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Assassin's Creed - Samira's Tale

von Delirium
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
18.04.2008
13.05.2008
16
54.303
7
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Dieses Kapitel
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18.04.2008 4.022
 
Delirium sitzt nur mit einem Laken bekleidet vor dem Computer und tippt die letzten Zeilen, als der Mann, der die Nacht bei ihr war, zu ihr tritt.
A: "Du bist fertig..."
D: "Ja, es scheint so..."
A: "Und ich bin gestorben...Schade eigentlich..."
D: "Du wirst mir fehlen..."
A: "Keine Angst, ich komme sicher wieder, spätestens zu deiner neuen Geschichte, wenn du mich wieder mit Keksen anlockst."


Hier kommen die letzten beiden Kapitel. Ich hoffe sie gefallen Euch ein wenig. Zum Abschluss würde ich mich noch einmal über viele, viele Reviews freuen...Auch wer später noch auf diese Geschichte stößt, tut Euch keinen Zwang an, verkündet Eure Meinung...



Der Sturz des Adlers

Am nächsten Morgen wachte Samira mit einem Lächeln auf den Lippen auf. Im ersten Moment wusste sie nicht mehr, warum sie so strahlte, doch dann kamen die Erinnerungen an die letzte Nacht. In ihrem Kopf war nur noch ein Gedanke: ‚Altaïr‘. Heute würden sie wieder zurückkehren, nach Syrien, nach Masyaf, nach Hause.

Schnell schlüpfte sie in trockene Kleider, das immer noch von gestern feuchte Hemd stopfte sie in ihre Satteltasche. Dann nahm sie beide Taschen und bewegte sie sich vorsichtig zwischen den schlafenden Mädchen hindurch bis zum Zeltausgang. Sie wollte jetzt aufbrechen, jede weitere Minute, die sie hier verbrachte wäre eine Verschwendung.
     
Sie trat in den frühen Morgen, leichter Nebel waberte noch über dem Fluss, die Luft war noch feucht und kühl. Schaudernd zog sie ihren Schleier dichter um sich. Sie sah sich um, beobachtete die schlafenden Männer um die Zelte herum. Ob er auch schon wach war?

Als ob er ihren Gedanken gehört hätte, erschien plötzlich ein weißgekleideter Mann hinter den Wachposten und trat schnell auf sie zu. Samiras Herz klopfte auf einmal heftig, als sie ihn erkannte. Altaïr bewegte sich mit seiner typischen Anmut auf sie zu, bis er dicht vor ihr stand. Er ergriff ihre Hände und sah ihr tief in die Augen. „Bereit? Ich habe bereits unsere Tiere fertig gemacht. Und der Anführer der Bewaffneten wird den Kaufleuten alles erklären. Ich möchte nicht mehr länger warten…“ sagte er leise um niemanden aufzuwecken.

Sie nickte nur heftig und reichte ihm ihre Satteltaschen. Er ergriff sie und ging vor ihr her, bis sie vor Ifrit und Dilara standen. Die beiden Pferde standen etwas abseits hinter dem Lager unter einem Baum, bereits gesattelt und gezäumt. Altaïr befestigte Samiras Taschen am Sattel der Stute, löste die Zügel der Pferde, die er um einen Ast geschlungen hatte und winkte Samira heran.

Sie trat schnell näher, bis sie an der Flanke der Stute stand. Mit einem halben Grinsen bildete Altaïr mit seinen Händen einen Steigbügel und half ihr in den Sattel. Dann schwang er sich selbst auf Ifrit und beide ritten schnell den Weg entlang, der sie wieder zurückführen würde.

Nach einigen Minuten brach Samira das Schweigen: „Du hättest mir nicht helfen müssen. Inzwischen kann ich gut alleine auf ein Pferd steigen…“

„Sieh es als Höflichkeit eines Verlobten seiner anstrengenden Braut gegenüber an…“ meinte er nur.

