The Return

GeschichteAbenteuer / P16
Abby Maitland Helen Cutter Nick Cutter Stephen Hart
11.04.2008
21.07.2008
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Inhalt: Claire ist eine tollpatschige, aber mitfühlende Krankenschwester, die schon etwas in die Jahre gekommen ist und arbeitet in einer Privatklinik am Rande von „Forest of Dean“. Eines Tages schleppt sich ein schwerverletzter Mann mit letzter Kraft in den Foyer des Krankenhauses und bricht dort zusammen. Zuvor eröffnet er der Frau allerdings,  dass sein Name Stephen ist und sie unbedingt den Paläontologen Nick Cutter finden musste, der jedoch fest davon überzeug zu sein scheint, dass sein Assistent seit drei Monaten tot ist. (Warnung: Spoiler für die zweite Staffel)




Prolog

Die MediClinic war eine ruhige Privatklinik in der Grafschaft Gloucestershire am Rande von Coleford, einem kleinen Vorort im Westen Englands. Sie war nicht sehr groß, doch sehr gut ausgestattet und beschäftigte sich vor allem mit Patienten, die unter einer langfristigen Krankheit litten und sehr wohlhabend waren. Das Personal wurde penibel ausgesucht und schnell entlassen.

Claire Curling war stolz drauf trotz ihrer Tollpatschigkeit schon beinahe acht Jahre hier zu arbeiten und sie bildete sich gerne ein, dass dies nicht daran lag, dass ihr Onkel die Leitung der Klinik innehatte. Sie war 43 Jahre alt und damit deutlich über dem Durchschnittalter des anderen Pfleger, doch sie hatte auch einige Vorteile durch ihr Alter: Sie war lebenserfahren und hatte eine äußerst gute Menschenkenntnis.

Doch diese Vorzüge nutzten ihr nicht das Geringste, als sie sich versuchte daran zu erinnern, wie sie in diese Situation bekommen war. Die Empfangsdame hatte kurzfristig die Kündigung eingereicht und bis jetzt war noch keine Vertretung gefunden worden, so dass Claire sich hatte breitschlagen lassen, den Job kurzzeitig zu übernehmen. Eigentlich was diese Stelle eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, denn die Klinik lag zu weit außerhalb als dass echt Notfälle eingeliefert werden würde und ihr einzige Aufgabe bestand darin den wenigen Besuchern zu erklären, wie sie in die Zimmer ihrer Angehörigen gelangen konnten. Diese Arbeit war sterbenslangweilig, aber natürlich wusste Claire auch, warum Chris ausgerechnet sie gebeten hatte, dies zu tun: Sie war schlecht in ihrer Arbeit!

Für eine Krankenschwester war sie zu vergesslich, zu mitfühlend und viel zu trottelig. Wütend auf ihren Onkel, die Welt und sich selbst blätterte sie die Zeitschrift in ihren Händen so temperamentvoll um, dass sie einriss und ihre sinnlose Wut noch weiter anheizte. Frustriert schmiss sie die Zeitschrift in die Ecke ihres Schreibtisches. Sie nahm sich fest vor mit Chris über diese Sache zu reden, gleich nachdem sie sich einen neuen Kaffee geholt hatte.

Sie erhob sich und schritt ungeschickt zum Nebenraum, in dem sich der Automat befand. Eigentlich hatte sie die Gelegenheit nutzen wollten, ihre neuen Schuhe anzuziehen, da sie in diesem Schreibtischjob kaum laufen und schon gar nicht rennen musste. Doch sie hatte noch nie gut auf hochhackigen Schuhen laufen können und so machte sie sich eher lächerlich, als sinnlich zu wirken. Und das wusste sie zu gut. Sie war ohnehin viel zu pummelig um auf diesen Schuhen eine gute Figur zu machen. Kurzentschlossen zog sie die engen Schuhe aus und befreite ihre schmerzenden Füße. Hinter dem Schreibtisch würde sowieso niemand bemerken, ob sie barfuss wäre oder nicht.

Während sie den Kaffeeautomaten einschaltete und die Maschine mit einem ohrenbetäubenden Knirschen zum Leben erwachte, warf die Aushilfsempfangsdame einen Blick in den Spiegel. Es blickte ihr eine dunkelhaarige Frau entgegen, die jünger wirkte als sie war und weniger geschminkte war als sie sein müsste. Freunde und Verwandte fanden sie niedlich und niemals hübsch und männliche Bekannte wollte sie als beste Freundin und keinesfalls als Liebhaberin. Seufzend nahm sie die gefüllte Kaffeetasse aus der Halterung und füllte sie mit vier gehäuften Teelöffeln Zucker.

Dann hörte sie plötzlich die Klingel an der Haupttür und fragte sich, welcher der Patienten so früh am Morgen schon Besuch erwartete. Ohne Eile machte sie sich auf den Rückweg zu ihrem Schreibtisch, kam jedoch nicht dort an. Sie erstarrte im Türrahmen und starrte ungläubig auf die Gestalt, die eingetreten war.

Obwohl… Eintreten war das falsche Wort… Der junge Mann hinkte stark und schleppte sich nur unter größter Anstrengung die wenigen Meter in den Raum, bevor ihn seine Kräfte entgültig verließen. Ein verzweifelter Blick aus den schönsten Augen, die Claire jemals gesehen hatte, durchstreiften unfokussiert den Raum. Das attraktive Gesicht war schmerzverzerrt und voller Schmutz, ebenso wie seine Kleidung. Schwerkeuchend gaben seine Beine nach und er schlug hart auf dem Marmorboden auf, fing den Sturz nur mit den verschundenen Händen ab. Erst jetzt sah Claire das ganze Blut: An der Tür, auf dem Boden und – ja vor allem – an der Kleidung des jungen Mannes. Die Hose und das Shirt waren komplett abfallreich, tiefe Risse zogen sich über den ausgemergelten und viel zu schlanken Körper.

„.. hil… hilfe…“, krächzte die Stimme des jungen Mannes kraftlos und erst das brachte Claire wieder in die Realität. Auf allen Vieren und am ganzen Leib zitternd kniete der Mann, den Claire auf Mitte bis Ende zwanzig schätzte, auf dem Marmorboden, bis er schließlich nicht einmal mehr dazu die Kraft hatte. Seine Arme gaben unter der leichten Last nach und er fiel keuchend auf die Seite. „… bit-te… hilfe…“

Mit wenigen Schritten stürmte die Krankenschwester auf ihn zu, stellte im Vorbeigehen die Tasse ab und ging neben ihm zu Boden. Das sonnengebräunte Gesicht war mit Schmutz und Blut – welches sowohl aus zahlreichen Wunden wie auch aus dem Mundwinkel lief – überzogen. Das Gemisch wurde von einer Welle aus Schmerzenstränen verwischt und zu einer grotesken Maske. Unglaublich helle Augen sahen durch sie hindurch, nahmen sie nicht wirklich war, während seine Lider wie durch Krämpfe stetig zitterten. Ihr Blick glitt den schlanken Köper hinab und bestätigte ihren Verdacht, dass der junge Mann äußerst schwer verletzt war.

Mit wenigen Schritten war sie wieder am Schreibtisch, riss den Telefonhörer an sich und wählte schnell die 2, die sie zu Chris durchstellen würde. Es klingelte entsetzliche drei Mal, ehe ihr Onkel abnahm. Er klang gereizt und ärgerlich, als er sprach.

„Claire, ich werde dich heute nicht –“, begann er, wurde jedoch von seiner Nichte unterbrochen.

„Chris, komm sofort hierher! Hier ist ein junger Mann zusammengebrochen! Ich weiß nicht, was ihm fehlt, bitte, komm ganz schnell!“, brüllte sie ins Telefon.

„Ein Junkie?“, fragte der ältere Mann nach kurzem Zögern.

„Komm. Sofort. Hier. Her!“, zischte sie und knallte den Hörer wieder auf die Gabel.

Danach war sie sofort wieder an der Seite des Schwerverletzens, dessen Atem stetig rasselnder klang. Mit spitzen Fingern fühlte sie an seinem Hals nach dem Puls, der geradezu raste. Erst durch die Berührung wurde der Mann auf sie aufmerksam. Rotunterlaufene Augen versuchten sie anzusehen und bei Bewusstsein zu bleiben, was ihm deutliche Anstrengungen kostete.

„…wer…“, versuchte er zu fragen.

„Mein Name ist Claire. Sie sind hier in der MediClinic am Rande von Coleford. Können Sie mir sagen, was Ihnen fehlt und was mit Ihnen passiert ist?“, fragte sie mit beruhigender Stimme.

„…ich muss… ahhh… ich… Nick… ich muss…“, krächzte er unter Schmerzen, versuchte sich aufzustemmen, doch Claire drückte ihn mit Leichtigkeit auf den Boden zurück, er war völlig kraftlos.

„Hilfe ist unterwegs. Bitte bleiben Sie liegen!“, forderte sie ihn bestimmt auf.

„Nick… Cutter… er muss…“ Eine Schmerzwelle erfasste den geschwächten Körper und der junge Mann schrie unterdrückt auf, Tränen rannten im die Wangen hinab. „…bitte… finden Sie…“

„Nick Cutter?“, vergewisserte sich die Frau. „Wo kann ich ihn finden?“

Der Mann kämpfte mit dem Bewusstsein, während Claire hörte, wie sich schnellte Schritte näherten. Endlich! Hilfe war unterwegs.

„…Palä…ontolo…ge…“, keuchte der junge Mann.

Doktor Chris Curling war ein beeindruckender Mann von beachtlicher Größe, die an die zwei Meter reichte. Er hatte ein Kreuz wie ein Schmied und auffallend breite Schultern. Mit schnellen Schritten kam er näher, zwei Männern mit einer Trage folgten ihm dichtauf. Auf seinem Gesicht zeichneten sich deutliche Sorgenfalten ab, während er neben seinen neuen Patienten in die Knie ging, der jedoch auch durch den Klinkleiter hindurchsah, als wäre der Glass. Irgendetwas schien sogar mit den Augen nicht zu stimmen

„Können Sie mich verstehen?“, fragte er mit bemüht ruhiger Stimme. „Mein Name ist Doktor Curling. Und wie heißen Sie?“

„…Stephen…“, keuchte er Mann. „…Hart…“




Kapitel 1

Claire Curling harrte entsetzliche fünf Stunden aus, ehe sie sich dazu entschloss, dass es absolut nichts brachte zu warten, bis ihr Onkel mit der Operation fertig war. Die ersten dreißig Minuten war sie unentwegt auf und ab gelaufen, dann war sie zu erschöpft gewesen und hatte sich mit nervösem Rumrutschen auf dem Stuhl begnügt. Jetzt war es früh am Nachmittag und sie fragte sich ernsthaft, ob der junge Mann namens Stephen vielleicht phantasiert hatte, als er von Nick Cutter gesprochen hatte.

Doch nach reichlicher Überlegung und da sie sowieso nichts besseren zu tun hatte, gab sie im Internet diesen Namen ein. Es wurden zahlreiche Treffer angezeigt und einer der ersten handelte von einem Professor der Paläontologie namens Nick Cutter. Es waren Kontaktdaten angezeigt und Claire zögerte nur kurz, ehe er zum Telefon griff und kurzentschlossen die angegebene Nummer zählte.

„Dies ist der Anschluss von Professor Nick Cutter. Leider bin ich zurzeit nicht zu erreichen, bitte sprechen Sie eine Nachricht mit Name und Telefonnummer!“, erklang eine gelangweilte und gleichzeitig genervte Stimme.

„Ähm… Hallo Mister Cutter. Hier spricht Claire Curling, es geht um einen gewissen Stephen Ha-“, sie hatte den Namen noch nicht einmal vollständig ausgesprochen, als der Hörer am anderen Ende doch abgehoben wurde.

„Hören Sie auf mich ständig anzurufen! Ich gebe keine Interviews!“, zischte eine aufgebrachte Stimme mit schottischem Akzent. „Es ist drei Monate her! Haben Sie nicht langsam die Schnauze voll? Ich für meinen Teil, habe es!“

Claire starrte schockiert auf den Telefonhörer. „M-mister Cutter?“, fragte sie stotternd nach.

„Ja!“, kam die knappe und ärgerliche Antwort.

„Ich bin nicht von der Presse“, rechtfertigte sich die Krankenschwester. „Stephen Hart ist ein Patient von mir.“

In hohles und verletztes Lachen ertöne am anderen Ende. „Lassen Sie mich in Ruhe!“, sagte er dann und legte energisch auf.

Claire starrte weiterhin auf ihr Telefon. Was war da gerade passiert? Verwirrt und etwas erschrocken legte sie den Hörer langsam zurück. Was war denn das für eine Fehde zwischen dem Paläontologen und dem verletzten Mann? Aber wenigstens konnte sie sich jetzt sicher sein, dass sie den richtigen Nick Cutter gefunden hatte.

Es schienen weitere Stunden zu vergehen, ehe sie erneute Nachrichten von ihrem Onkel erhielt, der ihr mitteilte, dass die Operation von Stephen Hart erfolgreich gelaufen war, der junge Mann sich aber dennoch im lebensbedrohlichen Zustand befand und noch nicht über den Berg war. Sie beschloss kein weiteres Mal bei Nick Cutter anzurufen, sondern direkt bei der Universität vorbeizufahren. Da sie sowieso in der Nachbarstadt wohnte, war es kein großer Umweg, wenn sie dem Professor einen kurzen Besuch abstattete.

Am späten Nachmittag machte sie etwas früher als sonst Feierabend und fuhr – sich immer an die Geschwindigkeitsbegrenzung haltend – zur Universität. Ratternd und schnaufend kam der veraltete Pickup auf dem Parkplatz zum stehen. In der langsam nachlassenden Hitze des Tages ließ sie den Wagen stehen und erreichte – nachdem sie sich etwa ein Dutzend Mal verlaufen hatte – den Raum, der auf der Internetseite angegeben war.

Prof. Nick Cutter war dort in geschwungenen Lettern geschrieben. Vorsichtig klopfte sie und wurde von einer matten Stimme hineingebeten. Sie betrat ein geschmackvoll eingerichtetes Büro und sah einen Mann, der etwa in ihrem Altern sein musste. Er trug helle blonde Haare, kräftig blaue Augen und sein Kinn war unrasiert, schaffte aber eher einen verwegenen als einen ungepflegten Eindruck. Irgendwie hatte sie sich den Paläontologen völlig anders vorgestellt: älter und… seriöser.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Mann in neutralem Ton und mit ernstem Gesicht.

„Ich bin Claire Curling, wir hatten telefoniert“, stellte sich die Krankenschwester vor.

Missbilligend zogen sich die Augebrauen des anderen zusammen. Mit einer knappen Geste deutete er zur Tür. Das eigentlich eher sympathische Gesicht verzog sich zu einer wütenden Maske, die so gar nicht zu dem Mann passte. Trauer mischte sich unter seine Züge.

„Gehen Sie!“

„Hören Sie, ich weiß nicht, was da zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, aber ich glaube, Stephen kann jetzt gut einen Freund gebrauchen“, erklärte sie mit ungewohnt energischer Stimme.

Cutter starrte sie sekundenlang durchdringend an. Dann öffnete er rückartig eine Schublade seines Sekretärs und holte eine kleine Karte heraus, die er nachdrücklich so auf dem Schreibtisch platzierte, dass Claire sie lesen konnte. Auf den ersten Blick erkannte die Krankenschwester, dass es sich um eine Trauerkarte für eine Beerdigung handelte. Mit zittrigen Fingern öffnete die Frau sie und der Name Stephen James Hart sprang ihr sofort ins Auge.

Sie sah auf und direkt in das versteinerte Gesicht des Professors. Er sah sie abwartend an und sie spürte, dass sie rot wurde vor Verlegenheit und Scharm. Ein Blick auf das Datum sagte ihr, dass der Mann am 4. März gestorben war. Erst vor drei Monaten. Plötzlich kam ihr ihre Idee Nick Cutter zu suchen unheimlich dumm und naiv vor. Ganz offensichtlich hatten sich die beiden sehr nahe gestanden.

„Endschuldigen Sie, das tut mit wahnsinnig leid“, flüsterte Claire peinlich berührt. „Es muss sich um eine Verwechslung handelt.“

„Muss es wohl“, sagte der Wissenschaftler tonlos und verwies abermals auf die Tür. „Bitte gehen Sie jetzt.“

Sie wandte sich ab und streckte die Hand bereits nach der Türklinge aus, als ihr Blick zufällig über das Foto auf einem der Beistelltische fiel. Sie erkannte beide Männer sofort und war mit wenigen Schritten näher ran getreten.

„Das ist er“, wisperte sie aufgeregt. Sie hätte ihn alleine an den Augen wiedererkannt.

Nick Cutter war aufgestanden und mit schnellen Schritten an sie ran getreten. Mit einer schnellen Handbewegung schnappte er ihr das Foto vor den Augen weg und entzog es so ihrer Reichweite. Seine Augen funkelten sie ärgerlich und verletzt an.

„Raus!“, zischte er.

„Bitte, Sie müssen mir zuhören! Ich kenne diesen Mann“, erklärte sie. „Ich habe ihn gesehen!“

„Sie kannten ihn vielleicht“, lenkte Nick ein. „Er ist tot, seit drei Monaten. Vielleicht haben Sie ihn einmal gesehen, vielleicht auch nicht.“

„Ich habe ihn heute gesehen!“, beharrte sie.

„Heute?“, fragte Cutter skeptisch. „Dann sehen Sie wohl Gespenster.“

„Ich arbeite in der MediClinic am Rande von Coleford. Heute Morgen ist dieser junge Mann auf dem Foto schwer verletzt dort aufgetaucht. Er sagte sein Name sei Stephen Hart und er wollte unbedingt einen Paläontologen namens Nick Cutter finden!“

„Coleford?“, fragte Cutter mehr zu sich selbst. „Das ist ganz in der Nähe vom Forest of Dean.“

„Richtig“, bestätigte Claire. „Seiner Kleidung nach zu schließen, kam er von dort.“

Zuerst konnte Claire eine grenzelose Verwirrung auf dem Gesicht des Professors erkennen, doch dann trat an dessen Stelle Unglaube und Schock. Hilfesuchend sahen seine blauen Augen sie an, der Mund öffnete und schloss sich ohne Worte zu bilden.

„Das… ist unmöglich“, wisperte er schließlich. Doch Claire hörte an seiner Stimme, dass er selbst nicht ganz so überzeugt war, wie er es tat. Mut erfasste sie, vielleicht konnte sie den Mann ja doch noch umstimmen.

„Wurde… wurde Stephens Leiche denn… gefunden? Ich meine… können Sie absolut sicher sein, dass… dass es tot ist?“, fragte sie vorsichtig.

Claire erkannte Schmerz in den Zügen des Paläontologen, als dieser sich scheinbar erinnerte. „Nein… Sein Körper wahr völlig…“ Der Mann schluckte schwer. „Wir haben nur… nur… B-blut finden können…“

Ein Sturm aus Gefühlen tobte in den eindrucksvollen Augen. Verwirrung, Schmerz und auch Unverständnis spiegelten sich in ihnen wider. Er hatte geglaubt mit dem Verlust fertig geworden zu sein, doch jetzt wusste er, wie sehr er sich geirrt hatte. Der Schmerz schien plötzlich nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Matt ließ er sich in einen der Sessel fallen, umklammerte das Bild in seiner Hand krampfhaft.

Was bildete sich diese Verrückte eigentlich ein? Sie tauchte mit einigen wagen Beschreibungen und Mutmaßungen auf und brach alte Wunden wieder auf, die längst nicht verheilt waren und dies auch nicht in absehbarer Zeit sind sein würden. Mit wackligen Beinen stolperte er zu seinem Schreibtisch und nahm das Telefon in die Hand. Mit zittrigem Finger wählte er eine Nummer.

„Ja, Sicherheitsdienst, bitte kommen Sie sofort in das Büro von Nick Cutter!“, sagte er mit bemühter Fassung. „Hier ist eine Dame äußerst aufdringlich geworden!“

Claire erschrak furchtbar und war mit wenigen Schritten an der Tür. Sie würde nicht riskieren, dass sie vom Gelände verwiesen wurde. Mit einem gemurmelten „ich wäre auch so gegangen“ verschwand sie und hörte gerade noch, wie Cutter den Sicherheitsdienst wieder entwarnte.

„Hat sich erledigt, danke!“




Kapitel 2

Nick hatte eine furchtbar lange und schlaflose Nacht hinter sich gebracht. Hellwach hatte er an die Decke seines Zimmers gestarrt und an diese seltsame Frau mit ihrer Botschaft gedacht. Sie war eine Spinnerin, eine Lügnerin, eine… Er seufzte schwer und goss sich eine neue Tasse Kaffee ein.

Auch wenn er nur allzu gerne glauben wollte, was sie ihm gesagt hatte, so konnte er dies einfach nicht. Es hatte unendlich weh getan seinen besten Freund zu verlieren, auch wenn die letzte Zeit zwischen ihnen angespannt gewesen war, so war Stephen doch sein engster Vertrauter gewesen. Er hatte nie danach gefragt, warum sein Assistent mit Helen geschlafen hatte, doch nach seinem Tod hatte er dies bitterlich betreut. Wie oft hatte er sich nach dem Warum und nicht zuletzt auch nach dem Wann gefragt, doch jetzt war es zu spät und seiner Exfrau konnte er ebenso wenig vertrauen wie einem T-Rex.

Abermals musste er während seiner Arbeit an diese Claire Curling denken. Was bildete sie sich ein, hier aufzutauchen und die alten Wunden wieder aufzureißen? Ihre Äußerungen waren an den Haaren herbeibezogen und er konnte es sich nicht leisten ihnen zu glauben. Er WOLLTE ihnen nicht glauben, den sollte sie sich als falsch herausstellen – und das würden sie hundertprozentig –, so ginge der ganze Schmerz wieder von vorne los. Nick konnte sich nicht erinnern, dass er um Helen so schmerzhaft getrauert hatte, wie um Stephen. Aber hier lag die Sachlage völlig anders. Helen und er hatten sich auseinandergelebt, beinahe hassen gelernt. Und Stephen… er hatte den jungen Mann nicht gehasst, er hätte ihn nicht einmal hassen können, wenn er damals mit seiner Exfrau durch die Anomalie verschwunden wäre.

Für Helen hatte er einst tiefe Zuneigung empfunden, aber niemals Liebe. Ganz anders als bei seinem talentierten Laboranten, den er liebte wie einen Bruder und immer als solchen in seinem Herzen tragen würde.

Ausgelaugt fuhr er sich über die Augen und bemerkte, dass er weinte. Stephen hatte sein Leben für ihn gegeben und das obwohl Nick ihn in letzter Zeit wie den letzten Dreck behandelt hatte. Wieder stiegen unbändige Schuldgefühlte in ihm auf und er musste hart mich sich kämpfen, um sie einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen trübsinnigen Gedanken und er ließ wie so oft in letzter Zeit erst seinen Anrufbeantworter anspringen. Wut auf die Presse flammte plötzlich in ihm auf.

Nachdem Stephen gestorben war und Nick den Eltern davon zu erzählen versucht hatte, hatten diese prompt einen Privatdetektiv angeheuert und darauf angesetzt herauszufinden, wie ihr Sohn gestorben war. Vielleicht hätte Nick sich etwas anderen einfallen lassen sollen, als ihnen so weit wie Möglich die Wahrheit zu sagen, nur wurden die Saurier in seiner Story durch gewöhnliche Tiger ersetzt. Der Detektiv hatte über das Bestattungsinstitut schließlich herausgefunden, dass diese Tiere Stephen förmlich verrissen und… aufgefressen haben musste, da der Sarg gänzlich leer gewesen war und nun glaubte die Mehrzahl der Familie Hart, dass ihr Sohn noch lebte. Kurzentschlossen hatten diese dann die Presse eingeschaltet.

Doch diesmal war es kein Journalist und auch keiner der Harts, der anrief, sonder Conner. Er hatte den jungen Mann schon seit einigen Wochen nicht mehr gesehen, was vor allem dran lag, dass sowohl Cutter als auch Abby nach Stephens Tod aus der ganzen Anomaliesache ausgetreten waren, nur eben Conner nicht.

„Hey Nick, ich weiß dass du da bist, also nimm bitte mal den Hörer ab!“, forderte der junge Mann.

Der Paläontologe dachte nicht im Traum dran.

„Kommt schon Cutter, nimm ab!“, quengelte der Mann weiter.

Nick rührte sich noch immer nicht.

„Oh man, Nick! Ich kann total nachvollziehen, dass euch die Sache echt nahe geht und ich will ja auch nicht sagen, dass ihr ihn vergessen sollte, aber vielleicht solltet ihr langsam mal wieder anfangen zu leben!“, sagte Conner eindringlich. „Schließt mit der Sache ab und… Ach, ruf mich einfach mal an, wenn du das abhörst… Tust du sowieso nicht…“

Damit abschließen? Nick seufzte schwer und wischte sich entgültig die Tränen von der Wange. Kurzentschlossen stand er auf und griff sich im vorbeigehen seinen Autoschlüssel. Er würde damit abschließen! Und er würde dieser Curling sagen, was er davon hielt, wenn sie hier auftauchte und wilde Lügen erfand!

Er kannte die MediClinic und wusste, dass sie nicht allzu weit außerhalb des kleinen Nachbarortes lag und somit keinen endlos langen Weg darstellte. Während der Fahrt bemerkte er, dass seine anfängliche Wut auf die Krankenschwester mehr und mehr in Hoffnung umschlug und er schimpfte sich einen Narren, weil er dies zuließ. Anderseits traute sie der Frau auch nicht zu, ihn belügen zu können, jedenfalls nicht absichtlich…

Übermütig und viel zu schnell bog er auf den Privatparkplatz der Klink ab und stellte den Wagen dicht an den Eingang. Nur nebensächlich nahm er war, dass er plötzlich nervös zu sein schien. Seine Schritte waren so schnell, dass er beinahe über den Parkplatz rannte und als er die Eingangstür öffnete wusste er, dass er gerne glauben würde, was Claire ihm erzählt hatte.

Benannte Person sah erschrocken von ihrem Schreibtisch auf und starrte ihn überrascht, aber auch erfreut an. Sie erhob sich und kam zielstrebig – und auf Socken, wie Nick erst jetzt feststellte – auf ihn zu.

„Professor“, sagte sie überrascht. Nick erkannte in ihrem Gesicht, dass sie ihn nicht belügen würde oder überhaupt könnte und plötzlich fielen alle Bedenken von ihm ab.

„Wo ist er?“, krächzte er. Sein Hals fühlte sich trocken an und Nick hatte plötzlich das Bedürfnis laut aufzuschreien, wobei er dieser Gefühl nicht definieren konnte: war es Schmerz oder Freude?

Claire nickte hastig und steuerte auf den Fahrstuhl zu, forderte ihn mit einer Geste auf, ihr zu folgen. Schuldgefühle überkamen Nick als er ihr folgte und die Kabine sich langsam schloss. Wieso hatte er nicht vorher erkennt, dass sie ihm helfen wollte? Sie log nicht und Nick spürte, dass ihm wieder Tränen in die Augen stiegen und diese waren definitiv nicht aus Schmerz entstanden.

„Was… was hat Sie dazu gebracht doch noch zu kommen?“, fragte sie vorsichtig.

„Eigentlich bin ich bekommen, um Ihnen gehörig die Meinung zu sagen“, gab er bereitwillig zu.

Die Fahrt in den zweiten Stock dauerte ewig und Nick bereute inzwischen, dass er nicht einfach die Treppe genommen hatte. Nervös stieg er von einem Fuß auf den anderen und stürmte aus der Kabine, sobald sie hielt. Claire beeilte sich ihm zu folgen und führte ihn die wenigen Zimmer entlang, bis sie schließlich vor einem bestimmten innehielt.

„Mister Cutter, ich möchte Ihnen vorher noch sagen, dass sich Mister Hart noch nicht außer Lebensgefahr befindet und –“

„Öffnen Sie die verdammte Tür!“, forderte Nick und nahm dies schließlich selbst in die Hand. Energisch öffnete er die Tür und betrat den Raum. Ein monotones Piepen nahm ihn in Empfang und war das erste, was er wahrnahm.

„– er musste in ein künstliches Koma versetzt werden“, beendete Claire ihren angefangenen Satz.

Der Raum war spärlich eingerichtet und strahlte sowohl Sauberkeit wie auch Anonymität aus. Das Zimmer war für eine Person ausgerichtet und eben aus diesem Grund recht klein. Das Zentrum bildete das Bett mit blütendweißem Bettlaken und Bettwäsche. Die innenbefindliche Person war beinahe ebenso blass.

Der junge Mann war zweifellos Stephen Hart auch wenn er im Moment schwerlich auszumachen war, da er durch zahlreiche Schläuche am Leben gehalten und von unzähligen Verbänden umwickelt sein musste. Sein Assistent war bedenklich abgemagert, die Wangen waren eingefallen und der schlanke Körper zeichnete sich unter der dünnen Bettdecke ab. Die Arme lagen kraftlos neben seinem Leib und waren zu beiden Seiten an irgendwelche Geräte angeschlossen.

Eine etwas dickere Röhre führte in den leicht geöffneten Mund und einige Pflaster waren quer über die eine Wange und die Stirn befestigt. Trotzdem schimmerten zahlreiche rote und blaue Verfärbungen der Haut hervor. Das kastanienbraune Haar stand etwas unordentlich, aber genauso verwegen wie eh und je von seinem Kopf ab und eben dies erwachte in Nick ein makaberes Gefühl der Normalität.

Vorsichtig trat er näher. War dies einer seiner kranken Träume? Würde er gleich wieder desorientiert und zutiefst verstört erwachen und bereuen, dass sein Unterbewusstsein versuchte die Situation zu verarbeiten? Es war so real, dass er das nicht glauben konnte und schon gar nicht wollte. Andererseits sagte sein Verstand, dass dies hier nicht wirklich passieren konnte…

„Wie… wie geht es ihm?“, krächzte Nick.

Claire trat behutsam näher.

„Nicht gut“, sagte sie wahrheitsgemäß mit bitterem Unterton in der Stimme. „Er atmet nicht selbstständig, hat durch zahlreiche Wunden viel Blut verloren und einige innere Verletzungen. Außerdem leidet er unter Unterernährung und Unterkühlung. Er hat einige Knochenbrüche und wir haben eine Substanz in seinen Augen befunden, die wir nicht analysieren konnten, sie scheint von irgendeinem Tier zu kommen und verursacht – hoffentlich nur vorrübergehende – Blindheit.“

„Wird… wird er durchkommen?“, fragte Nick ohne den Blick von seinem Freund zu nehmen.

