich als Schwesternhelferin im hoffnungslos überfüllten St. Mungos Hospital.
Das Krankenhaus hatte seine Bettenzahl wegen der vielen Patienten und ehemaligen Fluchgeschädigten verdreifachen müssen. Die Heiler-, Schwestern- und Pflegerzahl war jedoch nahezu gleich geblieben. Aus diesem Grund rief der Tagesprophet täglich dazu auf, sich freiwillig für einige Wochen oder länger zur Hilfe zu melden. Hermine wollte helfen...
Das war gut, es war gut etwas zu tun. Arbeit, das wusste doch jeder, war die beste Ablenkung von jeglicher Art von Kummer. Hermine war jemand, der eine Aufgabe brauchte, um mit sich selbst zurecht zukommen. Und ein wenig könnte sie vielleicht dann auch das bohrende Gefühl betäuben, dass sie eine Schuld wieder gutmachen musste. Die Schuld, den Krieg überlebt zu haben.

Gemeinsam mit Ron und Harry reiste sie nach London, um sich eine billige Muggelwohnung, eigentlich ja nur ein Zimmer, zu mieten. In den ersten Tagen würde sie im Tropfenden Kessel schlafen, aber sobald eine Wohnung frei wurde, würde sie da hinein ziehen. Sonst wäre es auf die Dauer zu teuer.

Die Schule würde erst in drei bis vier Monaten wieder losgehen. Zuviel war passiert um sofort weitermachen zu können. Vieles musste neu gebaut werden, magische Schutzwälle neu errichtet werden und neue Lehrer mussten gesucht werden… alle mussten das Geschehene verarbeiten.
Und der Fuchsbau, egal wie sehr sie Rons Familie mochte, war nicht ihr Zuhause. Mit Harry und all den anderen Weasleys die nun dort wohnen, wurde ihr alles zu eng.

Nachdem auch mit Tom, dem Wirt des Tropfenden Kessels, alles wegen der ersten Tage geklärt war, machten sie sich daran, in der Winkelgasse alles für ihr neues Zuhause einzukaufen. Frustrierend und zugleich erschreckend, was von der ehemals belebten, wunderbaren Winkelgasse übrig geblieben war.

Zu viele Läden hatten geschlossen. Selbst Ollivander, der doch nun wieder gesund und frei war, wollte noch etwas abwarten und sich von all den Schrecken erholen, die er erleiden musste.

Harry war in all der Zeit verschlossen. Hermine musste ihn nicht fragen um zu wissen, dass ihn noch wesentlich mehr Schuldgefühle quälten als Ron. War dieser Krieg nicht nur für ihn, wegen ihm geführt worden? Hätte er all das nicht verhindern können, wenn er an irgendeiner Stelle anders entschieden hätte?

Immer wieder strich er sich über die Narbe, blickte ins Leere und brütete dumpf vor sich hin.
Am Abend vor ihrem ersten Arbeitstag, Mrs. Weasley hatte sie alle zum Abendessen eingeladen, schaffte sie es doch, ihn mit Ginny hinaus in den Garten des Fuchsbaus wegzulocken und ein Gespräch zu suchen.

„Sag Harry, wieso fummelst Du dauernd an deiner Narbe herum? Worüber denkst Du die ganze Zeit nach?“, fragte Hermine in gewohnt besorgtem, mütterlichen Ton.

Harry zuckte etwas ratlos wirkend die Achseln. „Ich weiss nicht. Ich fühle mich einfach so eigenartig jetzt, da Voldemort weg ist. Weißt Du, all die Jahre mussten wir ihn jagen und jetzt … jetzt haben wir es geschafft, wir sind wieder sicher, nicht wahr? Aber wie geht es jetzt weiter? Ich meine, das war doch meine Aufgabe, Voldemort zu töten. Ich der Auserwählte", er lachte bitter, „nun, er ist tot. Aufgabe erfüllt. Mit Eurer Hilfe. Und jetzt? Habt ihr jemals darüber nachgedacht, was wir sonst sein sollen, wenn nicht Voldemorts Feinde? Wir haben getan, was wir tun mussten. Haben erfüllt, was man uns aufgetragen hat. Wir, ICH, sollte stolz sein. Aber ich fühle mich einfach nur leer und orientierungslos. Es ist so...ich weiss nicht... als ob wir alle innerlich gestorben wären und es nur noch nicht gemerkt haben. Alles ist so hohl und so leer.“

Er nippte an seinem Butterbier und beobachtete ein paar Gnome, die einige Meter weiter versuchten gleichzeitig, zu viert, in ein viel zu enges Gnomloch zu kriechen. Nacheinander hätten sie es geschafft, nebeneinander wohl nicht.