„Sind wir heute wieder besonders humorvoll? Gut zu wissen, ich dachte schon, du wärest überraschenderweise handzahm geworden…“

Er lachte sein glucksendes Lachen und trieb Ifrit dichter an die Stute. Dann flüsterte er ihr zu: „Möchtest du die Wahrheit wissen? Ich wollte dich möglichst schnell in den Sattel bekommen, damit wir möglichst schnell aufbrechen können und möglichst schnell einen großen Abstand zu deiner bisherigen Begleitung bekommen.“

„Warum das, mein lieber Bräutigam? Hast du Sehnsucht nach deiner Bruderschaft…?“

„Nein, nach dir…“ nach diesem Geständnis brachte er seinen Hengst zum Stehen, rutschte von seinem Rücken und zog in der gleichen Bewegung Samira aus dem Sattel. Sie taumelte gegen ihn, überrascht von seiner plötzlichen Aktion.

Er zog sie dicht an sich um zu verhindern, dass sie umstürzte, dabei zog er ihren Schleier von ihrem Gesicht und küsste sie heftig. Samira spürte wieder das Feuer zwischen ihnen und sie reagierte sofort. Beide zehrten aneinander, bewegten sich küssend in das dichte Ufergebüsch und machten da weiter wo sie gestern aufgehört hatten.

Die weitere Rückreise gestaltete sich ähnlich, sie konnten kaum die Finger von einander lassen, immer wieder machten sie ausgedehnte Pausen, in denen sie sich gegenseitig erforschten, sich in Besitz nahmen wie unbekanntes Land, mal schnell und beinahe grob, dann wieder sanft und zärtlich. Danach lagen sie verschlungen da und redeten, über sich, über die Zukunft, über Wichtiges und Albernes.

Nachts baute Altaïr für sie einen Unterschlupf und hielt sie die ganze Nacht in seinen Armen. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er eine Ruhe in sich, die ihn dann auch einschlafen ließ ohne von wirren Träumen gequält zu werden. So fremd einem Assassinen Frieden und Glück auch sein mögen, in ihren Armen fand er es. Er hatte beinahe Angst davor, wusste er doch am Besten, wie vergänglich alles war. Und doch genoss er jede Sekunde.

Nach über einer Woche erreichten sie in der Abenddämmerung endlich Masyaf. Als die dicken, abweisenden Mauern vor ihnen auftauchten, blickte Altaïr kurz zu der Festung hoch, bevor er sich mit einem breiten Grinsen zu Samira herumdrehte.

Ehe sie reagieren konnte, hatte er sie um die Hüften gepackt und zu sich auf Ifrit gezogen. Sie mit einem Arm umschlingend, trieb er das Pferd an und sie jagten in schnellem Galopp durch das Dorf, so dass die wenigen Bewohner, die noch unterwegs waren, erschrocken zur Seite springen mussten.

Als sie das schwere Tor durchquerten und in den Hof jagten, ließ Altaïr den Hengst auf der Hinterhand steigen. Dabei stieß er einen durchdringenden Schrei aus, der sofort von vielen Stimmen aufgegriffen wurde.

Samira, die sich ängstlich am Sattel festgekrallt hatte, sah jetzt zu ihrer Überraschung, wie von allen Seiten Assassinen auf sie zustürmten. Wieder ließ Altaïr Ifrit steigen und wieder schrie er. Die anderen erwiderten erneut seinen Ruf, umkreisten das Pferd in einigem Abstand und brüllten alle durcheinander, die linke Faust siegessicher in die Luft erhoben.

Endlich glitt Altaïr zu Boden, Samira immer noch fest im Arm haltend. Sie sah erschrocken zu den sie umzingelnden Männern hoch, denn sie konnte aus dem wirren Gerufe und Gebrüll nichts heraus hören.

Plötzlich löste sich aus der Menge ein Mann, der auf Altaïr zutrat und ihm mit einem Lächeln zurief: „Wieder einen Auftrag erfolgreich abgeschlossen…!“ Es war Malik, der jetzt Altaïr die Hand auf die Schulter schmetterte und feixte: „Scheint so, als ob du sie überzeugt hättest…Aber ihr habt ziemlich lange gebraucht…Was mag euch wohl aufgehalten haben…?“

Altaïr erwiderte ungerührt: „War dieses Willkommen deine Idee? Ich habe dich oben auf dem Tor stehen sehen…Hoffentlich war es dir da oben nicht zu langweilig in der Zwischenzeit…“