„Dass können wir noch nicht sagen“, sagte Claire. „Außerdem lassen sich einige seiner Verletzungen nicht richtig zuordnen. Sie scheinen von irgendeinem Tier zu stammen… einem überaus großen Tier…“

Stirnrunzelnd blickte Cutter noch immer auf seinen Freund hinab, der so verletzlich und hilflos aussah, wie Nick ihn nicht einmal vor zehn Jahren als Erstsemester an der Universität kennen gelernt hatte. Konnte es sein, dass Stephen aus einer Anomalie gekommen war? War das vielleicht gar nicht der Stephen, den Nick kannte?

Der junge Mann sah anders aus, als vor wenigen Monaten, doch das war verständlich, da er im Moment mit dem Tode rang. Stephen zeigte niemals seine Gefühle und schon gar nicht seine Schwächen und nicht einmal Nick wusste, warum dies so war. Jetzt wirkte der Laborant alles andere als so stark und selbstbewusst, wie er sich Zeit seines Lebens gegeben hatte. Die disziplinierten und strengen Züge des vertauten Gesichtes wirkten völlig entspannt und ganz anders als Nick es von seinem besten Freund gewohnt war.




Kapitel 3

Inzwischen waren vier Tage vergangen und Nick hatte beschlossen Abby, Conner oder Jenny nichts von Stephen zu erzählen. Der junge Mann war immer noch nicht aus dem Koma erwacht und er befand sich immer noch in einem lebensbedrohlichen Zustand. Zwar hatte sich der Status seines Freundes verbessert, aber dennoch bestand die Möglichkeit, dass der starb. Er wollte bei den anderen keine unnötigen Hoffnungen wecken, es reichte, wenn er den Tod seines Freundes zwei Mal miterleben musste…

Er verbrachte inzwischen mehrere Stunden täglich in der Privatklinik und verstand sich mittlerweile recht gut mit Claire, der er auch seiner Handynummer gegeben hatte, damit sie ihn im Notfall verständigen konnte.

Nick hatte recht schnell bemerkt, dass es unnütz war sich ablenken zu wollen und so war er dazu übergegangen seine Arbeit einfach mitzunehmen ins Krankenhaus. Er hatte auch den Klinkleiter Chris Curling kennen gelernt, der ihm wiederwillig genehmigt hatte, hier seiner Pflicht nachzukommen. Nick konnte einfach nicht riskieren, dass Stephen abermals einen einsamen und mit Sicherheit schmerzhaften Tod erleiden sollte. Wenn der junge Mann abermals sterben sollte, dann nicht auf solch eine grausame und verlassene Art und Weise wie vor drei Monaten.

Conner hatte abermals versucht ihn anzurufen, offensichtlich war es dringend, aber nichts konnte im Moment wichtiger sein, als das, was er hier tat. Als das Telefon neben Stephens Bett läutete wunderte es sich nicht, sonder wusste, dass es Claire war, die ihn sprechen wollte. Sie bat ihn zu sich zur Eingangshalle und wirkte äußerst nervös. Er beeilte sich ihrer Aufforderung nachzukommen.

Sie empfing ihn so nervös, wie sie geklungen hatte. „Hey Claire, was ist los?“

„Da war gerade ein wirklich seltsamer Mann, der nach Stephen gefragt an!“, erklärte sie besorgt. „Ich dachte, du wolltest niemandem Bescheid geben!“

Nick starrte erst sie an, dann wandte dann den Blick zur Tür. „Was hast du ihm gesagt?“, fragte er aus irgendeinem Grund alarmiert.

„Das keiner unser Patienten so heißt und in der letzten Wochen keine neuen Fälle hier eingetroffen wären, denn der Mann war wirklich… seltsam“, erklärte sie. „Ich hatte das Gefühl, ich begehe einen wirklich großen Fehler, wenn ich ihm von Stephen erzähle.“

„Wie sah er aus?“

„Er war wirklich sehr groß, sah kräftig aus und hatte eine Narbe quer über der rechten Wange. Von seiner Kleidung her würde ich sagen, dass es ein Camper oder so gewesen ist“, erklärte sie. „Hätte ich ihm die Wahrheit sagen sollen?“

Nick konnte ihr keine Antwort drauf geben. Niemand hatte wissen könne, wo Stephen steckte und schon gar nicht, dass er überhaupt noch lebte. Und nicht zum ersten Mal in den vergangenen Tagen fragte Nick sich, wo sein Assistent die letzten drei Monate verbracht hatte doch nun fragte er sich auch mit WEM er sie verbracht hatte.

Vielleicht hatte Claire gerade eine entscheidende Chance vertan es jemals herauszufinden, denn noch bestand die Möglichkeit, dass Stephen den Kampf mit dem Tod verlieren könnte. Er wollte Claire gerade erklären, dass es mit Sicherheit okay war, was sie getan hatte, als abermals sein Handy klingelte und er diesmal die Nummer seines Dekans erkannte.

„Nick Cutter“, meldete er sich.

„Hallo Nick, könntest du vielleicht kommen, hier ist was passiert. In deinem Büro wurde eingebrochen, vermutlich schon heute Vormittag, aber der Sicherheitsdienst hat es gerade erst entdeckt.“

„Bin unterwegs!“, versicherte Nick, bevor er wieder auflegte. „Claire, tu mir einen Gefallen und lass Stephens Zimmer überwachen!“

„Bitte?“

„Lass die Schwestern einfach öfter vorbei sehen! Die freuen sich doch immer, Stephen zu sehen“, sagte er nur und ließ die Krankenschwester einfach stehen. Ein schrecklicher Verdacht hatte ihn beschlichen.

Noch während er zu seinem Auto rannte, wählte er Conners Nummer. Der junge Mann nahm den Anruf sofort entgegen.

„Hey, endlich –“

„Conner, du musst mir einen Gefallen tun. Fahr zu meiner Wohnung und sieh sie dir man genau an. Den Schlüssel findest du unter der Türmatte. Falls dir irgendetwas seltsam vorkommen sollte, den melde dich sofort wieder!“ Nick warte nicht einmal die Antwort ab, sondern legte sofort wieder auf.

In Rekordgeschwindigkeit hatte er die Universität erreicht. Sein Büro sah aus, als sei ein Raptor dort durchgefegt. Nur das Raptoren für gewöhnlich keine Schubladen öffnen konnten. Sämtliche Papiere und sonstige Utensilien waren durch den Raum geschleudert. Ganz offenlicht hatte hier Jemand etwas gesucht, doch ob dieser jemand auch etwas gefunden hatte, konnte Nick beim besten Willen nicht sagen.

Sein Handy klingelte wieder und Nick nahm den Anruf entgegen.

„Hast du de Schlüssel gefunden?“, fragte Cutter.

„Das musste ich gar nicht. Deine Haustür stand sperrangelweit auf. Hier wurde eingebrochen! Es sieht aus wie ein Saustall“, erklärte Conner. „Aber jetzt hör mir erst mal zu, bevor du wieder auflegst! Bei Abby wurde auch eingebrochen, schon vorgestern. Und bei mir haben sie es gestern versucht, aber ich habe ihn überrascht und er ist getürmt.“

„Wie sah er aus?“

„Sehr groß, Camperkleidung und eine –“

„– Narbe über der rechten Wange!“, vollendete Nick.

„Woher weißt du das?“, fragte Conner fassungslos.

„Warst du bei der Polizei?“, kam Nicks Gegenfrage.

„Ja, sicher, aber erzähl doch endlich, woher du schon wieder weißt –“

„Halt die Ohren steif, Conner, ich melde mich!“, sagte Nick nur und legte wieder auf.

Er bahnte sich einen Weg durch das Büro und sein Blick traf auf die Trauerkarte zu Stephens Geburtstag. Das Schreiben war mehrmals durchgerissen und über den ganzen Schreibtisch verteilt. Nick seufzte schwer und Sorge zeichnete sein Gesicht.

„Oh Stephen, wo hast du dich da bloß reingeritten…“




Kapitel 4

Es vergingen weitere Tage und der Zustand des Patienten hatte sich bedeutend gebessert, vor allem die Lunge hatte ihre Funktion wieder aufgenommen und ohne den Schlauch im Mund wirkte Stephen nicht mehr ganz so hilflos und schwach. Obwohl der Arzt gesagt hatte, dass der junge Mann das Schlimmste überstanden hatte, konnte Nick aus irgendeinem Grund Abby und die anderen noch immer nicht einweiht.

Der Paläontologe hatte sich einige Hausarbeiten vom vergangenen Semester mitgenommen und las sie mehr oder weniger aufmerksam durch. Immer wieder glitt sein besorgter Blick über die schlafende Gestalt seines Assistenten, der sich schon seit mehreren Minuten kaum merklich bewegte. Träge fiel sein Kopf von der einen auf die andere Seite und die Pupillen tanzten unter den geschlossenen Liedern. Nick war sich sicher, dass er jeden Moment erwachen würde und der legte die halbkorrigierte Hausarbeit zur Seite, um näher an das Bett heranzutreten.

„Komm schon, Stephen, du hast dich lange genug ausgeruht“, wisperte Nick.

Die Bewegungen wurden weniger träge. Es schien, als kostete es Stephen jede Menge Kraft um aus der Bewusstlosigkeit aufzuwachen. Die Lider zuckten wie unter einem Albtraum, doch schließlich wurden sie müde geöffnet und rotunterlaufene Augen sahen unfokussiert und verwirrt in den Raum. Erst jetzt fiel Nick ein, dass Claire von einer unzugeordneten Substanz in den Augen gesprochen hatte, die ihn vorrübergehend in seinem Sehvermögen einschränken würde. Stephen konnte ihn also nicht erkennen, vielleicht nicht mal wahrnehmen.

„Hey, Stephen“, begrüßte er seinen Freund mit ruhiger Stimme. Doch Stephen fuhr so heftig zusammen, als habe Nick ihn geschlagen und er bereute sofort, dass er sich nicht anders bemerkbar gemacht hatte. Stephen wandte den Kopf ruckartig in seine Richtung und versuchte ihn aus zusammengekniffenen Augen zu erkennen.

„Cutter?“, fragte er mit rauer und erschöpfter Stimme.

„Ja, ich bin es“, sagt Nick. Stephen entspannte sich sichtlich, ließ den Kopf zurück in das Kissen sinken und schloss vertrauensvoll die Augen. Und auch der Paläontologe war beruhigt, dass Stephen ihn offensichtlich erkannt hatte. Scheinbar war dieser junge Mann wirklich der Stephen James Hart, der vor drei Monaten für Tot erklärt worden war. „Wie fühlst du dich?“

Mühselig öffnete der junge Mann abermals die Augen, was ihn sichtliche Anstrengungen kostete. „Bestens…“, murmelte er. Er atmete einmal tief durch und versuchte dann, sich aufzusetzen, doch Nick unterband sein Vorhaben, indem er ihn mit sanfter Gewalt wieder auf die Matratze drückte. Mit einem schmerzhaften Aufkeuchen ließ Stephen sich zurücksinken.

„Bleib liegen, Stephen, dein Körper muss sich erst erholen“, bestimmte Cutter. „Du siehst übrigens aus, als wärst du gerade aus dem Krieg zurückgekehrt.“

„… so ganz… abwegig ist… dieser… Vergleich nicht…“, brachte Stephen keuchend hervor. „…wo… bin ich?“

„In Sicherheit“, antwortete Nick bloß aus einer Eingebung heraus. Stephen war nervös und gehetzt so als sei er auf der Flucht. „Die Frage sollte wohl eher lauten: Wo bist du gewesen?“

Stephen sah ihn einen Moment an bevor der den Blick abwandte und stumm den Kopf schüttelte. Ganz offensichtlich war der junge Mann nicht bereit, darüber zu reden, was noch mehr Verwirrung bei Nick hervorrief. Der Paläontologe erkannte Schmerz und unterdrückte Angst in den jungen Zügen des bemüht neutral wirkenden Gesichtes.

„Wenn du nicht darüber reden willst, ist das okay“, versicherte Nick. „Ich werde kurz Abby und Conner anrufen und –“

„Nein!“, unterbrach der junge Mann ihn überraschend energisch.

Nick starrte ihn an. „Stephen, ich muss ihnen Bescheid geben, sie denken, dass du tot bist.“

„Ja… das… das ist gut…“

„Was?“, fuhr Nick den Jüngeren an.

„Lass… lass sie das denken, Cutter“, bestimmte Stephen. „Wann… kann ich hier raus?“

Nick starrte ihn immer noch fassungslos an. In welche Schwierigkeiten war sein junger Assistent denn da hineingeschlittert? Er wusste ja, dass Stephen Krankenhäuser hasste, aber der Mann war dem Tode gerade von der Schippe gesprungen und musste unter starken Schmerzen und völliger Entkräftung leiden.

„Ich fürchte, die werden dich hier noch eine Zeitlang behalten wollen“, sagte Nick stirnrunzelnd.

Resigniert schloss Stephen die Augen und atmete tief durch. Er war müde und hatte Schmerzen, dass konnte Nick nur zu gut in dem vertrauten Gesicht des anderen lesen.

„Dann musst… musst du mich hier rausbringen, Cutter…“, sagte Stephen mit rasselndem Atem. Die kurze Unterhaltung hatte ihn sichtlich mitgenommen. Das blasse Gesicht war etwas errötet, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und einige Haarsträhnen klebten ihm auf der selbigen.

Völlig erschöpft fiel sein Kopf auf die eine Seite und das schmerzverzogene Gesicht entspannte sich wieder. Entweder war Stephen gerade eingeschlafen oder er hatte das Bewusstsein verloren. In beiden Fällen ließ er einen zutiefst verwirrten du ratlosen Mann zurück, der sich ernsthafte Sorgen um seinen Freund machte.




Derweil saß Abby Maitland Kilometer entfernt in ihrer Wohnung und dachte nach. Stephens Tod war ihr weit mehr in die Knochen gefahren, als sie zugegeben hatte. Immer wieder sagte sie sich, dass sie ihn nicht geliebt sondern höchstens gemocht hatte, doch ihre Tränen schimpften diese Gedanken Lügen. Bei jeder Begegnung mit einer Anomalie war ihr schmerzliche bewusst geworden, dass es sie an ihren Verlust erinnerte und so war sie drei Wochen nachdem die Urzeitmonster Stephen getötet hatten aus dem Projekt und gleichzeitig auch aus der Wohngemeinschaft von Conner und ihr ausgetreten.

Sie vermisste Rex und die Zusammenarbeit mit Conner und dem Professor, doch das waren Opfer die sie um ihres Herzens willen gerne brachte. Zwar hatte sie immer noch reichlichen Kontakt mit Conner und half auch manchmal wenn es um schwierige Fragen zu Echsen ging, aber Nick Cutter hatte sie leider schon seit über einem Monat nicht mehr gesehen. Doch das würde sich schon bald ändern, denn die Einbrüche hatten wohl oder übel etwas miteinander zutun. Dadurch, dass die Harts nicht glauben konnten, dass ihr Sohn tot war hatten diese die Presse eingeschaltet und das ganze Projekt stand kurz vorm Auffliegen, doch Abby konnte sich nicht vorstellen, dass die Reporter soweit gehen und bei ihnen einbrechen würden. Vielleicht steckte Helen dahinter? Doch seit der Beerdigung hatte die Frau keiner mehr gesehen und Abby konnte sich keinen Grund vorstellen, warum sie so weit gehen sollte…

Seufzend erhob sie sich von ihrem Sofa, schnappte sich ihr Handy und den Hausschlüssel und ging die wenigen Blocks bis zum Friedhof. Sie kam oft hierher, wenn sie nachdenken oder auch einfach alleine sein wollte. Grotesker Weise fühlte sie sich hier Stephen am nächsten.




Kapitel 5

Zwei Wochen konnte Nick Stephen in dem Krankenhaus festhalten. Zwei Wochen in denen der junge Mann kaum bei Bewusstsein gewesen, viel geschlafen und wenig gesprochen hatte, was allerdings hauptsächlich daran lag, dass er auf keiner der Fragen, die Nick hatte, eine Antwort preisgeben wollte. Seine Augen hatten sich verbessert, doch selbst darüber, wie die Verletzung passiert war, schwieg Stephen sich aus.

„Okay, Cutter, ich habe gehört, dass du Einwände gegen meine Entlassung hast, aber entweder hilfst du mir oder ich werde das auf eigene Faust erledigen!“, behauptete der junge Man just in diesem Moment.

Er hatte es mühsam geschafft sich alleine einige – von Claire besorgten – Kleidungsstücke anzuziehen, die ihm jedoch gnadenlos zu weit waren, und die Hand schon am Telefon, um sich ein Taxi zu besorgen, da der Professor sich strickt weigerte ihn gehen zu lassen.

„Warte mal, Stephen! Wo willst du überhaupt hin?“, fragte Cutter berechtigterweise.

„Was ist mit meiner Wohnung?“, fragte der junge Mann überrascht.

„Du warst drei Monate lang weg, wir haben sie aufgelöst. Aber du weißt hoffentlich, dass du jederzeit bei mir unterkommen kannst, oder?“

„Schön, dann wäre das Problem auch schon mal erledigt. Kannst du mich mitnehmen oder muss ich wirklich ein Taxi anrufen?“, fragte Stephen. Er hatte den Kopf schräg gelegt und sah ihn mit hochgezogenen Augenbraunen gespielt abwartend an.

„Okay, ich nehme dich mit, aber nur, weil ich dich dann besser im Auge behalten kann… und weil du mir helfen kannst ein paar Hausarbeiten zu korrigieren.“ Stephen lachte kurz auf und Nick war auf irgendeine Weise beruht, als er das seltene Lachen seines Assistenten vernahm.

Der junge Mann erhob sich umständlich vom Bett und hatte offensichtlich Mühe das Gleichgewicht zu finden. Sein rechtes Bein war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, steckte jetzt in einem Gips, und die leichte Gehirnerschütterung machte ihm immer noch etwas zu schaffen. Nick reichte ihm zwei Krücken und behielt seine Meinung, dass es eindeutig zu früh für Stephen war um aufzustehen, für sich. Ganz offensichtlich bereitete des dem jüngeren Mann auch Schmerzen.

„Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es bis zu deinem Auto bevor ich zusammenbreche“, meinte Stephen tonlos und zwischen zusammengepressten Zähnen. Nick erwiderte nichts. Er schulterte seinen Rücksack, hielt seinem Freund die Türen auf und achte darauf immer so weit in seiner Nähe zu bleiben, um im Notfall rasch eingreifen und ihn festhalten oder auffangen zu können.

In der Eingangshalle versuchte Claire Stephen nachmals davon abzuhalten zu gehen, doch er bedankte sich bloß bei ihr und selbst Nick wechselte nur einen bedeutungsvollen Blick mit der Krankenschwester, da er befürchtete, dass der junge Mann im Moment nicht dazu im Stande war eine ernsthafte Diskussion zu führen. Cutter wollte Stephen möglichst schnell in seinem Auto wissen. Schweißperlen hatten sich auf dem ausgemergelten Gesicht seines Freundes gebildet, er atmete schwer und mühsam und die Arme zitterten merklich unter ihrem Gewicht.

Auf den letzten Metern stolperte Stephen und nur Nicks schneller Reaktion war es zu verdanken, dass er sich auf den Beinen halten konnte. Die wenigen verbleibenden Schritte ließ er es zu, dass der Paläontologe ihn stützte. Kaum saß er auf dem Beifahrersitz und hatte sich angeschnallt, schloss er vertrauensvoll die Augen und mit einem gemurmelten „Danke, Cutter!“ war er eingeschlafen.

„Keine Ursache, Stephen“, antwortete Nick obwohl er wusste, dass sein Freund ihn nicht mehr hörte. Er fuhr langsam und gleichmäßig, um ihn nicht zu wecken und überlegte selbst als sie zwanzig Minuten später vor seiner Wohnung hielten, ob es nicht besser wäre ihn einfach weiterschlafen zu lassen. Aber er wusste, dass das Unsinn war und er rüttelte seinen Freund leicht an der Schulter.

„Hey, Stephen, wir sind da!“, sagte er mit ruhiger Stimme und hoffe, dass der junge Mann nicht wie unter einem Schlag zusammenrucken würde, wie er es in den letzten Tagen so oft getan hatte. Er wurde nicht enttäuscht. Langsam regte sich der Laborant wieder und gähnet herzhaft.

„Schon?“, fragte er nuschelnd und setzte sich auf. Mit einem verpeilten Schlafzimmerblick sah er sich desorientiert um und öffnete schließlich die Beifahrertür. Die wenigen Meter bis zur Haustür überwand er im Dämmerzustand und wehrte sich nur halbherzig, als Nick ihn in seinem Bett unterbrachte und erklärte, er selbst würde auf dem Sofa schlafen.

Kaum hatte sein Kopf das Kissen berührt, war er schon wieder eingeschlafen. Der Professor zog dem jungen Mann behutsam die Schuhe aus und schälte ihn vorsichtig aus der Jacke, die er selbst Stephen geliehen hatte. Nick konnte nicht das geringste Zeichen des Erwachens erkennen und er war sich sicher, dass nichts seinen Assistenten so schnell wecken konnte. Er sah ihn noch einen augenblicklang besorg an, dann wandte er sich ab und verließ die Wohnung wieder. Die letzten Tage war er beinahe nur nachts hier gewesen und für zwei Personen hatte er eindeutig zu wenig Verpflegung. Da er sich vorgenommen hatte, seinen Assistenten wieder etwas auf die Beine zu bringen und zu mästen, musste ein Lebensmitteleinkauf herhalten. Stephen würde die nächsten Stunden wieder durchschlafen und er selbst würde bloß wenige Minuten weg sein, da der Supermarkt nur zwei Straßen entfernt lag, und so hatte er keine Bedenken den jungen Mann hier alleine zurückzulassen.

Hätte er allerdings gewusst, dass Conner sich auf dem Weg zu seiner Wohnung befand und dass dieser wusste, dass Cutters Schlüssel unter der Türmatte lag, so hätte er vermutlich nicht einmal im Traum daran gedacht, seinen Freund alleine zu lassen, schließlich wollte dieser noch immer, dass die anderen ihn für tot hielten.

Conner hatte die Nase gestrichen voll davon ständig abgewimmelt zu werden und beschlossen, dies nicht mehr länger mit sich machen zu lassen. Doch das war nicht der einzige Grund für seinen Besuch. Es waren jetzt zwei Wochen seit den Einbrüchen vergangen und Cutter hatte sich noch immer nicht deswegen mit ihm oder Abby in Verbindung gesetzt und obwohl seit dem nichts mehr vorgefallen war, machte er sich Sorgen. Sowohl um sich, als auch um seine Freunde.

Er sah den Wagen in der Einfahrt stehen und als auf sein Klingeln Niemand öffnete suchte er nach dem Wohnungsschlüssel unter der Fußmatte. So einfach würde Nick ihn nicht abwimmelt, wo sollte der Professor ohne Auto auch hingefahren sein?

„Nick?“, rief er halblaut in den Hausflur. Sein Blick fiel auf Cutters Jacke, die ordentlich an den Haken gehängt war und Conner war sich sicher, dass er den Paläontologen diesmal nicht entkommen lassen wollte. Und er rief lauter: „Nick!“

Seltsam, dachte der Student. Vielleicht war dem Professor irgendetwas passiert… Neugierig, wie Conner nun einmal war, sah er zuerst in der Küche, dann im Wohnzimmer nach und betrat schließlich das Schlafzimmer. Doch als er einen Haarschopf aus den Laken ausmachen konnte, zog sich der junge Mann unauffällig wieder zurück. Er wollte Cutter nicht beim Schlafen stören und so beschloss der vorläufig wieder zu verschwinden. Lautlos steuerte er auf die Haustür zu, welche sich just in diesem Moment öffnete.

Schwer zu sagen, wer von beiden geschockter war. Cutter, der sich sofort fragte, was Conner hier zu suchen und noch viel mehr was er gefunden hatte und Conner fragte sich unweigerlich, wer der Mann in Cutter Bett war.

„Ähm… Da liegt ein Mann in deinem Bett…“, sagte der Student geistreich.

Conner seufzte schwer. „Ich hätte es euch ja gesagt, aber er wollte es nicht.“

„Das ist schon okay, Nick, ich werde es für mich behalten“, versicherte Conner schnell.

Nick zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. „Du willst das nicht Abby erzählen?“, fragte er überrascht.

„Abby? Ich dachte da eher an Jenny!“, sagte Conner verwirrt.

„Moment mal! Was willst du für dich behalten?!“, fragte Cutter alarmierend.

„Na, dass du offensichtlich schwul bist!“

Nick starrte ihn an. „Du… du hast ihn nicht erkannt…“, stellte er fest und bereute im nächsten Moment, was er gesagt hatte.

Conner war gerade ebenso verwirrt, dann erinnerte er sich nochmals zurück. Der Haarschopf war gar nicht blond gewesen. Im ersten Moment hatte er tatsächlich geglaubt, dass es sich um Nick gehandelt hatte, aber der hatte keine kastanienbraunen Haare, die unordentlich und unbändig vom Kopf abstanden. Eigentlich kannte er nur eine Person aus seinem… ehemaligen Bekanntenkreis mit dieser Frisur. Und als er Groschen fiel, fiel auch Conners Kiefer und zwar ins bodenlose. Völlig perplex und ungläubig starrte er Nick an, der ebenso zurückstarrte, weil er gerade zugelassen hatte, dass sein Student die Wahrheit erfuhr.

Conner drehte auf dem Absatz um und rannte zum Schlafzimmer und auch Nicks Ruf hielt ihn nicht mehr auf. Ehe der Mann ihn zurückhalten konnte, war der Student an seinem Bett und riss ungestüm die Bettdecke weg. Sein ungläubiger Blick fiel auf einen Todgeglaubten, der zwar fast schlief wie ein Toter, aber die Bewegung natürlich registriert hatte. Mit einem unwilligen Schnaufen, verzog er missbilligend das Gesicht und wollte sich im Halbschlaf auf die andere Seite drehen, doch Conner packte in an den Schultern und zwang ihn wach zu werden.

Nur widerstrebend öffnete Stephen schließlich die Augen, doch so aus der Ruhe gerissen registrierte er nicht wirklich, was gerade geschah. Mit hochgezogenen Augenbrauen und halbgeschlossenen Lidern starrte er den Studenten verwirrt an. Erst nach einigen Sekunden brachte er es fertig, die Hände von sich zu schieben.

„Hallo Conner, schön dich zu sehen“, sagte er tonlos und warf Nick, der im Türrahmen stehen geblieben war, einen vorwurfvollen Blick zu. Doch der Paläontologe zuckte bloß resigniert mit den Schultern.

Conner starrte ihn noch immer an, kniete halb auf dem Bett und konnte nicht fassen, was hier gerade ablief. Doch dann beschloss er offensichtlich diese Frage auf später zu verschieben. Mit einem undefinierbaren Schrei stürzte er sich auf Stephen und umarmte ihn stürmisch.

Nick beobachte die Aktion halb gesorgt, da er befürchtete Conner konnte seinen Laboranten erschicken und halb amüsiert, da Stephen mit einem kläglichen „Uff“ nach hinten wegkippte.

„Oh mein Gott, oh mein Gott! Das ist total krass!“, jubelte Conner während er Stephen wieder freihab. „Abby wird ausrasten!“

„Nein, nein, nein! Sie wird nicht ausrasten!“, bestimmte Stephen schnell und schob den Student etwas von sich weg. „Weil sie hiervon nichts erfahren wird!“

„WAS!? Stephen, sie denkt, dass du tot bist!“

„Ich weiß und wenn du ihr sagst, dass dies nicht der Fall ist, dürft ihr in spätestens einer Woche nochmals an meinen Gab weinen!“




Kapitel 6

Doktor James Hart war ein angesehener Mann in der Mitte der Fünfziger. Er hatte helle blaue Augen, strenge doch ungemein attraktive Gesichtszüge und eine sportliche Figur mit keinem Gramm Fett zuviel auf den Rippen. Er war sehr groß und ungemein diszipliniert. Eine Eigenschaft, die er besaß seit er Denken konnte und dies konnte er sehr gut. Schon früh hatte der Mann eine innenwohnende Autorität bemerkt und war sich seit seinem fünften Lebensjahr sicher, einmal eine rothaarige Frau zu heiraten, Arzt – vorzugsweise HNO-Arzt –zu werden und einen Sohn großzuziehen, der ebenfalls eine medizinische Richtung einschlagen würde.

Geheiratet hatte er mit neunzehn, sein Studium mit fünfundzwanzig angeschlossen und ein Jahr später war sein Sohn Stephen geboren worden. Doch der Junge war eine einzige Enttäuschung gewesen. Zwar war er sehr intelligent und hatte gute Note geschrieben, doch er hatte sich schon früh lieber mit Mädchen und Sport beschäftigt als mit seinen Hausarbeiten. Äußerlich war Stephen ihm immer sehr ähnlich gewesen: Gefühlskalt, attraktiv und selbstsicher. Doch da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Als Stephen zur Universität gegangen und Paläontologie hatte studieren wollen, war dies der letzte Tag gewesen an dem James sein Sohn gesehen hatte. Nur sporadisch waren Briefe angekommen mit kurzen Nachrichten und manchmal auch Fotos, aber James hatte sie sich nie angesehen… bis vor drei Monaten jedenfalls nicht. Danach war seine Welt zusammengebrochen. Er hatte immer gedacht, dass Stephen irgendwann einsehen würde, was für einen riesigen Fehler er gemacht hatte. Niemals wäre der Doktor selbst auf seinen Sohn zugegangen und dies hatte er bitterlich bereut.

Als Nick Cutter vor seinen Türschwelle gestanden und die Todesnachricht überbracht hatte, hatte James gedacht, es müsste sich um eine Verwechslung handelt, doch nach und nach war ihm bewusst geworden, dass dieser Mann nicht log. Er hatte sich absolut nichts anmerken lassen, Nick für die Überbringung der Nachricht gedankt, seine Frau informiert und war beherrscht in sein Auto gestiegen und drei Tage unauffindbar gewesen. Pünktlich zur Beerdigung war er wieder aufgetaucht und man musste ihn schon sehr gut kennen, um zu bemerken, wie sehr James sich seit dem verändert hatte. Er verdrängte die Tatsache, dass sein Sohn Tod war und heuerte einen Privatdetektiv an, der herausfinden sollte, wo Stephen geblieben war. Doch in seinem Herzen wusste James, dass die Hoffnungen unberechtigt waren, aber wenn er dies zugäbe, ginge er zugrunde. Und ebendies wusste auch seine Frau.