Hermine nickte nachdenklich. „Wir sind anders geworden. Ich glaube nicht, dass wir einfach wieder normale Teenager sein können, die ganze Zeit...“ Harry nickte, und strich Ginny gedankenverloren über das im Mondschein wie Feuer schimmernde, glänzende rote Haar. „Wir sind anders geworden. Härter ... ich meine, ich denke, ich wäre jetzt ein guter Kämpfer. Hart, entschlossen ... aber das soll doch jetzt vorbei sein. Ich meine, so wie wir sind, passen wir da überhaupt noch in eine Schule?“

Ron setzte sich auf, rülpste verhalten und hob die Hände, gestikulierte auf sich deutend, immer noch mit der Butterbierfalsche in der Hand. „Ist wahr. Mal ehrlich, nach all dem. Macht ihr euch wirklich noch Sorgen um so was wie Zaubertranknoten?“ Er schluckte, kniff kurz die Augen zusammen und war sich wohl gerade bewusst geworden, dass er gewagt hatte, eines der Tabu-Themen zu erwähnen, weshalb er sich schnell beeilte weiterzusprechen „...oder Verwandlungsprüfungen erst zu nehmen? Nach all dem? Wie kann man sich um so einen Kinderkram noch Sogen machen, nachdem man gerade ein Jahr damit verbracht hatte Voldemort und seine Horcuxe zu vernichten?“

Ginny seufzte schwer „Und ich? Ihr nehmt die Schule nicht ernst, weil ihr nicht da wart. Aber ich habe ein Jahr lang damit leben müssen, für Widerworte und falsche Hausaufgaben gefoltert zu werden. Ich weiss nicht, wie ich wieder in die Schule gehen soll, ohne Angst zu haben.“

Harry sah besorgt auf sie hinab, legte tröstend seine Hand auf ihre Schulter, doch sagte er nichts. Zweifellos, weil er ihre die Illusion nicht rauben wollte, dass das,was sie in Hogwarts erlebt hatte schlimmer war als die Horcruxjagd.
„Wenn ich mir all das ansehe, alles was er kaputt gemacht hat. All die toten Leute... Dobby“ er schluckte „und ich denke an Snape … ich weiss nicht.“ Ron nickte, als er sich ebenfalls mit einem Butterbier in der Hand neben seine Freunde auf die Gartenbank setzte. „Ja Mann, ist das nicht gruselig? Wer hätte gedacht, was alles in dem gesteckt hat?“ Nachdenklich versuchte der Rothaarige mit den Fingernägeln das Etikett von der Flasche zu kratzen. „Irgendwie war er immer ein Ekel. Aber dann doch ein Held …“.

Harry nickte zustimmend. „Ich würde mich besser fühlen, wenn er nur ein bischen länger gelebt hätte, wenn ich ihm hätte danken können. Dann wäre es schon okay gewesen sich so oft über ihn lustig zu machen. Ihn so dumm zu finden …“.

Hermine ergriff seine Hand „Er wollte es so … Ich bin sicher, es geht ihm jetzt besser. Er war nie ein Typ, der sich als Held wohl gefühlt hätte“. Ron und Harry nickten betrübt. Hermine seufzte, und beobachtete weiter die Gnome. Ein neuer, sehr dicker Gnom war seinen Artgenossen zur Hilfe gekommen. Er hüpfte wie eine wabbelige Dampfwalze auf den feststeckenden Freunden herum, um sie durch das Loch durchzudrücken. Bei jedem neuen Hüpfen, wogten seine Speckrollen fast ästhetisch auf und ab.

"Ja ... er hat Glück gehabt. Er hat es hinter sich, und wir müssen weiterleben und gucken, wie wir mit alledem zurechtkommen", murmelte Harry leise.

Harrys Hand glitt wieder zu der Narbe. „Ich weiss nicht, eigentlich sollte die nicht mehr kribbeln, nicht? Aber immer wenn ich an IHN denke, an Voldemort, dann rutscht meine Hand auf die Stirn und irgendwie kribbelt es.“

„Phantomschmerzen?“, wusste Hermine beizusteuern. „Bildest du dir nur ein. Du bist so daran gewöhnt, dass das wohl noch eine ganze Weile dauern wird, eh du diese Angewohnheit ablegen kannst.“

Harry stand, nicht mehr ganz so sicher auf den Beinen, auf und begann im Garten herumzulaufen. „Es ist doch verrückt. Wie konnte das möglich sein. Wie konnte ein Mensch allein soviel Leid erzeugen? Wie kann das möglich sein, dass ein Mensch alleine die Macht hat, alle anderen in´s Unglück zu stürzen? Er war das pure Böse."

Harry wiegte ungläubig seinen Kopf, verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und kickte mit seinem Fuß gegen einen der Gnome, der zu ihnen hinüber gewatschelt war, um eine bessere Sicht auf seine eingeklemmten Freunde zu haben.  "Und wenn ich aber dann an dieses komische, gehäutete Ding denke, das ich gesehen habe, als ich bewusstlos war … ist er das jetzt wirklich?“ Der junge Mann wandte sich zu seinen Freunden um, hob die Flasche und nahm einen tiefen Zug. „Und er hat NIE etwas bereut. Deswegen wurde er das am Ende. Nie…nie den kleinsten Zweifel, dass all die bösen Dinge, die er verbrochen hat, falsch waren. So böse … und nie hatte er irgendwelchen wirklich positiven Gedanken anderen Menschen gegenüber. Wie kann ein Mensch so werden? Ich meine, meine Kindheit war doch auch mies, aber bin ich zu einem massenmörderischen Irren geworden?“

Ron lehnte sich entspannt zurück und kratzte sich den Bauch. „Ist doch egal … er ist tot und wenn er jetzt in irgendeiner Hölle jammernd in der Gegend rumliegt, dann hat er das verdient Mann.“

Alle drei nickten, ja … Voldemort hatte jede Bestrafung verdient, die nur denkbar war.

Das war wohl das, was der Krieg am stärksten in ihnen verändert hatte, sie konnten hassen. Voldemort hatte ihnen beigebracht, so etwas wie Mitleid zu vergessen. Hatte sie gelehrt, was wirklicher Hass bedeutet.
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