„Aber nicht doch…Die Vorstellung, wie du, zum ersten Mal in deinem Leben, einen Auftrag nicht erfüllen kannst und mit leeren Händen zurückkehrst, und somit mir die Chance ermöglichst, sie für mich zu gewinnen, hat mir die Wartezeit verkürzt. Leider hattest du ja mal wieder Erfolg…“ mit diesen Worten drehte er sich zu Samira herum und zwinkerte ihr zu. „Meinen Glückwunsch. Viel Glück mit dem Kerl, du wirst es brauchen…“

Wir heirateten noch in dieser Nacht, wobei Al Mualim persönlich uns segnete und unsere Verbindung schloss. Wir verbrachten diese Nacht in einem abgelegenen Trakt der Festung um die Ehe offiziell zu vollziehen. Danach brachte mich Altaïr in das Dorf, wo ich in ein Haus zog, dass sich in einer Gasse befand, in der nur Frauen von Assassinen wohnten. Dort wurde ich als eine der ihren willkommen geheißen, verband uns doch alle der gleiche Hintergrund. Sie alle hatten sich für ein Leben an der Seite eines Assassinen entschieden. Es waren mit mir nur sechs Frauen, denn es kam selten vor, dass sich ein Mitglied der Bruderschaft eine Frau nahm. Die restliche Bevölkerung sah skeptisch und fast ängstlich auf uns und so lebten wir beinahe als Außenseiter, obwohl wir immer respektvoll behandelt wurden.

Das Leben dort erschien mir zunächst seltsam und ungewohnt, doch ich gewöhnte mich schnell daran. Gewöhnte mich daran, dass ich Altaïr manchmal wochenlang nicht zu Gesicht bekam, dass er manchmal mitten in der Nacht auftauchte und vorm nächsten Sonnenaufgang sich heimlich aus dem Staub machte, dass wir Wochen hatten, in denen er sich permanent in unserem Haus aufhalten durfte. Es war ein Leben, das keinen Regeln zu folgen schien.

Ich sah, dass es bei den anderen genau so war, und keine der anderen schien es befremdlich zu finden. Sie waren froh, wenn ihre Männer bei ihnen waren, und sonst lebten sie ihr Leben, führten ihren Haushalt und zogen ihre Kinder groß. Ich bemühte mich, es genau so zu halten. Und doch fehlte Altaïr mir in der ersten Zeit furchtbar, wenn er nicht da sein konnte. Vorbei war die schrecklich kurze Zeit unserer Rückreise, in der wir nur uns hatten. Jetzt hatte uns der Alltag wieder und ich musste damit klar kommen.

Am meisten machte mir zu schaffen, dass Altaïr wieder Aufträge gestellt bekam, Aufträge, die nicht so harmlos waren, wie die, die er mir zu verdanken hatte. Obwohl er mir direkt nichts dazu sagte, wusste ich doch, dass er wieder töten würde.

Als er zum ersten Mal sich wieder auf den Weg machte um eine Mission zu erfüllen, mischte sich in meine Angst um sein Leben auch Wut. Jetzt würde er wieder zu dem unmenschlichen Wesen werden, dem das Töten Freude verschaffte. So sehr ich mich bemühte nicht daran zu denken, sondern nur daran, wie sehr ich ihn liebte, ich schaffte es nicht. Meine Gedanken kreisten nur darum, was er gerade tun musste und wie sehr er es genießen würde.

Eine der anderen Frauen, die meine Qual bald bemerkte, sagte zu mir, als sie mich besuchte und ich ihr meine Angst und meine Verwirrung schilderte: „Denk nicht daran. Sie sind was sie sind und du wirst sie nicht ändern können. Sorge für ihn, wenn er zurückkehrt aber frage ihn nicht, was er getan hat. Mehr kannst du nicht tun. Mit der Zeit wird es leichter für dich werden. Und denke immer daran, es ging uns allen genau so, zu Anfang.“


Ich bemühte mich, mir ihre Worte zu Herzen zu nehmen, es stimmte ja auch, ich wusste vorher was und wer er war und ich habe mich trotzdem für ihn entschieden. Doch ein winziger Stachel blieb und er würde mir bis ans Ende bleiben.