Catherina Hart war rothaarig, zierlich und hatte hellblaue Augen. Sie war früher Tierpflegerin gewesen und hatte ihre Berufung schließlich für ihren Mann aufgegeben. Ihre großgütige Art, ihre Barmherzigkeit und ihre Liebe zu allen Lebewesen, ob Mensch oder Tier war es, was die größten Unstimmigkeiten hervorrief, wenn über James und Catherina geredet wurde. Doch Catherina wusste um die versteckten Gefühlte ihres Mannes. Sie konnte in ihm lesen, wie in einem Buch. Sie war es gewesen, die ihm um ein Date hatte bitten müssen und nachdem er irgendeine erfundene Freundin vorgeschoben hatte und sie dies entlarvt hatte, waren die beiden schon sehr früh zusammengekommen. Sie war zielstrebig, selbstbewusst und temperamentvoll und all diese Eigenschaften hatte sie ihren über alles geliebten Sohn vererbt. Stephen hatte die positiven Charakterzüge beider Elternteile erhalten – wenn Catherina mal von der Gefühlsarmut absah. Sie hatte immer zutiefst bedauert, dass ihr Mann und Stephen sich so sehr zerstritten hatten, doch sie musste sich für eine Seite entscheiden. Ihr Sohn war stark genug, um diese Krise alleine zu überwinden, doch James war nicht halb so taff, wie er gerne tat und so war sie bereitwillig bei ihm geblieben. Auch denn Stephen sich nie beschwert hatte, so konnte sie nachvollziehen, dass er darüber enttäuscht gewesen war – er war ja auch erst Anfang der zwanzig gewesen.

Und nun war ihr einziger Sohn tot. Und seit dem konnte sie ihren Mann nicht mehr deuten. James war nach außen unverändert, doch innerlich war er mit seinem Sohn gestorben und Catherina hatte nicht die Kraft ihn wieder aufzubauen, sie selbst fühlte sich nicht lebendiger.




Conner hatte zwar sein Missfallen zum Ausdruck gebracht, doch schließlich zugestimmt das Geheimnis zu wahren. Seit dem benahmen sich beide Männer – Conner und Nick – wie Glucken. Stephen tat unheimlich genervt von ihrer Fürsorge, doch Nick wusste, dass der junge Mann insgeheim froh war über ihre Hilfe. Trotzdem lastete ein schweres Gewicht auf seinen Schultern und er verlor kein Sterbenswörtchen darüber. Sein Zustand hatte sich verbessert – das musste Nick zugeben – doch er schlief oft und nahm zu viele der Schmerztabletten zu sich. Außerdem aß sein Assistent viel zu wenig und das, was er zu sich nahm, setzte so gut wie gar nicht an.

Nick hatte ihm auch von den Problemen, die das ARC im Moment mit der Geheimhaltung hatte, erzählt und, dass dies vor allem an dem Misstrauen von Stephens Eltern lag.

„Meine Eltern?“, fragte Stephen überrascht nach. „Sie haben mich seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen und hängen dir dann an, dass du meinen Tod vorgetäuscht haben sollst?“, meinte der junge Mann verständnislos.

„So genau haben sie das nicht gesagt, aber im Prinzip schon…“, erklärte Nick, der um das überaus schlechte Verhältnis von den Harts wusste. James war ein angesehener Arzt und hatte seinem Sohn nie verziehen, dass dieser eine Laufbahn als Paläontologe eingeschlagen hatte. Woher dieser trotzdem das Geld für die Studiengebühren erhalten hatte, hatte Nick in den ganzen Jahren seiner Freundschaft nie erfahren können, doch er vermutete einige peinliche Nebenjobs über die Stephen sich einfach ausschwieg.

Zwei Tage nachdem Conner so plötzlich bei Nick aufgetaucht war, war Stephen das erste Mal für einige Stunden alleine. Und Cutter sollte bereuen, dass er das Haus verlassen hatte. Von innen an die Tür gepinnt hing ein Fetzen Papier. Cutter erkannte sofort, dass Stephen die in Eile geschwungenen Buchstaben geschrieben hatte:

Hey Cutter,
thanks for everything!
Bye,
Stephen




Kapitel 7

Es war mühselig bis zum Taxi zu kommen, es war anstrengend dem Fahrer klar zu machen, dass er zum Forest of Dean wollte und dort warten sollte bis er wiederkam und es war fast unmöglich die Strecke wiederzufinden, die er halbtot und fast blind hinter sich gebracht hatte.

Er verbrachte beinahe zwei Stunden in dem Wald ehe er das gefunden hatte, was er vor Wochen unter einem bestimmten Stein versteckt hatte. Sein Bein schmerzte höllisch und die Arme würden bald unter ihrem Gewicht zusammenbrechen, doch er war unendlich froh es gefunden zu haben. Der Gegenstand war nicht besonders  groß, aber größer als ein Handy und ziemlich schwer. Zufrieden packte er das Ding in den Rücksack, den er von Cutter mitgehen hatte lassen und machte sich auf den Heimweg. Zu seinem Glück hatte der Taxifahrer wirklich gewartet.

Erschöpft ließ er sich auf dem Beifahrersitz nieder. Er musste ein seltsames Bild abgeben: Abgekämpft, schmutzig und Halbinvalide mit dieser dämlichen Krücke. Nicht zuletzt kam auch noch hinzu, dass er immer noch keine eigenen Sachen am Leib trug, sondern aussah wie ein Hilfsbedürftiger. Der Taxifahrer sah ihn mit kaum verstecktem Misstrauisch an, denn offensichtlich machte er sich berechtigte Sorgen, ob sein Fahrgast auch zahlen konnte. Stephen hatte wirklich keinen einzigen Pfund bei sich.

„Wohin soll es jetzt gehen?“, brummte er missgelaunt.

Stephen seufzte. „Wird eine längere Strecke, fahren sie erst mal Richtung Stadt.“

Die Fahrt verlangte Stephen einiges an Durchhaltevermögen ab. Er wusste, dass er nicht zu viele von den Schmerztabletten nehme durfte und wollte nicht unvernünftig sein, trotzdem konnte er nicht anders. Sein Bein tat höllisch weh, er war erschöpft und hatte schreckliche Kopfschmerzen. Außerdem behagte ihm er Umstand nicht, wenn er an sein Ziel dachte. Drei Stunden und zwei Schmerztabletten zogen an ihm vorbei und schließlich hatte er seinen Ankunftsort erreicht.

„Warte Sie kurz, ich hole ihr Geld“, erklärte der junge Mann und stieg umständlich aus.

Sie hatten vor einem großen Einfamilienhaus geparkt. Es war weiß, hatte einen wunderschönen Vorgarten und lag in einer wohlhabenden Nachbarschaft. Stephen war seit Jahren nicht mehr hier gewesen und trotzdem hatte sich kaum etwas verändert. Penibel gepflegte Zaunlatten, Sträucher und Kopfsteinpflaster. Der Gärtner schien seinen Job noch immer so gut zu beherrschen wie damals.

Mühsam auf die Krücken gestützt brachte Stephen die wenigen Meter bis zur Hauseinfahrt hinter sich. Er wollte nicht den Haupteingang benutzen, den er Zeit seines Lebens gemieden hatte, sondern lieber durch den Dienstboteneingang eintreten. Er konnte nur hoffen, dass auch jemand da war, denn sonst würde er nicht hineingelangen und zudem ein ernstes Problem mit dem Taxifahrer bekommen.

Seine Sorge war unbegründet und er konnte ungehindert eintreten. Völlig entkräftigt ließ er sich auf einen der Küchenstühle sinken und erlaubte seinen Körper sich kurz auszuruhen. Nur nebensächlich nahm er war, dass sich schlurfende Schritte näherten, die er selbst im Schlaf wiedererkannt hätte.

„Paul“, sprach er den Haushälter an. „Könnten Sie bitte das Taxi vor dem Haus bezahlen.“

Der Mann war schon halbblind und –taub gewesen, als Stephen noch hier gewohnt hatte. Und da der junge Mann mit dem Rücken zu dem Greis stand und dieser deswegen nur dessen Umrisse sah und die Stimme hörte, erkannte er Stephen nicht als solchen und das wusste dieser nur zu gut.

„Selbstverständlich, Doktor“, sagte er mit leiser, angenehmer Stimme und schlurfte davon. Stephen musste leicht lächeln, weil ihm abermals schmerzlich bewusste wurde, wie sehr er seinem Vater ähnelte.

Mehrere Minuten saß Stephen einfach auf dem Stuhl und starrte vor sich hin. Wie lange war sein letzter Besuch her gewesen? Zehn, zwölf Jahre waren es mindestens… Trotzdem hingen wahnsinnig viele Fotos und Gemälde von ihm an den Wänden, welche vermutlich das Verdienst seiner Mutter gewesen war. Er nahm eine weitere Schmerztablette ein und lehnte sich zurück, warte darauf, dass das Medikament seine Wirkung freigab. Und er überlegte, ob er sich einfach in sein altes Zimmer begeben solle, um sich hinzulegen. Er war unendlich müde, wie so oft in letzter Zeit, vermutlich eine Nebenwirkung der Tabletten. Er wusste nicht einmal, ob er die wenigen Meter bis zum Sofa schaffen würde.

Ausgelaugt verschränkte er die Arme auf der Tischplatte und ließ den Kopf darauf niedersinken. Nur ein paar Minuten die Augen entspannen, nahm er sich vor. In dieser unbequemen Haltung würde er sowieso nicht schlafen können… dachte er jedenfalls.

Erst zwanzig Minuten später erwachte er wieder von einem überaus laut schepperndem Geräusch. Alarmierend fuhr er hoch, bereute das aber sofort, da sein Nacken sich völlig verspannt hatte. Er nahm eine verschwommene Gestalt wahr und spürte im nächsten Moment, wie er kraftvoll empor gerissen wurde, nur mühsam fand er sein Gleichgewicht wieder. Seine Gelenke protestierten schmerzhaft. Dann fühlte er, dass eine zierliche Gestalt beide Arme um ihn geschlungen hatte, ihn fest gegen sich presste. Panisch wollte er sie im ersten Augenblick von sich stoßen, doch dann stieg ihm der unverwechselbare Geruch von leicht süßlichem Parfüm in die Nase. Rote Haare kitzelten seine Wange und Tränen benetzten sein Shirt.

Stephen atmete befreit einmal tief durch, bevor er die rüde Umarmung liebevoll erwiderte. Seine Mutter klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende, weine laut und herzverreißend. Sporadisch schrie sie verzweifelt und zutiefst verletzt auf und Stephen gelang es nur schwerlich Catherina festzuhalten. Irgendwann ließ sie ihren Kopf matt auf seine Schulter fallen und zitterte nur noch am ganzen Leib. Stephen zog seine Arme noch etwas fester um sie, dann drückte er einen liebevollen Kuss auf das rot leuchtende Haar.

„Hey, Mom“, wisperte er zärtlich. Behutsam schob er sie etwas von sich, um sie ansehen zu können. Sie sah andern aus, als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Sie war älter geworden und dünner. Leichte Grausträhnen zogen sich durch ihre Haare, feine Linien an den Augen und dem Mund verrieten ihr Alter, aber Stephen fand, sie sah immer noch jünger aus als sie war. Ihr Gesicht war nass und gerötet von den Tränen. Sie umklammerte seine Oberarme schmerzhaft und sah ihn so ehrfürchtig und unverständig als, als wäre er ein unerwartetes Geschenk Gottes.

„Stephen“, flüsterte sie. Ihre zittrige Hand glitt über seine eingefallenen Wangen, strich über seine Haare, berührte seinen Mund, seinen Hals, wieder die Wange… Sie starrte ihn aus riesigen, verweinten Augen an. „Wie… ist das nur möglich?“

„Ist doch egal, Mom“, erwiderte er ebenso leise wie sie und lächelte sie lieb an.

Sie lächelte zurück, begann schließlich leise und immer lauter werdend zu lachen, warf sich abermals um seinen Hals und schrie ihre Freude schließlich hinaus in die Welt. So standen sie eine ganze Weile in der Küche, bis Stephen die Verbindungen zwischen ihnen schließlich löste und sich vorsichtig wieder auf den Stuhl sinken ließ. Erst jetzt sah seine Mutter die Verletzungen ihres Sohnes.

„Was ist passiert?“, fragte sie erschrocken.

Er lächelte schief. „Ich war tot – schon vergessen?“

Sie warf ihm einen vorwurfvollen Blick zu und schüttelte schließlich den Kopf, betrachtete ihren Sohn voller Liebe und Zuneigung. Sie legte beide ihrer kleinen Hände an seinen Kopf, sah ihn lange an und drückte schließlich einen zärtlichen Kuss auf seine Stirn.

Mutter und Sohn fuhren beide überrascht zusammen, als sie hören konnten, wie sich die Eingangstür öffnete. Schwere Schritte kamen näher und auch die wusste Stephen zuzuordnen. James Hart hatte soeben das Haus betraten.

„Catherina?“, rief er in den Hausflur.

Die rothaarige Frau strahlte grad zu vor Glück. „In der Küche“, flötete sie.

Die Tür wurde Augenblicke später geöffnet. Ein großer Mann mit grauen Haaren und hellen Augen erstarrte. Seine Statur war eindrucksvoll, er hatte eine strenge Haltung und wirkte trotz seines Alters sportlich. Die Brille machte in intellektuell, verstärkte seine Disziplin noch weiter. In einer zögernden Bewegung griff er nach dem Glasgestell und streifte sie ab. Ungläubig starrte er weiterhin auf seinen Sohn, blinzelte verwirrt. Das gefühlsarme Gesicht entblößte Schock und Schmerz. Klirrend fiel die Brille auf den Boden, zerbrach ungeachtet ihres Besitzers, der einen ungeschickten Schritt in die Küche hineinstolperte.

Fassungslos und verstört taumelte der Mann weiter in den Raum, ließ seinen Sohn – der sich langsam erhoben hatte – keine Sekunde aus den Augen. Langsam legten sich beide Hände auf seine Schultern, hielten ihn so weit genug weg, um ihn ansehen zu können und nahe genug, um zu verhindern, dass er zurückwich. Schmerzhaft fast krallten sich die Finger in die Haut. Mehrere Sekunden sahen sich Vater und Sohn wortlos in die Augen, dann wurde Stephen hart an den älteren rangezogen und fest umarmt. Dem jungen Mann blieb kurz die Luft weg, er spürte den schnellen Herzschlag seinen Vater und hörte den schnellen Atem, dann ließ er sich einfach fallen. Erschöpft ließ er sich mit der Stirn gegen die Schulter seines Vaters sinken und schloss vertrauensvoll die Augen. Hier war er sicher, hier war niemand hinter ihm her, hier würde ihm niemand irgendetwas antun…

„Dad, ich könnte deine Hilfe gebrauchen!“, wisperte er mit müder, rauer Stimme.

James sah seinen Sohn warm an, Tränen rannten ihm über die Wangen. All die Liebe, die er für sein Kind empfand stand in diesem Blick, den Stephen nicht einmal sehen konnte. Mit einer Hand auf dem Schulterblatt seines Kindes zog er ihn noch näher an sich. Die andere Hand hatte er in der unbändigen Mähne desselbigen vergraben, verhinderte so, dass dieser sich zurückzog.

„Was kann ich tun?“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme zurück.




Kapitel 8

Zwei lange, kräftezerrende Monate hörten weder Nick noch Connor etwas von dem Verschwundenen. Sie hatten bekannte Orte aufgesucht und bei vielen Bekannten angerufen, doch verständlicherweise konnten sie nicht direkt noch Stephen fragen. Nick hatte sogar versucht über die großen Taxiunternehmungen Erkundungen einzuholen, denn der junge Laborant war niemand, den man so schnell vergaß oder gar übersah, erst recht nicht mit den Gehhilfen, doch anscheinend hatte Stephen entweder ein kleineres Taxiunternehmen bestellt oder war auf eine andere Weise verwunden.

Es war Sonntag und die sechsmonatige Messe zum Gedenken an den Toten stand an. Beide Männer fühlten sich wie Heuchler, als sie sich zur Kirche aufmachten. Wie konnten sie den Trauernden in die Augen sehen, wenn sie doch wussten, dass der Betrauerte gar nicht gestorben war?

Überraschend viele Menschen fanden sich in der kleinen Kirche ein. Stephen hatte vor allen an der Universität in vielen Clubs und Vereinen wie auch außerhalb mit ehemaligen Studenten weitreichende Kontakte geknüpft. Ansonsten waren natürlich auch Abby und Jenny anwesend. Die blonde Frau hatte einen längeren schwarzen Rock und ein ebenso schwarzes Oberteil angezogen, welches ihre zierliche Figur – wohl mehr unwissend als beabsichtigt – gut getonte. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert, vereinzelnde Tränen rannten noch bevor die Messe begonnen hatte, über ihre Wangen und ließen ihr Makeup verwischen. Sie hatte den Tod ihrer heimlichen Liebe selbst nach einem halben Jahr nicht annähernd verarbeitet. Selbst Connor hatte in dieser Hinsicht nicht mit ihr sprechen können und war nicht zu ihr durchgedrungen. Sie saß steif und abwesend auf dem Platz zwischen den beiden Männern und hielt ein mitgenommen aussehendes Stück Papier in den Händen. Cutter wusste, dass dies die Trauerrede war, die sie unbedingt hatte sprechen wollen. Nick hatte ihr nur zu gerne diese Rolle überlassen, denn er wusste nicht, ob er es geschafft hätte, die ganzen Leute anzulügen.

Die kleine Kirche war restlos überfüllt. Nick erkannte in der Menge auch Stephens Eltern, die ihren Verlust weit besser verarbeitet hatten, als der Paläontologe vermutet hätte. Sie wirkten ruhig und gefasst. An ihrer Seite erkannte Nick Jemanden, der Stephens Bruder hätte sein können, doch als der vermeintliche ihn direkt ansah, bemerkte Nick seinen Fehler. Das WAR Stephen!

Der junge Mann trug einen vornehmen, schwarzen Anzug, hatte die Krawatte lose und ungebunden um den Hals hängen als wäre er es leid sie umzuhaben und einen schlichten Hut tief ins Gesicht gezogen. Er trug einen länglichen Koffer mit sich, den er jetzt auf den Boden neben seine Füße stellte und zog sich in eine abgelegene Ecke zurück. Nick hatte ihn einzig und allein an den Bewegungen ausgemacht, denn ansonsten hatte er sich recht gut maskiert. Fassungslos starrte Nick ihn an und Stephen lächelte nur seelenruhig zurück. Der Mann hatte vielleicht Nerven!

Aber plötzlich konnte der Paläontologe auch verstehen, wieso Stephens Eltern so ruhig blieben, bei ihnen hatte der junge Mann vermutlich die letzten Wochen gesteckt. Der anfängliche Schock wandte sich zur Erleichterung. Seinem Freund ging es gut, er war in Sicherheit. Aber wieso war er auf seiner eigenen Andacht aufgetaucht?

Stephen hingegen wandte seinen Blick bald von ihm ab und sah nun lange Abby an, die neben Nick saß. Und der Mann konnte plötzlich Schmerz und Sehnsucht in den hellen Augen lesen, aber nur einen winzigen Augenblick lang, dann sah Stephen zu Boden. Ein irrwitziger Gedanke drängte sich ihm in den Sinn: War Stephen gekommen, um Abby wiederzusehen?!

Ein winziges Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Ob der junge Mann sich dessen wohl überhaupt bewusst war? Nick konnte sich kaum vorstellen, dass Stephen sich seiner Gefühle bewusst war. Allgemein war sein Assistent in einem weitaus besseren Zustand als Nick erwartet hatte. Sein Bein schien wieder in Ordnung, er war nicht mehr so erschreckend blass und hatte auch etwas zugenommen. Dann fiel Nick auch wieder ein, dass James Hart Arzt war und sich mit Sicherheit hingebungsvoll um seinen Sohn gekümmert hatte.

Cutter wurde erst wieder aus seinen Gedanken gerissen, als sich Abby neben ihm regte. Sie erhob sich und folge dem breiten Gang zwischen den beiden Bankreihen zum Ambo. Ihre Schuhe erzeugten ein klackerndes und nachhallendes Geräusch in der totenstillen Kirche. Sie sah nun gefasster aus, allerdings befürchtete Nick, dass sie dies nicht lange durchhalten würde und er verspürte Mitleid mit der jungen Frau.

Sie erreichte den Chorraum und erklomm die zwei Treppenstufen, positionierte sich hinter dem Vorlesungspult und raffte ihre Blätter, dann sah sie einmal über die Gemeinde der Trauernden. Ihr Blick aus wässrigen Augen war ernst und unglücklich. Sie strich sich eine Strähne ihrer langgewordenen platinblonden Haare hinter die Ohren und war bereit mit ihrer Rede zu beginnen.

Doch plötzlich passierte etwas Merkwürdiges. Keine drei Meter von Abby entfernt begann es in schillernden Farben zu glitzern. Direkt über dem Altar manifestierte sich eine Anomalie. Cutter starrte sie ebenso fasziniert an wie der Rest der Anwesenden. Eingeweihte wie Ahnungslose!

Das war doch unmöglich. Gerade hier und jetzt sollte zufälligerweise eine Anomalie erscheinen? Gerade jetzt?! Doch als Nick aus dem Stimmenwirrwarr heraushörte „Das ist ein Zeichen“ riss ihn das aus seinem Erstarren. Er musste die Leute hier herausbekommen, bevor irgendwelche Tiere aus der Anomalie auftauchten. Doch er war schon zu spät.

Cutter konnte nicht glauben, was hier gerade ablief. Das KONNTE kein Zufall sein! Eine Anomalie hier in der Kirche! Am Tag von Stephens Gedenken! Und eine Herde Saurier, die diese Anomalie sofort entdeckt hatte! Er wechselte einen schnellen Blick mit Stephen, der das Ganze ebenso fassungslos beobachtete.

Connor und Jenny, die in derselben Reihe saßen wie er, standen auf und schrieen die Leute an, die Kirche zu verlassen. Die meisten Menschen bewegten sich nicht, starrten die riesige Kreatur an, die langsam aus dem Licht auftauchte. Der aufrechte Saurier war etwas drei Meter groß, hatte rotschuppige Haut und eine längliche Schnauze mit rasiermesserscharfen Zähnen.

„Ein Deinonychus“, hauchte Connor neben ihm. Jetzt erkannte Cutter auch die große, sichelförmige Zehe und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Hier in der Kirche befanden sich so viele Menschen, die nicht rechtzeitig hinausgebracht werden konnten und Cutter und sein Team hatten selbstverständlich keine Waffen mitgenommen. Diese Tiere waren geborene Killer. Und sie jagten im Rudel. Noch ehe Cutter diesen Gedanken zuende gedacht hatte, war eine zweite Kreatur aus dem Licht getreten.

Panik machte sich unter den Anwesenden breit. Hektisch rannten die Menschen auf den Haupteingang zu und versuchten die Kirche so schnell wie möglich zu verlassen. Stephen schickte seine Eltern weg, doch er selbst blieb ebenso wie Cutter und sein Team. Jenny und Connor versuchten die panischen Menschen hier herauszubekommen. Überall schrieen und rannten sie durcheinander.

„ABBY! GEH DA WEG“, hörte er jemanden brüllen und erkannte, dass es Stephen war. Der junge Mann hatte plötzlich zwei Handfeuerwaffen in der Hand, eine Pistole und ein Gewehr. Vermutlich hatte er sie in dem Koffer gehabt, doch Nick konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum er sie in die Kirche mitgenommen hatte.

In dem Chaos bemerkte niemand Stephens Auftauchen. Niemand außer Abby. Erstarrt stand sie im Altarraum keine drei Meter von der Anomalie entfernt und bewegte sich keinen Millimeter. Aus riesigen Augen starrte sie den jungen Mann an, der sich rasch auf sie zu bewegte.

Der erste Saurier war inzwischen vom Altar gesprungen, hatte Abby noch nicht bemerkt, dafür aber die panische Menschenmenge. Doch Cutter wusste, dass das Raubtier nicht jagen würde, ehe seine Artgenossen da waren, denn sie töteten ausschließlich im Rudel.

Im Laufen, schmiss Stephen Nick mit einem „CUTTER!“ die Pistole zu. Der Paläontologe fing sie auf und im Moment war es ihm auch egal, ob sie mit scharfer Munition geladen war, Hauptsache sie schoss irgendetwas ab. Stephen hatte die Waffe auf den ersten Deinonychus gerichtet und abgedrückt. Der Schuss tötete das Tier nicht, ließ es aber zurücktaumeln. Damit sicherte Stephen sich nicht nur die Aufmerksamkeit der Saurier, sonder auch die der Menschen, die sich noch in der Kirche aufhielten.

Das zweite Tier sprang ebenfalls hinab, doch bevor es auch nur die Bankreihen erreicht hatte, wurde es von Nick angeschossen und schrak ebenfalls zurück. Doch ein drittes Tier erschien wie aus dem Nichts.

„VERSCHWINDE DA, ABBY!“, schrie Stephen abermals. Ein erneuter Schuss tötete das gerade erscheinende Tier und ließ es rücklings durch die Anomalie verschwinden, um einem neuen Herdenmitglied Platz zu machen.

Die Blonde Frau bewegte sich keinen Zentimeter, starrte Stephen unverwandt an, stand ganz offensichtlich unter Schock. Ihre Augen erschienen riesig, sie zitterte plötzlich. Ihr Mund formte Laute, die sie aber nicht ausstieß. Der junge Mann kam rasch näher, schoss jetzt unentwegt. Doch es hatte keinen Sinn, immer mehr Tiere erschienen im Altarraum, abgelenkt durch die lärmende und kreischende Menge, nahmen sie die junge Frau ganz in ihrer Nähe nicht wahr.

Stephen konnte sie mit einigen schnellen Schritten erreichen, befand sich jetzt wenige Meter von den Sauriern entfernt. Sie konnten ihn offensichtlich keiner Spezies zuordnen, deswegen zögerten sie ihn anzugreifen. Nur diesem Umstand und seiner Waffe verdankte er sein Leben. Er packte die geschockte Frau grob am Oberarm und zog sie rückwertsgehend wieder weg, doch die Tiere waren inzwischen schon bei den Bänken, schnitten ihnen den Weg ab und Stephens Blick fiel auf die einzige Tür, die sich neben ihnen befand. Er zögerte nicht eine Sekunde, ehe er sie aufstieß und mit Abby darin verschwand. Beinahe sofort hörte er wie der erste Deinonychus gegen das Holz sprang und wusste, dass die Tür nicht lange standhalten würde.

Mit einem schnellen Blick durch die Sakristei bestätigte sich sein Verdacht, dass dies die einzige Tür war. Sie saßen in der Falle!




Kapitel 9

Nick wurde von den Tieren rasch zurückgedrängt. Jenny und Connor hatte er bereits rausgeschickt und nun war nur noch er in der Kirche, der beobachten konnte, wie Stephen Abby am Arm packte, in die Sakristei bugsierte und ihr somit das Leben rettete. Der erste Deinonychus sprang gegen das Holz und Nicks Herz setzte einen Moment lang aus, doch die Tür hielt vorläufig stand. Cutter konnte nur noch hoffen, dass Stephen und Abby durch eine Hintertür entkommen konnten, dann wandte auch er sich ab und rannte davon. Kaum hatte er das Gebäude verlassen, verschlossen sie die Türen so gut sie konnten und waren dann zum Abwarten verdammt. Mit einem schnellen Rundgang um die Kirche, hatten sie herausgefunden, dass keine Hintertür existierte und so beteten die Anwesenden, dass die Tür den Sauriern standgehalten hatte.

Erst entlose dreißig Minuten später war die Spezialeinheit eingetroffen und hatte die Saurier soweit eliminieren können, dass Cutter sich Zugang verschaffen konnte. Er rannte an den toten und betäubten Tieren vorbei, bemerkte nur nebensächlich, dass die Anomalie sich geschlossen hatte und sah dann mit Schrecken, dass die Tür zur Sakristei weit aufstand und halb aus den Angeln gerissen war. Zögernd trat Nick ein, Connor und auch James dicht auf den Versen. Er entdeckte keine Spur von den beiden Verschwundenen.

„Bitte nicht“, wisperte der Professor panisch.

„Hier ist kein Blut“, bemerkte Stephens Vater analytisch doch mit zittriger Stimme.

Connor war inzwischen ganz in den Raum getreten und hatte etwas entdeckt, was den anderen verborgen geblieben war. Wortlos schloss er die demolierte Tür und Cutter und James konnten seinen Fund ebenfalls sehen. Da waren krakelige, knallrote Buchstaben auf das Holz gemalt.

Don’t worry! Sought shelter!
                                   S.H.




Dreißig Minuten zuvor…

Stephen suchte panisch nach irgendetwas, um die Tür zu stabilisieren. Er musste wenigstens die Klinke befestigen, um zu verhindern, dass die Saurier zufällig dagegen kamen und somit einfach hineinspazieren konnten. Schließlich blieb ihm nur sein Gewehr, welches er wehmütig unter die Türklinge schob. Sein nächster Blick galt Abby, die zitternd noch immer neben ihm stand und sich beinahe schmerzhaft fest an seinem Oberarm festkrallte. Doch das Zittern galt nicht ihrer Angst vor den Tieren, sonder rührte einzig und alleine vom Schock her.

Sie starrt ihn aus riesigen Augen an, atmete sehr schnell und ihr Mund formte Worte, die nie gehört werden würden. Schließlich ließ sie ihn so plötzlich los, als hätte sie sich verbrannt und stolperte mehrere Schritte rückwärts. Zittrige Hände schoben sich vor ihre Lippen und Tränen begannen ihre Wangen hinabzulaufen.

„Stephen“, wisperte sie. Ihre Beine gaben unter ihrem Gewicht nach und sie sackte auf den Boden. Zitternd blieb sie dort sitzen.

Stephen derweil holte ein kleines Gerät aus der Tasche, das entfernt aussah wie ein Handy. Er schaltete es ein und legte es vorsichtig auf den Boden, dann betätigte er den Startknopf. Sofort schoss beißend helles Licht aus dem Gerät hervor, welches sich nach wenigen Sekunden wieder zusammenschrumpfte und schließlich schimmernd und bunt zuckend, sich langsam stabilisierte. Der junge Mann wusste, dass drei Minuten vergehen würden, ehe sie gefahrlos hindurchtreten konnte. Und drei Minuten konnten eine Ewigkeit sein, wenn man in einem kleinen Raum gefangen war und menschenfressende Saurier vor der Tür standen.

„Abby, hör mir bitte zu“, wandte er sich die junge Frau. „Versuch dich zu beruhigen, okay? Ich bringe uns hier raus, keine Angst!“

Sie starrte ihn an, nickte schließlich langsam und nachdrücklich.

Er lächelte schief. „Gut! Gib mir mal deinen Lippenstift!“

„Mei-meinen Lippenstift?“, fragte sie verstört nach. Er nickte und sie suchte hektisch in ihrer Tasche nach, dann reichte sie ihn Stephen. Der junge Mann nahm den Stift an sich, entfernte die Kappe und drehte ihn auf. Dann wandte er sich der Tür zu und schrieb eilig die wenigen Buchstaben auf das Holz. Musste immer wieder innehalten, wenn eines der Tiere dagegen sprang.