Endlich, nach mehreren Tagen, in denen ich unruhig auf seine Rückkehr wartete, kehrte er mitten in der Nacht zu mir zurück. Ich war am Feuer eingenickt, denn ich hörte ich nicht kommen. Erst als er sich neben mich auf die lange Holzbank vor der Feuerstelle sinken ließ, wurde ich wach.

Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. Er saß still vor den Flammen, den größtmöglichen Abstand zu mir, den die Bank ihm ermöglichte, abwesend blickte er ins Feuer. Ich sah ihn von oben bis unten an, und trotz der schlechten Lichtverhältnisse erkannte ich, dass sein linker Ärmel blutig war, von der Schulter bis zum Ellbogen.

Vorsichtig rutschte ich näher und legte behutsam meine Hand auf seinen Unterarm. Ich fragte ihn leise, mich an die Worte meiner Nachbarin erinnernd: „Soll ich dir den Arm verbinden?“

Erst jetzt schien er mich zu bemerken, wie aus tiefen Schlaf aufgeschreckt fuhr er zu mir herum und musterte mich intensiv. Als er nichts antwortete, sprach ich ihn erneut an: „Bitte, lass mich dir helfen. Du musst nichts erzählen und du bist mir keine Rechenschaft über dein Tun schuldig, aber ich möchte für dich da sein…“

Endlich nickte er und zog sich vor mir bis auf die Hosen aus. Getrocknetes Blut überzog seinen linken Arm und ich sah den tiefen Schnitt in seiner Schulter. Unwillkürlich dachte ich: ‚Eine neue Narbe für ihn…‘ Dann ging ich zum Wasserfass, schöpfte eine Schale voll ab, suchte einen weichen, sauberen Lappen, gab noch einige Kräuter ins Wasser und machte mich daran die Wunde behutsam auszuwaschen. Dann reinigte ich auch noch den Rest seines Armes vom Blut.

Als ich damit fertig war, suchte ich die Binden zusammen, die mir meine Nachbarin nach unserem Gespräch vorbeigebracht hatte, zusammen mit einem Tiegel stark duftender Heilsalbe, einer dünnen Nadel aus Metall und einigen Fäden, die aus Schafsdarm hergestellt waren. Sie hatte mir die Dinge mit den Worten überreicht: „Du wirst es bald brauchen…“ Dann hatte sie mir noch an einem Stück Hammel demonstriert, wie man leichte Wunden vernähte und behandelte. Und jetzt würde ich mein Wissen zum ersten Mal an meinem Mann erproben.

Ich fädelte den Faden auf, umfasste seinen Oberarm und setzte die Nadel an. Altaïr zuckte leicht zusammen, als ich seine Haut zum ersten Mal durchbohrte und ich erschrak. Doch er meinte nur: „Mach nur weiter, ich werde jetzt auch brav still halten…“

Ich lachte einmal kurz zitternd auf und machte mich dann daran die Wunde zu vernähen, bei jedem Stich krampfte sich mein Magen zusammen, denn es war doch etwas anderes, ob man an einem toten Stück Hammel übte, oder warmes, lebendiges Fleisch vernähte, das zu dem Menschen gehörte, den man so sehr liebte.

Nach einer Weile war ich fertig, ich bestrich die Naht mit etwas Salbe und wickelte einen Verband um Altaïrs Arm. Danach machte ich mich daran, die Sachen wieder zu verräumen. Ich merkte nicht, wie er aufstand und hinter mich trat. Erst als er die Arme um mich legte und mich an sich zog, schreckte ich zusammen.

Sofort ließ er mich los und machte einen Schritt zurück. Tonlos murmelte er: „Verzeih mir, wenn ich dir Angst gemacht haben sollte…Ich kann auch heute oben in der Festung bleiben, wenn…“

Ich wirbelte zu ihm herum und umarmte ihn leicht. „Du machst mir keine Angst und du wirst nirgendwo anders schlafen als hier bei mir…Ich musste lange genug auf dich warten…“

Er hob mich wortlos hoch und trug mich in unser Schlafzimmer. In dieser Nacht war es anders zwischen uns. Beinahe ehrfürchtig liebkoste er mich, kaum dass er es wagte mich zu berühren. Immer wieder verschaffte er mir höchsten Genuss ohne an sich selbst zu denken. Erst als ich ihn darum bat, ließ er es zu, Erlösung zu finden.

Danach zog er mich so eng an sich heran, dass ich kaum noch Luft bekam. Wir schliefen so eng aneinander geschmiegt ein und das letzte was ich von ihm hörte war ein geflüstertes: „Ich liebe dich…“

Später erfuhr ich dann, dass wir wohl in dieser Nacht unser erstes Kind gezeugt hatten. Ich war so glücklich und auch Altaïr freute sich auf die Aussicht, Vater zu werden. An dem Tag, an dem Tarik geboren wurde, war Altaïr bei mir und er war auch der erste, der unseren Sohn in den Armen hielt, während ich erschöpft von der langen Geburt einschlief.

Die Jahre vergingen, Tarik wuchs zu einem liebenswerten und klugen Jungen heran, der seinem Vater mit wahrer Heldenverehrung folgte. Sobald er sprechen konnte, verkündete er stolz, ebenfalls Assassine werden zu wollen. Ich gewöhnte mich schließlich vollständig daran, die Frau eines Assassinen zu sein und wir waren den Umständen entsprechend eine zufriedene Familie. Den leisen Kummer, den ich verspürte, dass ich Altaïr nicht noch mehr Kinder schenken konnte, versuchte ich all die Zeit zu verdrängen, vor allem, weil er mir nicht einmal den kleinsten Vorwurf machte und mich nie daran zweifeln ließ, dass er mich liebte.

Doch dann kam der Tag, an dem ich ihn verlieren sollte. Tarik war gerade dreizehn geworden und hatte seit einigen Wochen seine Ausbildung in der Festung angefangen. Da mein Sohn jetzt in Masyaf lebte und Altaïr auf einer Mission war, saß ich an diesem Abend vor einunddreißig Jahren allein in unserem Haus und flickte eine von Tariks Roben, in all den Jahren war ich doch noch eine gute Hausfrau geworden, der solche Handarbeiten inzwischen leicht von der Hand gingen. Ich lächelte bei diesem Gedanken, während ich die Naht noch einmal verstärkte.

Da klopfte es hart an meine Tür und erregtes Stimmengemurmel drang durch das Holz. Ich sprang auf und fragte laut, plötzlich am ganzen Körper zitternd: „Wer ist da?“ Als ich Malik antworten hörte, schob ich schnell den Riegel zur Seite und öffnete die Tür.


Vor ihr standen in der Dunkelheit Malik al-Sayf und hinter ihm zwei Männer, die zwischen sich eine Trage umfasst hielten, auf der eine zusammengekrümmte Gestalt lag. Samira wurde totenbleich, als sie ihren Mann erkannte und schnell trat sie zur Seite um die Männer ins Haus zu lassen.

Während die beiden Träger die Bahre vor dem Feure ablegten, fragte Samira Malik erschrocken: „Was ist geschehen? Was ist mit ihm…?“

Sie wollte zur Trage stürzen, doch Malik hielt sie zurück. Dann erklärte er schnell: „Er muss bei seinem Auftrag in einen Hinterhalt geraten sein. Schwer verwundet hat er sich noch zu unserem Büroleiter in Akkon geschleppt. Diesen hat er darum gebeten ihn nach Hause zu bringen. Gerade eben haben sie Masyaf erreicht…“ Wieder wollte sie zu Altaïr eilen, doch Malik ließ sie nicht los. „Es tut mir Leid, aber die Verletzungen sind tödlich…“ murmelte er ihr leise zu, dann gab er sie endlich frei.

Mit einem leisen Schrei sank Samira neben der Trage zu Boden. Mit bebenden Händen versuchte sie Altaïr auf den Rücken zu drehen. Sie streifte ihm die Kapuze ab, erkannte, dass er bewusstlos war und besah sich dann seinen Körper. Quer über die Brust waren seine weiße Robe und die Tunika darunter zerfetzt, darunter sah sie einen verdreckten Verband, der vollgesogen mit Blut war. Sie wies die Männer mit einer Stimme, die nicht die ihre war, an: „Helft mir ihn auszuziehen…“

Sie bemühten sich ihn so vorsichtig wie möglich zu entkleiden und dann wickelte Samira den Verband von seinem Oberkörper und fuhr, als sie den letzten Streifen Stoff entfernt hatte, erschrocken zurück.