Schließlich trat er zurück und jetzt konnten sie nur noch warten, warten und hoffen. Stephen zögerte nur kurz, dann setzte er sich zu Abby auf den Boden, sah sie einen augenblicklang an und legte schließlich den Arm um sie, zog sie langsam an sich. Sie erstarrte förmlich.

Dass konnte gerade nicht wirklich geschehen! Stephen war tot! Aber der Mann, der sie so liebevoll und beschützend in den Arm nahm, war ganz eindeutig Stephen. Sein Geruch, seine Stimme, selbst sein Aftershave war dasselbe. Tränen rannten weiterhin ihre blassen Wangen hinab, denn schlang sie blitzschnell ihre Arme um seinen Hals, wollte dem Mann so nahe sein, wie sie nur konnte, ehe sich das Trugbild ihrer Phantasie wieder auflösen würde.

Stephen blieb kurz die Luft weg bei der plötzlichen Aktion, doch dann schlang er seine Arme noch etwas fester um die zierliche Frau und zog sie somit näher an sich, flüsterte beruhigende Worte und spürte ihren schnellen Herzschlag und die salzigen Tränen an seinem Hals, konnte ihr dezentes Parfüm riechen. Einen Moment schloss er die Augen und vergaß, wo sie sich gerade befanden.

Doch Stephen wurde rasch wieder aus seinen Gedanken gerissen, als ein erneuter Angriff auf die Tür folgte. Knirschend gab die Tür etwas nach, doch noch hing sie in den Angeln. Die Anomalie war inzwischen als solche zu erkennen, aber noch nicht sicher genug, um hindurchzutreten. Doch lange würden sie nicht mehr warten können. Vorsichtig wollte Stephen sich erheben, doch Abby war nicht gewillt ihn loszulassen, kurzentschlossen zog er sie mit auf die Beine. Sie hatte sich immer noch an ihn geschmiegt und kräftige Weinkrämpfe hatten sie gepackt. Sie stand so zittrig auf ihnen Beinen, dass Stephen der zierlichen Frau ein Arm unter die Knie schob und sie einfach hochhob. Abby schien dies nicht einmal zu bemerkten. Immer noch hatte sie ihr Gesicht in seiner Halsbeuge versteckt und weine hemmungslos.

Mit einem heftigen Lärmen gab die Tür schließlich nach, flog dabei halb aus den Angeln und Stephen wusste, dass es jetzt um Sekunden ging. Er bückte sich mit seiner leichten Last und hob das Gerät auf, dann trat er schnell durch die Anomalie, die sich im selben Augenblick wieder schloss und keine Spur von ihrem plötzlichen Auftauchen hinterließ.




Kapitel 10

Stephen musste kurz die Orientierung wiederfinden, doch dann atmete er erleichtert auf. Punktlandung! Sie befanden sich in der chronisch nichtbesetzten Krankenstation der Universität. Behutsam trat der junge Mann auf eine der Liegen zu und hatte eigentlich vor, Abby dort abzusetzen, doch sie krallte sich so fest, dass er sich dazusetzen musste. Vorsichtig fuhr er immer wieder über ihren Rücken und konnte nur warten, bis sie sich beruhigt hatte. Niemals hätte er vermutet, dass sein Auftauchen sie so aus der Bahn werfen würde.

„Wir müssen warten, bis es dunkel wird“, sagte er schließlich nur um irgendetwas sagen zu können und die Stille zu durchbrechen. „Man darf mich hier nicht sehen.“

Sie löste sich ganz langsam von ihm, entließ ihn aus der Umklammerung und musterte ihn aufmerksam aus rotunterlaufenen, verweinten Augen. „Ich verstehe das nicht, was ist mir dir passiert?“, flüsterte sie.

Er seufzte. „Das ist eine längere Geschichte!“, sagte er schließlich.

Doch sie ließ sich davon nicht beirren. „Wir haben doch Zeit“, sagte sie schlicht. Als er nicht sofort antwortete sah sie sich kurz um. „Wo sind wir hier eigentlich? Das sieht ja aus wie in der Universität.“

Er zog die Augenbrauen hoch und überlegte, wie er am einfachsten anfangen könnte. „Wir sind in der Universität“, erklärte er. „Aber nicht in der, die du kennst. Wir sind in einer anderen Dimension – oder besser noch: In der ersten Dimension, die überhaupt existierte.“

Sie schaute ihn skeptisch und gleichzeitig verwirrt an. „Wie- wie meinst du das? Die erste Dimension, die existierte?“, wiederholte die unsicher.

„Ich versuche es dir zu erklären“, sagte er nach kurzem Zögern. „Ursprünglich gab es eine einzige Dimension, nämlich diese hier und die Menschen hier haben sich in der Erforschung von Zeitreisen versucht. Es gelang ihnen und sie schafften kleine Zeitsprünge, allerdings hatten diese keinen Einfluss auf den Verlauf der Dinge, sondern jeder Zeitsprung öffnete eine neue Dimension, in der die Angelegenheiten eben anders verlaufen. Kommst du mit?“

Sie nickte. „Ich glaube schon.“

„Inzwischen existiert eine Unmenge an Dimensionen, die allerdings von dieser hier durch Anomalien erreicht werden können“, erklärte er weiter. Sie enttäuscht ihn nicht und verstand.

Eifrig nickte sie. „Durch kontrollierte Anomalien, wie du sie vorhin geschaffen hast!“, ergänzte sie.

Er lächelte etwas und nickte nachdrücklich. „Genau! Allerdings ist die Berechnung der Zeit und des Ortes äußerst schwierig. Selbst bei Wissenschaftlern, die auf diese Technik spezialisiert sind, dauert das Tage. Und jetzt wird es kompliziert“, warnte er Abby vor und überlegte kurz, wie er weitermachen sollte. „Es kann nur in Zeiten gereist werden, in den intelligentes Leben existiert. Die ersten Lebewesen dieser Art sind Dinosaurier, die rund 165 Millionen Jahre lang auf der Erde verweilten. Sie tauchten vor etwa 230 Millionen Jahren das erste Mal auf und verschwanden vor 65 Millionen Jahren. Und die Menschen leben nicht einmal fünf Millionen Jahre hier auf der Erde. Das bedeutet, dass die Chance, eine Anomalie in die Saurierzeit zu erschaffen, viel größer ist, als eine Anomalie in die Neuzeit.“

„Deswegen führen die Anomalien, die wir kennen alle in die Urzeit!“, schloss sie.

„Ganz genau!“, stimmte er zu. „Außerdem existieren Jumper, die durch die verschiedenen Dimensionen springen, um den Überblick zu behalten – Helen ist eine von ihnen.“

„Helen?“, fragte sie erstaunt und in ihrer Stimme schwang Abscheu mit.

„Ja. Und an dieser Stelle fängt dann auch meine Geschichte an“, sagte er bedeutungsvoll. „In dieser Dimension hier existierte ich bis vor etwa einem Jahr, dann ist Stephen II durch einen Autounfall gestorben.“

„Gibt es eine Dimension in der du nicht gestorben bist?“, fragte sie keck dazwischen.

Er verdrehte die Augen. „Witzig, Abby…“, sagte er tonlos.

„Entschuldigung…“, nuschelte sie nicht ganz ernst gemeint.

„Der Tod von Stephen II ist der Grund, warum mich hier keiner sehen darf, weil ich eben nicht mehr lebe“, erklärte er. „Er hat hier für das Zeitreiseprogramm gearbeitet genauso wie sein Schwager.“

„Schwager? Du bist verheiratet?“, fragte sie mit unverholender Überraschung.

„Nicht ich! Stephen II ist verheiratet!“, erinnerte er sie.

„Okay, alles klar“, erwiderte sie beruhigt.

„Sein Name ist Liam Carney und er ist gleichzeitig mein Retter wie auch beinahe mein Henker. Er war es, der eine Anomalie in unserer Dimension geschaffen hat und mich aus der Raum mit den Sauriern gerettet hat. Er war von Helen verständigt worden und beide – Liam und Helen – wollen, dass ich für euch als tot gelte, damit ihr nicht nach mir sucht.“

„Aber was wollte Liam denn von dir?“, fragte Abby neugierig.

„Wie gesagt: Stephen Hart ist hier tot und hinterlässt eine krebskranke Frau und zwei Kinder. Liam ist psychisch nicht ganz labil, muss ich dazu sagen“ ergänzte Stephen seufzend. „Jedenfalls hat Helen ihm eingeredet, dass Sarah – Stephens II Frau – nicht alleine klarkommt und somit machte er es sich zur Aufgabe mich hierher zubringen. Er stiel eine von den Zeitreisemaschinen und hat wochenlang gebraucht, um die richtige Dimension, Zeit und den Ort zu berechnen. Das hat er auch geschafft. Als die Anomalie dort auftauchte habe ich keine Sekunde gezögert und bin hindurchgetreten. Liam war anfangs ziemlich nett und ich verdankte ihm mein Leben. Als er mich bat etwas zu bleiben, stimmte ich zu.“

Sie ahnte schlimmes. „Aber dabei blieb es nicht! Er hat dich nicht wieder gehen lassen!“, fragte sie vorsichtig nach.

Stephen nickte. „Ganz genau! Sarah ist wirklich supernett und ich mag sie, aber ich konnte mir nicht vorstellen hier zu bleiben, vor allem nicht, weil ich wusste, dass ihr dachtet, dass ich tot wäre!“

„Trotzdem wolltest du nicht, dass wir wissen, dass du noch lebst, als du in unsere Dimension zurückgekehrt bist!“, stellte sie skeptisch fest.

„Ja, weil ich wieder hierher zurückmusste!“, versuchte er zu erklären. „Aber alles der Reihe nach: Liam bat mich erst zu bleiben, schließlich drohte er mir und letztlich erfüllte er seine Drohungen auch. Er sperrte mich ein! Sarah war es schließlich, die mich befreite und dir mir die Zeitmaschine und eine ellenlange Anleitung dafür in die Hand drückt. Sie sagte, ich solle verschwinden.“

„Und sie hat nichts dafür verlangt?“, fragte Abby überrascht.

„Sie liebte mich“, sagte Stephen als würde das alles erklären. „Aber sie bat mich um etwas. Sie sagte, dass sie verstehen könnte, wenn ich es nicht täte.“

„Worum bat sie dich?“, fragte Abby unheilahnend.

Der junge Mann zögerte wieder und diesmal deutlich länger. „Stephen II und Sarah haben zwei Kinder, die zu Liam müssten, sobald Sarah wegen ihrer Krebserkrankung sterbe würde. Sie weiß selber, dass ihr Bruder einen Stich hat und sie hat tierisch Angst, dass die beiden von ihm aufgezogen werden. Also hat sie mich gebeten wiederzukommen und die beiden Kinder mit in meine Dimension zu nehmen“, erklärte er. „Aber erst mal musste ich fliehen und sie sagte, sie hätte versucht die richtigen Einstellungen zu finden. Ich vertraute ihr… und landete in der Kreidezeit…“

„Oh mein Gott!“, entfuhr es Abby. Sie starrte ihn mit offenem Mund an, ehe ihr Blick über seine Gestalt fuhr, aber keine sichtbaren Verletzungen feststellen konnte.

„Ich habe trotz Anleitung fast zwei Monate gebraucht, um wieder zurückzukommen und das auch mehr tot als lebendig“, sagte er tonlos.

Sie merkte, dass er nicht darüber sprechen wollte und wechselte das Thema. „Und wieso hast du uns nichts erzählt als du wieder in unserer Dimension warst?“

„Wegen Sarah. Ich hatte vor die beiden Kinder zu holen und es bestand das Risiko, dass ich nicht zurückkomme, also wollte ich nicht, dass ihr nochmals von mir Abschied nehmen müsst“, erklärte er. „Ich hatte vor direkt nach der Trauerfeier vorhin zu verschwinden, deswegen hatte ich auch die Waffen dabei, aber die Anomalie kam dazwischen.“

„Das kann doch kein Zufall gewesen sein“, sagte sie als habe sie sich erst jetzt wieder daran erinnert, wie sich hierher gekommen war.

„Liam ist mir in unsere Dimension gefolgt und hat nach mir gesucht. Er war es, der bei euch eingebrochen ist. Ich denke er hat das Gerät in der Kirche positioniert und aktiviert, um mich aus der Reserve zu locken…“

„Seit wann warst du denn wieder in unserer Dimension?“, fragte sie neugierig.

„Seit drei Monaten“, erwiderte er bereitwillig.

„Wieso bist du dann erst jetzt hierher zurückgekehrt? Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?“, fragte sie verständnislos.

„Erst einmal war ich körperlich vorher gar nicht dazu in der Lage. Die Tiere in der Kreidezeit und Liam waren nicht unbedingt das, was ich gute Gastgeber nennen würde. Und zweitens musste ich die Zeitmaschine auf diese Dimension, Zeit und den Ort einstellen. Außerdem habe ich im Vorfeld errechnet wie wir zurückkommen, damit ich hier nicht so viel Zeit verschwänden muss.“

Sie verstand und plötzlich machte sich eine neue Sorge in ihr breit. „Aber kannst du die Kinder denn einfach mitnehmen?“, fragte sie besorgt.

„Ja!“, sagte er überzeugt. „Liam hat das Ganze mit der Zeitreise und Entführung heimlich und illegal gemacht, also kann er rechtlich gesehen nichts machen. Und genetisch gesehen bin ich der Vater von den beiden Kindern, also werde ich in unserer Dimension wegen der Vormundschaft auch keine Probleme bekommen.“

„Und Helen hat von all dem gewusst?“, erinnerte Abby sich.

„Gewusst?“, spottete er. „Sie hat das – warum auch immer – arrangiert. Sie hat mich sogar in meinem Gefängnis besucht!“

Sie erkannte Enttäuschung und Unverständnis in den schönen Augen ihres Gegenübers. „Und was hast du jetzt weiter vor?“, fragte sie mit sanfter Stimme.

Er riss sich aus den trübsinnigen Gedanken und seufzte schwer. „Erst mal muss ich wissen, ob Sarah noch lebt! Sollte das der Fall sein, werde ich alles weitere mir ihr besprechen und sollte sie bereits verstorben sein, werde ich versuchen die beiden Kinder aus Liams Haus rauszubekommen… sie hassen ihren Onkel!“

„Du kennst die Beiden?“, fragte Abby überrascht.

„Klar, sie waren fast die ganze Zeit bei mir“, sagte er als wäre dies das Natürlichste der Welt. „Sarah ist todkrank gewesen und Liam hat die Kinder lieber bei mir eingesperrt, als sich selbst mit ihnen zu beschäftigen.“

„Ist mit Sicherheit seltsam gewesen. Ich meine, sie sind genetisch gesehen deine Kinder und sehen dich als ihren Vater…“, sagte sie mitfühlend.

„Sarah hat versucht es ihnen zu erklären. Der Kleine ist erst fünf und kann sich kaum noch an Stephen II erinnern und der ältere ist auch erst acht, aber ziemlich pfiffig für sein Alter. Ich denke, er kann das ganze etwas besser verstehen als sein Bruder.“

Sie sah ihn eine Weile wortlos an, doch dann gewann ihre Neugierde die Überhand. „Existieren außer dir noch andere von uns hier?“, fragte sie.

„Ich hab versucht etwas mehr über euch rauszufinden, aber ich habe nur Connor einmal kurz auf dem Campus gesehen und weiß, dass Cutter mit Stephen II zusammengearbeitet hat“, erklärte er und zögerte mit dem Weitersprechen. „Und irgendwie bin ich auch ganz froh, dass ich nichts über dich rausgefunden habe.“

„Froh? Aber warum?“, fragte Abby verständnislos.

Er sah sie lange an, senkte dann den Blick und zuckte mit den Schultern wie ein Schuljunge, der wusste, dass er etwas Verbotenes getan hatte, was ihm jetzt unangenehm war. „Ich behalte dich lieber so wie ich dich kenne in Erinnerung…“, sagte er schließlich leise.




Kapitel 11

Sie warteten darauf, dass aus dem späten Nachmittag ein früher Abend geworden war und sich die Dunkelheit langsam über das Gebäude gesenkt hatte. Immer weniger Studenten und Professoren rannten über den Flur und langsam wurde es ruhiger in dem Gebäude. Mehrmals kam ein Sicherheitsmann an ihrer Tür vorbei, doch er schaute zu ihrem Glück nicht hinein.

Behutsam schob Stephen die Tür einen spaltbreit auf und lugte vorsichtig auf den Flur hinaus. Es war dunkel und ruhig, also beschloss er, es zu wagen. Abby folge ihm ebenso lautlos und schweigend schlichen sie aus dem Gebäude. Sie hatten das Gelände beinahe verlassen, als der Schein einer Taschenlampe sie beinahe erreichte.

Stephen handelte instinktiv. Er packte Abby an der Hüfte und drückte sie mit seinem ganzen Körper gegen die Wand. Dann küsste er sie so voller Leidenschaft und Verlangen, dass Abby für einen Moment der Atem wegblieb. Dann erwiderte sie automatisch, vergrub ihre Hände in seinem Haar und zog ihn dadurch noch näher an sich. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie hatte Angst, es würde ihr gleich aus dem Brustkorb springen. Er war ihr so nahe, dass sie seinen Herzschlag ebenso mühelos spüren konnte. In dem Moment wünschte sie, der Augenblick würde ewig dauern. Dann erreichte der Strahl einer Taschenlampe ihre Gestalten und Stephen entließ sie. Sein lustverhangender Blick traf ihre Augen und sein heißer Atem strich federleicht und angenehm über seine Wange. Sie keuchte ebenfalls, ihre Augen funkelten im Dunkeln. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie SO geküsst worden!

„Hey, ihr da! Das ist hier kein Spielplatz!“, hörten sie einen der Wachmänner rufen. Dann verstand Abby, warum Stephen sie so plötzlich geküsst hatte. Ein knutschendes Pärchen, das einen Platz für sich suchte war um einiges harmloser, als zwei nächtliche Einbrecher.

Stephen nahm wortlos ihre Hand, verschränkte sie mit seiner und zog sie mit sich. Nach ein paar Metern legte er den Arm um ihre Hüfte und zog sie nahe an sich. Der Wachtmann schien sich damit zufrieden zu geben, dass sie abzogen und verschwand mit einigen mürrischen Beleidigungen über pubertierende Jugendliche ebenfalls wieder. Kaum waren sie aus seiner Reichweite, da ließ Stephen von ihr ab. Sie wünschte, er hätte das nicht getan.

„Tut mir Leid, ich wollte –“, begann er, doch sie ließ ihn nicht ausreden.

„Wage es nicht, dich dafür zu entschuldigen!“, fauchte sie und ihre Augen sahen ihn zornig an. Überrascht zog er die Augenbrauen in die Höhe, sagte aber nichts dazu. Sie schüttelte verständnislos den Kopf, warf die Arme in einer hilflosen Geste in die Luft und schritt einfach an ihm vorbei.

Er folgte ihr einige Meter bevor er sie aufhielt. „Ähm… Abby?“, meinte er vorsichtig.

„Was?“, fragte sie rüde.

„Wir gehen in die falsche Richtung“, meinte er tonlos.

Sie verdrehte die Augen. „Bitte! Dann geh du voraus!“, meinte sie nur schnippisch. Er tat wie ihm geheißen und schritt stumm voran. Schon nach wenigen Metern hatte Abby ihr Temperament wieder unter Kontrolle und holte zu ihm auf.

„Ist es weit?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nur ein paar Blocks“, sagte er.

Sie brachten die Strecke weitgehend schweigend hinter sich. Abby tat es irgendwie leid, dass sie Stephen so angefahren hatte, doch einen winzig kleinen Moment lang hatte sie gedacht, dass er sie küsste, weil er es wollte, nicht um aus einer schwierigen Lage wieder rauszukommen und sie schimpfte sich einen Idioten, wegen ihren törichten Gedanken. Und Stephen hatte wie immer eine Maske über seine Gefühlte gelegt und die blonde Frau konnte beim besten Willen nicht sagen, was der Mann gerade dachte.

Sie hielten schließlich vor einem keinen, aber hübschen Einfamilienhaus mit einem „FOR SALE“-Schild auf der Rasenfläche und Stephen zauberte den Schlüssel unter einem Blumentopf hervor. Lautlos verschaffte er sich zutritt. Stumm fasste er nach Abbys Handgelenk und zog sie behutsam mit ins Innere des Hauses. Es war dunkel und gespenstisch ruhig. Stephen legte den Zeigefinger an die Lippen und machte ihr mit einer Geste klar, dass sie hier untern warten sollte. Er schlich leise die Treppe hinauf und ließ sie mehrere Minuten alleine im Hausflur stehen, dann ging plötzlich das Licht an und sie erschrak furchtbar bemerkte aber schnell, dass Stephen es eingeschaltet haben musste, denn dieser kam jetzt in normaler Lautstärke die Treppe wieder hinab. Sorgenfalten hatten sich auf seine Stirn gelegt und er schüttelte matt den Kopf.

„Niemand da“, sagte er nur.

Mitfühlend erwiderte sie seinen Blick. Vermutlich war Sarah während seiner Abwesenheit gestorben. „Und jetzt?“, fragte sie.

Er zögerte und sah sich kurz um. „Vielleicht sollten wir heute Nacht hier bleiben“, meinte er, hörte sich aber selbst unsicher an.

Abby war skeptisch. Es bereitete ihr Unbehagen, wenn sie dran dachte, hier schlafen zu müssen. Die Hauseigentümerin war erst vor kurzer zeit gestorben und das machte der blonden Frau Angst. Sie sah sich das erste Mal in dem Raum um und musste zugeben, dass es modern und hübsch eingerichtet war. Auf einer Anrichte konnte sie ein Foto erkennen und sie nahm es in die Hand, während Stephen  mit der Behauptung „Ich mache uns mal was zu Essen“ in den angrenzenden Raum verschwand.

Abby betrachtete eine kleine, perfekte Familie. Es musste Sommer sein, denn alle vier Familienmitglieder hatten leichte Kleidung angezogen. Stephen II unterschied sich nicht wesentliche von dem jungen Mann, den sie kannte. Er hatte jedoch etwas längere Haare und trug – selbst auf einem Foto – weit mehr Gefühlsregungen auf dem attraktiven Gesicht. Er hatte einen Arm um seine auffällig hübsche Frau gelegt und strahlte in die Kamera, während er mit der anderen Hand zärtlich durch die blonden Locken des jüngeren Kindes strich. Sarah war zierlich und etwa einen Kopf kleiner als ihr Mann, hatte blond gelockte, kinnlange Haare und strahlend blaue Augen. Sie lachte ebenso herzlich und liebenswert wie der Rest ihrer Familie, ihr Blick ruhte jedoch auf Stephen II, den sie voller Liebe und Zuneigung betrachtete. Der ältere der beiden Jungen hatte kastanienbraune, unordentliche Haare und die unglaublich schönen Augen seines Vaters. Er hatte beide Arme um die Hüfte seiner Mutter geschlungen und lachte offenbar aus vollem Halse. Die auffälligen Augen glitzerten vor Freude und strahlendweiße Kinderzähne – mit Ausnahme der Schneidezähne, die auf mysteriöse Weise fehlten – lugten hervor. Abby konnte auf den ersten Blick sehen, dass der Junge ein kleiner Herzensbrecher werden würde und jetzt schon einige Flausen im Kopf hatte. Das kleinste Familienmitglied stand stolz neben seinem Vater und sah zu ihm auf. Die blonden Locken fielen ihm in den Nacken und auch er lachte, wenn auch wesentlich zurückhaltender. Abby war sich sicher, noch nie so ein süßes Kind gesehen zu haben, wie diesen kleinen Engel.

Wehmütig stellte sie das Bild wieder zurück an seinen Platz und folgte Stephen in die Küche. Der junge Mann hatte den – offensichtlich noch gefüllten – Kühlschrank geplündert und einige Eier und Milch zutage gefördert.

„Magst du Rühreier?“, fragte er und deutelte auf einen gefüllten Brotkorb. „Ist schon etwas älter, aber noch okay.“

Sie nickte nur und machte sich daran den Tisch zu decken. Immer wieder blieb ihr Blick an den Bildern hängen, die zahlreich vorhanden waren. Sowohl Fotos als auch abstraktes Gekrakel von Kinderhand. Sie lächelte leicht bei einem Bild, welches wohl eine Darstellung von dem Familienvater sein wollte und diesem nicht unbedingt schmeichelte.

Nachdem sie gegessen und aufgeräumt hatten führte Stephen sie hinauf zu dem Schlafzimmer. Abby musste zugeben, dass sie von ihm nicht erwartet hatte, dass er kochen konnte, doch es hatte wirklich gut geschmeckt.

„Willst du im Gästezimmer schlafen?“, fragte er.

Sie nickte, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie es wirklich wollte. Er holte ihr ein Pyjama von Sarah, da sie etwa die selbe Figur hatten und ließ sie dann alleine, erklärte ihr aber, wo er schlafen würde und dass sie jederzeit zu ihm kommen könnte, wenn irgendetwas nicht stimmte.

Sie zog sich um und legte sich unter die kühle Bettdecke. Doch ihr wurde sofort bewusste, dass sie hier nicht schlafen würde können. Fremde Wohnungen ließen sie immer schlecht ruhe finden und dann kam auch noch die Sache mit Stephen dazu. Sie hatten ihn für tot gehalten, dann war er unvermittelt aufgetaucht und er hatte sie geküsst. Okay, dieser Kuss war Tarnung gewesen, trotzdem hätte sie nicht das
Geringste gegen eine Wiederholung. Sie war aufgewühlt, verwirrt und auch etwas verängstigt.

Schlaflos drehte sie sich von der einen auf die andere Seite. Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, aber weder ihr Kopf noch ihr Herz dachten dran endlich mal eine Auszeit zu nehmen. Seufzend gab sie es auf. Sie würde so nicht schlafen können! Hellwach starrte sie an die Decke und überlegte ernsthaft, was Stephen von ihr halten würde, wenn sie zu ihm rüber gehen würde und ihm von ihrer Unbehaglichkeit in diesem Bett berichtete. Ächzend schlug sie die Bettdecke weg und tapste auf nackten Füßen über den Holzboden.

Sie zögerte vor seiner Tür und schimpfte sich selbst einen Feigling, weil sie nicht alleine schlafen konnte. Sie nahm sich fest vor, wieder zurückzugehen sollte Stephen bereits schlafen. Lautlos öffnete sie die Tür und lugte hinein. Der Lichtstrahl aus dem Flur traf direkt die liegende Gestalt ihres Gastgebers. Der junge Mann lag mit nacktem Oberkörper, extrem verwuschelten Haaren und geschlossenen Auge in dem Doppelbett. Geblendet durch das Licht kniff er die Augen zusammen und sah Abby dann schließlich verschlafen, aber direkt an. Die blonde Frau lächelnde entschuldigend.

Stephen schlug wortlos die Bettdecke weg und klopfte matt auf die Matratze, forderte Abby somit stumm auf, sich neben ihn zu legen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in den Raum trat, die Tür hinter sich schloss und sich zögernd zu ihm auf das Bett legte. Zuerst war sie sehr steif und bemühte sich ihr verräterisches Herz zu beruhigen, doch sie musste zugeben, dass sie hier wesentlich lieber lag, als in dem Zimmer nebenan. Seinen Atemzügen lauschend, seinen Duft schnuppernd und sich seiner Anwesenheit vollkommen bewusst, merkte sie gar nicht wie schnell sie ins Reich der Träume überglitt.




Kapitel 12

Als Abby am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich vollkommen erholt und ausgeruht. Sie hatten das erste Mal seit langer Zeit wieder durchgeschlafen und keine Albträume gehabt. Zufrieden kuschelte sie sich näher an die Wärmequelle, die beschützend ihre Arme um sie gelegt hatte. Sie fühlte sich in dieser Umarmung wohl und zutiefst geborgen… Moment mal! Umarmung?

Erschrocken schlug sie die Augen auf und fand sich tatsächlich in einer Umarmung wieder. Stephen Hart hatte beide Arme um ihre zierliche Gestalt geschlungen und sie dicht an seinen nackten Oberkörper gezogen. Sein Gesicht war völlig entspannt und seine Atemzüge tief und regelmäßig. Abby hatte ihn niemals so entspannt und zufrieden gesehen. Die verführerischen Lippen einen spaltbreit aufstehend streifte sein Atem bei jedem Zug ihre Stirn. Sie konnte nicht anders und hauchte einen flüchtigen Kuss auf seine Lippen. Dann versuchte sie sich aus der liebevollen Umarmung zu befreien, um aufstehen und duschen gehen zu können.

„Bleib liegen…“, nuschelte Stephen mit weiterhin geschlossenen Augen und zog sie noch dichter an sich. Abbys Herz setzt einen Augenblicklang aus. Stephen war wach? Hatte er bemerkt, dass sie ihn geküsst hatte? Sie wagte nicht, sich nochmals zu bewegen aus Angst ihn damit entgültig zu wecken. Schließlich schlummerte sie trotz ihres rastenden Herzens wieder ein.

Sie erwachte wenig später nicht halb so behütet wie zuvor. Die andere Bettseite war leer und Stephen war nicht mehr im Raum. Grummelnd – weil er das Bett verlassen durfte und sie nicht – stand sie auf und erstarrte, als die Tür zum Nebenzimmer sich öffnete. In der Tür stand der Mann ihrer Träume wie Gott ihn geschaffen hatte nur mit einem Handtuch um die schlanke Hüfte geschlungen, spärlich abgetrocknet und mit feuchten, nach allen Seiten abstehenden Haaren.

„Morgen“, grüßte er sie so selbstbewusst und natürlich, dass Abby sich einen Moment fragte, ob er es gewohnt war halbnackt vor Frauen aufzutreten.

„Morgen“, krächzte sie aus trockenem Hals.

„Ich hab dir ein paar Sachen von Sarah rausgesucht“, meinte er locker und deutete auf einige Kleidungsstücke. „Wenn sie dir nicht gefallen sind im Schrank auch noch genug andere Klamotten. Ist jedenfalls unauffälliger als die Trauerkleidung von gestern.“

Er zeigte ihr noch die Dusche und sie beeilte sich aus seiner Gegenwart wegzukommen. Sein halbnackter Anblick irritierte sie. Sie duschte lange und kalt und als sie fertig war und Sarahs Kleidung – eine dunkle Jeansbermudas, ein hellblaues Babydollshirt und flache Stiefel – anzog, musste sie zugeben, dass Stephen sich auf Kleidung verstand. Das war nicht unbedingt das, was sie anziehen würde, aber sie sah toll aus.