Eine tiefe, klaffende Wunde befand sich direkt unter seinem Brustbein, eine weitere sah sie zwischen den rechten Rippen. Beide fingen wieder an zu bluten, als sie den Verband gelöst hatte. Samira hob ihre zitternden Hände zu ihrem Mund, um einen tonlosen Schrei zu ersticken.

Malik kniete sich neben sie und flüsterte grimmig: „Schwerthiebe. Der untere hat nur knapp das Herz verfehlt, der obere ist von den Rippen abgeprallt, sonst wäre die Lunge zerfetzt. Trotzdem hat er zu viel Blut verloren, als dass er überleben könnte. Es ist ohnehin ein Wunder, dass er es noch bis hierher geschafft hat…Wenn ihn der Blutverlust nicht umbringt, wird es das Wundfieber schaffen…“

Samira beachtete ihn gar nicht, sondern hob eines von Altaïrs Augenlidern und besah sich seine Pupille, dann legte sie ihm sanft die Hand unter die Nase und zählte seine Atemstöße, die nur noch unregelmäßig gegen ihre Hand fuhren. Seine Hautfarbe hatte einen gräulichen Schimmer angenommen und kalter Schweiß bedeckte ihn. Erneut befahl sie den Männern: „Tragt ihn vorsichtig in das Schlafzimmer und legt ihn aufs Bett. Ich komme gleich…“ und zu Malik sagte sie: „Noch lebt er und ich werde alles tun, um ihn zu retten, und er wird leben, Inschallah…“

Dann suchte sie ihre Heilmittel zusammen und betrat das Schlafzimmer. Über die Schulter rief sie noch Malik zu: „Wenn Ihr etwas Sinnvolles tun wollt, holt einen Hakim, damit er mir hilft…!“

Sie setzte sich auf den Rand des Bettes uns besah sich erneut die Verletzungen ihres Mannes. Dann sagte sie den beiden verbliebenen Männern: „Bringt mir Kerzen und macht Wasser heiß…“

Keiner wagte es ihren Anweisungen nicht zu folgen und auch der herbeigerufene Hakim bemühte sich, die Wunden Altaïrs zu versorgen, auch wenn er selbst nicht glaubte, hier Erfolg zu haben. Sie säuberten die Schnitte, vernähten sie und verbanden sie. Dann zog sich der Hakim mit den Worten: „Mehr können wir nicht tun…Wenn er wieder zu sich kommen sollte, könnt Ihr mich erneut rufen.“ zurück und Samira blieb allein bei Altaïr.

Die nächsten beiden Tage verbrachte sie wie in Trance, sie wischte ihm den Schweiß fort, wechselte die Verbände und versuchte das bald einsetzende schwere Fieber mit feuchten Umschlägen zu senken. Mehr konnte sie nicht tun, denn solange Altaïr bewusstlos war, konnte sie ihm noch nicht einmal Medizin einflößen. Sie bemerkte nicht, wie ihre Nachbarinnen kamen und ihr ihre Hilfe anboten, sie achtete nicht auf Malik, der sie bei ihrer Pflege ablösen wollte, nichts drang zu ihr durch. Erst auf die Frage, ob Tarik informiert werden sollte, sagte sie hölzern: „Wir wollen den Jungen nicht unnötig beunruhigen. Wenn es seinem Vater wieder besser geht, soll er kommen, aber bis dahin braucht er nichts zu wissen…“

Sie saß neben Altaïr, betrachtete sein eingefallenes blasses Gesicht, benetzte seine trockenen Lippen immer wieder mit Wasser und flehte stumm zu Allah, er möge ihn retten. Doch langsam erkannte sie, dass es keine Hoffnung mehr gab. Altaïr wurde immer schwächer, sein Herz schlug kaum noch und sein Atem verlangsamte immer mehr. Doch sie gab nicht auf in ihren Bemühungen.

In der dritten Nacht überkam sie plötzlich der Schlaf und sie sackte neben ihm zusammen. Als sie auf einmal eine Hand auf ihrem Kopf spürte, fuhr sie zusammen und schreckte hoch. Sie sah direkt in Altaïrs vom nahen Tod bereits verschleierte Augen. Aufschluchzend nahm sie seine Hand und presste sie gegen ihre Wange.