Mit einem letzten Blick in den Spiegel verließ sie den Raum und suchte Stephen, der inzwischen das Frühstück zu bereitet hatte und bei einer Tasse Kaffee am Frühstückstisch saß. Er musterte sie kurz und nickte ihr anerkennend zu.

Abby setzte sich zu ihm an den Küchetisch und überlegte kurz, ob sie ihn auf heute Nacht ansprechen sollte, entschied sich allerdings dagegen. Wenn Stephen darüber reden wollte, würde er sicherlich selbst anfangen. Schweigend saßen sie am Tisch, frühstückten und tranken Kaffee.

„Was haben wir jetzt weiter vor?“, fragte die junge Frau nachdem sie fertig war.

„Ich muss bei Liam vorbeischauen und rausfinden, ob die Kinder bei ihm sind. Allerdings glaube ich das eher weniger, denn Liam ist noch in unserer Dimension und er kann die Jungs unmöglich sich selbst überlassen haben.“

„Wo könnten sie sonst sein?“, fragte Abby.

Stephen zuckte mit den Schultern. In einer hilflosen Geste fuhr er sich durch die immer noch leicht feuchten Haare und seufzte schwer. „Ich kenne hier sonst niemanden“, sagte er mit einem Anflug von Verzweiflung.

Abby legte den Kopf schief und sah ihn aufmerksam an. „Wieso ist Liam eigentlich immer noch hinter dir her? Er müsste doch eingesehen haben, dass er dich nicht dazu zwingen kann hier zu bleiben.“

„Weil er mich töten will!“, sagte er so selbstverständlich, dass Abby zusammenzuckte. „Er hat mich eingesperrt, auf mich geschossen, mich hungern lassen und noch einige andere Dinge getan…“

„Aber wieso tut es das?“, fragte sie verständnislos.

„Ich weiß nicht, was Helen ihm da eingeredet hat“, sagte er seufzend. „Vielleicht denkt er, weil er mir mein Leben rettete hat er auch das Recht es mir wieder zu nehmen. Vielleicht ist er einfach nur in seiner Ehre verletzte, weil ich ihm die Zeitmaschine gestohlen habe. Ich weiß nicht, was sein krankes Hirn sich da zusammenspinnt…“

Ein Klicklaut ließ beide zur Tür herumfahren. Abby erkannte einen sehr großen Mann mit hellen Haaren und einem wulstigen Gesicht, über dessen Wange eine lange Narbe verlief. In seiner Hand lang eine Pistole, die soeben entsichert worden war. Er beachtete die junge Frau nicht, sah wie gebannt auf Stephen hinab, der sich schnell vom Stuhl erhoben hatte.

„Krankes Hirn…“, wiederholte Liam Stephens Worte. Der junge Mann sagte nichts, umfasste vorsichtig Abbys Hand und zog die junge Frau beschützend hinter sich.

„Liam“, sagte Stephen schlicht und neutral. Doch Abby sah und spürte, dass seine Hände beinahe unmerklich zitterten.

„Stephen“, erwiderte Liam mit falscher Höflichkeit. Ein geheucheltes Lächeln auf den dünnen Lippen. Er trat ein paar Schritte weiter in die Küche und ließ jetzt das erste Mal seinen Blick über Abby wandern.

„Lass sie gehen, Liam, sie hat mit der ganzen Sache nicht das Geringste zutun!“, forderte Stephen energisch.

„Sie kann bleiben, denn wir werden gehen, Stephen!“, bestimmte der Mann. „Ich will dich nicht hier erschießen müssen, das würde Sarahs Andenken beschmutzen!“




Kapitel 13

„Verabschiede dich von deiner kleinen Freundin“, forderte Liam spöttisch.

Nur wiederwillig ließ Stephen ihre Hand los und drehte sich zu ihr um. Er war erschreckend blass, doch gefasst. Er sah sie warm an, umarmte sie schließlich zärtlich und flüsterte ihr ins Ohr: „Finde Cutter! Er wird  dich zurückbringen!“

Am liebsten hätte sie zurückgeschrieen „Ich will nicht zurück! Ich will bei dir bleiben“, doch sie fühlte sich wie erstarrt und unheimlich verlassen, als er sich zurückzog. Wortlos hauchte er ihr einen Kuss auf die Wange und trat einen Schritt zurück, sah sie immer noch unglaublich liebevoll aus den schönen Augen an.

Liam wollte dieser Abschiedszeremonie nicht länger beiwohnen und er packte den jungen Mann an der Schulter, riss ihn von Abby weg und hielt ihm die Waffe an die Schläfe. Gerade eben noch hatte Stephen so unglaublich gefühlvoll gewirkt, doch nun hatte sich sein Blick wieder völlig abgekühlt.

Wortlos trieb Liam den jungen Mann zur Vordertür. Abby fühlte sich als wäre sie im Boden festgewachsen, konnte keinen Schritt tun oder irgendetwas sagen. Sie konnte Stephen jetzt nicht noch einmal verlieren!

Liam stieß die Tür auf und erstarrte, als er selbst in den Lauf einer Waffe sah. Völlig perplex war es ein leichtes für den Polizisten den Mann zu entwaffnen. Ein Kollege zog derweil Stephen aus dem Gefahrenbereich, der ebenso erstarrt war.

„Sind Sie okay?“, fragte der Polizist sofort und suchte mit den Augen seine Gestalt ab, um zu prüfen, ob er verletzt war.

Stephen nickte paralysiert. Abby kam aus dem Nebenzimmer, schmiss sich an seinen Hals und drückte ihn fest an sich. Während Liam entwaffnet und in Handschellen gelegt wurde, konnte Stephen sein Glück kaum fassen.

„Was- was machen Sie hier?“, fragte er völlig überrascht.

„Die Nachbarn haben einen Einbruch gemeldet“, erklärte der Beamte.

Liam gab einen spöttischen Ton von sich. „Nicht ich bin der Einbrecher! Diese beiden Kriminellen sind hier eingedrungen!“, sagte er zornig. „Es ist mein gutes Recht sie mit Waffengewalt zu vertreiben. Nehmen Sie mir die Handschellen ab!“

„Können Sie das beweisen, Sir?“, fragte der Polizist skeptisch.

„Natürlich! Dieses Grundstück ist auf den Namen meiner verstorbenen Schwester eingetragen!“, fauchte er.

„Beruhigen Sie sich, Sir, das lässt sich ganz einfach klären. Wo ist ihr Ausweiß?“, fragte der Polizist und Stephen ahnte Schlimmes.

„Hab ich nicht dabei!“, schnaubte Liam.

„Okay, Sie werden uns jetzt alle auf die Wache begleiten!“, bestimmte der Gesetzeshüter. Sowohl Stephen wie auch Abby ließen sich widerstandslos die Handschellen anlegen und begleiteten die Polizisten bis zu den Streifenwagen. Abby und Stephen in den einen, Liam in dem anderen wurden sie auf das Revier gebracht. Sie wurden durchsucht, man nahm Stephen die Zeitmaschine ab, ihre Fingerabdrücke wurden genommen und schließlich stieß einer der Beamten darauf, dass Stephen James Hart eigentlich tot sein sollte.

„Ich möchte mit Professor Nicolas Cutter vom Anomaly Research Centre sprechen!“, sagte Stephen schließlich als er nicht mehr weiterwusste. „Diese Angelegenheit untersteht der Geheimhaltung und ich bin nicht befugt darüber zu sprechen!“

Es vergingen beinahe drei Stunden, ehe Nick wirklich auftauchte. Er wurde von einem Polizisten hineingeleitet und erstarrte fassungslos in der Tür.

„Mister Hart“, meinte er förmlich. „Es ist erfreulich zu sehen, dass Sie offensichtlich nicht so tot sind, wie mir berichtet wurden.“

Stephen starrte ihn an. Mister Hart? Heilige Scheiß! Was ging den hier ab?

„Kann ich mit ihm allein reden?“, fragte er den Beamten. „Und könnte Miss Maitland ebenfalls anwesend sein?“

Der Beamte stimmte etwas wiederwillig zu, doch Nick hatte ihm vermutlich wegen der Geheimhaltung aufgeklärt, so dass ihm nichts anders übrig blieb als zu gehen. Er verschwand nur kurz, um die blonde Frau aus dem benachbarten Befragungsraum zu holen. Abby sah müde und abgekämpft aus, schien aber in Ordnung zu sein. Sie schenkte ihm ein sanftes Lächeln, erst dann nahm sie den Professor war.

„Endlich“, stöhnte sie genervt und warf befreit die Hände in die Luft.

„Hör zu, Cutter“, sagte Stephen und der Angesprochene zog die Augenbrauen hoch bei der unförmlichen Anrede. „Ich bin nicht der Stephen Hart, den du kennst.“

Nick seufzte. „Ja, das habe ich mir schon gedacht“, sagte er leichthin. „Trotzdem kennen Sie mich anscheinend.“

„Du kennst Liam Carney, oder?“

„Ja, er ist beim ARC beschäftigt und er ist Ihr Schwager nicht wahr?“, fragte Nick nach.

„Richtig! Er hat mich hierher gebracht aus einer anderen Dimension! Gegen meinen Willen hat er mich hier festgehalten und jetzt ist er hinter uns her. Die Leute hier haben meine Zeitreisevorrichtung beschlagnahmt und wenn du es uns wiederbeschaffst, sind wir weg sobald sich herausstellt, dass wir Einbrecher sind und das Haus wirklich Liam gehört.“

„Und wieso sollten ich Ihnen helfen, Mister Hart?“, fragte Nick. Und plötzlich verstand Abby genau, warum Stephen gesagt hatte, er wollte sie lieber so in Erinnerung behalten, wie er sie kannte. Dieser Nick Cutter hatte nicht viel mit dem Menschen aus ihrer Dimension gemein.

Ein süffisantes Lächeln breitete sich auf Stephens Gesicht aus. „Weil diese Sache hier Aufmerksamkeit erregen wird. Ein Todgeglaubter kehrt zurück, die Presse wird sich förmlich drauf stürzen. Ein falsches Wort von uns und das ARC kann in Punkto Geheimhaltung einpacken!“

Nick starrt ihn einen Augenblicklang zornig an, dann schüttelte er fassungslos den Kopf. „Und wie stellen Sie sich das vor? Soll ich zu den Beamten hingehen und sie freundlich bitten, mir das Gerät wieder auszuliefern? Und wie bitte soll ich Ihr Verschwingen erklären?“

„Oh, du bist doch ein kluges Kerlchen, wir wird schon etwas einfallen.“

Der Mann funkelte Stephen zornig an, erhob sich aber schließlich und verschwand auf den Flur hinaus.

„Du kannst ein ganz schöner Mistkerl sein, Stephen“, meinte Abby mit einem Hauch von Anerkennung in der Stimme.

Er grinste sie schief an. „Willst du lieber hier bleiben?“, fragte er sie rhetorisch.

Sie schnaubte. „Wollen wir dann in unsere Dimension zurückkehren?“, fragte sie.

Er nickte. „Ich habe das Gerät heute morgen schon so eingestellt, während du unter der Dusche warst.“

Es dauerte nur wenige Minuten, ehe Nick wieder auftauchte. Mit versteinerter Mine reichte er Stephen das unscheinbare Gerät.

„Danke, Cutter.“

„Als hätte ich eine Wahl gehabt…“

Stephen aktivierte die Maschine, stellte sie auf den Boden und sie warteten schweigend bis die Anomalie sich stabilisiert hatte. Dann fasste er die junge Frau an der Hand und nickte Cutter nochmals zu eher er selbstsicher durch das bunte Farbenspiel trat. In einer beiläufigen Geste nahm er das kleine Gerät, wodurch sich die Anomalie beinahe sofort wieder schloss.

Sie tauchten nicht in einem festen Gebäude auf, wie Stephen es eigentlich berechnet hatte. Stattdessen landeten sie im prallen Sonnenlicht auf einem riesigen, mit Menschen gefüllten Marktplatz. Kreischend stob die Menge auseinander, als er und Abby wie aus dem Nichts auftauchten. Auf den ersten Blick erkannten beide Zeitreisenden, dass dies weder die Neuzeit, noch die Jurazeit sein konnte. Hier lebten Menschen, zwar primitiv, aber doch nach geordnet Regeln. Abby schätze die Zeit auf das frühe Mittelalter.

„Hoppla“, meinte Stephen trocken.




Kapitel 14

„Hoppla?“, frage Abby entsetzt nach. „Ich gebe dir gleich mal Hoppla!“

Chaos brach auf dem überfüllten Marktplatz aus. Die Menschenmenge rannte in Panik davon, doch nur um Männern mit Schwertern oder Pfeil und Bogen Platz zu machen. „Hexen!“, kreischte eine ältere Frau und griff sich eine Mistforke.

Diesmal war es Abby, die instinktiv handelte. Sie griff Stephens Hand fester und rannte los, den überrumpelten Mann hinter sich herziehend. Er stolperte die ersten Meter, fing sich rasch wieder und folgte der blonden Frau bereitwillig. Die versammelte Menge schrie und sprang ihnen aus dem Weg, wollte keinen von beiden berühren. Sie rannten als wäre der Teufel hinter ihnen her, brachten aber keinen wirklich Abstand zwischen sich und den Verfolgern. Ein Speer flog nur um Haaresbreite an Abby Kopf vorbei. Stephen verspürte einen kurzen Schmerz an der rechten Hüfte, achtete aber nicht drauf.

„Stephen, kannst du reiten?“, fragte Abby ihn keuchend. Dann erkannte auch der junge Mann die Pferde einige Meter entfernt, die an kurzen Stricken festgebunden waren. Gezäumt und aufgesattelt, bereit um jede Sekunde losgeritten zu werden.

„Du willst die Pferde stehlen?“, fragte er.

„Sagen wir lieber: wir borgen sie uns aus!“, erwiderte sie atemlos.

„Ausborgen? Man borgt sich einen Kugelschreiber, oder einen Rasenmäher, aber doch kein Pferd!“

„Herrgott, Stephen! Dann sprinten wir eben noch mal zwei Kilometer!“, fauchte sie zurück.

Stephen warf einen Blick zurück und stellte fest, dass die Verfolger nicht das leichteste Zeichen von Erschöpfung zeigen und er wurde sich schmerzlich bewusste, dass sie Menschen hier durch ihr hartes Leben weit mehr gewohnt waren als er und Abby. „Okay, lass uns die Pferde nehmen!“, stimmte er zu.

Die Knechte, denen die Fürsorge über die Tiere geboten war, wichen ohne Anstalten zurück, starrte sie ängstlich und ungläubig an und dachte nicht einmal eine Sekunde daran, die Pferde zu verteidigen. Abby schnappte sich eine schlanke, weiße Stute, band sie flink los und schwang sich gekonnt auf ihren Rücken. Sie reagierte sofort auf ihre Hilfen und hob aufmerksam und bereitwillig den Kopf. Nervös drehten sich die pelzigen Ohren und die großen, treuen Augen versuchten ihre Reiterin in den Blick zu bekommen.

Stephen schwang sich auf ein temperamentvollen Braunen, der sofort mit den Hufen scharrte und geräuschvoll durch die Nüstern blies. Das elegante Tier reagierte sofort und übermütig, als Stephen ihn leicht antrieb. Beide Tiere preschte bereitwillig voran, brachten ihre Reiter schnell und sicher aus dem Gefahrenbereich. Sie durchquerten rasch die Menge und schließlich auch das Stadttor, stoben sofort in den angrenzenden Wald hinein und waren darin nach wenigen Augenblicken schon außer Sichtweite. Zweige schlugen ihnen ins Gesicht und der uneben Boden ließ die Pferde so manches Mal stolpern, doch die beiden Zeitreisenden parierten ihre Pferde erst durch, als sie schon mehrere Kilometer zurückgelegt hatte.

„Wieso – zur Hölle – sind wir hier gelandet?“, fragte Abby gereizt. Die Flanken des Schimmels hoben und senkten sich sehr schnell, doch sonst stand das Tier ruhig. Ganz anders als bei dem Braunen, der nervös auf der Stelle tänzelte.

„Ich schätze ich habe mich bei der Berechnung so um neun, zehn Jahrhunderte vertan…“, sagte er leicht verknirscht.

Sie seufzte und verdrehte sie Augen. „Dann sieh zu, dass du das wieder hinkriegt!“

„Ich bin mir sicher, dass ich keinen Fehler gemacht habe, vermutlich haben die Leute auf dem Revier damit rumgespielt!“, rechtfertigte sich der junge Mann. „Lass uns einen ruhigen Ort suchen und ich sehe mir das Ding an. Bald sind wir wieder in unserer Dimension.“

Nebeneinander ritten sie weiter, diesmal nicht im wilden Jagdgalopp sondern im ruhigeren Schritt. Langsam ließ das Adrenalin in ihren Körpern nach und jetzt kehrte auch der Schmerz an Stephens Hüfte wieder zurück. Vorsichtig tastete er mit der Hand danach und als er sie zurückzog klebte Blut dran, einer der Pfeile musste ihn getroffen haben.

„Wieso reisen wir eigentlich nicht sofort wieder in die erste Dimension?“, fragte Abby plötzlich stirnrunzelnd. Sie konzentrierte sich auf den Weg und achtete nicht auf Stephen, der sich jetzt die blutige Hand am Hemd abwischte.

„Theoretisch wäre das möglich, allerdings will ich dich nicht wieder dorthin mitnehmen“, meinte Stephen. „Liam hätte dich erschießen können!“

„Aber das hat er nicht, er hat nicht mal auf mich gezielt! Er ist hinter dir her und wäre es dann nicht vernünftiger, wenn jemand da ist, der ein bisschen auf dich aufpassen kann?“, fragte sie vorsichtig.

„Ich kann auf mich selber aufpassen, Abby!“

„Und ich kann das auch! Wenn ich sage, ich komme mit, dann komme ich mit!“, sagte sie bestimmt.

Er verdrehte sie Augen. „Ich muss mir auch ein paar andere Sachen besorgen, die ich in der Kirche liegengelassen habe, also müssen wir trotzdem dorthin.“

„Du meinst die Waffen“, behauptete Abby. „Okay, aber wage es nicht, mich nicht wieder mitzunehmen! Ich will dir helfen!“

„Du würdest mir wesentlich mehr helfen, wenn du dort bleibst!“, meinte Stephen. Sie erwiderte nichts mehr. Es vergingen schweigende Stunden und die Sonne begann bereits wieder unterzugehen, als sie eine kleine, verlassen aussehende Hütte ausmachten. Vorsichtig ritten sie näher und stellten dann erleichtert fest, dass sie wirklich unbewohnt war.

Als Stephen vom Pferd stieg konnte er ein schmerzhaftes Keuchen nicht unterdrücken. Die Wunde brannte mittlerweile höllisch und der lange Ritt hatte ihm auch nicht gerade gut bekommen. Abby entging seine Reaktion nicht.

„Stephen“, sagte sie besorgt. „Du blutest.“

Er seufzte. „Ich weiß. Halb so schlimm.“

Abby betrachtete ihn äußerst skeptisch. Sowohl das Hemd als auch die Hose waren vollgesogen von Blut, welches immer noch frisch schimmerte. Ganz offensichtlich schmerzte es auch, denn der junge Mann bewegte sich höchst steif und belastete seine rechte Seite kaum.

„Zieh dein Hemd aus! Ich will mir das mal ansehen“, meinte sie.

„Es ist halb so schlimm, Abby“, wiederholte er sich leicht genervt.

„Stephen! Entweder ziehst du es dir aus oder ich tue es!“

Er sah sie skeptisch an und rühre sich nicht. Abby machte ihre Drohung wahr, trat entschlossen auf ihn zu und begann sein Hemd aufzuknöpfen. Er hindert sie nicht daran, sah sie einfach nur mit diesem emotionslosen Gesichtsausdruck an, den Abby einfach nicht deuten konnte. Ihre Finger zitterten leicht als sie den ersten Knopf geöffnet hatte, so nahe bei ihm war, seinen Geruch wahrnehmen konnte, seinen Atem spürte… Und dann legten sich seine Hände plötzlich über die ihren und sie sah überrascht auf, direkt in seine wunderschönen Augen. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie zärtlich auf die Lippen.

Dieser Kuss war so völlig anders als der vorherige, doch stand ihm in Nichts nach. In der Universität war er leidenschaftlich und fordernd gewesen, nun war er langsam und liebevoll, beinahe schüchtern. Abby hätte dem Mann keinen so gefühlvollen Kuss zugetraut, doch sie erwiderte ihn ohne zu zögern. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Hatte sie gestern noch gedacht den schönsten Kuss ihres Lebens bereits bekommen zu haben – und zwar von ihrem Traummann – so wurde sie nun eines Besseren belehrt – und zwar von ihrem Traummann.




Kapitel 15

Als er sich zurückzog behielt sie die Augen weiterhin geschlossen, hatte Angst sie aufzumachen und dann festzustellen, dass alles nur ein Traum gewesen war. Doch sie spürte immer noch seine Hände, die ihre Finger sanft umfasst hatten und sie hörte seinen Atem. Ein seliges Lächeln breitete sich auf dem hübschen Gesicht aus. Stephen drückte noch einmal sanft ihre Hände und ließ sie dann los. Federleicht hauchte er ihr einen zweiten, sehr viel kleineren Kuss auf den leicht geöffneten Mund und fuhr dann hauchzart mit der Hand über ihre Wange.

„Ich gehe rein und sehe mir das Gerät an“, sagte er mit rauer Stimme. „Kümmerst du dich um die Pferde?“

Dann trat er einfach an ihr vorbei auf die Holzhütte zu und verschwand dran. Verwirrt blickte Abby ihm nach. Erst küsste er sie mit einer unglaublichen Verliebtheit und dann ging er einfach weg. Zerstreut begann sie die Pferde abzusatteln und an einen Baum zu binden. Sie musste erst mal den Kopf klar bekommen, bevor se zu ihm gehen konnte. Und ihren Magen gleich mit, denn der fühlte sich an, als flögen hundert Schmetterlinge darin in diesem Moment wild durcheinander.

Ihre Kehle fühlte sich immer noch an, als würde ein Frosch darin sitzen und ihre Knie zitterten leicht als sie die Hütte betrat. Sie schimpfte sich einen verliebten Teenager, weil ihre Gefühlte so verrückt spielen. Sie war doch sonst auch nicht so schüchtern! Sie war zwar niemand, der etwas für One-Night-Stands übrig hatte, aber gegen den ein oder anderen Flirt hatte sie nicht das geringste einzuwenden. Und plötzlich fragte sie sich mit wie vielen Frauen Stephen wohl schon geschlafen hatte.

Stephen Sexy Hart saß ihm Schneidersitz auf dem Boden und besah sich das kleine Gerät von allen Seiten gründlich. In dem Raum waren keine Möbel und nur sehr winzige Fenster. Abby fragte sich unweigerlich, wozu dieser Raum wohl genutzt worden war. Unerwartet wäre sie beinnahe ausgerutscht und erkannte einen Blutfleck auf dem Boden. Dann wusste sie auch wieder, warum sie Stephen überhaupt so nahe gekommen war.

„Hast du mich geküsst, damit ich mit deine Wunde nicht ansehe?“, fragte sie und konnte nicht verhindern, dass ihr Stimme verletzt und unsicher klang.

„Nein“, sagte er einsilbig.

„Wieso denn sonst?“, fragte sie trüb. Sie fühlte sich belogen und ausgenutzt. Doch Stephen seufzte, legte das Gerät zu Seite und sah sie direkt an. Ein leichtes, kaum merkliches Lächeln hatte sich auf sein Gesicht geschlichen.

„Weil ich es wollte… und weil du wunderschön ausgesehen hast. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel“, sagte er ruhig.

Sie lächelte etwas. „Ich verzeihe dir, wenn du mich jetzt deine Wunde ansehen lässt“, sagte sie und fühlte sich ganz plötzlich wieder sehr selbstbewusst. Stephen fand sie schön! Sie hätte jubeln können.

Der junge Mann wehrte sich dieses Mal nicht. Er erhob sich, knöpfte das Hemd selbstständig auf und zog es aus. Zum Vorschein kam ein enges Shirt, welches er wortlos etwas anhob. Die Hose saß so unverschämt tief, dass seine Verletzung sichtbar wurde, ohne dass er sie ausziehen musste. Abby nahm an, dass sie nur durch Zauberei überhaupt noch an ihm haftete. Wäre sie die Hose – sie hätte auch nicht freiwillig aufgegeben. Die Wunde war nicht länger als zehn Zentimeter, schien jedoch sehr tief zu sein, denn die Blutung hatte noch nicht gestoppt und der Lebenssaft färbte die umliegende Stelle dunkelrot.

„Tut es weh?“, fragte sie und trat näher an ihn heran.

„Nein“, meinte er wortkarg.

Sie berührte das unliegende Gewebe und er hisste schmerzerfüllt auf. „Tut also nicht weh?“, fragte sie spöttisch. Ganz behutsam setzte sie ihre Untersuchung fort. Die Wunde war nicht verschmutzt, doch sie würde nicht lange in diesem heruntergekommen Versteck sauber bleiben. Abby nahm Stephen das Hemd aus der Hand und faltete es mit wenigen, gekonnten Handgriffen so zusammen, dass es einen möglichst langen Verband abgab. Dann schlang sie es um Stephens Hüfte, der das ganze stirnrunzelnd verfolgt hatte, und schließlich knotete sie es so fest zusammen, dass kein Blatt mehr dazwischen gepasst hätte. Zwar gab der junge Mann ein gepeinigtes Stöhnen von sich, ließ die Prozedur aber sonst über sich ergehen.

„Glaubst du, das hält so? Die Blutung muss gestoppt werden“, sagte Abby und sah ihn skeptisch an. Er bewegte sich probehalber etwas und nickte schließlich.

„Wird halten solange wir nicht noch mal so eine Verfolgungsjagd starten“, sagte er. Er lächelte sie so lieb an, dass sie Angst bekam sie könnte auf der Stelle über ihn herfallen und so wechselte sie schnell das Thema.

„Hast du etwas herausgefunden?“, fragte sie und deutete auf die Zeitreisevorrichtung.

„Nein“, sagte er frustriert. „Wenn wir Pech haben, sitzen wir hier ein paar Tage fest.“

„Solange es sich nur um Tage handelt…“, meinte Abby leichthin. „Wenigstens stecken wir nicht in der Saurierzeit fest!“

Während Stephen sich wieder dem Gerät widmete solange das Tageslicht dies noch zuließ, erkundete Abby die nähe Umgebung, fand ein paar Früchte – welch Glück, dass es Sommer war – und machte sich anschließend daran aus den beiden Satteldecken schmutzige, aber wenigstens weiche Kopfkissen für die Nacht herzustellen. Als das Tageslicht entgültig verging wurde es auch recht kalt und Stephen legte die Vorrichtung seufzend zur Seite.

„Wie weit bist du?“, fragte Abby.

„Ich denke, dass ich das Morgen relativ schnell wieder hinkriege, sobald wir etwas Licht haben“, meinte er. „Also nur eine Nacht in dieser gemütlichen Wohnstätte.“

„Wie schade“, meinte sie trocken. Sie setzte sich zu ihm auf den Boden und bemerkte stirnrunzelnd, dass der notdürftige Verband deutlich rote Flecken auswies, doch die Blutung schien trotzdem gestoppt zu haben. Außerdem musste er tierisch frieren in seinem Muskelshirt und seine athletischen Oberarme zeigten deutliche Gänsehaut. Ihr selbst war ebenfalls ziemlich kalt, aber bei ihrer überstürzten Flucht hatten sie unmöglich noch an Jacken denken können.

Beiläufig rieb sie über ihre nackten Arme und versuchte sich so etwas zu wärmen. Er sah sie skeptisch an, da ihr Versuch erfolglos blieb und stand schließlich auf. Abby vermutete, dass er sich die Beine vertreten wollte, doch er kam nur zur ihr rüber, setzte sich wortlos, breitbeinig hinter sie und schlang beide Arme um ihren Oberkörper. Im ersten Moment versteifte sie sich völlig, ihr Herz schob schon wieder Überstunden und ein wohliges Kribbeln bereitete sich in ihrem Körper aus..

„Ist dir das unangenehm?“, hauchte er in ihr Ohr. Sein Atem kitzelte ihren Nacken, seine Hände fuhren zärtlich über ihre Arme, setzten ihre Bemühungen fort, sie wärmen zu wollen. Alleine durch seine Anwesenheit wurde ihr warm, vor allem ihr Kopf. Sie war froh, dass er ihr rotes Gesicht nicht sehen konnte.

Sie schüttelte heftig den Kopf, war nicht in der Lage ihm zu antworten. Unangenehm war ihr das ganz sicher nicht. Ungewöhnlich vielleicht, aber auf jeden Fall angenehm. Vorsichtig ließ sie sich gegen seine Brust zurücksinken und er zog sie noch näher an sich, verschränkte die Arme vor ihrem Bauch. Sie konnte spüren, wie sein Atem sich ihrem Hals näherte. Unbewusst neigte sie den Kopf zur Seite, gab ihm so mehr Spielraum, als er einen Schmetterlingskuss auf ihr Schlüsselbein hauchte.

„Ist dir DAS unangenehm?“, wisperte er. Abby konnte den Schalk aus seinen Worten heraushören. Sie lächelte selig, drehte sich halb in der Umarmung und sah ihn warm an. Anstelle einer Antwort, legte sie eine Hand an seine Wange, fuhr zärtlich mit dem Daumen über die weiche Haut und ließ ihre Finger schließlich in sein volles Haar wandern, um ihn sanft zu sich hinabzuziehen. Innig zog sie die vollen, verführerischen Lippen zu einem lammfrommen Kuss in den Bann. Er erwiderte ebenso unschuldig, wie sie forderte.

Kurzatmig lösten sie sich voneinander, keuchten einander ins Gesicht und grinsten. „War dir das unangenehm?“, fragte sie keck. Er grinste wie ein Schuljunge und schüttelte langsam und nachdrücklich den Kopf. Schließlich ließ ihn ein Geräusch vor draußen aufschrecken.

„Was war das?“, fragte er. Seine Stimme klang leicht rau.

Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein Wolf“, meinte sie gleichgültig.

„Ein Wolf?“, fragte er fassungslos über ihre Gleichgültigkeit.

„Beruhig dich, Stephen, die haben mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen“, meinte Abby.
Doch dann hörte auch sie Stimmenwirrwarr und glaubte Schatten zu sehen. Stephen erhob sich und zog sie an der Hand ebenfalls auf die Beine. Zögernd traten sie ans Fenster und sahen, was beide bereits befürchtet hatten. Die Gemeinschaft ihrer Verfolger hatte sie gefunden. Unbewusste fasste Abby nach seiner Hand. Gebannt von dem Schrecken starrten sie auf die Fackeln, schafften es nicht, sich von dem Anblick zu lösen.

„Mein Gott“, wisperte sie. „Was werden die tun?“

„Uns ausräuchern“, schätzte er ohne sie anzusehen.

„Wenigstens hast du dann Licht“, meinte sie trocken mit einem Anflug von Galgenhumor.

„Ja, und es ist nicht mehr so kalt!“, erwiderte er todernst.




Kapitel 16

Vernünftiger Weise besannen sich beide recht schnell wieder. Abby hatte noch immer Stephens Hand umklammert und er dachte gar nicht dran, sie loszulassen. Die Menschen waren noch zu weit weg, so dass sie unbemerkt entkommen konnten, wenn sie sich nur beeilten. Mit den Pferden würden sie in der völligen Dunkelheit nicht weit kommen und die Tiere würden sich die Beine brechen in dem dunklen Geäst. So rannten sie bemüht leise und unnötigerweise geduckt in die Schatten. Stephen hatte die Vorrichtung in die Hosentasche geschoben und zog die junge Frau jetzt hinter sich her.

Es war ein aufreibender Marsch und die brachten keinen wirklich großen Abstand zwischen sich und den Verfolgern. Vielleicht spürten diese mithilfe von Hunden ihre Fährte auf, denn Stephen und Abby konnten die Fackeln noch eine ganze Weile hinter ihnen aufmache. Die Äste schlugen ihnen entgegen, zerkratzten Arme, Beine und Gesicht, verfingen sich in der Kleidung und ruinierten auch diese. Immer wieder stolperte einer von ihnen und zog den anderen damit ebenfalls zu Boden, der an manchen Stellen aufgeweicht und matschig war. Spätestens nach einer Stunde sahen sie aus wie zwei Landstreicher, die zuletzt in ihrer Jugend eine Dusche gesehen hatten.

Sie waren die ganze Nacht auf den Beinen. Als es langsam hell wurden, konnten beide nicht mehr. Das erste mal seit Stunden lösten sie sich voneinander und ließen sich keuchend und schweratmig auf den Waldboden fallen. Überall zierten ihre Haut Schrammen und Kratzer, die klein und oberflächlich waren, aber eisern brannten, da ihnen kontinuierlich Schweißperlen darüber rieselten. Die Wunde an Stephens Hüfte war wieder ausgebrochen und frisches Blut sickerte durch den notdürftigen Verband. Er war unter dem ganzen Dreck beunruhigend Blass.

Abby beobachtete ihn dabei, wie er die kurze Pause nutze, um die Zeitreisemaschine nochmals zu überprüfen. Gestern hatte er gesagt, er brauche nur noch wenig Zeit dafür. Die blonde Frau hoffte wirklich, dass er recht gehabt hatte.
„Wo tauchen wir in unserer Dimension eigentlich auf?“, fragte sie und rutschte näher zu ihm. Ihr ganzer Körper schmerzte von der Anstrengung und ihre Muskeln in den Beinen zitterten unter der Anspannung.

„Forest of Dean“, meinte er abwesend. „Dort ist es so groß, dass ich die Einstellungen etwas gröber halten kann und wir nicht Gefahr laufen plötzlich in einer Wand aufzutauchen.“

„Aber der Wald ist riesig. Wie wollen wir da wieder rausfinden?“, fragte sie besorgt.

„Wir halten die Anomalie ein paar Minuten aufrecht, dann kann Connor uns finden“, meinte er.

„Wieso hat das AA nicht schon vorher angeschlagen? Als Liam dich gerettet hat zum Beispiel“, fragte sie neugierig.

„Die Anomalie war zu kurz. Sie existiert praktisch nur von dem Moment an, in dem sie stabilisiert ist bis sich ihre Energie erschöpft oder das Gerät hindurchgeführt wird. Das sind oft nur wenige Sekunden.“

„Aber du hast doch gesagt, dass eine kontrollierte Anomalie drei Minuten braucht, um stabil zu sein. Wie bist du aus dem Raum entkommen, wenn du noch so lange warten musstest?“

„Drei Minuten dauert es von der Seite aus, die anwählt. Auf der anderen Seite erscheint die Anomalie erst, wenn sie stabil ist“, erklärte er bereitwillig. „Und als ich durch war, hat Liam sie sofort abgeschaltet.“

„Aber wenn du die Anomalie jetzt länger aufrechterhalten willst, damit Connor uns abholt, werden doch auch die anderen vom ARC dich sehen“, gab sie zu bedenken.

„Das glaube ich nicht. Ich denke mein Dad hat Nick einiges erzählt und der ist schlau genug, um die anderen da rauszuhalten“, meinte er überzeugt. „Außerdem hat mich die Hälfte der Anwesenden in der Kirche gesehen, weswegen meine Tarnung ohnehin hinfällig ist.“

„Dein Vater wusste, dass du noch lebst?“, fragte sie überrascht und auch etwas enttäuscht, weil er seine Eltern offensichtlich eingeweiht hatte und sie nicht.

„Ich brauchte einen Platz an dem Liam mich nicht vermuten würde und außerdem musste ich etwas finden, wo die Jungen hinkönnen und vorrübergehend wollte ich sie dort unterbringen“, erklärte er. „Ich glaub, ich habe es!“

Sie atmete erleichtert durch und sah ihm zu, wie er das Gerät auf den Boden stellte und aktivierte. Das Farbenspiel durchbrach das Geäst und ließ gespenstische Schatten entstehen, doch Abby achtete nicht auf sie. Ihr besorgter Blick galt der blutigen Bandage ihres Freundes, der neben ihr kniete, sich ebenso nicht wieder auf die Beine stemmen konnte wie sie und vor Erschöpfung am ganzen Körper zitterte.

Die Anomalie stabilisierte sich und Abby sah auf ihre Uhr. Zehn Minuten würden reichen, beschloss sie und ließ sich rücklings auf den Waldboden fallen. Nur kurz noch ausruhen und dann konnten sie diese Zeit und diese Dimension verlassen. Die Minuten verflogen schnell und schließlich musste die junge Frau ihre ganzen Kräfte aufbringen, um wieder auf die Beine zu kommen. Wortlos zog sie Stephen ebenfalls auf die Beine, der es alleine vermutlich nicht geschafft hätte. Sie behielt seine Hand mit der ihren verschränkt, um ihn im Notfall stützen zu können, dann nahm sie die Vorrichtung, die es ihnen ermöglichte durch die Zeit zu reisen und schließlich traten sie beide durch das bunte Farbenspiel hindurch. Sofort als sie ankamen, hatte sich die Anomalie geschlossen und Abby hoffte nur, dass Connor sie bemerkt hatte, denn sonst saßen sie in diesem riesigen Wald fest.

Stephen ließ sich beinahe sofort wieder mit einem erleichterten Stöhnen zu Boden sinken und sie setze sich bereitwillig dazu. Beobachte ihn, wie er den Kopf in den Nacken legte und unheimlich erschöpft aussah. Ohne darüber nachzudenken, drückte sie seinen Oberkörper zu Boden und erreichte damit, dass sein Kopf in ihrem Schoss lag. Er wehrte sich nicht dagegen, schloss vertrauensvoll sie Augen und Abby konnte nicht sagen, ob er überhaupt noch wach war. Sie betrachtete das entspannte Gesicht und den athletischen Oberkörper, der sich immer wieder leicht hob und senkte. Gedankenverloren spielte sie mit seinen Haarsträhnen und zeichnete wie selbstverständlich die Konturen seines Gesichtes nach.

„Stephen?“, fragte sie flüsternd, um ihn nicht zu wecken, falls er wirklich schlief.

„Mhhh…“, machte er zustimmend, ohne die Augen zu öffnen oder auch nur das Gesicht zu verziehen.

„Wie soll das jetzt mit uns weitergehen?“, fragte sie vorsichtig. Sie hatte Angst vor seiner Antwort. Davor, das er sagen könnte, sie sollten das am besten vergessen und nie wieder darüber sprechen. Oder vielleicht war es für ihn normal, was er getan hatte! Vielleicht küsste er öfter Frauen einfach nur aus Spaß, ohne irgendetwas für sie zu empfinden.

„Das liegt ganz bei dir“, sagte er weiterhin mit geschlossenen Augen und völlig entspanntem Gesicht.

„Wie meinst du das?“, fragte sie.

„Du hast mir eine Gelegenheit für ein Date gegeben und ich habe es vermasselt. Ich weiß nicht, ob ich eine zweite Chance verdient habe…“, sagte er und Abby konnte sein schlechtes Gewissen heraushören. Trotzdem verzog er keine Miene.

„Was ist eigentlich aus Allison geworden?“, fragte Abby neugierig.

Ein leichtes Schmunzeln war die einzig sichtbare Reaktion. „Sie ist meine Tanzpartnerin und eine gute Freundin“, gab er bereitwillig zu. „Nichts sonst.“

Sie schwiegen eine Weile und Abby dachte über seine Worte nach. Sie fragte sich, warum er damals nach seinem Krankenhausaufenthalt die Sache nicht gleich richtiggestellt hatte. Weiterhin die Strähnen des dunklen Haaren mit ihren Fingerspitzen zwirbelnd, beugte sie sich zu ihm runter und küsste ihn federleicht auf die Lippen.

„Ich möchte dir gerne eine zweite Chance geben“, sagte sie selbstsicher. Er lächelte lieb und öffnete jetzt die hellen Augen, sah sie warm an.

„Danke, Abby“, sagte er ehrlich. Sie lächelte ebenso zurück.

„Aber lass uns langsam angehen, okay?“, bestimmte sie die Spielregeln.

„Du bestimmst das Tempo“, gab er bereitwillig nach.




Kapitel 17

Es dauerte fast drei Stunden, bis Abby aus der Ferne erste Anzeichen von Zivilvision hörte. Ein Blick auf Stephen verriet ihr, dass es auch langsam Zeit wurde. Der junge Mann war bedenklich Blass, hatte viel Blut verloren und die junge Frau verstand auch besser, warum sie einen Zwischenstop in dieser Dimension eingelegt hatten. Stephen benötigte professionelle Hilfe, um die Wunde behandeln zu lassen. Abby wusste nicht, ob er schlief oder nicht, jedenfalls hatte er schon eine ganze Weile nichts mehr gesagt oder sich irgendwie geregt. Sein Atem ging ruhig, tief und gleichmäßig.

Sie legte vorsichtig eine Hand an seine Wange und strich federleicht über seine Haut, flüsterte behutsam seinen Namen und er erwachte langsam wieder. Seine Augenlider zuckten und matt schlug er sie schließlich auf. Kurz sah er sich desorientiert um, fuhr sich mit der Hand über die Augen und setzte sich dann vorsichtig auf. Die Welt schwankte kurz, sein Kopf dröhnte, doch als sich das langsam legte, wusste er auch wieder, wo er war. Noch immer leicht schläfrig lächelte er Abby schief zu.

„Wie geht es dir?“, fragte sie. Er gab einen undefinierbaren Laut von sich und sah sie dann mit einem seltsam musternden Blick an.

„Hast du gar nicht geschlafen?“, fragte er misstrauisch. „Wir sind die ganze Nacht durch die Pampa gejagt worden und du hast nicht geschlafen?“

„Ich musste dich doch vor den bösen Wölfen beschützen“, neckte sie ihn.

Er sah sie einem Moment lang immer noch verschlafen und leicht perplex an, bis er verstand, dass sie scherzte. Er lachte etwas verzögert und Abby bemerkte, dass sie ihn noch nie so befreit lachen gehört oder gesehen hatte, sie fand, das es ihm stand. In Wahrheit hätte sie nicht geschlafen können, selbst wenn sie es versucht hätte. Sie war aufgewühlt und aufgedreht. Ihre Gefühle spielten momentan wie bei einem Teenager verrückt.

Sie erhob sich, da nun ihr Schoss frei war und bemerkte, dass ihre Beine eingeschlafen waren. Auf wackligen Knien stemmte sie sich auf. Stephen beobachtete sie skeptisch.

„Ich glaube unsere Rettung naht“, rechtfertigte sie ihren Aufbruch und sah sich aufmerksam um. In der Ferne konnte sie undeutlich zwei Gestalten erkenne, die rasch näher kamen. Der Professor vorneweg, dicht gefolgt von Connor. Stephen hatte recht gehabt: Cutter hatte dafür gesorgt, dass sie nicht mit einer ganzen Truppe angerückt waren.

Stephen neben ihr kam mühselig ebenfalls auf die Beine, schwankte etwas und fing sich schließlich wieder. Abby hob den Arm und winkte den rasch näherkommenden Menschen euphorisch zu. Erschöpft oder erleichtert gingen die beiden Flüchtlinge auf ihre Freunde zu.

„Seit ihr okay?“, fragte Connor sofort als sie in Hörweite waren.

„Gib uns eine Dusche, eine Mütze voll Schlaf und mindestens eine Woche Urlaub und wird sind wieder fit“, erwiderte Stephen.

„Und einen Arzt“, setzte Abby hinzu.

Nick betrachtete seinen Assistenten aufmerksam und bemerkte jetzt auch, dass dieser nicht nur ebenso schmutzig und abgekämpft aussah wie Abby, sondern um dies auch wesentlich blassen. Außerdem glitzerte das frische Blut an seiner Hüfte verräterisch.

„Wir haben den Wagen etwa fünfhundert Meter von hier geparkt. Ab dort wurde der Weg ziemlich uneben. Glaubst du, du schaffst das?“, fragte er besorgt.

Stephen nickte bloß. „Ja, Claire wird sich freuen, wenn sie uns mal wiedersieht“, meinte er schulterzuckend.

„Wo habt ihr denn überhaupt gesteckt und wie seit ihr aus der Kirche rausgekommen und warum – zum Teufel – bist du einfach angehauen, Stephen?“, fragte Connor aufgebracht.

„Lange Geschichte“, meinte Stephen ausweichend.

„Die du ihnen erzählen kannst, oder ich tue es“, sagte Abby bestimmt.

Stephen seufzte. „Okay, erzähl es ihnen! Aber können wir uns währenddessen auf den Weg zum Auto machen?“

Und während sie mühsam vorankamen, begann Abby zu erzählen. Connor und Nick unterbrachen sie kein einziges Mal, hören aufmerksam zu. Nur Stephen warf ab und zu etwas ein oder stellte etwas richtig, ansonsten musste er sich anscheinend mehr darauf konzentrieren nicht einfach zusammenzubrechen.

„… und dann haben wir die Anomalie länger aufrechterhalten, damit ihr uns findet. Und hier seit ihr nun“, endete Abby gerade als sie am Auto angelangt waren.

„Du bist also Vater“, meinte Connor an Stephen gewand, der sich auf den Beifahrersitz schwang.

„Nur im biologischen Sinne“, erwiderte der junge Mann.

„Und wie heißen die Kleinen?“, fragte er neugierig weiter nach.

„Der Große heißt Shawn und der Kleine Sam“, gab er betreitwillig Auskunft.

Nick startete den Motor und sie fuhren an. Offensichtlich war die Anomalie nicht sehr weit im Wald erschienen, denn sie fuhren nur knappe zwei Stunden bis zur Klinik. Aber schon nach ein paar Minuten hatte Connor angefangen ihn mit Fragen zu löchern. Bis Cutter schließlich dazwischengegangen war und dem Student klar gemacht hatte, dass sein Assistent etwas mehr Ruhe benötigte. So war die Fahrt fast schweigend vergangen und nur einmal hatte Nick selbst die Stille unterbrochen.

„Wenn du nicht wolltest, dass wir dich sehen, warum hast du Claire dann meinen Namen verraten?“, fragte er nachdenklich.

Stephen zögerte. „Ich war verletzt, ich hatte eine scheiß Angst und war halbblind. Dein Name war der erste, der mit eingefallen ist…“

Danach hatten sich nur Abby und Connor auf dem Rücksitz unterhalten und dies auch eher in verhaltener Lautstärke. Als sie schließlich vor der Privatklinik hielten und Nick die beiden Jüngeren schon reinschickte, um noch kurz mit Stephen alleine zu reden.

„Ich will mit!“, sagte er. Seine Stimme vorriet, dass er keinen Protest zulassen würde.

„Wohin?“, fragte Stephen ehrlich verwirrt.

„Wenn du die Jungs holst!“

Nick gab ihm keine Gelegenheit zu antworten, sondern zog ihn einfach am Arm mit in die MediClinic, wo Claire sie bereits erwartete. Der Paläontologe musste schmunzeln, als er erkannte, dass sie keine Schuhe trug und offensichtlich auf dem Job der Empfangsdame sitzen geblieben war. Mit einem freudestrahlenden Gesicht trat sie von Abby und Connor weg, mit denen sie sich bis gerade vermutlich noch unterhalten hatte und steuerte auf ihn und Stephen zu.

„Nick, Stephen, schön euch zu sehen!“, sagte sie freudig.

„Hey Claire“, antworteten beide brav. Und Stephen fuhr fort: „Hat Doc Curling vielleicht kurz Zeit für mich?“

Sie sah ihn stirnrunzelnd an und fuhr mit den Augen seinen Körper hinab, blieb bei seinem Shirt hängen. Missbilligend schüttelte sei den Kopf und trat zu ihrem Schreibtisch, um ihren Onkel anzurufen. Der würde nicht unbedingt begeistert sein!

„Was hast du bloß schon wieder angestellt?“, fragte sie sich halblaut. Es stellte sich heraus, dass Chris Curling wirklich nicht unbedingt begeistert war, über das plötzliche Auftauchen seines sich selbst entlassenen Patienten, doch er war bereit sich den jungen Mann mal anzusehen. Claire schickte ihn hinauf in eines der Behandlungszimmer, während sie die Zurückbleibenden zu einem Kaffee einlud.

„Hallo Mister Hart“, begrüßte der Doc ihn. „Ich sehe schon wo das Problem liegt. Machen Sie sich schon mal obenrum frei und legen Sie sich auf den Behandlungstisch.“

Stephen erwiderte die Begrüßung und tat, wie ihm geheißen. Er konnte spüren, wie die Müdigkeit ihn überrannte, als er sich zurücklehnte, doch als der Arzt seine Hände an die Wunde legte, hisste er schmerzerfüllt auf.

„Die umliegende Haut ist heiß und offensichtlich überaus schmerzempfindlich. Ich fürchte, Sie haben sich eine ordentlich Wundinfektion geholt. Ich werde das entzündete Gewebe entfernen müssen, außerdem verpasse ich Ihnen gleich erst mal eine Simultanimpfung gegen Tetanus und setze Ihnen eine Infusion zur Stabilisierung des Kreislaufs und um den Flüssigkeitsverlust wieder ausgleichen.“

Der verschwand kurz und als er wiederkam, hatte er einen ganzen Beistelltisch voller Medikamente, Spritzen und allerlei medizinischem Gerät dabei. Stephen ließ es über sich ergeben, dass Curling ihm eine Infusion legte und eine Simultanimpfung setzte. Dann beobachtete er aufmerksam wie der Doc vorsichtig die infizierte Stelle und den umliegenden Bereicht der Wunde reinigte und desinfizierte.

„Ich gebe Ihnen sofort etwas gegen die Schmerzen“, sagte er als Stephen ein schmerzhaftes Stöhnen nicht mehr unterdrücken konnte. Behutsam zog der Arzt etwas von einer Flüssigkeit auf und verabreichte sie in seine rechte Armbeuge. „Sie werden sich gleich etwas schläfrig fühlen und Ihre Muskeln werden sich entspannen. Bitte kämpfen sich nicht dagegen an!“

Stephen spürte die Wirkung des Schmerzmittels beinahe sofort. Erschöpft ließ er den Kopf zurücksinken und schloss entspannt die Augen. Der routinierte Arzt erledigte den kurzen Eingriff, nähte die Wunde schließlich zu und schützte sie mit einem strammen Verband.

„Ich würde Sie gerne über Nacht hier behalten“, sagte er. „Ich werde die nötigen Papiere besorgen. Bleiben Sie auf jeden Fall liegen und lassen sie den Tropf durchlaufen, okay?“

Stephen nickte bloß matt und der Doc ließ ihn eine Weile alleine in dem Zimmer. Doch schon bald hörte er näherkommende Schritte und glaube schon, dass es Curling war, doch dieser lief nicht so leichtfüßig und flott. Das waren die Schritte einer Frau, die rasch näher kam. Er machte sich nicht die Mühe aufzusehen, denn er wusste, es konnte nur Abby sein und seine Lider waren ungeheuer schwer. Er spürte, dass die Frau sich zu ihm hinabbeugte und stockte.

Das war nicht Abbys Duft, der seine Nase gerade erreichte. Bevor er reagieren konnte, wurde ein schneller Kuss auf seine Lippen gedrückt. Er riss die Augen auf und sah dunkelbraunes, kurzes Haar. Sein Körper fühlte sich unendlich schwer an und er war nicht in der Lage den Arm zu heben und die Frau von sich zu schieben, die jetzt spöttisch auf ihn hinabsah.

„Helen“, keuchte er.




Kapitel 18

Währenddessen hatten Abby, Nick und Conner es sich mit Claire in der Cafeteria gemütlich gemacht. Die Krankenschwester erzählte gerade davon, wie sehr die Schwestern Stephen vermissen und die Anwesenden konnten sich dies lebhaft vorstellen, als Chris Curling den Raum betrat. Er war unverkennbar wütend und steuerte direkt auf sie zu.

„Jetzt reicht es mir aber mit Ihrem Freund“, zeterte er los. „Es ist eine Sache sich auf eigene Verantwortung zu entlassen, aber eine ganz andere Sache ist es, wenn man dabei sein Leben aufs Spiel setzt!“

„Bitte?“, fragte Nick verwirrt nach

„Sie wollen mir weiß machen, dass Mister Hart sich hier ohne Ihr Wissen rausgeschlichen hat?“, fragte er und setzte noch hinzu: „Vollgepumpt mit Schmerzmitteln und mit einer frisch genähten Wunde?“

Die Anwesenden starrten ihn an. „Er will es wirklich alleine machen, dieser Trottel!“, fauchte Nick schließlich. „Er ist ohne uns gegangen“

„Wenigstens ist seine Freundin bei ihm“, sagte der Arzt noch, dem die Vorstellung offenbar nicht behagte, dass sein Patient alleine durch die Gegend wanderte.

„Seine Freundin?“, fragte Abby verdattert nach.

„Ja, das sagte sie jedenfalls“, sagte er. „Sie hat mich angesprochen, kurz nachdem ich mit dem Eingriff fertig war. Sie meinte, sie wäre seine Freundin und wollte nur kurz nach ihm sehen. Als ich fünf Minuten später wieder zurückkam, war er weg.“

„Wie sah sie aus?“, fragte Nick alarmierend nach.

„Um die Vierzig würde ich sagen, schlank Figur, dunkelbraune, kurze Haare und recht hübsch…“

„Helen!“, stöhnten alle im Chor. Nick, Abby und Connor sprangen auf, wusste sie doch, dass ein Erscheinen Helens immer negative Folgen mit sich brachte. Ohne sich abzusprechen machten sie sich schnell auf zum Behandlungsraum, um nach eventuellen Spuren zu suchen.

Claire sah sie verwirrt an. „Wer ist Helen?“, rief sie ihnen nach.

„Meine Exfrau“, entgegnete Cutter und war damit nicht sehr hilfreich. „Sie ist zum größten Teil Schuld an dem Zustand, in dem Stephen sich befand, als er hier das erste Mal auftauchte!“

Sie beeilten sich in den Raum zu gelangen und es bot sich ihnen ein merkwürdiges Bild. Auf den ersten Blick erkannte Nick, dass er Raum überstürzt verlassen worden war. Auf dem Behandlungstisch klebte einiges an Blut und ein loser Infusionsschlauch taumelte an einer Halterung hinab. Über einen der Stühle breitete sich immer noch Stephens Jacke aus und Nick kam plötzlich eine Idee. Mit schnellen Schritten war er bei dem Kleidungsstück und durchsuchte flink die Tasche, förderte ein unscheinbares Gerät zutage.

„Wo sind sie ohne das Ding hin?“, fragte Connor.

„Helen wird ebenfalls eines haben. Sie ist schließlich eine von den Jumpern!“, gab Nick zu bedenken. Aufmerksam betrachtete er das Gerät mit den kleinen Knöpfen und dem verwirrenden Display. Stirnrunzelnd wandte es sich an Abby.

„Hast du auch nur den kleinsten Schimmer, wie es zu bedienen ist?“, fragte er.

Die junge Frau war den Tränen nahe und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nein, aber ich glaube, dass Stephens Vater sich damit beschäftigt hat. Er hat James um Hilfe gebeten.“

„Seine Eltern wohnen mindestens zweieinhalb Stunden von hier. Wir verlieren eine Menge Zeit, wenn wir dort hinfahren“, gab Nick zu bedenken.

„Aber was haben wir denn für eine Wahl? Helen hat ihn durch eine Anomalie mitgenommen. Wir können ihm nicht helfen, wenn wir nicht einmal wissen, wie wir das Gerät bedienen können!“, sagte Connor energisch.

Nick musste seinem Studenten recht geben. Er nahm Stephens Jacke mit und sie beeilten sich zum Auto zu gelangen und schließlich gab er Gas, um möglichst schnell an sein Ziel zu gelangen. Abby war immer noch in schmutziger Kleidung unterwegs, teilweise blutig und völlig verkratzt, doch sie wollte sich nicht die Zeit für eine Dusche nehmen. Erst während der Fahrt begriff Cutter, wie gering die Chance war seinen Freund wiederzufinden. Es existierten unzählige Dimensionen, wie sollen sie die richtige finden? Und wer sagte überhaupt, dass Helen ihn in die erste Dimension gebracht hatte und nicht in die Kreidezeit?

Die angespannte Stimmung hielt noch an, bis sie zwei Stunden später mit quietschenden Reifen vor dem vornehmen Haus zum Stehen kamen und die drei Insassen hinaussprangen. Abby hielt die ganze Zeit das Gerät in den Händen und als sie die Klingel betätigten öffnete ihnen ein alter Mann in vornehmen Anzug. Er stellte sich als der Hausdiener Paul vor und gab die Gäste hinein. Wenig später betrat eine zierliche, rothaarige Frau den Empfangssaal.

„Professor Cutter, nicht wahr?“, fragte sie sofort und kam schnell näher. Sorge zeichnete ihr Gesicht als ihr Blick über die Anwesenden glitt und ihren Sohn nicht finden konnte.

„Sehr angenehm, Mrs Hart“, sagte er knapp. „Wir sind wegen Stephen hier.“

„Was ist mit ihm?“, fragte sie ängstlich.

„Er ist weg!“, kam Nick sofort zur Sache. „Ihr Mann kennt sich mit der Zeitreisevorrichtung aus?“

„Ja“, meinte sie leicht zerstreut. „Paul, schicke bitte James her!“

Während sie wartete bat Catherina sie in die Küche und setzte Kaffee auf. Abby kam nicht umhin die Ähnlichkeiten zwischen ihr und ihrem Sohn wahrzunehmen. Es waren Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel fuhr sie sich ebenso nebensächlich, aber stetig durch das Haar wie Stephen. Hatte sie die Gemeinsamkeiten zwischen Catherina und Stephen bewundert wurde sie bei James noch um einiges fündiger.

Der Mann ließ einen schnellen Blick über die kleine Gruppe wandern und erkannte offensichtlich nicht nur Cutter wieder, denn sein Blick lag auffällig lange auf Abby.

„Miss Maitland, darf ich annehmen“, sagte er galant und reicht ihr als erste die Hand. Ganz Gentleman, dachte Connor anerkennend.

„Woher wissen Sie, wie ich heiße?“, fragte die blonde Frau überrascht.

„Oh, Stephen hat oft über Sie geredet“, sagte er nur leicht lächelnd und schüttelte schließlich auch den anderen Beiden die Hand, setzte sich dann mit seiner Frau an den Tisch. „Was kann ich für Sie tun?“

Cutter begann schließlich davon zu erzählen, was passiert war, seit Stephen mit Abby verwunden war, erklärte wer Helen war und das diese ihn vermutlich einfach mitgenommen hatte.

„Helen?“, fragte Catherina nach. „Dieser Name sagt mir etwas.“

Doch sie unterbrach seine Erzählung nur kurz, konnte sich nicht mehr dran erinnern in welchem Zusammenhang ihr Sohn vor der Frau gesprochen hatte.

„Ich kann Ihnen gerne erklären, wie die Zeitmaschine funktioniert, allerdings dauert diese Berechnung unter umständen Wochen, wenn nicht Monate“, bot James seine Hilfe an. „Kommen Sie mit in mein Büro!“

„Connor wird Sie begleiten“, bestimmt Nick. Er wusste genau um die technischen Qualitäten des Studenten und das er selbst vermutlich nur hinderlich wäre. Also blieb er bei den beiden Frauen in der Küche sitzen.

Er nutzte die Chance, um eine Frage zu stellen, die ihm schon lange auf der Zunge brannte: „Wie hat Stephen sein Studium eigentlich finanziert? Haben Sie ihn unterstützt?“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Er ist so stolz, er hätte uns niemals um Geld gebeten.“

„Wie hat Stephen sein Studium dann finanziert?“, fragte nun Abby interessiert nach.

„Er hat in seinen Briefen etwas von studentischer Hilfskraft erzählt“, erinnerte sie sich. „Damit kann er zwar nicht alles finanziert haben, aber zumindest etwas.“

„Ja, er war meine studentische Hilfskraft, aber erst ab dem dritten Semester“, sagte Nick.

„Nein, nein. Er schrieb sofort in seinem ersten Brief von einem Job bei Professor Cutter“, beharrte sie.

„Er könnte Helen gemeint haben“, gab Abby zu bedenken.

„Das hätte er mir doch erzählt. Es sei denn…“, begann Nick, brach dann aber unvermittelt ab.

Konnte es sein, dass Stephen schon mit Zwanzig ein Verhältnis mit Helen gehabt hatte? Hatte sie ihm im Gegenzug dafür sein Studium finanziert? Nick konnte nicht glauben, dass sein Freund sich verkauft haben sollte! Er nahm sich fest vor Stephen danach zu fragen sobald sie ihn gefunden hatten, falls sie ihn denn finden sollten…




Kapitel 19

Stephen musste Helen eines lassen. Sie war für ihre Statur unglaublich kräftig. Er selbst konnte sich kaum bewegen, außergefechtgesetzt und vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Sein Kopf dröhnte, seine Muskeln protestierten, doch die Waffe an ihrem Gürtel verlieh ihm die sprichwörtlichen Flügel. Die dunkelhaarige Frau stützte ihn schwer und half ihm so durch die kontrollierte Anomalie, die sich sofort nach ihnen wieder schloss.