Er keuchte leise: „Nicht weinen, mein Liebes…Wo ist Tarik?“

„In der Festung…Aber sprich nicht so viel…Ich rufe den Hakim, und dann wird es dir bald besser gehen…“ wisperte sie.

„Ich brauche keinen Hakim mehr. Aber ich möchte mich von meinem Sohn verabschieden…und von dir…“ brachte er stockend heraus, bevor er kraftlos hustete und wieder die Augen schloss.

Betäubt von seinen Worten lief sie ins Nebenzimmer und bat Malik, der dort schlief, Tarik zu holen. Dann kam sie wieder zurück ins Schlafzimmer, wo sie Altaïrs klamme Hand ergriff und tonlos vor sich hinweinte.

Er kam wieder zu sich und drückte leicht ihre Hand. „Bitte hör auf…Lächle lieber, ich möchte dich noch einmal lächeln sehen…bevor ich gehe“

„Du darfst mich nicht verlassen…Das werde ich nicht erlauben…“ schluchzte sie.

Obwohl es ihm Schmerzen verursachte, lachte Altaïr kurz auf. „Glaubst du, der Allmächtige braucht deine Erlaubnis? Obwohl ich mich an seiner Stelle nicht mit dir anlegen möchte…“ Er hustete erneut und ein kleines Rinnsal Blut lief ihm aus dem Mundwinkel.

Schnell wischte Samira es mit einem Lappen fort. „Du darfst dich nicht so anstrengen…“ sagte sie leise.

„Glaub mir, das ist jetzt egal. Und jetzt…lächle, mir zuliebe…“

Sie bemühte sich, ein zittriges Lächeln auf ihre Züge zu bekommen, während ihr die Tränen über die Wangen strömten.

„So ist es brav…du weißt gar nicht, wie dankbar ich bin, dass ich dich haben durfte…ich wünschte nur…ich wünschte, wir hätten mehr Zeit zusammen haben können…pass auf Tarik auf…und vergiss mich nicht ganz…“ immer leiser wurde er, bis er schließlich entkräftet verstummte.

Da wurde die Tür aufgerissen und Tarik stürmte herein. „Vater!“ rief er, als er am Bett in die Knie sank.

Noch einmal schlug Altaïr die Augen auf und mit einem Mal klang seine Stimme kraftvoller: „Mein Sohn, beschütze deine Mutter…und diene der Bruderschaft, denn unsere Aufgabe ist noch nicht erfüllt…Und vertraue immer auf die Güte des Allmächtigen… Ich bin sehr stolz auf dich, mein Junge…“ dann legte er seine Hand auf den Kopf seines Sohnes.

Auch Tarik weinte jetzt unumwunden. Als Altaïr das nächste Mal sprach, war seine Stimme kaum noch zu verstehen: „Geh jetzt, mein Sohn und gib mir und deiner Mutter eine letzte Minute…“

Tarik taumelte tränenblind aus dem Zimmer, wo Malik auf ihn wartete. Währenddessen ergriff Altaïr noch einmal Samiras Hand und führte sie zu seinen Lippen. Er hauchte einen Kuss auf ihre Finger und flüsterte: „Ich liebe dich…und ich werde dich immer lieben…und ich werde auf dich warten…“

Ein letztes Aufkeuchen, dann erstarrten seine Züge und seine Augen blickten starr an die Zimmerdecke. Altaïr Ibn La-Ahad war tot.

TBC

P.S.:@thebigbossofliberty: Danke, danke, danke...Und sei nicht zu traurig, dass es jetzt vorbei ist. Altair wird sicher wiederkommen...
@MamaJV: Er war...nein darauf antwortet eine Dame nicht ;), du darfst es dir aber gerne vorstellen...Danke, dass es dir so gut gefallen hat, und nicht zu viel weinen...
@Shaina: Ja, leider sind unsere Storys nicht die Realität. Tja, Altair ist Nichtschwimmer, das musste ich einfach verwenden (*selbst eine große Wasserratte bin*) Ich freue mich so sehr, dass dir die Liebesszene gefallen hat, da ich finde, dass so etwas immer sehr persönlich ist. Vielen Dank für dein Lob
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