Sofort schlug Stephen unangenehme feuchtwarme Luft entgegen, die es ihm noch schwerer machte sich zu bewegen, seine Beine gaben nach und Helen ließ zu, dass er auf den Boden sank. Noch spürte er die Schmerzen an der Hüfte nicht, doch er wusste, dass ihm die Anstrengungen später teuer zu stehen kommen würden. Matt ließ er den Kopf in den Nacken fallen, schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen. Seine Arme zitterten unter mysteriösen Umständen, ebenso wie sein restlicher Körper, wie er jetzt erst feststellte.

Helen sah mit einem leicht besorgten Blick auf ihn hinab. Vielleicht hätte sie die Infusion mitnehmen sollen, anstatt sie dem jungen Mann aus dem Arm zu ziehen. Aber wenigstens hatte sie Schmerztabletten mitgehen lassen. Sie streckte die Hand nach seinem Haar aus, doch er wich vor ihr zurück wie unter einem Schlag, warf ihr einen bitterbösen Blick zu und nahm dann erst seine Umgebung genauer wahr.

„Wo hast du mich hingebracht?“, fragte er. Seine Stimme zitterte und er hasste sich für seine Schwäche.

„In die Trias“, entgegnete sie.

„Was?“, fragte er schockiert nach.

„Das ist eine –“, begann sie zu erklären, obwohl sie genau wusste, dass ihm bekannt war, was das für ihn bedeutete.

„Ich weiß, was das ist“, fauchte er. Er atmete ein, zwei Mal tief durch, um sich wieder zu beruhigen, doch es nutzte nicht das Geringste. Seine Gedanken fuhren Achterbahn, sein Kopf schmerzte höllisch und sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er wusste, dass er kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.

„Keine Angst, Süßer, du hast zwei Monate in der Kreidezeit überlebt, dann wirst du auch eine zeitlang hier überleben“, sagte sie mit überheblich ruhiger Stimme.

„Was redest du da?“, fragte er nach. Sie schenkte ihm ein spöttisches Lächeln und aktivierte ihre Zeitreisevorrichtung erneut. „Helen, was tust du da?“

„Ich muss kurz weg, aber wenn du dich nicht allzu weit von hier entfernst, werde ich dich schon wiederfinden“, meinte sie abgebrüht.

Er starrte sie an. „Du willst mich hier alleine lassen!“, stellte er fest. „Einige Dinosaurier haben besser ausgebildete Nasen als Hunde. Ich habe an meinem ganzen Körper Blut kleben und bin so vollgedröhnt mit Schmerzmitteln, dass ein Kleinkind mich mühelos beklauen könnt. Und du willst jetzt gehen!“

„Stell dich nicht so an, Stephen!“, meinte sie und warf ihm eine kleine Dose und eine Flasche Wasser zu. „Das sind noch ein paar Schmerztabletten und etwas zum runterspülen. Könnte sein, dass die Narkose nachlässt bevor ich wieder da bin.“

„Helen, warte! Du kannst…“, er beendete seinen Satz nicht, dann sie war schon verschwunden. Ergeben stöhnte er auf und ließ sich matt auf den trockenen Boden sinken. Es würde keine fünf Minuten vergehen, bevor die ersten Raubtiere auftauchen würden.

„Scheiße!“, fluchte er aufgebracht.

Mühsam versuchte er auf die Beine zu kommen, doch dies erwies sich als äußerst schwierig. Ihm war sterbenselend und er fühlte sich ungeheuer hilflos, was er auch unumstritten war. Selbst die kleinste Echse hätte keinerlei Probleme mit ihm gehabt… Schon nach wenigen unbeholfenen Schritten war ihm der Schweiß auf der Stirn ausgebrochen, verklebte sein Haar und rannte ihm die Schläfen hinab. Keuchend ging er wieder zu Boden.

Nicht nur Echsen hätten leichtes Spiel mit ihm, dachte er selbstspöttisch. Selbst ein Marienkäfer wäre jetzt eine ernstzunehmende Gefahr…




Helen indes fiel es nicht halb so leicht Stephen zurückzulassen, wie sie ihm weiß machen wollte, doch im Moment war dies der beste Schutz für den jungen Mann und noch viel mehr für Cutter, der im Moment in noch größeren Schwierigkeiten steckte, als sein Assistent.

Sie war nur wenige hundert Meter von dem Haus der Harts entfernt aufgetaucht. Die wohlhabende Nachbarschaft durchquerte sie eilig und schon aus der Ferne erkannte sich nicht nur Nicks Auto, sondern auch Liams. Zügig durchschritt sie den Vorgarten und verschaffte sich über den Hintereingang Zutritt.

Es erwartete sie das Bild, welches sie erwartet hatte. Da stand Liam mit gezückter Waffe vor Nick und den anderen, einschließlich Stephens Eltern. Er wirkte nervös und Helen war froh, dass er noch keinen Schuss abgegeben hatte. Lautlos trat sie in den Raum.

„Liam“, sprach sie den Mann an. Nicht nur er fuhr zu ihr herum. Niemand hatte sie kommen hören, es war quasi eine Lebensversicherung für sie sich lautlos bewegen zu können. „Ich hab ihn!“

Doch es war Nick, der antwortete. „Helen, was hast du mit ihm vor?“, fragte ihr Exmann misstrauisch. Seine hellen Augen starrte sie feindselig an und Helen lächelte bekannt überheblich zurück, erwiderte nichts.

„Was machen wir mit denen?“, fragte Liam.

„Lassen wir sie hier, die können uns sowieso nicht folgen!“, bestimmte die Frau und hoffte, dass Liam darauf eingehen würde. Sie würde Nick nur ungern erschießen müssen. Mit wenigen gekonnten Handgriffen stellte sie ihre Zeitreisevorrichtung richtig ein und aktivierte sie.

„Helen, was habt ihr mit Stephen vor?“, fragte Nick jetzt eindringlicher und trat einen Schritt auf sie zu. Helen wirkte wenig beeindruckt, zog die Waffe von ihrem Gürtel und richtete sie auf den Paläontologen.

Liam war es, der antwortete. „Er wird sterben!“, sagte er mit gespenstischer Ruhe, dann wandte er sich um und verschwand in der Anomalie.

„Helen, du kannst das nicht zulassen!“, fuhr Nick seine Exfrau an.

Die Frau lächelte berechnend und erhob nochmals die Stimme, bevor sie in der Anomalie verschwand. „Ich gebe dir einen Rat, Nick, vergiss deinen Jungen. Er wird nicht wiederkommen!“




Kapitel 20

Stephen hatte es inzwischen geschafft sich einige Meter bis zu einem dicken Stamm zu schleppen. Rücklings lehnte er an dem hohen Baum, so dass ihn wenigstens keine Raubtiere von hinten überraschen konnten. Langsam ließ die Betäubung wirklich nach und wurden von höllischen Schmerzen ersetzt. Curling hatte Teile des entzündeten Gewebes entfernt, so dass das Leiden nachvollziehbar war.

Er zitterte am ganzen Körper, schwitzte tierisch und wollte um keinen Preis noch mehr Schmerzmittel nehmen, obwohl dies mit Sicherheit geholfen hätte, doch er wollte seine Sinne nicht weiter vernebeln. Er hatte ein paar Mal kleine Eoraptoren gesehen, doch die Tiere reichten ihm knapp bis an die Knie und konnten ihm nicht gefährlich werden, doch Stephen wusste, dass auch größere Dinosaurier die Trias beherrschten.

Vor wenigen Minuten hatte er einen Herrerasaurus gesehen, doch das zwei Meter große Tier war um ihn herumgeschlichen und wieder verschwunden, jedenfalls glaubte und hoffte Stephen, dass er verschwunden war. Doch vermutlich hatte der Saurier ihn nur nicht angegriffen, weil er seine Spezies nicht kannte. Der junge Mann konnte nur hoffen, dass der Herrerasaurus nicht wiederkam sobald er seine Meinung über ihn gebildet hatte.

Doch Stephens Chancen standen schlecht, denn schon wenige Minuten später stand das Tier wieder auf der Lichtung, keine fünf Meter von ihm entfernt und schaute ihn aufmerksam mit schiefgelegtem Kopf an. Langsam kam er näher und Stephens einzige Waffe war seine Plastikflasche, also schmiss er die Wasserflasche in die Richtung des Tieres, doch es fing sie mit den rasiermesserscharfen Zähnen auf und ließ sie damit geräuschvoll zerbersten. Die Aktion hielt ihn keine Minute auf.

Stephen kam mühsam auf die Beine, hielt sich an dem Baum fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Seine gesamte rechte Körperhälfte protestierte schmerzhaft.

„HELEN!“, schrie er hilflos. Natürlich wusste er, dass sie ihn nicht hören konnte. Sie war nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich viel zu weit entfernt.

Mit einer schnellen Bewegung brach er sich einen tiefhängenden Zweig ab. Doch er wusste, dass dieser Verteidigung im Grunde nutzlos war. Der Tier schnappte ihm den Ast in einer fließenden Bewegung weg und Stephen stolperte unbeholfen zurück. Noch zögerte der Herrerasaurus, griff ihn nicht direkt an. Langsam kam die spitze Schnauze näher und der junge Mann hielt still, als die schuppige Spitze rau und grob über seinen Arm für. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er zitterte unbewusste und presste sich so nah an den Baumstamm als wolle er, dass dieser ihn verschlang.

Der Kopf des Tieres fuhr neugierig und vom Blutgeruch angelockt von dem Arm zur Hüfte hinüber und berührte äußerst schroff die frische Wunde. Stephen musste sich auf die Lippe beißen, um nicht vor Schmerzen aufzuschreien. Schweiß brach auf seiner Stirn aus, brannte in seinen Augen. Er schluckte schwer und sein Herz setzte einen Schlag lang aus als die rissige Schnauze zu seinem Hals hinaufglitt. Es stieß ein bedrohliches Knurren aus jetzt konnte Stephen den widerwärtigen Geruch von Verwesung und Fäulnis deutlich wahrnahmen. Er war sich völlig sicher, sein letztes Stündlein hatte geschlagen!

Ein Schuss verschlug die angespannte Stille.

Das Tier kreischte schmerzgepeinigt auf, taumelte noch ein, zwei Schritte von ihm weg und ging dann zu Boden. Stephens zittrigen Beine gaben nach und er sank ausgelaugt am Stamm entlang ebenfalls zu Boden. Er schaffte es einige Sekunden lang nicht den Blick von dem zuckenden Saurier zu lösen. Sein Unterbewusstsein nahm war, dass sich eine Anomalie geöffnet hatten und aus dem Augenwinkel konnte er zwei näherkommende Personen ausmachen.

Stephen musste sich zwingen den Blick von dem toten Tier zu lösen. Helen hatte ihm das Leben gerettet und auf den Herrerasaurus geschossen. Liam war zwar näher bei ihm, hatte aber keinen Finger gerührt.

„Wieso hast du ihm geholfen?“, fragte Liam ohne den Blick von dem jungen Mann zu nehmen.

„Ich dachte, du wolltest es vielleicht lieber selbst zu Ende bringen“, erwiderte Helen. Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu und Stephen verstand nicht, was sie ihm damit mitteilen wollte.

Liam zog wortlos seine Waffe und richtete sie auf ihn. „Irgendwelche letzen Worte?“, fragte er spöttisch. Doch er sollte nicht dazu kommen den Abzug zu betätigen. Helen war mit zwei schnellen Schritten hinter ihm, packte ihre eigene Waffe am Lauf und schlug Liam den Griff an den Hinterkopf.

Mit einem dumpfen Stöhnen ging der Mann zu Boden. Stephen starrte Helen fassungslos an und sie verstand die unausgesprochene Frage aus den schönen Augen.

„Hätte ich ihn dich erschießen lassen sollen?“, fragte sie spitz. Sie trat zu Liam, hockte sich neben ihn und durchsuchte kurz seine Taschen, beförderte seine Zeitreisevorrichtung zutage und steckte sie selbst ein.

„Du willst ihn hier zurücklassen?“, fragte Stephen mit rauer Stimme.

Sie sah ihn einen augenblicklang wortlos an. „Er würde immer hinter dir hersein und hier hat er keine Chance an eines der Zeitreisegeräte heranzukommen.“

„Du bist grausam!“, sagte er tonlos. Zwei Monate in der Vergangenheit waren die Hölle gewesen, er konnte sich nicht vorstellen, was es hieß ein ganzes Leben hier zu verbringen.

„Wir lassen ihm seine Waffe und wenn du unbedingt willst, kann er meine Zusatzmunition haben“, sagte sie leichthin.

Er sah sie verständnislos an und beobachtete, wie sie ihr Gerät neu einstellte und aktivierte. „Erst heuerst du ihn an, damit er mich aus meiner Dimension holt, mich danach beinahe umbringt und jetzt hältst du ihn davon ab mich zu erschießen! Was – zum Teufel – hast du vor, Helen?“, fragte er sie energisch.

„Lass uns von hier verschwinden“, erwiderte die Frau bloß.

Sie trat auf ihn zu und zog ihn mühsam auf die Beine. Das Adrenalin hatte Stephen vorrübergehend die Kraft verliehen selbstständig zu Stehen, doch nur kehrten die Schmerzen und die Verschöpfung um vielfaches stärker zurück.

„Du willst ihn hier zurücklassen?“, fragte er nochmals. Nicht das er viel dagegen ausrichten konnte…

„Komm, Stephen!“, sagte sie nur.

„Bringst du mich dorthin zurück, wo ich hingehöre?“, fragte er vor Anstrengung keuchend.

„Nein“, sagte sie. „Dorthin wirst du niemals zurückkehren!“

Sie stützte ihn die wenigen Meter bis zur Anomalie und so plötzlich wie sie dieser Zeit betreten hatten, verschwangen sie auch wieder…




Kapitel 21

Nick Cutter und sein Team dachten gar nicht daran mit ihrer Suche aufzuhören. Er hatte seinen besten Freund einmal verloren und er würde nicht zulassen, dass dies ein zweites Mal geschah. James, Connor und er versuchten sich eifrig an den Berechnungen, kamen jedoch nur sehr langsam voran und standen kurz vor dem Verzweifeln.

Abby indes fühlte sich völlig nutzlos. Sie war unbestreitbar sehr intelligent, doch nicht im logischen Bereich, so dass sie den Männern überhaupt nicht helfen konnte. Also beschränkte sie sich in der Aufgabe Catherina Hart zu beruhigen, obwohl dieser Dienst eher auf Gegenseitigkeit beruhte, denn Abby war ebenso aufgewühlt wie Stephens Mutter.

Die rothaarige Frau hatte Gefallen dran gefunden Abby alte Fotoalben zu zeigen und die gelernte Tierpflegerin ließ sich nur zu gerne ablenken. Außerdem war Klein-Stephen zum Anbeißen drollig.

Es dauerte zwei quälendlange Wochen ehe Connor glaubte, die richtigen Einstellungen gefunden zu haben. Cutter hatte James und Catherina dazu überredet hier zu bleiben, doch Abby war nicht umzustimmen gewesen. Nicht zum ersten Mal fragte der Professor sich, was die junge Frau für seinen Laboranten empfand.

„Wir sollten uns vorher bewusst machen, dass Helen ihn auch überall anders hingebracht haben könnte“, sagte Nick und sah fasziniert auf das bunte Farbenspiel vor ihm. Die Anomalie war stabil und bereit durchschritten zu werden. Zwei Mal war der Versuch bereits schief gegangen. Beim ersten Mal waren sie in der Jurazeit aufgetaucht und beim zweiten Mal zwar in der richtigen Zeit und Dimension, aber mitten im Indischen Ozean. Beide Male waren sie nur knapp mit dem Leben davon gekommen…

Doch nun waren sie sich ziemlich sicher die Einstellungen richtig getroffen zu haben, denn Connor hatte die Koordinaten aus dem Speicherstick des Gerätes gefunden und entnommen. Laut Abby würden sie also in der Krankenstadion der Universität auftauchen. Nick nahm Augenkontakt mit den Mitgliedern seines Teams auf und Connor und Abby nickten ihm zu, sie waren bereit. Er atmete ein letztes Mal ruhig durch, dann trat er als Erster durch das bunte Farbenspiel.

Er fand sich nicht im Wasser wieder und dies war äußerst positiv. Dann erkannte er auch seine Umgebung und musste zugeben, dass Connor verdammt gute Arbeit geleistet hatte. Der Student trat als Letzter von ihnen durch die Anomalie und hatte die Zeitreisevorrichtung mitgenommen. Sie warteten bis Connor die Einstellungen getroffen hatte mit denen sie im Notfall sofort zurück in ihre Dimension gelangen konnten.

Sie hatten sich im Vorfeld schon angesprochen, dass Abby sie erst mal zu dem ehemaligen Haus von Stephen in dieser Dimension führen sollte und dort nach Hinweisen wie Telefon- und Adressbüchern zu schauen, um so einen Anhaltspunkt für den Verbleib von Stephen zu finden. Die blonde Frau führte sie zielstrebig die Straßen entlang und schließlich hielten sie vor dem Einfamilienhaus. Abby zögerte.

„Was ist los?“, fragte Connor.

„Das For-Sale-Schild ist weg. Das Haus wurde verkauft!“, sagte sie und starrte auf die leere Rasenfläche.

„Lass uns trotzdem klingeln und wenigstens nachfragen, ob die Vormieter irgendetwas hinterlassen haben“, bestimmte Nick. Er trat voran und betätigte zielstrebig die Klingel. Es dauerte nicht lange und die Tür wurde geöffnet.

Nick erstarrte. Da stand Stephen putzmunter und völlig unverletzt vor ihnen. Selenruhig, als hätte er hier geduldig auf sie gewartet, öffnete er die Tür, doch dann erstarrte auch er. Unfähig irgendetwas zu tun, starrte er seine Freunde mit kaum verhohlenem Verblüffen an. Nick und sein Team starrten ebenso zurück. Sie hatten erwartet ihn auch den Klauen von Liam und Helen retten zu müssen, doch er bewegte sich hier ganz offensichtlich völlig frei.

Eine Stimme aus dem inneren des Hauses riss alle Anwesenden aus ihrer Erstarrung.

„Stephen, wer ist da?“, fragte ganz offensichtlich Helen. Bevor einer der anderen reagieren konnte antwortete Stephen geistesgegenwärtig.

„Nur ein paar Studenten!“, sagte er bemüht ruhig und legte schnell den Zeigefinger an die Lippen, um ihnen zu signalisieren, dass sie ruhig sein sollten.  „Die Universität? Kein Problem. Das ist nicht weit von hier entfernt. Ich hole einen Zettel und schreibe Ihnen den Weg auf!“

Er verschwand kurz und Nick tauschte einen mehr als ratlosen Blick mit Abby. Er kam schnell wieder und drückte Nick einen Zettel in die Hand, dann schloss er wortlos die Tür vor ihrer Nase.

Nice to see you! Call me!

Die ganze Zeit über hatte er es vermieden ihnen in die Augen zu sehen, doch Nick war nicht entgangen wie müde und ausgelaugt der junge Mann schien. Verwirrt zog er sich mit seinem Team zurück. Stephen würde seine Gründe haben, und die würde er gleich erfahren. Kaum waren sie aus dem Sichtfeld des Hauses verschwunden griff er nach seinem Handy und wählte die Nummer, die auf dem Zettel vermerkt war.

„Stephen, hier ist Nick. Was läuft da bei euch?“, fragte er sofort als sein Freund sich meldete.

„Eine Umfrage zur Gesundheit?“, fragte Stephen und brachte Nick nun entgültig aus dem Konzept. „Kein Problem, ich stehe Ihnen zur Verfügung!“

„Du kannst nicht frei sprechen, richtig?“, fragte Nick nach.

„Ja“, bestätigte der Mann und schob eine Erklärung nach. „Ich bin nicht verheiratet, lebe aber mit einer Frau zusammen.“

„Du bleibst nicht freiwillig hier, oder?“, fragte Nick sicherheitshalber nach.

„Nein“, bestätigte Stephen. „Das behindert mich nicht in meinem täglichen Sportprogramm.“

„Was hat sie gegen dich in der Hand, dass du hier bleibst, Stephen?“, fragte Nick, obwohl er wusste, dass sein Assistent ihm das nicht problemlos mitteilen konnte.

Stephen zögerte und musste offensichtlich kurz überlegen, was er sagen konnte. „Ich bin Vater zweier Jungs.“

„Sie erpresst dich mit deinen Kindern?“, erkannte Nick.

„Ja“, bestätigte Stephen. „Ich ernähre mich relativ gesund.“

„Wie können wir dich erreichen? Wo kann sie dich nicht kontrollieren?“, fragte Nick.

„Ich jogge täglich morgens von sechs bis sieben“, sagte Stephen.

„Die übliche Runde?“, fragte Nick.

„Ja!“, bestätigte Stephen.

„Wir fangen dich morgen ab!“, beschloss Nick.

„Alles klar“, sagte Stephen und klang erleichtert. „Nein, das bereitet mir überhaupt keine Umstände. Gerne wieder. Auf Wiedersehen!“

Stephen beendete die Konversation und Nick starrte sein Handy noch einen augenblicklang an, bevor er Connor und Abby von dem Gespräch berichtete. Nicht zum erstem Mal innerhalb kürzester Zeit fragte Nick sich, in was sein Laborant nun wieder hineingeraten war.




Kapitel 22

Stephen starrte noch eine ganze Weile auf das Telefon. Er hatte nicht angenommen, dass sein Team es so schnell schaffen würde ihm zu folgen. Er musste zugeben, dass er beeindruckt war. Er selbst hatte sehr viel länger gebraucht, um mit der Zeitreisevorrichtung umgehen zu können. Leise Schritte hinter ihm holten ihn wieder in die Realität zurück. Helen legte ihre Hände von hinten auf seine Schultern und begann ihn zu massieren. Er stand auf, entzog sich somit ihrer Berührung und drehte sich zu ihr um, sah sie genervt und herablassend an.

„Ich liebe dich, Stephen!“, sagte sie wie so oft in der letzen zwei Wochen, doch er verdrehte bloß die Augen.

„Du liebst mich nicht, Helen! Du liebst nur dich selbst!“, sagte er mit fester Stimme. „Wenn du mich lieben würdest, würdest du mich und die Jungs gehen lassen!“

„Du würdest bloß zu dieser kleinen Schlampe zurückrennen!“, behauptete sie mit Recht.

„Rede nicht so über sie!“, fauchte er. „Wieso ich? Es wird Tausende Stephen Harts in den Dimensionen geben! Wieso hast du ausgerechnet mich für dein krankes Spiel ausgesucht?“

„Niemand ist so wie du!“, behauptete sie.

„Hast du es überhaupt mit einem anderen versucht?“, fragte er.

„Ich habe es mit dem Stephen dieser Dimension versucht! Er war Sarah jedoch absolut treu, das war der Grund, warum er verschwinden musste!“, sagte sie mit einer Tonlage, als spräche sie über das Wetter.

„Du hast ihn getötet?“, fragte er ehrlich entsetzt.

„Ja“, sagte sie leichthin.

„Du hast ihn getötet? Du hast zwei kleine Jungs mit voller Absicht zu Weisen gemacht?“, wiederholte er, um sicher zugehen, sich nicht verhört zu haben.

„Die Kleinen waren von Anfang an mein Pfand, damit du hier bleibst! Ich habe Liam mit voller Absicht dich holen lassen!“, sagte sie.

„Du wolltest, dass ich bei Sarah und den Jungs bleibe, um ihren Platz als Mutter einzunehmen, sobald sie stirbt! Mit den Kindern wolltest du sicher gehen, dass ich hier bleibe!“, behauptete er. Er starrte sie mehrere Sekunden wortlos an, dann schüttelte er abwertend den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie ich jemals etwas mit dir anfangen konnte…“

„Du brauchtest das Geld, Süßer“, sagte sie einfach und grinste ihn an.

„Die Semester danach bin ich auch gut ohne dein Geld über die Runden gekommen!“, sagte er und nahm ihrer Behauptung somit die Schärfe.

„Zu schade, dass du herausfandest, dass ich verheiratet war!“, sagte sie schulterzückend und wandte sich ab.

Stephen sah ihr einen augenblicklang fassungslos hinterher. Wie konnte dieser Frau nur so abgebrüht sein? Wie konnte sie ihm einfach ins Gesicht sagen, dass sie sein Selbst dieser Dimension eiskalt getötet hatte? Kopfschüttelnd sah er ihr hinterher, wurde allerdings aus seinen Gedanken gerissen, als ein blonder Lockenschopf sich durch den Türspalt schob. Er hatte den rechten Daumen zwischen die Zähne geschoben und der Zeigefinger der anderen Hand drehte unentwegt und völlig sinnfrei in der wilden Haarpracht. Im etwas zu großen, grünen Pyjama kam er auf nackten Füßen angetapst, sah ihn aus großen Augen an. Stephen hatte den Junior heute nicht in den Kindergarten gebracht, da er leicht erhöhte Temperatur hatte. Wortlos sah Sam an seinem biologischen Vater hoch und dieser erhörte die stumme Bitte und hob ihn hoch.

„Hey Krümel, kannst du nicht mehr schlafen?“, fragte er mit sanfter Stimme.

Der kleine Junge legte den Kopf an seine Schulter und schloss müde die Augen. Vertrauensvoll schmiegte er sich an den Mann und die kleine Hand, die vorher die Locken gedreht hatte, spielte beinahe schüchtern mit dem obersten Knopf seines Hemdes.

„Sollst mitkommen…“, nuschelte er leise ohne den Daumen aus dem Mund zu nehmen.

Stephen seufzte lautlos und wuschelte dem Kleinen behutsam über den Kopf. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, ging er mit dem Kind auf dem Arm ins zweite Stockwerk. Der Junge war längst eingeschlafen, als sie in seinem Zimmer ankamen, trotzdem legte Stephen sich zu Sam ins Bettchen, lauschte dem leisen Atem und betrachtete das niedliche Kindergesicht. Der Fünfjährige war noch viel zu klein, um zu verstehen, was hier passierte. Auch der drei Jahre ältere Bruder verstand kaum, was mit seinem Vater passiert war, doch auch Shawn war Helen ebenso abgetan wie Sam, der extra mit dem Betreten der Küche gewartet hatte, bis die Frau eben diese verlassen hatte.

Irgendwann erwachte der kleine Junge wieder und auch Stephen bemerkte, dass es Zeit fürs Mittagessen war. Wie selbstverständlich hob er den Kleinen auf und nahm ihn mit in die Küche, lange würde Sam es sowieso nicht alleine aushalten. Er setzte den Jungen, der ihn wie immer mit einem Blick aus Argusaugen folgte, auf die Bank. Protestlos blieb er sitzen und Stephen hatte wie immer den Eindruck, er passte auf, dass sein Vater ihm kein zweites Mal abhanden kam.

Als der Schulbus kam und damit Shawns Ankunft ankündigte strahlte sein kleiner Bruder und ließ sich von Stephen auf den Arm nehmen, um aus dem Fenster schauen zu können. Der Dunkelhaarige rannte die wenigen Meter bis zur Haustür und stürmte wie immer blindlings ins Hausinnere, warf den Schulrucksack in die Ecke und schlüpfte aus den Turnschuhen. Mit einem seligen Grinsen, welches strahlendweiße Kinderzähne entblößte, kam er in die Küche.

„Hey Sam, hey Stephen!“, grüßte er die beiden Wartenden. Der Kleine grinste nur und Stephen ließ ihn runter, damit er seinem Bruder um den Hals fallen konnte.

„Wie war die Schule?“, fragte er, während er den Tisch deckte.

Shawn zuckte mit den Schultern, drückte Sam kurz an sich und half dann dabei den Tisch fertig zumachen und ließ wissendlich Helens Platz aus. Er wusste, dass die Frau es nicht wagen würde zum Essen zu erscheinen. Die Jungs hassten sie und diesen Hass verbargen sie nicht im Geringsten.

„Gut“, antwortete er schließlich bloß. „Wie war es zu Hause?“, fragte er mit einem kecken Grinsen und Stephen wusste, er versuchte ihn auf den Arm zu nehmen mit einem vorgetäuschten altklugen Benehmen. Er erwartete keine Antwort, sondern achtete darauf, dass alle etwas auf die Teller bekamen und begann erst dann zu Essen.

Der Nachmittag verging nur schleichend, denn Stephen sehnte sich danach, sein Team am nächsten Morgen endlich wiederzusehen. Er wusste, dass sie erstaunt gewesen sein mussten ihn putzmunter und mit Helen lebend wiederzusehen. Die dunkelhaarige Frau war wie so oft einfach verschwunden und würde vermutlich nicht vor dem Abend wiederkehren. Dieses „Vermutlich“ war der Grund warum Stephen Cutter nicht gesagt hatte, er könnte einfach am Nachmittag vorbeikommen. So verbrachte Stephen den Tag mit Sam und Shawn und brachte sie schließlich wie jeden Abend ins Bett. Als er sich selbst schlafen legte, war es eigentlich noch zu früh für seine Verhältnisse, dennoch wusste er nicht, was er sonst tun sollte. Irgendwann in der Nacht hörte er Helen wiederkommen, die jedoch seit einigen Tagen den Versuch bei ihm zu übernachten aufgegeben hatte und seitdem im Gästezimmer übernachtete.

Pünktlich um kurz vor sechs riss ihn der Wecker aus dem leichten, unruhigen Schlaf. Wie immer würde er eine Stunde joggen gehen, ehe er Shawn für die Schule fertig machen musste. Er hatte kein gutes Gefühl dabei Helen mit den Jungs alleine zu lassen, doch Erfahrungsgemäß stand sie später auf. Also zog Stephen sich schnell um und seine Laufschuhe an und verschwand lautlos aus dem Haus.

Er war in seinem Laufen so routiniert, dass er nur wenige Meter brauchte, um sein übliches Tempo zu finden. Sein aufmerksamer Blick entdeckte eine kleine Gruppe von zwei Männern und einer Frau schon aus der Ferne. Die blonde Frau kam mit einem erleichternden Lächeln auf ihn zu, umarmte ihn und küsste ihn flüchtig auf den Mund. Dem fassungslosen Blick Connors und dem überraschten Stirnrunzeln Cutters zufolge, hatte Abby ihnen nichts von sich und Stephen erzählt.

Nick nahm sich vor das Thema erst einmal unter den Tisch fallen zu lassen. „Was ist das mit Helen und dir?“, fragte er stattdessen. Stephen kam näher, seine Hand verschränkt mit Abbys.

„Ich bin nicht freiwillig bei ihr!“, stellte er sofort klar. „Aber ich kann auch nicht weg. Selbst wenn ich mit den Jungs einfach gehen würde, habe ich zwei Probleme! Erstens habe ich keine Zeitreisevorrichtung mehr und zweitens kenne ich Niemanden, der so gut mit dem Gerät umgehen kann wie Helen. Sie würde mich oder zumindest die Jungs überall finden!“

„Die Zeitreisevorrichtung habe wir, aber du hast recht, dass es wenig Sinn macht zu verschwinden“, meinte Nick. „Was will Helen überhaupt von dir? Und wo ist eigentlich Liam? Wollte er dich nicht töten?“

„Liam ist in der Trias“, sagte Stephen. „Helen hat ihn dort zurückgelassen.“

Nick sah ihn einen augeblicklang nachdenklich an und seufzte schließlich leise. „Kann ich kurz mit dir allein reden?“, fragte er schließlich. Es brannte ihm förmlich auf der Zunge Stephen danach zu fragen. Er konnte sich gut vorstellen, warum Helen ihn hier festhielt. Ohne auf eine Antwort zu warten, entfernte er sich einige Meter und wartete darauf, dass sein Assistent ihm folgte.

„Du hast dich dafür bezahlen lassen?“, fragte Nick schließlich völlig zusammenhangslos. Stephen zögerte mit seiner Antwort, sah zur Seite, auf den Boden und schließlich seufzte er schwer.

„Ich war zwanzig und hatte sowieso ein ziemlich ausschweifendes Sexualleben! Was war so falsch dran, mich dafür bezahlen zu lassen? Ich weiß, dass es total bescheuert war und es tut mir auch Leid, aber ich kann es nicht mehr ändern!“, sagte er schließlich.

„Wieso hast du mir das mit Helen und dir niemals erzählt?“, fragte Nick. Es war kein Vorwurf in seiner Stimme, nur Enttäuschung.

„Sie verschwand bevor ich dich überhaupt kannte! Ich weiß, dass sich das wie eine Ausrede anhört, aber ich wollte nicht ihr Andenken beschmutzen indem ich über sie rede, wie über eine Hure… Und als sie acht Jahre später wieder da war, war ich mir selbst so fremd und sie war ebenfalls so anders, dass ich es einfach nicht wahrhaben wollte… Dann hat sie die Sache ja auch schon selbst in die Hand genommen…“, sagte er mit einem Hauch von Bitternis.

„Als sie nach dieser Enthüllung wieder auftauchte, hast du ihr geholfen, ohne einem von uns zu sagen, dass sie bei dir war. Du hast dich um sie gekümmert!“, erklärte Nick die Tatsachen.

„Cutter, wie hätte es sich für dich angehört, wenn ich dir gesagt hätte, dass sie bei mir ist? Richtig! Ziemlich verdächtig! Du hast mir nicht mehr vertraut und ich hatte Angst davor, wie du reagierst, deswegen habe ich nichts gesagt. Sterben lassen wollte ich sie – wenigstens damals noch nicht – auch nicht, deswegen habe ich ihr geholfen. Und ich war völlig aufgewühlt und verdammt sauer. Ich weiß, dass es eine unreife und völlig idiotische Verhaltensweise war, aber irgendein winziger Teil meines Verstandes hat wohl geglaubt, sich damit wenigstens etwas Gerechtigkeit zurückzuverschaffen…“

In einer hilflosen Geste warf er die Arme in die Luft und sah seinen besten Freund niedergedrückt und auf irgendeine seltsame Art auch entwaffnend an. Die Sache würde niemals vergessen werden und so oder so immer zwischen ihnen stehen, dennoch konnte Nick Stephen jetzt irgendwie verstehen. Er war erleichtert sich nicht so sehr in seinem Freund vertan zu haben und vielleicht würde er ihm eines Tages Verzeihen können. Nick sah seinen Laboranten mehrere Minuten wortlos an, bevor er eine Hand auf die Schulter legte und ihn bestätigend einmal drückte und bestimmt zunickte. Es würde niemals vergessen sein, dass wussten sie beide, aber vielleicht vergeben.

Sie gingen wieder zu den anderen zurück und Abby konnte förmlich spüren, dass sich irgendetwas zwischen den Männern geändert hatte. Beide wären immer bereit ihr Leben für den anderen zu opfern, trotzdem war jetzt eine noch krassere Form der Freundschaft entstanden.

„Sie hält dich hier fest, weil sie glaubt dich zu lieben?“, stellte Nick fest, um auch sie anderen wieder auf dem Laufenden zu halten. „Wieso hat sie keinen anderen Stephen geholt?“

„Sie hat es mit diesem hier versucht“, erklärte Stephen. „Hat nicht funktioniert, da hat sie ihm die Bremsleitungen durchgeschnitten…“

Nick starrte ihn einen augenblicklang sprachlos an, doch dann konnte man förmlich sehen, wie seine Gedanken rasten und ein seliges Lächeln breitete sich auf dem Gesicht aus.

„Na das ist doch perfekt!“




Kapitel 23

„Na das ist doch perfekt!“

Stephen sah ihn an als wäre er gerade verrück geworden. „Was bitte soll dran perfekt sein?“, fragte er.

„Lass das meine Sorge sein!“, bestimmte Nick. „Ich regle das mit Nick.“

Stephen zog die Augenbrauen hoch. „Er ist ein Arsch.“

„Trotzdem ist er Ich“, sagte Nick bestimmt und wechselte dann abrupt das Thema. „Du bist blass“

Stephen zuckte bloß mit den Schultern. „Ich bin es nicht gewohnt vierundzwanzig Stunden am Tag für zwei kleine Jungs da zu sein“, erklärte er. „Ich muss auch wieder los, Shawn muss zur Schule und Helen weiß, dass ich um sieben wieder zurück bin!“

Abby fasste nochmals seine Hand und sah ihn warm an. Der junge Mann küsste sie flüchtig auf den Mund und wandte sich dann ab.

„Oh Connor, Kompliment, du hast das mit den Zeitreisen ziemlich schnell hingekriegt!“, sagte Stephen und der Student winkte ab.

„Dein Vater hat geholfen“, meinte er nur, war immer noch total sprachlos von dem offensichtlichen Zusammensein vor Abby und Stephen.

„Stephen“, hielt Nick ihn nochmals auf. „Pass auf dich auf!“

„Sicher“, meinte Stephen nur und wandte sich damit entgültig ab. Drei besorgte und auch teils ratlose Freunde zurücklassend.

„Was haben wir jetzt vor?“, fragte Abby an Nick gewandt.

„Wir zeigen Helen an!“, sagte der Paläontologe bestimmt und zückte sein Handy. Der Gedanke war banal und genial zusammen. Stephen Hart wurde in dieser Dimension – wenn auch unbemerkt – ermordet. Ein einzelner Anruf würde genügen um die Polizei auf der Spur zu bringen. Und wenn der Nick Cutter dieser Dimension verhindern wollte, dass die ganze Sache mit den Zeitreisen aufflog, würde er ihnen helfen müssen. „Nicht nur dieser Nick Cutter kann ein Arsch sein“, sagte der Professor grinsend und zwinkerte ihr zu.

Während er sich verbinden ließ, trat Connor an die junge Frau heran. „Du und Stephen?“, fragte er tonlos. Es hatte etwas entgültiges, so wie er es sagte und sie nickte bloß.

Er nickte und rang sich ein leichtes Lächeln ab. „Seht gut aus zusammen“, sagte er.

„Danke Connor“, erwiderte sie ehrlich und lächelte ihn an. Sie fühlte sich erleichtert, dass er sie verstand. Instinktiv hatte sie irgendwie immer geahnt, dass er mehr als nur Freundschaft von ihr erhoffte.

Cutter hatte inzwischen die gesuchte Person erreicht und sprach hektisch und eindringlich auf sie ein. Das Gespräch dauerte nicht besonders lange und es war schwer zu sagen welcher Nick Cutter den Kürzeren gezogen hatte.

„Er sagt, dass er sich darum kümmert. Hörte sich an, als bereue er, Helen jemals eingestellt zu haben…“, meinte Nick mit einem schiefen, leicht gezwungenen Grinsen.




Stephen war derweil längst zu Hause angelangt, hatte bereits geduscht und Shawn – der eigentlich ein chronischer Langschläfer war – aus den Federn geschmissen und zum Zähneputzen bewegt und saß jetzt mit der Tageszeitung am Frühstückstisch. Im Hintergrund wuselte der Ältere der Brüder durch die Küche und packte unter Vaters strengen Augen Trinkpäckchen und Butterbrot ein, bevor er sich auf seinen Platz am Tisch setzte und pflichtbewusst seine Milch schlürfte und seine Cornflakes knabberte. Zusammengeschüttet mochte er es einfach nicht.

„Stephen“, fragte er behutsam. Er wartete bis sein Vater in über den Rand seiner Zeitung hinweg fokussierte. „Ich mag Helen nicht.“

„Ich weiß, Kleiner“, erwiderte Stephen. Es war nicht das erste Mal in den letzten zwei Wochen, dass Shawn dies sagte, doch der junge Mann konnte ihm schlecht erklären, was Helen tun würde, wenn sie tatsächlich verschwinden sollten. Der Kleine sah ihn aufmerksam an und warte, ob dies wie immer die entgültige Antwort war. „Ich verspreche dir, dass sie bald gehen wird!“

„Wird sie das?“, fragte eine tonlose Stimme vom Flur. Stephen schloss resigniert die Augen. Helen hatte ja mal wieder ein perfektes Timing. Er legte die Zeitung entgültig weg und wandte sich der Frau zu, die nun durch die Tür hineintrat. Er seufzte genervt und machte sich bereit für eine erneute Diskussion, doch als sein Blick auf die Waffe in ihrer Hand fiel, war er nicht mehr ganz so gelassen.

„Dein Schulbus ist jeden Moment da, Shawn. Geh!“, sagte Helen ohne den Jungen anzusehen, doch der Junge hatte genug Krimis gesehen, um zu wissen, was die Frau da in der Hand hielt.

„Aber ich geh nie alleine zur Straße. Daddy soll mitkommen“, verlange er. Seine Stimme zitterte etwas und die großen Augen starrte die Pistole unverwandt an. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er Stephen Daddy genannt hatte.

„Geh, Kleiner. Ist schon okay“, sagte Stephen, der um jeden Preis verhindern wollte, dass der Junge ins Schussfeld geriet. Shawn sah ihn verstört an, löste sich dann aus seiner Starre, packte seinen Rücksack und rannte los, Sekunden später konnten sie die Haustür zuschlagen hören.

„Du hast vorhin mit Nick gesprochen“, sagte Helen. Kein Zweifel war aus ihrer Stimme zu hören.

„Mit Nick?“, wiederholte Stephen ohne eine Miene zu verziehen. „Ich kenne diesen Nick Cutter doch gar nicht.“

Ein falsches, aber nachsichtiges Lächeln zeichnete ihr Gesicht. „Nick Cutter ist hier mein Boss. Wenn ich in Verruf gebracht werde, so wird das auch mit dem ARC geschehen. Er würde nie zulassen, dass dies geschieht. Wenn ich verschwinde, existieren auch keine Beweise. Der Autounfall lässt sich nicht mehr als Anschlag auflösen.“

Resigniert schloss Stephen abermals die Augen. Cutter hatte also den Cutter dieser Dimension erpresst und dieser hatte Helen davon unterrichtet. „Dann geh doch einfach“, sagte der lahm. Er war es einfach nur so leid!

„Das werde ich auch. Und ich werde auch die Jungs in Ruhe lassen, aber du kannst leider nicht bleiben!“, sagte sie und klang beinahe als meinte sie das ernst. „Sollte dich jemand hier finden, ließe sich das Ganze sehr wohl Aufklären und ich fürchte, ich könnte doch noch zur Gesuchten werden. Du wirst mit mir kommen.“

Sie stellte mit wenigen Handgriffen die Zeitreisevorrichtung ein und sah dem Farbenspiel zu, wie es sich stabilisierte. Stephen sah sie aus emotionslosem Gesicht an. Er war nicht mehr bereit ständig um ein Leben kämpfen zu müssen. Der junge Mann hatte einfach keine Kraft mehr dazu. „Nein, Helen“, sagte er schlicht.

„Nein, Stephen?“, fragte sie irritiert nach.

Er fühlte sich plötzlich unendlich müde. Matt schüttelte er einfach nur den Kopf, hob in einer aufgebenden Geste die Arme und machte Anstalten sich abzuwenden. „Ich werde nicht mitkommen, Helen“, sagte er mit einer erschlagenden Emotionslosigkeit.

„Dann werde ich dich erschießen, Süßer“, sagte sie beinahe ebenso tonlos. „Um anschließend deine Leiche durch die Anomalie in die Kreidezeit zu schleppen. Das wird für uns beide nicht sehr angenehm.“

„Dann tu es einfach!“, sagte Stephen. Er war sich absolut sicher, dass sie bluffte. Niemals würde sie ihn wirklich erschießen. Der junge Mann wusste nicht, ob er anders gehandelt hätte, wenn er die Wahrheit erahnt hätte.

Helen sah ihn einen augenblicklang wehmütig an. Sie schien selbst nicht wirklich zu wollen, was sie tat. Die Frau zwang sich förmlich dazu die Waffe auf seine Brust zu richten und den Abzug zu betätigen. Selbst als Stephen den Schuss hörte, konnte er es nicht glauben.

Er wurde zurückgerissen, stolperte mehrere Meter blind nach hinten und fand rechtzeitig das Gleichgewicht wieder um nicht zu fallen. Seine zittrige Hand legte sich auf die Einschusswunde, klebriges, warmes Blut benetzte sofort seine Finger. Sein verstörter Blick traf auf ihre mitleidigen Augen. Wie in Zeitlupe sah er an sich hinab, sein ganzes Hemd war bereits vollgesogen, dann erst spürte er den Schmerz.

Keuchend fand auch seine andere Hand die Wunde, um die Blutung in einer hilflosen und ohnmächtigen Maßnahme aufzuhalten. Es war ein sinnloses Unterfangen. Kraftlos und vom Schock gaben seine Beine nach und er sank ächzend auf den Holzboden hinab, der ebenfalls schon völlig vom Blut besudelt war. In der schrecklichen Gewissheit, sterben zu müssen, dachte er an Abby, die wie der Rest seines Teams wohl niemals dahinterkommen würde, wo und ob er überhaupt noch lebte…




Kapitel 24

Shawn rannte panisch durch den Vorgarten. Er mochte acht sein, er mochte kleiner und schwächer sein als sein Vater, er mochte nicht so erfahren sein wie dieser, aber er war ganz sicher nicht feige und würde einfach verschwinden. Er hatte den Blick aus den Augen von Helen gesehen, sie würde schießen. Auch und gerade weil er die Frau nicht so gut kannte wie Stephen wusste er, dass sie ihn töten würde, sollte sie ihren Willen nicht bekommen.

So schnell ihn seine kurzen, aber für seine acht Jahre durchaus flinken Beine trugen, rannte er zur Hauptstraße. Er musste Erwachsene finden, die er um Hilfe bitten konnte. Am Ende der kurzen Straße sah er zwei Männer und eine blonde Frau stehen, die ihn schon aus der Ferne kommen sahen.

„Hilfe!“, schrie er sobald er sich in hörweite befand. „Mein Papa braucht Hilfe! Bitte helfen sie ihm!“

Der ältere Mann mit den blonden Haare und unrasiertem Kinn starrte ihn einen augenblicklang ungläubig an. „Oh mein Gott. Du bist Shawn, richtig?“, fragte er. Die Ähnlichkeit war unübersehbar. Dann besann er sich. „Was ist mit Stephen?“

Shawn starrte ihn schwerkeuchend an. Woher wusste der Mann, wie sein Papa hieß? Doch sein kluges Köpfchen beschloss, dieser Frage auf später zu verschieben.

„Sie wird ihn erschießen“, sagte er völlig überzeugt. Auf dem Absatz machte er kehrt und die drei Erwachsenen folgten ihm zum Haus zurück. Er konnte nicht sehen, dass Cutter im Rennen seine Waffe hervorholte und in Abschlag brachte.

Sie hatten den Vorgarten nicht einmal ganz durchquert, als sie den Schuss hörten. Shawn blieb wie versteinert stehen, brachte Connor, der direkt hinter ihm gelaufen war, beinahe zu Fall. Das konnte gerade nicht wirklich passieren! Er konnte seinen Dad nicht noch einmal verlieren. Vor Angst zitternd taumelte er einige Schritten zurück. Grausame Bilder stiegen ihn seinen Gedanken auf. Ein blutüberströmter, geliebter, aber toter Stephen. Tränen schossen ihm in die Augen. Die drei Erwachsenen waren längst in das Haus gestürmt, als er plötzlich an Sam denken musste. Der Kleine durfte nicht runterkommen und sein Vater tot vorfinden. Es kostete ihn eine ungeheuere Anstrengung sich wieder in Bewegung zu setzen. Die Möglichkeit, dass sich dieses Bild für immer in seine Netzhaut brannte war ihm Tausend mal lieber als die Netzhaut seines kleinen Bruders.

Nick, Abby und Connor hatten keinen Blick für den Jungen. Alle drei waren wie erstarrt in der Wohnküche stehen geblieben. Helen richtete die Waffe sofort in ihre Richtung, schrak allerdings überrascht zurück als sie die drei Eindringlinge erkannte. Mehr aus Reflex als aus Überlegung trat sie einen Schritt zurück durch die Anomalie.

Nick zögerte nicht lange und war mit wenigen, schnellen Schritten bei Stephen, dicht gefolgt von Abby. Der junge Mann hatte jetzt schon verdächtig viel Blut verloren, war unglaublich fahl ihm Gesicht und schien sie im ersten Moment überhaupt nicht zu realisieren.

Connor handelte als einziger von ihnen rational. In einer flinken und fließenden Bewegung griff er nach Helens Zeitreisevorrichtung und schaltete es aus. Dann aktivierte er das Gerät, welches sie aus Stephens Jacke entnommen hatten. In weiser Voraussicht und im vollen Bewusste sein, dass Stephen sich mal wieder in Schwierigkeiten bringen würde, hatte er es direkt auf die MediClinic eingestellt.

Abby und Nick waren inzwischen neben ihrem Freund zu Boden besunken. Der junge Mann hatte Schwierigkeiten sie zu fokussieren, die Lider zitterten unter der Anstrengung nicht das Bewusstsein zu verlieren. Aus dem rechten Mundwinkel bahnte sich eine zarte Bahn Blut, lief über Lippe und Kinn. Nick zog die mattgewordenen Hände von der Schusswunde, denn sie waren zu schwach, um das Blut noch aufhalten zu können. Stattdessen presste er selbst die Hände auf die frische Wunde, versuchte die Blutung so zu stoppen. Ein schmerzhaftes, schwaches Keuchen kommentierte sein Vorhaben.

Abby brach weinend neben ihrem Freund zusammen. Er sah sie einfach nur an. Sie war so wunderschön, so stark, so einzigartig. Er hatte sie nicht verdient! Sie sollte nicht so um ihn trauern…

Die Sicht schwamm vor seinen Augen. Kraftlose Finger griffen plötzlich Nicks Handgelenk, brachten ihn dazu seinen Assistenten anzusehen. Unfokussierte Augen sahen durch ihn hindurch und blutige Lippen brachten schwache, geflüsterte Worte hervor.

„Pass… pass auf… die Jungs auf, Nick…“, wisperte er unter größter Anstrengung. „Bitte ver- versprich… mir, dass du auf… auf sie aufpasst!“

„Nein!“, entgegnete Nick energisch. „Du kannst das selbst tun, Stephen! Du wirst hier nicht sterben, hörst du! DU WIRST HIER NICHT STERBEN!!!“

Es kostete Stephen enorme Anstrengungen, die Lippen zu einem schiefen Lächeln zu verziehen. Sein Mundwinkel zitterte unkontrolliert. Seine Atmung ging inzwischen nur noch abgehackt, immer mehr Blut sickerte durch Nicks Hände, floss unaufhaltsam auf den Teppich.

„D- danke, N- nick“, flüsterte er. Sein Oberkörper sackte zurück, kraftlos fiel er nach hinten. Abby fing ihn auf bevor er hart auf den Boden schlagen konnte. Sie berühret sein Haar, seine Wange, seine Lippen, seine Stirn… Die Tränen hatten ihr längst die Sicht genommen, so verließ sie sich instinktiv auf ihre anderen Sinne. Er schluckte schwer, sah sie unter enormer Anstrengung direkt an. Er wollte den Arm nehmen und ihre Tränen fortwischen, doch er hatte kein Gefühl außer Kälte mehr in den Gliedern.

„Hör… hör auf z- zu weinen, Abby“, keuchte er. „Es… es ist sch- schon gut…“

„CONNOR!“, schrie Nick. Seine Stimme überschlug sich panisch. Stephen hörte ihn gar nicht wirklich, konzentrierte sich nur auf seine Freundin. „WIE LANGE DAUERT DAS DENN NOCH?“

„Hör auf zu sprechen, Stephen!“, schluchzte sie herzverreißend. „Schone deine Kräfte!“

„Da… da gibt es… es nichts mehr zu… zu schonen“, brachte er hervor. Er versuchte nochmals zu Lächeln, doch es missglückte ihm völlig. Seine Lider schlossen sich, sein Kopf fiel zu Seite und sein Körper erschlaffe. Abby stieß einen hilflosen Schrei aus. Es erschien ihr so sinnlos, so unrealistisch, so falsch, so ungerecht…

„Sie ist stabil!“, schrie Connor. Er half Nick dabei Stephen über dessen Schulter zu hieven. „Geht schon mal durch, ich hole die Kinder!“

Dann rannte er los und die Treppe hinauf. Er fand Sam und Shawn in einem der Kinderzimmer. Sie sahen ihn aus riesigen Augen an, sagten kein Wort und zitterten am ganzen Körper. Sie muss gehört haben, was Nick geschrieen hatte. Connor brachte es nicht fertig ihnen die Hoffnung zu geben, ihr Vater könnte vielleicht überleben. Shawn zog seinen Bruder mit sich auf die Beine und torkelte die wenigen Schritte auf den Studenten zu. Connor hob den kleineren wortlos auf den Arm und zog den Älteren zügig, doch umsichtig mit sich. Niemand sprach ein Wort, stumm und völlig verstört folgten beide Kinder dem jungen Mann durch die Anomalie. Sie waren zu entgeistert, um irgendwelche Fragen zu stellen, oder sich zu wehren. Shawns Blick klebte förmlich an dem vielen Blut. Connor hatte alle mühe, die Zeitreisevorrichtung mitzunehmen, doch schließlich tauchte auch er in ihrer Dimension auf.

Abby hockte apathisch auf einem der ungemütlichen Plastikstühle, die Beine dicht an den Körper gezogen, das Kinn auf ihren Knien gestützt. Aus riesigen Augen starrte sie weggetreten auf die gegenüberliegende Wand. Die Tränen rannten unaufhaltsam ihre aschfahlen Wangen hinab. Sie zitterte am ganzen Körper, wippte langsam vor und zurück. Sie sah aus wie kurz vor einem Nervenzusammenbruch, oder vielleicht sogar kurz nach einem…

Nick sah kurz auf, als Connor und die Jungs die Anomalie verließen. Sein tränenverschleierter Blick traf die Jungs. Die Miene wirkte versteinert und verbittert. Die starken Hände bebten so sehr, dass er sie zu Fäusten geballt hatte, die Fingernägel blutig, doch nichtige Wunden rissen. Ohne dass er etwas sagen brauchte, löste sich Shawn von Connor und wankte die paar Meter zu Nick hinüber und setzte sich neben ihm auf einen der Wartestühle. Sam strampelte sich ebenfalls los, tapste zu seinem Bruder und setzte sich zu ihm. Schweigend umarmten sich die Jungs, suchten und brauchten die Nähe des anderen. Sie weinten nicht, hatten in ihren jungen Leben schon zu viel Trauer erlebt um noch Tränen vergießen zu können.

Connor trat zu Abby, wollte sie umarmen, für sie da sein, doch sie entledigte sich seiner Armen mit einer energischen Bewegung, sah ihn warnend an. Sie wollte jetzt keinen Trost, keine Worte, keine Nähe, keine Hilfe…

„Wie geht es ihm?“, fragte er schließlich an Nick gewandt.

Der blonde Mann brauchte einen Moment, um sich soweit zu fassen, dass er antworten konnte. „Sie operieren gerade. Konnten noch nichts sagen….“, brachte er schließlich hervor. „Wir können nur noch warten… Warten und Beten…“




Epilog

Nick sah lange auf das Grab hinab. Er konnte keine Träne vergießen. Konnte den Verlust nicht ein zweites Mal beweinen, wollte es auch gar nicht. Den Strauß von Blumen in seiner Hand warf er beinahe lieblos zu Boden. Sein starrer Blick galt dem kleinen silbernen Kreuz mit der knappen Inschrift.

Eigentlich war es ein schöner Tag, stellte er fest, als er die wohltuenden Schatten der Bäume bewusst wahrnahm. Es war ein heißer Spätsommertag, wohl einer der letzten dieses Jahr. Nick trug luftige Kleidung und hatte eine Sonnenbrille aufgesetzte, hatte diese nicht einmal jetzt abgelegt.

Es wunderte ihn selbst ein wenig, dass er kaum Trauer empfand. Beim ersten Mal war er beinahe verrück geworden. Freude empfand er zwar nicht, aber immerhin war es… irgendwie okay.

Das Grab war nicht neu hergerichtet worden, niemand außenstehendes hatte es zu interessieren, dass hier ein Mensch zwei Mal gestorben war. Auch das Kreuz war gleich geblieben, nur ein paar Blumen waren hinzugekommen in den letzten Tagen, die allerdings schon wieder vertrocknet und verwelkt waren.

Nick drehte den Kopf etwas zur Seite und sah seinen Begleiter stumm an. Der junge Mann sah besorgt zurück, doch die Sorge war unbegründet. Etwas steif erhob sich der Dunkelhaarige von der Holzbank und trat auf ihn zu. Mitfühlend berührte er den Paläontologen am Arm, zeigte ihm so, dass er für ihn da war.

„Bist du okay?“, fragte der jüngere Mann behutsam.

Cutter sah ihn aufmerksam an und nickte schließlich. Stephen sah gesund aus, etwas blass vielleicht und ein wenig ungelenk, aber es würde wieder werden. Drei entlos lange Tage hatten sie um sein Leben gebangt, dann endlich die Entwarnung – Stephen war über den Berg. Erst danach hatte Nick sich selbst erlaubt über Helens Schicksal nachzudenken. Mit Connor Hilfe hatten sie den Speicherstick gefunden und das Team war der Anomalie gefolgt, um Helen da wegzuholen, ohne seinen Assistenten selbstverständlich, der zu diesem Zeitpunkt noch im Krankenhaus auf der Intensivstation gewesen war. Sie hatten nicht die geringste Spur von Helens Verbleib gefunden und Nick war sich sicher, dass die Frau tot war.

Stephen war gerade erst entlassen worden, diesmal offiziell und dies war das erste Mal, dass er und Nick Helens Grab besuchten. Rücksichtsvoll hatte sein Laborant sich erst mal zurückgezogen, wohl auch, weil er sich noch nicht so lange auf den Beinen halten konnte.

„Bist du okay?“, fragte Nick seinerseits.

Stephen grinste ihn schief an. „Gib mir zwei Wochen Urlaub, kürze meine Arbeit auf eine Halbtagsstelle und ich bin wieder dabei!“, sagte er im Plauderton.

„Ich meine wegen Helen“, sagte Nick.

Stephen zuckte bloß mit den Schultern. „Sie ist nicht tot“, sagte er mit einer erschlagenden Gleichgültigkeit.

Nick seufzte. Sie würden in dieser Hinsicht wohl nie auf einen Nenner kommen. Doch es war auch egal, beschloss der Paläontologe. Sollte Helen wieder auftauchen würde sie es nicht wagen einen von ihnen anzugreifen, nicht nachdem sie ihren Chef unterrichtet hatten. Nick hatte dennoch das Gefühl gehabt, sich von ihr verabschieden zu müssen. Stephen hatte ihn begleitet in der Befürchtung, dass Cutter der Tod seiner Exfrau doch näher gegangen war, als er zugeben wollte.

„Lass uns gehen“, sagte Nick ohne sich auf eine Diskussion einzulassen. Wortlos gingen sie nebeneinander auf den Ausgang zu, wo sie bereits sehnlichst erwartet wurden. Sam entdeckte die beiden als Erster. Enthusiastisch hopste er auf sie zu, doch bevor er seine Ärmchen stürmisch um Stephen Hüfte schlingen konnte, hatte Nick ihn gepackt und hoch gehoben. Er wusste, dass Stephens Zustand es noch nicht erlaubte mit den Jungs herumzutoben.

Auch Shawn kam mit Abby an der Hand näher an sie heran. Die Kinder waren aufgeregt, denn heute würden sie zum ersten Mal die Wohnung sehen, die Cutter ihnen und Stephen besorgt und mit Abbys Hilfe eingerichtet hatte. Die blonde Frau hatte die letzten Wochen auf die Jungs aufgepasst, wenn diese nicht gerade bei ihrem Vater im Krankenhaus gewesen waren und sie liebte die Kids abgöttisch.

„Stephen“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, „Shawn wollte dich etwas fragen.“

Der kleine Junge sah sie an, als hätte sie sein größtes Geheimnis verraten, doch dann ging er zu dem jungen Mann und zupfte an seinem Hemd. Stephen ging vor ihm in die Knie, um auf seiner Höhe zu sein.

Shawn sah ihm nicht in die Augen, starrte nur beschämt auf seine Schuhspitzen und spielte mit dem Hemdkragen seines Vaters. Ein völlig untypisches Benehmen für den sonst so selbstbewussten Junge. Dann stammelte er leise und schüchtern seine Frage: „Darf ich Dad zu dir sagen?“

Stephen grinste, legte seine Hand unter das Kinn des Jungen und zwang ihn dazu ihn anzusehen. In einer zärtlichen Geste berührte er die zarte Kinderwange. „Ich verrate dir etwas“, begann Stephen geheimnisvoll, „du darfst mich nennen, wie du willst, Kleiner.“

Ein erleichtertes, ehrliches Kinderlachen breitete sich auf dem jungen Gesicht aus. Er strahlte Stephen regelrecht an und die Ärmchen schlangen sich behutsam um den Hals seines Vaters, er drückte einen feuchten Kuss auf seine Wange und löste sich dann wieder.

Es würde schwierig werden für alle mit dieser neuen Situation umzugehen. Stephen würde sich in seiner Rolle als Vater einfügen müssen und die Jungs hatten es nicht leichter sich an ihren neuen Daddy zu gewöhnen. Doch Nick war zuversichtlich, dass die kleine Familie das schaffen würde und auch Abby trug einen Grossteil dazu bei, Stephen ein Stück der Verantwortung zu nehmen. Sie würden das schaffen, da war sich der Paläontologe sicher.




The End
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